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Schwert und Schild Die Rebellen von Cornwall Band 2 - Das E-Book zur Paperback-Ausgabe

Table of Contents

Titel und Copyright

Der Zyklus Die Rebellen von Cornwall Band 1

Rückkehr eines Toten

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Der Zyklus Die Rebellen von Cornwall Band 2

Gottes Fluch über Cornwall

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Der Zyklus Die Rebellen von Cornwall Band 3

Der Kurier des Richard Löwenherz

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Der Zyklus Die Rebellen von Cornwall Band 4

Der Tod wartet in Frankreich

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Der Zyklus Die Rebellen von Cornwall Band 5

Piraten vor Saint-Malo

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Aus der Feder von Tomos Forrest sind weiterhin erhältlich:

Der Zyklus Die Rebellen von Cornwall Band 1

 

 

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 7:

Rückkehr eines Toten

 

 

 

1. Kapitel

 

Tiefschwarze Wolken trieben vom Meer über die felsige Küste und erreichten das lang gestreckte Tal, dessen Ende in einen unübersehbar großen Wald überging. Schon mehrfach hatte der Reiter einen besorgten Blick über die Schulter zurück geworfen, aber jetzt wurde ihm klar, dass er das Dorf nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Als gleich darauf der Himmel seine Schleusen öffnete, fluchte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen leise vor sich hin.

Es bedurfte keines weiteren Zeichens mehr für sein Pferd, das bei dem ersten Wasserguss von allein eine schärfere Gangart gewählt hatte. Aber schon nach einigen hundert Metern waren Ross und Reiter vollkommen durchnässt. Der einfache Umhang, den der Mann versuchte, mit der linken Hand vor der Brust zusammenzuhalten, war in kürzester Zeit vom Wasser schwer und vollkommen nutzlos geworden. Auch die Decke, die er zum Schutz vor der bereits kalten Witterung seinem Pferd übergeworfen hatte, zog sich auf gleiche Weise voll und hing schwer an beiden Seiten herunter.

Der Regen fiel jetzt so dicht, dass dem Reiter die Sicht verwehrt wurde. Alles um ihn herum wurde grau, und durch den dichten Wasserschleier konnte er nur noch den fernen Wald als dunklen Strich erkennen. Seinem Pferd musste er den Weg überlassen und vertraute dabei ganz auf den Instinkt des klugen Tieres, das seine Gangart nicht verändert hatte. Unter seinen Hufen spritzte das Wasser, mit Schlamm vermischt, hoch auf, und die beiden hätten durchaus bereits in einem Bach unterwegs sein können, ohne es zu bemerken.

Ein über den Weg gespanntes Seil war auf diese Weise unmöglich zu erkennen. Zwar schnaubte das Pferd einmal heftig, aber da stießen seine Vorderhufe bereits gegen das straff gespannte Hindernis und brachten das Tier zum Straucheln. Unvorbereitet auf ein solches Hindernis flog der Reiter in hohem Bogen über den Hals des Pferdes und schlug schwer auf den Boden. Von dem Sturz halb benommen versuchte er trotzdem, rasch wieder auf die Beine zu kommen, während sein Pferd laut aufwieherte und in einem Bogen zu ihm zurückkehrte.

Aus dem grauen Schleier tauchte dicht vor dem Gesicht des Reiters eine schwere Holzkeule auf. Noch bevor er eine Abwehrreaktion zeigen konnte, traf ihn ein heftiger Schlag auf den Helm. Zwar wurde die Wucht durch das Eisen und seine darunter getragene Coif, die gepolsterte Bundhaube, abgeschwächt, trotzdem versetzte ihn der brutale Schlag in tiefe Bewusstlosigkeit.

Er bekam nicht mehr mit, wie sich ein großer, kräftiger Mann grinsend über ihn beugte und ihm mit einem Ruck den Lederbeutel vom Gürtel riss. Der Mann hatte dabei die Keule schlagbereit in der Rechten behalten, aber diese Vorsichtsmaßnahme war überflüssig. Einen raschen Blick warf er zu dem Pferd hinüber, das nur wenige Schritte neben seinem ohnmächtigen Herrn verharrte und schnaubte. Als er eine Bewegung in Richtung des Tieres machte, stieg es und schlug mit den Hufen nach ihm.

»Verfluchtes Biest!«, schrie der Mann erschrocken und brachte sich mit einem raschen Schritt rückwärts aus der Reichweite.

»Lass doch den Gaul, den können wir sowieso nicht verkaufen«, sagte jetzt ein zweiter Mann, der das Seil zusammengerollt hatte. Er trug einen Umhang mit Kapuze, die sein Gesicht zur Hälfte verhüllte. Doch auch so war zu erkennen, dass es von Pockennarben entstellt war. Der Mann war kaum halb so groß wie der mit der Holzkeule, dabei schmächtig und kaum in der Lage, die Keule zu tragen, die er ebenfalls in der rechten Faust trug.

Der Große untersuchte inzwischen rasch den Inhalt des Lederbeutels, dann schob er ihn unter sein Hemd. Die beiden Wegelagerer waren natürlich vollkommen durchnässt, denn sie hatten an diesem Punkt des Handelsweges schon eine ganze Weile in einem Gebüsch gelegen. Wäre es nach dem Kleinen gegangen, hätten sie ihr Vorhaben schon längst aufgegeben und wären in einem trockenen Stall untergekrochen. Doch sein Gefährte bestand darauf, bis zum Einbruch der Nacht auszuharren. Er war sich sicher, dass dieser Tag ihnen noch Beute einbringen würde, und nun lachte er laut bei dem Gedanken, dass er dem Vorschlag des Kleinen gerade folgen wollte, als sie schemenhaft durch den dichten Regen einen Reiter erkannten, der rasch näher kam.

Jetzt hatten sie trotz dieses Wetters erreicht, was sie wollten, der Beutel war gut gefüllt und würde ihnen in der nächsten Zeit das Überleben sichern. Und der Regen verwischte alle Spuren, sodass sie nicht mit einer Verfolgung rechnen mussten, sollte dieser Reiter in der nächsten Zeit wieder zu sich kommen.

Noch ein flüchtiger Blick auf den Ohnmächtigen, der mit dem Gesicht in einer Pfütze lag, und er verschwand in der grauen Regenwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war, rasch gefolgt von der kleinen, schmächtigen Gestalt, die dabei im unverständlichen Cornisch vor sich hin schimpfte.

Die beiden stapften durch den noch immer dicht fallenden Regen, wobei der Kleine Schwierigkeiten hatte, mit seinem Gefährten Schritt zu halten. Endlich hielt er es nicht länger aus und schrie hinter dem Großen her:

»Jetzt warte doch endlich auf mich, verfluchter Gwas!«

Jetzt blieb der Große abrupt stehen und drehte sich zu dem anderen um.

»Was hast du gesagt?«

»Du sollst warten!«

»Nein, das andere – dein verfluchtes Cornisch!«

Der Kleine stapfte durch den Regen und hatte nun endlich erreicht, dass der andere auf ihn wartete. Er antwortete jedoch nicht auf die Frage, sondern eilte weiter, so rasch ihn seine dünnen, kurzen Beine auf dem schlammigen Untergrund voranbrachten. Er wusste, dass es nicht mehr weit bis zu der Hütte war, und er freute sich darauf, endlich die nassen Sachen von sich werfen zu können. Die Alte würde ihnen mit Sicherheit eine trockene Decke geben können und ein heißes, gut gewürztes Bier. Sie musste nur erst einmal sehen, was Arlo dem Reiter abgenommen hatte. Dann würde die Alte nur zu gern bereit sein, ihnen das Quartier zu überlassen, das sie so dringend benötigten – denn nach diesem dreisten Überfall auf der Handelsstraße mussten sie für eine ganze Weile unauffindbar bleiben.

Wer wusste denn, was der Reiter von ihnen noch gesehen hatte, bevor ihn der Keulenhieb traf. Obwohl – Kole wischte sich den Regen aus dem Gesicht – so hart wie sein Partner zugeschlagen hatte, konnte es auch durchaus sein, dass der Mann nicht wieder aufwachte. Aber was kümmerte es ihn? Jeder musste zusehen, wie er diese Zeiten überlebte, in denen Prinz Johann das Land aussaugte und niemand wusste, ob er morgen noch sein Brot bezahlen konnte!

Dann hatten die beiden Wegelagerer den Waldrand erreicht und betraten den schmalen Pfad, den Arlo trotz der schlechten Sichtverhältnisse zielsicher angesteuert hatte. Nach wenigen Schritten waren sie im dichten Wald verschwunden, und nur das Niederrauschen der Wassermassen war noch zu vernehmen.

 

 

2. Kapitel

 

Der Überfallene hatte sich bislang noch nicht gerührt. Unbarmherzig prasselte der Regen auf den verkrümmt im Schlamm und Wasser liegenden Körper herunter. Jetzt wurde es jedoch auch seinem Pferd zu lange. Mit der Schnauze stieß es seinen Herrn aufmunternd in die Seite. Aber dieser Versuch blieb erfolglos. Erst, als es nun direkt gegen seinen Arm stieß, zuckte der plötzlich zur Seite, gefolgt von einem tiefen Stöhnen.

Das Pferd wiederholte das Anstupsen, und knurrend richtete sich der Mann mühsam hoch. Schließlich saß er inmitten des ihn umgehenden Schlammes.

Noch immer war er sich über seine Lage nicht im Klaren, und als nun das Pferd erneut dicht an ihn herantrat, griff er den herunterhängenden Zügel und benutzte ihn, um sich hochzuziehen. Doch diese Bewegung erfolgte zu hastig, und für einen kurzen Moment wurde ihm erneut schwarz vor den Augen. Instinktiv griff er zum Sattel und umklammerte den Hinterzwiesel, um nicht erneut zu stürzen. Laut stöhnend nahm er jetzt den Helm herunter, riss sich auch gleich darauf das unter dem Kinn verknotete Coif ab und betastete seinen Schädel.

»Verfluchte Wegelagerer!«, schimpfte er dabei vor sich hin. »Gnade euch Gott, wenn ich euch erwische! So etwas Hinterhältiges, hier einen Strick zu spannen!«

Ein Griff zum Gürtel bewies ihm, dass zwar sein Schwert noch in der Scheide steckte, der Lederbeutel mit den Silbermünzen jedoch verschwunden war. Das war zwar ärgerlich, aber zu verschmerzen.

Inzwischen hatte er seine Gedanken zumindest soweit geordnet, dass ihm klar wurde, wie er in diese Lage geraten konnte. Er drehte sein Gesicht in den strömenden Regen, schloss dabei die Augen und stand eine Weile regungslos, noch immer mit der Hand am Sattel.

Während ihm das Wasser im Nacken herunterlief und einen kalten Schauer verursachte, knirschte er vor Wut mit den Zähnen. So etwas war ihm noch nie passiert, und er ärgerte sich deshalb über sich selbst und seine Unachtsamkeit. Was brachte ihn auch dazu, bei diesem Wetter in rascher Gangart einer unbekannten Straße zu folgen? Hatte ihn nicht die lange Erfahrung gelehrt, jederzeit mit einer Gefahr zu rechnen?

Die nasse Bundmütze steckte er unter seinen Waffenrock, den Helmriemen schloss er und hing den einfachen Helm mit dem Nasenschutz an den Sattel. Gleich darauf war er aufgestiegen, und mit einem freudigen Schnauben trabte der Hengst an. Sir Morgan of Launceston biss die Zähne fest zusammen, als sein Rappe Blane erneut in leichten Trab verfiel. Noch spürte er im Kopf jede Erschütterung auf unangenehme Weise. Aber der kalte Regen half ihm, bei Bewusstsein zu bleiben.

Als nach ein paar Meilen im Dauerregen ein fernes Licht erschien, atmete Morgan erleichtert aus. Dort waren Menschen, und dort würde er mit Sicherheit ein wärmendes Feuer finden und sicher auch ein trockenes Lager. Er war nicht wählerisch. Am heutigen Abend würde er sich auch mit einer Scheune und altem Stroh begnügen. Nur endlich diese nassen Sachen ablegen und etwas Warmes trinken. Mehr verlangte er nicht.

Morgan näherte sich dem ersten Haus, aus dessen beiden Fenstern zur Straße das Licht fiel. Unmittelbar daneben lag eine Schmiede, wie sich jetzt im Vorbeireiten erkennen ließ. Auch der Regen hatte etwas nachgelassen, und als er das Pferd auf den Eingang zur Schmiede lenkte, schlug in unmittelbarer Nähe ein Hund an.

Dann sprang ein dunkler Schatten aus der Schmiede auf ihn zu und wurde nach wenigen Metern gebremst. Wütend kläffte der Hund den Fremden an, doch die starke Kette hinderte ihn, nahe genug an Mensch und Pferd zu gelangen. Dabei gebärdete sich der Hund wie rasend, und Morgan erkannte die weißen Fangzähne im unsicheren Licht, das die Dunkelheit nur spärlich durchdrang.

Als er gerade abstieg, wurde die Haustür aufgerissen und eine große, kräftige Gestalt trat in den Rahmen.

»Wer da?«, rief eine tiefe Stimme, und der nächtliche Besucher erkannte einen langen Gegenstand in der Hand des Hausbewohners.

»Gut Freund!«, lautete seine beruhigende Antwort. »Ein einsamer Wanderer, der von Straßenräubern überfallen wurde und nass bis auf die Haut ist. Für eine trockene Decke, etwas Gewürzbier und ein Stück Brot will ich gern bezahlen!«

»Straßenräuber?«, kam die misstrauische Antwort. »Und womit wollt Ihr dann bezahlen?«

Trotz seiner Kopfschmerzen und seiner unangenehmen Lage in den nassen Sachen musste Morgan laut auflachen. Das war offenbar die einzige Sorge des Mannes, und da konnte er ihn beruhigen.

»Keine Sorge, für diese Nacht wird es ausreichen. Kannst du wohl mein Pferd unterstellen und versorgen, guter Mann?«

Etwas im Tonfall des nächtlichen Besuchers schien den Mann zu beruhigen. Seine Haltung entspannte sich erkennbar, nach kurzem Zögern drehte er sich um und rief etwas in das Haus hinein. Dann trat er auf den Fremden zu, musterte ihn rasch von Kopf bis Fuß und streckte ihm schließlich die Hand hin.

Als Morgan sie ergriff und drückte, wusste er, dass der Schmied vor ihm stand. Eine solche Pranke, voller Schwielen und mit einem derart kräftigen Druck verriet den Handwerker sofort.

»Tretet ein und seid uns willkommen. Ich kümmere mich um das Pferd, meine Frau macht Euch das Bier warm. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr auch im Haus übernachten, aber mehr als eine Wolldecke haben wir nicht.«

»Wunderbar!«, antwortete Morgan erleichtert. »Ich fühle mich wie zu Hause angekommen!«

Als er sich bückte, um unter dem niedrigen Türbalken in das Haus zu treten, hörte er einen kaum unterdrückten Schreckensruf. Eine noch junge, kräftige Frau starrte ihn erschrocken an, und in diesem Moment wurde ihm klar, dass er wohl einen furchterregenden Anblick bieten musste. Tatsächlich klebte ihm das lange, rotblonde Haar wie ein Helm am Kopf, aus seinem kräftigen Bart tropfte das Wasser, die vollkommen durchweichten Kleidungsstücke schmiegten sich an seinen Körper wie eine dunkle, graue Haut. Dazu kam die dicke Beule, aus der ein Streifen Blut an seiner Wange heruntergelaufen war und sich im Barthaar zusammen mit dem Regenwasser verteilt hatte.

Doch die Frau hatte sich rasch gefasst. Sie stand auf, nickte dem Fremden zu und murmelte ein leises: »Da Gorthugher« und ging zum Herd hinüber, um mit einem Schürhaken die Glut neu zu entfachen.

»Cornisch«, schoss es Morgan durch den Kopf. Entweder sprach die Frau die schwer verständliche Sprache der Kelten, oder es war ihr unbewusst herausgerutscht, weil sie den Fremden für einen Mann aus der Umgebung hielt.

Ohne auf eine weitere Einladung zu warten, zog Morgan einen grob gezimmerten Schemel mit dem Fuß zu sich heran und ließ sich schwer darauf niederfallen. Dabei schrammte seine Schwertscheide über den einfachen Dielenboden, und als die Frau ihm einen irritierten Blick zuwarf, nickte er ihr freundlich zu und antwortete:

»Fatla genes? – Wie geht es dir?«

Mit dieser üblichen Grußformel war sie offenbar zufrieden, griff nach einem großen, irdenen Krug, der auf einem der Herdsteine am Rand stand und nahm von einem einfachen Brett, das als Regal an der Wand neben der Herdstelle diente, einen hölzernen Becher. Während sie ihn mit einer dampfenden Flüssigkeit aus dem Krug füllte, erkundigte sie sich, ohne sich dabei umzudrehen, bei ihrem Gast:

»Nownek – hungrig?«

»Ya!«

Wortlos stellte sie ihrem Gast den Holzbecher auf den Tisch, drehte sich noch einmal zum Herd und holte aus einem Leinentuch einen dicken Kanten Brot, den sie wortlos auf den Tisch legte.

Bei dem Geruch, der aus dem warmen Gewürzbier in seine Nase stieg, floss Morgan das Wasser im Munde zusammen, aber zugleich machte sich auf unangenehme Weise das nasse Zeug auf seinem Körper bemerkbar. Er tropfte nicht nur auf den Boden, sondern ein ununterbrochenes Rinnsal hatte sich bereits zu seinen Füßen gebildet und schlängelte sich nun unter dem Tisch entlang.

In diesem Augenblick wurde die Tür kräftig aufgerissen, der Schmied trat wieder ein, klopfte sich die Nässe aus dem Wams und legte den hölzernen Riegel vor die Tür.

»Seid mir willkommen, Fremder, Euer Pferd ist gut versorgt. Doch jetzt müsst Ihr aus den nassen Sachen heraus, sonst holt Ihr Euch heute Nacht noch den Tod!«

Mit wenigen Schritten durchquerte der kräftige Mann den Raum, öffnete den Deckel einer Truhe an der Schmalseite des Hauses und entnahm ihr eine große Wolldecke, die er seinem Gast reichte.

Morgan legte sie etwas verlegen neben sich auf den Boden, aber der Schmied blieb verwundert vor ihm stehen und wartete.

»Wollt Ihr nicht die nassen Sachen ausziehen? Leider habe ich keine Kleidung, die ich Euch geben könnte – mehr als das, was ich auf dem Leib trage, und ein Hemd, das nach der Wäsche noch nicht trocken ist, besitze ich nicht. Aber die Decke könnt Ihr so lange behalten, wie es nötig ist. Hängt Eure Sachen nachher hier an den Haken beim Herd, das wird sie über Nacht trocknen. Euer Schlafplatz hier direkt neben dem Herd wird verhindern, dass die Folgen des Regens in Euren Knochen zu spüren sind. Ich kenne das und in unserem Alter muss man mit dem Gliederreißen bei diesem Wetter rechnen, damit ist nicht zu spaßen!«

Morgan schmunzelte unwillkürlich und musterte den Schmied, dessen kantiges, aber gutmütiges und sonnengebräuntes Gesicht bereits einige tiefe Falten aufwies. Der Mann sprach vom Alter und musste gut zehn Jahre mehr zählen als er selbst, aber eine Bemerkung dazu verbot sich natürlich. Begeistert riss er sich ein kräftiges Stück von dem Brot ab, stopfte es in den Mund und spülte mit dem warmen Bier nach.

Dann stutzte er jedoch. Was wollte der Schmied von ihm? Noch immer stand er abwartend vor ihm.

Als der Mann seinen fragenden Blick bemerkte, deutete er mit dem kräftigen Zeigefinger auf die Brust seines Gastes und machte eine Handbewegung.

Morgan spürte, wie ihm unbehaglich zumute wurde.

Der Schmied erwartete doch nicht etwa, dass er sich in Gegenwart der Frau auszog! Das war vollkommen ausgeschlossen, aber der Schmied wiederholte seine Handbewegung und schien darauf zu warten, dass er die nassen Sachen selbst neben dem Herd aufhängen konnte.

Als Morgan einen verzweifelten Blick in die Richtung warf, in der die Frau stand, lachte der Schmied plötzlich dröhnend auf.

Dabei rief er seiner Frau etwas Unverständliches zu, von dem Morgan nur das Wort »noth – nackt« verstand. Jetzt begann auch die Frau, schallend zu lachen, und anstatt in ihre Schlafkammer zu gehen und dem Ritter die Peinlichkeit zu ersparen, trat sie jetzt direkt an ihn heran und griff den Saum seines Waffenrockes. Den Umhang hatte er selbst schon beim Eintritt abgenommen und in die Ecke geworfen, jetzt fasste die Frau mit geübtem Griff an das Kleidungsstück und zog es mit einem Ruck nach oben, sodass der überraschte Morgan unwillkürlich seine Arme hob und im Nu von dem triefenden Oberteil befreit war. Als die Frau des Schmieds jedoch damit begann, sein Hemd aufzunesteln, wehrte er mit einer freundlichen, aber bestimmten Geste ab.

»Oh nein, gute Frau, das nicht! Es ist ja sehr freundlich, wenn Ihr Euch so um meine Gesundheit kümmert, doch ich kleide mich nicht in Eurer Gegenwart aus.«

Die Frau stemmte ihre Hände in die Seiten und lachte ihm fröhlich ins Gesicht.

»Ist man in Eurer Heimat so furchtsam, sich nackt zu zeigen? Keine Sorge, Fremder, ich habe schon eine Menge nackter Männer gesehen. In unserem Dorf bin ich zudem die Geburtsfrau und glaube wohl, dass es wenig gibt, das ich noch nicht gesehen habe. Also, ziert Euch nicht länger, herunter mit den Sachen, sonst kann ich für Eure Gesundheit nicht garantieren!«

Schon hatte sie ihre Hände wieder an seinem Hemd, schließlich kam ihr Morgan zuvor, zog die Bänder heraus und hatte im nächsten Moment das nasse Hemd über den Kopf gezogen. Die Frau nahm es entgegen, schüttelte es kurz aus und breitete es anschließend über zwei Holzhaken aus, die neben dem Herd aus der Wand ragten und für alle möglichen Dinge geeignet schienen.

Noch immer stand der Schmied abwartend neben ihm und nun erkannte Morgan, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als auch den Rest seiner Kleidung abzulegen. Seufzend griff er nach der Wolldecke und legte sie sich über die Beine. Mit raschen Bewegungen löste er die Schnüre der Beinlinge, streifte die triefenden Stoffröhren rasch herunter, ließ die Bruche folgen und achtete dabei darauf, dass die Decke über seinen Beinen nicht verrutschte. Als die Frau sich nach den abgelegten Sachen bückte, um sie ebenfalls am Herd aufzuhängen, nutzte er rasch die Chance, als sie ihm den Rücken zudrehte, und wickelte sich in die Wolldecke ein.

Da saß er nun nackend, nur von einer alten, kratzenden Wolldecke geschützt, starrte in den Becher und ließ die Bilder der letzten Stunden an sich vorüberziehen. Seine Wirtsleute schienen mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, stellten keine weiteren Fragen und rückten ihre Schemel nur an den einfachen Holztisch heran. Auf dem Tisch brannte eine kleine Öllampe und verbreitete ein eher kümmerliches Licht, während das neu angefachte Feuer im Herd für eine heimelige Wärme sorgte. Der Schmied hatte einen Holzscheit nachgelegt und dabei die Herdklappen offen gelassen, sodass die munter auflodernde Flamme ebenfalls für etwas mehr Helligkeit im Raum sorgte.

Bleierne Müdigkeit befiel Morgan, während er in der Wolldecke langsam wieder warm wurde. Seine Wirtsleute richteten keine neugierigen Fragen an ihren Gast, und das war Morgan sehr angenehm. Er ertappte sich dabei, wie ihm plötzlich der Kopf auf die Brust sank, und er schreckte deshalb rasch wieder hoch.

Der Schmied hatte das wohl bemerkt und seiner Frau ein Zeichen gegeben. Die beiden erhoben sich, der Schmied nahm die Öllampe auf, seine Frau öffnete die Tür zur Schlafkammer und war mit einem leisen Gruß bereits hinaus.

»Da nos – gute Nacht!«, bemerkte der Schmied freundlich. »Schlaft Euch aus, hier seid Ihr in Sicherheit. Niemand hat uns in den letzten Monaten belästigt, auch wenn die Männer Johanns überall durch die Gegend streifen und Geld von den Bauern eintreiben. Ich werde in Ruhe gelassen, und das will ich den Burschen auch geraten haben. Niemand legt sich ungestraft mit Myghal, dem Schmied an. Das haben sie auf unangenehme Weise gelernt, und seit dieser Zeit ist Ruhe. Also – schlaft gut!«

Damit war er auch in der Schlafkammer verschwunden und schloss die einfache, aber stabile Holztür hinter sich.

Morgan sah sich im Raum um. Das Herdfeuer war heruntergebrannt, doch der Herd strahlte noch immer eine wohlige Wärme aus. Ein letzter Schluck aus dem Becher, dann stand er auf und nahm seinen Schlafplatz neben dem Herd ein. Das Wehrgehänge mit dem treuen Schwert legte er sich dabei an die Seite. Mochte der Schmied auch glauben, dass die Zeiten besser geworden waren – er hatte in den letzten Wochen ganz anderes erlebt und wollte nun gewappnet sein.

Trotz der noch immer vorhandenen Kopfschmerzen war er rasch eingeschlafen.

 

 

3. Kapitel

 

Mit dem ersten Sonnenstrahl war er auch schon auf. Er fühlte sich gut, bis auf die dicke Beule, die er vorsichtig abtastete. Der Helm hatte das Schlimmste verhindert, der Schlag musste jedoch mit aller Kraft ausgeführt worden sein. Offenbar war dem Straßenräuber völlig egal, ob sein Opfer den Überfall überlebte. Erneut stieg die Wut in ihm auf, aber er unterdrückte den Gedanken an Rache und kleidete sich rasch an, bevor seine Wirtsleute aus der Kammer traten.

Die Sachen waren alle trocken, und die Sonnenstrahlen, die durch das kleine Fenster auf seinen Schlafplatz gefallen waren, verkündeten einen schönen Tag. Morgan trat zur Haustür und erkannte erstaunt, dass der Riegel bereits zurückgezogen war. Als er aus dem Haus trat, vernahm er aus der Schmiede das Fauchen eines Blasebalgs. Er hatte also tatsächlich verpasst, dass seine Wirtsleute bereits vor ihm aufgestanden waren.

Eben kam ihm auch die Frau mit einem gefüllten Wassereimer entgegen und grüßte ihn mit einem freundlichen Kopfnicken.

»Bladn howl!«, nickte ihr Morgan zu und erntete ein schallendes Lachen.

»Guten Morgen, ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen und seid bereits hungrig! Ich bereite den Brei sofort für uns zu, Ihr könntet inzwischen etwas Holz klein machen!«

Damit deutete sie auf einen Holzstapel neben der Tür, in der eine Axt steckte.

Als Morgan sie ergriff, verschwand die Frau im Haus, schaute noch einmal zurück und sagte lachend:

»Wenn Ihr meint, dass die Sonne bereits sehr kräftig ist, heißt es bras.«

Mit einem silberhellen Lachen verschwand sie im Haus, und einmal mehr fühlte sich Morgan bei diesen Leuten wohl. Da war nichts Verstelltes, nichts, was an das höfische Benehmen der vornehmen Damen erinnerte, wie er es vor vielen Jahren selbst so oft auf seinem geliebten Launceston Castle erlebt hatte. Bei der Erinnerung seufzte er unwillkürlich leise, gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit durch eine Bewegung auf der nahen Straße gefesselt.

In der aufgehenden Sonne hatte etwas geblinkt, und als er nun die Augen zusammenkniff, erkannte er Reiter, deren Helme das Sonnenlicht reflektierten. Mit einem Schritt trat er in das Haus zurück, als er sich von einer kräftigen Hand am Oberarm gepackt fühlte.

»Wollt Ihr uns alle umbringen? Kommt zu mir in die Schmiede herüber!«, raunte ihm der Schmied zu.

Morgan war zu verblüfft, um zu antworten. Er wollte bei dem Anblick der Reiter sein Schwert holen, folgte jetzt aber stattdessen dem Schmied wortlos. Der kräftige Mann deutete auf einen Schmiedehammer.

»Nehmt das und bindet Euch den Schurz dort um. Ihr seid Afon, mein Gehilfe, der vor zwei Wochen in meine Dienste getreten ist. Schweigt und überlasst das Reden mir, verstanden?«

»Natürlich. Aber warum …«

»Später!«, antwortete ihm Myghal und nahm einen anderen Hammer, um gleich darauf dröhnend auf ein Stück Eisen einzuschlagen, das er offenbar für die Reparatur eines Wagenrades benötigte. Anschließend ergriff er es mit einer langen Zange und legte es direkt in die aufgeschürte Glut.

»Beweg den Balg!«, rief er seinem neuen Gehilfen zu. Der warf einen Blick zum Schmiedebalg, erkannte die beiden Vorrichtungen, auf die man stieg, und als die Reiter ihre Pferde vor der Schmiede zügelten, arbeitete er bereits eifrig, indem er die Bälge trat, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

»Holla, Schmied!«, rief einer der Reiter lautstark zu ihnen herüber, und Myghal drehte sich zu den Männern herum, nickte ihnen kurz zu und hieb noch ein paar Mal kräftig auf das glühende Stück Eisen, das er gerade aus der Glut genommen hatte.

Während einer der Männer aus dem Sattel sprang und zu ihm trat, ergriff er das Stück erneut mit der Zange und legte es wieder in die Glut zurück.

»Immer fleißig, der Mann, was?«, sagte der Reiter und lachte dröhnend.

Morgan warf ihm einen kurzen Blick zu und stapfte weiter auf den Tretbälgen, um das Feuer damit kräftig anzufachen. Der Soldat hatte ihm noch keinen Blick zugeworfen, sondern stand mit einem provozierenden Lachen im Gesicht vor dem Schmied, der vollkommen gleichgültig antwortete:

»Es gibt immer etwas zu tun. Kann ich Euch helfen?«

»Ja, mein Gaul beginnt zu hinken. Schau dir mal sein Eisen auf der rechten Hinterhand an.«

Wortlos ging der Schmied zu dem Pferd, während der Soldat sich in der Schmiede umsah. Seine beiden Gefährten blieben auf ihren Tieren sitzen, hatten sich leicht nach vorn gelehnt und musterten interessiert das Treiben in der Schmiede.

Alle drei Soldaten waren vierschrötige Kerle mit brutalen Gesichtern, gut geeignet, um in einem Dorf Angst und Schrecken zu verbreiten.

Sie trugen die typischen Nasalhelme und an der Seite jeweils ein Schwert. Ansonsten bestand ihre Ausrüstung aus den gepolsterten Gambessons, die jeder von ihnen ohne den sonst üblichen Waffenrock darüber trug. Es war klar, dass sie im Dienste von Prinz Johann standen, aber auch am Sattelzeug gab es keinen Hinweis auf ihre Identität.

Myghal fuhr am Bein des Pferdes entlang und hob den Huf an.

»Das ist gerade noch rechtzeitig und mit wenigen Handgriffen gerichtet!«, stellte er nach einem raschen Blick auf den Huf fest. »Es hat sich nur gelockert, das richte ich sofort.«

Damit griff er zu dem kurzen Hufhammer, den er im Gürtel trug, und begann mit seiner Arbeit.

Der abgestiegene Soldat stand jetzt neben Morgan und musterte ihn von Kopf bis Fuß mit breitem Grinsen.

»Und du, Kerl? Wer bist du und was machst du in der Schmiede? Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nur dem Schmied ein wenig hilfst, was?«

»Das ist Afon, mein Gehilfe seit ein paar Wochen. Lasst ihn in Ruhe, er ist nicht ganz richtig im Kopfe!«, rief der Schmied herüber, ohne aufzusehen.

»So? Nicht ganz richtig? Bist wohl der Dorftrottel, was?«

Grinsend fuchtelte er mit den Händen vor dem Gesicht des Gehilfen, der mit unbewegter Miene weiter die Bälge trat.

»Machst das aber wirklich fein, mein Junge!«, setzte er dann hinzu, nachdem Morgan sich weder äußerte noch eine Gemütsbewegung zeigte. »Aber warte einmal – zeig mir doch einmal deine Hand! Los, Kerl, wird’s bald?«

Morgan sah verwundert auf, ohne jedoch seine Tätigkeit einzustellen.

Der Soldat griff nach seiner Hand, zog sie zu sich heran und betrachtete sie näher.

»Hm – so, wie diese Hand aussieht, hat der Kerl aber noch nicht sehr viel gearbeitet, Schmied!«

Myghal war noch immer mit den Hufnägeln beschäftigt und schlug eben den Letzten ein. Er antwortete gleichgültig: »Lass den Mann in Ruhe, er ist harmlos. Als ich ihn gefunden habe, war er schwer krank und lag auf der Straße. Ich hatte Mitleid, habe ihn mitgenommen und meine Alte hat ihn dann gepflegt. Jetzt ist er wieder kräftig genug, um seine Schuld abzuarbeiten. So – das war’s, es sitzt wieder fest!«

Der Soldat hatte die Hand des angeblichen Gehilfen wieder losgelassen, musterte ihn aber noch immer sehr misstrauisch. Was ihn allerdings von dem gerade gefassten Gedanken, hier handle es sich möglicherweise um einen der gesuchten Männer, abbrachte, waren die von der Sonne gebräunten Arme und das verbrannte Gesicht des Mannes.

Nein, so sah keiner der adligen Herren aus, da war er jetzt ganz sicher. Und sicher hätte der Bursche sich auch anders verhalten. Noch ein kritischer Blick flog über die kräftige Gestalt des Gehilfen, der noch immer, inzwischen schweißüberströmt, die Bälge trat. Der Mann trug ein einfaches Hemd, die Bruche und Beinlinge. Und seine nackten Füße waren ebenfalls braun, soweit er das erkennen konnte. Nun war er sich sicher. Das konnte keiner der überall im Land gesuchten Männer sein. Mit einem Grinsen drehte er sich von dem Gehilfen weg, als der Schmied neben ihm stand.

»Schnelle Arbeit, Myghal. Da ist es gut, einen solchen Helfer zu haben, was? Übrigens – vielleicht solltest du den Trottel mal von den Bälgen herunterholen, bevor deine Schmiede noch in Flammen aufgeht!«

Erneut lachte er dröhnend auf und wies auf die Kohlen, auf denen sich jetzt bereits große Flammen gebildet hatten, während der Gehilfe noch immer die Bälge trat und damit das Feuer verstärkte.

»Afon, es ist gut!«, rief ihm der Schmied hinüber, und Morgan verringerte mechanisch seine Bewegungen und stand dann schließlich einfach still.

Lachend sprengten die drei Soldaten gleich darauf auf der Straße davon. Von Dank oder gar Bezahlung war natürlich keine Rede.

Erleichtert lehnte sich Myghal gegen den Amboss und sah zu Morgan hinüber, der jetzt von den Bälgen ebenfalls zum Amboss herübertrat.

»Was war das, Myghal? Weshalb dieses Theater? Mit diesen drei Kerlen wäre ich ohne Probleme fertig geworden!«

Der Schmied legte ihm schwer seine rechte Hand auf die Schulter und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, bevor er antwortete:

»Genau das hatte ich auch befürchtet. Aber du hast es hervorragend gemacht, vielen Dank. Ich war in großer Sorge, dass dich die Männer zu einer unbedachten Reaktion verleiten können – dann wäre unser Dorf stark gefährdet.«

»Verstehe ich nicht«, antwortete Morgan. »Diese Männer sind im Auftrag des angeblichen Königs unterwegs und suchen offenbar im ganzen Land nach Männern. Warum kuscht du vor solchem Pack?«

»Komm ins Haus, Afon«, antwortete der Schmied, und Morgan wurde gerade bewusst, dass er dem Schmiedepaar noch nicht seinen Namen gesagt hatte. Der Name ›Afon‹ gefiel ihm. Er würde vorerst dabei bleiben.

 

 

4. Kapitel

 

Als die Männer eintraten, roch es nach dem leicht angebrannten Getreidebrei. Eseld gab jedem einen kräftigen Schlag auf den Holzteller und entschuldigte sich für einen Moment der Unaufmerksamkeit.

»Ich war doch sehr in Sorge wegen der Soldaten«, schloss sie ihre kurze Rede, hockte sich zu den Männern an den Tisch und begann ihr Mahl.

Morgan wollte während des Essens mehrfach ansetzen, schwieg dann aber wieder, weil das Ehepaar nicht von seinem Teller aufsah, bevor der letzte Löffel davon getilgt war. Dann stand der Schmied wortlos auf und verschwand wieder nach draußen, während Morgan noch zögerte.

Als aber gleich darauf die gleichmäßigen, wuchtigen Schläge herüberklangen, erhob er sich ebenfalls und gesellte sich zu Myghal, der unverdrossen an dem Eisenstück weiterarbeitete.

Zischend fuhr das Eisen dann endlich in den Holzeimer mit dem Wasser, und der Schmied griff nach einer Sense, die dringend geschärft werden musste. Während er mit dem Wetzstein über die Klinge strich, räusperte sich Morgan vernehmlich und begann dann:

»Also, Myghal, was ist los? Du bist nicht der Mensch, der sich von drei grobschlächtigen Soldaten einschüchtern lässt. Trotzdem hast du alles unternommen, um den Männern den braven Untertanen vorzuspielen.«

Der Schmied antwortete nicht sofort, setzte vielmehr seine Arbeit mit dem Wetzstein fort und sah dabei immer wieder unruhig zur Seite.

Dann nickte er zu Morgan hinüber und sagte nach mehrfachem Räuspern mit seltsam leiser Stimme:

»Ich habe Euch nicht gefragt, wer Ihr seid und woher Ihr kommt, als Ihr gestern Abend an unserer Tür geklopft habt. Das ist in diesen Zeiten gefährlich, sehr gefährlich sogar. Aber wir haben noch nie einen Menschen von unserer Schwelle fortgeschickt. Natürlich hat uns schon Euer Schwert einen Hinweis gegeben, wenn da nicht Euer kostbares Pferd wäre, das die Soldaten zum Glück nicht im Stall hinter dem Haus entdeckt haben. Sonst wäre es wohl mit dem tumben Schmiedegehilfen gleich vorbei gewesen, oder was glaubt Ihr?«

Nachdenklich hatte Morgan den Schmied angesehen, als der seine Schilderung beendete, und nickte bestätigend zu seinen Worten.

»Ihr seid zweifellos ein braver Mann, Myghal. Aber so lange sich alle immer nur wegducken, wird sich im Land nichts ändern. Was wir brauchen, sind tatkräftige Männer, die bereit sind, für die Rechte unseres wahren Königs einzutreten.«

Jetzt war es an Myghal, schweigend mit einem Kopfnicken zuzustimmen.

Die beiden Männer standen in der Schmiede, sahen die Handelsstraße hinunter, an der dieses Dorf angelegt wurde und begannen beide gleichzeitig mit ihrem nächsten Satz.

»Ihr seid …«, begann der Schmied.

»Ich möchte …«, sagte gleichzeitig Morgan.

Dann lachten sie herzhaft heraus, und als hätte dieses Lachen den Bann gebrochen, legte der Schmied in einer vertraulichen Geste die Hand auf den Unterarm des Ritters.

»Ihr seid bei guten Freunden, Herr. Und dass Ihr ein Ritter seid, konnte noch nicht einmal Euer jämmerlicher Zustand nach dem gestrigen Regenguss verdecken. Und wenn Ihr auf der Suche nach tatkräftigen Männern seid, dann antworte ich Euch nur: Herzlich willkommen!«

Damit wies der Schmied in eine dunkle Ecke des Gebäudes, und Morgan folgte der ausgestreckten Hand, trat ein paar Schritte in das dort herrschende Halbdunkel. In einer Ecke lag ein matt glänzender Gegenstand, den er vom Boden aufhob und staunend an seine Augen führte. Es handelte sich um eine abgebrochene Klinge, und obwohl sie von Rost überzogen war, erkannte er sofort die Qualität dieser Arbeit. Er drehte und wendete die Klinge lange hin und her, fuhr vorsichtig mit dem Zeigefinger darüber und spürte die rostigen Narben der Waffe.

»Uralt«, sagte er leise. »Woher habt Ihr diese Klinge?«

Myghal war neben ihn getreten und deutete auf eine Stelle der Klinge. Jetzt erst erkannte der Ritter daneben das winzige Symbol. Es war ein aufrecht stehender Löwe, das Zeichen König Richards.

»Richard Löwenherz? Wie ist das möglich, Myghal?«

Der Schmied lächelte nur und nahm ihm die Klinge wieder aus der Hand, strich noch einmal darüber und warf sie dann wieder zurück in das Dunkel der Raumecke. Unwillkürlich machte der Ritter eine Bewegung, als wolle er sie sofort zurückholen, aber der Schmied ging noch einen Schritt weiter. Von einer anderen Ecke seiner Schmiede holte er mehrere bearbeitete Metallstücke und warf sie über die Klinge.

»Das ist besser so, Herr, glaubt mir. Ich war vorhin in höchster Not, als die Soldaten kamen. Wäre der Abgestiegene nur ein paar Schritte weiter hier herüber gekommen, so hätte er sie entdecken müssen.«

»Aber diese Klinge ist von außergewöhnlicher Qualität – sie wurde damastiziert, habe ich Recht?«

»Wenn Ihr damit das Falten des Eisens während des Schmiedens meint, so stimme ich Euch zu. Woher kennt Ihr diese Technik?«

»Aus dem Morgenland, Schmied. Kommt, lasst uns wieder in Euer Haus gehen, wo wir uns in Ruhe unterhalten können. Ich glaube, Ihr habt mir einiges zu erzählen.«

Doch der Schmied zögerte.

»Was ist mit Euch, Myghal? Es ist an der Zeit, die Karten aufzudecken, findet Ihr nicht auch?«

Bevor der kräftige Mann noch reagieren konnte, klang ein schwacher Schrei zu ihnen aus dem Haus herüber. Er hörte sich an, als hätte jemand in letzter Minute versucht, den Schrei zu verhindern.

»Eseld!«, rief der Schmied erschrocken und wollte hinüber stürzen. Doch diesmal war es Morgan, der ihn am Arm zurückhielt.

»Nicht so rasch, Myghal! Wenn jemand in Euer Haus eingedrungen ist, hat er auch mein Schwert. So können wir dort nicht hinüber – nehmt einen Euren Hammer mit!«

Wortlos ergriff jeder der Männer einen der schweren Schmiedehammer und eilte die wenigen Schritte zur Haustür, die nur angelehnt war.

Der Schmied schlug sie mit der flachen Hand weit auf, sodass sie an die Wand schlug und von dort leicht federnd zurückschwang. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Einer der Soldaten stand vor dem Herd und hatte seine Eseld von hinten umschlungen. Ein kräftiges Messer drückte gegen ihre Kehle und hatte bereits einen schmalen, blutigen Strich hinterlassen. Die beiden anderen Soldaten standen links und rechts vom Tisch, die Schwerter in der Hand.

»Na mein Lieber, das wurde aber auch höchste Zeit, dass du mal nach dem Rechten in deinem eigenen Haus siehst. Schließlich war deine kleine Frau schon ganz ungeduldig. Sie befürchtete nämlich, du würdest den Spaß verpassen, den wir mit ihr gleich haben werden. Aber setzt dich doch, das ist für dich bequemer!«

Noch immer stand Myghal bewegungslos auf der Türschwelle, den schweren Hammer zum Schlag bereit.

Hinterlistig lächelte ihn der Soldat hinter seiner Frau an.

»Was willst du denn mit dem Schmiedehammer anfangen? Leg ihn weg, oder ich ziehe das Messer etwas tiefer über den Hals deiner Frau. Wäre allerdings schade, wenn sie so einfach verbluten würde!«

Ein gemeines Lachen der drei Soldaten begleitete seine Worte, und der Messerheld setzte noch hinzu: »Wo ist denn eigentlich dein trotteliger Gehilfe, dem das wunderschöne Pferd in deinem Stall gehört?«

Noch bevor der Schmied eine Antwort geben konnte, rief eine kräftige Stimme hinter den drei Soldaten:

»Hier bin ich!«

Der Mann mit dem Messer wirbelte auf den Absätzen herum und hob die Hand mit dem Messer, und im gleichen Augenblick traf ihn der Hieb des Schmiedehammers, der ihm den Helm zerschlug und bis tief in den Schädel fuhr, sodass der Mann lautlos zusammenbrach.

Mit weit aufgerissenen Augen hatten die beiden anderen Soldaten das Geschehen beobachtet und konnten sich noch nicht erklären, woher dieser Bursche plötzlich kam, als sie auch schon mit ihren Schwertern auf ihn eindrangen. Aber Morgan hatte den Hammer längst wieder gehoben, wich dem Schwertstreich des nächsten Soldaten aus und tötete ihn mit einem weiteren Hammerschlag auf die gleiche Weise wie den ersten Mann.

Auch der Schmied war aus seiner Erstarrung erwacht und kämpfte nun mit dem dritten Mann, der jedoch trotz seines beträchtlichen Körperumfangs blitzschnell auf ihn zugesprungen war und mit dem Schwert zustach. Der Schmied wich zwar aus, die Klinge ritzte jedoch noch seinen linken Oberarm. Schließlich schlug auch er mit dem Schmiedehammer zu, und traf den Soldaten direkt vor die Brust. Wie ein gefällter Baum brach der Mann zusammen, und der nächste Hieb zerschmetterte auch seinen Kopf.

Schwer amtend lehnte sich der Schmied auf den langen Stiel seiner Waffe und starrte auf den Toten, dessen Blut in dickem Strom über den Holzboden lief und sich mit dem seiner Kameraden vermischte.

»Die Tür zu!«, rief Morgan der noch immer zitternden Frau zu und riss sie damit aus ihrer Betäubung. Rasch war sie an der Eingangstür, schlug sie zu und schob den Riegel vor. »Die Fensterläden auch! Damit niemand, der zufällig auf der Straße vorbeikommt, hier hereinschaut! So ist es gut!«

Augenblicklich wurde der Raum in ein dämmriges Licht versetzt, und Morgan gab seine weiteren Anweisungen.

»Fass mit an, Myghal, wir bringen diese Burschen zunächst in Eure Kammer und schaffen sie heute Nacht weg von hier!«

Mit diesen Worten packte er die Beine des nächsten Toten und zog ihn hinter sich her in die Schlafkammer des Ehepaares. Eine breite Blutspur zog sich bis dort entlang, und sofort sprang die Frau des Schmiedes mit einem am Herd stehenden Wassereimer herbei und begann, das Blut aufzuwischen.

Rasch waren die Toten aus dem Weg gebracht, und Morgan sorgte dafür, dass auch das Fenster in der Schlafkammer fest verschlossen wurde, durch das er vor wenigen Minuten in das Haus gelangt war.

»Die Pferde der Soldaten!«, stieß der Schmied keuchend aus, und Morgan eilte zur Tür, öffnete sie einen Spalt, spähte hinaus, eilte auf die Straße und schloss sie sogleich wieder hinter sich.

Die Pferde befanden sich weder in der Nähe der Schmiede noch hinter dem Stall, in dem sein Blane stand. Zum Glück war auch nirgendwo jemand zu sehen, nur in weiter Ferne näherte sich auf der Handelsstraße ein Karren im langsamen Zockeltrab.

Der Ritter eilte um den Stall und lief zu einem bewaldeten Platz, der etwa hundert Yards dahinter begann. Und erleichtert atmete er auf, als er dort im Schatten der Bäume die drei festgebundenen Pferde entdeckte. Er löste die Haltestricke und führte sie ein Stück tiefer in den Wald hinein, wo er sie zwischen ein paar Baumstämmen festband. Jetzt konnte er sicher sein, dass man die Tiere nicht von der Straße aus bemerkte.

Als er erneut das Haus betrat, war schon zu erkennen, dass das Ochsengespann in Kürze hier eintreffen würde. Rasch musterte er mit kritischem Blick den Raum. Eseld wischte noch immer verzweifelt die Blutspuren fort, das Wasser im hölzernen Eimer hatte bereits eine dunkle Farbe angenommen. Kurz entschlossen ergriff Morgan den Eimer, rannte um das Haus herum zum Brunnen, schüttete dort in ein nahe stehendes Gebüsch das alte Wasser aus und holte aus dem Ziehbrunnen frisches Wasser herauf, mit dem er den Eimer füllte. Der Zugeimer war noch gut halb gefüllt, also griff er den Eimer auf, lief zum Haus zurück und rief Eseld eine Warnung zu, bevor er den gesamten Inhalt schwungvoll über den Fußboden verteilte, erneut den Eimer nahm und wieder zum Brunnen eilte. Ganz kurz bevor das Ochsengespann vor der Schmiede anhielt, übergab er den frisch gefüllten Eimer an die Frau des Schmiedes.

»Holla, Myghal, wo steckst du denn? Ich habe etwas für dich!«, ertönte eine Stimme vom Gespann herüber, und ein behäbiger, alter Bursche kletterte von dem quer gelegten Brett, das ihm als Bock auf dem einfachen, aber robusten Karren diente.

Die beiden Ochsen sahen müde aus, waren staubbedeckt und schienen eine lange Reise hinter sich gebracht zu haben.

»John, du hast dich ja seit einer Ewigkeit nicht mehr bei uns sehen lassen! Warte, Eseld ist gerade mit dem Hausputz beschäftigt, ich hole deinen Tieren gleich etwas Wasser.«

»Nicht nötig, Myghal, das schaffe ich noch ganz gut allein. Ich hole ihnen schon etwas, aber wenn du für mich noch einen guten Schluck von deinem Bier hättest, wäre mir das schon sehr recht!«

 

 

5. Kapitel

 

Die drei Männer saßen beim selbstgebrauten Bier um den Tisch, und Eseld stellte ihnen frisches Brot und einen harten Käse dazu. Insbesondere war es John, der kräftig zulangte und ein gewaltiges Stück Käse in sich hineinstopfte. Myghal dagegen schien nach dem Vergangenen keinen Appetit zu verspüren, während Morgan dem Geruch des frischen Brotes, das gerade aus dem Ofen kam, nicht widerstehen konnte und sich davon Stückchen abbrach.

»Ich habe übrigens den Wein für dich hinten auf dem Karren«, erklärte John gerade zwischen zwei kräftigen Bissen und schenkte dem Schmied einen bedeutsamen Blick. Myghal stutzte kurz, dann hatte er verstanden.

»Also gibt es bald einen Grund zum Feiern?«, warf Morgan trocken ein, und bemerkte, wie der Fuhrmann zusammenzuckte und ihn dann mit misstrauischem Seitenblick musterte.

»Wie lange ist dein neuer Gehilfe eigentlich schon in der Schmiede?«, erkundigte er sich, nachdem er den Mund leer hatte.

»Ach komm, John, jetzt tu nicht so, als hättest du nicht längst bemerkt, dass ich keinen neuen Gehilfen habe. Afon ist …«

»… Nicht wirklich ein Schmied, aber ein rechtschaffener Mann«, unterbrach Morgan den Schmied, bevor der seinen Satz beenden konnte.

John starrte mit offenem Mund von dem einen zum anderen, dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch und rief erbost aus:

»Jetzt haltet mich nicht länger zum Narren! Ich bin zwar alt, aber nicht dumm im Kopf! Der Mann ist ein Ritter, das sieht man auf den ersten Blick, und gewiss kein Schmiedegeselle. So, und wenn Ihr so wenig Vertrauen zu mir habt, dann habe ich dir heute das letzte Fass Wein geliefert, Myghal, das glaube mir mal!«

Der Schmied musste jetzt über den Wutausbruch des alten Fuhrmanns schmunzeln und antwortete beruhigend:

»Schon gut, John, es ist ohnehin zu spät, etwas zu verheimlichen. Afon ist mitten in unserer Geschichte gelandet und hat sich bestens eingeführt. Es ist gut, dass du vorbeigekommen bist. Wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, laden wir das Weinfass ab und dafür eine andere Ladung auf. Mehr musst du noch nicht dazu wissen, doch stärke dich erst noch richtig, du brauchst heute deine ganze Kraft für unser gemeinsames Vorhaben!«

Damit nickte der Schmied seinem alten Gefährten vertraulich zu, schwieg aber auf alle weiteren Fragen, aß noch etwas von dem Brot, stand dann auf, wischte sich die Hände am ohnehin nicht mehr sauberen Hemd ab und ging hinüber in die Schmiede.

Die beiden anderen saßen noch eine Weile schweigend zusammen, bis Eseld wieder hereinkam. Sie hatte die Hühner versorgt, die neben dem Pferdestall einen kleinen Verschlag hatten und sich mit dem Gartenauslauf, der liebevoll von der Frau des Schmiedes gepflegt wurde, sehr prächtig entwickelten. Inzwischen war das Hühnervolk so zahlreich geworden, dass Eseld etliche Eier verkaufen konnte.

Einige davon hatte sie eingesammelt und trug sie in einem kleinen Korb am Arm, als die beiden Männer aufstanden, um ebenfalls in die Schmiede zu gehen.

»Ihr wollt noch arbeiten?«, erkundigte sie sich. »Wenn ihr möchtet, könnte ich euch noch ein paar Eier braten!«

»Vielen Dank!«, rief John zurück. »Die nehme ich gern morgen zum Frühstück!«

»Dann bleibst du also über Nacht? Gut, dann muss eben …« Sie zögerte etwas, bevor sie fortfuhr: »Dann muss sich eben Afon neben dem Herd ein wenig einschränken!«

»Oh, ich schlafe gern auf meinem Karren, Eseld, mach dir keine Gedanken! Wir laden noch das Weinfass ab, und ich habe genügend Platz!«

Damit lief er hinter Morgan her, und zusammen mit dem Schmied schoben die Männer den ausgespannten Ochsenkarren so an die Schmiede heran, dass sie nur einen kurzen Weg für das schwere Fass hatten. Ohne weitere Umstände griff Myghal nach dem oberen Rand, kippte das Fass zu sich herüber und lud es sich kurzerhand auf die Schulter, noch ehe einer der beiden anderen zugreifen konnte.

Morgan lauschte auf den seltsamen Ton, der aus dem Fass klang.

Als der Schmied es in den gleichen hinteren Winkel seiner Schmiede stellte, in der er gerade erst die zerbrochene Klinge entdeckt hatte, war es auch klar geworden, weshalb Myghal sich nicht weiter über diese Weinlieferung äußerte.

Gemeinsam schlugen sie den oberen Reif herunter und hoben den Deckel ab. Doch zu seiner großen Überraschung roch Morgan den leicht herben Geruch des Rotweines, als er sich über die Öffnung beugte.

John nahm einen der Holzeimer auf, griff an einen Spund, der ziemlich weit oben in dem Fass steckte, und gleich darauf floss ein fingerdicker Strahl in den Eimer. Doch das war nur von kurzer Dauer, dann versiegte diese Quelle wieder, der Schmied griff in das Fass, nahm einen eingesetzten Holzboden heraus und packte anschließend mit beiden Händen zu, um das schwere und leicht klirrende Bündel herauszuziehen. Er ließ es hinter dem Fass auf den Boden, und wieder klirrte es vernehmlich nach Metall.

»So, jetzt das Zeug hier darüber, und wir sind mit dieser Arbeit fertig. Wenn ich mich nicht täusche, haben wir noch einiges in dieser Nacht vor!«

»Du bekommst aus dem Landesinneren Waffen in die Schmiede? Ist das nicht zu gefährlich?«, erkundigte sich Morgan.

»Ein geringes Risiko, Afon. Ich muss sie nur überarbeiten und schärfen, dann werden sie in wenigen Tagen abgeholt und gehen an den Ort ihrer Bestimmung.«

Morgan zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein.

»Und wo befindet sich dieser Ort?«

»Geduld. Du wirst ihn sehr bald sehen. Aber vorher müssen wir noch unsere Fracht aus dem Haus wegbringen. Nur ist es mir für diese Arbeit noch zu früh. Wenn die Mitternacht vom Kirchturm geschlagen hat, brechen wir auf. Johns Ochsenkarren wird uns dabei die Arbeit erleichtern.«

»Und die Pferde?«, erkundigte sich der Ritter.

Myghal lachte leise. »Das wird deine Aufgabe werden, Afon. Sie gehen dorthin, wohin auch die Schwerter gehen. Und du wirst sie begleiten, das bist du uns schuldig!«

Morgan zuckte die Schultern.

»Ich wüsste nicht, warum ich dir etwas schuldig bin, Schmied, aber ich verstehe so langsam deine Geheimniskrämerei. Wie weit ist das Lager der Aufständischen von hier aus entfernt?«

Der Schmied wollte gerade wieder zum Haus zurückkehren, als er seinen Schritt verharrte und den Ritter erschrocken anstarrte.

»Ja, was ist? Wenn du Schwerter und Pferde irgendwo hinbringen willst, wird es sich wohl um Aufständische handeln. Und ich hoffe nur, dass sie weit genug vom Dorf entfernt lagern, damit ihr keine Schwierigkeiten bekommt, wenn man nach den drei Soldaten sucht.«

Der Schmied hielt den nachfolgenden Männern die Haustür auf, und antwortete erst, als sie wieder am Tisch saßen.

»Afon, du verfügst über einen sehr scharfen Verstand. Aber keine Sorge, wir sind hier in Sicherheit. Die Aufständischen des Roten achten sehr sorgfältig darauf, keine Spuren zu hinterlassen.«

»Wer ist der Rote?«

Myghal warf John einen raschen Blick zu, dann räusperte er sich.

»Der Rote Jäger ist der Anführer der Aufständischen. Er hat seinen Namen aufgrund seiner feuerroten Haare bekommen. Eigentlich haben ihn alle immer nur Red Fox genannt, aber das hört er nicht so gern. So nennen wir ihn den Roten Jäger, und damit ist er vollkommen einverstanden. Du wirst sehen, das sind Männer, wie du sie erwähnt hast. Und es werden immer mehr in den Wäldern und Sümpfen von Dartmoor.«

»Dartmoor? Das ist eine gute Tagesreise von hier, mit dem Ochsengespann wohl länger.«

»Das Ochsengespann benötigen wir nicht«, entgegnete der Schmied. »Ich wollte Euch daher bitten …«

»Myghal, lass uns einfach bei dem Namen Afon und dem vertraulichen ›du‹ bleiben, das ist einfacher. Ich bin einverstanden, und breche auf, sowie die Waffen bereit sind«, antwortete Morgan.

»Also in zwei Tagen, die benötige ich in jedem Fall, und während dieser Zeit muss ich ungestört arbeiten können. Deshalb brauche ich dich am vorderen Amboss, Afon. Dort hast du die Straße im Überblick und kannst mich warnen, wenn Fremde in das Dorf kommen. Aber jetzt vorwärts, es wird Zeit für unseren Nachttransport.«

 

 

6. Kapitel

 

Die Landstraße nach Exeter war in den Abendstunden nicht mehr sonderlich stark genutzt. Ein paar verspätet zurückkehrende Bauern, die ihre Waren auf dem Markt der Hauptstadt verkauft hatten, eilten mit ihren kleinen Handkarren zurück in ihre Dörfer. Vereinzelte Reiter sprengten eilig der großen Stadt entgegen, um noch vor der Schließung der Stadttore einzutreffen.

Schon die Römer hatten hier an einer Furt durch die Exe die Stadt Isca Dumnoniorum gegründet, und im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sie sich rasch zur größten Stadt in Cornwall, bis sie schließlich nach der Erstürmung durch Wilhelm dem Eroberer befestigt wurde, den Bischofssitz im 11. Jahrhundert erhielt und unter König Heinrich II. zur größten Stadt in Südengland aufblühte.

Die Furt durch die Exe war ein wichtiger Vorposten für die reiche Handelsstadt, aber die sich über die grünen Hügel der Grafschaft Devon hinziehende Handelsstraße war ohne jegliche weitere Überwachung. Die letzten Türme aus der Zeit der Römer waren in sich zusammengefallen und nutzlos geworden.

Nutzlos? Jedenfalls wurden diese alten Beobachtungs- und Signaltürme nicht mehr von den Soldaten des Sheriffs benutzt. Wohl aber gab es so manches heimliche Treiben in den Nächten um einige dieser Türme, und in den benachbarten Ortschaften oder kleinen Weihern ging bald die Kunde herum, dass es bei diesen Türmen nicht sonderlich geheuer wäre – schon gar nicht zur nächtlichen Zeit.

So mied man ihre Nähe, zumal sich dort auch gern das Krähenvolk einnistete, dem man ohnehin gern aus dem Wege ging. Raben und Krähen fanden sich in großen Scharen in der Nähe der Richtstätten, die man oft an den Wegkreuzungen zur Abschreckung errichtet hatte.

So war es verständlich, dass die Menschen auf dieser Straße auch am heutigen Tage ihren Schritt unwillkürlich beschleunigten, als an einer kleinen Wegkreuzung einer der alten Römertürme in ihr Blickfeld rückte, der einen besonders schauerlichen Anblick bot. Vor vielen Jahren hatte man daneben einen Galgen errichtet, und das dazu gehörige hölzerne Podest, längst in sich zusammengefallen, hieß überall nur »der Rabenstein«. Tatsächlich nisteten im ebenfalls verfallenen Turm einige dieser schwarzen Gesellen, wie man unschwer an ihren weißen Ausscheidungen rings um Turm und Galgenstätte erkennen konnte.

Eben war ein bäuerliches Paar hier vorübergeeilt, und als sie die Wegkreuzung hinter sich gebracht hatten, um zu ihrem Dorf zu gelangen, bekreuzigte sich die Frau und begann, laut zu beten.

Ihrem Mann war das nicht recht, doch er warf ebenfalls besorgte Blicke zu dem Turm, hinter dem gerade am rötlich gefärbten Abendhimmel die Sonne versank. Der Bauer hatte allerdings einen kräftigen Stock in der Hand, den er beim Passieren der unheimlichen Stätte umso kräftiger auf den staubigen Grund der Straße stieß, einen finsteren Blick hinüberwarf und dann seine schon vorauseilende Frau wieder einholte.

Hätten sie die Blicke bemerkt, die ihnen folgten, wären sie vermutlich schreiend davongelaufen. Unter dem zerbrochenen Galgenpodest hatten nämlich zwei unheimliche Gestalten ihren Posten bezogen und beobachten die Straße genau.

Der große, vierschrötige Bursche murmelte einen Fluch vor sich hin, als er die nun fast vollkommen leere Straße erneut musterte.

»Du wirst uns mit deinem ewigen Gemaule noch die Soldaten auf den Hals hetzen, Arlo!«, sagte sein kleinerer Gefährte missmutig, aber der Große erwiderte sofort unwirsch:

»Rede keinen Unsinn – woher sollten die denn kommen? Ich kann von hier aus bis nach Exeter schauen und sehe nicht einen einzigen Helm auf der ganzen, verfluchten Straße. Jetzt sind wir schon den dritten Tag in dieser Gegend, und warum? Nur weil du behauptet hast, dass wir hier jeden Tag einen Reichen ausrauben könnten. Dabei liegen wir in irgendwelchen Drecklöchern und haben das Nachsehen, weil die wenigen Reichen, die hier entlangkommen, alle schwer bewaffnet sind oder sogar noch von Reisigen begleitet werden.«

»Dafür haben wir in den Dörfern umso bessere Beute gemacht, oder zählt das für dich nicht?«

»Pah, ein paar Hühner und Gänse für den Magen und die armselige Kasse eines Dorfschulzen – mehr war nicht darunter, und das ist wohl kaum der richtige Weg zum Reichtum für uns. Hätte ich nur nicht auf dich gehört! Ich könnte längst unterwegs nach Plymouth sein. Dort sind die wirklich reichen Reisenden unterwegs.«

Die beiden Wegelagerer schwiegen, denn in einiger Entfernung waren wieder zwei Bauern unterwegs, und die hier versteckten Burschen wussten nur zu gut, wie weit selbst ein geflüstertes Wort in der Stille des hereinbrechenden Abends zu hören war.

Nichtsahnend zogen die Bauern vorüber, eifrig in ihre Unterhaltung verwickelt.

Die Nacht brach herein, und der Wegelagerer, den sein Gefährte mit Arlo angesprochen hatte, streckte sich in seinem Versteck auf ein paar verfaulten Brettern lang aus. Unversehens war er eingeschlafen und schreckte auf, als ihn der andere am Arm rüttelte. Dabei richtete er sich so rasch auf, dass er mit dem Kopf gegen einen der Balken stieß, die hier in wildem Wirrwarr heruntergebrochen waren und auf diese Weise so etwas wie ein schräges Dach für ihr Versteck bildeten.

»Was ist?«, krächzte er unwillig, aber sein Gefährte drückte ihm fest den Unterarm.

»Still doch, hörst du den Hufschlag nicht?«

Der andere schwieg und lauschte in die Nacht hinein. Dort näherte sich tatsächlich dumpfer Hufschlag, und im Nu war der Dünne aus seinem Versteck und huschte hinüber zu dem Turm, wo sie ihr Seil befestigt hatten.

Der Reiter näherte sich im langsamen Trab und schien vollständig in Gedanken zu sein, denn er gönnte seiner Umgebung keinen einzigen Blick, schien auch nicht auf den Weg zu achten und machte auf die beiden Wegelagerer den Eindruck, als würde er kurz vor dem Einschlafen sein.

Das Mondlicht fiel zwar auf die sanft geschwungene Landschaft und gab ausreichend Licht für einen nächtlichen Ritt auf der hindernisfreien Handelsstraße, und vermutlich war der Mann deshalb vollkommen sorglos. Das sollte jetzt sein Verhängnis werden, denn das geschickt gespannte Seil war kaum vom sandigen Untergrund der Straße zu unterscheiden.

Die beiden Räuber hielten unwillkürlich den Atem an, als das Pferd kurz vor dem Hindernis leise schnaubte und vielleicht seinen Reiter warnen wollte. Doch da geschah das Unglück auch schon, das Pferd stolperte über das straff gespannte Seil, und die beiden stürzten aus ihrem Hinterhalt hervor, die dicken Holzkeulen zum Schlag erhoben.

Auch im ungewissen Mondschein war durchaus erkennbar, dass der Reiter gut gewandet war. Der Stoff seines Überrockes, der Cotte, schien aus teurem Stoff zu sein, der Sattel seines Pferdes war ebenfalls prächtig ausgeführt. Der Große eilte um das Pferd zu dem regungslos daliegenden Mann und holte mit der Keule aus.

Doch im gleichen Moment, als er sie auf den Bewusstlosen herabsausen ließ, machte der eine blitzschnelle Bewegung, sodass der Schlag ins Leere ging. Völlig überrumpelt von der unerwarteten Drehung des Reiters taumelte Arlo zurück und fühlte ihm nächsten Augenblick die unangenehm scharfe Spitze eines Schwertes direkt an seiner Kehle.

Ein verzweifelter Blick zu seinem Gefährten zeigte ihm, dass sich die Lage vollständig gewandelt hatte. Eben noch waren sie davon überzeugt, ein leichtes Opfer vor sich zu haben und sahen sich nun einer bewaffneten Gruppe gegenüber, die ihnen nicht nur mit einem einzigen Hieb die Knüppel aus der Hand geschlagen hatte, sondern nun selbst mit ihren Schwertern ihr Leben bedrohte.

Der Reiter war es, der Arlo lachend vor sich her zu der Gruppe auf der Straße trieb.

»Was haben wir denn da für zwei hässliche Galgenvögel geschnappt? Am besten, wir knüpfen sie gleich hier an Ort und Stelle auf, wie es sich gehört!«

»Erbarmen, Herr!«, stammelte jetzt der dünne Kole und sank vor Angst in die Knie. Die ihn Umstehenden brachen bei diesem Anblick ebenfalls in lautes Gelächter aus.

»Nun sieh sich einer diese Feiglinge an! Morden können sie wohl die harmlosen Bürger, einen Dorfschulzen in seinem Haus überfallen und alten Frauen die Hühner stehlen. Aber wenn sie ein gutes Schwert am Hals spüren, dann läuft ihnen die Blase aus – verdammte Schweinerei!«, schimpfte einer der Männer, der zwar wie ein Bauer in ein einfaches Wollhemd gekleidet war, aber weder von der Sprache noch von der Bewaffnung her zu diesem Stand gerechnet werden konnte.

Tatsächlich sahen auch die anderen jetzt, dass der dünne Kole sich eingenässt hatte, aus seinen Beinlingen lief der Urin auf seine nackten Füße und bildete eine kleine Lache darum.

»Hängt sie auf, Männer, mit diesem Gesindel halten wir uns nicht weiter auf!«, sagte jetzt einer der anderen und starrte die beiden Wegelagerer mit angewiderter Miene an. »Sie hätten ihr Opfer einfach erschlagen und liegen gelassen, da haben sie es auch nicht anders verdient. Wer weiß, wie lange sie schon ihr Unwesen treiben, es kommt bei diesem Gesindel ja auch gar nicht darauf an!«

Jetzt winselte und heulte der dünne Kole laut und schrie dabei, als ihn einer der Männer packte, laut heraus:

»Ich bin unschuldig, tut mir nichts – der dicke Arlo hat mich dazu gezwungen und gedroht, dass er mich auf der Stelle erschlagen würde, wenn ich nicht bei ihm mitmachen würde!«

»Verdammter Lügner!«, brüllte der vierschrötige Wegelagerer, der von zwei Männern an den Armen festgehalten werden musste, weil er sich sonst auf seinen Gefährten geworfen hätte.

»Ich sage die Wahrheit!«, winselte nun der Dünne wieder. »Schaut mich doch an – ich habe nichts bei mir, alles steckt dieser brutale Kerl ein, und immer muss ich bei allen Schandtaten mitmachen. Durchsucht ihn, ihr Herren, und ihr werdet bei ihm gewiss viel Silber finden!«

Der Reiter musterte den Dünnen verächtlich, dann gab er die Anweisung, beide gründlich zu durchsuchen. Während die Männer dem Befehl nachkamen, holte der Reiter von seinem Pferd zwei dünne Stricke und begann, eine Schlinge zu knüpfen. Mit angstgeweiteten Augen verfolgte Kole seine geschickten Hände, die innerhalb kurzer Zeit eine Henkersschlinge geknüpft hatten, die er einmal kurz auf- und wieder zuzog, um sie dann dem Pockennarbigen über den Kopf zu streifen. Kole drehte und wand sich heulend nach allen Seiten, aber das nutzte ihm wenig, denn gleich darauf waren auch seine Hände brutal nach hinten gerissen worden und auf dem Rücken gefesselt.

»Schau mal, Jory, was der Dicke für einen schön gefüllten Beutel bei sich trägt!«, rief einer der Männer dem Reiter zu und reichte ihm einen prallen Beutel, den der Anführer der Männer öffnete und den Inhalt in seine andere Hand kippte.

»Seht euch das einmal an, Männer!«, sagte Jory und präsentierte die Münzen auf der ausgestreckten Hand. »Ein kleines Vermögen, was der Bursche da mit sich herumschleppt!«

Die Männer, die dicht neben dem Reiter standen, warfen einen Blick auf die Münzen, die überwiegend aus Silberstücken bestanden, nur zwei oder drei Kupferstücke befanden sich darunter.

»Da ist sogar Geld aus Frankreich mit darunter, sowie zwei Münzen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe!«, stellte Jory fest, indem er einzelne Stücke hochhob und sich bemühte, im Mondlicht mehr davon zu erkennen.

Schließlich füllte er sie alle in den Beutel zurück und steckte ihn unter seine Cotte.

»Das scheint mir doch sehr merkwürdig! Woher habt ihr das fremdländische Geld?«, wollte er von den beiden wissen, die aber schweigend auf den Boden sahen.

Einer der Männer, die den dünnen Kole festhielten, schüttelte ihn kräftig durch, sodass der erneut wie ein getretener Hund aufheulte und mit einer hohen, sich überschlagenden Stimme ausrief:

»Das weiß ich nicht – ich habe nichts davon gesehen – fragt den Dicken!«

Jory, der Reiter und Anführer dieser Männer, zog jetzt mit einem raschen Griff hinter sich einen Dolch aus dem Gürtel und setzte ihn dem vierschrötigen Arlo so fest an den Hals, dass augenblicklich ein dicker Blutstropfen an der Stelle heraustrat und auf die Klinge herunterlief.

»Hängen werdet ihr beide ohnehin für eure Untaten. Aber das kann auch sehr langsam und äußerst schmerzhaft geschehen, wenn wir euch nur immer ein Stückchen am Hals hochziehen, um euch im letzten Moment wieder herunterzulassen. Hast du das mal bei einer Hinrichtung gesehen, Kerl? Weißt du, was das für ein Tod ist, wenn dir schon die Augen aus dem Schädel treten und die Zunge bis auf die Brust heraushängt? Rede, woher stammt das fremdländische Geld?«

Arlos Miene verriet die Todesangst, die er bei den Worten des Reiters empfand. Es war ihm klar geworden, dass sie aus dieser Lage nicht mehr entkommen würden. Aber über den Verrat seines Gefährten Kole war er beinahe noch mehr erbost. Wollte dieser Schuft seinen dünnen Hals retten? Warte, Kole, wenn ich hänge, bist du noch vor mir dran!

»Hört mir zu, ihr Herren!«, stieß der Mann angstvoll heraus. »Es sieht so aus, als hätte ich unsere Beute bei mir, aber der wahre Täter ist Kole hier, der Pockennarbige. Er hat alles ausgekundschaftet, und wenn ein vornehmer Bürger aufbrach, hat er ihn beobachtet und verfolgt, bis er sicher sein konnte, dass er uns nicht mehr entkommen konnte.«

»Woher kommt das fremdländische Geld?«

»Von einem … einem Ritter, den wir kürzlich überfallen haben.«

»Ihr habt einen Ritter ermordet? Kerl, weißt du, was du da sagst? Wo war das und welcher Ritter war es?«, schrie ihn der Reiter aufgebracht an.

»Wir … wir haben ihn nicht ermordet … er hat noch gelebt! Es war vor etwa einer Woche, und eine ganze Strecke von hier entfernt. Deshalb haben wir auch die Gegend verlassen, der Mann hatte viel Silber bei sich!«, kreischte nun auch der dicke Arlo.

»Was machen wir jetzt mit den beiden Halsabschneidern, Jory?«, erkundigte sich eine erstaunlich sanfte Stimme, und als Arlo sich verwundert danach umsah, erkannte er eine Bäuerin, die noch vor wenigen Stunden auf dem Weg an ihrem Versteck vorübergezogen war. Langsam dämmerte ihm, dass sie sich bei ihrer Wegelagerei unglaublich dumm angestellt hatten.

Der Anführer überlegte einen Moment, dann befahl er:

»Bindet sie zusammen und nehmt sie mit zum heutigen Lager. Ihr geht zur Scheune und bleibt dort, bis ich wieder zurück bin.«

»Und was machst du heute Nacht, Jory?«

»Ich werde zur Burg Colmin reiten um zu erfahren, wann Prinz John den nächsten Transport erwartet«, entgegnete der Reiter und saß bereits im Sattel, als die junge Frau an sein Pferd trat.

»Ist das nicht viel zu gefährlich, Jory? Was, wenn man dich erkennt?«

»Keine Sorge, ich habe mich mit dem Roten abgesprochen. Er weiß, was ich vorhabe und billigt das. Morgen gegen Mittag bin ich wieder bei der Scheune! Lebt wohl!«

Damit wendete er sein Pferd und galoppierte davon, in die Nacht hinein.

Die Frau stand noch einen Moment bewegungslos an der Stelle und lauschte auf das Verebben des Hufschlages in der Ferne. Dann gab sie sich einen Ruck und sagte laut zu den anderen:

»Vorwärts, ihr habt gehört, was Jory angeordnet hat. Wir haben noch eine gute Wegstrecke vor uns!«

»Und warum müssen wir diese Verbrecher mitschleppen? Sie können hier am Galgenrest gleich aufgehängt werden, denke ich!«

Ruhig kam die Antwort der jungen Frau.

»Du solltest aber nicht denken. Es gibt einen Befehl von Jory, und den werden wir befolgen. Jetzt vorwärts, und achtet auf die Gefangenen, dass sie nicht miteinander reden können. In einer Stunde wollen wir an der Scheune sein!«

Schweigend setzten sich die Männer in Bewegung und zerrten dabei die Wegelagerer an einem Strick hinter sich her. Niemand sah sich nach ihnen um, und wenn sie stolperten, erhielten sie mit der flachen Schwertklinge einen ermunternden Schlag auf den Rücken, der sie rasch antrieb.

 

 

7. Kapitel

 

Das Wetter hatte sich in den letzten Tagen beruhigt. Die milde Herbstluft brachte angenehme Temperaturen mit sich, tagsüber strengte sich die Sonne an, das Land noch einmal zu erwärmen, und Morgan bewältigte seinen Ritt innerhalb von zwei Tagen. Dabei wurde er natürlich durch die drei ledigen Pferde aufgehalten, die er mit einem Strick hintereinander gebunden hatte und das Ende kurzerhand am Hinterzwiesel seines Sattels verknotete. Auf diese Art war die Karawane von seinem Blane angeführt, der zuerst überhaupt nicht damit einverstanden war. Aber Morgan sprach im beruhigenden Tonfall auf seinen Hengst ein, tätschelte ihm den Hals und nach wenigen Stunden verlief sein Waffentransport reibungslos.

Der Schmied hatte ganze Arbeit geleistet. Die verrosteten Schwerter entpuppten sich ohne Ausnahme alle als gute Qualität. Myghal polierte und schärfte sie, und einen Teil nahm ihm sein Gehilfe Afon gern dabei ab. Während er an dem Amboss arbeitete, der unmittelbar am Rand der Schmiede unter dem vorstehenden Dach stand, konnte er die Straße unauffällig beobachten. Sowie sich jemand näherte, verbarg er die Waffe, an der er gerade arbeitete, unter einem alten Lappen und tat so, als wäre er mit einer Handsense, einem Beil oder sogar einer Säge beschäftigt. Niemand nahm an seiner Arbeit Anstoß oder stellte neugierige Fragen, wieso der Schmied plötzlich so viel zu tun hatte, dass er einen Gehilfen beschäftigen musste.

Dann wurden die glänzenden, scharfen Waffen sorgfältig in Decken gewickelt und zu beiden Seiten an die Sättel der Soldatenpferde gebunden. Morgan verzichtete hier auf jede Form der Tarnung, denn im Falle einer Begegnung mit einer Patrouille konnte er nicht darauf zählen, verborgene Waffen geheim zu halten.

In dem Falle war er bereit, das Verbindungsseil zu kappen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Dabei war er sich sehr sicher, dass es nicht zu einer solchen Begegnung kommen würde. Zwar war er nun schon seit längerer Zeit seiner Heimat fern geblieben und kannte nicht mehr jeden verschwiegenen Waldpfad, aber doch genügend kleine Wege, die nur sehr selten benutzt wurden.

So mied er alle Ortschaften und entging jeder feindlichen Begegnung. Zwar musterten ihn die Bauern, die ihm unterwegs begegneten, oft mit großen, misstrauischen Augen. Ein einzelner Reiter, der drei gesattelte Packpferde mit sich führte, musste für Aufsehen sorgen. Aber niemand stellte sich ihm in den Weg oder erkundigte sich, wohin er reiten wollte.

Am Abend des zweiten Tages hatte er die Hügellandschaft von Dartmoor erreicht, einen ersten, kleineren und dicht bewaldeten Höhenzug überwunden und näherte sich nun dem Gebiet, in dem er auf den Roten Jäger treffen sollte.

Morgan war auf diese Begegnung sehr gespannt, denn der Schmied hatte ihm in den höchsten Tönen vom Leben und Treiben dieses Mannes berichtet. Niemand wusste, wer er wirklich war. Jedenfalls von adliger Herkunft, wie man sich erzählte.

Er soll sich gegen die ungerechte Behandlung Prinz Johns, den er zuvor öffentlich als Erbschleicher bezichtigt haben sollte, empört haben. Als bei Nacht und Nebel seine Burg überfallen wurde, während er sich auf einer Reise an die Küste befand, entkam er nur deshalb knapp seinen Häschern und sammelte seine Getreuen um sich, um fortan den Kampf gegen den unrechtmäßigen Herrscher aufzunehmen.

In den Erzählungen des Schmiedes mischten sich viele Geschichten, die von ebenso vielen Menschen weiter erzählt wurden. Die einen meinten, seine Burg hätte direkt an der Küste Südenglands gelegen, andere behaupteten steif und fest, dass die Burg Tintagel in seiner unmittelbaren Nachbarschaft lag und dass der Rote Jäger einst zu den Rittern König Arthus gehört habe. Das aber war schlicht unmöglich, denn der sagenhafte König, auf dessen Rückkehr noch immer viele warteten, sollte nach alten Überlieferungen bereits im 9. Jahrhundert gelebt haben – somit also vor mehr als dreihundert Jahren.

Doch Morgan hörte sich diese Geschichten gern an und machte sich dazu seine eigenen Gedanken. Jedenfalls war der Rote ein mächtiger Kämpfer und hatte sich schon häufig den Soldaten des ungeliebten John ohne Land mit sehr viel Erfolg gestellt.

Ein leises Schnauben seines Blane brachte Morgan schlagartig in die Wirklichkeit zurück. Sein Auge glitt suchend an den Bäumen entlang, die sich hier zu einer großen Waldfläche ausdehnten. Noch überquerte er eine Hochebene und war dadurch schon weithin sichtbar. Doch nicht mehr lange und der dichte Wald würde ihn aufgenommen haben.

Nichts regte sich unter den Bäumen. Er trieb den Hengst mit leichtem Schenkeldruck weiter, und die drei Soldatenpferde folgten gehorsam dem Führungsstrick. Schließlich kam der Moment, in dem er zwischen die dicht zusammenstehenden Stämme ritt, der Punkt, an dem das Unterscheiden von Details durch den Wechsel aus dem Tageslicht in das Dunkel das Waldes alles verwischte. Seine Sinne waren auf das Äußerste angestrengt, die Hand lag auf dem Schwertknauf, als der Rappe langsam Schritt für Schritt zwischen das Dunkelgrün des Waldes schritt.

Für einen Moment schien die gesamte Welt den Atem anzuhalten. Kein Vogelgezwitscher drang an das Ohr des Ritters, kein Blätterrauschen – nichts, absolute Stille herrschte in diesem Wald.

Dann vernahm sein Ohr das ganz feine Sirren, das entsteht, wenn eine angespannte Sehne frei wird. Etwas rauschte dicht an seinem Kopf vorbei und grub sich mit einem dunkel pochenden Geräusch in die Rinde des Baumes direkt neben ihm. Noch während er das Schwert aus der Scheide zog, wusste er, dass der zweite Pfeil treffen würde. Er beugte sich tief über den Hals seines Pferdes, verschwand in einer Linie mit seinem Rücken und lag gleich darauf im weichen, dichten Moos, während Blane langsam weiter seinen Weg verfolgte.

Das hatten sie sehr oft gemacht, immer wieder den Überfall durchgespielt, und inzwischen war Blane mit diesem Vorgang so vertraut, dass noch nicht einmal das Spielen seiner Ohren verriet, ob sich die Aufregung seines Herrn auf ihn übertragen hatte.

Morgan spürte, wie sein Herz heftig schlug und das aufsteigende Blut in seinen Ohren pulsierte. Er lag vollkommen regungslos, den Kopf auf der Armbeuge, das Schwert fest umklammert in der Rechten. Nichts geschah.

Er konnte deutlich den Tritt der vorbeiziehenden Pferde vernehmen und überlegte fieberhaft, wo genau der hinterhältige Schütze stehen mochte, der diesen Pfeil auf ihn abgeschossen hatte.

Als dann eine dunkle, fast grollende Stimme die Stille des Waldes durchriss, zuckte er unwillkürlich zusammen. Der Gegner hatte sich vollkommen lautlos genähert.

»Wenn Ihr Euch auch nur etwas zu schnell bewegt, seid Ihr schon tot, bevor Euch dieser letzte Gedanke durchs Gehirn zieht. Also, überlegt Euch jetzt gut, was Ihr macht, bevor Ihr Euch aus dieser Lage bewegt.«

Die Stimme klang nicht unangenehm, eher wie aus einer sehr hohen Warte. Ohne den Kopf zu drehen, versuchte Morgan, die gesamte Umgebung in sich aufzunehmen. Vergeblich! Niemand stand vor oder neben ihm, und doch musste sein Gegner vollkommen sicher sein, dass er nicht plötzlich aufsprang. Dafür gab es nur eine Lösung.

»D

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