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Sechs Kriminalromane - Harte Schule

Sechs Kriminalromane - Harte Schule

Klaus Tiberius Schmidt

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Also By Klaus Tiberius Schmidt

Harte Schule - Sechs Kriminalromane

Ein Toter nimmt Rache: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Bount Reiniger und der Verschwundene: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Todesfalle Marrakesch: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen:

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Bount Reiniger und der Mann im Dunkel: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Das Todesquartett: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen:

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Kokainkrieg in Manhattan: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen:

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Das Todesquartett: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen:

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Kokainkrieg in Manhattan: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen:

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Also By Klaus Tiberius Schmidt

About the Publisher

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Harte Schule - Sechs Kriminalromane

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Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Zahlreiche spannende Romane in einem Buch - Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält die Krimis:

Klaus Tiberius Schmidt: Ein Toter nimmt Rache

Klaus Tiberius Schmidt: Bount Reiniger und der Verschwundene

Klaus Tiberius Schmidt: Todesfalle Marrakesch

Klaus Tiberius Schmidt: Bount Reiniger und der Mann im Dunkel

Klaus Tiberius Schmidt: Das Todesquartett

Klaus Tiberius Schmidt: Kokainkrieg in Manhattan

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Ein Toter nimmt Rache: N. Y. D. - New York Detectives

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Krimi von Klaus Tiberius Schmidt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

In New York läuft offenbar ein Verrückter herum, der sich als Terry Jacksons Rächer fühlt. Jackson starb in der Gaskammer, und obwohl es bereits fünf Jahre her ist, scheint sich jetzt sein Schwur zu erfüllen: Rache zu üben an denjenigen, die ihn damals verrieten und hinter Gitter brachten. Zuerst wird Buddy Walthors, der Tipp-Geber, ermordet, dann auf den Ex-Police-Officer Harold Whitman ein Anschlag verübt. Dieser wendet sich an Bount Reiniger, den besten Privatdetektiv New Yorks, und bittet ihn, den Killer zu finden. Doch auch Reiniger steht auf der Liste, an denen Terry Jackson sich rächen wollte ...

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Terry Jackson – Er ist vor fünf Jahren in der Gaskammer gestorben, doch plötzlich erfüllt sich sein Racheschwur.

Buddy Walthors - Er gab Bount Reiniger den entscheidenden Tipp und steht jetzt als erster auf der Liste des unheimlichen Killers.

Harold Whitman und Phil Stanford – Sie haben Terry Jackson damals verhaftet. Dafür sollen sie jetzt büßen.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

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1

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Nebelschwaden legten sich lautlos in die Häuserschluchten von Manhattan. Die Signalhörner der Schiffe klangen dumpf vom Hudson herüber.

Es war bereits kurz vor zehn Uhr. Der Verkehr auf den Straßen versiegte langsam.

Die Wetterberichte warnten die Autofahrer. Dichter Nebel war angesagt. Buddy Walthers interessierte dies wenig. Nervös blickte er sich um.

Die Silhouetten der vorbeihastenden Passanten verschmolzen zu unwirklichen Konturen. Fast mit bloßem Auge konnte man sehen, wie der Nebel dichter wurde.

Ein letztes Mal überzeugte sich der Mann mit der Schirmmütze und der abgeschabten Lederjacke, dass er unbeobachtet war. Er trat einen Schritt zurück und wurde eins mit der Dunkelheit der kleinen Gasse. Hier sollte er den Anrufer treffen.

Walthers war ein Feigling, aber auch geldgierig. Seit Jahren verdingte sich der gebürtige Waliser als Schnüffler. Wem er seine Dienste anbot, und was er herausfinden sollte, war ihm egal. Derjenige, der am meisten bezahlte, bekam den Zuschlag.

Doch an diesem Abend führte Walthers sich nicht wohl in seiner Haut. Instinktiv schob sich seine Rechte unter die Armachsel. Der kühle Griff der Smith & Wesson beruhigte seinen steigenden Blutdruck.

Die Sache stank.

Wieso bestellte der geheimnisvolle Anrufer ihn in diese dunkle Ecke an der 155ten West? Und welche Informationen wollte er haben, die ihm sogar 500 Dollar wert waren? Im Moment gab es keine heißen Tipps. Die Großen in New York schienen nichts zu planen.

Buddy blieb stehen und schaute sich um. Die zuckende Neonreklame der Pizzeria auf der anderen Straßenseite konnte man kaum noch lesen.

Sein Herz pochte plötzlich schneller, als spüre er die Gefahr, in der er schwebte. Er zog die Schultern hoch und den Kopf ein. Sein empfindliches Gehör hatte etwas vernommen. Nur ein leises Rascheln, so als ob Stoff gegen Stoff rieb.

Seine Augen suchten eine Gestalt. Der Nebel war wie Watte und ließ keinen weiten Blick zu. Zudem fiel das Licht der Straßenlampen nur etwa 20 Yards in die Gasse. Sobald er ihren Lichtkreis verlassen hatte, war es stockdunkel.

„Ist da wer?“, flüsterte er ärgerlich und ängstlich zugleich. „Zeigen Sie sich endlich.“

Lautlos schob er sich nach rechts, bis er gegen die Hausmauer stieß. Unangenehmer Geruch stieg ihm in die Nase. Er stand genau neben einigen überquellenden Mülltonnen.

„Hier bin ich.“

Buddy erschrak gewaltig und zuckte zusammen.

Wieder vernahm er das Rascheln. Diesmal klang es näher als beim ersten Mal. Er wusste sofort, was dieses Geräusch verursachte. Es war ein Trenchcoat. Die Ärmel des Trägers rieben gegen die Körperseiten.

Carters kniff die Augen zusammen. Vage konnte er eine Gestalt ausmachen, aber mehr als ein Schatten war nicht zu erkennen.

Er wollte etwas sagen, aber dazu kam es nicht mehr. Alles ging blitzschnell.

Für den Bruchteil einer Sekunde wurde die Dunkelheit zerrissen. Eine gelb-rote Feuerlanze zuckte durch die Nacht direkt auf ihn zu. Im Widerschein sah Buddy Walthers das Gesicht seines Mörders. Er riss die Arme hoch. Ein gewaltiger Schlag traf ihn und warf ihn nach hinten.

Der Schrei blieb ihm im Halse stecken. Mit einem Ausdruck von Verwunderung und Entsetzen im Gesicht torkelte er nach hinten und geriet in den Lichtkreis der Peitschenlampen über der Straße.

Da traf ihn die zweite Kugel. Diesmal sah er keine Feuerblume blühen, sondern spürte nur den Schlag und hörte den ohrenbetäubenden Knall der Waffe seines Killers.

Unsichtbare Kräfte rissen ihn von den Füßen. Er schlug hart auf und rollte über den Bordstein in die Gosse der Straße.

Ein letztes Aufstöhnen, dann war Buddy Walthers tot.

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2

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Der silbergraue Mercedes 450 SEL fädelte sich in den Verkehr ein und wählte sofort die äußerst linke Fahrspur. Trotz hoher Geschwindigkeit schnurrte der Motor wie eine zufriedene Katze.

„Musst du so rasen?“, fragte June March leicht erbost. „Ich denke, wir wollten einen ruhigen Abend verbringen?“

„Und ich dachte, du könntest nicht schnell genug etwas zu essen bekommen“, entschuldigte Bount Reiniger sich, nahm aber artig den Fuß vom Gaspedal. „Na ja, ich möchte meine reizende Mitarbeiterin natürlich nicht den Gefahren eines erhöhten Blutdrucks aussetzen.“

„Okay, okay“, meinte June und seufzte. „Ich weiß, du hast sowieso immer das letzte Wort.“

Aus dem Nebel tauchten zu ihrer Linken jetzt mehrere turmartige Gebilde auf, die mit starken Stahltrossen in schwungvollem Bogen verbunden wurden. Es war die George Washington Bridge.

Bount nahm die Abfahrt unterhalb der Brücke. Nach wenigen Yards steuerte er den Silbergrauen in den Broadway.

Alles wirkte im Nebel unwirklich und farblos. Selbst die bunten Neonreklamen bildeten keine Ausnahmen. Das Zucken der Lichter verschmolz mit dem Grau der Schwaden und verlor seine anziehende Wirkung.

Endlich hatten sie die 155te West erreicht und kamen an die Kreuzung der Amsterdam Avenue.

Reiniger fand zum Glück sofort einen Parkplatz. Das Pizza-Lokal „Da Gino“ war ein Geheimtipp für Kenner. In Manhattan gab es Hunderte von Pizzerien. Aber bei Gino gab es nicht nur riesige, sondern auch die schmackhaftesten Pizzen.

Über dem kleinen Restaurant zuckte eine gelbe Reklametafel mit grüner Schrift.

„Wie bei McDonalds“, meinte June.

Bount fasste sie am Arm und zog sie mit sich. „Erst einmal abwarten, Darling.“

Sie betraten das Lokal.

June war begeistert. Die äußere Fassade täuschte gewaltig.

Der Speiseraum war in kleine Nischen aufgeteilt. Zwischen den einzelnen Tischen wucherten Farne und Efeu. Über den Plätzen spannten sich Dächer mit echten Ziegeln. Statt elektrischem Licht gab es Kerzen, die in Glaskugeln auf den Tischen standen und anheimelnde Gemütlichkeit verbreiteten.

„Signorina, Signor“, begrüßte sie ein schlanker Italiener mit gepflegtem Oberlippenbart. Unter dem Arm trug er bereits zwei Speisekarten. „Darf ich Ihnen einen Tisch am Fenster anbieten oder lieber in einer der Nischen?“

Die Pizzeria war gut besucht. Zumeist sah man Pärchen. Nur in der Ecke mit den Nischen grölte eine Gruppe bereits angetrunkener Männer, die offenbar vom Bowling kamen. Jedenfalls ging das durchaus fachmännische Thema um diese Sportart.

„Lieber ans Fenster“, bat Bount und wandte sich ab.

Hinter ihm ertönte ein bewundernder Pfiff, der gewiss nicht ihm galt. Das Gegröle wurde lauter. Derbe Scherze flogen durch den Raum. Sie galten June, die mit verführerischem Hüftschwung zum Tisch am Fenster ging. Sie würdigte die Gruppe keines Blickes.

„Was darf ich den Herrschaften bringen?“, fragte der Kellner, der eine schwarze Hose mit einer roten Schärpe trug. Über das blütenweiße Hemd hatte er einen grünen Bolero gezogen. „Ich kann heute unsere Pizza mit frischen Champignons empfehlen. Dazu einen vollmundigen Chianti?“

Bount ließ sich rasch überzeugen. Das ersparte ihm die Sucherei auf der Speisekarte. Auch June wählte das gleiche Gericht.

Der Kellner verschwand mit einem verbindlichen Lächeln und gab die Bestellung an der Theke weiter.

„Mir knurrt der Magen“, musste June eingestehen. „Immerhin haben wir seit heute Morgen nichts Vernünftiges mehr gegessen.“

Der Duft von Knoblauch und Oregano lag im ganzen Lokal und reizte die Geruchs- und Geschmacksnerven. Bount Reiniger konnte nicht verhehlen, dass er ebenfalls mächtigen Appetit bekam.

Plötzlich aber vergaß er seinen Hunger.

Rein zufällig hatte er durch die zum Teil efeubewachsene Scheibe geblickt. Trotz der immer dichter werdenden Nebelschwaden war ihm dabei eine Gestalt auf der anderen Straßenseite aufgefallen. Sie bewegte sich alles andere als normal und schien unter großer Anspannung zu stehen.

Von einer Sekunde zur anderen war sie in der Finsternis der nahen Gasse verschwunden.

„Was hast du?“, fragte June mit Schmollmund. „Interessiert dich der Nebel mehr als ich?“

Der Detektiv ließ sich gern ablenken. Er ergriff die zarte Hand seiner Assistentin und zwinkerte ihr entschuldigend zu.

„Verzeihe mir“, heuchelte er und neigte leicht den Kopf. „Wie konnte ich es wagen, Holde. Nie und nimmer vergaß ich dein edel Gesicht.“

„Du bist albern, Bount Reiniger“, rügte June lächelnd. „Zu einem Hofschauspieler wirst du es nie bringen. Also lass das besser, sonst verscheuchst du Ginos Gäste. Was hat dich abgelenkt? Raus mit der Sprache.“

Bount schüttelte den Kopf und setzte ein ernstes Gesicht auf.

„Wir wollten nicht über die Arbeit sprechen. War versprochen. Und ich werde es auch halten.“

Der Kellner kam mit einer Karaffe Chianti und stellte sie auf den Tisch.

Dann setzte er die Gläser ab und schenkte ein.

In dieser Sekunde peitschte ein Schuss.

„Also doch“, stieß Bount hervor und sprang auf. Der Stuhl fiel nach hinten. Als er mit der Rückenlehne aufschlug, war Reiniger schon an der Tür und rannte hinaus.

Ein zweiter Knall hallte durch Nacht und Nebel.

Deutlich konnte Reiniger jetzt die Feuerzunge sehen. Eine Gestalt torkelte aus der Gasse und brach zusammen. Sie schlug auf den Asphalt auf und streckte sich.

Geduckt lief Bount zwischen zwei Wagen hindurch. Wie aus dem Nichts tauchten grelle Scheinwerfer auf und blendeten ihn. Ein Chevy bremste scharf. Reifen quietschten, Bremsen blockierten.

Bount Reiniger entkam dem Kotflügel des Chevrolet nur um Haaresbreite. Hinter sich vernahm er wütendes Geschimpfe. Er ignorierte es.

Wertvolle Sekunden waren bereits vergangen. Der Detektiv hastete weiter. Er rannte zu dem Leblosen hinüber, der ausgestreckt auf dem feuchten Boden lag. Die gebrochenen Augen starrten in den Himmel. Für den Mann kam jede Hilfe zu spät.

Reiniger warf sich nach rechts und presste sich an die Wand. Er wollte dem Killer nicht ebenfalls in die Arme laufen.

Irgendwo tief in der Gasse klappte eine Tür zu. Der Schütze war getürmt.

Bount atmete tief ein, dann sprang er in das Dunkel hinein. Wenn der Mörder nur geblufft hatte, konnte das üble Folgen haben. Aber Bount hatte Glück. Es geschah nichts. Keine Gestalt, kein Schuss. Stille.

Es dauerte eine Weile, bis sich Reiniger an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Aus dem Schatten eines Mauervorsprungs schälte sich jetzt ein helles Viereck. Nur vage konnte er es ausmachen.

Es war eine Tür, die im oberen Drittel aus Milchglas bestand. Sie musste in einen Hausflur führen, wo eine Lampe brannte.

Es gab nur diesen einen Weg, aus der Gasse herauszukommen, wenn der direkte Zugang zur Straße versperrt war. Hierdurch musste der Killer geflohen sein.

Bount Reiniger riss die Tür auf und ging blitzschnell in die Knie. Seine 38er Automatic hatte er längst gezückt. In Combat-Stellung lauschte er. Die weit vorgestreckten Arme beschrieben einen Halbkreis. Aber er konnte nirgendwo eine verdächtige Bewegung entdecken.

In dem Flur verbreitete eine nackte Birne, die lieblos an der Decke befestigt worden war, schwaches Licht. Von den Wänden blätterte Tapete ab, und es roch muffig, so als würde nie gelüftet. Es war eines dieser heruntergekommenen Mietshäuser, die um die Jahrhundertwende gebaut worden waren. Mehrstöckige Gebäude, deren verrottete Fassaden auch noch von eisernen Feuerleitern verunziert wurden.

Reiniger rührte sich nicht. Er stand wie angewurzelt da und überlegte. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war der Killer noch im Haus oder bereits über alle Berge.

Plötzlich hörte er über sich eine schrille Frauenstimme, die einem Kind verbot, hinauszugehen. Sie musste die Schüsse gehört haben.

Dass der Mörder die Treppen hochgelaufen war, glaubte Bount nicht. Dazu hatte er gewiss keinen Mut, denn die Furcht, entdeckt und erkannt zu werden, hatte jeder Killer.

Blieb nur die Straße. Ja, der Mörder konnte nur auf der Amsterdam Avenue sein.

Gerade wollte Reiniger losspurten, als Gummireifen über das Pflaster radierten. Ein Keilriemen jaulte gequält auf, dann vernahm Bount wildes Gehupe.

Er hastete nach draußen, jederzeit bereit zu schießen.

Atemlos musste er mit ansehen, wie sich ein Fahrzeug brutal in den Verkehrsfluss der Avenue hineinmogelte. Das Letzte, was er ausmachte, waren die roten Rückscheinwerfer. Dann war der Wagen im Dunst des Nebels verschwunden.

Bount zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen. Hätte er nicht so lange im Hausflur gezögert, wäre es gewiss noch möglich gewesen, wenigstens das Nummernschild zu erkennen.

Wütend stieß er seine Automatic in das Schulterholster zurück und setzte sich in Trab. Bei der nächsten Ecke bog er ab und sah eine kleine Menschenmenge, die sich um den Toten versammelt hatte. In der Ferne ertönte bereits das Heulen einer Polizeisirene.

Unnachgiebig bahnte Bount Reiniger sich einen Weg durch die neugierigen Gaffer. Die murmelnden Beschimpfungen ignorierte er.

June March hockte vor dem Toten. Als sie Bount erkannte, erhob sie sich und schüttelte den Kopf.

„Ein Lungenschuss und ein Volltreffer ins Herz“, sagte sie dumpf. „Dem Mann kann keiner mehr helfen.“

„Hast du Toby angerufen?“

Die Blondine nickte. „Er ist schon unterwegs.“

Bount Reiniger zückte eine Packung Pall Mall und zündete sich ein Stäbchen an. Er betrachtete den Toten aufmerksam. Irgendwie kam ihm das Gesicht bekannt vor.

In seinem Gehirn arbeitete es wie in einer Computerzentrale, während er das Nikotin tief inhalierte. Am meisten störte ihn das maßlose Entsetzen und die große Verwunderung im Gesicht des Leichnams. In der Sekunde des Todes musste der Mann eine schreckliche Erkenntnis gehabt haben.

Ein Patrol Car raste heran. Rot-blaues Licht zuckte vom Dach des Wagens und durchbrach das Grau des Nebels, der sich feucht auf Haut und Kleidung legte.

„Machen Sie bitte Platz“, forderte ein Officer und schob die Gaffer beiseite. „Gehen Sie weiter. Es gibt nichts zu sehen. Macht, dass ihr nach Hause kommt. Im Fernsehen gibt es doch genug Leichen.“

Er wollte auch Bount Reiniger beim Arm packen und ihn von dem Toten wegziehen, als dieser seinen Ausweis zückte und ihn dem Patrol Man vor die Nase hielt.

„Alles klar, Sir“, entschuldigte er sich. „Habe Sie nicht erkannt.“

Reiniger musste grinsen. Dieser bärbeißige Polizist kannte ihn also persönlich.

„Was ist geschehen?“, fragte der zweite Cop in der dunklen Uniform. Im Gegensatz zu seinem Kollegen war er schlank und sehnig.

„Keine Ahnung“, sagte Bount ehrlich. „Der Mann ist in diese Gasse gegangen, wie ich von der Pizzeria aus sehen konnte. Kurz danach folgten zwei Schüsse. Dann tauchte er wieder auf und fiel um. Habe den Killer noch verfolgt, doch zu spät. Er war schneller.“

„Können Sie das bestätigen, Miss?“, fragte der Bärbeißige und widmete sich June March. „War es so, wie Mr. Reiniger sagt?“

„Mein Chef hat weder etwas verschwiegen noch hinzugefügt“, erwiderte sie. „Es ging alles furchtbar schnell.“

Ein dunkler Ford Mustang hielt am Straßenrand. Polizisten sprangen heraus. Andere Wagen folgten.

Unter den Männern des Erkennungsdienstes war auch Captain Toby Rogers, der schwergewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II. Zudem war er Bounts bester Freund.

„Ich hätte mir denken können, dass dort, wo ihr auftaucht, wieder etwas passiert“, knurrte er. „Warum bin ich eigentlich nicht gleich mitgekommen?“

„Wir wollen nur nicht, dass du arbeitslos wirst und Fett ansetzt, mein Guter“, flachste Bount und wich einem angedeuteten Boxhieb aus.

Sie gingen zu dem Toten hinüber, der noch immer an der gleichen Stelle lag. Inzwischen waren mehrere Patrol Cars aufgekreuzt. Uniformierte trieben die Neugierigen weiter zurück.

Blitzlichter zuckten. Die Leute von der Spurensicherung waren bereits bei der Arbeit. Der Polizeiarzt begann gerade mit der ersten Untersuchung.

„Kennst du den Typen?“, wollte Toby Rogers wissen. Ihm selbst war der Erschossene unbekannt.

„Er kommt mir irgendwie bekannt vor“, gestand Reiniger. „Allerdings weiß ich nicht, wo ich ihn hinstecken soll. Jedenfalls ist mir diese Visage schon mal über den Weg gelaufen.“

„Captain Rogers?“, Ein junger Cop kam heran und wedelte mit einem Briefkuvert. „Das ist das Einzige, was der Tote bei sich hatte.“

Rogers nahm den Briefumschlag entgegen und betrachtete ihn aufmerksam. Er wies keinerlei Absender oder Anschrift auf. Darinnen fand der Captain eine Karte aus weißem Karton.

'Ihr werdet noch von mir hören. T. J.'

Verwirrt las er die wenigen Worte auf dem Stück Papier. „Hört sich an wie eine Drohung. Offenbar wurde der Mann erpresst.“

In Bount Reinigers Gehirn blitzte es. Plötzlich wusste er, woher er den Ermordeten kannte.

„Buddy Walthers“, murmelte er unverständlich. „Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Das ist er garantiert.“

Ohne den Polizeiarzt bei der Arbeit zu stören, betrachtete er sich das aschfahle Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen genauer.

„Würdest du mich jetzt vielleicht aufklären?“, bat Rogers ungeduldig. „Oder möchtest du deine Weisheiten lieber für dich behalten?“

Bount gab sich unbeeindruckt. „Eigentlich ist das doch dein Fall, oder? Im Übrigen wird meine Pizza kalt.“ Mit gespielter Empörtheit zeigte er zur anderen Straßenseite hinüber.

„Ich bin auch dafür, dass wir an unseren Tisch zurückgehen sollten. Mir knurrt der Magen“, fand auch June March und zog an Bounts Oberarm.

„Siehst du, Toby“, erklärte Bount Reiniger voller Bedauern. „June ist der gleichen Meinung. Was also soll ich tun?“

„Mir sagen, wer der Mann ist.“ Rogers wurde langsam ungemütlich. Er fletschte die Zähne, als wolle er sich auf seinen Freund stürzen. „Du willst mich nur an der Nase herumführen.“

„Aber, aber“, warnte Reiniger grinsend. „Wer wird denn gleich so vulgär werden. Versuche es mal mit eurem Archiv. Oder besser noch: Befrag den Computer! Wofür bezahlen wir denn so viel Steuergelder? Ihr Jungs müsst schon etwas dafür tun.“ Grinsend wandte er sich ab und zog June mit sich. Den Captain ließen sie einfach stehen.

„Das ist unterlassene Hilfestellung“, brüllte Rogers hinter ihnen her. „Das wirst du mir büßen, Bount Reiniger.“

„Wie aufgebracht er wieder ist, der Gute.“ Bount schüttelte den Kopf. „Muss irgendwie zu hohen Blutdruck haben. Nun ja, wir wollen ihn nicht so sehr strapazieren.“ Er drehte sich in der Tür des Lokals noch einmal um und rief: „Versuch’s mal mit Buddy Walthers, Toby.“

Dann setzten sie sich wieder an den Tisch und tranken ihren Chianti. Reiniger nippte nur ein wenig. Der Wein schmeckte ihm nicht. Er winkte den Restaurantbesitzer heran.

„Ist der Signore tot?“, fragte der Italiener neugierig. „Schlimm, schlimm. Eine Schießerei vor meinem Lokal. O, mamma mia.“

„Nicht aufregen, Gino“, beschwichtigte Reiniger den kleinen Südeuropäer. „War ein Mord wie er in New York und anderswo jeden Tag vorkommt. Bring mir einen doppelten Scotch, aber ohne Eis.“

Das Ganze war Reiniger mehr an die Nerven gegangen, als er sich anmerken ließ. Nur June spürte, was mit ihrem Tischnachbarn los war.

Gino brachte den Whisky und verschwand wieder.

Die beiden konzentrierten sich auf die dampfende Pizza. Wenige Minuten nach dem Whisky hatte der Kellner zwei duftende Gerichte gebracht.

Draußen zuckten noch immer die rot-blauen Lichtleisten auf den Patrol Cars. Menschen huschten durch den Nebel, der bald alles zu verschlingen drohte.

Als Bount seine Pizza halb aufgegessen hatte, lehnte er sich zurück und betrachtete June. Die Blondine hatte einen gesunden Appetit. Nach dem ersten Bissen war der Hunger endgültig durchgebrochen.

„Was beschäftigt dich eigentlich?“, fragte sie, als sie gerade ein Stück Pizza mit einem Schluck Chianti heruntergespült hatte. „Kennst du den Toten schon lange?“

Reiniger schüttelte den Kopf. Er steckte sich eine Pall Mall zwischen die Lippen und ließ das Feuerzeug aufflammen.

„Der Bursche ist mir nur einmal begegnet. Ist ein Kontaktmann gewesen, der seine Ohren überall hatte. Kein Mensch weiß, wo er all diese Informationen herhatte, die er für gutes Geld verkaufte. Eigentlich ein Wunder, dass es ihn erst jetzt erwischt hat.“

Gedankenverloren schaute er nach draußen. Die ersten Wagen rollten davon. Ein schwergewichtiger Mann im dunklen Trenchcoat, den Hut tief ins Gesicht gezogen, überquerte die Straße.

„Wir bekommen Besuch.“ Auch June hatte Toby Rogers bemerkt.

Der Captain betrat die Pizzeria und entledigte sich seines Mantels. Mit lauter Stimme bestellte er sich einen Espresso und kam an den Tisch der beiden.

„Hat’s geschmeckt?“, fragte er und machte es sich auf einem der freien Stühle bequem. In seinen Augen lag ein schmachtender Blick, als er die halbe Pizza auf Bounts Teller liegen sah.

„Soll ich dir auch eine Pizza bestellen?“, fragte Reiniger grinsend. „Oder bist du wieder einmal auf Diät?“ Sein Grinsen war unverschämt.

„Du hättest Hellseher werden sollen“, gab Toby zurück. „Sag mir lieber, woher du diesen Buddy Walthers kennst.“

Bount ließ jetzt die Flachserei, dazu war die Sache doch zu ernst. Er wartete, bis der Kellner den Espresso gebracht hatte. Nicht jeder brauchte mitzubekommen, was er zu erzählen hatte.

„Habe June gerade gesagt, dass Walthers ein Spitzel war, der an den Meistbietenden verkaufte. Ich selbst habe einmal eine sehr wichtige Information von ihm bekommen. War so vor etwa fünf Jahren. Der Tipp hat mich fast 500 Dollars gekostet. Aber der Hinweis war heiß. Dadurch wurde Terry Jackson einen Tag später gefasst.“

Toby Rogers wollte gerade an seinem Espresso nippen, als sein Kopf hochfuhr.

„Terry Jackson?“, fragte er ungläubig, als habe er sich verhört. „Meinst du diesen Bankräuber, den sie das Phantom nannten?“

Bount nickte. „Genau den. Damals war ganz New York hinter ihm her, aber man hat ihn nicht gekriegt.“

„Moment mal“, mischte June sich ein. „Dann hieße das ja, dass dieser Terry Jackson der Mörder von Walthers ist. Die Initialen T.J. sind fast schon ein Beweis.“

Reiniger drückte seine Pall Mall aus und steckte sich gleich eine neue an. Er war nervös.

„So einfach ist das leider nicht, June“, meinte er schließlich. Seine Stimme klang dabei rau wie ein Reibeisen. „Terry Jackson endete ein halbes Jahr später in der Gaskammer.“

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Für Bount Reiniger wurde es eine unruhige Nacht. Der Name Terry Jackson spukte ihm immer wieder im Kopf herum. Verflucht, der Mann war seit vielen Jahren tot. Über seine ruhmlosen Taten, zu denen Mord und Raub zählten, wuchs schon längst das Gras des Vergessens. Selbst die Boulevardpresse kümmerte sich nicht mehr darum.

Das würde sich aber gewaltig ändern, wenn noch mehr solcher Briefe auftauchten und die Journalisten Wind davon bekamen. Dann würde es im Blätterwald rauschen.

Bount Reiniger wachte am Morgen wie gerädert auf, aber er hatte sich wieder beruhigt. Es lohnte sich kaum, das gestrige Ereignis noch einmal aufzurollen und der Sache nachzugehen.

Das war Rogers' Aufgabe. Wie er den Captain kannte, würde dieser rasch herauskriegen, wer Buddy Walthers umgelegt hatte. Wahrscheinlich war es ein Typ, der sich an Jackson erinnerte und die Polizei mit dem Drohbrief auf eine falsche Fährte locken wollte.

Als Bount Reiniger sein Büro betrat, hatte June bereits den Kaffee fertig. Ein angenehmer Duft erfüllte den ganzen Raum.

„Deine Klienten scheinen heute Frühaufsteher zu sein“, sagte sie und reichte ihm eine Tasse. „Da hat gerade ein gewisser Mr. Harold Whitman angerufen und gebeten, du möchtest ihn sofort aufsuchen. Es sei sehr wichtig. Er sprach von einer Morddrohung.“

„Na, so schlimm wird es schon nicht sein“, meinte Bount. „Wahrscheinlich wieder so einer wie letzten Monat, der sich vom Liebhaber seiner Frau bedroht fühlte. Na ja, ich kann ja mal hinfahren. Wie ist die Adresse unseres Sorgenkindes?“

„Kinsley Street 34 in Leonia“, erklärte die Blondine. „Weißt du, wo das ist?“

„Ich werde es schon finden.“ Bount Reiniger kannte sich in New York aus wie in seiner Westentasche. Er schlürfte seinen Kaffee aus und eilte zur Tür. „Bis später, gnädige Frau Bürovorsteherin.“ Noch bevor June den Locher hinter ihm herwerfen konnte, war er schon am Lift.

Bount saß in seinem Mercedes und überlegte, wie er am besten nach Leonia kam. Der kürzeste Weg war über die George Washington Brücke und dann bis zum Englewood Golf Club über den Bergen Passiac Expressway. Dort irgendwo musste dann die Kinsley Street liegen.

Die Rushhour überraschte ihn. Mehrspurig quälten sich die Blechlawinen durch die Häuserschluchten und kamen nur träge vorwärts. Die Straßen waren verstopft. Autofahrer hupten nervös. Irgendwo brüllte jemand und beschimpfte einen Leidensgefährten in diesem Chaos von Blech, Abgasen und Hektik.

Bount Reiniger war froh, als er den Harlem River Drive erreichte. Hier war der Verkehr nicht ganz so stark. Die meisten Wagen rollten in den südlichen Teil von Manhattan, wo die Bürogebäude lagen.

Bis Leonia brauchte er ganze fünfundvierzig Minuten. Als er die große Grünfläche zu seiner Linken bemerkte, kaum, dass er den Hudson überquert hatte, ging er vom Gas und wählte die Abfahrt auf die Grand Avenue.

Lange brauchte er nicht herumzukurven. Schneller als erwartet fand er das weiß gestrichene Haus inmitten einer kleinen Gartenanlage, die sehr gepflegt war.

Schmucke Gegend, dachte der Detektiv. Er verließ seinen Mercedes und knöpfte sein Jackett zu. Dabei fiel sein Blick auf die Nachbarhäuser, die alle im gleichen Stil gebaut worden waren. Hier erinnerte nichts an Wolkenkratzer, Lärm und giftige Abgaswolken. Nur im Dunst der Ferne erkannte man die Konturen der riesigen Millionenbauten, die das Wahrzeichen von Manhattan waren.

Bount blieb vor dem niedrigen Gartentor stehen und suchte den Riegel. Er war innen angebracht. Reiniger schob ihn zurück und öffnete die kleine Holztür.

Im Haus selbst schien keiner seine Ankunft bemerkt zu haben. Alles blieb ruhig.

Bount wollte gerade die drei Stufen zur Haustür hinaufspringen und den Klingelknopf betätigen, als er die weiße Lache bemerkte, die sich auf der schmalen Terrasse ausgebreitet hatte.

Es war Milch. Dazwischen lagen noch einige Splitter.

Plötzlich nahm Reiniger aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter der Gardine des Seitenfensters neben der Tür wahr. Genaueres konnte er nicht erkennen.

„Wer sind Sie?“, fragte eine heisere Stimme mit einem Unterton von Angst. Sie gehörte einem Mann.

Reiniger hatte jetzt nicht mehr das Gefühl, es nur mit einem exzentrischen Klienten zu tun zu haben.

„Mein Name ist Bount Reiniger“, erklärte er ruhig und wollte näher an die Tür herangehen.

„Keinen Schritt weiter.“

Der Detektiv hielt es für klüger, der Aufforderung nachzukommen und keine unnötigen Bewegungen zu unternehmen. Er wollte nicht den Verdacht erregen, dass er Böses im Schilde führe. Instinktiv merkte er, dass eine Waffe auf ihn gerichtet war. Eine Kugel konnte auch durch eine Glasscheibe verdammt unangenehm werden.

„Nur keine Hast, mein Freund“, meinte Reiniger lässig. „Ist ja wohl keine Art, erst anzurufen und dann unfreundlich zu werden. Wollten Sie mich nun sprechen oder nicht?“

Der Hausbesitzer war einer von der vorsichtigen Sorte und äußerst misstrauisch.

„Können Sie sich ausweisen?“, fragte er durch die geschlossene Tür.

„Aber sicher doch.“ Bount wollte in die Innenseite seines Jacketts greifen. Eine bellende Stimme hielt ihn zurück.

„Hände weg“, keifte sie.

Reiniger verzog das Gesicht. Seine Bewegungen froren ein. Langsam hob er seine Arme und zeigte die Innenflächen der Hände, sodass der Mann im Haus es genau sehen konnte.

„Langsam reicht es mir, Mister.“ Bount wurde allmählich ungehalten. „Wenn Sie einen Hampelmann für Ihre Neurosen brauchen, suchen Sie sich einen anderen.“

Mit seinem rechten Fuß tastete er nach hinten. Als er die erste Oberkante der Stufe spürte, ging er rückwärts in den Garten zurück, ohne die Hände herunterzunehmen und eine ruckartige Bewegung zu machen.

„Der hat wirklich eine Macke“, schimpfte er zu sich selbst und drehte sich um, als er fast beim Tor war. „Den Trip hätte ich mir sparen können.“

Gerade wollte er die Gartentür öffnen, als er erneut die Stimme hinter sich vernahm.

„Kommen Sie bitte herein!“'

Reiniger wandte sich um und sah einen schlanken Mann mit dunklem, vollem Haar im Türrahmen stehen. In der Armbeuge hielt er ein Schrotgewehr.

Er musterte den Bewaffneten misstrauisch. Der Mann machte einen fahrigen und nervösen Eindruck. Seine Augen flackerten unruhig, so als suchten sie eine ungewöhnliche Bewegung oder etwas Verdächtiges in der sonst gewohnten Umgebung.

Reiniger wusste zuerst nicht, was er von der Situation halten sollte.

„Seltsame Art von Gastfreundschaft, muss ich schon sagen“, sagte er ungehalten. „Warten Sie auf Ihren Henker, oder was ist los?“

„Sie sind Bount Reiniger“, meinte der Mann. Es war keine Frage, sondern eine Art Bestätigung. „Kommen Sie bitte herein.“

„Oh, woher dieser Sinneswandel?“ Bount wagte es immer noch nicht, sich zu rühren. Solche Typen wie dieser Harold Whitman waren unberechenbar, wenn sie eine Waffe in der Hand hatten.

Dieser Mann hatte Angst, und das nicht zu knapp.

„Kommen Sie endlich.“

Bount senkte die Hände und betrat die Terrasse. Er hoffte, dass Whitman nicht plötzlich durchdrehen würde und zu ballern anfing. Einen Schritt vor ihm blieb er stehen.

„Ich habe natürlich einen Revolver bei mir, Mr. Whitman. Ich möchte Sie nur darauf hinweisen. Nicht, dass Sie auf die Idee kommen und ...“

Weiter kam er nicht.

Der Hausbesitzer packte ihn am Oberarm und zog ihn in den kleinen Flur. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, legte Whitman das Gewehr auf eine Konsole.

Er schloss die Augen und atmete hastig ein und aus.

„Darf ich fragen, was dieser theatralische Empfang bedeuten soll?“ Reiniger machte keinen Hehl aus seinem Ärger. So etwas war ihm selten passiert. Dieser Mann machte einen Aufstand, als sei die gesamte Mafia hinter ihm her.

„Man hat versucht, mich zu ermorden“, keuchte Whitman außer sich. „Erst dieser Brief und dann das Attentat.“

Reiniger war verwirrt. Im Moment verstand er nur Bahnhof.

„Fangen wir am besten von vorne an, Mr. Whitman ich habe doch das Vergnügen mit Ihnen, oder?“

Der Mann bestätigte und begann sofort, hektisch zu berichten.

Während der Erzählung fiel Reiniger ein, wieso ihm das Gesicht so bekannt vorkam.

Harold Whitman war Officer in Manhattan Süd gewesen. Es musste etwa fünf Jahre her sein. Er und ein anderer Polizist hatten Terry Jackson als Erste gestellt und schließlich verhaftet.

Das blasse, übernächtigte Gesicht des Mannes hatte Bount am Anfang ein wenig irritiert. Er hatte Whitman als vollwangigen, gut gelaunten Mann in Erinnerung.

Bount Reiniger saugte jedes Wort, das der ehemalige Officer berichtete, wie Nikotin in sich auf. Was er hörte, machte ihn unruhig.

Whitman erzählte von einem mysteriösen Brief, den er am Vorabend in seinem Postkasten gefunden hatte. Und dann von dem schrecklichen Ereignis, das in den frühen Morgenstunden passiert war und doch sein Leben gerettet hatte.

„Können Sie mir den Brief zeigen?“, bat Bount. Seine Hirnwindungen begannen bereits zu arbeiten.

Whitman stand schwerfällig auf und holte ein weißes Kuvert aus einer Schublade des mächtigen Eichenschrankes. Seine Bewegungen waren träge, fast wie die eines alten Mannes. Dabei war Whitman gerade einundvierzig, unverheiratet und eigentlich gut aussehend.

Bount erschrak, als er den Inhalt des Briefes las.

'Ihr werdet noch von mir hören! T. J.'

Er spürte ein leises Vibrieren seiner Nerven. Der Tod von Buddy Walthers war also doch kein gewöhnlicher Racheakt der Unterwelt. Es steckte mehr dahinter.

„Könnten Sie sie mir zeigen?“ Whitman nickte abwesend und erhob sich vom Stuhl. Er stelzte ungelenk in die angrenzende Kochnische und hob eine Plastikwanne hoch. Ein paar Tränen rollten über seine Wangen, als er die Decke, die über dem Behälter lag, zurückzog.

Die Kadaver von drei Katzen kamen zum Vorschein. Ihr Fell glänzte stumpf. Die Gesichter der Tiere waren seltsam verzerrt.

„Sie waren mein ein und alles“, seufzte Whitman. „Und ich bin schuld an ihrem Tod. Hätte ich die Milchflasche nicht fallen gelassen, wären sie bestimmt noch am Leben.“

„Und Sie ein toter Mann“, erwiderte Bount Reiniger. „Oder trinken Sie keine Milch?“

Whitmans Kopf zuckte hoch. Er blickte den Detektiv an, als verstünde er die Worte nicht so recht.

„Doch“, entgegnete er tonlos. „Die zerplatzte Flasche war ja für mich bestimmt. Meine Tiere bekamen spezielles Katzenfutter. Das ist ja der Grund, warum ich Sie kommen ließ.“

„Ganz ruhig“, bemerkte Bount Reiniger beschwichtigend. „Wir müssen Punkt für Punkt vorgehen. Auf keinen Fall dürfen wir überhastet handeln. Haben Sie eine Ahnung, ob Sie Feinde haben?“

Whitman schaute ihn an, als habe er von ihm gefordert, einen Menschen umzubringen. Er schüttelte ungläubig den Kopf und deckte die Kadaver der Katzen wieder zu.

„Ich habe keine Feinde“, antwortete er laut. „Was glauben Sie, warum ich damals den Job als Polizist aufgegeben habe. Menschen musste ich einfangen und in die Gaskammer führen. Nein, ich habe keine Feinde, denn mit der ganzen Polizeiarbeit habe ich, bei Gott, nichts mehr zu tun.“

Whitman war psychisch am Ende. Er setzte sich auf einen Stuhl und vergrub den Kopf in den Händen.

Bount Reiniger entging nicht, dass der sensible Mann schluchzte. Dieser Typ dort vor ihm war eines der Opfer des ständigen Kriegs zwischen Gerechtigkeit und Verbrechen. Viele zerbrachen an der gnadenlosen Jagd nach Gangstern und gefühllosen Gesetzesbrechern aller Art.

Harold Whitman war einer derjenigen, die den Stress auf die Dauer nicht ertragen konnten. Er hatte einen anderen Job gewählt und Ruhe gesucht. Nun hatte die Vergangenheit ihn wieder eingeholt.

Bount Reiniger überlegte nicht lange. Der Fall nahm konkrete Formen an. Innerhalb von wenigen Stunden waren zwei gleiche Briefe an verschiedenen Stellen aufgetaucht. Das konnte kein Zufall sein.

„Wieso haben Sie gerade mich angerufen?“, wollte der Detektiv wissen. „Es ist eigentlich die Aufgabe der Polizei, den Attentäter zu finden.“

Whitmans Blick wurde hart. Er zuckte nervös mit den Wimpern.

„Sie kennen mich nicht mehr. Dazu ist es zu lange her.“ Er zog den Kopf zwischen die Schultern, als fröre er. „Ich war einer der Cops, die Terry Jackson damals überwältigten.“

Reiniger nickte. Er erwähnte, dass er sich noch an den Fall erinnerte. Immerhin hatte er ja mittendrin gesteckt.

„Und wie kommen Sie gerade auf Terry Jackson?“, fragte er verwundert. „Es gibt Millionen Namen mit den Initialen T. J. Außerdem ist Jackson seit fünf Jahren tot.“ Er war auf die Antwort des Mannes gespannt.

Whitman ließ sich nicht beirren. Er glaubte fest an das, was er sagte und vor allen Dingen dachte.

„Haben Sie die Gerichtsverhandlung denn schon vergessen? Damals hat er geschworen, sich an uns zu rächen. An dem, der ihn verriet, an denen, die ihn festnahmen und an Bount Reiniger. Haben Sie noch keinen Brief bekommen?“

Der Detektiv verneinte. „Hatte noch nicht das Vergnügen.“

Bisher war er bemüht gewesen, Whitmans Thesen keinen Glauben zu schenken. Er war ein Profi und besaß stählerne Nerven. So leichtgläubig gab er sich nicht. Für ihn herrschte Logik vor. Und die besagte, dass Terry Jackson tot war. Elendig umgekommen in der Gaskammer. Er konnte weder Briefe verschicken, noch Menschen umbringen.

„Es ist das Beste, wir fahren jetzt gemeinsam zu Captain Rogers. Dort können Sie Ihre Aussage über den Mordanschlag machen. Danach sehen wir weiter. Die Katzen nehmen wir auch mit. Sollen die Gerichtsmediziner herauskriegen, warum sie eingegangen sind. Vielleicht gibt es ja auch eine andere Erklärung.“

Während Bount den Mann zu beruhigen versuchte, kramte er in seiner Jacketttasche. Er suchte sein Päckchen Pall Mall. Vergeblich. Die Glimmstängel mussten noch im Auto liegen.

„Sie verlangen doch wohl nicht, dass ich da hinausgehe und mich womöglich abknallen lasse.“

Das Gesicht des Wachmannes wurde noch eine Spur blasser. Er ballte die Fäuste, dass die Haut über den Knöcheln hell wurde. In ihm tobte die Angst. Der Drohbrief und der Tod seiner Katzen hatten den Mann völlig aus der Fassung gebracht.

„Wann sind Sie eigentlich aus dem Polizeidienst ausgetreten?“, fragte Bount noch.

Whitman druckste herum und versuchte, Reinigers verbindlichen Blick zu ignorieren.

„Also wissen Sie, Mr. Reiniger“, meinte er gedehnt und spielte nervös mit seinen Fingern. „Ich habe damals erst so recht begriffen, dass der Dienst für mich ...“

„Also wann“, unterbrach Bount ihn. „War es nach Jacksons Verurteilung? Hat Sie diese Drohung so aus der Bahn geworfen, dass Sie aus diesem Grund den Dienst quittierten?“

Whitman senkte den Kopf und nickte heftig.

„Ich konnte seit diesem Tag an nichts anderes mehr denken. Nachts ist er mir im Traum erschienen. Immer wieder hörte ich seine Stimme und wie er sagte: „Ihr werdet noch von mir hören! Und dann sein flammender, fast irrer Blick, der uns alle streifte. Haben Sie das denn alles vergessen?“

Der Mann war am Ende. Mühsam versuchte er, seine Erregung zu verbergen. Bount wusste, daß er mit seiner Meinung recht hatte.

Harold Whitman war ein sehr labiler Mann. Ob er aber auch zu übersteigerter Angst neigte, ließ sich nicht so leicht beweisen. Allerdings fragte Bount sich, wie es dieser Mann geschafft hatte, als Polizist im Dschungel von Manhattan zu bestehen.

„Fahren wir“, forderte Bount ihn auf. „Ich werde schon auf Sie Acht geben. Wenn wir bei der Mordkommission fertig sind ...“ In diesem Augenblick hätte er sich am liebsten selbst ins Kreuz getreten.

Whitmans Augen quollen fast aus dem Kopf.

„Mordkommission?“, fragte er hastig. „Was sollen wir denn da? Wegen ein paar toter Katzen? Wieso also Mordkommission?“

Er musterte den Detektiv misstrauisch.

Reiniger wusste, dass er durch diesen Ausrutscher gezwungen war, die Wahrheit zu sagen. Eigentlich hatte er möglichst lange den Mord an Walthers verschweigen wollen. Nun aber war es Essig damit. Jetzt musste er raus mit der Sprache.

„Gestern Abend wurde oben in der West Side ein Mann namens Buddy Walthers umgelegt. Seltsamerweise hatte er auch solch einen Brief, wie Sie ihn bekommen haben, bei sich.“

Im ersten Augenblick dachte Bount, Whitman würde ohnmächtig werden. Für einen Moment schloss der Mann die Augen und hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten.

Als er die Augen wieder öffnete und Reiniger anstarrte, als sei er das achte Weltwunder, fragte er mit rauer, gehetzter Stimme: „Wissen Sie, wer Buddy Walthers war?“

Bount nickte.

„Der Spitzel, von dem ich erfuhr, was Terry Jackson plante. Durch ihn konnten wir ihn endgültig aus dem Verkehr ziehen.“

Bount fiel es schwer, diese Worte ruhig und besonnen auszusprechen. Whitmans Nervosität wurde langsam ansteckend. Spätestens nach diesem Giftanschlag durfte er den Fall nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen. Ignoranz oder Leichtsinn konnten gefährlich werden. Und tödlich, wenn er Pech hatte.

Irgendwo in New York lief ein Verrückter herum, der sich als Terry Jacksons Rächer und Henker fühlte. Es galt, ihn so rasch wie möglich dingfest zu machen, bevor noch mehr Unheil angerichtet wurde.

„Sie müssen den Mann, der mich umbringen wollte, finden“, verlangte der Hausherr. „Was verlangen Sie pro Tag. Ich zahle, was Sie wollen. Nur meine Ruhe will ich haben. Es ist ein Alptraum für mich, wenn ich nur daran denke, dass Terry Jackson vielleicht gar nicht ...“

Bount Reiniger packte Harold Whitman an beiden Schultern und zog ihn ganz nahe an sich heran.

„Jetzt hören Sie mir mal genau zu, Mr. Whitman“, schnaufte er, mühsam beherrscht. „Der Gangster ist tot. Mehr als zwanzig Personen waren bei seiner Hinrichtung dabei. Es gibt keinen Terry Jackson mehr, ist das klar? Ich dachte, Sie seien ein intelligenter Mann. Überlegen Sie doch mal.“

Whitman war im ersten Moment erschrocken, fing sich aber rasch wieder. Sein Blick wurde klar.

„Okay, Sie haben recht“, sagte er, um sich selbst Mut zu machen und nahm die Wanne mit den toten Tieren. „Fahren wir ins Präsidium. Danach sehen wir weiter. Aber Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wie hoch ihr Honorar ist.“

Reiniger war froh, dass Whitman endlich zur Vernunft kam. Er war zwar ein cooler Bursche und ließ sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, aber in diesen Fall war er selbst verwickelt. Er konnte nicht ignorieren, dass auch er ein wenig besorgt über den Fortlauf der Dinge war. Und er ahnte nicht, dass dieser Zustand sich noch rapide steigern würde.

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Captain Rogers saß wie ein mürrischer Buddha hinter seinem alten Schreibtisch. Er blickte kaum auf, als Bount Reiniger und der Fremde in sein Büro kamen.

„Ich sehe, du hast gut geschlafen“, bemerkte der Detektiv frotzelnd. „Siehst aus wie eine Bulldogge, die gerade eine Fleischwurst verschlungen hat.“

Rogers griente gequält. Ihm war heute nicht zum Scherzen zumute.

„Du und deine Witze“, maulte er. „Sag mir lieber, wie ich diesen Papierkram bewältigen soll. Meine Jungs sind alle in irgendwelchen Fällen unterwegs. Den letzten haben sie mir nun auch noch genommen. Befehl von oben, weil Manhattan C/III angeblich unterbesetzt ist. Dass ich nicht lache ...“

Toby Rogers übertrieb wie immer. Er krempelte die Hemdsärmel ein Stück weiter auf und schlug die Akte zu.

„Kommt noch viel dicker.“ Bount warf ihm den Brief auf den Schreibtisch. „Das hat Mr. Whitman heute Morgen bekommen. Zudem noch eine kleine Einlage obendrauf. War eigentlich für ihn bestimmt.“

Mit diesen Worten setzte er die mit einem Tuch bedeckte Plastikwanne ebenfalls auf den Tisch und wartete Rogers' Reaktion ab.

Der Captain betrachtete die beiden Männer wie unangenehmen Besuch. „Wenn du etwas anschleppst, kann das nichts Gutes bedeuten“, knurrte er und öffnete zuerst das Kuvert.

Er zuckte unmerklich zusammen und schaute Reiniger aus schmalen Augen an. Ohne ein Wort zu sagen, warf er einen Blick in den Korb und verzog das Gesicht.

„Was ist denn das?“

„Vergiftete Katzen, Toby“, erklärte Bount Reiniger. „Das Zeug, mit dem sie umgebracht wurden, war in der Milch, die eigentlich für Mr. Whitman bestimmt war.“

Er wies auf den Mann neben sich, der äußerst nervös war. Obwohl er sich bei der Mordkommission befand und den Attentäter hier nicht zu fürchten brauchte, schien ihm das Gebäude nicht das Gefühl von Sicherheit zu geben.

„Setzen Sie sich erst einmal“, forderte Rogers die Männer auf und deutete auf zwei hölzerne Stühle.

„Du solltest dir mal ein paar vernünftige Sessel besorgen“, beschwerte sich Reiniger grinsend. „Die Sünderbänkchen sind knochenhart.“

„Sie härten ab“, konterte Rogers trocken. „Kann dir übrigens gar nicht schaden.“

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ Bount hatte auch diesmal das letzte Wort und schielte auf Tobys beleibten Umfang.

„Was also ist genau passiert?“, wechselte der Captain das Thema.

Bount Reiniger übernahm den Bericht. Whitman wirkte zu aufgeregt und zu zittrig, um einen präzisen Vortrag zu halten.

Toby Rogers hörte aufmerksam zu. Nur hin und wieder verzog er unmerklich den Mund. Als Bount eine kurze Pause einlegte, nahm er den Hörer von der Telefongabel und wählte eine interne Nummer.

„Zuerst wollen wir mal feststellen lassen, woran die Tiere eingegangen sind.“

Wenige Minuten später kam ein Uniformierter in das Büro mit den Glaswänden und holte die Wanne ab.

„Sagen Sie den Leuten im Labor, ich brauche die Ergebnisse so schnell wie möglich“, verlangte Rogers ernst. „Es ist eilig.“

„Geht klar.“ Der Officer verließ das Büro und verschwand.

Bount erzählte weiter.

„Das Ganze nimmt langsam beängstigende Formen an“, meinte er ehrlich. „Hast du etwas herausbekommen?“

Der Captain nickte, sagte aber nichts. Sein Blick wanderte zu Harold Whitman und blieb an ihm haften.

Der Mann war nur noch ein Häuflein Elend, das von Furcht zerfressen wurde.

Gerade kam ein Cop an der Office-Tür von Rogers vorbei. Er war hemdsärmelig und trug ein ledernes Schulterholster. Der Captain rief ihn zu sich.

„Was gibt es, Chief?“, fragte der Mann, als er den Kopf ins Büro steckte.

Rogers wies auf Whitman. „Nimm diesen Gentleman mal mit und schreibe seine Aussage auf. Den üblichen Kram, du weißt schon.“

Der Sergeant war alles andere als begeistert. „Bin gerade auf dem Weg zu ...“

„... zu deinem Schreibtisch, um eine Aussage zu Protokoll zu bringen“, schnitt Rogers dem Mann das Wort ab. „Sind wir hier bei der Mordkommission oder im Vergnügungspark?“

Der Uniformierte zog die Augenbrauen hoch und hielt es für besser, nichts zu entgegnen. Der Captain konnte ganz schön ruppig werden, wenn man nicht parierte.

„Schon gut, Captain“, beeilte er sich zu sagen, und an Whitman gewandt, meinte er: „Kommen Sie bitte mit.“

Bount lehnte sich gemütlich zurück, soweit der Stuhl dies erlaubte und genehmigte sich eine seiner geliebten Pall Mall.

„Also spuck aus.“

Rogers verzog die Lippen, als wollte er schmollen. Von seiner Stirn rollten Schweißperlen. Auch Reiniger merkte, dass mit der Klimaanlage etwas nicht stimmte.

„Weißt du, was das für ein Ärger ist, von den Verwaltungstypen etwas zu kriegen? Ich komme mir langsam vor wie in einem Tollhaus. Und dann der Papierkram.“

Reiniger gab sich unbeeindruckt. „Wenn ich Zeit habe, werde ich mir eine Träne des Bedauerns aus den Augen quetschen“, versprach er. „Nun schieß aber endlich los, Toby!“ Unverständliches murmelnd wühlte der Captain in seinen Unterlagen und zückte einen schmalen Ordner. Er schlug ihn auf und las vor.

„Terry Jackson, weiß, geboren am 3. June 1942 in Omaha, gestorben am ...“

„Bitte, verschone mich mit seinem Lebenslauf. Dass er tot ist, daran besteht ja wohl kein Zweifel.“

Rogers zog sich in seinen Schmollwinkel zurück. „Erst machst du mich letzte Nacht verrückt, ich soll alles über Jackson rauskriegen und nun wirst du ungeduldig.“ Er verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. „Schau dich bitte um.“ Er wies auf diverse vergilbte Ordner, die auf einem Nebentisch standen und klar erkennen ließen, dass es sich um alte Gerichtsakten handelte.

„Komm, sei friedlich und plaudere munter drauf los, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Natürlich nur, wenn du die ganzen Ordner auch schön sorgfältig gelesen und studiert hast. Oder verlangst du etwa, dass ich mich dort hineinstürze.“ Bount setzte eine erschrockene Miene auf.

„Nicht nötig.“ Rogers tippte gegen seinen Kopf. „Alles hier drin gespeichert.“

„Wusste immer, dass du ein fähiges Bürschchen bist.“ Bount zeigte sich weltmännisch lässig. „Ein wahres verkanntes Genie.“

Der Captain grunzte. „Veralbere einen anderen, Bount Reiniger. Aber nicht mich.“

„Wie sollte ich?“ Der Detektiv tat peinlich berührt. „Nie würde ich mir so etwas erlauben. Aber nun los mit deiner Story.“

„Dass Jackson tot ist, glaubst du mir ja nun“, sagte Toby. „Die Protokolle der Hinrichtung beweisen es eindeutig. Terry Jackson ist also nicht der Killer von Walthers und der Attentäter, der hinter Whitman her ist. Auch sonst gibt es keinen, der einen Grund haben könnte, so spät noch Rache zu üben. Jacksons Freundin Gloria Wilman hat sich vier Tage nach der Hinrichtung mit dem Wagen überschlagen. Sie verbrannte fast vollständig. Die Obduktion der Leiche ergab so gut wie nichts. Wie der medizinische Befund zeigte, hatte Gloria Wilman keinerlei Narben oder alte Knochenbrüche gehabt. Selbst zahnmedizinisch war nichts mehr zu machen. Sie trug aber einen Ring, der durch Einschaltung der Öffentlichkeit über Fernsehen und Zeitung identifiziert werden konnte. Es war ein Einzelstück. Ein Verlobungsgeschenk eines gewissen Mark Trade, der vor Terry Jackson ein Verhältnis mit Gloria hatte. Er erkannte den Ring sofort wieder.“

Bount Reiniger zündete sich eine zweite Zigarette an. Jedes Wort seines Freundes merkte er sich gut.

„Eine ziemlich vage Geschichte, nicht wahr? Ein Ring als Beweis für den Tod eines Menschen? Was ist, wenn diese Gloria Wilman in Wirklichkeit noch lebt und eine andere Frau für sie umkam?“

„Man stellte weiterhin fest, dass Haarfarbe und Blutgruppe stimmten.“ Rogers überflog die nächste Seite des Berichtes. „War anhand einiger Gewebeproben noch zu ermitteln. Und außerdem ist es doch ungewöhnlich, dass eine Frau nach fünf Jahren ihren ehemaligen Freund rächt. Gloria Wilman war gerade 22 Jahre alt, als Jackson in der Gaskammer landete.“

Vor Reinigers geistigem Auge tauchte das Gesicht der jungen Gangsterbraut auf. Er hatte sie noch gut in Erinnerung von damals, als sie ihm das erste Mal im Gerichtssaal begegnet war. Man hatte ihr nie nachweisen können, dass sie von Jacksons Verbrechen gewusst hatte.

Noch heute dachte Bount mit Entzücken an das bildhübsche Mädchen mit den strohblonden Haaren, den hohen Wangenknochen und den seidigen Wimpern, die ihre stahlblauen Augen eindrucksvoll umrandet hatten.

„Wer war dieser frühere Verlobte?“, wollte er jetzt wissen.

„Ein gewisser Mark Trade“, wiederholte Toby Rogers verwundert. „Bist du nicht bei der Sache?“ „Versuch doch mal, etwas über ihn heraus zu bekommen“, schlug Bount Reiniger vor. „Vielleicht lebt er noch in New York. Möglich, dass er uns weiterhelfen kann.“

Toby krauste die Stirn. Er war nicht gerade bester Laune. Seit Stunden hatte er alte Akten gewälzt, um einen Hinweis auf Walthers Mörder zu finden.

„Es ist ja schön und gut“, meinte er mühsam beherrscht. „Gestern Abend wurde ein Spitzel umgelegt, von dem du einmal einen heißen Tipp bekommen hast, durch den Terry Jackson endlich gefasst wurde. Es ist auch nett, dass du Mr. Whitman und seine toten Katzen mitgebracht hast. Die beiden Briefe beweisen zudem, dass wir es mit demselben Täter zu tun haben. Aber eine einzige Bitte habe ich.“

„Und die wäre?“

„Halt mich nicht für deinen Untergebenen. Ich weiß, was ich zu tun habe. Vorschriften macht mir Attorney Brown schon genug.“

Reiniger erhob sich langsam und griff in die Tasche seines Jacketts. Seine Hand beförderte eine Schachtel mit Bonbons zutage.

„Möchtest du eins, Toby?“, fragte er ruhig. „Sind Kräuter drin. Gut für die Nerven.“

„Nerven? Was ist das?“, fragte Rogers. „Seit ich dich kenne, habe ich sie operativ entfernen lassen.“ Reiniger setzte sich auf den kleinen Seitenschrank und blies den Staub von den Akten. „Gibt es noch andere, die vielleicht verdächtig wären?“

Rogers verneinte. „Fehlanzeige. Jackson hatte keine Freunde. Er war ein typischer Einzelgänger. Er hat offenbar nur Gloria Wilman vertraut.“

Bount Reiniger grübelte. Vieles war ihm entfallen. Erst langsam kam das Vergangene zurück. Allmählich konnte er sich wieder an alle Einzelheiten erinnern.

„Hör mal“, platzte es aus ihm heraus. „War da nicht noch etwas mit 100.000 Dollar?“

„Ja, aber sie wurden nie gefunden“, gab Toby zu. „Nach den Berichten zu urteilen, sollen sie aus dem letzten Überfall auf die National Pacific Bank stammen. Sie sind nie wieder aufgekreuzt. Mag der Himmel wissen, wo die abgeblieben sind.“

„Was willst du als Nächstes unternehmen?“ Bount war ernst geworden. Das Schelmische in seinem Gesicht verschwand schlagartig. „Noch sind nämlich erst zwei Briefe verschickt worden. Beim dritten müssen wir zuschlagen.“

Rogers nickte träge.

„Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste bist du, denn Terry Jackson war ja regelrecht in dich verliebt. Schließlich hast du alles vorbereitet, damit man ihn schnappen konnte. Und dann wäre da noch Lieutenant Phil Stanford, der damals Officer im Streifendienst war. Er ist inzwischen beim Drogendezernat East.“

Bount konnte seine Verwunderung nicht verhehlen.

„Ist Stanford informiert?“

Toby erhob sich und trat ans Fenster. „Nein, aber ich habe seinen Kollegen gebeten, er soll ihm Bescheid sagen und mich anrufen, sobald Phil von seinem Einsatz zurück ist.“

Bount Reiniger hatte genug Informationen von seinem Freund bekommen. Nun musste er irgendwo ansetzen, um rauszukriegen, wer der unheimliche Killer war. Er musste schneller sein als der gnadenlose Mörder, der allen vormachen wollte, Terry Jackson sei von den Toten auferstanden.

„Wo willst du hin?“ Rogers hatte erst jetzt bemerkt, dass Bount schon an der Tür war.

„Mal ein wenig die Ohren aufsperren und alte Bande knüpfen“, verkündete der Detektiv. „Gib inzwischen gut auf Whitman Acht. Der Mann schwebt in höchster Lebensgefahr. Außerdem könntest du mal versuchen, rauszukriegen, ob der Milchmann was weiß. Ist doch ein leichtes für dich Genie, oder?“

„Pass du besser auf, dass du nicht plötzlich eine Kugel zwischen den Rippen hast“, warnte der Leiter der Mordkommission. „Wer auch immer hinter der Sache steckt, mit ihm ist nicht zu spaßen.“

Bount setzte eine Grimasse auf. „Mit mir auch nicht.“

Dann verschwand er aus dem Büro.

Bevor Reiniger sich draußen in seinen Mercedes schwang, rief er noch in seinem Büro an.

„Was gibt es Neues, June?“, fragte er erwartungsvoll.

„Das nenne ich Gedankenübertragung, Bount. Habe gerade an dich gedacht.“

Ihre Stimme klang belegt und irgendwie fremdartig.

„Stimmt etwas nicht?“ Reiniger ahnte nichts Gutes.

„Kann man wohl sagen“, meinte die Blondine am anderen Ende der Leitung. „Du hattest heute morgen einen netten Brief im Postkasten.“

Bount Reiniger merkte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Er hatte zwar damit gerechnet, war aber doch erschrocken. Er brauchte nicht zu fragen, um welche Art von Brief es sich handelte.

Der Rächer hatte ihn also nicht vergessen.

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In Yorkville gab es viele Kneipen und Spielsalons, wo Buddy Walthers früher herumgelungert hatte. Das „Game Center“ in der 92. East war eines von ihnen. Es musste nun fast vier Jahre her sein, dass Bount Reiniger von Buddy den letzten heißen Tipp bekommen hatte. Danach war der Spitzel untergetaucht und erst wieder gestern auf der Bildfläche erschienen. Als toter Mann.

Bount Reiniger stellte seinen Luxusschlitten in einer Seitenstraße ab und stieg aus. Bevor er die Wagentür zuschlagen konnte, piepste das Telefon. Er beugte sich hinab und griff nach dem Hörer.

„Was gibt’s?“

Rogers war in der Leitung.

„Wollte dir nur kurz mitteilen, dass die Katzen tatsächlich vergiftet wurden. Eine volle Ladung Strychnin, die selbst einen Riesen umgelegt hätte.“

In Bounts Magen rumorte es.

„Sieht ja rosig aus“, fand er. „Dann muss ich mir jetzt wohl einen Vorschmecker anstellen. Wie wäre es zum Beispiel mit dir?“

„Was soll das heißen?“, fragte Rogers. „Hast du etwa auch ...“

„Genau, der Kandidat hat 100 Punkte“, lobte Bount Reiniger, obwohl er zum Flachsen eigentlich nicht aufgelegt war. Es gab nichts Schlimmeres, als gegen ein Phantom kämpfen zu müssen.

„Mensch Bount“, keuchte Toby Rogers betroffen. „Pass bloß auf dich auf. Nicht, dass er dich auch noch erwischt.“

„Werde mein Bestes tun, um dir die Kosten für einen Kranz zu ersparen.“ Bount legte auf.

Der Spielsalon erwies sich als Lokal mit vielen Automaten und einem kleinen Billardraum. Der neue Besitzer hatte den Laden ziemlich auf Vordermann gebracht und mächtig umgebaut.

Zur Linken befand sich eine breite Theke, dahinter mehrere Vitrinen mit Gläsern und halb vollen Flaschen. An den Wänden hingen flimmernde Spielautomaten, Geldschlucker und elektronische Kriegsspiele.

Die einzigen Gäste zu dieser frühen Stunde waren vier Burschen, die es wohl nicht nötig hatten zu arbeiten. Sie hatten sich mächtig in Schale geworfen und warteten nun darauf, dass man ihnen das Geld brachte. Schon von Weitem konnte man ihnen ansehen, dass sie Zuhälter waren. Die Luxuskarossen vor dem Lokal bewiesen es außerdem.

Misstrauische Blicke trafen Bount Reiniger, als er sich an die Theke schob und den Barkeeper zu sich heranwinkte.

Der Mann war groß und schlank. Um die Hüften trug er eine weiße Schürze. Gelangweilt kam er näher und putzte sich die Finger am Stoff ab.

„Was darf es sein, Sir?“, fragte er desinteressiert.

„Einen Bourbon und eine Auskunft.“

Der Barkeeper wurde wach. Aus großen Augen schaute er Bount Reiniger an. Auch die vier Lackaffen waren hellhörig geworden. Sie tuschelten miteinander und steckten die Köpfe zusammen.

„Ihren Bourbon können Sie kriegen, Mister. Die Auskunftei liegt vier Straßen weiter.“

Bount Reiniger schob einen 20-Dollar-Schein über die hölzerne Theke. Der Keeper beachtete das Geld überhaupt nicht. Lässig füllte er ein Glas fingerdick voll mit Whisky und stellte es vor Bount hin.

„Ich suche einen gewissen Lesley Cabrini.“

Der Mann hinter der Theke reagierte kaum. Sehr gesprächig schien er nicht gerade zu sein. Die Anwesenheit der vier Zuhälter irritierte ihn offenbar. Stetig huschte sein Blick zu ihnen hinüber.

Einer der Männer rutschte jetzt vom Barhocker herunter und strich sich über den Blondschopf. Penibel korrigierte er den Sitz seiner seidenen Krawatte.

Bount Reiniger ignorierte den jungen Mann, der aussah wie Adonis persönlich. Selbst ein Frauenheld wie Warren Beatty hätte gegen ihn einen schweren Stand gehabt.

„Verzeihen Sie bitte, dass ich Sie so einfach anspreche, Sir“, entschuldigte er sich, als er neben Bount auf kreuzte. „Ich bekam zufällig mit, dass Sie einen gewissen Mister wie war doch noch der Name? Ach ja, Cabrini hieß er. Cabrini? Ihn also suchen Sie, nicht wahr?“

Reiniger blieb cool. Mit beiden Händen umklammerte er sein Whiskyglas und blickte hinein.

In der Stimme des Zuhälters war ein gefährlicher Unterton, der ihn vorsichtig machte. Solche Typen durfte man nicht unterschätzen.

„Sie haben gute Ohren, Mister“, sagte Bount jetzt. „Glückwunsch.“ Langsam drehte er den Kopf zur Seite und musterte den Mann in dem 500-Dollar-Anzug ohne jegliche Gefühlsregung. „Können Sie mir weiterhelfen?“

Der Mann setzte ein gekünsteltes Lächeln auf und zuckte bedauernd mit den Schultern. „Da muss ich Sie zutiefst enttäuschen, Sir. Wie gesagt ist hier keine Auskunftei. Und Bullengeruch mögen wir in unserem Spielsalon schon gar nicht. Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt.“

Sein Grinsen fror ein. Das Schwingen in seiner Stimme warnte Bount Reiniger.

„Du bist auf dem Holzweg, Sonnyboy“, bemerkte der Detektiv und ließ sich vom Barhocker gleiten. Unmittelbar vor dem Zuhälter richtete er sich auf.

Die Blicke der beiden Männer bohrten sich ineinander. Keiner von ihnen senkte die Lider.

„Ich bin weder ein Bulle, noch rieche ich. Das sind die Feinheiten. Wenn ich in ein Lokal komme und einen Bourbon trinken will, habe ich es nicht gerne, wenn man mich dumm von der Seite anquatscht, okay? Nun darf ich Sie höflichst bitten, mir den Weg frei zu machen, da Sie mich ja gebeten haben, das Lokal zu verlassen.“

Alles in Bounts Körper spannte sich. Er wusste, dass dieser geschniegelte Bursche auf einen Fight eingerichtet war. Bount wäre so oder so nicht heil aus dem Salon gekommen. Dieser Kerl hatte Langeweile und suchte Abwechslung.

Der Hieb kam hart und trocken. Ohne Ansatz krachte die Faust unter Reinigers Rippenbogen. Nur eine instinktive Drehung nahm dem heimtückischen Schlag ein wenig an Wirkung. Er reichte aber noch aus, um Bount die Luft aus den Lungen zu pressen. Japsend riss er den Mund auf und krümmte sich. Mit einem Sidestep versuchte er sich in Sicherheit zu bringen.

Der Zuhälter setzte nach. Plötzlich war wieder das schmierige Grinsen auf seinem gebräunten Playboygesicht.

Der zweite Hieb saß nicht so gut. Bount konnte gerade noch darunter wegtauchen. Haarscharf donnerte die Faust an seinem Ohr vorbei. Er hatte das Gefühl, es flöge ihm weg. Siedend heißer Schmerz durchzuckte ihn.

„Nimm ihn auseinander, Freddy“, feuerten die anderen drei Männer ihren Kumpel an. „Zeig’s ihm, dem Großmaul.“

Der mit Freddy Angesprochene gab sich lässig und überheblich. Er glaubte, es mit einem Schwächling zu tun zu haben und ließ sich Zeit. Er ahnte nicht, dass Bount eine harte Nuss war. Ein Nehmer, der nicht so rasch aufgab.

Allmählich ließ das Stechen oberhalb des Magens nach. Bount konnte wieder durchatmen, zeigte es aber nicht. Gekrümmt stand er mitten in der Spielhalle und wartete auf die nächste Attacke.

„Wie ist es, Mister?“, fragte Freddy fast kameradschaftlich. „Wollen Sie sich für Ihre Bemerkungen nicht entschuldigen? Das wäre doch nicht mehr als gerecht, oder?“

Keuchend gab Reiniger seine gekrümmte Stellung auf und richtete sich auf. Er ballte die Fäuste.

„Bist du auch ohne hinterhältige Finten gut, Freddy?“, fragte er provozierend. „Oder hast du nur ein großes Maul?“

Überrascht blickte der Zuhälter zu seinen Spießgesellen hinüber. Dass sich sein Opfer so rasch erholte, verwirrte ihn.

„Mach ihn alle, Freddy“, forderte man jetzt von ihm. „Nur keine Hemmungen, old fellow. Im Notfall haben wir nichts gesehen.“

Der Bursche ließ sich reizen. Plötzlich zuckte ein Stilett in seiner Rechten. Bount hätte nicht einmal sagen können, woher er es genommen hatte.

„Jetzt werde ich dir das Maul ein für allemal stopfen“, prophezeite der Typ.

Reiniger ließ sich nicht irritieren. Gewiss, sein Gegner war stark und wahrscheinlich auch ein Meister mit dem Messer. Schon in den Slums lernten solche Typen, wie man damit umging. Ihr Weg endete dann meistens auf dem elektrischen Stuhl.

„Lass den Blödsinn!“ Bount Reiniger versuchte, einen tödlichen Fight zu verhindern. „Ich habe keine Lust, mich zu schlagen. Wollte nur einen Bourbon trinken und herausfinden, wo mein alter Freund Cabrini sich herumtreibt. Das war es eigentlich schon.“

Zum Zeichen dafür, dass er nicht kämpfen wollte, zeigte er die Innenflächen seiner Hände.

Die anderen lachten halblaut.

„Oh, jetzt hat der Kleine aber Angst gekriegt“, hänselte einer.

„Wir sollten ihn doch besser zu seiner Mama gehen lassen. Die kann ihn dann trockenlegen.“

„Ja, dafür muss er aber erst einmal in die Hosen machen“, kündigte Freddy an.

Sein Messerarm zuckte blitzschnell wie der Kopf einer Cobra vor. Das Stilett funkelte gefährlich.

Reiniger hatte seinen Gegner keine Sekunde aus den Augen gelassen. Trotzdem kam der Stich für ihn fast zu plötzlich.

Ein Sprung zur Seite rettete ihn vor dem sicheren Tod. Seine Handkante sauste durch die Luft, verfehlte das Handgelenk des Mannes aber knapp. Freddy ließ das Messer in einem Halbkreis durch die Luft zischen. Bount konnte sich eben noch ducken.

In der gleichen Sekunde jagte Bounts Rechte nach oben. Der Uppercut saß hundertprozentig, ehe der Zuhälter überhaupt reagieren konnte.

Röchelnd wurde der Mann nach hinten gerissen, als habe er Bekanntschaft mit einem Dampfhammer gemacht. Er verlor den Halt und prallte gegen einen Tisch. Ein Stuhl polterte zu Boden, dann hatte er sich aber schon wieder gefangen.

Ehe Reiniger nachsetzen konnte, sah er das Stilett wieder blitzen. Abrupt blieb er stehen.

In den Augen des Zuhälters lag abgrundtiefer Hass. Er schnaufte wie ein gereizter Stier.

„Dafür schlitze ich dich auf, du Schwein“, keuchte er erregt. „Das hast du nicht umsonst getan.“

Bount Reiniger stand zum Kampf bereit. Wütende Feinde sind gefährlich wie angeschossene Raubtiere. Freddy war solch einer. In seinem Schädel hatte sich eins festgesetzt: Er wollte Bount Reiniger töten.

„Du redest mir ein wenig zu viel, Freddy“, höhnte der Detektiv. „Komm endlich zur Sache.“

Fast cool forderte Bount den Gegner auf, anzugreifen. Je wütender er ihn machen konnte, desto größer waren seine Chancen, heil aus dieser Affäre herauszukommen. Und dieser kleine Zuhälter hatte nicht das Profil eines eiskalten Killers.

Mit einem Schrei griff Freddy an.

Reiniger blockte den Messerhieb ab, packte seinen Gegner am Oberarm und schleuderte ihn durch den halben Raum. Ein Tisch brach zusammen, zwei Flipperautomaten verrutschten, als Freddy mit ihnen Bekanntschaft machte.

Nur langsam kam er wieder hoch und stierte Bount Reiniger aus mordlüsternen, blutunterlaufenen Augen an.

„Macht ihn kalt“, keifte er und peitschte jetzt seine Freunde an.

Nach leichtem Zögern ließen die drei anderen sich anstacheln und kamen drohend näher.

Bount Reiniger sah keine Möglichkeit zu fliehen, obwohl Weglaufen wohl das Vernünftigste gewesen wäre. Mit drei erfahrenen Zuhältern hätte er es niemals aufnehmen können. Solche Schläger hatten die gemeinsten Tricks auf Lager und verstanden ihr Handwerk. Doch diese Burschen waren noch relativ neu im Geschäft. Ihr Alter bewies es. Unterschätzen durfte er sie aber auf keinen Fall. Solche Typen kamen zumeist aus den Slums. Ihr Leben war Kampf. In den Straßengangs hatten sie bereits eine Menge gelernt.

„Macht ihn fertig“, forderte Freddy wieder. Er hatte Mühe mit dem Aufstehen, sein Kreuz schmerzte.

Sie fächerten auseinander. Ihre Hände vergruben sich in den Jackentaschen. Als sie wieder auftauchten, blitzten Schlagringe über ihren Knöcheln.

Reiniger wurde es mulmig. Ein Schlag mit diesen verbotenen Waffen konnte ihm das Kinn zertrümmern. Er musste verdammt aufpassen, um keinen verpasst zu kriegen.

Der Kreis schloss sich. Wie Hyänen, die sich ihr noch lebendes Opfer ausgesucht hatten, umschlichen sie ihn.

Der Detektiv wusste sich keinen anderen Rat, als energisch zu werden. Er hatte heute keine Lust, sich in Lokalen der Halbwelt herumzubalgen.

Wie von Geisterhand herbeigezaubert lag seine 38er Automatik plötzlich in seiner Hand. Das kreisrunde Loch der Mündung zeigte auf den mittleren der Zuhälter.

Die Gestalten erstarrten, als wären sie zu Statuen geworden.

„Mäßig, mäßig!“

Bount Reiniger zuckte herum, als er die Stimme in seinem Rücken vernahm.

Vor ihm stand ein Mann, den er gut kannte. In den letzten Jahren hatte er sich kaum verändert.

Klein, untersetzt, pechschwarzes Haar und ständig lächelnd. Selbst dann, wenn ihm hundeelend war, hatte man den Eindruck, er würde sich über diesen Zustand amüsieren.

Lesley Cabrini stand vor ihm. Der Sohn italienischer Einwanderer hatte es in Manhattan zu etwas gebracht. Man konnte ihm zwar nie beweisen, dass er illegale Geschäfte machte, aber er stand mit der Unterwelt in Verbindung.

Vor ein paar Jahren hatte Bount Reiniger ihn vor einem Attentat eines Mafia-Killers bewahrt. Seither genoss der Detektiv Cabrinis Freundschaft.

Was auch immer in New York passierte, nichts blieb vor Lesley verborgen. Aber er gab sein Wissen nur recht selten preis.

„Was ist los, mein Guter?“ Der Italiener mit den pechschwarzen Augen zeigte sich enttäuscht. „Früher hättest du diese Anfänger mit deinen Fäusten geschafft.“

Mit einer ungeduldigen Handbewegung befahl er den vier Männern, den Raum zu verlassen. Sie taten es, ohne zu murren. Nur Freddy schickte Reiniger einen vernichtenden Blick herüber. Sein Rücken würde sich noch ein paar Wochen an diese nette Unterhaltung erinnern.

„Komm in mein Büro“, bat Lesley Cabrini und wies auf eine rot gestrichene Tür.

Er schaute zum Barmixer hinüber und schnippte mit den Fingern. Der Angestellte schien sofort zu wissen, was er zu tun hatte. Mit zwei Gläsern und einer Flasche Whisky bewaffnet kam er hinter den beiden her.

„Jetzt erst mal einen Begrüßungsschluck“, forderte Lesley und schenkte ein, als sie in den gemütlichen Sesseln hockten und der Barkeeper gegangen war.

Sie tranken und Bount sah sich um.

Cabrini lebte offenbar nicht schlecht. Die Einrichtung bewies es. In diesem Zimmer gab es nur Kostbarkeiten. Angefangen bei einem Mahagonischreibtisch bis hin zu Originalgemälden.

„Alles geschmackvoll“, bemerkte Bount Reiniger bewundernd. „Sieht aber nicht gerade danach aus, als ob man das alles nur mit Einnahmen aus diesem Spielsalon finanzieren kann.“

Lesley Cabrini prostete ihm zu. Er nahm wieder einen Schluck, dann setzte er das dickwandige Glas ab.

„In meinem Lokal verkehren zwar manchmal zwielichtige Typen wie Freddy und seine Jungs“, gab er zu, „das muss aber doch noch lange nicht heißen, dass ich auch irgendwo in der Unterwelt mitmische. Ich habe immer gedacht, ich hätte dein Vertrauen.“

Reiniger antwortete nicht. Er bot Lesley eine Pall Mall an und nahm sich selbst ein Stäbchen aus der Schachtel.

„Sagt dir der Name Buddy Walthers etwas?“

Cabrini machte keinen Hehl daraus, was er dachte.

„Deshalb also tauchst du auf, Reiniger. Buddys Tod macht dich ein wenig nervös. Der Brief, den man bei ihm gefunden hat, scheint dir nicht zu schmecken.“

Reiniger war alles andere als überrascht. In derartigen Kreisen sprachen sich Morde rasch herum. Die Unterwelt hatte ihre Ohren überall. Nichts blieb ihr verborgen. Oftmals wussten Leute wie Lesley Cabrini Dinge eher als die Polizei.

„War Buddy in den letzten Tagen hier?“ Bount war gespannt, was sein Gastgeber erwidern würde. Wenn einer ihm helfen konnte, dann dieser Mann.

Doch er wurde enttäuscht. „Fehlanzeige“, offerierte der Italiener. „War selbst verwundert, als ich von Buddys Tod erfuhr. Habe ihn fast schon so lange nicht mehr gesehen wie dich. Warum er gerade gestern in Manhattan aufgetaucht ist, bleibt wohl ewig sein Geheimnis.“

Eigentlich hatte Bount Reiniger gehofft, dass er von Cabrini etwas erfahren würde. Nur eine vage Spur oder ein Anhaltspunkt. Nichts dergleichen war das Ergebnis. Selbst in der Unterwelt schien das Phantom, das sich T. J. nannte, unbekannt zu sein.

„Danke dir.“ Der Detektiv erhob sich und verließ den Raum. Als er in die Spielhalle zurückkam, war nur der Barkeeper anwesend. Bount wollte noch seinen Whisky zahlen. Der Angestellte winkte ab. „Sie waren Gast von Mr. Cabrini.“

Reiniger bedankte sich und verließ das Lokal.

Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt. Obwohl es erst Mittag war, hatte man das Gefühl, die Dämmerung würde hereinbrechen. Schwarze Wolken wälzten von Westen heran. In der Ferne hörte man schon das Rollen des Donners. Ein Gewitter zog herauf.

Bount Reiniger spurtete zu seinem Mercedes. Erste Tropfen klatschten auf den trockenen Asphalt und hinterließen dunkle Flecken. Der Himmel öffnete seine Schleusen. Plötzlich goss es wie in Strömen. Als der Detektiv seinen Wagen erreichte, war er bereits klatschnass.

Als Erstes schaltete Bount Reiniger die Scheibenwischer ein. Sie leisteten Höchstarbeit, ohne jedoch die Wassermassen zu bändigen. Nur verschwommen konnte er die Scheinwerfer und Bremsleuchten der anderen Wagen erkennen. Also blieb er in der Parklücke stehen. Zu fahren war reiner Wahnsinn. Lieber wollte er den Platzregen abwarten.

Zur Untätigkeit verdammt, überlegte Bount, wie er weiter vorgehen konnte. Die Möglichkeiten waren allerdings ziemlich begrenzt. Eigentlich blieb nur der Milchmann.

Irgendjemand musste sich an den Flaschen zu schaffen gemacht haben. Durch Zauberei konnte das Strychnin ja nicht in die Milch gekommen sein.

Also rief er bei Rogers an und hoffte, dass dieser schon Erfolg gehabt hatte.

Toby war auf dem Laufenden. Einer seiner Mitarbeiter hatte den Milchfahrer aufgestöbert und ins Präsidium gebracht.

„Es ist so, wie wir bereits vermutet haben“, sagte Rogers sachlich. „Nun aber halte dich fest. Der Täter muss eine Frau sein.“

Für einen Augenblick schluckte Reiniger. Dann aber sagte er sich, dass sich damit seine Verdachtsmomente immer mehr verdichteten: Gloria Wilman war also nicht tot. In dem brennenden Wagen hatte garantiert eine andere Frau gesessen.

„Was sagt der Mann aus?“, fragte Bount schließlich.

„In einer Seitenstraße von Whitmans Haus ist eine junge Frau am Straßenrand ohnmächtig geworden. Er hat ihr geholfen und wollte einen Ambulanzwagen holen. Sie aber hatte offenbar etwas dagegen und erzählte ihm etwas von einem ihr bekannten Leiden. Dann hat sie ihn gebeten, eben in die nächste Apotheke, die wohl gegenüber lag, zu gehen und Erfrischungstücher zu holen. Na, das Weitere kannst du dir denken. Als der Mann zurückkam, war sie verschwunden.“

„Woher wusste die Frau, welche Flaschen für Whitman bestimmt waren?“, wollte Bount wissen. „Und wie kam sie so rasch an die Flaschen heran?“

Rogers räusperte sich, als habe er einen Frosch im Hals.

„Ganz einfach: Die Ladefläche ist vom Führerhaus des Wagens leicht zu erreichen. Und außerdem waren die Flaschen mit den Hausnummern der Kunden gekennzeichnet. Also ein Kinderspiel für die Frau, die richtige zu erwischen.“

Das war einleuchtend. Endlich waren sie ein kleines Stück weitergekommen.

„Lass ein Bild von ihr zeichnen“, forderte Bount Reiniger. „Vielleicht bringt uns das weiter.“

Als Antwort vernahm er ein Grunzen, das alles andere als friedlich klang. „So schlau war ich auch schon. Wie wäre es eigentlich, wenn du dich als mein Vorgesetzter bewirbst. Im Kommandieren bist du jedenfalls allen überlegen.“

„Sehne das lieber nicht herbei“, erwiderte Bount grinsend. „Es würde dir schlecht ergehen.“ Dann legte er auf, bevor Toby die Membrane des Telefons beschädigte.

Das Prasseln des Regens war noch stärker geworden. Durch die Scheiben der Autos konnte man fast nichts mehr erkennen. Nur einige Wahnsinnige fuhren noch durch die Straßen. Die meisten Fahrzeuge hatten Parklücken aufgesucht und warteten wie Bount darauf, dass sich das Unwetter beruhigte.

Währenddessen suchte der weibliche Killer sein nächstes Opfer.

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6

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Die ganze Razzia hatte nicht viel gebracht. Nur ein paar Dealer mit vier Tütchen Heroin und einigen LSD-Trips waren den Männern vom Drogendezernat East ins Netz gegangen.

Allerdings hatten sie gehofft, dass der große Verteiler, den man unter dem Spitznamen „Snowman“ kannte, auch in die Falle ging.

Fehlanzeige. Der Mann war ein gerissener Wolf, der jedes faule Ding sofort roch.

Als Lieutenant Stanford in sein Büro kam, war er todmüde und fühlte sich ausgelaugt. Seit zwanzig Stunden rannte er bereits herum. Er brauchte eine Mütze Schlaf.

Auf dem Schreibtisch fand er einen Zettel. Aus müden Augen stierte er darauf.

Captain Rogers anrufen. Wichtig!

Unterschrieben hatte sein Kollege Bud Carpenter.

„Das hat auch bis morgen früh Zeit“, dachte Stanford und legte den Zettel auf den Haufen für unerledigte Büroarbeit. Es waren noch vier Berichte im Rückstand.

„Wie wäre es mit einem Kaffee, Phil?“ Sein Kollege Mike Powler kam mit zwei Pappbechern, in denen wohlriechende Brühe schwappte. „Das Zeug wird uns beide schon wieder aufputschen.“

Powler zeigte keinerlei Müdigkeit. Mit seinen gerade fünfundzwanzig Jahren hatte er mehr Energie als Stanford, der schon ein paar Jahre Polizeidienst mehr auf dem Buckel hatte.

„Ich werde erst mal meine Frau anrufen und sagen, dass sie ihren Liebhaber jetzt wegschicken soll“, flachste Stanford. „Als Polizist kann man nicht vorsichtig genug sein.“

Sie lachten und schlürften ihren Kaffee.

Lieutenant Stanford hatte erst vor elf Monaten geheiratet. Viele im Revier fragten sich, wie es diesem unscheinbaren Mann mit lichtem Haar und Glupschaugen gelungen war, eine solch bildschöne Frau wie Mary zu ködern.

„Hallo, Bärchen“, säuselte Stanford, als er Verbindung mit seiner Jungvermählten hatte. „Ich komme jetzt nach Hause. Bin in etwa zwanzig Minuten da.“

Er lauschte eine Weile in den Hörer, dann lächelte er:

„Keine Sorge, ich bin auf der Hut. Das Gewitter macht mir nichts aus.“ Wieder lauschte er.

„Oh ja, das wäre gut. Ein Bad kann nach dieser harten Nacht nicht schaden. Bis gleich also.“ Er hauchte einen Kuss in die Sprechmuschel und legte auf.

„Bin dann weg, Mike“, sagte er zu seinem Kollegen. „Machst du den Bericht?“ Er wartete die Antwort erst gar nicht ab, sondern verschwand wie ein Wirbelwind.

„Muss Liebe schön sein“, rief Mike ihm noch nach. Doch das hörte der Lieutenant schon nicht mehr.

Mit dem Lift fuhr Stanford in die Tiefgarage und stieg in seinen dunkelroten Chevrolet. Erst vor acht Wochen hatte er den nagelneuen Straßenkreuzer bekommen. Mary, seine junge Frau, hatte so lange gebettelt, bis er sich überreden ließ.

Nun, er konnte ihr nie etwas abschlagen.

Phil Stanford freute sich auf zu Hause. Wenn er an seine Frau dachte, verschwand die Müdigkeit aus seinen Gliedern. Allein der Gedanke an sie ließ das Blut in seinen Adern wallen.

Noch heute fragte er sich, warum sie gerade ihn genommen hatte. Er wusste, dass er nicht gerade ein Frauenheld war. In seiner Eitelkeit aber schob er es auf seine Erfahrenheit und männliche Ausstrahlung.

Draußen prasselte der Regen. Stanford musste die Scheinwerfer einschalten, so dunkel war es.

Ein greller Blitz zuckte und stellte die Umrisse der Hochhäuser für Sekundenbruchteile in hellstes Licht. Die Straßen glichen breiten Flüssen. Das Wasser stand knöcheltief auf dem Asphalt. Längst schon konnte die Kanalisation die Massen nicht mehr verkraften.

Im Schneckentempo fuhr Stanford Richtung Norden. Er wählte die Fifth Avenue, die wie ausgestorben dalag. Zu seiner Linken konnte er durch den Regenschleier den Central Park erkennen.

Er wohnte mit Mary in einem großen Apartment in der Lexington Avenue mit Blick auf den East River und den Park, der grünen Lunge New Yorks. Die Wohnung war nicht billig. Mit seinem Gehalt als Lieutenant konnte er sie eben gerade bezahlen.

Das Gewitter tobte genau über New York und machte nicht die Anstalten, weiterzuziehen. Die Blitze und Donnerschläge folgten kurz aufeinander, als würden sie das Ende der Welt verkünden.

Trotz des Unwetters ließ Phil Stanford nicht von seiner alten Gewohnheit ab. Als er die 46. East erreichte, bog er links ab und hielt an.

Durch den Regenschleier konnte man einen kleinen Tabakladen ausmachen, der im Erdgeschoss eines Mietshauses aus den Gründerjahren lag. Hier holte sich Stanford jeden Tag, bevor er nach Hause fuhr, eine Sportzeitung und ein Päckchen Tabak für seine Pfeife. Miss Miller, die Inhaberin, hatte extra für ihn einen Vorrat seiner Lieblingssorte angelegt.

Der Lieutenant schlug den Kragen seines Trenchcoats hoch und zog den Hut tief ins Gesicht. Ein letztes Mal schielte er in den Rückspiegel, dann sprang er aus dem Chevy.

Mit wenigen Sätzen war er unter dem Vordach des kleinen Zeitungsladens. Er hatte trotzdem nicht verhindern können, pitschnass zu werden. In der Hast war er in eine riesige Pfütze getreten. Wasser stand in seinen Schuhen. Die Hose war bis zu den Unterschenkeln durchnässt.

Fluchend betrat er den Laden.

„Oh, Lieutenant“, rief Miss Miller überrascht. Sie war eine schwergewichtige Dame mit streng nach hinten gekämmten Haaren. „So früh heute?“

„Nachtdienst“, erklärte Stanford knapp. „Bin hundemüde.“

Die Frau schob die Zeitung und das Päckchen Tabak über die Theke. Stanford nahm die beiden Sachen und zahlte.

„Bis morgen“, verabschiedete er sich und ließ die Zeitung in der Innentasche seines Trenchcoats verschwinden. Er wollte verhindern, dass sie vom Regen aufgeweicht wurde.

Dann rannte Stanford los. Wasser floss in Strömen von seiner Hutkrempe. Sekunden später erreichte er die Wagentür und öffnete sie hastig. Erst jetzt erblickte er die Gestalt, die hinter dem Steuer seines Chevy saß.

„Ein Autodieb“, durchzuckte es ihn. Er hatte ja wie immer den Zündschlüssel stecken lassen.

„Los raus, Bürschchen.“ Stanford wollte den vermeintlichen Automarder gerade am Revers packen, als er in ein bekanntes Gesicht schaute.

„Du?“, fragte er verwundert. „Wie kommst du denn bei diesem Sauwetter hierher?“

„Ja, ich“, erwiderte die Gestalt hinter dem Steuer.

Stanfords Augen wurden groß, als er das Messer in den Händen seines Gegenüber blitzen sah. Er war zu verwundert, um reagieren zu können.

Der Stich folgte blitzschnell und ohne Ansatz.

Der Lieutenant riss den Mund auf und wollte schreien. Maßloses Entsetzen lag in seinen Augen, als er zusammenbrach und rückwärts auf die regennasse Straße schlug.

Lieutenant Phil Stanford war auf der Stelle tot. Der unheimliche Mörder hatte sein nächstes Opfer gefunden und gnadenlos beseitigt.

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7

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Nachdem der Regen ein wenig nachgelassen hatte, fuhr Bount Reiniger direkt in sein Büro. Er brauchte ein wenig Ruhe und Zeit, um über die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden noch einmal nachzudenken.

Kaum hatte er die Tür seines Büros hinter sich geschlossen, als June March ihm auch schon die Hiobsbotschaft verkündete.

„Toby hat eben angerufen“, sagte sie mit ernster Miene. „Lieutenant Stanford wurde auf offener Straße erstochen.“

Bount schluckte. Er konnte nicht verhindern, dass sein Blutdruck stieg und das Herz wie rasend zu klopfen begann.

„Unsere Freundin lässt aber auch keine unnütze Zeit verstreichen“, knurrte er missmutig. „Dann werde ich sicher der Nächste sein, den sie sich vornimmt.“

„Wieso Freundin?“ June wusste von den neuesten Erkenntnissen und Fakten noch nichts. Reiniger klärte sie auf.

Draußen klopfte jemand an die Tür. Bount hatte sich gerade hinter seinen Schreibtisch gesetzt und noch einmal den mysteriösen Drohbrief betrachtet.

„Schau mal nach, wer da ist.“

June durchquerte den Raum und wollte öffnen, als Bount wie von einer Tarantel gestochen aufsprang.

„Weg von der Tür!“, zischte er.

Das Mädchen gehorchte und ging neben einem Schrank in Deckung.

Wieder pochte es. Eine Jungenstimme rief Bounts Namen.

„Mr. Reiniger, sind Sie da?“

June verzog das Gesicht zu einem Grinsen. „Deine Nerven scheinen auch nicht mehr die Besten zu sein, großer Meister.“

Draußen stand ein farbiger Junge von etwa vierzehn Jahren. Er zeigte sein strahlend weißes Gebiss und hielt June ein Päckchen entgegen.

„Schöne Grüße von Mr. Rogers soll ich ausrichten“, sagte er.

Die Blondine nahm es entgegen und wollte dem Jungen ein Trinkgeld geben, doch dieser war schon verschwunden.

„Seit wann macht Toby dir Geschenke?“, fragte June verwundert und überreichte Bount Reiniger das kleine Paket, das in Silberpapier eingewickelt und mit einer Schleife verziert war. Mit einer schwarzen Schleife, wie er überrascht feststellte.

„Los, raus hier“, brüllte Bount plötzlich und zog June am Arm mit sich. Sie verlor das Gleichgewicht und strauchelte.

Reiniger riss die Tür auf und warf sich nach draußen. Mit einem Satz ließ er sich nach vorn fallen und zerrte June ebenfalls zu Boden.

Das Inferno kam aus dem Nichts.

Ein gewaltiger Knall peinigte das Trommelfell. Die Erde schien in ihren Grundfesten zu erzittern. Holzsplitter flogen durch die Luft. Glas zerplatzte unter dem ungeheuren Druck, der durch die Explosion frei geworden war. Eine grelle Feuerlohe schoss durch das Büro, das in Sekundenschnelle nur noch ein Trümmerhaufen war.

Im Fallen spürte Bount, wie etwas Hartes gegen seinen Hinterkopf schlug. Ein siedend heißer Schmerz durchzuckte ihn.

Dann war es unheimlich ruhig.

Schwerfällig wälzten sich die beiden auf den Rücken. Auch der Flur sah aus, als hätte soeben ein Erdbeben stattgefunden.

June March keuchte erregt.

„Das war knapp“, bemerkte sie. Das Zittern ihrer Hände bekam sie nicht unter Kontrolle. „Woher hast du das gewusst?“

Bount strich sich ein paar Holzsplitter aus seinem Haar und betastete seinen Hinterkopf. Er fühlte etwas Warmes, Klebriges: Blut.

„Es war nur so eine Ahnung“, gab er zu. „Welchen Grund hätte Toby haben sollen, uns etwas durch einen Boten zukommen zu lassen. Ich war doch erst vor einer Stunde mit ihm zusammen, und du hast vor ein paar Minuten noch mit ihm telefoniert. Ganz abgesehen davon, dass es einem achten Weltwunder gleichkäme, wenn Toby mir etwas schenken würde.“

Das Büro sah schlimm aus. Die Einrichtung war hin. Im ganzen Raum gab es nichts mehr, was noch heil war. Die Fensterscheiben waren mitsamt ihren Fassungen herausgeflogen.

„Unsere Freundin versteht sich auch aufs Bombenbasteln“, stellte Bount Reiniger nüchtern fest. „Die Sache wird langsam heiß.“

„Und gefährlich“, ergänzte June. „Das war haarscharf. Beim nächsten Mal haben wir vielleicht nicht so viel Glück.“

Draußen heulten Sirenen. Die Polizei war offenbar schon von irgendwelchen Nachbarn informiert worden.

Wenig später standen vier Uniformierte in dem verwüsteten Büro. Bount Reiniger bat einen Officer, Toby Rogers zu informieren. Er selbst hatte keine Möglichkeit zu telefonieren.

Es vergingen ganze zwanzig Minuten, bis der schwergewichtige Captain auf der Bildfläche erschien.

Sein Gesicht war düster und voller Sorge. Als er die Zerstörung sah, wurde es noch faltiger.

Bount Reiniger rauchte bereits seine vierte Pall Mall. Allmählich wurde er ruhiger. Die Blutung am Hinterkopf war von einem Sanitäter gestoppt worden. Zum Glück brauchte er nicht ins Hospital, um die Wunde nähen zu lassen.

June March war nichts geschehen, wenn man von einem leichten Schock einmal absah. Ihr Gesicht wirkte etwas bleich, die Pupillen ein wenig geweitet. Zur Sicherheit ließ sie sich vom Sanitätsarzt eine Spritze geben.

Im Flur wimmelte es von Menschen. Die Officer riegelten den Trakt ab und bemühten sich, die Neugierigen zurückzuhalten. Trotzdem kam es immer wieder vor, dass Reporter die Sperre durchbrachen.

Blitzlichter zuckten. Irgendwelche Leute von der Boulevardpresse zückten ihre Mikrophone und fragten den Erstbesten, was überhaupt geschehen war.

Die Gerüchteküche wurde angeheizt. Vermutungen wurden laut. Es reichte von Terroristen-Überfall bis hin zu Kidnapping. Genaues wussten nur die Betroffenen.

„Deine neue Freundin fährt langsam schwere Geschütze auf“, meinte der Captain.

„Das kannst du laut sagen.“ Bount Reiniger winkte seinen Freund von der Mordkommission in das zerstörte Büro. Der Trubel auf dem Flur ging ihm auf seine ohnehin schon strapazierten Nerven.

Die Leute vom Erkennungsdienst waren bereits voll im Einsatz. Bount und Toby achteten darauf, dass sie den Männern nicht im Weg standen.

„Du hast wirklich eine originelle Art, mir deine Zuneigung zu beweisen.“ Bount Reiniger schüttelte den Kopf. „Mir solch ein Geschenk ins Haus zu schicken.“

Rogers verstand nur Bahnhof. Bount klärte ihn auf.

„Du siehst, dass sie einfach über alles informiert sein muss.“

Rogers winkte ab. „Das weiß doch ganz New York. Viel schlimmer finde ich, dass sie auch das Privatleben der anderen Opfer hundertprozentig durchleuchtet hat und dann zuschlug. Zweimal ist es schiefgegangen, aber Walthers und Stanford hat es erwischt. Und wir haben noch immer nicht die geringste Spur.“

„Kannst du mir einen Gefallen tun, Toby?“, bat Bount Reiniger und legte seine Rechte auf die Schulter seines Freundes.

Rogers räusperte sich und schaute den Detektiv völlig verdattert an.

„Seit wann bittest du mich? Hast du vielleicht doch etwas Größeres an den Kopf gekriegt? Wäre ja schrecklich, wenn ich mich in meinem Alter noch umstellen müsste.“

Bount konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ein kleiner schwarzer Junge, schätze, dreizehn oder vierzehn Jahre alt, schlank, mit verwaschenen Jeans und einem Trikot der New Jersey Crocodiles hat mir die Liebesgabe überbracht. Er hat mit der Sache bestimmt nichts am Hut, doch er muss seine Auftraggeberin gesehen haben. Vielleicht kann er uns weiterhelfen.“ Rogers tastete mit einem Finger im Mund herum, als würde ihm ein Zahn wehtun. Etwas undeutlich gab er sein Einverständnis. Als er mit der Zeremonie fertig war und die herausgebrochene Plombe ausgiebig betrachtet hatte, ging er raus und ließ die Fahndung los.

„Wenn ihr ihn habt, bringt ihn nicht hierher, sondern direkt in mein Büro“, rief er dem Officer noch nach und kam dann zu Bount zurück.

„Schon etwas Neues im Fall Stanford?“, wechselte Reiniger das Thema.

„Kaum Nennenswertes“, musste Toby eingestehen. „Unsere Killerlady geht äußerst geschickt vor. Sie muss sich verdammt viel Zeit gelassen haben, alles genau zu erforschen. Außerdem hat sie eine Engelsgeduld, wenn es darum geht, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten.“

„Wieso das?“, fragte Bount neugierig. Er war hellhörig geworden.

„Phil Stanford hatte seit drei Stunden Feierabend. Seine Schicht wäre am frühen Morgen bereits zu Ende gewesen, doch wegen einer Razzia hat sich alles verschoben. Du weißt ja, Personalmangel und so weiter und so fort. Wie ich von seiner Frau erfuhr, hat er gegen elf Uhr angerufen und gesagt, dass er nach Hause käme. Sein Kollege bestätigt das. Die Mörderin muss zu dem Zeitpunkt schon in der Nähe des Ladens, wo er immer seinen Tabak kauft, gewartet haben.“

„Zudem hatte sie wohl auch noch den Wettergott auf ihrer Seite“, stellte Bount seufzend fest. „Gibt es Zeugen?“

„Bei diesem Unwetter, wo sich nicht einmal ein Hund auf die Straße traut? Auch die Ladenbesitzerin, die ihn gefunden hat, wusste nichts zu berichten. Ihr ist nur aufgefallen, dass Stanfords Chevrolet nicht abfuhr. Dann hat sie ihn im Regen liegen sehen. Ein einziger Stich ins Herz hat gereicht, ihm das Lebenslicht auszublasen. Die Killerin muss sogar genug Zeit gehabt haben, zu Fuß fortzugehen, anstatt mit dem Chevy zu flüchten.“

Bount Reiniger kratzte sich am Hinterkopf. Das Blut war getrocknet und hatte die Haare verklebt. Außerdem begann die Wunde zu jucken.

„Was hat die Inspektion des Wagens ergeben?“

„Nicht viel“, musste Rogers zugeben. „Fingerabdrücke nur von Stanford. Am Schminkspiegel und am Griff der Handschuhablage die von Mrs. Stanford, sonst nichts. Abgesehen von zwei roten Haaren, die man auf dem Fahrersitz fand. Allerdings kein Naturhaar. Sie stammen von einer Perücke.“

Bount Reiniger war alles andere als zufrieden. Der Strick um seinen Hals zog sich immer mehr zusammen. Irgendwo lauerte ein weiblicher Killer, und er wusste noch nicht, wie er sich wehren sollte. Plötzlich hatte er eine Idee.

„Es gibt doch bestimmt Fotos von dieser Gloria Wilman, oder?“

„Könnte ich mir schon denken“, bestätigte Rogers.

„Dann besorge welche und lasse euren Polizeizeichner Frisur und Make-up verändern. Pfeif den Milchmann heran. Und wenn der farbige Junge gefunden wird, machen wir dasselbe mit ihm.“

Captain Rogers antwortete nicht sofort. Er schüttelte nur den massigen Schädel.

„Geht das schon wieder los“, tadelte er seinen Freund. „Du kennst meine Meinung zu diesem Thema. Ist doch alles Blödsinn. Du hängst also noch immer an deiner Gloria-Wilman-These, ohne einen konkreten Hinweis zu haben? Was ist, wenn es sich um eine Irre handelt, die sich für die Verunglückte hält?“

„Hör auf zu fachsimpeln, Toby“, maulte Bount. „Willst du mir nun helfen oder nicht?“

Der Captain verzog bedauernd das Gesicht. „Oh, nicht schon wieder die alte Tour. Lass dir doch mal was Neues einfallen. Du erregst mein Mitleid, alter Freund. Wie könnte ich dir diesen Wunsch abschlagen.“

„Dann schwebe ab.“

„Deine Wilman-These ist doch völliger Quatsch. Abfalleimerreif. Hunderte von Irren laufen in der Welt herum und halten sich für Napoleon oder George Washington“, versuchte Rogers ein letztes Mal, Bount Reiniger von seinem Plan abzubringen.

„Wenn du nicht bald hier raus bist, bilde ich mir ein, ich sei Jack the Ripper“, warnte Bount Reiniger und fletschte die Zähne.

„Kulturbanause“, meldete sich Rogers empört. „Nicht einmal Nationalbewusstsein. Aber du sollst deine Bilder kriegen. Vielleicht wirst du deinen Wilman-Komplex dann endlich los.“

„Eine Kiste Whisky dagegen.“

Der Captain war einverstanden. Er verschwand mit einem Siegerlächeln, als hätte er die Wette bereits gewonnen. Viel zu spät fiel ihm ein, dass er noch drei Steaks hätte drauflegen sollen.

Das Attentat auf ihn in seinem Büro ließ Bount Reiniger nicht ruhen. Er war auf der Suche nach einer Spur, die sich jedoch nirgendwo zeigte.

Eins war allerdings so gut wie sicher: Der geheimnisvolle Killer musste eine Frau sein. Dafür gab es zwei Indizien. Erstens die Aussage des Milchmanns und zweitens die Kunsthaare in Stanfords Wagen. Wie er in Erfahrung gebracht hatte, war die Frau des toten Lieutenants brünett und trug keine Perücken. Und Stanford war auch nicht der Typ gewesen, der mit anderen Frauen ein Verhältnis hatte.

Rogers' Idee mit dem Transvestiten fiel ihm wieder ein. Er fragte sich, ob dies vielleicht nicht doch eine Möglichkeit sein könnte. Aber der Milchwagenfahrer hätte das bestimmt bemerkt. Zumindest an der Stimme.

Er wandte sich an June, die verdattert und ziemlich ratlos in dem zerstörten Büro stand. Sämtliche Akten, Unterlagen und andere Ordner waren vernichtet.

„Deine Kundenkartei ist auch futsch“, bemerkte sie hilflos.

„Hauptsache, du bist nicht futsch.“ Bount warf seiner Assistentin einen tröstenden Blick zu. „Eigentlich hätte ich Kaffeedurst.“

Dabei schielte er zum Fenster hinüber, wo die Maschine gestanden hatte. Gähnende Leere. Die kleine Pause fiel also auch ins Wasser.

„Hör zu, June“, ordnete er an. „Du solltest zuerst die Müllabfuhr, dann einen Anstreicher und zuletzt einen Möbelfritzen bestellen, der uns wieder häuslich einrichten kann. Vorher könntest du aber noch rasch in die Redaktion der New York Times rüberlaufen und mir gute Kopien der Bilder besorgen, die damals vom Jackson-Prozess gemacht wurden. Besonders wichtig ist für mich ein Foto von dieser Gloria. Kann zwar sein, dass Toby schon eins hat, aber ich will keine Zeit verlieren.“

June March nickte. Sie wirkte noch ein wenig blass. Ansonsten hatte sie den Schock gut überstanden. Besorgt sah sie Bount an.

„Warte erst mal, bis Toby den Jungen gefunden hat“, versuchte sie ihn zu bremsen. „Vielleicht kommt durch die Bilder Licht in die Sache. Wenn du Glück hast, kann die Polizei dann eine Fahndung starten.“

Junes Zuversichtlichkeit konnte Bount nicht teilen. Wenn er eins hasste, war es die Unbeweglichkeit. Die Tatsache, dass er es höchstwahrscheinlich auch noch mit einer Frau zu tun hatte, beunruhigte ihn noch mehr.

Diese Killerin hasste mit dem ganzen Herzen. Zudem war sie noch eiskalt und intelligent. So leicht würde sie der Polizei nicht in die Falle gehen. Sie verstand es, sich gut zu tarnen.

June March verließ das Büro.

Bount Reiniger rief ihr noch nach, dass er in einer Stunde bei Toby Rogers zu erreichen sei.

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Du denkst wohl auch, ich kann zaubern“, maulte der Captain, als Bount in sein Büro trat. „Du siehst doch, dass ich Besuch habe.“

Vor Rogers' Schreibtisch saß eine schwarz gekleidete Frau. Sie wandte sich um, als der Detektiv eintrat.

Reiniger sog die Luft geräuschvoll ein. Er ahnte, wer dort vor ihm saß. Das musste Mrs. Stanford, die Witwe des Lieutenants, sein.

Die junge Frau hatte ihren Mann verloren. Sie wirkte blass und übernächtigt. Eins aber war trotzdem nicht zu übersehen. Diese Frau war schön. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den schmalen Augen und dem sinnlichen Mund brachte jedes Männerherz fast zum Stillstand. Allein ihr Blick konnte selbst erfahrene Playboys rasend machen.

„Darf ich vorstellen?“ Rogers stand auf und mimte den Gentleman. „Mrs. Stanford - Bount Reiniger, ein Freund von mir und leider auch in diesen schlimmen Fall verwickelt.“

„Sie sind in Gefahr?“ Die Stimme der Frau klang warm und weich. „Wie schrecklich.“ Unwillkürlich presste sie ihre kleine Hand vor die Lippen und senkte den Blick. Der Gedanke an den Tod ihres Mannes schien sie wieder zu übermannen.

Bount Reiniger setzte sich auf einen Stuhl neben der Glastür. Den bösen Blick, den Rogers ihm zuwarf, ignorierte er einfach.

Er war noch immer ganz von dieser herrlichen Erscheinung hin- und hergerissen. Mrs. Stanfords Figur ließ alles andere vergessen. Selten hatte Bount solche atemberaubenden Kurven gesehen. Das schwarze Trauerkleid war eine Spur zu eng und raffiniert geschnitten. Es verhüllte nichts. Im Gegenteil, es betonte.

„Ich denke, Sie werden Ihr Bestes tun, Captain.“ Die Frau erhob sich und reichte Rogers die Hand.

Tobys Gesicht zerfloss vor Höflichkeit. Entsetzt nahm Bount wahr, dass er sich sogar leicht verbeugte und einen Diener andeutete.

Das Rasseln des Telefons ließ es nicht zu, dass er sich länger mit seinem Besuch beschäftigte.

„Kleinen Moment noch“, entschuldigte er sich und nahm ab.

„Was gibt es?“, fragte er mürrisch in die Sprechmuschel.

Eine Weile lauschte er.

„Nein, nein“, meinte er schließlich. „Whitman soll sich vorläufig nicht in New York blicken lassen. Die paar Tage in Ridgewater werden ihm guttun. Oder hat sein Bruder ihn rausgeworfen?“

Wieder lauschte er, grinste und legte dann mit einem kurzen Gruß auf.

„Verzeihen Sie, Mrs. Stanford. Aber im Moment ist hier die Hölle los. Ich wollte nur noch sagen, dass ich Sie auf dem Laufenden halten werde, sobald ich neue Erkenntnisse habe.“

Die brünette Schönheit bedankte sich, nickte Bount Reiniger zu und verließ das Büro. Wenig später war sie im Seitentrakt verschwunden.

„Wie ist Stanford nur zu diesem Traum von Frau gekommen?“, dachte Bount laut.

„Wahrscheinlich, weil er nicht so aufdringlich war wie du“, knurrte der Captain missmutig.

Reiniger schnalzte mit der Zunge.

„Oh, wieder mal eine Laus über die Leber gelaufen?“

„Du hast gut reden“, beschwerte sich Rogers. „Glaubst du vielleicht, du bist das einzige Opfer der Unterwelt. Mir wächst die Arbeit über den Kopf. Jetzt hat sich auch noch der Polizeipräsident eingemischt und wünscht baldige Aufklärung von Stanfords Mord. Primärer Aktionsbereich nennt er so etwas.“

„Alles schön und gut.“ Bount zeigte sich unbeeindruckt. „Hast du den Boten ausfindig gemacht? Und was ist mit dem Milchmann?“

Seufzend lehnte Rogers sich in seinen Bürostuhl zurück und bedeckte die Augen mit seinen breiten Händen. Als er durch zwei Finger hindurchschielte, blickte er in ein offenes, grinsendes Gesicht.

„Ist die Mordkommission eigentlich nur für dich da?“, wollte er wissen. „Wie ich sehe, bist du noch nicht tot. Also fällst du nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.“

„Richtig“, konterte Bount Reiniger und schob die Hände in die Hosentaschen. „Darf ich dich aber noch ein weiteres Mal an die ungeheuren Kranzkosten erinnern, die auf dich zukommen, wenn ich den Löffel abgebe?“

Wieder stieß Toby einen gequälten Seufzer aus. Bounts loses Mundwerk fing an, ihn zu nerven.

„Im Nebenzimmer sitzt Sergeant Williams, ein Zeichner vom Erkennungsdienst. Dein Milchmann und der Botenjunge sind auch da. Wie du siehst, ist alles für dich organisiert. Nun mach aber, dass du rauskommst, bevor ich die Geduld verliere.“

„Nicht zu glauben“, wunderte sich Bount Reiniger und kam näher an den Schreibtisch heran. „Gibt es das?“

„Was?“

„Dass du die Geduld verlierst? Ich dachte immer, Dicke sind unheimlich gemütlich.“

Nur mit knapper Not entkam Reiniger einem gefüllten Aktenordner.

Im Nebenzimmer fand er die zwei Zeugen, die als Einzige die Killerin bisher gesehen hatten.

Gerade war Sergeant Williams, ein noch sehr junger Mann mit blondem Haar und schmalem Gesicht, dabei, eine Zeichnung nach Angaben der beiden zu entwerfen.

Reiniger stellte sich vor und erntete bewundernde Blicke. In New York war Bount Reiniger alles andere als unbekannt.

Der Milchwagenfahrer schaute nicht mehr ganz so grimmig drein, als er hörte, wer vor ihm stand. Abwesend zupfte er an seiner weißen Kappe, die er zwischen den Fingern hielt.

„Mein Name ist Toby Mercheant. Nett, Sie kennenzulernen. Trotzdem passt es mir gar nicht, dass ich andauernd von der Polizei belästigt werde. Die Nachbarn, Sie verstehen ...“

Reiniger beruhigte den Mann und bat ihn, sich wieder zu setzen.

„Sie sind ein wichtiger Zeuge, Mr. Mercheant, wissen Sie das nicht? Vielleicht können Sie uns helfen, einen Mörder dingfest zu machen.“

Der Fahrer und auch der Junge in seinem Baseballhemd sperrten die Münder auf. Man hatte ihnen offenbar noch nicht gesagt, worum es überhaupt ging.

„Ja, zwei sind schon tot. Und ich stehe als nächster auf der Abschussliste.“

„Wow, das ist eine Wucht.“ Der Junge pfiff durch die Zähne. „Der große Bount Reiniger mal wieder in Aktion. Wenn ich das meinen Kumpels erzähle, dass ich Ihnen helfen konnte. Worum geht es?“

Bount kam gleich zur Sache. Zeit, lange zu palavern, hatte er nicht.

An Sergeant Williams gewandt, fragte er, ob man ihm Fotos aus dem Archiv besorgt hatte. Der Uniformierte verneinte.

Reiniger zerbiss einen Fluch auf den Zähnen. Er hoffte nur, dass June bald mit den Presseunterlagen hineinschneite.

„Also Leute, hört mal gut zu“, begann er. „Die Frau, die ihr gesehen habt, ist der Killer, hinter dem wir her sind.“

Weiter kam er nicht.

„Nicht zu fassen“, meldete sich Mercheant. „Dieses Klasseweib eine Mörderin? Kann ich nicht glauben. Mit ihren langen, blonden Haaren sah sie eher wie ein Engel aus.“ Dabei grinste er Bount Reiniger unverblümt und ziemlich eindeutig an.

„Wie war es mit dir, Sonnyboy“, wandte sich der Detektiv an den Jungen.

„Kann ich eine Zigarette haben, Mister?“, fragte der Bursche lässig. „Habe meine zu Hause vergessen. Die Cops waren ein wenig schnell, müssen Sie wissen.“

Bount wollte instinktiv in seine Jacketttasche greifen. Mitten in der Bewegung stoppte er.

„Nichts zu machen, Sonnyboy. Will keinen Ärger mit deinen Eltern haben. Wie alt bist du überhaupt?“

Der Junge, sein Name war Ted Tender, wie Bount bald erfuhr, verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Dann eben nicht“, knurrte er.

Die freche Art des Jungen ließ Bount kalt. In den Slums von Harlem und Brooklyn wurde ganz anders gesprochen. Selbst einem abgebrühten Typ wie ihm konnten da die Ohren abfallen.

„Teil dem Sergeant alles mit, was du weißt. Vielleicht kann eine Zeichnung bei einer Fahndung helfen.“

So einfach, wie Reiniger es sich vorgestellt hatte, war das leider nicht. Ted erwies sich als ziemlich stur.

„Weiß nur noch, dass die Alte rote Haare hatte und wie ein Mopp aussah. Fast so wie ’ne Nutte von der East Side. Angemalt wie ’n Farbkasten und mit so langen Wimpern, dass man sich die Stirn damit kitzeln konnte.“

„Weißt du, was sie dir in die Hand gedrückt hat?“, fragte Bount.

„Was geht mich das an? War ’n Botengang. Mehr nicht.“

Bount Reiniger merkte, dass er mit der sanften Tour bei dem Jungen nicht weiterkam. „Hör zu, Ted.“ Er baute sich drohend vor ihm auf. „Ich habe es nicht gern, wenn man mir eine Bombe ins Büro bringt und mich auspusten will, kapiert? Dann werde ich nämlich ziemlich ungemütlich.“ Er versetzte dem Bengel einen kurzen Schlag gegen die rechte Schulter.

Einen Moment vergaß Ted Tender, auf seinem Bubblegum herumzukauen. Unglauben stand in seinen pechschwarzen Pupillen. Seine Nasenflügel bebten.

„Das ist nicht wahr“, stieß er schließlich empört hervor. „Sie hat mir gesagt, es sei von einem Captain Rogers und für Sie bestimmt. Wie sollte ich denn wissen, dass dieses Weib ...“

„Schon gut, schon gut“, winkte Bount ab. „Ich will hier keine Erklärungen, sondern eine vernünftige Mitarbeit. Geht das jetzt in deinen Schädel rein?“

Schmatzend kaute Ted wieder auf dem Gummi herum. Dabei wich er Bounts Blick keine Sekunde aus. „Okay, Mister. Fangen wir an!“

Schweigend setzte Reiniger sich in eine Ecke und beobachtete den Sergeant vom Erkennungsdienst, der den weichen Bleistift wie ein Künstler über das Papier huschen ließ. Hin und wieder verlangten Mercheant oder der Junge Korrekturen.

Manchmal konnten sie sich nicht einigen und gerieten sich dabei fast in die Haare. Ted benahm sich mit seinen vierzehn Jahren nicht gerade wie ein wohlerzogener Junge. Man konnte deutlich merken, dass die Slums ihn bereits verdorben hatten. Seine Schimpfworte bewiesen es.

Es vergingen fast zwanzig Minuten, bis Williams fertig war.

Bount schaute sich das gezeichnete Gesicht genau an. Aber er wurde enttäuscht. Insgeheim hatte er gehofft, Gloria Wilman darin zu erkennen. Aber diese Phantom-Skizze stimmte nicht mit dem Bild überein, das er sich von der Gangsterbraut in seiner Erinnerung machte.

In diesem Augenblick betrat June March das Zimmer.

Blond, langbeinig und wohl proportioniert. Der rote Rock war bis zu den Oberschenkeln seitwärts geschlitzt. Die einfache Satinbluse betonte jede weibliche Kurve. Ihre Beine steckten in weißen Wildlederstiefeln. Den schwarzen Regenmantel und ein paar Akten trug sie unter dem Arm.

Sergeant Williams fiel fast der Bleistift aus der Hand. Mercheant schluckte, als habe er einen Stein gefrühstückt. Ted allerdings pfiff bewundernd und meinte: „Wo kommt der steile Zahn denn her?“

„Das ist Miss March, meine Mitarbeiterin.“

Die beiden Männer nickten kurz und ließen keinen Blick von dieser blonden Schönheit.

June erwiderte den Gruß. Dann kam sie rasch zur Sache und schob ihrem Boss die Unterlagen zu.

„Ein bisschen dürftig, doch ich hoffe, es ist etwas für dich dabei“, sagte sie.

Bount Reiniger schlug den Aktendeckel auf. Mehrere Fotos und Zeitungsausschnitte kamen zum Vorschein. Auf einem Bild war Gloria Wilman deutlich zu sehen.

„Malen Sie doch bitte mal das Gesicht dieser Frau. Allerdings versuchen Sie, sie ein wenig älter zu machen und alles das, was die Männer eben sagten, mit in dieses Bild hineinzuzeichnen, soweit es geht.“

„Geht klar.“ Der Sergeant riss seinen Blick von June los. Ihr Lächeln hatte ihn ein wenig nervös gemacht, obwohl er als gut aussehender Mann viele hübsche Frauen kannte und eng mit ihnen befreundet war.

Konzentriert huschte sein Stift jetzt über das Papier. Nach ein paar Minuten riss er das Blatt Papier vom Block und gab es dem Detektiv.

Reiniger schaute sich die Zeichnung an und reichte sie an Mercheant weiter.

Der schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, das ist sie auch nicht, Sir“, erklärte er. „Außerdem kann ich sie nicht richtig beschreiben. Sie sah halt nur dufte aus, so wie ein Filmstar.“

Ohne Murren nahm Williams das Bild zurück und radierte die Haarpracht aus. Mit wenigen Strichen verpasste er seinem Werk einen Lockenkopf.

„Erkennst du in dieser Zeichnung die Frau wieder?“, fragte Bount jetzt den Jungen.

„Nein, Sir. Nie gesehen. Nichts zu machen.“

„Auch nicht so?“ Der Zeichner verstärkte die Linien um die Augenpartien und Brauen.

Ted schüttelte den Kopf.

Reiniger wusste nicht weiter. Der letzte Funken Hoffnung war dahin. Er hatte ehrlich geglaubt, dadurch auf die Spur der Killer-Lady zu kommen.

„Fehlanzeige“, murmelte er, als die beiden Zeugen gegangen waren. Nur Sergeant Williams saß noch auf seinem Hocker und zeichnete. Gelegentlich schaute er auf. Dann widmete er sich wieder seinem Block, während Bount und June sich unterhielten.

„Tut mir leid, dass es nicht geklappt hat“, bedauerte der Sergeant ein paar Minuten später und lächelte June March an.

Er riss ein Blatt von seinem Block und überreichte es ihr. „Nur eine rasche Skizze, doch ich hoffe, sie gefällt Ihnen?“ Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich und verschwand.

„Er ist ein wahrer Künstler.“ June war von ihrem Portrait hin- und weg. Was dieser junge Mann mit wenigen Strichen fertigbrachte, konnte sich sehen lassen.

„Nimm dein Meisterwerk und komm mit.“ Bount Reiniger war alles andere als gut gelaunt. „Erst einmal brauche ich einen doppelten Whisky und etwas zu essen.“

Sie fuhren nach Greenwich Village und entschieden sich für ein kleines Bistro an der achten Avenue. Zu dieser Tageszeit war in den Lokalen noch nicht viel los.

Bount verhielt sich wie ein Verfolgter. Erst als sie das kleine Restaurant betreten hatten und am Tisch saßen, wurde er ruhiger. Trotzdem hielt er seine Rechte verdächtig nahe am Revers seines Jacketts. Nervös huschten seine Augen umher. Besonders die Frauen, die zu Gast in diesem Bistro waren, musterte er eindringlich.

Die Bedienung kam. Es war ein hübsches Mädchen Anfang zwanzig. Sie lächelte verbindlich und fragte nach den Wünschen. Danach ging sie sofort zur Theke.

„Sie ist gewiss nicht die Killerin“, bemerkte June leise. „Denke daran, dass wir noch nie in diesem Lokal gewesen sind. Und auch ziemlich selten in Greenwich Village.“

„Okay“, meinte Reiniger und räusperte sich.

June hatte recht. Im Moment bestand keine akute Gefahr. Bisher hatte die Killer-Lady alles haarklein austüfteln und organisieren können. Nun aber, da zwei Attentate schiefgelaufen waren, musste sie entweder improvisieren oder neu organisieren. Das Letztere aber kostete Zeit.

Und Bount Reiniger war nicht gewillt, sie unnütz verstreichen zu lassen.

„Harold Whitman ist in Sicherheit, wie Toby mir bescheinigte. Also wird sie sich auf mich konzentrieren“, vermutete er und biss in das Sandwich, das die Bedienung ihm lächelnd serviert hatte.

Er ahnte nicht, dass er mit dieser These so ziemlich auf dem Holzweg war. Die Killer-Lady hatte ihr nächstes Opfer bereits ausgemacht.

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9

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Gemächlich schob sich der Lincoln durch den zähen Verkehr und wählte die nächste Ausfahrt. In großen Lettern zeigte das Hinweisschild den kleinen Ort Ridgewater westlich von New York an.

Der dunkelblaue Wagen mit dem weißen Dach verließ den mehrspurigen Highway und fuhr weiter nach Westen.

Die Nationalstraße war gut ausgebaut, breit und eben. Wie eine pechschwarze Schlange mit weißer Rückenmarkierung zog sie sich durch die Landschaft.

Schon nach wenigen Meilen war die Fahrerin am Ziel. Ein vergilbtes Blechschild wies auf den Ortsanfang von Ridgewater hin.

Gloria Wilman lebte seit ihrer Kindheit in New York. Aber dieses Städtchen kannte sie nicht einmal von der Straßenkarte her.

Ein abfälliges Lächeln huschte über ihr wunderschönes Gesicht. Äußerlich glich sie einem Engel. In ihr aber pochte das Herz eines Teufels. Unbeirrt würde sie weitermorden, bis der Schwur seine Erfüllung gefunden hatte.

Ihre Mundwinkel zuckten. Ein hämisches Grinsen lief über ihr Gesicht. Noch zwei Männer mussten getötet werden, dann war Terry Jackson gerächt und sein Tod gesühnt.

„Ich werde dich finden, Harold Whitman“, sagte sie halblaut und drehte das Radio an. „In diesem Nest wird das nicht schwer sein.“

Der Hass in ihr war unerträglich. Sie hatte sich in diesen Zustand hineingesteigert, bis sie an nichts anderes mehr denken konnte.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Mann vor sich. Schicke Polizeiuniform, herrisches und selbstsicheres Auftreten. Und dann die Siegerpose, als er und Stanford ihren Liebhaber festgenommen hatten.

Ja, Whitman war einer derjenigen gewesen, die Terry in den Todesblock und zu guter Letzt in die Gaskammer gebracht hatten.

Terry! Allein der Name brachte sie an den Rand des Wahnsinns. Nie zuvor und auch danach nicht hatte sie einen anderen Mann so geliebt.

„Er war doch unschuldig“, sagte sie halblaut. Tränen schossen in ihre Augen. „Man hat ihn einfach umgebracht. Er war nicht schuld daran, dass die Polizisten getötet wurden. Er musste sich doch wehren, sonst hätten sie ihn umgebracht.“

Die Tränen versiegten und machten jetzt einem harten Glanz in den Pupillen Platz. Die Augen der Frau, die nichts anderes mehr als Hass kannte, blitzten heimtückisch. Sie hatte Ridgewater erreicht.

Alle Trauer war vergessen, als sie die nächste Telefonzelle ansteuerte und ausstieg. Sie brauchte sich nicht zu fürchten, dass man sie erkannte. Vor fünf Jahren war ihr Bild zwar oft in der Zeitung gewesen, aber das lag lange zurück. Zudem hatte ein Gesichtschirurg ihr Aussehen ein wenig verändert. Selbst ihr früherer Verlobter wäre heute achtlos an ihr vorbeigegangen.

Sie trug eine Perücke mit blondem Kunsthaar, welches gerade die Schultern berührte. Ihre Kleidung wirkte alles andere als elegant. Dies würde eventuelle Verfolger, die es aber garantiert nicht gab, irritieren.

Gloria Wilman fühlte sich sicher. Ihr drohte keine Gefahr. Seit über einem Jahr wohnte sie unter falschem Namen, war verheiratet und hatte ihren großen Rachefeldzug optimal vorbereiten können.

In der Telefonbox suchte sie im Buch nach einem Namen. Sie hatte herausgefunden, dass Whitman sich hier bei seinem Bruder versteckt hielt. Ihre zarten Finger glitten über das Papier, bis sie abrupt stoppten. Glorias Körper versteifte sich.

In Ridgewater gab es nur vier Whitmans. Das war leichte Arbeit.

Sie notierte sich die Adressen und verließ die Zelle. Unauffällig blickte sie sich um. Keiner hatte von ihr auch nur die geringste Notiz genommen. So, wie sie aussah, glich sie einer Schlampe, die nichts Attraktives an sich hatte.

Glorias Aufmachung hatte ihren guten Grund. Sie wusste, dass sie schön und begehrenswert war. Diesen Trumpf aber wollte sie erst ausspielen, wenn sie Harold Whitman ausfindig gemacht hatte.

Auf jeden Fall würde sie sich Zeit lassen und diesmal keinen Fehler machen. Das Strychnin in der Milch hatte nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Ein zweites Mal wollte sie nicht versagen.

Was sollte Terry von ihr denken? Sie hatte es ihm versprochen. Koste es, was es wolle. Bis zur bitteren Neige würde sie kämpfen, um seinen Tod zu rächen. Ja, nicht einmal ein so berühmter und ausgefuchster Detektiv wie dieser Bount Reiniger, der sich damals wie ein Bluthund auf die Spur von Terry gesetzt und ihn schließlich gestellt hatte, sollte ihr entkommen.

Für Reiniger hatte sich Gloria Wilman etwas ganz Besonderes ausgedacht. Stanford, Walthers und Whitman interessierten sie weniger. Sie waren tot oder würden es bald sein. Bount Reiniger aber sollte tausend Tode sterben. Terry hatte auch so gelitten. Reiniger sollte es noch viel schlimmer treffen, denn für sie war er der Hauptschuldige.

Nach und nach fuhr sie die Adressen ab. Sie brauchte den ganzen Tag, bis sie herausbekommen hatte, wo sich Harold Whitman verkrochen hatte.

Es war ein kleines Hotel, das von einem gewissen Michael Whitman geführt wurde. Gloria beobachtete, wie Harold aus dem Haus kam und zum Supermarkt ging. Unauffällig folgte sie ihm. Mit der Präzision eines Uhrwerks nahm sie alles wahr. Nichts entging ihr. Aber sie ließ sich Zeit.

Es dauerte lange, bis Harold den Laden an der Ecke verließ. Dem Umfang der Ware nach zu urteilen, machte er sich als Einkäufer für die Küche nützlich. Zu dem Hotel gehörte ein kleines Restaurant.

Gloria kombinierte rasch. Sie brauchte nicht lange, um einen Plan auszuarbeiten. Am nächsten Tag würde Whitman wieder einkaufen gehen. Dann war die Zeit für sie gekommen, den tödlichen Köder auszulegen.

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10

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In den letzten Tagen hatte sich Harold Whitmans Nervosität ein wenig gelegt. Hier draußen in Ridgewater fühlte er sich sicher vor dem unheimlichen Mörder, der nun sogar versucht hatte, Bount Reiniger mitsamt seinem Büro in die Luft zu jagen. Die Zeitungen waren voll davon.

Den ganzen Tag herumzusitzen, passte Whitman überhaupt nicht. So ging er seinem Bruder ein wenig zur Hand und half, wo er konnte. Bei der Wach- und Schließgesellschaft in Manhattan hatte er sich einfach unbezahlten Urlaub genommen. Sein Chef hatte erfahren, was geschehen war und vollstes Verständnis gezeigt.

Whitman wusste, dass er seinen Job nicht gleich verlieren würde, wenn er etwas länger wegblieb. Mr. Lawrence konnte man vertrauen und beim Wort nehmen.

Wie gewöhnlich machte Whitman sich an diesem Morgen auf den Weg in Millers Supermarkt, um die täglichen Besorgungen für das Restaurant zu erledigen. Bald schon quoll der Einkaufswagen über. Nur noch frisches Brot fehlte.

Er war viel zu sehr mit sich und seiner Einkaufsliste beschäftigt, als dass er die junge Frau bemerkte, die mit einer Tüte Milch in der Hand aus dem Seitengang kam.

Gerade wollte Whitman seinen Einkaufswagen weiterschieben, als es passierte. Mit voller Wucht traf er die Frau an der Hüfte. Sie stolperte und fiel. Die Milchtüte zerplatzte.

Der Inhalt ergoss sich über den gefliesten Boden.

„Oh“, rief er erschrocken aus und stand für eine Sekunde unschlüssig da.

Kunden drehten sich um. Ein Mann im weißen Kittel sprang herbei und half der Schwarzhaarigen auf die Beine. Mit einem Seitenblick streifte er den Ungeschickten und schüttelte den Kopf.

„Haben Sie Knöpfe auf den Augen?“, schimpfte er, während er der Frau mit einem Taschentuch die Milch vom Jackenärmel wischte. „Sie sind hier nicht auf einer Rallye.“

„Ich ich habe sie nicht kommen sehen.“ Whitman war verwirrt. „Bitte entschuldigen Sie, Madam. Ich bin untröstlich. Selbstverständlich komme ich für die Reinigung ihrer Kleidung auf. Haben Sie sich verletzt?“ Er schaute der Frau mitten ins Gesicht und hatte das Gefühl, einen Stromschlag erhalten zu haben. So eine Schönheit hatte er noch nicht gesehen. Ihm fehlten die Worte.

Die Frau trug das Haar kurz und leicht lockig. Die dunklen, mandelförmigen Augen versprühten etwas Erotisches.

„Es ist ja nichts passiert“, zeigte sich die junge Frau versöhnlich. „Gibt höchstens ein paar blaue Flecke. Und so teuer ist eine Strumpfhose auch nicht.“

Erst jetzt bemerkte Harold Whitman, dass sie sich das Knie aufgeschlagen hatte. Die Strumpfhose wies ein großes Loch auf.

„Wie kann ich das nur wieder gutmachen?“, seufzte er und wusste nicht, was er tun sollte. Nervös spielte er mit den Fingern. „War wirklich keine Absicht.“

Die anderen Kunden gingen weiter. Sie hatten wohl einen handfesten Streit erwartet. Dass man sich nun offensichtlich gütig einigte, enttäuschte sie scheinbar sehr. Auch der Mann in dem weißen Kittel verzog sich wieder hinter den Obst- und Gemüsestand und bediente weiter. Eine Weile tuschelte er noch mit Kundinnen.

„Strafe muss sein“, meinte die junge Frau und lächelte gewinnend Whitman an.

Der Wachmann merkte sehr rasch, dass er hier vielleicht die Chance hatte, einen netten Abend zu verbringen. „Zu was verurteilen Sie mich denn?“

„In Ihrem Fall können Sie das Strafmaß selbst bestimmen“, erwiderte sie mit sanfter Stimme. „Was schlagen Sie vor?“

Whitmans Herz schlug schneller. Mittlerweile war er sogar glücklich darüber, die junge Frau umgefahren zu haben.

„Ich kenne außerhalb von Ridgewater ein kleines, nettes Lokal. Wie wäre es, wenn ich Sie zum Essen einlade? Oder halten Sie zehn Peitschenhiebe für angemessener?“

Er lächelte und gab sich gelöst. Seine männliche Eitelkeit war angestachelt. Solche Situationen zählten zu den Sternstunden eines Junggesellen. Man musste sie nutzen.

„Ich bin nicht für Gewalt“, erwiderte die junge Frau lächelnd. „Deshalb nehme ich lieber den ersten Vorschlag an und verdonnere Sie zu einem pompösen Abendessen mit Champagner.“

„Einverstanden.“ Whitman war heilfroh, dass alles so glimpflich abgegangen war und sich auf fast märchenhafte Weise eine traumhafte Bekanntschaft daraus entwickelt hatte.

„Oh, ich vergaß ganz, mich vorzustellen“, fiel ihm noch ein. „Ich heiße Harold Whitman.“

„Rebecca Winter.“

„Ein melodischer Name“, sagte Whitman. „Wann und wo darf ich Sie abholen?“

Die Frau überlegte kurz.

„Um acht Uhr, Brompton Street, Ecke Michelson Park?“

„Ist recht. Werde pünktlich sein“, versprach Harold Whitman weltmännisch.

Sie nickte und verschwand dann neben einem Regal, ohne noch etwas zu sagen. Zum Abschied hatte sie ihm noch ein verführerisches Lächeln geschenkt.

Eine Weile stand Whitman unschlüssig neben seinem Einkaufswagen. Endlich entschloss er sich, weiterzugehen. Er holte das frische Brot aus dem Regal und marschierte mit seinen Waren in Richtung Kasse.

Rebecca Winter war nirgendwo mehr zu sehen.

Er schaute auf die Uhr, während die Kassiererin die Preise eintippte. Fast abwesend bezahlte er und verstaute das Gekaufte in zwei Tüten.

Harold Whitman war völlig aus dem Häuschen. Noch nie in seinem Junggesellenleben war ihm solch eine Frau über den Weg gelaufen. Und gerade diese Schönheit hatte ihn zu einem gemeinsamen Abendessen animiert. Er schwebte auf rosa Wolken und kam sich vor wie ein Teenager, der seiner ersten, großen Liebe begegnet war.

Die Zeit bis zum Abend wurde ihm lang. Schon am Nachmittag duschte er, rasierte sich sorgfältig und wählte ein herbes Aftershave. Mehrere Male wechselte er die Krawatte, bis ihm eine endlich gefiel. Als er um sieben Uhr endlich fertig war, lief er wie ein gefangenes Tier im Käfig durch sein Zimmer im ersten Stock. Er hatte alles sorgsam aufgeräumt. Man konnte nie wissen, ob Rebecca nach dem Abendessen noch sein Zimmer sehen wollte. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Er war sich sicher, dass er bei dieser Frau Chancen hatte.

Um halb acht hielt er es nicht mehr aus und fuhr los. Er hatte sich von seinem Bruder den roten Cadillac geliehen. Der Wagen sah nach mehr aus als sein alter, rostender VW Käfer, den er seit 10 Jahren fuhr. Dieses deutsche Auto liebte er viel zu sehr, um es verschrotten zu lassen. Aber für einen so vielversprechenden Abend war der Cadillac doch besser geeignet.

Als Whitman am verabredeten Treffpunkt ankam, staunte er nicht schlecht.

Rebecca Winter war schon da.

Es war bereits dunkel. Die Scheinwerfer erfassten ihre Gestalt. Deutlich konnte er ihren formvollendeten Körper sehen. Ein schwarzer Ledermantel betonte jede Kurve.

„Das nenne ich weibliche Pünktlichkeit“, lobte er, als sie zu ihm in den Wagen stieg. „Hat man selten.“

Sie plauderten über belanglose Dinge, während Whitman den Cadillac gemächlich durch die Straßen lenkte. Er konzentrierte sich auf den Verkehr, obwohl ein Blick zur Seite gewiss reizvoller gewesen wäre.

Endlich verließen sie das kleine Städtchen und kamen auf die Ausfallstraße nach Westen. Eine Tankstelle mit ihrer mannshohen Reklametafel tauchte auf. Sie ließen sie links liegen.

„Bald sind wir da.“ Whitman ging vom Gas und schaltete herunter. Vorsichtig bog er in einen Seitenweg, der gut asphaltiert war.

Das „Los Argentinos“ war ein kleines Lokal mit hauptsächlich südamerikanischen Gerichten auf der Speisekarte. Viele kannten es nicht. Es galt als Geheimtipp. Vor ein paar Monaten war Harold schon einmal mit seinem Bruder hier essen gewesen.

Für Whitman wurde der Abend, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Bei Kerzenschein und einem guten Rotwein kamen er und Rebecca sich näher.

Als sie gegessen hatten, spürte er, wie das erotische Knistern zwischen ihnen unerträglich wurde.

„Was wollen wir noch unternehmen?“, fragte er unmissverständlich.

Ehe sie antworten konnte, kam der Kellner mit der Rechnung. Whitman bezahlte und legte ein gutes Trinkgeld zu. Das war ihm die Sache wert.

„Ich kenne mich hier draußen nicht aus“, musste sie eingestehen. „Auf jeden Fall möchte ich noch ein wenig spazieren gehen. Sieh nur, wie hell es draußen ist. Wir haben Vollmond.“

Whitman war ein wenig enttäuscht. Er zeigte es aber nicht. Auf keinen Fall wollte er die Stimmung zerstören. Die Nacht war noch lang. Was Frauen beabsichtigten, wusste man nie genau.

„Ein paar Meilen weiter liegt ein kleines Wäldchen und ein See. Wollen wir dort hinfahren?“

Sein Vorschlag wurde mit einem strahlenden Lächeln angenommen. Er merkte, wie sein Herz vor Verlangen und Begehren noch heftiger zu pochen begann.

Rebecca stand auf. Sein Blick saugte sich an ihrem Körper fest. Das rote Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren makellosen Körper. Sein Atem ging rascher als beabsichtigt.

Er musste diese Frau besitzen. Zu einem anderen Gedanken war er nicht mehr fähig.

Sie fuhren zum See hinaus: Ein kleiner Parkplatz lag unmittelbar in der Nähe. Weit und breit konnte man kein Auto ausmachen. Nur am Wochenende standen hier einige Fahrzeuge, wenn die Liebespaare Stille und Zweisamkeit suchten.

Whitman stellte den Motor ab und beugte sich zur Seite.

„Wollen wir denn wirklich um den See spazieren gehen?“, hauchte er ihr ins Ohr.

„Nein, mein Freund.“

Plötzlich klang ihre Stimme ungewöhnlich kühl. Er schaute sie verwundert an.

„Was ist los mit dir, Rebecca? Habe ich dich verärgert?“

Sie lächelte. Ringsum war es stockdunkel, denn er hatte die Scheinwerfer bereits ausgeschaltet.

„Zuerst möchte ich dir etwas geben.“

Whitman war verwirrt.

„Was denn?“, fragte er.

Sie kramte in ihrer Tasche. Whitman hatte die Innenbeleuchtung angestellt. Das Licht der kleinen Lampe reichte, um genügend zu sehen. Dann übergab sie ihm einen Briefumschlag.

Whitman betrachtete das weiße Kuvert. „Was soll ich damit?“

„Aufmachen“, verlangte Rebecca Winter und schenkte ihm ein Lächeln.

Er übersah das eisige Glitzern in ihren schönen Augen und riss den Umschlag auf. Eine Karte kam zum Vorschein.

Whitman erstarrte, als er las, was darauf stand.

Ihr werdet noch von mir hören. T. J.

Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Seine Hände begannen zu zittern. Sein Kopf ruckte zur Seite. Entsetzt blickte er die Frau an.

Ein kreisrundes, schwarzes Loch zeigte auf seinen Kopf die Mündung einer 38er Beretta.

Whitman sah das Gesicht der Frau und wusste sofort, dass sein Leben keinen Pfifferling mehr wert war. Hass glänzte in den Augen von Rebecca Winter. Ihr Mund war nur noch ein blutleerer Strich.

„Wer bist du?“ Mühsam presste Whitman die Frage hervor. Zu mehr war er nicht fähig. „Warum nur? Warum? Ich habe dir nichts getan.“

„Nein, wirklich nicht?“ Die Frau stieß die Worte verächtlich hervor. „Du hast mir meinen Verlobten genommen. Du bist schuld am Tode von Terry Jackson. Und das sollst du büßen. Ich bin Gloria Wilman.“

Whitman wollte noch etwas sagen, doch er kam nicht mehr dazu.

Eiskalt senkte Gloria Wilman den Lauf der Waffe auf Whitmans Brust und zog den Stecher durch.

Ein Feuerstoß zuckte auf den Mann zu, der unwillkürlich die Hände hochriss. Er sperrte den Mund auf und wollte schreien. Aber seine Stimme versagte.

Er war auf der Stelle tot.

Gloria Wilman ließ sich Zeit. Sie wusste, dass keiner in dieser Einsamkeit den Mord miterlebt hatte. Ruhig legte sie die Pistole in die Handtasche zurück.

Anschließend öffnete sie die Fahrertür und stieß den Toten achtlos aus dem Cadillac. Vorher aber schob sie noch die Karte mit Terrys letzten Worten in die Innentasche seines Jacketts.

Sekunden später heulte der Motor des schweren Fahrzeugs auf.

Zurück blieb ein Toter. Das vorletzte Opfer der Killer-Lady. Und Sie wusste auch schon, wie sie ihr Werk vollenden würde. Für Bount Reiniger hatte sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht.

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In Manhattan tat sich nichts. Die unheimliche Mordwelle schien abzuflauen. Noch drei Tage nach dem Bombenattentat auf Reinigers Büro standen die Boulevardblätter voll davon. Wilde Spekulationen machten die Runde und füllten die Zeitungen. Danach flaute das Interesse ab. Neue, internationale Ereignisse waren wichtiger geworden.

Bount Reiniger konnte allerdings nicht verhehlen, dass die Unruhe in ihm kaum abgeflaut war. Er glich einer stählernen Feder, die jeden Moment ihre Spannkraft zeigen würde.

Er wusste, dass die Killer-Lady überall lauern konnte, um ihm eine Falle zu stellen. Aber ihn sollte sie nicht bekommen.

Die letzten Tage hatte er wenig mit Toby Rogers gesprochen. Der Captain steckte bis zum Hals in der Arbeit. In Little Italy gab es wieder einmal zwei rivalisierende Banden, die auch vor Mord nicht zurückschreckten, um ihre Gebiete abzustecken.

Es war wohl ein markanter Schachzug des Schicksals, dass Bount Reiniger gerade an Harold Whitman dachte und froh war, dass dieser sich in Sicherheit befand, als das Telefon anschlug.

June war sicher noch zu Hause beim Frühstück. Gewöhnlich kam sie erst gegen acht Uhr ins Büro.

Rogers war am Apparat.

„Sitzt du, Bount?“, fragte er.

Reiniger ahnte, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte.

„Wieso?“, wollte er wissen und legte die Pall Mall in den Aschenbecher neben dem Telefon. „Hast du für mich eine Einladung, Bo Derek besuchen zu dürfen?“

Der Captain ging auf den Scherz nicht ein.

„Eher eine Aufforderung zur Beerdigung“, bekam er zur Antwort. „Heute Morgen haben sie Whitman gefunden. Herzschuss.“

Bount Reiniger atmete heftig aus. Blitzartig stieg sein Blutdruck in astronomische Höhen. Er wusste, was das bedeutete.

„Gibt es Hinweise auf den Mörder?“, fragte er und griff wieder zu seiner Zigarette.

„Kann man wohl sagen“, erwiderte Rogers. „Man hat Whitman außerhalb von Ridgewater auf einem einsamen Parkplatz gefunden. In seiner Jackentasche steckte der Brief. Was draufstand, kann ich mir wohl sparen.“

„Sonst noch irgendwelche Hinweise?“

Der Captain konnte nicht viel berichten. „Sein Bruder hat nur gesagt, dass er verabredet gewesen war. Mit wem, wusste er allerdings auch nicht. Ich warte noch die Obduktion ab. Aber die ermittelnden Cops haben bereits rausgekriegt, dass Whitman mit einer ungewöhnlich hübschen Frau in einem kleinen argentinischen Restaurant in der Nähe zu Abend gegessen hat. Sobald ich mehr weiß, rufe ich wieder an.“

Bount Reiniger bedankte sich und legte auf.

Er ballte die Faust und schlug damit auf die Platte seines neuen Schreibtisches.

Dann stand er fluchend auf. Der Stuhl krachte zu Boden. Er achtete nicht darauf. Grübelnd tigerte er durch sein Büro, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.

Wie konnte das nur passieren, überlegte er. Wir müssen etwas übersehen haben, verdammt noch einmal. Irgendwas haben wir nicht beachtet.

Er hob den Stuhl auf und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Systematisch versuchte er, den ganzen Fall noch einmal zu rekapitulieren. Schritt für Schritt ging er vor und baute die Fakten und Ereignisse in seinem Gehirn zu einer Pyramide zusammen.

Plötzlich versteinerte sich sein Gesicht. Für eine Weile schien es so, als wäre er zu einer Statue geworden.

Das änderte sich sehr rasch. Leben kam in ihn. Er sprang auf und griff nach seiner Jacke, die auf dem Besucherstuhl lag. Gerade wollte er das Büro verlassen, als er sich besann.

Mit fahrigen Fingern packte er das Telefon und wählte eine Nummer.

Eine Stimme meldete sich.

„Ist Sergeant Williams im Haus?“, fragte Reiniger hastig.

Die Stimme verneinte.

„Können Sie mir seine Adresse geben?“

Der Gesprächspartner schien nicht besonders erbaut zu sein. Er lehnte ab.

„Hören Sie zu, Mister!“ Bount wurde langsam ungeduldig, obwohl er wusste, dass der Mann nur seine Pflicht tat. „Es geht hier um Leben oder Tod. Entweder Sie spucken jetzt die Adresse des Malkünstlers aus, oder Captain Rogers und ich rauchen Sie in der Pfeife.“

„Captain Rogers?“ Der Teilnehmer war verwundert. „Was hat der mit Ihrem Wunsch zu tun?“

,.Nichts“, schnarrte der Detektiv. „Nur, dass ich Bount Reiniger bin und zufällig mit dem Captain befreundet.“

Er wollte noch weiter losschimpfen, doch der Mann an der Zentrale gab sich plötzlich kooperativ.

„Sorry, Sir“, entschuldigte er sich. „Habe Sie nicht sofort erkannt. Kleinen Moment.“

Eine Minute später hatte Bount die Adresse und spurtete aus dem Büro. Es ging um Sekunden. Wenn sein Verdacht berechtigt war, konnte die Killer-Lady in der nächsten Stunde enttarnt werden.

Während er durch die Betonschluchten von Manhattan raste, dachte er alles noch einmal durch.

War er vielleicht doch auf dem Holzweg? Sein Verdacht war ungeheuerlich. Er fand aber kein Argument, das dagegen sprach.

Sergeant Williams wohnte in einer kleinen Apartmentwohnung direkt am New Madison Square Garden.

Bount klingelte.

Williams öffnete und schaute den Detektiv verwundert an. Er trug nur eine Jeans und ein Unterhemd.

Wie es aussah, hatte Bount ihn aus dem Bett gejagt. Darauf konnte er jetzt aber keine Rücksicht nehmen.

„Was ist denn los?“, maulte Williams schlecht gelaunt.

„Brauche dringend Ihre Hilfe, Williams“, erklärte Reiniger und schob ihn in den Flur. Dann schloss er die Tür zum Treppenhaus. „Wenn ich mich nicht gewaltig täusche, weiß ich, wer die Killer-Lady ist. Ich brauche sofort eine Zeichnung.“

Williams gähnte und wies in das Wohnzimmer.

„Wenn es sein muss“, knurrte er. „Also, was soll ich zeichnen?“

Er ging zu einem kleinen Schreibtisch hinüber und nahm einen Block und einen Bleistift. Missmutig setzte er sich und schaute Bount aus müden Augen an.

Reiniger ließ sich nicht beirren. Er konzentrierte sich auf die Person, die er gemalt haben wollte. Es fiel ihm nicht schwer, Personen zu beschreiben. Sein Job brachte so etwas natürlicherweise mit sich.

Eine halbe Stunde später war es geschafft.

Williams zeigte sein Werk.

„Ja, das ist sie!“, rief Bount Reiniger begeistert aus. „Genauso wollte ich sie haben. Können Sie mir noch rasch ein paar ändere Frauenköpfe zeichnen und dann dieses Gesicht noch einmal mit krausen Haaren?“ Williams zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie mich dann endlich schlafen lassen. Ich habe da eine ganze Mappe voll. Die können Sie haben.“ Er stand auf und öffnete die Schublade seines Schreibtisches. Eine blassblaue Kladde kam zum Vorschein. Sie enthielt mehrere gute Zeichnungen.

„Freundinnen?“, vermutete Reiniger grinsend. Er betrachtete die Werke, die ausschließlich mit weichem Bleistift gemalt worden waren. „Sie haben einen verdammt guten Geschmack.“

Williams murmelte nur ein schlecht gelauntes „Danke“ und machte sich an die Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis er fertig war und Bount das letzte Bild überreichte.

„Wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege, werde ich dafür sorgen, dass Sie eine Woche Sonderurlaub kriegen.“

Der Sergeant grinste gnädig.

„Muss noch vier Wochen Überstunden abfeiern“, erklärte er. „Nicht einmal das ist zurzeit möglich.“

„Dann werde ich mal meine Beziehungen zur Unterwelt geltend machen und den Gangstern sagen, dass ihr momentan überlastet seid. Vielleicht lassen sie euch dann ein bisschen mehr Freizeit“, flachste Bount Reiniger und verabschiedete sich.

Als er ein paar Minuten später in seinem silbergrauen Mercedes saß, schaute er sich die Zeichnungen noch einmal genau an. Hastig zündete er sich eine Pall Mall an und inhalierte.

War er wirklich auf der richtigen Spur? Vielleicht erwies sich sein Verdacht auch als Flop. Er musste es aber auf jeden Fall versuchen.

So schnell er konnte, fuhr er Richtung Norden. Toby Mercheant wohnte südlich der Upper West Side in der achten Avenue. Nicht gerade die vornehmste Gegend. Harlem lag nur einen Steinwurf davon entfernt.

Schmutzige Straßen und graue Fassaden, von denen die Farbe abbröckelte. Überall verschmierte Wände, die mit Parolen aller Art besprüht worden waren.

In diesem Stadtteil fiel ein 450 SEL auf. Bount Reiniger tat gut daran, auf seinen Schlitten aufzupassen. Auf den Treppen lungerten Jugendliche herum. Sie musterten ihn feindselig und abschätzend.

Reiniger ignorierte sie. Er schloss den Mercedes ab und blickte sich um. Das Haus Nr. 456 war rasch gefunden. Im Erdgeschoss befand sich ein Gemüseladen. Der Eingang in den Hausflur lag seitlich in einer halbdunklen Gasse.

Es gab weder Postkästen noch Klingeln. Die Tür stand halb offen. Behutsam drückte Bount sie auf.

Ein unangenehmer Geruch stieg in seine Nase. Irgendwo im Haus wurde gekocht. Aus einer Wohnung kamen laute Stimmen, dann Töne, die an ein Wimmern erinnerten.

Auch hier im Flur waren die Wände beschmiert.

Als Bount Reiniger die Treppe hinaufstieg, kamen vier Jungs im Alter von etwa zwölf Jahren die Stufen hinuntergejagt. Sie grölten und riefen unflätige Worte nach oben. Am Geländer tauchte ein unrasiertes Gesicht auf. Der Mann beschimpfte die jungen Burschen. Als er den Detektiv bemerkte, hielt er mit seinen Flüchen inne.

„Wo kann ich Toby Mercheant finden, Mister?“

Der Mann mit den Bartstoppeln musterte Bount, als habe er die Pest. Er trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme.

„Bullen sind hier nicht erwünscht“, grunzte er und wollte in seine Wohnung zurückgehen.

„Sie sind auf dem Holzweg, guter Mann“, meinte Bount trocken. „Mr. Mercheant ist ein Bekannter von mir und ich bin nicht von der Polizei.“

Diese Aussage bewirkte noch keine Wunder, aber der Bärtige wurde eine Spur freundlicher.

„Vierter Stock, erste Tür links. Der Name steht über der Klingel.“

Bount Reiniger brauchte nicht lange zu suchen. Wenig später stand er vor der beschriebenen Tür und läutete.

Eine weibliche Stimme rief etwas, dann wurde geöffnet. Ein Mädchen steckte den Kopf durch den Türspalt. Die Kette hing noch in der Verriegelung.

„Wir kaufen nichts“, sagte die Kleine kess. „Machen Sie, dass Sie wegkommen.“

Sie wollte die Tür wieder zuschlagen, doch Bount hatte bereits den Fuß dazwischen gestellt.

„Sag deinem Pa, Mr. Reiniger möchte ihn sprechen. Es ist wichtig.“

Einen Augenblick lang überlegte die Kleine. Dann drehte sie sich um und rief ihren Vater.

„Ach, Sie sind es, Mr. Reiniger“, sagte jemand. Es war Mercheants Stimme. Der Mann kam in den Flur und befahl seiner Tochter, den Riegel zurückzuschieben.

„Immer noch auf der Suche nach der geheimnisvollen Mörderin?“, fragte er grinsend.

„Ich denke, ich habe eine Spur“, entgegnete Reiniger. Er packte die Zeichnungen aus und überreichte sie Toby Mercheant. „Erkennen Sie die Frau auf einem der Bilder wieder?“

Mercheant bekam große Augen. „Hier, das ist sie.“

Er wies spontan auf die Zeichnung, die Williams nach Reinigers Angaben gemacht hat.

„Also doch“, murmelte der Detektiv.

„Habe ich Ihnen geholfen?“, fragte Mercheant hoffnungsvoll.

„Gerettet“, erwiderte Bount und war auch schon auf dem Weg nach unten. „Jetzt kriege ich sie.“

Der Mercedes war von einem Pulk Jugendlicher umgeben. Als sie Bount aus der Gasse auftauchen sahen, wichen sie unwillkürlich zurück.

„Dufter Schlitten, Mister“, meinte ein Mulattenjunge anerkennend. „Wie wäre es mit einer Probefahrt?“

„Keine Zeit, Amigo. Vielleicht ein andermal.“

Bount sprang hinter das Steuer und ließ den Motor an. So schnell wie möglich musste er zurück.

Endlich wusste er, wer die Killer-Lady war. Ihm wurde heiß vor Wut, wenn er daran dachte, wie sehr sie alle an der Nase herumgeführt worden waren. Toby Rogers eingeschlossen. Ohne es zu wollen, hatte er Whitman ans Messer geliefert.

Bount wollte gerade zum Autotelefon greifen, als es klingelte. Er nahm ab.

„Bount Reiniger?“, vergewisserte sich eine melodische Stimme.

„Wer spricht da?“ Bounts Kopfhaut zog sich zusammen. Er wusste, wer der Teilnehmer am anderen Ende war.

„Gloria Wilman“, kam die Antwort. Die Frau lachte hell und triumphierend auf.

„Welch ein Vergnügen“, konterte Bount Reiniger eiskalt. Er nannte ihr einen zweiten Namen und wartete auf die Reaktion.

Für Sekunden herrschte absolute Stille. Bount vernahm das rasche Atmen der Frau. Mit diesem Tiefschlag hatte sie wohl nicht gerechnet.

„Ich wusste schon immer, dass Sie von allen der Klügste sind, Mr. Reiniger“, meinte sie schließlich voller Anerkennung. „Allerdings hilft es Ihnen nichts mehr. Ich war mal wieder ein wenig schneller.“

„Das werden wir ja sehen“, erwiderte Bount Reiniger. Er zündete sich eine Pall Mall an und inhalierte tief. „Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wer Sie sind.

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