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Schwert und Schild Die Kreuzfahrer Band 1 - Das E-Book zur Paperback-Ausgabe

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Inhaltsverzeichnis

  • Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter
  • Vorwort zur Serie »Schwert & Schild –Sir Morgan, der Löwenritter«
  • Der Kreuzfahrer-Zyklus Teil 1
  • 1. Kapitel
  • 2. Kapitel
  • 3. Kapitel
  • 4. Kapitel
  • 5. Kapitel
  • 6. Kapitel
  • 7. Kapitel
  • 8. Kapitel
  • 9. Kapitel
  • 10. Kapitel
  • 11. Kapitel
  • 12. Kapitel
  • 13. Kapitel
  • 14. Kapitel
  • Der Kreuzfahrer-Zyklus Teil 2
  • 1. Kapitel
  • 2. Kapitel
  • 3. Kapitel
  • 4. Kapitel
  • 5. Kapitel
  • 6. Kapitel
  • 7. Kapitel
  • 8. Kapitel
  • 9. Kapitel
  • 10. Kapitel
  • Der Kreuzfahrer-Zyklus Teil 3
  • 1. Kapitel
  • 2. Kapitel
  • 3. Kapitel
  • 4. Kapitel
  • 5. Kapitel
  • 6. Kapitel
  • 7. Kapitel
  • 8. Kapitel
  • 9. Kapitel
  • 10. Kapitel
  • 11. Kapitel
  • 12. Kapitel
  • 13. Kapitel
  • 14. Kapitel
  • 15. Kapitel
  • 16. Kapitel
  • 17. Kapitel
  • 18. Kapitel

Vorwort zur Serie »Schwert & Schild –Sir Morgan, der Löwenritter«


Als König Richard zum 3. Kreuzzug aufruft, ist es für den aus Cornwall stammenden Ritter Sir Morgan of Launceston eine Selbstverständlichkeit, sich und seinen Knappen dafür zu melden. Ebenfalls mit dabei sind die Ritter und Freunde Johel de Vautort und Baldwin of Dartmoor. An der Seite des Königs erleben sie zahlreiche Abenteuer und kehren schließlich, nach der Eroberung von Akkon, zurück nach England. Nicht so jedoch König Richard, der seit der Eroberung von Sizilien den Beinamen »Löwenherz« erhalten hat. Er wählte für seine Rückreise eine andere Route und geriet in die Hände Kaiser Heinrich VI., der ein hohes Lösegeld für ihn forderte.


Doch die Rückkehr in die Heimat mündet auch für Sir Morgan in einem Desaster. Stolz auf den roten, steigenden Löwen, den er auf seinem schwarzen Waffenrock trägt, so wie ihn auch der König selbst trug, wird Morgan plötzlich genau deswegen angefeindet. Schließlich muss er um sein Leben fürchten und erfährt erst nach und nach die Wahrheit.

Obwohl Prinz Johann, der jüngere Bruder des Königs, geschworen hatte, nicht eher Frankreich zu verlassen, als bis Richard selbst wieder zurückgekehrt ist, hat er das Versprechen gebrochen und ist nicht nur nach England zurückgekehrt, sondern erklärt sich dort auch zum König.

Eine große Schar treu ergebener Vasallen umgibt ihn, und viele Speichellecker befinden sich darunter, die für sich die Gunst der Stunde nutzen. So wurde auch Morgans Vater, Sir Ronan of Launceston, rechtmäßiger High Sheriff von Cornwall, gefangen gesetzt und Sir Struan of Rosenannon übernimmt sein Amt. Sein buchstäblich über Leichen gehender Burgvogt, Sir Rygan, der Pockennarbige, wird zu einer Gefahr für alle, die König Richard noch die Treue halten.


Der Kreuzfahrerzyklus als Serieneinstieg schildert die Abenteuer der drei Freunde, Sir Morgan, Sir Baldwin und Sir Johel, der als Minnesänger noch zusätzliche Aufgaben übernimmt. Danach gibt es einen eigenen Zyklus, der sich den Jugendjahren Morgans widmet, als er noch im Auftrag seines Vaters, dem High Sheriff of Cornwall, bestimmte Aufgaben erledigen muss. Es sind unruhige Zeiten, in denen sich zahlreiche Schurken ihr Leben mit leichter Beute verschönern wollen, Frauen entführt werden oder Überfälle auf wehrlose Dörfer geschehen. Hier kann der junge Ritter zeigen, was er gelernt hat, und wird auch dabei von guten Freunden unterstützt.

Den Hauptzyklus bilden dann »Die Rebellen von Cornwall« um Sir Morgan und dem wiedergefundenen Sir Baldwin, genannt ›Der rote Jäger‹. Den Freunden gelingt es bald, eine große Schar von Kämpfern um sich zu versammeln, die nicht bereit sind, Prinz Johann ohne Land als König anzuerkennen oder gar dem High Sheriff Sir Struan Folge zu leisten. Der tyrannisiert zusammen mit seinem pockennarbigen Burgvogt die Bevölkerung, erhebt zusätzliche Steuern, raubt, plündert und vergewaltigt, weil er nichts zu befürchten hat, solange er Prinz Johann die Treue hält. Seine eigene Ehefrau, die er häufig betrogen hat, sowie sein ehemaliger Beichtvater, Abt Dhorie, werden zu starken Gegnern Sir Struans.

Zunächst einmal richten die Rebellen ihren Schlupfwinkel an einem geheimen Ort mitten im Sumpf von Dartmoor ein. Eine unzugängliche Insel im Sumpf wird zu ihrem Sommerquartier, die alte und zudem sagenumwobene Festungsanlage von Tintagel zum Winterquartier.

Weitere Kampfgefährten und Unterstützer kommen hinzu, sodass die Schar der Rebellen stetig wächst.

In einem weiteren Zyklus, dem »Richard Löwenherz-Zyklus«, wird durch Erzählungen der Teilnehmer berichtet, wie König Richard zu seinem Beinamen »Löwenherz« kam, und schließlich gibt es im Zyklus um Robin Hood mehrfache Begegnungen und gemeinsame Aktionen mit den Rebellen aus dem Sherwood, hoch im Norden in der Grafschaft Nottinghamshire.

So spannt sich der Erzählbogen von der Jugendzeit Morgans über die Teilnahme am Dritten Kreuzzug, die Rebellenzeit gegen John ohne Land und schließlich der Begegnung mit Sir Robert, Earl of Huntington, den man allgemein nur Robin Hood nennt.



Sir Morgan, der Löwenritter – die Geschichte um einen Kreuzzug-Rückkehrer


Mehr durch einen Zufall kam ich an diesen Stoff, der mich sofort in seinen Bann schlug. Ohnehin vom Interesse her seit Jahren mit historischen Themen beschäftigt, brachten mich Arbeiten über Herzog Heinrich der Löwe und seine Zeit in Berührung mit dem Komplex um Richard Löwenherz und letztlich auch Eleonore von Aquitanien, die Mutter Mathildes, der zweiten Frau Herzog Heinrichs.

Als sich die Gelegenheit ergab, etwas zu diesem Thema zu publizieren, zögerte ich nicht lange. Um dem Leser die Vorgeschichte zu erklären, schrieb ich die Kreuzfahrer-Trilogie Blut ist eine seltsame Farbe / Das Massaker von Akkon / Blutmond über Cornwall. Während ich die nächsten Bände bereits konzipiert hatte, bekam ich die Manuskripte von Joachim Honnef zu lesen und entwickelte daraus die Idee, diese Texte zu überarbeiten und für den Zyklus der Jugendabenteuer meines Helden Sir Morgan zu verwenden.

Erst danach entwickelte sich die Geschichte um den Löwenritter ständig weiter, neue Charaktere kamen hinzu, darunter auch einige starke Frauengestalten, von denen ich besonders Meraud, die Falkenfrau, hervorheben möchte. Sie ist ein ganz besonderer Charakter mit wirklich interessanten Fähigkeiten. So scheint die Frau, die goldene Sprenkel in ihren Pupillen hat, mit ihrem zahmen Falken kommunizieren zu können. Weiterhin ist sie eine exzellente Kriegerin und verfügt über gute Kenntnisse der Heilkunde. Sie wird die Verlobte Sir Baldwins, hat aber immer wieder mit dunklen Mächten zu kämpfen, die sich nur ihr offenbaren.

Viele weitere Gefährten treten an die Seite meines Löwenritters, nicht nur alte Freunde aus den Tagen des Kreuzzuges wie der Minnesänger Johel oder Sir Baldwin, sondern auch einige Knappen, sowie der alte Narr der Familie Launceston, Shawn, ein kleinwüchsiger Gaukler, der mehr kann, als man ihm allgemein zutraut.

Schließlich gibt es neben den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen auch immer wieder zarte Bande, die zwischen den Personen geknüpft werden. Nicht nur Sir Baldwin hat seine Verlobte, auch zwischen den männlichen und weiblichen Rebellen im Sumpf von Dartmoor entwickelt sich so manches zarte Band.

In der Handlungszeit, dem 12. Jahrhundert, ist kaum jemand frei von Aberglauben, der Angst vor Zauberern und geheimnisvollen Drachen, die auch in meiner Serie immer wieder eine Rolle spielen. Manches wird sich rationell erklären, anderes, wie die Geschichte um den Zauberer Myrddinn, dagegen nicht.



Hintergründe und Schauplätze


Die wundervolle und abwechslungsreiche Landschaft von Cornwall spielt den Hintergrund meines Epos, viele der alten Burgen sind historisch belegt, wenn auch im Laufe der Jahrhunderte einige von ihnen stark verändert oder auch zu stattlichen, aber nicht mehr burgähnlichen Herrenhäusern verwandelt wurden.

Darüber hinaus habe ich mich immer bemüht, nicht nur passende Namen aus der cornischen oder der walisischen Sprache zu suchen, sondern auch Dinge wie die Kampftechniken, die Kleidung wie auch natürlich die zahlreichen Waffen richtig zu benennen und, soweit möglich, zu erklären. Dabei kam mir beim Schreiben das Wissen zugute, das ich mir durch jahrelange Beschäftigung mit Herzog Heinrich der Löwe, den seinerzeit verwendeten Waffen und den Dingen des Alltages angeeignet habe. Natürlich gehörte dazu auch König Richard Löwenherz, der Heinrichs Sohn Otto, den späteren deutschen Kaiser Otto IV., zum Knappen ausbildete und sein Leben lang schätzte, zumal er auch als Geisel für ihn in Gefangenschaft ging.


Ich wollte zudem auch gern die richtigen Begriffe beim Schwertkampf verwenden und nicht einfach nur von einem Schwerthieb gegen den Gegner berichten, sondern Begriffe wie Donnerschlag, Oberhau, Krauthau dazu verwenden, wo es angebracht erschien. Auch Besonderheiten wie z.B. ein großes Kreuz aus der Volto-Santo-Schule spielen eine Rolle ebenso wie der eine oder andere Begriff aus alten Chroniken, Berichten, Minneliedern usw. Die Anzahl der verwendeten Werke aufzuführen, ist mir heute nicht mehr möglich – zu umfangreich ist das Quellenwerk inzwischen geworden, von fachbezogenen Magazinartikeln bis zu verschiedenen, thematischen Abhandlungen.

Einen Teil der Schauplätze habe ich schon vor Jahren aufgesucht und war beeindruckt, sodass ich mich im Handlungsgeschehen stets irgendwie heimisch fühlte und mir diese Serie ganz besonders ans Herz gewachsen ist, konnte ich hier doch sehr frei schalten und walten – besser: schreiben – wie ich es gern wollte. So habe ich um die Freunde Morgan, Baldwin, Urquhart, Johel und alle anderen verschiedene Geschichten entwickelt, bei denen es nicht ausbleiben konnte, dass diese Figuren weitere nach sich zogen, die durch die Beschäftigung mit verschiedenen Themen entstanden. Dazu zählt natürlich die König-Artus-Sage, die sich in der Auseinandersetzung zwischen der Falkenfrau Meraud und dem Zauberer Myrddin manifestiert. Auch die Ritter der Tafelrunde kommen schließlich zum Zug, denn die Freunde gründen eine neue Tafelrunde, um mit ihren dadurch gewonnenen Verbündeten gegen Sir Struan bestehen zu können. Letztlich konnte es nicht ausbleiben, dass mich das Schicksal der Verlobten Morgans, Lady Miriam of Cadeleigh, besonders berührte. Morgan bringt sie in Sicherheit nach Frankreich, aber Lady Miriam ist nicht der Frauentyp, der sich in der Ferne nach dem Geliebten vor Sehnsucht verzehrt. Sie kehrt nach England zurück und übernimmt eine wichtige Rolle im Kampf gegen Sir Struan und Johann ohne Land.


Eigenes, gewachsenes historisches Wissen, Theaterstücke um Herzog Heinrich, die ich schrieb, die Regie dabei führte und mehrfach selbst in der Rolle Heinrichs mittspielte, dazu die Möglichkeiten, die mir der Verlag bot, begeisterten mich für diese Serie, die ich seitdem mit viel Herzblut schreibe. Ich hoffe nicht nur, dass sie auch in Zukunft vielen Lesern gefällt, sondern auch, dass ich noch zahlreiche Manuskripte dazu beisteuern kann. Schwert & Schild – Sir Morgan, der Löwenritter, ist eine Geschichte, die für mich in den vielen Jahren meiner Schriftstellerei zur wichtigsten Arbeit geworden ist.


Ihr Tomos Forrest

Wichtige Personen der Serie


Sir Morgan of Launceston, Sohn des abgesetzten High Sheriff of Cornwall, Kreuzritter, Rebellenanführer in Cornwall

Sir Ronald of Launceston und Lady Gilian, Morgans Eltern

Lady Miriam of Cadeleigh , Cousine Sir Morgans und seine Verlobte

Jago, Knappe Sir Morgans während der Teilnahme am Kreuzzug

Boyd, Knappe Sir Morgans in Cornwall

Shawn, Hofnarr auf Launceston, Gaukler und treuer Freund der Familie

Sir Baldwin of Dartmoor, genannt Der rote Jäger , Kreuzritter, Freund Sir Morgans und Anführer einer Rebellenschar

Sir Johel de Vautort, Minnesänger, Kreuzritter und Freund Sir Morgans

Sir Ainsley Urquhart, hünenhafter Schotte, einst im Dienst von Sir Struan

Jory, exzellenter Reiter, Rebell, Hauptmann der Reitergruppe

Brychan, einst Hirt, einer der besten Bogenschützen der Rebellen

Meraud, eigentlich Ines of Bolventor, Kriegerin, genannt Falkenfrau , nachdem sie einen verletzten Falken aufgezogen hat

Anwen, Heilkundige Frau, lebt bei den Rebellen im Sumpf

Blejan, junge Kriegerin bei den Rebellen

Myghal, der Schmied, und seine Frau Eseld, leben später im Sumpf beiden Rebellen, nachdem der Schmied die erbeuteten Schwerter für die Rebellen überarbeitet hatte


Sir Struan of Rosenannon, von Prinz Johann widerrechtlich ernannter, neuer High Sheriff of Cornwall, lebt zumeist auf dem alten Sitz seines Todfeindes, Launceston Castle

Lady Eurona, seine Frau

Sir Rygan, pockennarbiger Burgvogt auf Lahnydrock Castle, rechte Hand des Sheriffs

Abt Dhorie, einst Beichtvater Sir Struans

Myrdinn, weiser, alter Mann, den alle für den wiedergekehrten Zauberer Merlin halten

Und viele, viele andere Weggefährten, Freunde und – eine große Anzahl von Feinden, die den Rebellen das Leben schwer machen.



***

Der Kreuzfahrer-Zyklus Teil 1



Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 1:

Blut ist eine seltsame Farbe




1. Kapitel


Die Langbögen wurden gespannt, dicht an dicht standen die Bogenschützen und hoben ihre weit tragenden Waffen. Nur ein leiser Befehl genügte, und in einer todbringenden Wolke stiegen die Pfeile hoch in die gleißende Wüstensonne, schienen für einen kurzen Moment den Himmel zu verdunkeln und prasselten dann auf die Sarazenen hernieder. So überraschend kam dieser Angriff, dass die meisten Pfeile auf ungeschützte Körper trafen, sich durch gepolsterte Jacken und netzartige Kettengeflechte bohrten und ein Blutbad anrichteten. Doch dieser ersten, furchtbaren Pfeilwolke folgte sofort eine zweite, dritte, vierte nach. Jeder der Bogenschützen hatte den zweiten oder dritten Pfeil abgeschossen, noch bevor der erste sein Ziel fand.

Aber die dunkelhäutigen Gegner in ihren oft einfarbigen, blauen oder schwarzen Gewändern, den spitzen Helmen oder auch nur mit Turbanen auf dem Kopf, den gebogenen, scharfen Klingen und den runden, kurzen Schilden blieben nicht lange untätig. Schon die nächsten Pfeile trafen auf eine Wand von Rundschilden, die von den Kriegern über ihren Köpfen gehalten wurden. Noch immer lichteten sich ihre Reihen unter dem ununterbrochenen Pfeilhagel, und Schritt für Schritt wichen die Sarazenen zurück.

Plötzlich bildete sich zwischen ihren stark gelichteten Reihen eine Gasse, und Staub wirbelte hoch auf, erreichte selbst die Linie der englischen Bogenschützen und legte einen grauen Schleier auf Gesichter, Helme und Waffenröcke.

Für einen Moment unterbrach der Hauptmann den Beschuss, um festzustellen, was beim Feind geschah.

Mit wilden Schreien stürmten Reiter zwischen den feindlichen Fußsoldaten heran, die Lanzen eingelegt, die Schilde erhoben. Auch ihnen galt der nächste Beschuss, aber immer mehr Reiter folgten den ersten, der Wüstenstaub wirbelte hoch auf und ließ keine freie Sicht mehr auf den Feind zu. Doch das war auch nicht mehr nötig, denn auf ein Hornsignal traten die Bogenschützen zur Seite, um Platz für den Vorstoß der Ritter zu machen.

» Remember Hattin! – Denkt an Hattin!«, brüllte ein unglaublich großer Ritter, dessen rotblondes Haupthaar unter seinem Nasalhelm hervorquoll und sein bis auf die Brust reichender Bart ihn wie einen Dämon erscheinen ließ. Er sprengte mit seinem Pferd nach vorn und wiederholte seinen Ruf, der gleich darauf von den hundert nachfolgenden Reitern aufgenommen wurde und die dahinter marschierenden Kriegsknechte erreichte.

»Remember Hattin!«, erklang der Schlachtruf nun schon aus hunderten von Männerkehlen wie ein einziger Schrei, während die Ritter ihre Lanzen einlegten und auf die Schar der Sarazenen zusprengten, mitten hinein in die Staubwolke.

»Allahu akbar!«, antwortete ihnen der kehlige Schlachtruf der Sarazenen, und was in den nächsten Minuten vor den Toren von Akkon geschah, lässt sich kaum beschreiben.

Lanzen durchstießen die Körper des Gegners, Stahl schlug auf Stahl, dumpfe Schläge krachten auf Schilde, und noch immer regneten Pfeile auf die Sarazenen herab. Doch der Beschuss wurde nach dem Lanzenangriff abgebrochen, um die eigenen Kämpfer zu schonen.

Neben dem an der Spitze reitenden Rotbart ritt geradezu sein Ebenbild mit langen, blonden Haaren. Auch er ein breitschultriger Ritter, ausgerüstet und gewandet wie die meisten der Kreuzfahrer. Nasalhelm, Kettenhemd, Waffenrock mit dem steigenden roten Löwen, dazu Schwert, Lanze, Schild und ein kampferprobtes Schlachtross, das die mühselige Reise in den Bäuchen der schwerfälligen Schiffe mitgemacht hatte.

»Tötet die Ungläubigen!«, schrie der Blonde und hieb einem Sarazenen das Schwert so heftig über den von einem spitzen Helm geschützten Kopf, dass das Metall auseinander klaffte und die scharfe Schneide die Schädeldecke des Mannes zertrümmerte.

Sand knirschte unangenehm zwischen den Zähnen, verklebte die Augen und nahm den Kämpfenden den Atem. Zwar hatten sich die Kreuzfahrer mit dünnen Tüchern gleich nach ihrer Landung in Tyros die freie Gesichtshälfte unter den Helmen abgedeckt, aber der feine Wüstensand drang durch jede Ritze, kroch in die Nase und behinderte die Atmung.

»Baldwin!«, schrie der Blonde seinem Nachbarn zu, als er aus dem Augenwinkel eine hastige Bewegung erkannte. Ein Bogenschütze der Sarazenen sprengte heran und feuerte seinen Pfeil auf den Ritter ab, noch bevor der seinen Gegenangriff starten konnte.

Doch der Rothaarige schien davon wenig beeindruckt, und als er mit dem Schwert einen wuchtigen Oberhau durchführte, der den Arm des Bogenschützen abtrennte und den Mann mit einem gurgelnden Schrei aus dem Sattel stürzen ließ, war der andere schon wieder im Kampf mit einem sehr hartnäckigen Gegner verstrickt. Der Pfeil war von seinem Kettenhemd abgeprallt.

Glück gehabt, alter Freund!, dachte Morgan, als er sich seinem nächsten Gegner zuwandte.

Schwarze, glutvolle Augen blickten ihn unter einem Helm mit darunter liegendem Kettengeflecht voller Hass an. Es gelang dem Blonden im letzten Augenblick, sein Schwert hochzureißen und den gewaltigen Hieb des Sarazenen zu parieren. Aber von der Wucht des Schlages war sein Schwertarm kurze Zeit wie gelähmt, und das erkannte sein Gegner sofort. Dessen Pferd war durch eine geflochtene Matte vor den gröbsten Schnittverletzungen geschützt, und er setzte es jetzt als Waffe ein. Mit einem Schrei schlug er seine Fersen in die Weichen des Tieres, das ein schrilles Wiehern ausstieß und gegen das Pferd des Blonden prallte.

Der geschwächte Arm ließ keine richtige Abwehr zu, sodass die gekrümmte Klinge seines Gegners gefährlich dicht an seinem Gesicht vorüberfuhr, als der Mann zustieß. Aber blitzschnell hatte sich der Ritter gedreht, wechselte die Schwerthand, riss zugleich sein Pferd herum und traf den Angreifer im oberen Schulterbereich, wo der Mann ebenfalls gepolstert war und darüber einen Kragen aus fein geflochtenen Kettenringen trug.

Der Sarazene wirbelte ebenfalls herum und führte dabei sein Schwert mit einer geschickten Aufwärtsbewegung, die dazu angelegt war, den Blonden von unten herauf aufzuschlitzen. Mitten in der Bewegung stockte der Angreifer jedoch und starrte auf seine Brust herunter. In einem dunklen Kreis erschien dort plötzlich eine eiserne Spitze. Noch bevor der Mann überhaupt erfasste, was ihn da getroffen hatte, spürte er einen fürchterlichen Schmerz. Der Ritter, der ihm die Lanze in den Rücken gestoßen hatte, riss sie gerade wieder zurück, was aber nicht sofort gelang. Vielmehr stürzte der Getroffene rückwärts aus dem Sattel und sein Gegner verlor die Lanze, als der Sarazene tot zwischen die Hufe der Pferde stürzte.

Auch der Mann mit der Lanze geriet nun in Not, aus der ihn sein Nachbar nicht sofort retten konnte. Ein weiterer Sarazene war heran und verwickelte ihn in einen schnell geführten Schwertangriff, während der Knappe spürte, dass er ebenfalls langsam den Halt verlor. Aus irgendeinem Grund rutschte sein Sattel zur Seite, und erst im letzten Moment gelang es ihm, sich aus den Steigbügeln zu lösen und glücklich auf dem Boden zu landen.

Sofort war er zwischen den Pferdeleibern eingekeilt, musste vor Hufen zurückweichen und stolperte gleich darauf über einen Toten. Das jedoch rettete ihm in diesem Augenblick das Leben, denn noch mit einem Luftzug dicht über seinem Kopf spürte er den gefährlichen Hieb seines Gegners. Aber der Kämpfer hatte nicht umsonst seit seinem sechsten Lebensjahr eine harte Ausbildung hinter sich gebracht. Die Waffenmeister hatten die angehenden Knappen auf jede Gegebenheit vorbereitet und ihnen gezeigt, was in einer solchen Situation im Kampfgetümmel zu tun war.

Vor Schmerz laut wiehernd stieg das Pferd des Sarazenen auf die Hinterhand, als das Schwert des Ritters tief im Bauch des Tieres verschwand und gleich darauf in einer drehenden Bewegung herausgerissen wurde. Er war unter dem Pferd verschwunden, als dessen Reiter einen neuen Schlag gegen ihn ausführte. Das war seine letzte Möglichkeit, den verhassten Feind auszuschalten. Das Pferd brach auf den Vorderbeinen ein und warf ihn im hohen Bogen über den Kopf ab. Der Mann schlug hart auf dem Boden auf, versuchte benommen, sich aufzurappeln und wurde gleich darauf von einer Lanze durchbohrt.

»Jago, hierher!«, schrie eine Stimme dem Mann zu, der eben von einem weiteren Reiter angegriffen wurde.

Der Kopf des Knappen flog herum, er sah die Hand seines Ritters, griff zu und spürte, wie er nach oben gerissen wurde. Dichter umschloss die beiden Kämpfer der aufgewirbelte Wüstenstaub, und nun jagte das Pferd mit seiner doppelten Last zwischen wirbelnden Lanzen und Schwertern hindurch.

»Wohin wollt Ihr, Sir Morgan?«, schrie der Knappe seinem Ritter ins Ohr, doch der antwortete nicht, sondern trieb sein Pferd weiter an, bis sie plötzlich die Reihe der zu Fuß kämpfenden Kriegsknechte vor sich sahen.

»Spring!«, schrie Morgan seinem Knappen zu, wendete sein Pferd, kaum dass Jago festen Boden unter den Füßen hatte, und verschwand wieder hinter einem Vorhang aus Staub und Dreck.

»Verdammt, Sir Morgan!«, rief der Knappe vergeblich seinem Ritter nach. Sogleich fand er sich mitten zwischen den vorrückenden Kriegsknechten und reihte sich zwischen ihnen ein, um sich gemeinsam der nächsten Reiterattacke zu stellen. Jeder von ihnen hielt eine Lanze bereit, Jago hatte sein Schwert noch immer in der Hand.

Schon preschten die Sarazenen mit ihren Lanzen auf die Reihe zu, und buchstäblich im letzten Augenblick löste sich der Verband der Fußsoldaten auf. Jago lachte laut auf, als zwischen den dumpf klingenden Hufen plötzlich Menschen in alle Richtungen zu fliehen schienen. Aber die Kriegsknechte beherrschten ihr Handwerk wie der Knappe. Kaum waren die Sarazenen heran, stachen die Soldaten mit den Lanzen von unten in die Pferdeleiber und richteten innerhalb kürzester Zeit ein fürchterliches Blutbad an.

»Warte auf mich, Baldwin!«, schrie Morgan seinem Freund zu, der sich eben, von zwei weiteren Rittern begleitet, auf eine Gruppe Sarazenen stürzte, die sich ihnen in den Weg stellte. »Baldwin, das ist eine Falle! Rechts kommen weitere Reiter heran! Hörst du? Zurück, eine Falle!«

Seine Schreie verklangen jedoch ungehört im Kampflärm, und Morgan biss die Zähne zusammen, spürte das Knirschen von Sand und spuckte gleich darauf angewidert aus. Da war der erste Angreifer heran, Morgan schlug auf die ihm bedrohlich nahekommende Lanze und duckte sich seitlich weg, um im Vorbeireiten dem Angreifer sein Schwert in den Nacken zu schlagen. Zwar trug dieser Mann ebenfalls ein Kettengeflecht, aber Morgan spürte, wie die Klinge hindurchfuhr und der Mann nach vorn kippte. Gleich darauf stolperte sein Pferd, wurde langsamer und brach so unvermutet zusammen, dass er keine Gelegenheit mehr fand, sich abzurollen. Hart schlug er auf und schien in einen dunklen Schacht zu fallen. Sein letzter Gedanke galt dem Sand, der sich auf so unangenehme Weise als sehr hart erwiesen hatte.



2. Kapitel


Morgan schwamm um sein Leben. Welle auf Welle spülte über seinen Kopf und nahm ihm den Atem. Er hatte schon sehr früh das Schwimmen gelernt, zuerst im Fluss Tamar, später sogar im Meer. Aber das war zu viel, es ging über seine Kräfte. Ein erneuter Wasserschwall ließ ihn nach Luft ringen. Er riss den Mund weit auf und musste schlucken. Mit Händen und Armen schlug und trat er um sich, um über Wasser zu bleiben.

»Er kommt zu sich!«, vernahm er eine vertraute Stimme, und schließlich gelang es ihm, die auf unangenehme Weise verklebten Augen aufzureißen. Das Gesicht seines Knappen befand sich dicht über ihm, und mit heiserer Stimme rief er seinen Namen.

»Sir Morgan, es ist alles vorüber, wir haben die Ungläubigen besiegt!«, jubelte der Knappe, und das eben noch besorgte Gesicht über ihm verschwand.

Mühsam hob Morgan den Kopf und sah sich um.

Er befand sich in einem Zelt, und offenbar war es inzwischen Nacht geworden. Das Gestell, auf das man ihn gelegt hatte, war nicht sonderlich bequem, und mit einer am Gaumen klebenden Zunge verlangte er nach Wasser. Über das Krächzen, das seinem Mund entfuhr, war er selbst erschrocken.

»Hier, nehmt diesen Becher, es ist Wein, den uns der König selbst geschickt hat!«

Dankbar griff Morgan zu und spürte, wie schwer es ihm fiel, das pokalartige Gefäß zu halten. Noch einen Schluck, noch einen weiteren, und langsam kam ihm das Erlebte wieder zu Bewusstsein. Er war gar nicht geschwommen, sondern hatte einen Schwall Wasser über den Kopf bekommen, der ihn ins Leben zurückholte. Noch immer etwas benommen richtete er seinen Oberkörper auf und sah sich im Dämmerschein von ein paar Öllampen in dem Zelt um.

Knappe Jago stand vor ihm und grinste ihn fröhlich an, aber sonst konnte er niemand in seiner Umgebung erkennen. Aber das untrügliche Stimmengewirr, dazu das Klappern von Metall und das raue Lachen von Männerkehlen zeigten ihm, dass man ein Nachtlager aufgeschlagen hatte.

»Die … Sarazenen, Jago?«

»Geschlagen, Sir Morgan! Wir haben sie zum Teufel gejagt, wohin sie gehören!«

»Unsere Verluste?«

Das eben noch strahlende Lächeln verschwand aus dem Gesicht seines Knappen.

»Einige der unsrigen sind auf dem Schlachtfeld geblieben, Sir Morgan. Aber glücklicherweise nur wenige. Ihr müsst unbedingt morgen früh vor dem Aufbruch einen Blick auf die Stätte werfen! Das Blut der Ungläubigen hat die Wüste rot gefärbt, so etwas habe ich noch nie gesehen!«

Morgan starrte in das Gesicht seines Knappen, dessen Augen bei dieser Schilderung zu leuchten schienen.

Ungläubige!, dachte er in diesem Moment. So bezeichnen uns die Sarazenen auch! Sie kämpfen für ihren Allah, wir für unseren Gott!

Laut aber antwortete er:

»Was ist mit Sir Baldwin? Ich habe ihn zusammen mit wenigen Rittern und seinem Knappen Eliot in die Falle von sarazenischen Reitern jagen sehen. Meine Zurufe hat er alle ignoriert – sind die Männer gesund zurück im Lager?«

Jago wurde sofort sehr ernst und sah etwas verlegen zu Boden, als er antwortete:

»Sir Baldwin of Dartmoor wird noch vermisst, Herr. Niemand konnte ihn finden, denn die Nacht brach zu schnell herein. Erst im Morgengrauen, wenn wir die Toten voneinander trennen können, werden wir Gewissheit haben!«

Mit einer raschen Bewegung wollte Morgan sich erheben, als sich plötzlich alles um ihn drehte, und er sich mit einem Aufstöhnen an den Kopf griff. Der unerwartete Sturz von seinem Pferd war doch härter, als er es sich eingestehen wollte.

»Hast du dich überall erkundigt, Jago? Irgendjemand muss doch Baldwin gesehen haben! Oder einen seiner Gefährten! Drei oder vier Ritter verschwinden nicht einfach spurlos!«

»Ich habe mich überall erkundigt, auch bei den Kriegsknechten und den Knappen der vermissten Ritter. Niemand konnte mir Auskunft geben, der aufgewirbelte Staub machte es ja fast unmöglich, Freund und Feind voneinander zu unterscheiden. Ich fürchte, Sir Morgan, erst der morgige Tag wird uns Gewissheit verschaffen!«

Morgan erhob sich und ging mit unsicheren Schritten zum Zelteingang. Als er hinaustrat, zog er die kalte Nachtluft tief in sich ein.

Was für ein seltsames Land! Am Tag glühende Hitze, die uns zu schaffen macht, und in den Nächten Kälte, die uns zwingt, Decken umzulegen und Schutz an den Feuern zu suchen. Was machen wir hier eigentlich? Diese Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf, während er an den Männern vorüberschritt, die sich um die Feuer versammelt hatten und aßen, tranken, und sich dabei lautstark mit ihren Taten brüsteten, die sie heute alle vollbracht hatten. Kriegsvolk, nichts anderes gewöhnt, als zu kämpfen und zu töten! Aber wo sind meine Freunde geblieben?

Morgan schritt auf eine Reihe von Zelten zu, die sich um das des Königs scharten. Im lauen Nachtwind wehte das Banner des Königs nur schwach. Ein Licht brannte in dessen Zelt, und die Schatten, die dadurch auf die Zeltleinwand fielen, zeigten die Menge der anwesenden Ritter.

»Morgan, du bist wieder auf den Beinen?«, vernahm er eine etwas spöttisch klingende Stimme und drehte sich in die Richtung.

»Ich vermisse den Klang deiner Laute, Johel!«, erwiderte der Ritter verschmitzt und schlug dem Freund auf die Schulter. Johel de Vautort, der Minnesänger, war ein Freund aus Jugendtagen. Gemeinsam mit den beiden Kriegsknechten Cynan und Rhodri war er damals im Auftrag seines Vaters im Land unterwegs, um für Recht und Ordnung zu sorgen.

Nach der erfolgreichen Rebellion Richards gegen seinen Vater, König Heinrich II., kam das Land lange nicht zur Ruhe. Banden zogen plündernd durch die Grafschaften, Verbrecher machten sich selbst zu Adligen und versuchten, sich in den Besitz verschiedener Burgen zu bringen. Oft war Johel, der ein ausgezeichneter Schwertkämpfer war, seinem Freund Morgan hilfreich zur Seite geeilt.

»Aber ganz im Ernst, Johel, du hast gehört, dass ich aus dem Sattel geholt wurde?«, fuhr Morgan fort und nickte in Richtung des königlichen Zeltes.

»Ja, natürlich, ich habe von deinen draufgängerischen Taten schon längst gehört, weil dein Knappe nichts anderes zu tun hatte, als überall den Ruhm seines Ritters auszubreiten. Schließlich hat selbst Richard davon gehört und angeordnet, dass man dir von seinem Wein schickte. Ich hoffe, du hast noch etwas für mich übrig gelassen?«

Der Minnesänger lachte herzhaft auf, als Morgan bedenklich den Kopf schüttelte.

»Komm mit mir zu meinem Zelt, Johel. Was mich jedoch so unruhig umhertreibt, ist der Gedanke an Baldwin. Ich habe ihn zuletzt gesehen, als er mit ein paar Kampfgefährten auf eine Horde Sarazenen zuritt. Was er selbst nicht erkennen konnte, war die schlichte Tatsache, dass die Sarazenen einen Teil ihrer Reiter von der Gruppe gelöst hatten, die unsere Freunde von hinten umschloss. Meine Warnung hörte er nicht, und bevor ich an seine Seite eilen konnte, traf mich selbst mein Geschick.«

»Ja, du hast da wohl unglaubliches Glück gehabt, Morgan. Aber was aus den Männern um Sir Baldwin wurde, konnte ich auch nicht erfahren. Wir müssen uns bis zum Sonnenaufgang gedulden, wenn wir Gewissheit haben wollen.«

»Ich hatte es befürchtet. Wie ich den alten Rotschopf kenne, hat er nicht nach links und rechts geschaut und ist in die Falle der Sarazenen gegangen. Lass uns den Wein des Königs auf sein Wohl leeren, alter Freund!«, schloss Morgan seine Rede mit einem Seufzer und schlug die Richtung zu seinem Zelt ein.



3. Kapitel


»Verfluchte Hitze, verfluchtes Land!«, schimpfte lautstark einer der Kriegsknechte und stapfte mit müden Schritten durch den Sand.

»Lass das keinen hören, sonst könnte es dir übel vermerkt werden!«, antwortete mit unterdrückter Stimme sein Nachbar.

»Ach was, das kann jeder hören! Es ist eine einzige Schinderei, dieses ewige Marschieren unter glühender Sonne! Die Hölle kann nicht schlimmer sein, und wenn mich nun einer der Ungläubigen dort hinschickt, werde ich es wahrscheinlich zuerst gar nicht bemerken!«

»Du redest, wie du es verstehst!«, mischte sich ein Dritter ein. »Wir haben die Sarazenen schon vernichtend geschlagen, du wirst sehen! Ich habe vorhin den Hauptmann gesprochen, und er ist davon überzeugt, dass wir heute noch die Festung erreichen werden! Dann ist es an uns, die Ungläubigen endgültig ins Landesinnere zu vertreiben, damit wir die Heiligen Stätten wieder in unseren Besitz bringen!«

»Die Heiligen Stätten! Hast du überhaupt eine Ahnung, wo Jerusalem liegt, du Schwätzer?«, ließ sich jetzt der hinter ihnen marschierende Soldat vernehmen.

»Nein, natürlich nicht, aber du wohl auch nicht, oder bist du schon einmal hier gewesen?«

»Gott bewahre, nein, das nicht! Aber ich habe zugehört und kann dir berichten, dass Jerusalem das Ende der Welt bedeutet, jedenfalls von hier aus.«

Einer der Männer stieß ein verächtliches Lachen aus.

»Das Ende der Welt! Ja, natürlich, und du weißt ganz genau, das dort die Heilige Stadt liegt!«

»Ruhe da vorn!«, schrie eine befehlsgewohnte Stimme hinter ihnen, und erschrocken drehten sich die Marschierenden zu dem Reiter um, der langsam neben ihnen ritt.

»Großmaul!«, murmelte einer der Kriegsknechte, aber der Reiter hatte ihn zum Glück nicht hören können.

Seit Tagen, nach dem ersten Sieg seit ihrer Ankunft, marschierte die Kolonne nun schon südlich an der Küste entlang, auf die Stadt Akkon zu. Niemand von ihnen hatte auch nur eine Ahnung, wo diese Stadt lag. Doch als sie am zweiten Tag ihres Marsches einen Blick von der Küste auf das Meer werfen konnten, entdeckten sie die Flotte mit den dickbauchigen Nefs, die sie von England herüber gebracht hatten.

»Warum müssen wir eigentlich in dieser Hitze marschieren, wenn doch unsere Schiffe die gleiche Richtung genommen haben? Wir wären viel schneller … aah!«

Die Rede des Soldaten endete in einem kurzen Schrei, und erschrocken blickten die neben ihm gehenden Männer auf den Pfeil, der plötzlich in seinem Hals steckte. Gleich darauf ritten die Bogenschützen der Sarazenen an der Marschkolonne entlang und beschossen sie in rascher Folge. Aber so überraschend, wie dieser Angriff kurz hinter Tyros erfolgt war, so rasch war er auch wieder beendet. Die Ritter jagten hinter den Feinden her und töteten einige von ihnen, während die Hauptmacht der Sarazenen sich nicht sehen ließ.

So ging das Tag für Tag weiter, die Truppen Sultan Saladins griffen das Heer der Kreuzfahrer immer wieder an und verwickelten sie in kleine Gefechte. Deren Führer hielten eiserne Disziplin ein, sofern eine Aussicht auf Erfolg bestand, wurden die stets berittenen Angreifer verfolgt, aber nie über eine lange Strecke. Niemand konnte ahnen, was sich hinter dem nächsten Hügel verbarg, keiner der Ritter war jemals in diesem Land gewesen.

König Richard ließ sich immer wieder auch bei den Fußsoldaten blicken und forderte bei den abendlichen Besprechungen in seinem Zelt von den Heerführern absolute Disziplin.

Doch die täglichen Angriffe zermürbten die Männer, und so mancher von den Kriegsknechten sehnte sich den Tag herbei, an dem er in den festen Mauern einer Burg oder einer Stadt Erholung von den Strapazen des Marsches finden würde.

Den Rittern entging die zunehmende Gereiztheit unter den Soldaten nicht. Sie reagierten je nach Temperament recht unterschiedlich, entweder mit Strenge und entsprechenden Bestrafungen oder mit gutem Beispiel und den Versprechungen für eine besondere Mahlzeit am Abend oder anderen Dingen, die halfen, die Männer bei Laune zu halten.

Niemand von den Rittern konnte jedoch die Eskalation im Voraus erkennen.

Als plötzlich auf der Landseite ihres Weges eine riesige Staubwolke erkennbar wurde, nahm das Heer eine Verteidigungsstellung ein. Jeder war davon überzeugt, dass es erneut zu einer Schlacht mit den Sarazenen kommen würde. Die Größe der sich rasch nähernden Wolke ließ nichts Gutes erahnen. Als sie plötzlich sogar die gleißende Sonne verdunkelte und mit unglaublicher Geschwindigkeit über die Kreuzfahrer hereinbrach, blieb ihnen nur noch übrig, sich so flach wie möglich auf den Boden zu pressen und das Gesicht zu verhüllen.

Dann war der heiße Wüstensturm heran und überschüttete die Männer und Tiere mit einem unglaublichen Sandregen. Der auf die hilflos am Boden liegenden Männer herabprasselnde Sand schien förmlich zu glühen, und voller Verzweiflung japsten die Männer unter ihren Tüchern nach Luft. Der feine Sand drang auch jetzt wieder durch jede kleine Öffnung und Ritze, nahm den Männern mit seinem Gluthauch die Luft und ließ sie verzweifeln.

Auch Morgan japste nach Luft. Zwar hatte Jago dafür gesorgt, dass ihre Tücher rechtzeitig mit Wasser getränkt waren und dadurch das Atmen etwas erleichtert wurde, doch bereits nach kurzer Zeit war der Ritter davon überzeugt, dass dieses Sandinferno alle unter sich begraben würde. Dazu heulte und tobte der heiße Wind um sie herum, zerrte an den Gewändern und Waffenröcken, brüllte ihnen in die sandgefüllten Ohren und war plötzlich auf das Meer hinaus verschwunden, eine rötlich-gelbe Decke hinter sich an der Küste zurücklassend.

Morgan war wie betäubt und hatte in den Ohren ein so kräftiges Rauschen, dass er das Abflauen des Wüstensturmes zunächst gar nicht bemerkte. Erst, als ihn Jago anstieß und etwas rief, hob er den Kopf und riss sich gleich darauf das Tuch herunter. Sand schien nicht nur durch seine Kleidung gedrungen zu sein, sondern auch durch jede Pore seines Körpers. Wie betäubt fühlte er sich, als er auf die Knie kam und sich mit verklebten Augen umsah.

Für einen kurzen Moment glaubte er, Baldwin würde sich neben ihm den Sand aus der Kleidung schütteln. Er hatte nur etwas Rotes gesehen und stellte gleich darauf enttäuscht fest, dass der Mann neben ihm ein rotes Stofftuch um sein Gesicht gewunden hatte.

Baldwin, alter Freund und Gefährte in so zahlreichen Gefahren! Wo bist du?

Doch der hünenhafte Ritter war am nächsten Tag nicht unter den Toten auf dem Schlachtfeld gefunden worden. Es bestand allerdings noch eine winzige Hoffnung, dass er sich bei einem anderen Teil des Heeres befand. Der Anblick des Schlachtfeldes mit seinen zahlreichen Toten, die in geradezu grotesken Verrenkungen über- und untereinander ...

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