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Schweig und genieß!

1. KAPITEL

Zwanzig Männer wandten ihr die Kehrseite zu, angespannt und voller Erwartung.

Sonya unterdrückte einen Seufzer und straffte die Schultern. Seit Tagen begutachtete sie Profis und Amateure aus Calgary und hatte immer noch nicht gefunden, wonach sie suchte: den perfekten Männerpo.

„Hm. Ist das nicht ein herrlicher Anblick?“, flüsterte Neil. „In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht erwartet, dass Calgarys Fleischmarkt solche Prachtexemplare zu bieten hat.“ Er seufzte theatralisch.

„Träume? Das hier ist eher ein Albtraum“, erwiderte Sonya und stöhnte. Sie räusperte sich. „Okay, Gentlemen, bitte drehen Sie sich wieder um.“ Sie spähte kurz hinüber zu Neil. Ihr eher schmächtiger Assistent trug wie immer eine eng anliegende schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Heute eines, auf dem ein riesiges Paar roter Lippen abgebildet war. Jetzt flirtete er gerade mit einem der Models – einem Latino mit ausgeprägten Muskeln und glänzenden Augen.

„Ich danke Ihnen.“ Sonya versuchte, nicht so müde zu klingen, wie sie sich fühlte. „Vielen Dank für Ihre Geduld. Würden Sie und Sie …“, sie winkte zwei der Männer heraus, „sich bitte bei Karen melden? Ihr Büro ist gleich neben dem Studio. Die anderen können gehen. Danke.“ Sie bemerkte, dass Mr. Latino seine Schritte verlangsamte, offenbar um Neils Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Sonya hob eine Braue. „Ein Freund von dir?“

„Bis jetzt nicht.“ Ihr Assistent musterte den Mann. „Aber sind diese Muskeln nicht göttlich?“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Findest du nicht, dass er der perfekte Mr. Rocky Ridge wäre?“

Sonya legte den Kopf schief. „Ich weiß nicht. Vielleicht, wenn es um Slips ginge und nicht um Jeans. Für unsere Zwecke ist er zu … körperbetont. Ich stelle mir jemanden vor, der ein bisschen kultivierter ist. Außerdem stimmen seine Proportionen nicht. Die Beine sind zu kurz, nicht gerade das, wonach wir suchen. Aber ich denke, Gesicht und Schultern wären okay für Kosmetikprodukte. „Nimm ihn in die Kartei auf.“

Neil verdrehte entnervt die Augen. „Jetzt hör aber auf. Was ist mit seinem Sex-Appeal?“

„Seinem … was?“

„Du weißt schon, ein Blick, ein Lächeln, feuchte Hände, Herzrasen.“ Neil gab sich erstaunt. „Du hast doch Gefühle, oder?“

Er meinte ihre Libido – oder deren Mangel. Aber das stand jetzt nicht zur Diskussion. Sonyas Lächeln geriet zur Grimasse. „Muss ich wohl. Sonst hätte ich dich längst gefeuert, dafür, dass du mir meine kostbare Zeit stiehlst.“

„Okay. Lass uns umschalten.“ Neil nahm Haltung an. „Gibt es irgendetwas, das ich für Sie tun kann, General? Ihr Wunsch ist mir Befehl.“ Er folgte Sonya zu ihrem riesigen Arbeitstisch in der Mitte des Studios.

Sie ließ sich in den Schreibtischstuhl fallen und öffnete ihre Projektakte. „Sag den anderen, dass Feierabend ist. Oh, meine Füße bringen mich um.“

Neil salutierte, setzte seine Kopfhörer auf und gab ihre Anweisung weiter.

Sonya streifte einen ihrer hochhackigen Pumps ab und massierte sich den schmerzenden Spann. Sie musste es schaffen, die perfekte Kampagne für Rocky Ridge Jeans zu organisieren. Schließlich hatte Lawrence MacLeod, der Präsident von Zenith Communications, klargemacht, dass ihre Chancen, Vizepräsidentin der Firma zu werden, von ihrer Leistung bei der Etablierung des neuen Büros in Calgary abhingen. Sie durfte jetzt nicht versagen, nicht nach sechs Jahren harter Arbeit. Und schon gar nicht nach der Katastrophe mit Saunders. Das war eine schmerzliche Lektion gewesen. Eine persönliche Gefälligkeit war oft eben doch nicht nur reine Gefälligkeit. So etwas wie damals durfte ihr nie wieder passieren, und deshalb hatte sie es sich zur eisernen Regel gemacht, Privatleben und Beruf strikt zu trennen.

Sie wollte ihr Ziel erreichen, und nichts würde sie davon abhalten. Deshalb hatte sie jeden einzelnen ihrer Mitarbeiter persönlich ausgewählt und jeden einzelnen Posten des Budgets zweifach überprüft. Alles lief auch wie am Schnürchen – bis auf eins: Sie hatte noch nicht den Mann gefunden, dessen knackiger Po eine Rocky Ridge Jeans perfekt zur Geltung brachte.

„Ich hab dir einen O-Saft mitgebracht.“

Sonya lächelte Neil dankbar zu. Alles hatte sie bis ins kleinste Detail geplant. Es durfte nichts schiefgehen. Und es durften keine weiteren Kosten entstehen. „Neil, wie viele haben wir jetzt in der engeren Auswahl?“

„Mit denen von heute, acht.“

„Und wie viele Bewerber kommen noch?“

Neil sah auf seiner Liste nach. „Noch eine Gruppe.“

„Was? Mehr nicht? Wir müssen mit den Aufnahmen am Montag in einer Woche anfangen.“

„Vielleicht sollten wir den Termin verschieben und lieber noch weitersuchen.“

Sonya fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Das würde weitere Unkosten bedeuten. Dafür ist aber kein Spielraum.“ Nachdenklich kaute sie an ihrer Unterlippe.

„Kaum zu glauben, dass wir aus dreihundert Bewerbern nur acht Kandidaten mit einem Potenzial für den Rocky-Ridge-Mann herausgefunden haben.“

„Mit einem sehr fragwürdigen Potenzial.“ Sonya seufzte. „Aber die ganze Kampagne basiert auf dem ‚richtigen Rocky-Ridge-Look‘. Wir müssen die Suche also fortsetzen und darauf achten, unser Budget dabei so wenig wie möglich zu belasten.“

Neils Kopfhörer summten. Nachdem er gehört hatte, was los war, wirkte er etwas beunruhigt. „Rate mal, wer gerade gekommen ist?“ Er wartete ihre Antwort nicht ab. „Harvey Wilson und Lawrence MacLeod.“

„Verflixt, genau das, was ich jetzt am wenigsten brauchen kann.“ Stöhnend zog Sonya ihren Schuh wieder an.

„Was wollen die eigentlich hier?“, erkundigte sich Neil.

Sonya setzte ein Lächeln auf. „Unser Boss ist anscheinend ein guter Freund unseres Kunden. Mr. Wilsons Vertrag enthält eine Klausel, die ihm bei der Auswahl des Models ein Mitspracherecht einräumt. Ich schätze, dass die beiden beschlossen haben, bei der Endauswahl dabei zu sein.“

„Was wirst du tun?“

„Das, wofür ich bezahlt werde.“ Sonya trank ihren Orangensaft aus. „Bete inzwischen dafür, dass wir jetzt endlich unseren Rocky-Ridge-Mann finden.“

Die grelle Studiobeleuchtung brannte heiß auf seiner Haut. Clint Silver zog sich den Stetson noch etwas tiefer in die Stirn und schob die Hände in die Hosentaschen.

Ich bin ein Narr, sagte er sich, dass ich überhaupt hergekommen bin. Sollte er tatsächlich ausgewählt werden, wäre es ihm nur peinlich. Es wäre gegen alle seine Prinzipien. Und dennoch, falls sie ihn nicht nahmen, würde er alles verlieren, was er besaß.

Aus purer Verzweiflung war er hierhergekommen. Er hatte einfach keinen anderen Ausweg mehr gesehen.

Clint musterte verstohlen seine Mitbewerber. Einige trugen Anzug und Krawatte, einige stellten ihre muskulösen Körper in sportlichen Outfits zur Schau. Aber alle hatten offenbar eines gemeinsam: Sie strebten nach Ruhm und Anerkennung oder zumindest nach Bestätigung ihres Egos. Er dagegen brauchte nur eins: Geld.

„Gentlemen, ich darf Sie herzlich begrüßen. Ich bin Sonya Duncan, Etatleiterin von Zenith Communications. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, sich auf unsere Anzeige zu bewerben. Es geht uns heute darum, den Typ zu finden, der dem sportlichmännlichen Image der Marke Rocky Ridge am besten entspricht.“

Die professionelle, unverbindliche Stimme, die von irgendwo hinter den Scheinwerfern ertönte, erinnerte ihn an den Mann von der Bank. So redeten die Leute, denen die Träume und das Leben anderer Menschen nichts bedeuteten.

„Es geht uns also um einen ganz bestimmten Typ. Falls Sie in die engere Wahl kommen, werden Sie gleich im Anschluss an diese Vorauswahl an der Endrunde teilnehmen.“

Was soll ich tun, wenn ich durchfalle?, fragte sich Clint nervös. Dass sein Schicksal von den Launen anderer abhing, machte ihn verrückt. Er war es gewohnt, immer alles selbst in die Hand zu nehmen, seine Möglichkeiten bis an die Grenzen seiner Kräfte auszutesten, um seine Ziele zu erreichen. Aber manchmal schien selbst das nicht genug zu sein. Hatte er nicht alles gegeben, um die Ranch zu halten? Und nun hatte er weder die Zeit noch die Möglichkeit, das nötige Geld schnell genug aufzutreiben. Verdammt, er brauchte diesen Job, sosehr er ihm auch zuwider war.

„Stellen Sie sich nun bitte in einer Reihe auf. Neil, mein Assistent, wird Ihre Fotos und Bewerbungsmappen einsammeln.“

Clint zog den Streifen Schwarz-Weiß-Fotos aus seiner Hosentasche, den er für einen Dollar von einem Automaten hatte machen lassen. Diese Fotos hätten keinem Vergleich mit den Bildern standgehalten, die Kristin in ihrer Mappe gehabt hatte, aber mehr hatte er jetzt nicht zu bieten. In seinem Kummer hatte er damals alles verbrannt, ihre Mappe, die Fotos, alles. Doch die letzte Erinnerung an ihr Gesicht, das gezeichnet gewesen war von einem viel zu frühen Tod, würde er wohl nie aus seinem Gedächtnis löschen können.

„Entschuldigen Sie.“

Er sah auf. Der Mann neben ihm trug ein weißes Polohemd und weiße Tennisshorts. Sein dunkles Haar war straff zurückgekämmt. „Ja?“

„Hab ich Sie nicht schon mal irgendwo gesehen?“

Oh nein! Damit hatte er wirklich nicht gerechnet. „Das glaube ich kaum.“ Angelegentlich betrachtete er seine Fotos, als ob er das beste davon auswählen wollte.

„Wesley Tanner“, stellte der Mann sich vor.

„Hm.“

Wesley schwieg, doch als Clint nichts erwiderte, räusperte er sich. „Vielleicht kennen wir uns vom Windsurfen?“

„Kann nicht sein.“

Plötzlich schnippte Wesley mit den Fingern. „Ich hab’s. Sie fahren Ski?“

Clint stieg das Blut in den Kopf. „Ein bisschen, ja. Ist aber schon Jahre her.“

„Die Olympischen Spiele in Calgary! Stimmt’s?“

Verdammt! Er hasste Lügen, aber in diesem Fall blieb ihm wohl nichts anderes übrig. „Tut mir leid, aber Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“

„Hm.“ Wesley zuckte ratlos mit den schmalen Schultern und fuhr sich über sein glatt rasiertes Kinn. „Sie sehen dem Kerl aber verdammt ähnlich, der damals im Abfahrtslauf für die Staaten gefahren ist. Ein tollkühner Bursche. Er war so schnell, dass er bestimmt gewonnen hätte. Das Dumme war nur, dass er stürzte.“ Wesley schüttelte den Kopf. „Sein Skistock hat ihn regelrecht aufgeschlitzt!“

Clints Gesicht blieb regungslos.

„Da hat echt das Blut gespritzt. Ich glaub, ich war der Einzige, der damals nicht gekotzt hat.“

„Könnten Sie vielleicht das Thema wechseln“, kam es von weiter hinten mit einer dünnen, hoch klingenden Stimme.

Erleichtert blickte Clint über die Schulter zu dem Mann mit dem schwarzen T-Shirt, auf dem ein rotes Lippenpaar prangte. „Tut mir leid, Ihre Konversation zu stören, aber haben Sie zufällig Ihre Fotos und Bewerbungsmappen parat?“

Wesley überreichte Neil das Gewünschte. „Hey, falls Sie mal Erste Hilfe brauchen, ich bin allzeit bereit. Ich studiere Medizin.“ Er stellte sich in Positur und ließ seine Armmuskeln spielen.

„Wow, ich bin beeindruckt“, erwiderte Neil routiniert. Als er sich dann Clint zuwandte, verharrte er mitten in der Bewegung. Seine Augen wurden immer größer, während er Clints Erscheinung in sich aufnahm.

Clint wurde rot. Er widerstand der Versuchung, die Arme zu verschränken, damit man nicht die Schweißflecken unter seinen Achseln sah. Nein, entweder diese Leute nahmen ihn so, wie er war, oder gar nicht.

„Ihre Mappe und die Fotos.“

„Ich habe keine Mappe. Hier sind die Fotos.“

Mit spitzen Fingern nahm Neil ihm den Streifen Fotos aus der Hand, betrachtete prüfend die Bilder und sah dann auf die Rückseite. „Name?“

Auf keinen Fall wollte Clint in Wesleys Beisein seinen Namen verraten. Damit würde er nur an die Vergangenheit rühren, die er so sorgfältig begraben hatte.

„Leider bin ich nicht sehr gut im Gedankenlesen. Deshalb muss ich Ihren Namen, Ihre Adresse und Telefonnummer auf der Rückseite der Fotos notieren.“ Neil musterte ihn fragend. „Es sei denn, Sie haben eine Visitenkarte.“

Verdammt! Clint fühlte sich immer unbehaglicher. Er hatte keine Visitenkarte. Auf einer Ranch brauchte man so etwas nicht. Alles, was dort zählte, war harte Arbeit.

Clint straffte die Schultern, machte einen kleinen Schritt auf Neil zu und sah ihm dabei direkt in die Augen. „Hab ich bis jetzt nie gebraucht. Ist das ein Problem?“

„Nein, nein.“ Neil wich seinem Blick aus. „Kein Problem. Nur ruhig Blut.“ In gespielter Unterwerfung hob er die Arme, bevor er sich dem nächsten Kandidaten zuwandte. „Schon gut. Schon gut.“

Das ist idiotisch, sagte sich Clint, schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Dieser Mann hatte ihn wahrscheinlich gar nicht lächerlich machen wollen. Abgesehen davon hatte der Kerl ja recht. Er gehörte nicht hierher. Dies war nicht seine Welt. Es war Kristins Welt gewesen.

Bruchstückhaft stieg die Erinnerung an die Ereignisse in ihm auf, die sein Leben zerstört hatten. Fast ein Jahrzehnt hatte er sich an seinen Schwur gehalten, diese menschenverachtende Industrie nie wieder in sein oder Tias Leben eindringen zu lassen. Was, zum Teufel, tat er hier eigentlich?

Er sollte verschwinden. Sofort.

Doch er konnte nicht weg. Das hier war seine einzige Chance, all das zu bewahren, wofür er gearbeitet hatte. Niemals würde er Tia im Stich lassen.

„Wenn Sie sich jetzt bitte zur Wand drehen würden.“

Die Anweisung wurde wohl seinetwegen wiederholt, und er blickte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Im grellen Studiolicht konnte er nur die Umrisse der Frau erkennen. Ihr Haar wirkte, als wäre es aus reinem Gold, und sie hatte wohlgeformte Beine.

Diese ihm völlig unbekannte Frau würde nun, ohne es zu wissen, über sein Schicksal entscheiden. Trotz all der Schufterei lag das Schicksal der Silver-S-Ranch nun hier. Das allein war schon ein Versagen, und das Gefühl der Scham quälte ihn. Doch er musste da durch. Es war ja auch nicht das erste Mal, dass er sich schämte. Nicht das erste Mal, dass er versagt hatte. Und es würde wohl auch nicht das letzte Mal sein. Wichtig war nur, dass man sich von seinem Versagen nicht niederdrücken ließ. Und ein Clint Silver gab so schnell nicht auf.

Niemals hatte er sich stärker und lebendiger gefühlt als damals beim Start. Olympisches Gold hatte er gewinnen wollen. Und obwohl er dann auf einer Bahre hinausgetragen wurde, hatte er sich nicht unterkriegen lassen. Ein Jahr später – ohne Publikum und Fernsehkameras – war er zurückgekehrt und hatte sich der Herausforderung dieser Abfahrt noch einmal gestellt. Und er hatte es geschafft.

Allein die Erinnerung daran gab ihm wieder Kraft. Wenn er ein Gewinner sein wollte, musste er denken wie ein Gewinner. Was hatte Kristin immer gesagt? Die größte Schande bestand darin, nicht wahrgenommen zu werden. Dann also los!

Er spürte seinen Pulsschlag hinter den Schläfen, als er sich zur Wand drehte. Er nahm die Hände aus den Taschen, straffte die Schultern und hielt den Kopf hoch.

Er fühlte sich restlos ausgeliefert.

Sonya blieb hinter jedem einzelnen Mann stehen und unterzog dessen Kehrseite einer eingehenden Prüfung, während Neil sie beobachtete und sich Notizen machte. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Mit den Konsequenzen einer erfolglosen Suche würde sie leben können, nicht aber mit den Konsequenzen einer falschen Entscheidung.

„Achtung, Testosteronbombe“, raunte Neil ihr ins Ohr.

Sie betrachtete das extrem muskulöse, in dunkelblauem Elasthan verpackte Hinterteil und hob spöttisch die Brauen.

Neil schüttelte nur den Kopf und wandte sich dem nächsten Kandidaten zu.

Sonya folgte ihm und wartete darauf, dass er gleich die nächste komische Bemerkung vom Stapel ließ. Doch diesmal erlebte sie eine Überraschung.

Es war wie ein Schock. Die Knie wurden ihr weich, und bevor sie es verhindern konnte, entfuhr ihr ein leises Keuchen. Prompt zuckte ein Muskel unter dem Jeansstoff, der diesen wundervollen Po umspannte.

Knackig, dachte Sonya. Und so toll geformt, dass man ihn einfach anfassen musste …

Schmale Hüften, lange Beine, alles umhüllt von eng anliegendem, sonnengebleichtem Denim. Ein hellblaues Hemd spannte sich über muskulösen Schultern. Blondes Haar ragte aus dem Stetson und reichte bis knapp auf den Kragen.

Etwas Animalisches, Ungezähmtes haftete diesem Mann an.

Er wirkte hier so fehl am Platz wie ein wilder Hengst in einer Herde Schweine, und ebenso beeindruckend. Durchtrainiert. Abgehärtet. Sein Körper schien ein reiner Zweckbau aus Muskeln und Sehnen zu sein, von Künstlerhand geformt. Und er strahlte eine unglaubliche Kraft aus.

Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die plötzlich trockenen Lippen. Der Kerl war natürlich überhaupt nicht ihr Typ. Sie bevorzugte Männer mit Bildung und Manieren, solche, die wussten, welcher Wein zu welchem Gang eines Gourmet-Menüs passte. Dieser hier sah aus, als bedeute eine gute Mahlzeit für ihn ein gegrilltes Steak und ein kühles Bier.

Mit anderen Worten, er sah aus wie ein Cowboy.

Nein, das war nicht der Typ, nach dem sie suchte. Sie brauchte für diese Kampagne jemanden, der kultivierter war. Schließlich wollten sie die Besserverdienenden ansprechen. Nein, dieser Kandidat wirkte entschieden zu rau. Schade, denn er hatte einen sehr sexy Po.

Noch etwas sprach gegen ihn: Er war blond. Sonya hatte sich den Rocky-Ridge-Mann eigentlich dunkelhaarig vorgestellt, mehr der James-Bond-Typ. Trotzdem, dieser Kerl hatte etwas. Plötzlich bekam sie eine Gänsehaut und fühlte sich unbehaglich. Er war blond, und er war ein Cowboy, na und? Was war an ihm, das sie so beunruhigte?

Seine Körpersprache. Er schien förmlich am Boden festgewachsen zu sein, als ob nicht einmal ein Bulldozer ihn zum Weichen bringen könnte. Es wäre bestimmt schwierig, mit ihm zu arbeiten. Er strotzte ja förmlich vor Selbstbewusstsein und Widerspruchsgeist. Nein, sie konnte es sich nicht leisten, ihre Karriere aufs Spiel zu setzen wegen eines unberechenbaren Models. Der Mann kam nicht infrage.

Am liebsten hätte sie ihn auf der Stelle gepackt und zu sich herumgedreht, nur um wenigstens noch einen Makel an ihm zu entdecken, der ihre Ablehnung rechtfertigen würde. Aber es wäre nicht fair, ihn jetzt schon auszusortieren. Er sollte die gleichen Chancen haben wie alle anderen auch. Sie würden Fotos und Videoaufnahmen von ihm machen und seine Stimme testen. Erst dann hätte sie das Recht, ihn zu entlassen.

Neil kam zu ihr, als sie zum nächsten Kandidaten ging. „Und?“, flüsterte er.

Sie hatte ihre Haltung wiedergefunden und hob nur gleichgültig die Schultern.

Neil unterdrückte ein Grinsen und deutete mit dem Finger auf sein Herz.

Was sollte das heißen? Sie runzelte die Stirn.

Neil kritzelte etwas auf seinen Block und hielt ihn ihr kurz hin.

„Herzrasen?“, flüsterte sie. Er wusste doch genau, dass sie keine Cowboys mochte, und sie warf Neil einen entnervten Blick zu.

Dann ging sie um Neil herum und entdeckte zu ihrer Überraschung die Lösung ihres Problems. Hier stand der Mann, der nahezu perfekt ihrer Vorstellung vom Rocky-Ridge-Mann entsprach.

Er war zwar um einiges kleiner als der Cowboy, aber immerhin durchschnittlich groß, und er hatte sehr gute Proportionen. Na schön, sein Po war flacher, aber dafür hatte er pechschwarzes Haar und, was das Wichtigste war, er strahlte eine gewisse Nonchalance aus. Offenbar war sie endlich am Ziel.

Nachdem sie die restlichen Kandidaten einer flüchtigen Betrachtung unterzogen hatte, ging sie zur Mitte des Raumes. „Bitte drehen Sie sich wieder um.“

Erwartungsvoll blickte sie zu dem Dunkelhaarigen. Er sah aus wie Pierce Brosnan, nur jünger. Außerdem schien er auch Erfahrung als Model zu haben.

Die übrigen Kandidaten waren ganz offensichtlich ungeeignet. Bis auf einen. Sie konnte den Cowboy noch nicht wegschicken. Sein Stetson überschattete sein Gesicht, sodass sie nur seine markante Kinnpartie und die zusammengepressten Lippen erkennen konnte.

Prüfend betrachtete sie seine Fotos. Diese Automatenbilder sollten wohl ein Scherz sein. Er war offenbar ein absoluter Neuling in dem Geschäft. Glaubte er etwa, sie suchten einen Cowboy? Wie auch immer, der Hut musste herunter, damit sie den Kerl endgültig disqualifizieren konnte.

„Nehmen Sie bitte den Hut ab.“ Im nächsten Moment bereute sie, diese Anweisung gegeben zu haben.

Denn er rührte sich nicht.

Es herrschte völlige Stille.

Offenbar wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte. „Entschuldigung, Mister, aber würden Sie bitte den Hut abnehmen?“

Der Cowboy gehorchte ihr immer noch nicht.

Sie spürte die erwartungsvollen Blicke der anderen. Oh nein! Jetzt war sie wirklich im Zugzwang. Sie war hundemüde, durfte jetzt aber auf keinen Fall schlappmachen.

Ihr Verstand arbeitete fieberhaft. Wie sollte sie dieses Problem lösen? Wilson und MacLeod sahen schließlich zu, sie konnte also nicht einfach klein beigeben. Das würde ihr als Schwäche angekreidet werden. Sie musste die Situation entschärfen und ihre Professionalität unter Beweis stellen.

Auf einmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Der Kerl forderte sie heraus!

Aber warum? Und wie sollte sie darauf reagieren?

Sie holte tief Luft und setzte sich in Bewegung.

Mit langsamen Schritten ging sie durch das Studio auf den Cowboy zu. Immer noch machte er keinerlei Anstalten, den Hut abzunehmen. Sie konnte nicht mehr zurück. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als immer weiter auf ihn zuzugehen. Sollte sie ihm den Stetson einfach vom Kopf reißen oder ihn noch einmal höflich bitten?

Sie blieb vor ihm stehen. Nervös fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

Plötzlich riss er sich den Hut vom Kopf. „Madam.“ Er lächelte. „Hier ist Ihr Rocky-Ridge-Mann.“

2. KAPITEL

Verblüfft starrte Sonya in goldgrüne Augen, die sie mit unglaublicher Intensität anblickten. Behalt einen kühlen Kopf, sagte sie sich. Es ist nur eine ungewöhnliche Schattierung von Haselnussbraun.

Wimpern und Brauen waren schwarz, was dem Mann etwas Piratenhaftes gab. Sie konnte den Blick nicht von seinem Gesicht lösen. Es war braun gebrannt, hatte ausgeprägte Wangenknochen, und die dunklen Schatten auf den Wangen ließen auf einen starken Bartwuchs schließen. Er hatte den Mund zu einem schiefen Grinsen verzogen, was seinen geradezu gefährlichen Charme noch erhöhte.

Genau so hatte sie sich sein Gesicht vorgestellt, und genau so wollte sie den Rocky- Ridge-Mann nicht haben. Diese Wildheit, die er ausstrahlte! Jahrelang hatte sie das ungehobelte Benehmen von Cowboys ertragen müssen. Ganz sicher würde sie sich jetzt nicht darauf einlassen, mit einem zusammenzuarbeiten.

Sein unbekümmertes Lächeln ärgerte sie. War er wirklich ein Anfänger, oder war er nicht eher ein besonders raffinierter Profi? War er womöglich von Mr. Superwitz höchstpersönlich engagiert worden, von Neil? Das würde ihrem Freund und Assistenten ähnlich sehen. Ja, vielleicht hatte Neil ihr einen Streich gespielt.

Oder der Cowboy war ein Freund von Neil, und Neil hatte ihm Tipps gegeben, wie er am besten ihre Aufmerksamkeit erregen könnte. Auf jeden Fall musste dieser Cowboy ein Profi sein – ein Model oder Schauspieler.

Plötzlich bekam alles einen Sinn: Neils Besorgnis, als Wilson und MacLeod aufgetaucht waren, die verstohlenen Blicke zwischen ihm und dem Cowboy, und dann Neils Übereifer beim Einschätzen ihrer Reaktion. Hätte er nicht die Lacher auf seiner Seite, wenn es ihm gelänge, ihr das Eingeständnis zu entlocken, dass sie den Cowboy attraktiv fand? Sicher, der Mann war nicht unattraktiv, aber das war rein äußerlich. Abgesehen von seiner physischen Erscheinung war da nichts, wovon sie sich angezogen fühlte.

Clint hatte einfach alle Bedenken über Bord geworfen. Jetzt hielt er den Atem an, als er sah, dass Sonyas Blick wachsam wurde.

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