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Sechs Jahre und eine Nacht

1. KAPITEL

Sobald Quint Cantrell das Haus seines Großvaters betrat, beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war.

Zu dieser Zeit am späten Nachmittag sah Abe sich für gewöhnlich die Nachrichten in seinem gemütlichen Wohnzimmer an. Doch der Ledersessel war leer und der Fernsehbildschirm schwarz.

Dafür ertönte Musik aus der Küche. Während Quint zum rückwärtigen Teil des Hauses ging, stellte er verblüfft fest, dass gerade ein Stück von Billie Holiday gespielt wurde. Sein Großvater mochte Musik, aber ganz gewiss keinen Jazz. Und im Haus roch es seltsamerweise nach Rosen anstatt nach Pfeifentabak und alten Stiefeln.

Er spähte durch den offenen Rundbogen in die Küche und blieb abrupt stehen, als er eine Frau an der Küchenzeile stehen sah. Am Vortag, beim Lunch im Blue Mesa, hatte ihn ein Bekannter der Familie darauf angesprochen, dass sich angeblich eine Frau auf der Ranch Apache Wells aufhielt.

Quint hatte die Bemerkung als Gerücht abgetan und lachend entgegnet, dass eher die Hölle kalt werden würde. Seit dem Tod seiner Großmutter vor fünfzehn Jahren hatte keine Frau außer seiner Mutter und seiner Schwester einen Fuß in dieses Haus gesetzt. Zumindest dachte ich das bis jetzt.

Doch nun wurde er eines Besseren belehrt. Verwundert starrte er die Frau an. Sie war groß und schlank. Ihr volles, kirschrotes Haar reichte ihr fast bis zur Taille. Sie war leger gekleidet, in Jeans und grünem Westernhemd mit Blumenmuster auf Manschetten und Kragen. Wenn ihr Gesicht zu ihrer Rückenansicht passte, war sie überaus attraktiv. „Entschuldigung, Ma’am?“

Sie wirbelte zu ihm herum. Ihre Augen waren groß und dunkel, ihre Lippen voll und blutrot. „Oh! Ich habe gar nicht gemerkt, dass jemand hereingekommen ist“, murmelte sie atemlos. „Sie haben mich erschreckt.“

Obwohl Quint den Blick auf sie geheftet hielt, wusste er, dass sein Großvater nicht zugegen war. Ihm wurde außerdem bewusst, dass seine Vermutung zutraf: Die Frau war hübsch, wenn auch auf zurückhaltende Weise. Wie bei einem Veilchen, das unter einem Salbeibusch verborgen ist, mochte es einen Moment dauern, um die Schönheit zu entdecken, aber dann war sie nicht mehr zu übersehen.

„Dasselbe könnte ich auch über Sie sagen.“ Er musterte ihr Gesicht. Sie kam ihm vage bekannt vor. „Es passiert nicht jeden Tag, dass ich eine Frau im Haus meines Großvaters antreffe. Wer sind Sie überhaupt?“

„Sorry. Ich habe Abe gedrängt, Sie vorzuwarnen, aber Sie wissen ja, dass er die Dinge auf seine eigene Weise handhabt. Er wollte, dass ich Sie überrasche“, erklärte sie mit einer Mischung aus Belustigung und Bedauern. „Ich dachte, Sie würden mich erkennen. Aber ich war wohl zu lange weg aus Lincoln County.“

Forschend musterte Quint ihr herzförmiges Gesicht mit den dunklen grünen Augen und den hohen Wangenknochen. Sie ist wirklich hübsch, schoss es ihm durch den Kopf, und dann setzte die Erinnerung ein. Sie gehörte zum Donovan-Clan, einer reichen Familie, die ein namhaftes Gestüt im Hondo Valley besaß. „Jetzt fällt es mir wieder ein. Sie sind eine Donovan und Krankenschwester. Sie waren dabei, als meine Schwester entbunden hat.“

„Das stimmt. Ich bin Maura, die zweitälteste von sechs Geschwistern. Sie haben uns wahrscheinlich hin und wieder gesehen.“

„Ich gehe nicht mehr viel unter die Leute. Aber ich kenne Ihre Brüder und Schwestern. Bridget ist die Hausärztin meiner Mutter.“

„Bridget ist sehr gut in ihrem Beruf und hat viel zu tun.“

Quint verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zum Herd. In einem Topf köchelte etwas, das den ganzen Raum mit dem Duft von Hühnerfleisch und Gewürzen erfüllte. Wo mochte Jim stecken, der für gewöhnlich die Mahlzeiten zubereitete? Und warum in aller Welt war eine Donovan im Haus?

„Als mir gestern jemand in der Stadt erzählt hat, dass sich eine Frau auf dieser Ranch aufhält, habe ich ihn praktisch als Lügner bezeichnet. Ich will ja nicht unverschämt sein, aber was wollen Sie hier? Und wo steckt Gramps?“

Ihre Brüste hoben und senkten sich, als sie tief durchatmete. „Abe ist im Ranchhof bei den Arbeitern. Und ich bin hier, weil ich jetzt hier wohne. Bei Ihrem Großvater. Als seine Krankenschwester.“

„Krankenschwester?“, wiederholte er schockiert.

„Richtig. Entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss mich um die Suppe kümmern.“

Verblüfft über ihre Enthüllung beobachtete er, wie sie sich zum Herd umdrehte und mit einem Holzlöffel im Topf rührte. Ihre gelassenen Bewegungen erweckten den Eindruck, dass sie schon lange genug da war, um sich wie zu Hause zu fühlen.

Zwei Wochen waren vergangen, seit er Zeit für einen Besuch auf der Ranch gefunden hatte, aber er war telefonisch mit seinem Großvater in Kontakt geblieben. Dabei war kein Wort über einen Bedarf an einer Krankenschwester gefallen.

Quint durchquerte den Raum, nahm sich den grauen Stetson vom Kopf und strich sich durch das lockige Haar. Hinter ihm lag ein harter Tag, und er war nicht in der Stimmung, um den heißen Brei herumzureden. „Ist das einer der seltsamen Witze meines Großvaters? Er braucht keine Krankenschwester. Für sein Alter ist er fit wie ein Turnschuh.“

„Glauben Sie das wirklich?“

„Ja, verdammt!“ In ruhigerem Ton fuhr er fort: „Ja, natürlich, wollte ich sagen. Gramps hat sich vor etwa drei Wochen durchchecken lassen. Der Doktor hat ihn für kerngesund erklärt. Oder wurde mir etwas verschwiegen?“

„Das glaube ich nicht. Abe sagt, dass Sie von seinen Gleichgewichtsstörungen wissen.“ Sie legte den Kochlöffel beiseite und drehte sich um.

Erneut geriet Quint aus dem Konzept. Von den drei Donovan-Schwestern kannte er Maura am wenigsten. Wenn er sich recht erinnerte, hatte sie die Highschool mehrere Jahre vor ihm absolviert. Seinen Berechnungen zufolge musste sie Mitte dreißig sein, obgleich sie kein Jahr älter wirkte als er mit seinen neunundzwanzig.

Er erinnerte sich, dass sie vor langer Zeit weggezogen war, um einen Mann aus Albuquerque zu heiraten. Vermutlich hatte sie ihren Familienstand zusammen mit ihrem Wohnsitz wieder geändert. „Ich weiß von seinen Schwindelanfällen“, erwiderte er. „Aber soweit ich informiert bin, sind sie nicht lebensbedrohlich und treten nur gelegentlich auf.“

„Falls ein Schwindelanfall zu einem unglücklichen Sturz führt, kann es sehr wohl lebensgefährlich sein.“

„Entschuldigung, Ms Donovan, aber ich kann ebenso stürzen, wenn ich den Hof überquere. Wie jeder von uns.“

„Die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert, steigt sprunghaft an, wenn sich einem im Kopf alles dreht.“

Ihm fiel kein Gegenargument ein. „Aber was wollen Sie dagegen tun? Ihn an einen Stuhl anbinden? Sie können ihn auch nicht den ganzen Tag am Arm herumführen. Im Übrigen bezweifle ich, dass Sie mit ihm mithalten könnten.“

Sie seufzte. „Abe ist kein junger Mann mehr.“

Quint wollte nichts davon hören, dass sein Großvater alt und hinfällig wurde. „Vierundachtzig mag für Sie alt klingen, aber glauben Sie mir, Gramps hat den Körper und den Geist eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes.“

„Da stimme ich Ihnen zu.“

„Wenn Sie das wissen, was zum Teufel wollen Sie dann hier?“

Sie trat einige Schritte vor und lehnte sich an den Esstisch. Quint konnte nicht umhin zu bemerken, wie reizvoll ihre Brüste und Hüften gerundet waren und wie sich ihr dunkelrotes Haar an ihre hellen Wangen schmiegte. So attraktiv hatte er sie gar nicht in Erinnerung. Aber damals, bevor sie aus der Gegend weggezogen war, hatte er ja auch nur Augen für die wunderhübsche, aber wankelmütige Holly gehabt.

„Sind Sie sauer, weil ich hier wohne?“, wollte Maura wissen.

Die Frage rüttelte ihn beinahe so sehr auf wie ihr Anblick. Er dachte darüber nach. Etwas pikiert war er schon, weil er nicht zurate gezogen worden war. Andererseits war sein Großvater von Natur aus eigenwillig und hatte sich immer nur einem einzigen Menschen anvertraut: seiner verstorbenen Frau Jenna.

„Ich bin nicht sauer, sondern verwirrt. Abe ist nicht wirklich krank, und Sie können ihn nicht vor den Schwindelanfällen bewahren. Warum hat er Sie also angeheuert?“

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, und er dachte bei sich, dass es der erste Anflug von Wärme war, den er auf ihrem Gesicht sah. Ihre Züge wurden weicher. Ihm fielen unwillkürlich Dinge an ihr auf, die nicht mit dem eigentlichen Thema zusammenhingen. Zum Beispiel, dass ihre Haut ganz glatt und seidig war. Er fragte sich, was sie mit Abe angestellt haben mochte. Hatte sie mit den langen Wimpern geklimpert und ihn mit ihrem Lächeln betört?

Quint konnte sich vorstellen, dass ein junger Mann ihren Reizen verfiel. Er selbst spürte die Wirkung ihres Charmes. Aber sein Großvater? Gut, er war immer noch ein Mann, aber vor lauter Liebe zu seiner verstorbenen Frau hatte er bisher keine andere Frau eines zweiten Blickes gewürdigt.

„Ihr Großvater leidet unter sporadischen Schwindelanfällen“, erklärte sie. „Wenn ein Anfall auftritt, kann ich ihm mit den Übungen helfen, die er ausführen muss, damit der Anfall vergeht. Und ich kann dafür sorgen, dass er seine Medikamente regelmäßig einnimmt. Eine Krankenschwester in der Nähe zu haben gibt ihm das Gefühl, beschützt und behütet zu sein. Das wollen Sie ihm doch sicher nicht verwehren, oder?“

Resigniert schüttelte Quint den Kopf, zog sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und ließ sich darauf fallen. Er hatte den ganzen Tag lang Zäune errichtet. Jetzt war er verschwitzt und staubig und so müde, dass er im Stehen hätte einschlafen können. Er war nicht in der Verfassung, mit Maura Donovan zu diskutieren.

Und vielleicht sollte er sich gar nicht erst darauf einlassen, sondern einfach dem Schicksal danken, dass sein Großvater betreut wurde. „Ich wusste gar nicht, dass Krankenschwestern für ihre Patienten kochen“, bemerkte er mit einer flüchtigen Handbewegung zum Herd.

Er beobachtete, wie ihr eine feine Röte in die Wangen stieg. Dann heftete er den Blick auf ihre Lippen, die selbst ungeschminkt tiefrot und feucht schimmerten. Unwillkürlich stellte er sich vor, sie zu küssen. Dieser erotische Gedanke war ungewöhnlich und deshalb sehr verblüffend.

„Ich weiß, dass Jim hier gekocht hat, bevor ich gekommen bin, aber ich habe angeboten, es zu übernehmen, weil …“, sie rümpfte die Nase, „… sich die beiden nicht gesund ernährt haben. Rotes Fleisch und Kartoffeln waren so ziemlich alles, was ich hier vorgefunden habe.“

„Das schmeckt Gramps eben am besten“, entgegnete Quint sofort, während seine Gedanken um ganz andere Dinge kreisten. Ihn interessierte, wie lange sie zu bleiben gedachte und ob sie seinem Großvater mehr als nur das Gehalt einer Krankenschwester entlocken wollte.

Die Donovans waren wohlhabend. Selbst wenn Maura keinen einzigen Tag in ihrem Leben arbeitete, konnte sie im Luxus leben. Warum also verkroch sie sich auf eine abgelegene Ranch wie die Apache Wells? Das nächste Haus stand fünfzehn Meilen entfernt und gehörte einer alten Frau, die Crazy Gertie genannt wurde und aufs Geratewohl auf jeden schoss, der sich ihrer Hütte näherte.

Und was Abe anging, so konnte er charmant sein, wenn er wollte, aber er war meistens starrköpfig und zögerte nicht, seine Meinung kundzutun. Eine junge und schöne Frau wie Maura verbrachte nicht freiwillig ihre Zeit mit ihm.

Es sei denn, es zahlt sich irgendwie für sie aus.

Das alles ging Quint eigentlich nichts an, aber er fühlte sich verantwortlich. Vor zwei Jahren hatte seine Schwester Alexa einen Texas-Ranger geheiratet und war zu ihm auf seine Ranch bei San Antonio gezogen. Da sie vor einem Monat ihr zweites Kind bekommen hatte, eine Tochter namens Jessica, war sie vollauf mit ihrer eigenen Familie beschäftigt. Somit blieben nur Quint und seine Mutter Frankie, die sich um Abe kümmern konnten.

„Was wir mögen und was gut für uns ist, muss nicht unbedingt übereinstimmen, Mr Cantrell“, bemerkte Maura.

Das können Sie laut sagen. „Mein Großvater hat sich nie gern etwas vorschreiben lassen.“

Sie ahnte, dass auf den Enkel dasselbe zutraf. Auch wenn er behauptete, sich nicht an ihrer Anwesenheit auf der Ranch zu stören, sah sie deutliche Zweifel auf seinem ausdrucksvollen Gesicht. Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken, denn sie selbst hatte gezögert, diesen Job anzunehmen. Doch Abe war genau zur richtigen Zeit mit seinem Vorschlag gekommen und sehr beharrlich geblieben.

Sie hatte ihre Arbeit im Sierra General Hospital geliebt. Kranke Menschen zu pflegen war ihr ein unvermindert wichtiges Anliegen, seit sie vor fast vierzehn Jahren Krankenschwester geworden war.

Doch unliebsame Annäherungsversuche eines gewissen Dr. Weston hatten den geliebten Beruf in einen Albtraum verwandelt. Im Großen und Ganzen war er ein umgänglicher Mann und ausgezeichneter Arzt, aber er wollte nicht einsehen, dass sie sich nicht auf ihn einlassen wollte.

Maura konnte nicht unbedingt von sexueller Belästigung sprechen, aber sein Interesse an ihr war zunehmend unangenehm geworden. Daher hatte sie die letzten zwei Monate im Krankenhaus ständig versuchen müssen, ihm aus dem Weg zu gehen.

Sie drehte sich zur Küchenzeile um und setzte Kaffee auf, während sie sich einzureden versuchte, dass Quint Cantrell ihr Herz nicht höher schlagen ließ. Doch er war wider Erwarten äußerst attraktiv und überwältigend männlich. Selbst mit dem Rücken zu ihm sah sie sein rostbraunes Haar, die himmelblauen Augen und das eckige Kinn vor sich.

Sie holte tief Luft und erklärte: „Als Abe vor ein paar Wochen im Krankenhaus war, um die Ursache für seine Schwindelanfälle herauszufinden, hat er mir erzählt, dass er fürchtet, hinzufallen und sich die Knochen zu brechen.“

Quint schnaubte. „So ein Blödsinn! Gramps hatte noch nie Angst vor einem Sturz. Erst vor ein paar Wochen hat er sich bei einem Viehtrieb auf ein übermütiges junges Pferd gesetzt. Es ist gestiegen und mit ihm zusammen hintenübergefallen. Glauben Sie, dass es ihn erschreckt hat? Himmel, nein. Er ist einfach wieder aufgestiegen und hat das Tier die ganze Woche lang geritten.“

Maura warf einen Blick über die Schulter in sein Gesicht und spürte ein Flattern im Bauch. Sie war ihm nie offiziell vorgestellt worden, aber ihre Familien verkehrten in denselben Kreisen, und sie erinnerte sich, dass sie sich vor vielen Jahren einige Male begegnet waren.

Ihre jüngere Schwester Bridget hatte damals für den damals hübschen Jungen geschwärmt, doch er war mit Holly Johnson liiert gewesen. Jeder in Lincoln County hatte geglaubt, dass die beiden einmal heiraten würden. Maura wusste nicht, was zwischen den beiden vorgefallen war, aber ihr waren hässliche Gerüchte über die Trennung zu Ohren gekommen.

„Ich wollte damit auch nicht sagen, dass Ihr Großvater ängstlich ist“, sagte sie ruhig. „Vielleicht sollten Sie ihn selbst fragen, warum er meint, eine Krankenschwester zu brauchen. Ich bin jedenfalls sehr froh, hier zu sein. Abe ist …“, sie lächelte, „… eine außergewöhnliche Persönlichkeit, und ehrlich gesagt habe ich mich schon ein bisschen in ihn verliebt.“

Missbilligend presste Quint die Lippen zusammen. „Ich dachte immer, dass Krankenschwestern sich nicht emotional für ihre Patienten engagieren sollten.“

Sie schaltete die Kaffeemaschine ein. „Das stimmt. Aber ich habe ein Herz in meiner Brust, keinen Stein.“

Er sagte nichts dazu, und die Atmosphäre wurde mit jeder Sekunde angespannter, bis Maura sich schließlich zu ihm umdrehte und bewusst nebenbei bemerkte: „Abe hat mir erzählt, dass Sie sich gerade damit beschäftigen, ein Stück Wildnis urbar zu machen.“

„Er hat das Land in der Nähe von Capital vor über zwanzig Jahren gekauft und seitdem nichts damit angefangen. Aus irgendeinem Grund glaubt er, dass ich etwas daraus machen kann.“

Quint verschwieg, dass es das einzige Gelände war, das ihm allein gehörte. Im Gegensatz zu den beiden anderen Ranches im Familienbesitz baute er die Golden Spur mit seinen eigenen Händen und nach seinen eigenen Ideen und Träumen auf, und deshalb lag sie ihm besonders am Herzen.

„Ich habe gehört, dass Ihr Vater gestorben ist. Vor knapp zwei Jahren, oder?“

Er senkte den Blick. „Es sind schon über zwei Jahre.“

„Das tut mir sehr leid. Ich bin ihm einige Male begegnet. Er war ein warmherziger Gentleman.“ Maura sah ihn schwer schlucken und erkannte, dass ihm der Verlust seines Vaters noch immer wehtat. Die Verletzlichkeit rührte sie auf unerwartete Weise. Gern hätte sie ihm tröstend eine Hand auf die Schulter gelegt, aber das hätte seinen Argwohn gegen sie nur verstärkt.

„Ja, alle mochten Dad.“

Sie räusperte sich. „Und wer führt die Chaparral jetzt? Offensichtlich nicht Sie.“

„Laramie Jones. Aber ich habe trotzdem ein Wörtchen mitzureden. Meine Mutter wohnt immer noch dort.“

Irgendwann sollte die Ranch an seine Schwester Alexa übergehen und die Apache Wells zu gleichen Teilen zwischen ihnen aufgeteilt werden. Derzeit war es seine Aufgabe, ein Auge auf beide Besitzungen zu halten. Das war nicht leicht, zumal er sich um seinen eigenen Betrieb kümmern musste. Aber die Viehwirtschaft war sein Leben, und er betrachtete die Mehrarbeit als Liebesdienst.

„Aha.“ Maura ging zum Geschirrschrank. „Möchten Sie Kaffee?“

„Gern.“

Sie füllte zwei Tassen, trug sie zum Tisch und setzte sich Quint gegenüber.

Während er Zucker in seinen Kaffee rührte, bemerkte er: „Es mag ungehobelt klingen, aber ich dachte, Sie wären verheiratet.“

„Das war ich auch. Fünf Jahre lang. Aber das ist seit über einem Jahr vorbei. Das ist der Hauptgrund, weshalb ich nach Lincoln County zurückgekommen bin.“

„Aha.“

Sie strich sich das Haar zurück. Dabei fiel ihr ein, dass sie völlig ungeschminkt war, was ihr allerdings egal sein sollte. Denn sie war mindestens sechs Jahre älter als Quint und er gewiss nicht an ihr interessiert. Was ihr nur recht sein konnte. Sie war nicht auf eine Bindung aus. Und falls sich das jemals änderte, wollte sie ihr Glück bestimmt nicht bei einem jüngeren Mann versuchen, der offensichtlich nicht plante, sich häuslich niederzulassen.

„Keine Kinder?“

„Nein. Mein Exmann war beruflich ständig auf Achse. Ich habe lange gehofft, dass sich das ändert, aber dem war nicht so.“ Sie hielt den Blick auf ihre Tasse geheftet, obwohl sie spürte, dass er sie musterte. „Was ist mit Ihnen, Mr Cantrell? Sind Sie noch nicht verheiratet?“

Anstatt zu antworten, nippte er an seinem Kaffee. Erst nach einer Weile erwiderte er: „Nein. Ich war und bin nicht auf der Suche nach einer Ehefrau.“

Kein Wunder dachte Maura. Er hat alles, was er sich mit Geld kaufen kann: Rinder, Pferde, saftiges Weideland – und dazu wahrscheinlich auch Frauen von der Sorte, die er nach Belieben aufgabeln und wieder fallen lassen kann. Ein Traumtyp wie er will sich bestimmt keine Ehefrau aufbürden.

„Bitte nennen Sie mich nicht Mr Cantrell“, fuhr er fort. „Das war der Name meines Vaters. Ich bin einfach nur Quint.“

Die förmliche Anrede hatte ihr geholfen, emotionale Distanz zu wahren. Doch er schien entschlossen zu sein, selbst diese fadenscheinige Barriere zu zerstören, wodurch ihre Anspannung sich nur noch erhöhte. „Okay, Quint.“ Sie stand auf. „Bleiben Sie zum Abendessen? Es ist reichlich da.“

Er erhob sich ebenfalls. Sie wich unwillkürlich zurück, um Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Er war ein großer Mann – sowohl vom Körpermaß als auch von der Persönlichkeit her. Stärke und Männlichkeit strahlten von seinen markanten Zügen, breiten Schultern und langen, muskulösen Beinen aus. Allein durch seine Nähe fühlte sie sich in die Enge getrieben.

„Das weiß ich noch nicht. Jetzt gehe ich erst mal zu meinem Großvater.“ Er brachte seine Tasse zur Spüle und ging zur Hintertür hinaus.

Maura blickte ihm nach und fragte sich, warum die Begegnung mit ihm sie fast so sehr erschütterte wie ein kleines Erdbeben.

Um Staub und Lärm vom Wohnhaus der Apache Wells fernzuhalten, lag der Ranchhof mit dem Arbeitsbereich zwei Meilen entfernt in westlicher Richtung. Im Laufe der Jahre waren Nebengebäude und Scheunen ohne besonderen Baustil oder Plan hinzugefügt worden; lediglich auf Haltbarkeit und praktischen Nutzen hatte man geachtet. Einige bestanden aus Holz, andere aus Wellblech, allen gemeinsam aber waren weiß getünchte Wände und rote Blechdächer.

Auf einer Seite des Netzwerks aus Gebäuden und Koppeln befand sich ein freies Gelände, auf dem sich die Rancharbeiter in ruhigeren Zeiten zu versammeln und Geschichten auszutauschen pflegten.

Dieser frühe Abend im Spätsommer war kühl. Daher hockte Abe mit mehreren seiner Arbeiter an einem Lagerfeuer. Sobald er seinen Enkel kommen sah, stand er auf und ging ihm entgegen.

Er war hochgewachsen und spindeldürr, verließ das Haus nie ohne seinen schwarzen Hut und stopfte sich die Hosenbeine immer in kniehohe Cowboystiefel. Nun trug er ein Paar mit lindgrünen, reich bestickten Schäften. Das Leder war so zerknittert und verwittert wie sein Gesicht. Gegen die kühle Abendluft hatte er sich eine braune Steppweste übergezogen, die seinen drahtigen Oberkörper verhüllte.

Während er sich über seinen dichten weißen Schnurrbart strich, sagte er zu Quint: „Wie ich sehe, schaffst du es endlich mal wieder, nach deinem Großvater zu sehen.“

„Ich musste hart daran arbeiten, aber jetzt bin ich hier.“

Abe verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte sein Gewicht auf die hohen Hacken seiner Stiefel. „Das wurde aber auch Zeit.“ Er deutete mit dem Kopf zu den Männern hinter ihm. „Jim kocht gerade Kaffee. Komm, und trink eine Tasse mit uns.“

„Ich hatte gerade welchen – mit deiner Krankenschwester.“

Er grinste so einfältig, wie manche Männer es zu tun pflegen, wenn sie von Frauen sprechen, die ihnen gefallen. „Du hast die Kleine also schon kennengelernt? Was hältst du von ihr?“

„Was zum Teufel soll das, Gramps? Du bist nicht krank. Du benutzt deine Schwindelanfälle nur als Vorwand, um sie hierzuhaben. Stimmt’s nicht?“

„Pst! Nicht so laut, verdammt! Sie könnte dich hören.“

„Sie ist im Haus – zwei Meilen von hier entfernt.“

„Na ja, sie glaubt, dass ich bedürftig bin – und das bin ich ja auch. Gelegentlich. Weißt du, ich dachte immer, dass Krankenschwestern hartherzig sind. Sie wirken immer so, wenn ein Mann leidet. Aber Maura ist anders. Sie ist so lieblich wie eine Pfirsichblüte.“

„Seit wann stehst du auf so schwachsinnigen Kitsch?“

„Seit mir immer schwindlig wird.“

„Mir scheint, dass da noch einiges ist, was bei dir nicht stimmt.“

„Richtig. Ich bin es leid, ganz allein zu leben.“

Kopfschüttelnd blinzelte Quint zum Ranchhof hinüber. Die untergehende Sonne verlängerte die Schatten der Gebäude. In einem Pferch mampfte eine Herde Pferde Alfalfa; zu ihren Hufen pickten Hühner die Körner von Mais und Hafer auf, die aus den Futtertrögen gefallen waren.

Solange er zurückdenken konnte, war die Apache Wells für ihn mehr ein Zuhause als die anderen Besitzungen der Familie. Als kleiner Junge hatte er viele Tage und Nächte hier bei seinen Großeltern verbracht, und die Erinnerungen daran waren sehr kostbar für ihn. Jene Zeit beeinflusste noch immer sein ganzes Leben.

Die endlosen, von Rancharbeit ausgefüllten Tage zusammen mit seinem Großvater hatten seine Ziele und Zukunftsvisionen geprägt. Apache Wells war etwas Besonderes für ihn, und er wollte nicht, dass sich eine Frau einnistete und irgendetwas hier änderte.

„Allein zu leben?“, wiederholte er entgeistert. „Gramps, du hast lauter Männer um dich. Das kann man wohl kaum allein nennen.“

„Ist es das, was du dir selbst einredest?“

„Hör mal, Gramps, ich bin nicht derjenige, der sich über das Alleinsein beklagt. Mein Leben ist momentan ausgefüllt wie nie. Ich habe keine Zeit, mich einsam zu fühlen. Und offen gesagt, du auch nicht. Also verschon mich damit.“

„Ich soll dich verschonen? Ich würde dir am liebsten in den Hintern treten.“

Quint sah ein, dass er auf diesem Weg nicht weiterkam, und änderte die Taktik. „Wie lange willst du diese Krankenschwester behalten?“

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