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Inhalt

Willkommen im Lindenhof

Altrosa und Türkis

Gott und die Mode

Ein Tag voller Überraschungen

Mit vollem Mund

Der kranke Nachbar

Mamas Silber

Heimlichkeiten

Früh übt sich, wer ein Meister werden will

Gewissensbisse

Ein ungebetener Gast

Abenteuer Freiheit

Nicht ohne meine Schwester

Willkommen im Lindenhof

Es regnet in Strömen. Ein eiskalter Januarwind lässt die alte Dame erschauern. Gestützt auf den Arm des freundlichen Taxifahrers bleibt sie abrupt unter dem gläsernen Vordach der Seniorenresidenz Lindenhof stehen. Sie presst die Lippen aufeinander und kneift ihre Augen zusammen, sodass steile Falten oberhalb ihrer Nase sichtbar werden.

„Nein“, quetscht sie gequält hervor. „Genau das wollte ich nie, niemals!“

„Nur noch ein paar Schritte“, bettelt Herr Schwarz.

„Da können Sie mich genauso gut gleich aufs Schafott führen.“ Johanna Niebauer lässt den Arm des Taxifahrers los, dreht sich auf dem Absatz um und kommt dabei gefährlich ins Wanken.

Beherzt greift Herr Schwarz nach dem rechten Arm seiner Kundin. „Um Gottes willen, jetzt wären Sie beinahe gestürzt.“

„Ach was! Bitte bringen Sie mich ins Haus.“

„Ist es wirklich so schlimm für Sie? Ihre Schwester wohnt, soviel ich weiß, gerne hier.“

Sie verdreht ihre Augen und antwortet barsch: „Meine Schwester ist meine Schwester, und ich bin ich.“ Dann seufzt sie: „Aber es hilft ja nichts.“ Energisch strebt sie nun der Türe zu, auch wenn ihr das Gehen mehr als schwer fällt.

Herr Schwarz atmet erleichtert auf. „Na also! Ihre Schwester freut sich sehr, dass Sie jetzt auch hier wohnen werden.“

„Ja, ja, so stellt sie sich das vor. Zwei Schwestern wieder unter einem Dach. Wenn sie sich da mal nicht zu früh freut!“

Widerstrebend sieht sich die alte Dame in der Empfangshalle um. Die Glasfront lässt viel Tageslicht herein, gemütliche Sitzgruppen laden zum Verweilen ein, dazwischen gibt es etliche Grünpflanzen.

Aber Johanna hat nur ein Auge für die alten, gebrechlichen Menschen, die an den Wänden entlangschleichen. Zu denen zählt sie sich mit ihren gerade mal 72 Jahren noch lange nicht!

Seit ihrem Sturz vom Fahrrad Anfang Dezember hat sie lange im Krankenhaus liegen müssen. Die letzten Wochen hat sie dann in der Reha verbracht. Nach dem komplizierten Beinbruch kann sie noch nicht allein in ihrer schicken Maisonettewohnung zurechtkommen.

Trotzdem fragt sie sich, warum sie sich von ihrer Schwester überreden ließ, hierher zu kommen: Rosemarie hat für Johanna einen Pflegeplatz im selben Haus reserviert, in dem sie selbst seit dem Tod ihres Mannes lebt und ein eigenes Appartement bewohnt. Seitdem hadert Johanna mit der Entscheidung und mit ihrem Schicksal. Und doch bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als es einige Zeit im Seniorenstift auszuhalten.

„Da bist du ja, meine Liebe! Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob alles klappen würde.“ Rosemarie Kaufmann begrüßt überschwänglich ihre jüngere Schwester. „Am besten lassen wir uns gleich dein Zimmer hier im Erdgeschoss zeigen – aber erst erledigen wir an der Rezeption alles Nötige. Ich bin so froh, dass du endlich hier bist!“

„Spar dir deine Freudentränen. Du bist mich bald wieder los, Rosi.“

Geduldig wartet der Taxifahrer neben den beiden Damen auf weitere Anweisungen.

„Ach, Herr Schwarz“, wendet sich Rosemarie endlich an ihn, „könnten Sie bitte das Gepäck und den Rollator hereinbringen?“

Als Johanna zahlen will, wehrt er lachend ab. „Vielen Dank. Das hat Frau Kaufmann schon erledigt, als sie mir gestern den Auftrag gab, Sie hierher zu bringen. Rufen Sie mich an, wenn Sie in nächster Zeit einen Chauffeur brauchen.“ Er drückt ihr seine Karte in die Hand und verabschiedet sich mit einem charmanten Lächeln. Wenn die Neue vom gleichen Holz geschnitzt ist wie seine treueste Kundin, dann wird bestimmt jedes Mal ein fettes Trinkgeld rausspringen.

Kaum ist er gegangen, hakt Rosemarie resolut ihre Schwester unter. „Kannst du noch, meine Liebe?“

„Natürlich!“ Johanna beißt die Zähne zusammen, schüttelt den Arm ab und hinkt ohne Hilfe zur Leiterin der Seniorenresidenz, die dezent im Hintergrund die Begrüßung der Schwestern abgewartet hat.

„Guten Tag, Frau Niebauer“, ruft diese jetzt aus. „Schreiber mein Name. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“

„Geht so.“

Als eine junge Dame im schlichten Kostüm wie zufällig den Gang entlang läuft, ruft Frau Schreiber sie herbei: „Frau Erhard, können Sie bitte mal herkommen? Ich würde Ihnen gern den Neuzugang in Zimmer 16 vorstellen.“ Und an Johanna gewandt sagt sie: „Frau Erhard ist im Lindenhof die Etagendame, die für unsere Bewohner im Erdgeschoss zuständig ist. Sie wird auch für Ihr Wohlergehen sorgen.“

Frau Erhard begrüßt Johanna ausgesprochen herzlich und schlägt gleich vor: „Gehen wir, Frau Niebauer, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“

Missmutig schlurft Johanna neben ihr her, Rosemarie läuft schon mal voraus.

„Ihre Schwester meinte, Sie sollten nicht weitab vom Schuss sein“, erklärt die Etagendame freundlich. „Deshalb haben wir für Sie ein gemütliches Eckzimmer im Erdgeschoss vorgesehen, nicht weit vom Restaurant und der Bibliothek. Wir wollen Ihnen lange Wege ersparen.“

„Danke. Aber ich hoffe, bald wiederhergestellt zu sein. Sie haben doch eine gute Physiotherapeutin im Haus, die eisern mit mir üben wird?“

„Aber klar, Frau Niebauer. So, da sind wir auch schon! Ich hoffe, hier gefällt es Ihnen.“

Skeptisch blickt Johanna sich um. Ein Pflegebett sticht ihr als Erstes ins Auge. Und die beiden klobigen Sessel sind absolut nicht ihr Geschmack! Den hellen Wandschrank und den Tisch mit zwei Stühlen kann sie sich gerade noch gefallen lassen. Einzig der Blick durch das große Südfenster in den gepflegten Park versöhnt sie ein wenig mit dem tristen Ambiente. „Na ja“, würde sie am liebsten sagen, verkneift es sich aber.

„Gewöhnen Sie sich gut ein! Ihre Schwester wird Ihnen sicher in allem behilflich sein. Nicht wahr, Frau Kaufmann?“

„Mit Vergnügen! Ich freue mich, dass ich Hanna endlich zur Seite stehen kann.“

Frau Erhard wendet sich zum Gehen. „Wenn Sie Hilfe brauchen, Frau Niebauer, genieren Sie sich nicht zu klingeln. Und nun lasse ich Sie erst einmal ankommen.“

Kaum hat die Etagendame die Tür hinter sich geschlossen, reißt Johanna das Fenster auf und atmet tief durch. Dann lässt sie sich seufzend in einen Sessel fallen.

„Na, was sagst du?“ Rosemarie will hören, wie angenehm überrascht ihre „kleine“ Schwester vom neuen Domizil ist.

„Hm. Auch nicht viel besser als in der Reha“, antwortet diese lakonisch. Doch dann besinnt sie sich und fügt leise hinzu: „Danke, Rosi. Ich hätte wirklich nicht nach Hause gekonnt – so mutterseelenallein, wie ich bin. Auch wenn ich es hasse: Noch brauche ich Hilfe.“

„Kann ich noch irgendetwas für dich tun? Soll ich deinen Koffer auspacken?“

Entgeistert schaut Johanna ihre Schwester an. „Du? Dafür gibt es doch Personal! Und die nehmen ja auch nicht wenig Geld pro Tag.“

„Dann trink erst mal von dem guten Orangensaft, den ich dir hier auf den Tisch gestellt habe.“

Johanna schüttelt den Kopf.

Doch Rosemarie lässt sich nicht beirren und füllt ein Glas halb voll. „Ich freue mich so, dass wir endlich mehr Zeit miteinander verbringen können.“

„Wie? Du hattest doch nie Zeit“, fährt die jüngere Schwester die ältere an. „Ständig warst du mit deinen Kindern und später mit den Enkeln beschäftigt.“

„Wer keine Familie hat, kann das nicht verstehen.“

„Dann mach mir bitte nicht den Vorwurf, ich hätte mich nicht genügend um dich gekümmert.“

„Tu ich das?“ Rosemarie ist irritiert. Nach einem Weilchen fährt sie zögernd fort: „Wenn ich dich mal gebraucht hätte, warst du garantiert gerade beschäftigt oder irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs.“

Ärgerlich blickt Johanna zum Fenster hinaus. „Das kannst du wiederum nicht verstehen. Hast du jemals ein Geschäft aufgebaut oder dir auch nur selbst dein täglich Brot verdient?“

Rosemarie kneift die Lippen zusammen. „Nein, hab’ ich nicht. Aber zieh’ du mal drei Kinder groß mit einem Mann, der sich nur um seinen Beruf kümmert.“

„Eben. Genau deshalb bin ich froh, nicht verheiratet zu sein.“

„Du weißt ja gar nicht, was dir da entgangen ist, so ohne Kinder und Enkelkinder“, antwortet ihr die Schwester, nicht ohne Triumph in der Stimme.

„Wenn du meinst …“

„Ach komm, lass gut sein“, unterbricht sie Rosemarie. „Gehen wir lieber ins Restaurant und essen eine Kleinigkeit. Du musst doch Hunger haben. Danach willst du sicher einen Mittagsschlaf machen.“

Das kann ja heiter werden, denkt Johanna. Noch immer glaubt Rosi als die Ältere, genau zu wissen, was ich tun soll. „Ja, ja“, sagt sie laut. „Wie früher weißt du wieder einmal besser, was ich will.“ Versöhnlich fügt sie hinzu: „Aber heute hast du ausnahmsweise recht.“

Altrosa und Türkis

Guten Morgen, Frau Niebauer. Ich wollte nur mal sehen, wie es Ihnen geht. Brauchen Sie etwas?“, fragt die Etagendame aus dem Erdgeschoss im Lindenhof. Sie spitzt vorsichtig zur Türe herein, nachdem auf ihr Klopfen hin nur ein unwirsches „Ja“ erklungen ist.

„Ich muss raus, einfach nur raus“, stöhnt Johanna. Sie steht am Fenster und starrt auf die tropfenden Bäume der Parkanlage gegenüber. „Aber wie? Bei diesem grauenvollen Wetter!“ Mit Leidensmiene dreht sie sich zu Frau Erhard. „Wie soll ich den Tag nur überstehen – eingesperrt in vier Wände?“

„Ja, da haben Sie recht. Das Wetter kann einem schon mal die Laune verderben. Jetzt muss ich weiter. Melden Sie sich, wenn Sie etwas brauchen.“

„Was ich brauche, können Sie mir nicht geben.“

„Das wäre?“

„Meine Freiheit!“

„Oh, allerdings. Aber bitte haben Sie doch noch ein wenig Geduld.“

„Geduld?“ Johanna wendet sich unwirsch um. „Die wird seit Wochen überstrapaziert!“

„Frau Niebauer!

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