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Schweig still, mein totes Herz

C.J. LYONS

Schweig still,

mein totes Herz

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Dorothea Kallfass

Über dieses Buch

Neun Jahre tat sie nun schon den Dienst mit der Waffe und war in dieser Zeit zwei Mal nur äußerst knapp dem Tode entgangen, hatte einen Mann im Nahkampf getötet und mitansehen müssen, wie sich ein guter Mann ihr zuliebe geopfert hatte. Sie trug Narben an Körper und Seele …

Als die FBI-Agentin Caitlyn Tierney eines Nachts einen Anruf aus dem Staatsgefängnis erhält, werden urplötzlich alten Wunden wieder aufgerissen: Eli Hale, der Mann, den sie für den Tod ihres Vaters verantwortlich macht, bittet sie um ihre Hilfe. Sie soll seine vermisste Tochter suchen. Vor sechsundzwanzig Jahren musste ihr Vater Eli, seinen besten Freund, wegen Mordes verhaften und beging kurz darauf Selbstmord – und das hat Caitlyn bislang nicht verwinden können. Trotz aller Wut und Trauer, die in der FBI-Agentin hochkochen, entschließt sie sich, dem Mann ein Gespräch zu gewähren. Doch als sie im Gefängnis ankommt, wird Eli vor ihren Augen kaltblütig ermordet. Alarmiert beginnt Caitlyn Ermittlungen anzustellen, die sie zurück in ihre alte Heimatstadt führen. Hier stößt sie auf dunkle Machenschaften, die weit in die Vergangenheit zurückreichen und die jemand mit allen Mitteln weiterhin verborgen halten will …

1

»Pistole fallen lassen!«, schrie Caitlyn Tierney.

Die FBI-Agentin zögerte, das zitternde Kinn verriet ihren inneren Konflikt. Es war auch eine schlimme Situation: Caitlyn verbarg sich hinter dem Partner der jungen Frau und drückte ihm die eigene Dienstwaffe gegen den Kopf. Seine Größe war nun Caitlyns Vorteil, ihre zierliche Gestalt verschwand fast vollständig hinter dem menschlichen Schutzschild.

Die Agentin hielt die Pistole unbeirrt auf ihren Partner und Caitlyn gerichtet. Das würde ihr herzlich wenig bringen, war jedoch die Standardvorgehensweise in einem solchen Fall.

Caitlyn stemmte sich gegen den viel größeren Agenten. Sie nahm einen frischen Geruch nach Minze wahr, als hätte er eben noch einen Kaugummi gekaut oder Mundwasser benutzt, bevor er seiner Partnerin in dieses verwahrloste Dreckloch gefolgt war. Schweiß lief ihm den Nacken herunter und in den Hemdkragen hinein. Sein Haar war sauber getrimmt; im Nacken waren noch die hauchdünnen Einschnitte des Rasiergeräts zu erkennen.

Sie schaute sich um. Er war ihre einzige Deckung. Bis auf ein durchgesessenes Stoffsofa an der gegenüberliegenden Wand und einen Couchtisch aus billigen Kanthölzern war die Wohnung unmöbliert. Caitlyn stand mit dem Rücken zur Wand, ihr einziger Ausweg war die Tür rechts neben der Agentin.

»Lassen Sie uns darüber reden.« Die Stimme der Agentin klang leicht zittrig, die Pistole ließ sie jedoch immer noch nicht sinken. »Lassen Sie ihn gehen, dann unterhalten wir uns.«

»Klappe, oder ich lege ihn um!«, erwiderte Caitlyn. Bei einem Redevorbot würde es der Agentin schwerfallen, mit ihr zu verhandeln oder sie einzuschüchtern.

»Waffe fallen lassen. Sofort!«

Mach schon, entscheide dich, dachte Caitlyn. Der Deckenventilator surrte, seine trägen Bewegungen kamen jedoch kaum gegen die drückende Luft im Zimmer an. Es stank nach Schimmel und Schweiß, nach Fenstern, die sich nicht öffnen ließen, nach dem Flokati-Teppich, der sicher schon seit Jahrzehnten hier einstaubte, und nach viel zu vielen Jahren, in denen zu viele Menschen hier zu viele schlechte Entscheidungen getroffen hatten. Die FBI-Agentin war nur ein weiteres Glied in einer langen Reihe, wie sie da im schwachen Licht der nackten 60-Watt-Birne stand und sich durch ein Minenfeld von Möglichkeiten quälte.

Zwing mich nicht dazu. Entscheide dich. Triff einfach eine Wahl.

Doch die Agentin zauderte. Verunsichert ließ sie die Pistole sinken, hob sie dann unschlüssig wieder an.

Caitlyn schoss ihr in die Stirn, gefolgt von zwei direkten Treffern in die Brust.

Anschließend tippte sie dem Agenten mit dem Lauf ihrer Pistole an die Schläfe. »Peng. Sie sind tot.«

»Tierney!«, brüllte der Übungsleiter von seinem Beobachtungsposten aus ihren Nachnamen. »Was zum Teufel machen Sie da?«

Denen beibringen, wie sie in der realen Welt überleben können, antwortete Caitlyn in Gedanken. Sie hatte selbst schon in Situationen gesteckt, wie sie hier in der Ausbildung durchgespielt wurden, und hatte sich zwischen den Vorschriften und ihrem Instinkt entscheiden müssen.

Vor sechs Monaten, als eine Waffe auf ihren Kopf und eine weitere auf ihren Partner gerichtet gewesen war, hatte Caitlyn ihre Pistole ausgehändigt. Hätte sie das nicht getan, wäre sie jetzt tot – und mit ihr fünfhundert unschuldige Menschen. Ihre Entscheidung damals hatte sie allerdings ganz bewusst getroffen, in dem Wissen, dass die Glock nicht ihre einzige Waffe war. Und schon gar nicht die effektivste.

Diese FBI-Anwärter mussten lernen, ebenso zu denken. Es könnte ihnen eines Tages das Leben retten.

Mike LaSovage, Leiter des Übungsszenarios und Mitglied des FBI-Geiselbefreiungsteams, kam auf Caitlyn zugestapft. Dabei hielt er sein Klemmbrett wie eine Waffe auf sie gerichtet. »Supervisory Special Agent Tierney, könnte ich Sie mal kurz sprechen?«

Caitlyn nahm den Helm ab und rieb sich an der rechten Schläfe das plattgedrückte kurze rote Haar, bis es sich von der juckenden Narbe löste. Sie schaute zu der Anwärterin hinüber, die sie soeben erschossen hatte. Die Frau hob zitternd eine Hand an den Gesichtsschutz. Als sie sie wieder sinken ließ, waren die Finger mit der neongrünen Farbe aus Caitlyns Übungspatronen beschmiert.

»Sie hätte sich entscheiden müssen«, murmelte Caitlyn, während sie sich die feuchten Handflächen an der schwarzen Cargohose abwischte. Übung hin oder her, das Szenario war ihr unter die Haut gegangen, und mit den aufsteigenden Erinnerungen war auch ihr Blutdruck in die Höhe geschossen.

»Der Sinn dieser Übung ist, mit den Auszubildenden das korrekte Vorgehen bei einer Festnahme durchzuspielen, und nicht, sie mit einer Geiselnahme zu konfrontieren.« LaSovage stand so vor ihr, dass die Truppe in seinem Rücken nichts von dem kleinen Ehekrach unter Vorgesetzten mitbekam. Das hätte sonst dem Ansehen der Behörde geschadet. Wer sich schön brav an die FBI-Bibel hielt – ein dicker Aktenordner vollgepackt mit Regeln, Vorschriften und Standardvorgehensweisen –, konnte abends guten Gewissens nach Hause gehen. Das war es, was den Kindern in diesen Übungen vermittelt werden sollte.

Denn Kinder waren sie noch allesamt, auch wenn einige von ihnen kaum jünger als Caitlyn waren. Von dem, was die reale Welt für sie bereithielt, hatten sie keinen blassen Schimmer: blitzschnell getroffene Entscheidungen, abgefeuerte Schüsse, die nie wieder rückgängig zu machen waren, und gute Menschen, die ihr Leben verloren, weil man falsch – oder gar nicht – gehandelt hatte.

»Sie haben den Zugriff doch gesehen«, erwiderte Caitlyn und schaute verstohlen zu den sichtbar niedergeschlagenen Anwärtern hinüber. In diesem Moment kam sie sich wesentlich älter vor als fünfunddreißig. Neun Jahre tat sie nun schon den Dienst mit der Waffe und war in dieser Zeit schon zwei Mal nur äußerst knapp dem Tode entgangen, hatte einen Mann im Nahkampf getötet und mitansehen müssen, wie sich ein guter Mann ihr zuliebe geopfert hatte. Sie trug Narben an Körper und Seele. Wie es sich anfühlte, in der Haut dieser jungen FBI-Anwärter zu stecken, daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. »Er ist ihr einfach nur hinterhergelaufen, ohne einen Gedanken an die Gefahr, die von mir ausging. Und er hat seine Deckung auf der Waffenseite offen gelassen. Wie hätte ich da widerstehen können? Kein echter Verdächtiger hätte das getan.«

LaSovage blickte über die Schulter zurück zu den zwei erschossenen Trainees, die die Köpfe zusammensteckten, sich gegenseitig bedauerten und hoffentlich auch über ihre Fehler nachdachten. »Der Zugriff war nachlässig. Aber abgesehen von den Videosimulationen war das deren erste praktische Übung. Das erste Real-Life-Szenario. Es war nicht nötig, die Anwärter dermaßen zu überfordern.«

»Ich wette, diese Fehler machen sie beim nächsten Mal nicht mehr.«

Er verzog das Gesicht, konnte ihr aber nicht widersprechen. »Möglicherweise. Von jetzt an gehen wir aber doch lieber vorschriftsmäßig vor, einverstanden?«

Caitlyn war noch nie besonders gut darin gewesen, sich »vorschriftsmäßig« zu verhalten. Früher war es ihr wenigstens noch gelungen, das nicht ganz so offen zu zeigen. Seit sie jedoch nach einer Notoperation am Gehirn aus ihrer längeren gesundheitsbedingten Zwangspause zurückgekehrt war, verstellte sie sich nicht länger. Deswegen hatte man sie wohl auch vorübergehend nach Quantico abgeordnet.

»Alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte LaSovage, bemüht, ihr nicht auf das nach der Operation noch nicht wieder vollständig nachgewachsene Haar zu starren. »Ist bestimmt nicht leicht, nachdem …«

»Mir geht’s gut.« Wie oft musste sie das noch betonen? Oder vorgeben, sie würde die Blicke nicht bemerken, wenn sie über die Flure der Lehranstalt lief?

Noch vor sechs Monaten hätte ihr die Vorstellung gefallen, hier dauerhaft zu unterrichten – es machte ihr Spaß, den Studenten etwas beizubringen und das Beste aus ihnen herauszuholen. Aber hier als befristete Lehrkraft festzusitzen, nur damit ihre Chefs ein Auge auf sie haben konnten und dem FBI kein weiterer Imageschaden drohte? Da kam Caitlyn ihr Büro in der Jefferson Hall mit einem Mal eng wie eine Gefängniszelle vor.

Ihr letzter Fall hatte ihr einen informellen Verweis wegen beruflichen Fehlverhaltens eingebracht, und eine offizielle, wenngleich nur widerwillig ausgesprochene Belobigung dafür, dass sie einen Korruptionsfall aufgedeckt hatte, in den die Führungsriege des FBI, der US Marshall Service und sogar das geheiligte FBI-Labor verwickelt gewesen waren.

Den hohen Tieren wäre es lieber gewesen, wenn Caitlyn ohne großes Aufhebens eine Pension akzeptiert hätte und wegen ihrer gesundheitlichen Probleme aus dem Dienst ausgeschieden wäre. Sie würde sich jedoch keinesfalls so weit einschüchtern lassen, dass sie ihren Beruf aufgab. Und da Caitlyn von mehreren peinlichen Leichen im Keller des FBI wusste, konnten ihre Chefs sie auch nicht feuern, ohne ein PR-Debakel zu riskieren.

Und so saß Caitlyn hier fest, ihre Karriere und ihr ganzes Leben hingen in der Schwebe.

»Sind Sie sicher?« LaSovage ließ nicht locker. »Wir könnten was trinken gehen, sobald wir hier fertig sind. Falls Sie reden möchten.«

Sein Blick glitt zu dem Teil ihrer Narbe, der senkrecht über ihren Brustkorb verlief und dessen oberes Ende am Rand der Schutzweste hervorschimmerte. Zwei weitere Striemen zogen sich ober- und unterhalb der linken Brust nach rechts und formten zusammen mit der restlichen Narbe den Buchstaben K. Hätte Caitlyn nicht so helle Haut gehabt, wären die rötlichen Wundmale weniger aufgefallen, so aber waren sie immer noch gut zu erkennen.

Sie hatte es aufgegeben, sich unter Rollkragenpullovern zu verstecken. Diese Narben waren ein Teil von ihr, genau wie ihre rebellische Ader, und wem das nicht passte, der hatte eben Pech gehabt.

LaSovage wirkte aufrichtig besorgt und nicht nur krankhaft neugierig wie die meisten ihrer Kollegen bislang. Er selbst hatte interessanterweise nie jemanden töten müssen, obwohl er vier Jahre im Geiselbefreiungsteam des FBI gearbeitet hatte, einer viel gerühmten Eliteeinheit, vergleichbar mit den besten SWAT-Teams der Polizei.

FBI-Agenten zogen ihre Waffe normalerweise höchst selten außerhalb des Schießstands. Das unterschied Caitlyn, die in ihrem noch recht jungen Alter schon zwei Mal nur knapp einem gewaltsamen Tod entkommen war und eigenhändig einen Mann getötet hatte, deutlich von den anderen. Sie wusste, was hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde: War sie leichtsinnig? Unfähig? Oder einfach vom Pech verfolgt?

Wenn sie doch nur eine Antwort darauf hätte. »Danke, aber ich bin heute Abend schon verplant«, vertröstete sie LaSovage. »Vielleicht ein andermal.«

Er nickte und lächelte unsicher – vermutlich überlegte er gerade, wen von ihnen beiden sie mit dieser Antwort schützen wollte. Dann wandte er sich ab, um die nächste Gruppe auf Position zu bringen.

Sie brachten die restlichen Trainingseinheiten hinter sich, dann kehrte Caitlyn in ihr Büro zurück, um den Laptop und die Autoschlüssel zu holen. Sie war überrascht, als plötzlich die junge Frau von vorhin in der Tür erschien. Die FBI-Anwärterin hatte sich umgezogen und trug jetzt eine saubere Khakihose und dazu ein blaues Polohemd.

»Was hätten Sie getan?«, platzte sie heraus, ungeachtet der strengen Benimmregeln für den Umgang zwischen Trainees und Ausbildern. »Ma’am«, ergänzte sie dann etwas spät.

»Wie heißen Sie?« Caitlyn setzte sich an ihren Schreibtisch, ließ die Frau aber weiter strammstehen. Diese Gruppe war noch neu und hatte an keinem ihrer Lehrgänge teilgenommen, sodass sie niemanden persönlich kannte. Caitlyn hatte heute lediglich die Rolle des Bösewichts übernommen, um bei der Evaluierung zu helfen.

»Garman, Ma’am. Mary Agnes Garman.«

Mary Agnes? Das klang nach dem Namen einer Nonne. Die Frau war nur ein oder zwei Jahre jünger als Caitlyn, gut in Form, aber längst nicht so durchtrainiert wie die Neuzugänge aus dem Militär oder von der Polizei. Die kurvenreiche Figur wollte so gar nicht zum züchtigen Namen passen. Obwohl, wer wusste schon, wie Nonnen unter ihrer Ordenstracht aussahen?

Caitlyn beschwor vor ihrem geistigen Auge eine Mutter Oberin herauf, die ein Garman-GPS-Gerät in der Hand hielt – eine Erinnerungstechnik, die sie nach ihrer Kopfverletzung entwickelt hatte, um sich Namen merken zu können. Dieses Geheimnis behielt sie allerdings sorgsam für sich.

»Welche Möglichkeiten hatten Sie denn in Betracht gezogen, Garman?«

Mary Agnes zögerte, aber nicht wie vorhin, weil sie unentschlossen war, sondern weil sie konzentriert darüber nachdachte. »Sie haben mir keine Möglichkeit zum Handeln gelassen.«

»Genau. Und was ist an dieser Aussage problematisch?«

Die junge Frau gab ihre angespannte Haltung auf. Caitlyn deutete mit einem Nicken auf den Stuhl ihr gegenüber, in den sich Mary Agnes sogleich fallen ließ. »Ich habe Sie die Situation beherrschen lassen. Aber …« Sie runzelte gedankenverloren die Stirn, ihr Blick glitt an Caitlyn vorbei zum Fenster, vor dem sich ein dunkler Januarabend hinabsenkte. »Aber mir blieb doch nichts anderes übrig.«

»Tunnelblick. Durch die Aufregung nehmen Sie nur noch das wahr, was sich genau vor Ihnen befindet, die direkte Bedrohung. Und der Verstand reagiert genauso eingeschränkt. Es gibt jedoch immer eine Alternative. Vergessen Sie das niemals.«

»Ich hätte die Waffe sinken lassen können, aber laut Vorschrift …«

»Halten sich die Gegner an Vorschriften?«

»Nein, aber …«

»Hier drinnen«, Caitlyn wies auf die sie umgebenden Wände, »müssen Sie die Vorschriften kennen und sich an die Regeln halten. Und daran ist auch nichts verkehrt. In neun von zehn Fällen werden diese Regeln Ihnen den Arsch retten.«

»Und beim zehnten Mal?«

»Da müssen Sie umdenken. Heute haben Sie das nicht getan. Stattdessen haben Sie gezögert, waren zu keiner Entscheidung fähig.«

»Ich war wie erstarrt. Das hat meinen Partner das Leben gekostet.« Caitlyn hörte aufrichtige Reue und Angst aus Mary Agnes’ Stimme heraus. Gut. Besser, sie ging jetzt durch diese harte Schule, bevor sie sich einer Waffe gegenübersah, die mit Tödlicherem als einer Farbpatrone geladen war.

»Nächstes Mal wird Ihnen das nicht mehr passieren.«

»Was hätten Sie getan?«

»Sie hatten immer noch die Kontrolle über den Ausgang.«

»Der war zu weit entfernt.«

Caitlyn schüttelte den Kopf. »Nein. Er lag nur drei Schritte rechts neben Ihnen. Adrenalin. Es verzerrt die Wahrnehmung. Das Gute daran ist, dass es Ihrem Gegner genauso geht, wir sind alle denselben Einschränkungen unterworfen.«

»Ich könnte meinen Partner niemals zurücklassen.« Bei ihr klang das wie ein Sakrileg, was Caitlyns Bild der Mutter Oberin neue Nahrung gab. Als käme das, was Caitlyn vorschlug, dem Verrat an einem Familienmitglied gleich. In gewissem Sinne war es auch so. Es sei denn, man war bereit, sich aus dem Korsett des blinden Befehlsgehorsams zu befreien.

»Doch. Das könnten Sie. Drei Schritte und Sie wären in Deckung gewesen, in der Lage, zu beobachten, zu verhandeln, Verstärkung zu rufen oder zu schießen, sollte der Geiselnehmer etwas unternehmen.«

»Etwas unternehmen. Also meinen Partner umbringen.«

Caitlyn stand auf. Streckte beide Arme seitlich aus. »Schauen Sie mich an, Garman. Ich bin ganze einen Meter siebenundsechzig groß, stemme fünfundsechzig Kilo, an guten Tagen vielleicht fünfundsiebzig. Was würde mir ein über einsachtzig großer, hundert Kilo schwerer toter Mann bringen?«

»Sie hätten ihn also nicht erschossen?«

»Nicht, solange er mir noch nützlich war. Und das hätte sich nur dann geändert, wenn …« Sie zog eine Augenbraue hoch und wartete darauf, dass es bei Mary Agnes klick machte.

Es dauerte eine Weile, bis der Groschen fiel und sich die Stirn der jungen FBI-Anwärterin glättete. »Ich habe Ihren Fluchtweg blockiert. Wenn ich tot gewesen wäre, hätten Sie aus der Tür rennen können. Indem ich dort stand, habe ich Ihnen mehr Grund dazu gegeben, uns beide umzubringen.«

»Genau. Sie haben nur daran gedacht, was Sie wollten, hätten sich aber darauf konzentrieren sollen, was der Geiselnehmer will. Wenn Sie alle Möglichkeiten wahrnehmen, können Sie eher das Ruder an sich reißen.«

Mary Agnes atmete tief durch und nickte zustimmend. Ihre Niedergeschlagenheit schien wie weggeblasen. »Vielen Dank, Supervisory Special Agent Tierney. Sie haben mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben.«

Caitlyn lächelte; genau deswegen unterrichtete sie so gerne. »Kein Problem, Garman. Einen schönen Abend noch.«

Mary Agnes machte sich auf den Weg zurück zum Wohnheim, Caitlyn hingegen nahm die Treppe nach unten in den Empfangsbereich, winkte dem Wachmann zu und sprintete mit offen flatterndem Mantel zu ihrem Subaru Impreza WRX, der vor Jefferson Hall parkte. Eine dünne Eisschicht hatte sich über die Windschutzscheibe gelegt, aber sie wollte keine Zeit damit verlieren, sie abzukratzen. Immerhin waren es fast sechzig Kilometer von hier bis zu Pauls Wohnung in DC.

Sie vermied die Interstate 95 und nahm stattdessen den Weg über kleine Landstraßen, um dem stets zähflüssigen Verkehr auf der Schnellstraße zu entgehen. Normalerweise genoss sie die einstündige Autofahrt, es war eine willkommene Atempause.

Paul war mit seiner aufgeschlossenen Art das exakte Gegenteil von ihr und sagte oft im Scherz, dass Caitlyn ohne ihn wie eine Einsiedlerin leben würde. Sie würde ihm nie verraten, wie nahe das der Wahrheit kam. Bislang hatte er noch nicht bei ihr in Manassas übernachtet, und sie ließ ihn gerne in dem Glauben, es läge daran, dass er als Arzt berufsbedingt stets in der Nähe des Universitätskrankenhauses bleiben musste.

Tatsächlich lud sie nie jemanden zu sich nach Hause ein. Es war so viel einfacher zu ihm zu fahren, seine Gesellschaft zu genießen und zu gehen, wann es ihr passte. Ihr gefiel diese Freiheit, sie brauchte diese Kontrollmöglichkeit – wieder etwas, wegen dessen Paul sie öfter aufzog.

Nur sagte er diese Sachen in letzter Zeit weniger im Scherz. Er hatte ihr Platz in seinem Schrank freigeräumt. Sprach davon, wie viel ihrer gemeinsamen Zeit die Fahrerei auffraß.

Er war bereit, sich auf sie einzulassen, mit ihr zusammenzuziehen, und das erschreckte sie fast zu Tode. Caitlyn war kein Beziehungsmensch, noch nie gewesen. Ihre Affären endeten stets mit viel Gebrüll, Kränkungen und einem erleichterten Seufzen, weil sie wieder einmal gerade noch so davongekommen war.

Paul erhob niemals die Stimme. Er war kein Alphatier wie ihre bisherigen Liebhaber, war nie gekränkt, sondern zärtlich und fürsorglich.

Umsorgt zu werden war eine ganz neue, befremdliche Erfahrung für Caitlyn. Wenn Paul sie in den Arm nahm, sie wieder aufbaute, ihre Bedürfnisse vor seine stellte – das war herrlich und sexy und sie bekam einfach nicht genug davon. Noch etwas, das ihr Angst machte. Seit sie mit neun Jahren ihren Vater verloren hatte, war Caitlyn mit einer Regel durchs Leben gegangen, die sie und ihr Herz schützen sollte: Vertraue niemandem.

Paul hatte sich irgendwie durch den Stacheldraht gequetscht, der diese Regel umgab, und jetzt wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. Einerseits wollte sie das Leben annehmen, das er ihr bot – eine normale, feste Beziehung voller Vertrauen.

Das Kind in ihr schrie jedoch, Lauf, lauf, ehe es zu spät ist.

Sie hatte jede Sekunde der letzten sechs Monate genossen, die sie miteinander verbracht hatten. Paul hatte sie daran erinnert, dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand. Genau das Richtige, nachdem sie nur knapp dem Tod entronnen war – ein klein wenig von dem, was alle anderen zu haben schienen; jemanden, der auf einen wartete, wenn man nach Hause kam, eine Verbindung zur Welt außerhalb des FBI.

Doch obwohl Paul ihr mehr gegeben hatte als jeder andere Mann zuvor, brachte sie ihm nicht die Gefühle entgegen, die er verdient hätte. Das war beunruhigend. Was stimmte nicht mit ihr, dass eine normale Beziehung mit einem wundervollen Mann ihr größere Angst einflößte, als einem bewaffneten Schwerverbrecher gegenüberzustehen? Als vor sechs Monaten ein Hirnaneurysma bei Caitlyn entdeckt worden war, hatte Paul ihr das Leben gerettet. Wenn nicht ihm, wem würde sie sonst je in ihrem Leben vertrauen können?

Vor der Einfahrt zur Tiefgarage seines Wohngebäudes zögerte Caitlyn. Sie konnte anrufen, sich damit herausreden, dass eine Trainingseinheit länger gedauert habe, und nach Manassas in die friedliche Stille ihrer Wohnung zurückfahren. Er würde nie dahinterkommen, dass sie ihn angelogen hatte – denn darin war sie ziemlich gut. Ihr Brustkorb zog sich zusammen, der Mund war plötzlich staubtrocken. Sie wollte nicht lügen. Und schon gar nicht wollte sie Paul belügen

Dennoch fürchtete sie sich plötzlich. Fürchtete sich vor der Entscheidung, die sie treffen würde, sollte er sie vor die Wahl stellen. Sie wollte ihn nicht verlieren, war noch nicht wieder bereit, zu ihrem Einsiedlerdasein zurückzukehren.

Kein Ring, bitte kein Ring, schoss es ihr durch den Kopf, während sie aus dem Wagen stieg und auf den Fahrstuhl wartete. Als ihr Handy schellte, ergriff sie hastig den rettenden Strohhalm. »Tierney.«

»Entschuldigen Sie die Störung, Supervisory Special Agent, hier ist das Washington Field Office. Ich habe einen dringenden Anruf für Sie, vom Pfarrer im Butner-Bundesgefängnis. Soll ich durchstellen?«

Sie stieg in den Fahrstuhl, der gerade gekommen war, drückte auf den Knopf von Pauls Stockwerk. Wen zum Teufel hatte sie ins Bundesgefängnis von Butner gebracht? Vielleicht hatte einer der Verurteilten aus ihrer Bostoner Zeit sich entschlossen auszupacken und war deshalb in diese Einrichtung dort im Norden North Carolinas verlegt worden? Immerhin saßen Bernie Madoff und Jonathan Pollard dort ihre Strafe ab, so, wie ein paar vereinzelte Mafiosi, die als Belastungszeugen ausgesagt hatten.

Wie immer siegte ihre Neugier. Ganz zu schweigen von der willkommenen Gelegenheit, das Treffen mit Paul hinauszuzögern. Sie verspürte eine merkwürdige Mischung aus Schuldbewusstsein und Erleichterung. Warum mussten Beziehungen bloß immer so verflucht verwirrend sein? Die Jagd auf Schwerverbrecher war ihr lieber. »Sicher, stellen Sie ihn durch.«

»Caitlyn Tierney?« Die Stimme des Mannes kam ihr nicht bekannt vor. »Hier spricht Pfarrer Vince Whitford, ich bin einer der Seelsorger im Butner.«

Sie trat aus dem Fahrstuhl und blieb vor Pauls Tür stehen. »Hallo. Weshalb rufen Sie an, Herr Pfarrer?«

Er räusperte sich, wollte offenbar etwas sagen, das ihm unangenehm war. »Ich betreue einen Gefangenen hier im Butner, in der Abteilung mit mittlerer Sicherheitsstufe. Vor einigen Tagen hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Eli Hale.«

Hale, sie hatte nie jemanden mit diesem Nachnamen festge… ach, verdammt. Sie kannte den Namen. Hatte ihn bloß seit sechsundzwanzig Jahren nicht mehr gehört. Vor ihrem geistigen Auge formte sich der Umriss eines Mannes, größer und breiter gebaut als ihr eigener Vater, so dunkel, wie Sean Tierney blass gewesen war. Sie hörte die tiefe Stimme, das heisere Lachen, mit dem er seiner Tochter und Caitlyn hinterherjagte, wenn sie zusammen Monster und Prinzessin spielten, was jedes Mal damit endete, dass Caitlyn und Vonnie kichernd unter Elis kräftigen Armen klemmten, und er sie umherwirbelte, bis ihnen ganz schwindelig vor Glück wurde.

»Eli Hale?« Mit einem Schlag kehrten ihre Kindheitserinnerungen zurück.

Vonnie, ihre allerbeste Freundin – bis sie auseinandergerissen wurden, weil Caitlyns Vater gezwungen war, seinen besten Freund, Eli Hale, zu verhaften. Wegen Mordes. »Geht es ihm gut?«

»Inzwischen wieder einigermaßen. Die Ärzte werden ihn morgen aus der Krankenstation entlassen, aber ich habe ihn überzeugen können, einem Treffen mit Ihnen zuzustimmen. Ich glaube, Sie sind der einzige Mensch, der ihm helfen kann.«

Die aufsteigende Wut und Verwirrung verdrängten die Erinnerungen. Bis auf die eine, die nie vergehen wollte: ihr Vater, wie er tot dalag, eigenhändig erschossen. Weil er es nicht ertragen hatte, seinen besten Freund des Mordes überführt zu sehen.

Sie schluckte die bittere Galle hinunter. »Da liegen Sie falsch. Mir will absolut keinen Grund einfallen, weswegen ich mich mit Eli Hale unterhalten sollte. Oder umgekehrt.«

»Bitte, Agent Tierney. Legen Sie nicht auf. Es geht um das Leben einer jungen Frau.«

Caitlyns Finger umklammerten das Handy, sie näherten sich dem Knopf mit dem roten Hörersymbol, der das Gespräch beenden würde, doch noch drückte sie ihn nicht. Nur zu gerne hätte sie aufgelegt, wollte nicht länger diesen schmerzlichen Erinnerungen nachgehen. Aber … »Was für ein Mädchen?«

»Elis Jüngste, Lena.«

2

Lena. Caitlyn hatte sie seit sechsundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen, damals hatte die Kleine gerade erst laufen gelernt. Vonnie hatte ihre kleine Schwester über alles geliebt und war überglücklich, sie zu bemuttern und mit ihr zu spielen. Zu Lenas erstem Weihnachtsfest hatten Caitlyn und Vonnie das Baby in Windeln gewickelt und unter den Beifallsstürmen der stolzen Eltern abwechselnd die heilige Jungfrau Maria und den Engel der Verkündigung gegeben. Belohnt wurde ihr Auftritt mit großen Stücken von Mrs Hales Nusskuchen.

Als Einzelkind fand Caitlyn in Lena ein Geschwisterchen, ohne dafür an Aufmerksamkeit ihrer Eltern einbüßen zu müssen. Caitlyns Mutter hätte ohnehin keine Zeit für ein weiteres Kind gehabt. Jessalyn Tierney hatte zwei Jobs: drei Tage die Woche arbeitete sie in der Buchhaltungsabteilung der Baufirma ihres Bruders und drei weitere als Empfangsdame im Büro eines Immobilienmaklers in Bryson City, wo sie nebenher für ihre Maklerlizenz paukte. Sie wünschte sich für ihre Familie ein besseres Leben als das in dem zugigen alten Bauernhaus in den Bergen von North Carolina, mitten im Nirgendwo.

Auch heute, Jahrzehnte später, strebte Jessalyn unentwegt nach etwas Besserem; und war gleichermaßen enttäuscht von dem Lebensweg, den Caitlyn, ihr einziges Kind, für sich gewählt hatte. Eine weitere Enttäuschung in einer langen Reihe von Enttäuschungen. Manchmal hatte Caitlyn das Gefühl, ihre Mutter zweifelte daran, dass all die Opfer, die sie für ihre Tochter gebracht hatte, es überhaupt wert gewesen waren.

Nicht, dass sie jemals mit ihrer Mutter hätte darüber reden können.

Caitlyns Vater hatte ebenfalls sechs Tage die Woche gearbeitet. Vier Zwölfstundenschichten für den Sheriff, aus denen gewöhnlich Vierzehn- oder Sechzehnstundenschichten wurden, und dann noch zwei Tage, an denen er Mr Hale auf dem Bau aushalf. Ab und an kamen Vonnie und Caitlyn mit zu den Baustellen, spielten die Handlanger und schlugen unter den achtsamen Blicken von Caitlyns Vater sogar den einen oder anderen Nagel ein. Nach getaner Arbeit gingen ihre Väter mit ihnen auf dem Oconaluftee angeln, sie unternahmen Bergwanderungen oder saßen einfach auf Hales Veranda zusammen. Dann unterhielten sich die Männer über Sport und tranken Bier, die Mädchen ließen die Beine über den Rand baumeln und Mrs Hale servierte ihnen Obstkuchen, Kekse oder roten Samtkuchen, ehe sie sich in den Schoß ihres Ehemannes kuschelte.

Caitlyns Mutter tat das nie. Sagte immer, es würde ihr Kleid zerknittern, oder die Hose, oder die Bluse. Backen kam für Jessalyn ebenfalls nicht infrage. Keine Zeit. Stattdessen arbeitete sie rund um die Uhr und sparte auf ein schöneres Haus. Was Caitlyn schon damals nicht in den Sinn wollte. Wofür benötigten sie mehr Geld? Sie hatten doch eine Menge davon, so kam es ihr jedenfalls vor. Und sie liebte ihr Zuhause, alt und baufällig, genauso wie es war.

Auch ihrem Vater leuchtete das nicht ein, schließlich war er derjenige gewesen, der seine Familie in Pennsylvania zurückgelassen hatte, um nach North Carolina in die Heimatstadt von Caitlyns Mutter zu ziehen, nachdem er sich in sie verliebt hatte. Ehe er Jessalyn McSwain begegnet war, hatte er einen genauen Lebensplan gehabt, hatte Marine werden, studieren und dann fürs FBI arbeiten wollen. Aber, wie er immer lächelnd gesagt hatte, wenn er zum Ende der Geschichte kam, die Liebe habe andere Pläne mit ihm gehabt.

»Lena«, murmelte Caitlyn in Erinnerung versunken mit leicht erstickter Stimme in den Hörer. Die kleine süße Lena. Doch klein war sie jetzt nicht mehr. »Was ist passiert?«

»Sie ist verschwunden.«

Die FBI-Agentin in ihr schob dem sentimentalen Anflug einen Riegel vor. »Da sind Sie bei mir falsch. Sie müssen eine Vermisstenanzeige aufgeben. Warum sprechen Sie nicht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester? Die beiden können besser als ich die entsprechenden Maßnahmen einleiten. So etwas fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Bundesagentur.«

Er räusperte sich wieder. Um Zeit zu schinden. »Es tut mir leid. Lenas Mutter und ihre Schwester sind beide tot. Vor fast vier Jahren bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Der Fahrer des anderen Wagens war betrunken.«

Sie sank an der Wand nach unten, starrte auf Pauls Haustür, auf das polierte Messingschild mit der Nummer des Apartments, in dem sich die Lichter der Jugendstilleuchten fingen. Wie gerne wäre sie jetzt dort in der Wohnung, in seinem Arm, und nicht diesem unerwarteten Schmerz ausgesetzt. Caitlyn hatte seit sechsundzwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu Vonnie und ihrer Mutter gehabt. Kein Wunder, dass niemand sie informiert hatte. Doch diese nüchterne Erkenntnis war keine Hilfe. Mühsam unterdrückte Caitlyn ihre Tränen.

»Lena müsste jetzt wie alt sein, etwa siebenundzwanzig?«

»Im nächsten Monat.« Richtig, sie war am Valentinstag geboren. Caitlyn fiel wieder ein, wie Mrs Hale beinahe daheim festgesessen hätte, als die Wehen einsetzten, weil ein schrecklicher Schneesturm gewütet hatte. Caitlyn und Vonnie hatten Wasser aufgekocht und Handtücher zusammengesucht, bis Caitlyns Vater endlich mit dem Geländewagen des Sheriffs zu ihnen durchgekommen war und sie gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht hatte. »Sie macht diesen Sommer ihren Abschluss an der juristischen Fakultät«, fügte Whitford hinzu.

»Lena wird Anwältin?«

»Sie hielt das für den besten Weg, um ihren Vater zu rehabilitieren. Sie hat nie an seiner Unschuld gezweifelt – genau wie ihre ältere Schwester und ihre Mutter. Obwohl er seine Schuld nie abgestritten hat. Im Gegensatz zu den anderen beiden, die sich in ihr Schicksal ergeben hatten, blieb Lena, nun ja, hartnäckig. Sie war fest entschlossen, ihren Vater aus dem Gefängnis zu holen.«

Caitlyn spürte, wie Zorn in ihr aufwallte. Eli Hale war schuldig. Das wusste jeder. Wie konnte er zulassen, dass seine Tochter deswegen ihr Leben verschwendete?

»War? Wieso war? Konnte sie die Wahrheit schließlich doch nicht ertragen und hat sich aus dem Staub gemacht?«

»Als ihr Vater darauf bestand, dass sie seinen Fall ruhen lassen sollte, hatten sie einen ziemlich heftigen Streit. Seitdem hat sie ihn weder besucht noch angerufen, was höchst ungewöhnlich ist. Aber ich glaube nicht, dass sie so einfach aufgegeben hat. Und wenn ich ehrlich sein soll, ich für meinen Teil bin nicht sicher, ob Eli es verdient hat, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen.« Dieser letzte Satz klang fast ein wenig trotzig.

»Hale hat gestanden. Und Bewährung ist im Bundesrecht nicht vorgesehen. So läuft das nun mal.« Die Sätze waren ihr herausgerutscht, ehe sich die verworrenen Gefühle in ihrem Innern darin hätten verfangen konnten. Gefühle, die sie ein Vierteljahrhundert lang verdrängt hatte. Ihr Vater war tot, weil Hale durch seine Tat ihre Freundschaft verraten hatte. Hale selbst hatte das nie abgestritten. Er hatte vor Gericht den Mord an einem Mann zugegeben, und dass er seine Beziehungen zum Deputy Sheriff ausgenutzt hatte, um die Tat zu verschleiern, was das Ansehen ihres Vaters noch weiter besudelt hatte. »Er verdient es, hinter Gittern zu sitzen.«

Als sie gerade auflegen wollte, erklang am anderen Ende der Leitung schon wieder diese nervtötende Räuspern. »Nach seinem Selbstmordversuch, als Eli noch ganz benommen war, hat er etwas gesagt, das er heute abstreitet – ich habe es jedoch ganz deutlich gehört.« Whitford sprach schnell, als sei ihm bewusst, dass dies seine letzte Chance war. »Er sagte: Sean hatte recht. Das einzige Schweigen, das sie akzeptieren werden, ist der Tod. Sean, das ist doch Ihr Vater?«

»Mein Vater ist tot.« Ihr wurde schwindelig, sie suchte Halt an der Wand, wollte zu Boden sinken, die Erinnerungen und alle damit verbundenen Gefühlen drohten sie zu überwältigen. Dad hatte nicht geahnt, dass Caitlyn an jenem Tag zu Hause war. Sie hatte die Schule geschwänzt, weil Mom bei der Arbeit und er ausnahmsweise mal einen Tag zu Hause gewesen war. Es war ein herrlicher Frühjahrsnachmittag gewesen, zu schön, um ihn in dem stickigen alten Schulgebäude zu verschwenden, und die Forellen warteten nur darauf, dass sie sich ihre Angeln schnappten und sich auf den Weg den Berg hinunter zum Fluss machten. Das war ihr einziger Trost. Er hatte es nicht geahnt, nicht damit gerechnet, dass sie ihn finden würde.

Pauls Tür ging auf. Sein Umriss zeichnete sich vor dem hellen Licht in der Wohnung ab. Ein großer schwarzer Mann, so wie Eli Hale. Einen kurzen Moment lang schienen sich Vergangenheit und Gegenwart zu überschneiden. Er trat einen Schritt vor und machte diese Illusion zunichte. Denn Paul war dünner als Eli, er hatte den schlanken Körper eines Langstreckenläufers. In seinen braunen Augen sah sie, dass er besorgt war, die eine Hand hielt ein Küchentuch umklammert, die andere streckte er nach ihr aus. »Ich dachte, ich hätte Stimmen gehört. Ist alles in Ordnung?«

Sie nickte, nahm das Telefon in die andere Hand, als würde das gegen die feuchten Handflächen helfen, drehte sich weg und hielt ihr Handy dicht ans Ohr, damit Paul nichts mithören konnte. Sie musste dieses Gespräch beenden. Die Geister der Vergangenheit ein für alle Mal ruhen lassen.

»Ich weiß, Ihr Vater hat sich – ist tot. Ich kann nachvollziehen, wie schmerzhaft das für Sie sein muss«, sagte Whitford. »Trotzdem, Eli spricht bei jedem unserer Treffen von ihm, unfähig loszulassen, wie um sich zu kasteien.«

»Gut«, sagte sie kalt. »Aber das hat nichts mit mir zu tun. Wenn er sich wirklich um seine Tochter sorgt, dann sollten Sie auflegen und die Polizei anrufen.«

»Das wird Eli nicht zulassen. Er meint, sobald die Polizei ins Spiel kommt, würden die sie umbringen.«

Wahnvorstellungen eines Mannes, der den größten Teil seines Lebens als erwachsener Mensch im Gefängnis verbracht hatte.

Paul stand vor ihr und beobachtete sie, die Sorge in seinem Gesicht wich leichter Verärgerung, weil sie nicht zu ihm in die Wohnung kommen wollte. Sie wusste selbst nicht genau wieso, nur dass sie diesen Teil ihres Lebens von ihm fernhalten musste. Das, was sie heute hatte, durfte nicht von dem verdorben werden, was sie vor so langer Zeit verloren hatte.

»Wer sind die?« Caitlyn bereute sofort, dass sie gefragt hatte. Doch ihre Neugier hatte mal wieder die Oberhand gewonnen.

»Das wollte er nicht verraten. Aber so, wie er sich ausgedrückt hat …« Er hielt inne. »Agent Tierney, ich bin seit dreizehn Jahren Gefängnispfarrer. Mir jagt nichts so leicht einen Schrecken ein, und ich erkenne eine Lüge, wenn ich sie höre. Was ich da bei Eli gespürt habe, war nackte Angst. Lena schwebt in Lebensgefahr, wenn wir ihr nicht helfen. Der Gefängnisdirektor hat einem Treffen zwischen Ihnen und Eli zugestimmt, morgen, um elf Uhr. Bitte kommen Sie. Sprechen Sie mit ihm. Ich denke, Sie sind Lenas einzige Hoffnung. Elis einzige Hoffnung.«

Diese letzten Worte überzeugten sie endgültig davon, dass er sich in etwas verrannt hatte. Lena hin oder her – und es gab genug Frauen in den Zwanzigern, die das Weite suchten, ohne ihren Vater in ihre Pläne einzuweihen, selbst wenn der nicht in einem Staatsgefängnis einsaß. Was den Pfarrer in Wahrheit antrieb, war die Seelenrettung eines verirrten Schäfchens, eines verurteilten Mörders.

Als Nächstes würde er sie noch bitten, Hale zu vergeben.

Paul kam über den Flur auf Caitlyn zu, nahm sie an der freien Hand, und sie ließ sich von ihm die sechs Schritte bis in seine Wohnung führen. Seine Hand war fest und brachte sie in die Wirklichkeit zurück, weg von den Erinnerungen, die ihr den Verstand vernebelt hatten. Jazz drang aus der Stereoanlage; der Tisch war gedeckt, Wein eingeschenkt, Kerzen brannten, ein liebevoller Partner wartete auf sie.

»Das liegt nicht in meiner Macht. Ich kann Ihnen nicht helfen.« Sie tat, was sie bereits vor zehn Minuten hätte tun sollen. Sie beendete das Gespräch und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Mann zu, der vor ihr stand, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Tut mir leid, Paul. Die Arbeit.«

»Etwas Wichtiges?«

Sie atmete tief ein und lächelte noch breiter. »Nein. Ein alter Fall, der nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fällt. Hat nichts mit mir persönlich zu tun.«

Er schluckte die Lüge, nahm ihr die Tasche ab und schloss sie in die Arme, um sie richtig begrüßen zu können. Caitlyn schmiegte sich fester an ihn, als sie vorgehabt hatte. Sie sog seinen Duft ein: ein verführerisches Gemisch aus Sandelholz und Kochgewürzen. Wie gut das tat. Er war das Beste, das ihr je passiert war.

Dieser Gedanke führte sie wieder zu Lena. Welche Ironie, dass Eli Hales Tochter ein Leben lang versucht hatte, die Unschuld eines geständigen Mörders zu beweisen, während Caitlyn ihr Leben der Jagd auf Mörder wie Eli Hale gewidmet hatte und damit posthum die Anerkennung ihres Vaters gewinnen wollte. Sie beide führten einen aussichtslosen Kampf.

Vielleicht hatte Jessalyn doch recht und Caitlyn würde niemals ihr Glück finden, ehe sie nicht bereit war, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Möglicherweise rief Paul deswegen so viele Ängste in ihr hervor. Er bot ihr eine Zukunft, von der sie nicht wusste, ob sie sie verdient hatte.

3

Um sie herum waren nur fensterlose Wände. Eine Vorratskammer vielleicht oder ein begehbarer Kleiderschrank, aus dem die Regalbretter und Kleiderstangen entfernt worden waren. Der schäbige Teppich war so alt, dass er sich an den Enden bereits aufrollte. Es roch nach Schweiß und Schmalz. Unerreichbar weit über ihr hing eine nackte Birne von der Decke, deren Glühfaden schnarrte wie Moskitos in einer warmen Sommernacht; eine Schnur zum Ein- und Ausschalten baumelte herab. Allerdings schaltete sie das Licht immer nur dann ein, wenn die Dunkelheit sie zu überwältigen drohte, da sie nicht riskieren wollte, dass die Lampe den Geist aufgab.

Es gab keine Steckdose, die sie mit einer Haarklammer und einem Kaugummi in ein Leuchtsignal wie das von Batman verwandeln hätte können. Wenn sie denn überhaupt Kaugummi oder eine Haarklammer dabeigehabt hätte. Keine Fußleisten, die sie abziehen und als Waffe einsetzen könnte. Unter dem Teppich war der Boden mit Sperrholz ausgelegt, die Bretter festgetackert. In ihrer Verzweiflung hatte sie schon daran herumgezerrt. Vergeblich.

Möbel gab es ebenfalls nicht, es sei denn, man zählte die kleine chemische Toilette in der hinteren Ecke dazu. Gerade genug Platz für sie, sich hinzulegen, wenn sie den Schlafsack schräg ausbreitete. Aber sie hatten ihr einen Vorrat an Wasserflaschen sowie an hochkalorischen Proteinshakes dagelassen. Außerdem Cracker und Erdnussbutter – genug für eine Woche, wenn sie sich alles einteilte – und dieser Raum, wo immer er sich befinden mochte, was immer er einmal gewesen sein mochte, ehe er zu ihrem Gefängnis wurde, war warm genug, solange sie ihren Mantel anbehielt.

Ihre Gesichter hatte sie nicht wirklich erkennen können. Das ließ sie hoffen.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie bereits hier drin war. Angerührt hatten sie ihre Entführer nicht, nur durchsucht, während sie bewusstlos gewesen war. Dabei hatten sie ihr alles abgenommen, das als Waffe infrage kam, auch ihre Armbanduhr, die sie schmerzlich vermisste, sodass die Leere nun nur von Verzweiflungsanfällen und kurzem Aufschrecken durchbrochen wurde.

Die Schuhe hatten sie ihr auch abgenommen. Aus irgendeinem Grund konnte sie nicht aufhören, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Teuer waren sie nicht gewesen, nur ein paar Billigstiefeletten von Walmart, die sie zur langen Hose gewählt hatte, um bei ihrem Gespräch mit Mr Bearmeat im Büro des Archivs einen guten Eindruck zu machen, Die billigen weißen Socken an ihren Füßen, die nicht zu ihrer dunkelblauen Hose passten, machten alles irgendwie noch realer. Die Furcht war so groß, sie hatte Angst den Verstand zu verlieren.

Bis einer von ihnen, der Dürre, an dem ihr nur seine seltsamen blauen Augen mit silbernen Sprenkeln aufgefallen waren, sich alleine zurückgeschlichen und ihr die Kette mit dem winzigen goldenen Kreuz zurückgegeben hatte. Anscheinend hatte er erkannt, wie viel sie ihr bedeutete. Jetzt hielt sie es fest umklammert, ein kleiner Trost in der Dunkelheit.

Niemand hatte sie etwas gefragt – zum Glück, denn sie hätte ohnehin nichts zu sagen gehabt. Die ein oder andere Ahnung vielleicht, welche sich seit ihrer Entführung zu ausgewachsenen Verschwörungstheorien entwickelt hatten, aber keinerlei Beweis, nichts, womit sie um ihr Leben feilschen könnte.

Warum hatten die Männer sie am Leben gelassen? Wie sehr sie auch betete und versuchte, sich Gottes Plan zu fügen, diese Frage nagte stets an ihr. Wäre es nicht sicherer gewesen, sie umzubringen, sie ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen?

Es sei denn, sie diente als Druckmittel bei Verhandlungen. Und das könnte nur einen Menschen betreffen: ihren Vater.

»Das hilft euch gar nichts«, schrie sie. Ich bin ihm vollkommen egal!«

Keine Reaktion. Es war überhaupt nichts zu hören, bis auf ihr eigenes abgehacktes Atemgeräusch. Die Stille fachte ihre Wut nur noch weiter an. Lieber hörte sie ihre eigene Stimme, als auf Geräusche zu lauschen, die sie nicht hören wollte: Schritte, eine Pistole, die durchgeladen wurde, das nervöse Gelächter von Männern, die sich entschlossen hatten, noch etwas Spaß zu haben, bevor sie sich ihrer Leiche entledigten.

»Was wollen Sie von mir?« Sie kauerte sich in eine Ecke, zog die Knie zur Brust und betete. Dann hielt sie inne und lauschte angestrengt. Eine Diele knarrte unter dem Gewicht eines Mannes. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie hielt den Atem an. Bitte nicht. Herr, bitte hilf mir.

Wieder knarzte es. Sie war ein gläubiger Mensch; das war alles, was ihr geblieben war. Aber zum ersten Mal in sechsundzwanzig Jahren fragte sich Lena Hale, ob Gott ihr überhaupt Gehör schenkte. Vielleicht war Er ein selbstsüchtiger Scheißkerl, dem seine Kinder egal waren, genau wie Eli.

Vielleicht würde Er sie im Stich lassen, genau wie Eli, und sie hier allein dem Tod überlassen.

4

Das Abendessen bestand aus Rinderschmorbraten, Auberginen und Tomaten, dazu Kerzenschein, ein guter Merlot und leicht gezwungenes Geplauder.

Paul und Caitlyn hatten sich darauf geeinigt, dass er ihr nichts über seine Patienten und sie ihm nichts von ihrem jeweiligen Fall erzählte. Doch heute schien das nicht zu gelten. Sie spürte, dass ihm Fragen auf der Zunge brannten und er auf eine Erklärung wartete, weshalb ihre »Arbeit« sie derart aus der Fassung brachte.

Was sollte sie ihm sagen? Dass es sich nicht um einen Fall handelte, sondern mit ihrem Vater zu tun hatte, der seit sechsundzwanzig Jahren tot war? Tot, wegen des Mannes, den Caitlyn wie einen zweiten Vater geliebt hatte, damals, als sie noch jung und dumm genug gewesen war, ihr Herz nicht zu schützen?

Oder ihm von dem Mädchen erzählen? Der kleinen Lena. Verschwunden. Die vielleicht aber auch einfach nur ihrem Vater aus dem Weg ging. Wer wusste das schon? Wenn Whitford richtiglag, schwebte Lena in Gefahr, aber das waren pure Vermutungen. Nachdem sie die Küche aufgeräumt hatte, machte Caitlyn mithilfe ihres Handys zwei Telefonnummern von Lena ausfindig, eine Handynummer und einen Festanschluss in Durham. Sie konnte jedoch unter keiner der beiden Nummern jemanden erreichen. Das musste nichts heißen. Jurastudenten durften sich schließlich mal einen Abend freinehmen, ohne an ihr Telefon zu gehen. Außerdem fiel das alles gar nicht in Caitlyns Zuständigkeitsbereich; sie konnte nicht alles stehen und liegen lassen, so lief die echte Ermittlungsarbeit nicht.

Das war auch ein Grund, warum sie Paul den Anruf von Whitford nicht erklären konnte. Er würde das niemals verstehen. So, wie Whitford es nicht verstanden hatte. Die Menschen hörten nur FBI und gingen davon aus, Caitlyn besäße damit die Schlüssel zu einer Art Zauberreich, in dem irgendwelche Superrechner ein Gesicht in der Menge eines Footballstadiums ausfindig machen oder innerhalb von zehn Sekunden durch einen verschwommenen Fingerabdruck jedweden US-Bürger ausfindig machen konnten. Verfluchtes CSI.

»Was ist los?«, fragte er, als sie später nebeneinander im Bett lagen. Auf die bemühte Unterhaltung beim Essen war bemühter Sex gefolgt, was allein Caitlyns Schuld war. Wenn sie Sorgen hatte, versuchte sie sich häufig durch Sex abzulenken. Heute Abend war das allerdings wenig förderlich gewesen.

»Die Arbeit.« Eine weitere Lüge. Nun, eigentlich eine Wiederholung derselben Lüge, um genau zu sein.

»Ich dachte, du wärst froh darüber, dass sie dir noch keine neue Aufgabe zugewiesen haben.« Er schlang die Arme um Caitlyn, und als er sie an sich zog, glitten seine Finger über die K-förmige Narbe auf ihrer Brust. Ein kleines Andenken an den Psychopathen, mit dem sie vor sechs Monaten aneinandergeraten war. Die Berührung war unangenehm. Sie verlagerte das Gewicht, bis seine Hand stattdessen auf ihrem Busen ruhte. Viel besser. Sie entspannte sich ein wenig in seinem Arm und überlegte bereits, ob es nicht vielleicht an der Zeit für weitere sexuelle Ablenkungsmanöver wäre, als er »Wer weiß, wohin sie dich schicken« seufzte. Schon war die Stimmung dahin.

Sie setzte seinem schwermütigen Tonfall einen Scherz entgegen. »Bismarck, North Dakota.«

Er setzte sich kerzengerade auf. »Im Ernst?«

Sie brachte ein Lächeln über sich, was er im Dunkeln jedoch nicht sehen konnte. Eine Versetzung nach Bismarck war das, was angehenden Agenten angedroht wurde, wenn sie etwas vermasselten. »Nein. Das ist nur ein alter FBI-Witz.«

»Den finde ich überhaupt nicht komisch.« Er legte sich wieder hin und schwieg, sein Daumen zog sanfte Kreise auf ihrer Schulter. Normalerweise entspannte sich Caitlyn unter seinen Zärtlichkeiten. Jetzt aber weckten sie nur eine weitere Sorge. Sie würde ihn verlassen, wenn sie eine neue Stelle bekäme. Ihm wehtun, und sich selbst auch.

Das mit ihnen beiden hätte niemals so lange gehen dürfen. Sie befand sich auf völlig fremdem Terrain, ohne eine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Als Caitlyn endlich einschlief, waren ihre Träume mit Szenen aus ihrer Kindheit durchzogen, die sich nicht zu einem zusammenhängenden Ganzen fügen wollten. Lena, die lachend davonkrabbelte, während Vonnie mit einer sauberen Windel hinter ihr herjagte … Dad und Eli Hale, die auf der Veranda saßen, aber nicht so wie sonst, gemütlich in den Stühlen kippelnd, Bier tranken, sondern mit zusammengesteckten Köpfen in eine ernsthafte Unterhaltung vertieft waren. Ein seltsamer Anblick: der blasse Rotschopf Sean Tierney, dünn und drahtig, Seite an Seite mit einem kastanienbraunen Kerl, der beinahe doppelt so breit war wie er und einen rasierten Schädel hatte.

»Geht spielen, Mädchen«, hatte ihr Vater Caitlyn und Vonnie angefahren, als sie beide die Stufen der Veranda hinaufgesprungen kamen. »Na los, lasst uns in Ruhe.«

Eli blieb still, aber ein scharfer Blick von ihm ließ Vonnie nach Caitlyns Arm greifen und sie die Stufen hinunterziehen. Anscheinend steckte Eli irgendwie in Schwierigkeiten und Sean Tierney war der Einzige, der ihm helfen konnte.

Denn das war es, was ihr Vater tat, er half Menschen. Der beste Job der Welt, wie er immer wieder betonte.

Caitlyn wollte so werden wie er. Sie führte Vonnie zur anderen Seite des Hauses, dort schlüpften sie durch ein Loch im Gitterwerk und krochen unter der Veranda entlang bis zu der Stelle genau unter ihren Vätern. Wie konnten sie helfen, wenn sie nicht wussten, was los war?

»Es ist nun mal die Wahrheit«, sagte Sean Tierney aufgebracht und seine Stimme, die Caitlyn immer so beruhigend fand, klang dabei ganz ungewohnt. »Warum sollte ich aufhören, die Wahrheit zu sagen?«

»Sei nicht so ein Dickschädel. Alle Beweise sind gegen mich. Ich habe diesen Mann umgebracht. Es ist besser für alle, wenn ich das auch zugebe.« Eli klang traurig, als wäre jemand gestorben oder so.

»Das ist doch verrückt! Das kannst du nicht tun …«

»Überlass du mir die Entscheidung, was ich tun kann und was nicht«, sagte Eli streng. »Ich werde tun, was nötig ist, um meine Familie zu schützen.«

Über Vonnie und Caitlyn, die nebeneinander kauerten, waren schwere Stiefelschritte zu hören. Erde rieselte auf sie hinab. »Ich werde nicht lügen. Schon gar nicht, wenn es bedeutet, dass dadurch ein Unschuldiger im Gefängnis landet.«

»Dann sag einfach gar nichts. Du musst einfach den Mund halten und dich nicht einmischen. Hast du mich verstanden?«

»Eli, ich kann nicht …«

»Ich frage nicht danach, ob du etwas kannst oder nicht, Sean. Ich sag dir lediglich, so wird es gemacht.« Er senkte die Stimme. »Zwing mich nicht dazu, dich anzuflehen, Kumpel. Ich würde es tun. Aber zwing mich nicht dazu.«

Der Schrei einer Frau übertönte die Antwort von Sean Tierney. Caitlyn fuhr im Bett auf, kam nur mit Mühe zu sich. War das immer noch ein Traum?

Ein dumpfer Schlag erschütterte die Wand hinter ihr. Paul drehte sich stöhnend zur Seite und streckte den Arm nach ihr aus. Sie schob ihn weg und glitt aus dem Bett, dann langte sie nach ihrer Dienstwaffe.

»Tu das nicht!«, schrie die Frau. Ein Klatschen schnitt ihr den Satz ab.

»Caitlyn, wo willst du hin?«, flüsterte Paul, stieg aus dem Bett und kam auf sie zu.

»Ich muss nachsehen, was da los ist, ihr helfen.«

Er packte sie am Arm. »Halt. Hier muss niemand gerettet werden. So geht das bei denen alle paar Wochen zu. Sie betrinken sich, irgendwas geht zu Bruch, und irgendwann vertragen sie sich wieder.«

»Geh zum Telefon und ruf die Polizei.«

»Wenn ich dir doch sage, dass das nicht nötig ist. Ganz im Ernst.« Er nahm ihr Kinn in die Hand und drehte ihr Gesicht zu sich. »Der Frau geht es gut. Die ersten Male bin ich noch selbst rübergegangen, um mich persönlich davon zu überzeugen. Es geht jede Menge Glas zu Bruch …«, ein lautes Klirren unterstrich seine Worte, »sie schreien wild herum, aber glaub mir, da fällt nichts vor, in das du dich einmischen müsstest. Außerdem teilt sie genauso gut aus, wie sie einsteckt.«

Caitlyn starrte ihn an. Für wen hielt er sich, dass er darüber urteilte? Hatte er irgendeine Vorstellung davon, wie viele Frauen in ihrem eigenen Zuhause von den Männern, die sie liebten, ermordet wurden?

»Ich weiß, warum du das tust, weshalb du dich da kopfüber reinstürzen willst«, fuhr er fort. Paul musste immer alles haarklein analysieren, wie mit seinen Röntgenapparaten und seinem Kernspin.

»Ich stürze mich da in überhaupt nichts hinein. Ich bin ausgebildete Bundesagentin. Das ist mein Job.«

»Du fühlst dich schuldig, weil du überlebt hast.«

Nun hatte er es geschafft, sie war abgelenkt. Das war nie gut, wenn man kurz davor war, sich bei einem Fall häuslicher Gewalt einzumischen, aber das konnte er nicht wissen. »Wie bitte?«

»Du fühlst dich schuldig, weil dieser Kerl gestorben ist und du überlebt hast.« Er spielte auf ihren letzten Fall an, kurz bevor sie sich kennengelernt hatten. Sie hatte ihm keine Einzelheiten erzählt, obwohl die Ereignisse durch die Presse gegangen waren. Zwar nicht jedes Detail, dennoch genug, dass er sich den Rest alleine zusammenreimen konnte. »Du kannst nichts dafür, Caitlyn. Auch wenn du meinst, du seist ihm etwas schuldig und könntest diese Schuld begleichen, indem du rausgehst und die Welt rettest. Dabei schuldest du überhaupt niemandem etwas.«

Sie erstarrte. Hin- und hergerissen zwischen Paul und der Wohnungstür. Ohne Deckung. Genau wie die junge Agentin vorhin. Die Geräusche in der Wohnung nebenan verstummten. Die Waffe lag schwer in Caitlyns Hand, wie ein Anker, der sie an diesen Platz band.

Paul kam auf sie zu, legte ihr beide Hände auf die Schultern. Doch wieder hatte seine Berührung seltsamerweise keine tröstliche Wirkung. Sie schüttelte ihn ab. »Caitlyn.« In seiner Stimme schwang ein Hauch Verärgerung mit, was sie nur noch mehr vor ihm zurückweichen ließ. »Komm wieder ins Bett.«

Während sie zitternd im Dunkel stand und angestrengt auf Anzeichen horchte, dass die Nachbarin noch am Leben war, wurde ihr schlagartig klar, worum es Paul eigentlich ging. »Du möchtest, dass ich meine Arbeit aufgebe.«

»Du hast deinen Beitrag geleistet«, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. »Und dafür sogar beinahe mit dem Leben bezahlt. Zwei Mal. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn dir etwas zustoßen sollte.« Wieder streckte er die Hände nach ihr aus, umarmte sie von hinten und küsste sie sanft auf den Scheitel. Sein Duft war betörend, beinahe wäre sie schwach geworden und hätte sich ihm ergeben.

Von nebenan drang das Lachen einer Frau zu ihnen herüber, ein Bett quietschte. Niemand war gestorben. Das war nur lautes Vorspiel gewesen. Paul hatte recht behalten. Zumindest was das anbelangte.

Caitlyn löste sich aus seiner Umarmung und steckt die Pistole wieder in den Halfter zurück, ehe sie sich zu ihm umwandte. »Du meinst das ernst. Dass ich meinen Job aufgeben soll.«

Er wirkte überrascht. »Du bist so klug, Caitlyn. Du könntest alles tun, was du willst. Was hält dich in diesem Beruf ohne Perspektive, wenn dich nicht einmal deine Vorgesetzten länger dort haben wollen?«

Jetzt hörte er sich haargenau wie ihre Mutter an, die stets enttäuscht war, weil Caitlyn nicht mehr aus ihrem Leben gemacht hatte, sondern in die Fußstapfen ihres Vaters getreten war. Wie diese Stimme in ihrem Kopf, wenn ihr Chef anrief und ihr mitteilte, es gäbe wegen ihres beruflichen Fehlverhaltens noch einige offene Fragen, oder dass ihre Tauglichkeitsprüfung wieder einmal verschoben worden sei oder dass das FBI immer noch nach der »passenden« Aufgabe für sie suche und es noch eine Weile dauern könne, ehe sie wieder im aktiven Dienst eingesetzt werde.

Die da oben wollten sie nicht mehr mitspielen lassen, warum also weitermachen? Warum darauf warten, dass diese Männer endlich einen Grund fanden, um sie zu feuern? Warum nicht einfach selbst kündigen?

Wenn sie doch nur eine Antwort darauf hätte.

Oder den schwelenden Groll verdrängen könnte, den Pauls Vorschlag, sie solle ihre Arbeit aufgeben, in ihr ausgelöst hatte. Als hätte er etwas mitzuentscheiden.

Nun, zum Teufel. Diese Situation war ihr zumindest vertraut, sie wusste, wo das enden würde.

Als sie sich wieder aufs Bett setzte, streckte er lächelnd die Hand aus. Sie lehnte sich vor, wich der Hand aus, und schnappte sich die Jeans, die sie über das Fußende gehängt hatte.

»Was machst du da?« Die tiefe sanfte Stimme konnte nicht über seinen gekränkten Stolz hinwegtäuschen.

»Ich muss los.«

»Mitten in der Nacht? Wohin?«

»North Carolina.« Sie streifte sich den Vliespullover übers Unterhemd, ohne sich mit einem BH abzugeben. Ihre vom synthetischen Material aufgeladenen Haarsträhnen schimmerten im schwachen Licht, das durchs Fenster fiel.

»Ich dachte, wir fahren erst nächsten Monat nach Charlotte.«

Ach ja. Die mit Schrecken erwartete Fahrt zu ihrer Mutter mit anschließendem Besuch bei seinen Leuten in Atlanta. »Nach Charlotte fahre ich auch nicht. Sondern zu einem Staatsgefängnis außerhalb von Raleigh. Ich muss dort einen Insassen treffen.«

Fünf Minuten später stand sie bereits wieder auf der anderen Seite der Haustür. Sie verspürte eine Welle der Erleichterung und zugleich Scham. Er war ein guter Mann und hatte diesen Mist nicht verdient. Ihren Mist.

Er fehlte ihr jetzt schon.

5

Der Leopard bereitete ihm am meisten Sorgen.

Die anderen Tiere hatten sich schnell eingelebt, so, wie es sein sollte. Na ja, bis auf die Schimpansen. Die hatten ihn in schon in der ersten Nacht ausgetrickst. Bernie hatte alle Türen der Holzhütte verriegelt, da hatten sie einfach ein Fenster eingeschlagen. Weggerannt waren sie jedoch nicht. Sie schienen Spaß daran zu haben, sich aus dem Hinterhalt auf ihn zu stürzen, wenn er gerade die anderen Tiere fütterte oder das Stroh auswechselte. Sie riefen ihm von den Dächern und Bäumen aus ihre kreischenden Rufe zu, tollten von Hütte zu Hütte und kundschafteten alles aus. Wie die anderen fühlten sie sich wie zu Hause.

Zuerst hatte das Dreifingerfaultier noch die Wände der Holzhütte angenagt, die es sich mit den Lemuren teilte, aber seit Bernie ihm einen Stapel Brennholz und ein paar frische Zweige gebracht hatte, schien es sich pudelwohl zu fühlen. Sogar der altersschwache Löwe, müde und ausgedient wie er war, hatte sich gut eingelebt. Schenkte Bernie jedes Mal, wenn er die Tür zur Hütte öffnete, um frisches Wildhack zu bringen, ein tiefes Grollen und ein zahnloses Lächeln.

Bernie dachte sogar öfter darüber nach, die Tiere hierzubehalten. Aber dafür hätte er das Ganze vor den Reapern verheimlichen müssen. Ein neues Zuhause für die Tiere zu finden war allerdings schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte. Die Zoos, bei denen er angerufen hatte, wollten alle irgendwelche Dokumente, Gesundheitszeugnisse, all so Zeug.

Verflucht, er konnte ja nicht einmal den Leoparden zum Fressen bewegen. Dessen Unterkunft hatte Bernie besonders sorgsam ausgewählt und ihn im Haupthaus untergebracht, weil es stabiler als die drumherum verstreuten Gästehäuser gebaut war. Die Fenster hatte er mit Brettern vernagelt, und durch die dicken Wände war für die Raubkatze kein Durchkommen, und so hatte sie sich durch die Putzdecke gearbeitet und im Gebälk verkrochen. Wenn Bernie sich der Hütte auch nur näherte, gab der Leopard diesen Laut von sich, als ob er sterbenskrank wäre, ein leiser klagender Laut. Jedes Mal drehte sich Bernie der Magen um und er hätte am liebsten Reißaus genommen.

Er konnte das arme Wesen jedoch nicht zurücklassen. Schon gar nicht nach allem, was es durchgemacht hatte – zuerst bei diesem Arschloch mit seinem »Privatzoo« voller wilder Tiere drüben in Pigeon Forge, und dann bei den Reapern, die die Tiere übernommen hatten, als der Besitzer sein Darlehen nicht zurückzahlen konnte. Der Motorradklub hatte sich von den aus ihrem weit entfernten Zuhause geraubten exotischen Tieren eine Menge Geld versprochen. Sie wollten sie Jägern hier in der Gegend als einmalige Abschussgelegenheit anbieten.

Was hatten sie also getan, sobald sie die Tiere in Käfigen hinten auf einem Tieflader hatten? Geschossen. Das trainiere sie für die Jagd, hatte Poppy gesagt und eine leere Jack Daniels Flasche unter den Wagen gestellt, die er als Ziel anvisierte. Als Glassplitter in den Schimpansenkäfig flogen und sie laut kreischend den Maschendrahtzaun empor bis in die hinterste Ecke flüchteten, hatte er bloß gelacht.

Bernie liebte Poppy, wie all die Jungs im Klub. Der Klub war seine Familie. Aber genau wie in einer echten Familie konnten die anderen manchmal richtige Arschlöcher sein.

Möglicherweise stand der Leopard immer noch unter Schock. Vielleicht wollte er deswegen auch nicht fressen oder von seinem Hochsitz runterkommen, auf dem er die ...

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