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Schwarzwaldjunge - Weltenbummler

Gerhard Moser

Gerhard Moser, geboren 1955 in der Nähe von Offenburg, machte 1972 seine Ausbildung zum Altenpfleger. Nach seinem Examen war er in verschiedenen Heimen und Kliniken in ganz Deutschland tätig. Im Oberbergischen baute er schließlich einen privaten Pflegedienst auf. Der Liebe wegen zog er 1999 nach Köln, wo er nach längerer Krankheit aus dem Pflegeberuf ausscheiden musste und bis vor einigen Monaten eine ambulante medizinische Fußpflege und private Seniorenbetreuung betrieb.

Seit 2017 veröffentlicht er mit seinem Mann die Erlebnisse ihrer gemeinsamen Reisen auch auf der eigenen Blog-Seite, kombiniert mit Achims fantastischen Fotos, die er mit Leidenschaft überall digital festhält. Diesen Blog kann jeder kostenlos einsehen und einen Kommentar dazu abgeben. Über diesen Blog ist es auch möglich, mit dem Autor Kontakt aufzunehmen:

https://die-weltenbummler.blog/

Dieses Buch widme ich meinem Mann Achim, der immer an mich glaubte und mir oft wieder Schwung gab, wenn mich die „Schreib Blockade“ erwischte.

Seine Liebe ist für mich das Wichtigste in meinem Leben.

Danke.

Inhalt

Prolog

Glückliche Kindheit

Man soll die Feste feiern

Herrliche Jahreszeiten

Kindliche Erinnerungen

Aufklärung der besonderen Art

In kleinen Schritten naht das Leben

Vielleicht doch besser einen Bauernhof?

Stolpersteine auf dem Weg nach Oben

Auch lernen will gelernt sein

Gott, Kirche und der Glaube

Berufswahl

Der erste Kontakt zu einem Mann

Glaube, Hoffnung, Liebe

Neuer Lebensabschnitt

Ja, zu mir selbst

Gibt es eine Steigerung des Glaubens? Die Jahre in der Moon Sekte

Zurück in die Niederungen eines „normalen Lebens“

Happy Birthday – Das soll was werden?

Neue Stelle, neue Stadt, neues Glück?

Aus und vorbei?

Ein neuer Abschnitt - nichts wird besser

Hoch lebe die Psychiatrie

Auch privat ein Auf und Ab

Pflegedienst – und dann?

Chaos ohne Ende

Wenn eine Türe sich schließt

Der Beginn einer großen Liebe

Reisen, was ist das

Thailand, wir kommen

Leben bedeutet Beweglichkeit

Die Weltenbummelei fängt an

Und wieder kommt es anders als gedacht

Tür zu – Tür auf

Rundbriefe unserer siebenmonatigen Reise

Hier das Rezept der Scharfen Suppe mit Schrimps

Das Reiseleben hat viele Facetten

Mit Vollgas in den Herbst des Lebens

Weitere Veröffentlichungen des Autors:

Prolog

Da sitze ich nun an meinem PC und will schreiben. Aber was??? Eine gute Freundin, eine Spezialistin im „aus-der-Hand-lesen“ hat doch tatsächlich in meinen Lebenslinien entdeckt, dass ich in meinem Leben noch zwei Bestseller schreiben werde.

Dann sollte ich langsam damit anfangen. Mit über 65 Jahren bleibt mir nicht mehr soooo viel Zeit, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es ist ja nicht so, dass ich anfange und in einer Woche ist das tolle Buch fertig. In meiner Fantasie sehe ich mich schon Lesungen veranstalten, die Leute zoffen sich richtiggehend um die signierten Exemplare. Tolle Vorstellung, – aber zunächst liegt viel Arbeit vor mir.

Worüber soll ich nur schreiben? Was wollen die Leute lesen? „Sex sells“, höre und lese ich immer wieder. Meinen Sex will ich aber nicht verkaufen, den halte ich lieber ganz privat. Ist es tatsächlich richtig, etwas zu schreiben, was die Leute lesen wollen? Nein, ich denke, ich sollte über etwas schreiben, was für mich so wichtig ist, dass ich es zu Papier bringen möchte. Und was ist das? Wie wäre es mit meinem Leben. Warum schreiben immer nur Prominente über ihr Leben und Wirken? Vielleicht ist es auch mal von Interesse, etwas aus dem Leben eines Jedermann zu lesen.

Glückliche Kindheit

In der Mitte des letzten Jahrhunderts erblickte ich in einem kleinen Dorf im Schwarzwald das Licht der Welt. Es war die Zeit des neuen Wirtschaftswachstums, nachdem der Krieg alles kaputt gemacht hatte. Auf dem Land waren die Spuren nicht so stark zu erkennen; schon gar nicht in unserem Dorf. Einige der Männer waren im Krieg geblieben. Sonst nahm alles wieder seinen gewohnten Gang.

Nur wenige Jahre zuvor war der Krieg zu Ende gegangen. Meine Mutter kam als Flüchtlingskind mit ihrem Bruder und ihrer Mutter aus Ostpreußen. Mit einem der letzten Schiffe wurden sie nach Dänemark verfrachtet, wo Mutter dann ihre Konfirmation im Lager erlebte. Wären sie nur kurze Zeit später eingeschifft worden, hätten sie das Schicksal mit allen Passagieren der Wilhelm Gustloff geteilt: Sie wären abgeschossen worden und ertrunken. Meinen Großvater -. von Mutters Seite – habe ich leider nie kennengelernt, da er im Krieg geblieben war. Später wurde die ganze Familie dann in den Schwarzwald umgesiedelt. Auf einem Tanzabend lernte Mutter dann meinen Vater kennen. Verhütung war damals vermutlich nicht sehr aktuell, ebenso wenig fand Aufklärung in der Familie, schon gar nicht in der Schule statt. Es kam, wie es kommen musste. Mit 19 Jahren bekamen sie ihr erstes Kind, eine Tochter. Nur drei Monate vor der Geburt „mussten“ sie heiraten. Wie damals üblich, trat Mutter im schwarzen Kleid vor den Traualtar. Viele Jahre später auf das schwarze Kleid angesprochen, meinte sie lachend: „Weißt du, ich war eben nicht brav…“

Meine Geburt war keine besondere Sensation. Ich war das 3. von insgesamt fünf Kindern. Nach den zwei Mädchen wurde endlich der erhoffte Stammhalter geboren. Nach meinem im Krieg gefallenen Opa, von Mutters Seite, wurde ich mit zweitem Namen Franz getauft, was vermutlich in den Gedanken meiner sehr religiösen Großmutter, von Vaters Seite, auch ein Hinweis auf den Heiligen Franziskus sein sollte. Doch davon hatte ich zu jener Zeit keine Ahnung.

Bereits nach einem knappen halben Jahr musste ich die erste Prüfung des Lebens bestehen: Wegen Keuchhusten kam ich für einige Tage ins Krankenhaus. Pünktlich zu Weihnachten wurde ich nach Hause entlassen, da man "nichts mehr für mich tun konnte". Viel frische Luft und Ruhe, das war der Behandlungsvorschlag des Arztes. Also, obwohl Winter und eine Eiseskälte, Mützchen auf, warm eingepackt und im Weidenkorb ans offene Fenster gestellt. Und dies über Stunden. Ob es tatsächlich das war, was mich rettete, weiß bis heute keiner. Der Husten wurde besser und ich überlebte. Da stand ich dann oft in der Kälte, während meine Eltern im warmen Zimmer am Ofen saßen und hofften. Ich denke, meine Großmutter schob einen Großteil meiner Genesung auch auf die Hilfe Gottes, die sie durch ihre stundenlangen Gebete und Lesungen in der Bibel auf mich herabflehte. Schließlich war Winter und sie brauchte nicht ins Feld und in die Reben zu gehen.

Heute sehe ich diese Erfahrung als ersten Schritt in ein glückliches Leben.

Kurz danach zogen wir ins eigene Haus. Da meine Großeltern noch drei ihrer fünf Kinder, - eigentlich waren es sieben, aber zwei starben kurz nach der Geburt, - im Haus leben hatten, war es an der Zeit, dass wir endlich ins neue Haus umzogen. Unser Haus stand im Neubaugebiet, am damaligen Rand des Dorfes. Zu jener Zeit hatte das Dorf kaum 600 Einwohner. Heute wohnen über 1700 Menschen in dem Dorf, welches einsam, von drei Seiten Wald umgeben vor sich hindämmert.

Das Grundstück war ein Geschenk meiner Großeltern an ihren ältesten Sohn. Jedes ihrer Kinder bekam Bauland oder Geld für den Hausbau. Mein Großvater war darin sehr korrekt und gewissenhaft. Jeder bekam den gleichen Anteil, um sein Leben auf eigene Beine zu stellen. Da der Weinanbau und die Landwirtschaft ein - damals - recht einträgliches Geschäft waren, gaben meine Großeltern gerne "mit warmer Hand". Zudem war mein Opa Schuhmacher, was ebenfalls dazu führte, dass keiner in der Familie am Hungertuch nagen musste. Schließlich war er der Einzige im Dorf, der dieses Handwerk ausführte. Nach und nach erweiterte er die Schusterei durch Zubehör und den Verkauf neuer Schuhe. Dieses Angebot wurde gut angenommen, da es damals die Ketten der Billigschuhläden noch nicht gab. Was Opa nicht auf Lager hatte, wurde bestellt. Die Leute warteten gerne auch mal zwei Wochen auf die neuen Schuhe. Ich erinnere mich gut daran, wie ich nach der Kinderschule oft zu Opa in die Schusterwerkstatt lief, mich ihm gegenüber an den klebrigen, abgearbeiteten Holztisch setzte und mit dem Schusterhammer kleine Nägelchen und Holzstifte in Lederreste klopfte. Ich liebte den Duft von Kleister und Leder. Irgendwann meinte mein Opa: „Jetzt hast du genug Material verklopft. Es wird Zeit, dass du nach Hause gehst.“ Das war seine liebevolle Art, mir zu sagen, dass es jetzt reichte. So bestaunte ich nochmals mein Werk, verabschiedete mich von Opa mit einem Kuss – und lief nach Hause.

Das Haus selbst wurde in Eigenarbeit der männlichen Verwandtschaft erbaut. Da mein Onkel, wie auch mein Vater, das Handwerk des Maurers erlernt hatten, wurde der Rohbau in Wochenend- und Feierabendarbeit erstellt. Wer sprach damals schon von Schwarzarbeit?

Zwei Jahre nach mir wurde mein Bruder geboren, neun Jahre danach kam ein Nachzügler, der eigentlich nicht mehr "eingeplant" war. Es passierte eben.

Wir hatten eine glückliche, unbeschwerte Kindheit. Politik, Wirtschaft und Geld waren für uns Kinder ein Buch mit sieben Siegeln.

Das Einzige von Wirtschaft, was ich immer mal wieder praktisch erlebte, war, wenn ich meinen Vater aus der Dorfkneipe – einem der wenigen Geschäfte in diesem kleinen Nest - nach Hause holen musste.

Meist war dies, wenn ich abends bei den Großeltern die frisch gemolkene Milch holen ging.

"Geh an der Linde vorbei und sag dem Papa, er soll endlich nach Hause kommen…". Das waren fast täglich die Worte meiner Mutter, wenn ich den Weg zum entfernt liegenden, kleinen Hof meiner Großeltern machte, welcher sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tales befand.

Mein Vater saß immer am Stammtisch in der Linde.

"Du solsch heim kumme, het d Mama gseit…" Kaum hatte ich den Satz raus, rannte ich auch wieder aus der Kneipe. Ich hasste den Gestank von Tabak und Alkohol. In 99% der Fälle half diese Aufforderung, meinen Vater auf den Heimweg zu bringen.

Abends spielten wir Kinder meist in der Gruppe. Federball, Fangen und Verstecken waren die beliebtesten Spiele. Oft waren wir eine Horde von fast zwanzig Kindern. Die meisten Familien hatten mehrere Kinder. Wir trafen uns dann auf der Straße vor einem der Häuser, um gemeinsam zu spielen. In allen Familien war Mutter dazu da, sich um Haushalt, Garten und Kinder zu kümmern, in dieser Reihenfolge. Jeder wusste seine Kinder in der Horde gut aufgehoben. Mutter blieb zu Hause, Geld verdienen war Sache des Mannes.

Jede Familie hatte Feld, auf dem das Nötigste angebaut wurde. Für jeden war Nutztierhaltung selbstverständlich. Hühner und Kaninchen hatte jede Familie, Schweine oder Ziegen die Meisten. Auch wir hatten einen Hühnerstall mit kleinem Hühnerhof, wo ein Dutzend Hühner mit einem stolzen Hahn ihr Dasein genossen. So hatten wir immer frische Eier. Die übriggebliebenen Eier legte Mutter in Sole ein. So hatten wir auch im Winter, wenn die Hühner fast nichts legten, Eier zur Verfügung.

Im Wonnemonat Mai gingen wir Kinder, mit einem leeren Schuhkarton ausgerüstet, in den Wald und sammelten Maikäfer, die es damals in Massen gab. Welch ein kribbeliges Gefühl, seine Hand in die Menge der Maikäfer zu halten! Zu Hause angekommen, verfütterten wir die Käfer an die Hühner, welche sich pickend und gackernd auf die bewegliche Masse stürzten. Viele der Käfer entkamen leider wieder, indem sie einfach davonflogen. Die gefressenen verfeinerten, so bildeten wir uns jedenfalls ein, den Geschmack der Eier. Sie schmeckten dann so herrlich nach Frühling, nach Mai – einfach viel besser. Das große Übel im Hühnerhof war der Hahn. Er pickte uns immer, wenn wir uns beim Versteckspiel im Hühnerhaus verbergen wollten. Das führte dann oft zu blutenden Wunden. Mutter meinte nur: „Bleibt aus dem Hühnerhof, dann passiert so etwas nicht“. Als der Hahn meine Mutter dann mal so in die Wade hackte, dass sie mit der Wunde zum Arzt musste, war dessen Schicksal schnell besiegelt. Er landete im Suppentopf und ein Nachfolger, viel friedlicher, aber ebenso fleißig, zog im Hühnerstall ein. Jährlich bekamen wir neue Küken, wenn eine der Hennen auf dem Nest mit den Eiern sitzen blieb. Das Nest wurde dann mit einem Weidenkorb zugedeckt, damit die brütende Henne nicht gestört wurde. Nach einigen Tagen schlüpften die kleinen Küken, die von uns immer liebevoll umsorgt wurden.

Einige Dorfbewohner hatten sogar Kühe oder Pferde. Das Feld musste damit bestellt werden. Traktoren oder andere Maschinen kannte noch keiner. Autos gab es auch nur eines im Dorf und das war der klapprige VW unseres Bürgermeisters. Der Wagen wurde so alt, dass die Kotflügel irgendwann mit Klebeband festgemacht werden mussten. Bei den Geschwindigkeiten, die der Bürgermeister im Straßenverkehr an den Tag legte, spielte das aber keine große Rolle. Irgendwann bekam auch der Dorfarzt einen Wagen. Ja, sogar einen Doktor hatten wir in unserem kleinen Dorf.

Für uns Kinder war es ein herrliches Leben. Wir konnten ungehindert auf den Straßen spielen, ohne dass ein Erwachsener immer auf uns achten musste. Irgendwann kam aus einem der Häuser der Ruf: Mittagessen. Wie ein Lauffeuer war dies dann das Zeichen für alle, zum Essen zu gehen. Abends durften wir spielen, bis es dunkel wurde.

An einige Dinge aus meiner früheren Kindheit kann ich mich noch bestens erinnern. Vermutlich aber deshalb, weil sie mir immer wieder erzählt wurden.

Im ganzen Viertel standen Neubauten mit großen Gärten, teils waren sie bereits schön angelegt, teils bestanden sie nur aus matschigem Gelände. Unsere Nachbarn gegenüber hatten am Haus entlang eine Birnbaum Galerie gezogen, die nach wenigen Jahren endlich die ersten Früchte trug. Als die kleinen Birnen zu sehen waren, ging ich zur Galerie und erntete alle Früchte, die ich erreichen konnte in meine umgebundene Schürze. Stolz ging ich zur Nachbarin und zeigte ihr meine Ernte. „Will dir helfen…“. Weiter kam ich nicht. Ihr Geschrei schallte durchs ganze Viertel. Ich kann ihnen versichern, dass das Geschrei von Carmen Geiss in ihrer Reality Serie harmlos war, gegenüber der Töne, die mir damals aus dem Mund der Nachbarin entgegenschallten. Nachdem meine Mutter lange mit ihr diskutierte und ihr eine „Entschädigungszahlung“ leistete, war das Thema – zunächst – für alle Beteiligten erledigt. Ich konnte nicht verstehen, warum meine gut gemeinte Hilfe zu solch einem Fiasko führte. Noch 50 Jahre später, bekam ich dieses „Verbrechen“ von meiner Nachbarin immer wieder in den buntesten Farben geschildert. Allerdings konnten wir dann herzhaft über diese Tat lachen. Diese erste Missernte blieb ihr bis zum Ableben in bester Erinnerung.

Ein weiteres Erlebnis war der Gang zum Kindergarten. Nachdem unsere Mutter diesen Weg einige Male mit uns, meinen zwei älteren Schwestern und mir, gegangen war, durften wir diesen Kilometer täglich alleine zurücklegen. Das war damals ungefährlich und völlig normal. Keiner verschwendete einen Gedanken an die Gefahren, denen Kinder in der heutigen Zeit ausgesetzt sind.

Eine neue Kindergärtnerin hatte wenige Wochen zuvor angefangen und ich war ganz verknallt in diese nette Frau, die so ganz anders war, als die Nonne, die bis zu ihrer Pensionierung versuchte, uns Kindern Zucht und Ordnung zu lehren. Jetzt durften wir wild herumturnen und spielen und mussten uns nicht unbedingt immer eine Stunde zum Mittagsschlaf hinlegen. Wir waren viel in Dorf, Flur und Wald unterwegs.

So gewöhnte ich mir an, auf dem Weg zum Kindergarten in irgendeinem der schönen Vorgärten eine der blühenden Rosen zu pflücken und diese der „Tante Brigitte“, mit vor Freude strahlendem Gesicht, zu überreichen. Von ihr bekam ich dann den Namen: Mein kleiner Rosenprinz. Manchmal änderte sie diesen Namen auch ab, wenn ich mal wieder nicht schnell genug zur Toilette kam und die Hose nass machte. Dann nannte sie mich „den kleinen Hosenprinz“. Ich verstand immer nur Prinz und das war mir wichtig. Einige der Anwohner, deren Gärten ich plünderte, beschwerten sich bei meinen Eltern. Die waren aber mit mir einer Meinung: Diese eine Rose…

Wie unkompliziert war doch damals das ganze Leben. Da wir, obwohl unser Haus ganz neu war, kein extra Badezimmer hatten, wurde jeden Samstag der große Kessel, der sonst zum Einkochen von Obst- und Gemüsegläsern oder Wurstdosen verwendet wurde, mit Wasser gefüllt und auf dem Küchenherd zum Kochen gebracht. Die große Blechbadewanne wurde aus dem Stall geholt, in die mollig warme Küche gestellt und mit Wasser gefüllt. Meist waren mein Bruder und ich zuerst dran und hatten nur wenig Wasser in der Wanne. Danach benutzten meine zwei Schwestern das Wasser, und dann meine Eltern. Ab diesem Zeitpunkt durften wir die Küche nicht mehr betreten. Das Wasser wurde nicht gewechselt, sondern nach jedem „Badegast“ wurde neues Wasser zugegeben. Am Ende war die Wanne voll und der Kessel leer. Mit dem Eimer wurde die Wanne dann wieder geleert und zurück in den Stall gestellt. Gewaschen wurde damals nur mit Kernseife. Ich werde nie vergessen, wie mein Getti (Patenonkel) und die Tante an einem Samstag zu Besuch kamen, wir Jungs gerade in der Wanne saßen und unsere Mutter dabei war, uns die Haare mit Kernseife zu waschen. Ganz entsetzt bemerkte meine Tante, dass unsere Augen von der Kernseife rot waren und die Haare trotzdem noch klebten.

„Lore, da nimmt man doch heute Shampoo und keine Kernseife.“ Das war der Samstag, an dem meine Mutter uns zum letzten Mal die Haare mit Seife gewaschen hat. Ab da gab es nur noch Schauma Kräuter Shampoo. Für uns eine Wohltat, obwohl wir vermutlich kaum einen Unterschied merkten. Doch, es brannte etwas weniger in den Augen.

Mit uns vier Kindern hatten unsere Eltern, natürlich insbesondere Mutter, immer viel zu tun. Jeder von uns Vieren hatte mal ein „einschneidendes Erlebnis“.

So stolperte ich beim Spielen auf der Straße und stieß mir den Stock, mit dem ich herumtollte, in den Gaumen. Blutüberströmt, den Stock aus dem Mund ragend, lief ich zu Mutter. Die zog den Stock kurzerhand aus der Wunde, was einen weiteren Blutschwall zur Folge hatte. Unser Nachbar, welcher mittlerweile auch ein Auto hatte, fuhr uns zum Krankenhaus in die Stadt, wo der Gaumen mit drei Stichen genäht wurde. Davon habe ich heute noch eine kleine Beule im Gaumen.

Meine Schwester wollte beim Spielen in der Waschküche im Keller von der Fensterbank springen. Dabei übersah sie den Fleischhaken, der vom letzten Schlachttag noch am Stock von der Decke hing. Sie sprang und hängte sich mit dem Kinn daran auf. Es sah aus, als würde ein kleines Ferkel da hängen. Da die ganze Kinderschar aus der Nachbarschaft mit im Keller war, schrien wir alle wild durcheinander. Das lockte zum Glück meine Mutter herbei, die bei der Gartenarbeit war. Schnell nahm sie meine Schwester vom Haken. Und wieder musste der Nachbar eine Fahrt ins Krankenhaus machen.

Das Essen stand schon auf dem Tisch, aber mein kleiner Bruder wollte lieber Schlitten fahren. Er hatte keinen Hunger. Trotz des Verbotes meiner Mutter nahm er den Schlitten und lief auf die nahe Wiese am Berg, wo wir immer mit dem Schlitten über Stunden hochliefen und runterfuhren. Jeder hatte da seine eigene Technik. Manche fuhren zu zweit, andere legten sich auf den Schlitten. Kopf voraus, konnte man mit den Füßen am besten lenken.

Wir waren noch nicht fertig mit dem Essen, da kam mein Bruder zurück von der Wiese, die Hände fest auf den Mund gedrückt, an der Stirn eine dicke Schramme und das linke Auge war zugeschwollen. Als er die Hand vom Mund nahm, war alles voller Blut. Die Lippe war geplatzt und einer der Schneidezähne war nur noch zur Hälfte vorhanden.

So war immer etwas los bei uns.

Man soll die Feste feiern…

Herrliche Zeiten waren für uns Kinder immer Geburtstage, Ostern oder Weihnachten. Da wurde gefeiert, viel gegessen und die Verwandtschaft besucht. Das war meist mit Geschenken verbunden.

An den Geburtstagen durften wir immer unsere Freunde aus der Nachbarschaft einladen. Natürlich nur die wichtigsten, denn alle zusammen hätten den möglichen Rahmen gesprengt. Zehn bis zwölf Kinder waren aber immer da. Auch im Kindergarten bekam man eine extra Geburtstagskerze angezündet und ein Lied gesungen. Ich fühlte mich dann immer als „Mittelpunkt“, was mir aber gar nicht so recht war.

Meinen 8. Geburtstag werde ich immer im Gedächtnis behalten. Wir Kinder saßen unten in der Küche und hatten alle ein herrliches Stück Kuchen vor uns. Die Kinderzimmer waren mittlerweile in die obere Etage des Hauses verlegt, da nach und nach immer wieder weiter ausgebaut wurde. Das hatte etwas mit Geld und Zeit zu tun. So hatten meine zwei Schwestern das hintere Zimmer, wir zwei Jungs das Zimmer davor.

An meinem Geburtstag saßen wir Kinder nun lustig zusammen, laut und aufgedreht, als der Nachbar mit eiligen Schritten in die Küche gerannt kam.

„Bei euch brennt es! Oben kommt Rauch aus den Fenstern.“

Er stürmte ins obere Stockwerk und schaffte es, die Flammen zu löschen.

Was war geschehen? Meine älteste Schwester war aus der Schule gekommen und hatte sich in ihr Zimmer gesetzt um zu lesen. Um es etwas gemütlicher zu machen, zündete sie eine Bienenwachskerze an und stellt diese auf den kleinen Kleiderschrank. Irgendwann rief meine Mutter sie zum Geburtstagskaffee. Dabei vergaß sie die Kerze zu löschen. Da die Flamme sich bereits tief in das Bienenwachs gefressen hatte, war die Flamme nicht mehr zu sehen. So geschah es, dass die Flamme sich bis nach unten fraß und, da kein feuerfester Untersetzer drunter stand, sich durch das weiche Holz des Schrankes brannte und in die Wäsche fiel. Eine enorme Rauchentwicklung war die Folge. Da das Fenster gekippt war, konnte der Rauch abziehen. Der Schaden hielt sich in Grenzen. Meine Schwester hatte Glück, dass mein Vater zu jener Zeit einen Arm in Gips hatte, sonst hätte es garantiert eine kräftige Tracht Prügel gegeben. Die Versicherung bezahlte den Schaden und meine Schwester hatte für ihr zukünftiges Leben etwas gelernt.

Zu Ostern besuchten wir die Großeltern und unsere Paten. Dort wurde dann der „Osterhase gejagt“. Als Kind glaubte ich gerne an den Osterhasen, weil er immer süße Sachen, gekochte bunte Eier, etwas zum Spielen oder zum Anziehen brachte. Wir hatten dann alle vier unsere Osterkörbchen, wir Jungs eine Kiepe auf dem Rücken, die Mädchen ein Körbchen am Arm, in die alles reingepackt werden konnte. War das Wetter zu schlecht, wurden die Geschenke in der Scheune oder im Stall versteckt. Und dann mussten wir suchen. An ein Ostern erinnere ich mich heute noch gerne. Es hatte die ganzen Tage geschneit und die Wiese war mit sehr viel Schnee bedeckt. Da die Sonne schien und es herrliches Wetter war, wurden die Geschenke auf der Wiese versteckt. Das Finden ging sehr schnell, da wir, schließlich waren wir nicht dumm, nur den Fußspuren nachgehen mussten. Die Frage war dann: Ist es tatsächlich mein Geschenk?

Weihnachten war zum Ritual geworden, nach der Kirche die Großeltern zu besuchen, schöne Weihnachten zu wünschen, die Geschenke auszupacken und dann schwer beladen nach Hause zu laufen. Dort gab es zunächst das Weihnachtsessen, welches Mutter schon vor dem Kirchgang zubereitet hatte. Meist gab es Gesalzenes vom eigenen Schwein und Kartoffelsalat. Danach folgte die Bescherung zu Hause. Dass Papa während des Essens aufstand und sich im Wohnzimmer mit dem Weihnachtsmann unterhielt, war für uns Kinder immer ein Zeichen dafür, dass die Bescherung nahte.

„Bin ich mal gespannt, was euer Papa dem Weihnachtsmann erzählt. Wenn ihr brav wart, gibt es Geschenke, wenn nicht, müsst ihr euch im nächsten Jahr mehr anstrengen…“ Jedes Jahr erzählte uns Mutter die gleiche Geschichte. Natürlich waren wir immer brav und Papa hatte dem Weihnachtsmann immer gutes zu erzählen, obwohl er unter dem Jahr fast nie zu Hause war und mit unserer Erziehung ganz wenig zu tun hatte. Sonst hätten wir nicht immer so tolle Sachen bekommen. Mal war es eine von Mama selbstgestrickte Jacke oder einen Pullover, mal ein Paar Schuhe, vom Opa selbst geschustert, oder wieder mal eine Lederhose.

Zwei Tage vor Weihnachten machte unser Vater jedes Jahr, mit einer Axt über der Schulter, einen Spaziergang in den Wald. Er kam immer mit einem Tannenbaum zurück, der bis an die Wohnzimmerdecke reichte.

Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen, dass sich jeder einfach im Wald einen Tannenbaum holt. Damals war es unvorstellbar, sich irgendwo einen Baum zu kaufen. Schließlich kannte jeder den Förster und der drückte dann schon mal beide Augen zu. Schließlich trafen sich die Männer des Dorfes immer wieder in der „Linde“ oder im „Hirsch“, unseren zwei Dorfkneipen, die sich großspurig „Restaurants“ nannten. Dort gab es dann das ein oder andere Freibier für den Förster.

Ja die Feiertage. Sie sind bis heute in meinem Gedächtnis noch etwas ganz Besonderes.

Herrliche Jahreszeiten

Damals war der Winter noch ein richtiger Winter. Oft lag der Schnee so hoch, dass wir Kinder über die Schneeberge des freigeschippten Laufweges nicht mehr hinwegsehen konnten. An einem Winter reichte der Schnee fast bis ans Dach unseres Hausanbaus; und das waren immerhin rund zweieinhalb Meter.

Die Winterabende waren oft sehr gemütlich. Da mein Vater im Winter nicht auf dem Bau arbeiten konnte, war er meist zu Hause. Auch der Weg in die Kneipe war dann oft so anstrengend, dass er lieber zu Hause blieb. Wenn er dann am Abend seine Mundharmonika aus der Schublade des Küchenschrankes nahm und uns vorspielte, dauerte es nicht lange und wir saßen in der gut beheizten Küche alle zusammen. Vater spielte uns vor, meist sangen wir Kinder dann einige Lieder. Besonders gerne hörten wir unserem Vater beim Singen zu, da er einen herrlichen Bass hatte. Danach las uns Mutter Märchen aus dem alten, schon recht verschlissenen Buch vor. Vater trank dabei das ein oder andere Bier, was dann bald dazu führte, dass er sich still und heimlich ins Bett verzog.

Winter war für mich zu jener Zeit auch dann, wenn die Fenster am frühen Morgen, wenn wir aufstanden, von oben bis unten mit herrlichen Eisblumen überzogen waren. Unter Lachen und Jauchzen leckten wir Kinder dann an den Scheiben, bis wir es schafften, durch das freigeleckte Loch die Winterlandschaft draußen zu sehen. Geheizt wurde mit Holz, und das nur in der Küche und bei Bedarf im Kachelofen des Wohnzimmers.

Fernseher gab es damals noch nicht. So blieben wir von den schlechten Nachrichten aus der großen, weiten Welt verschont. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele, gerade aus der älteren und alten Generation heute behaupten: Früher war alles besser.

So verbrachten wir viele gemütliche Abende im Kreis der Familie.

Die Sommerferien waren immer ganz toll, da in dieser Zeit fast immer schönes Wetter vorherrschte. So konnten wir von früh bis spät mit den anderen Kindern des Viertels draußen spielen. Ab und zu gab es ein richtiges Sommergewitter mit kräftigem Regen. Wenn das vorüber war, kam aber ganz schnell wieder die Sonne. Im Winter gab es beinahe eine Garantie, dass Schnee fiel und wir viel draußen herumtoben konnten. Heute ist der Sommer oft ein grün angestrichener Winter und der Winter ein komisch kühler Sommer. Was nutzen 25°C im März, wenn es in den großen Ferien nur regnet und zu kühl ist, um draußen im Matsch zu spielen. Das ist nun mal die „Klimaerwärmung“, behauptet die Politik und kassiert kräftig Steuern, um etwas dagegen tun zu können. Dabei geschieht so etwas alle paar tausend Jahre. Wenn die Politiker den Verlauf der Erdgeschichte mal genauer anschauen würden, könnten sie in den schlauen Büchern lesen, dass das Bild der Erde in der letzten Eiszeit ganz anders aussah. Warum sollte es da nicht in der nächsten Phase sein, dass Europa mal wieder im Meer verschwindet oder im Ozean ein neuer Erdteil auftaucht?

Jeden Sonntag, nach dem Mittagessen, ging es zur „anderen Oma“ ins Nachbardorf. Sommer wie Winter, bei Regen; Schnee oder Sonnenschein. Die Mädchen mussten nach dem Mittagessen das Geschirr spülen und die Küche aufräumen. Schließlich sollten sie später mal richtige Hausfrauen werden und da konnte man nicht früh genug mit dem Lernen und Üben anfangen. Wir Jungs durften noch solange draußen spielen. Wehe, die schönen Sonntagsklamotten wurden dabei schmutzig. Danach ging es los. Die drei Kilometer wurden stramm gelaufen. Bei Oma gab es Kaffee und Kuchen, im Sommer auch mal ein Eis aus dem nahen, neu eröffneten Café. Nach drei Stunden ging es den gleichen Weg durch die Felder zurück. Der kleine Bruder wurde immer im Kinderwagen gefahren, im Winter bei Schnee im Schiebeschlitten. Dieser sah aus wie ein Stuhl, hatte jedoch unten Kufen und konnte so von Mutter wie ein Kinderwagen geschoben werden.

Kindliche Erinnerungen

Jährlich machten wir im Sommer einen Ausflug mit der ganzen Familie. Oft durften wir auch unsere Freunde dazu einladen. Meist ging es zwölf Kilometer zur Schlossruine Geroldseck. Vater trug einen Rucksack, voll mit Getränken und einer Vesper, die wir auf der halben Strecke, während einer Pause im Wald, verzehrten. Das war immer toll. Wir saßen auf umgesägten Baumstämmen an einer Waldhütte, jeder bekam ein belegtes Brot und einen Apfel, durfte mal einen kräftigen Zug aus der Limoflasche machen – und die Welt war in Ordnung. So fiel es uns Kindern nicht auf, dass die Strecke doch ganz schön weit war. Wenn einer anfing zu jammern, meinte unser Vater: Setze dich an den Wegesrand, wir nehmen dich auf dem Rückweg wieder mit. Wer wollte schon alleine im ach so dunklen Wald sitzen bleiben? Wer weiß, ob die überhaupt auf dem Rückweg wieder hier entlangkommen würden? Also – weiter.

Einer dieser Jahresausflüge ist mir auch heute noch im Gedächtnis, da wir vier Kinder im Verlauf des Tages fest daran glaubten, unser Zuhause nie wieder zu sehen. Da Mutter mit unserem kleinen Bruder schwanger war, konnte sie nicht mit auf diese Wanderung. So zogen wir mit Vater alleine los. Die ersten Kilometer bis zur Ruine ging alles gut. Ab dort wollten wir eigentlich mit dem Bus weiter nach Lahr fahren. Leider war Sonntag und es fuhr kein Bus. Statt, was logisch und der schnellere Weg gewesen wäre, durch den Wald wieder zurückzugehen, lief Vater mit uns in Richtung Lahr. Unterwegs hielten wir an jeder offenen Kneipe, da Vater enormen Durst hatte und wir Kinder natürlich auch was trinken wollten oder mal auf die Toilette mussten. In Lahr angekommen, war der letzte Bus wieder weg. Ohnedies fuhren sonntags nur zwei Busse auf dieser Strecke.

„Macht nichts, ich weiß einen kurzen Weg durch den Wald“, meinte Vater frohgelaunt. Wir Kinder waren inzwischen einfach nur müde und erledigt. Wenn wir je wieder nach Hause kommen wollten, mussten wir unserem Vater folgen. Bevor es in den Wald ging, machten wir noch eine Vesper im Gasthaus am Waldrand. Vater trank noch einige Bierchen, was seinen Gang aber nicht sicherer machte. Als wir wieder losgingen, hatte er Schwierigkeiten, ein Bein richtig vor das andere zu setzen.

„Weißt du überhaupt den Weg?“, fragte ihn meine älteste Schwester.

„Immer mir nach, ich kenne mich in diesem Wald bestens aus“, sprach es und schwankte uns voraus. Was blieb uns anderes übrig, als ihm zu folgen. Es wurde dunkel und dunkler, die Sonne war längst weg und der helle Mond gab dem Ganzen Umfeld einen geheimnisvollen Glanz. Wenn man zwischen den Baumkronen nach oben schaute, sah man die Sterne leuchten. Wir Kinder hatten für diesen romantischen Blick überhaupt nichts übrig. Wir waren uns mittlerweile sicher, in diesem dunklen Wald übernachten zu müssen. Wir hatten Angst vor der bösen Hexe, die bestimmt hier irgendwo ihre Hütte hatte. Was sollten wir tun, wenn unser Vater jetzt weglaufen würde, oder wenn er sich hinlegte und einfach einschlief, wie er es zu Hause oft auf dem Sofa machte? Uns war überhaupt nicht wohl in unsere Haut.

„Papa, renn doch nicht so schnell…“

„Immer mir nach, gleich sind wir zu Hause…“

Vater hatte mittlerweile wieder einen recht sicheren Gang und fing sogar an, mit uns Lieder zu singen. Wir waren froh darüber und stimmten kräftig mit ein.

„Wir müssen ganz laut singen, vielleicht suchen die uns schon“, flüsterte uns mein jüngerer Bruder leise zu.

Endlich sahen wir durch die Baumstämme in der Ferne Lichter auftauchen.

„Dort ist unser Dorf, war doch ein toller Ausflug.“ Das meinte Papa auch noch ernst.

Als wir am Waldrand ankamen, schickte mich mein Vater los, um zum Haus meiner Großeltern zu laufen.

„Lauf die Straße immer gerade runter, dann kommst du zu Oma und Opa. Das Haus kannst du nicht verfehlen. Sag ihnen, dass alles in Ordnung ist.“

Jetzt war mir die Dunkelheit völlig egal. Ich rannte los und kam gut beim Haus meiner Großeltern an. Diese waren überglücklich, als ich durch die Haustür hereinkam und schon von weitem rief: „Wir sind wieder daaaa…“ Auch meine Mutter saß im Wohnzimmer. Sie hatte es alleine nicht mehr ausgehalten und war zu den Großeltern gegangen.

Es sprudelte einfach alles aus mir heraus, vom verpassten Bus, dem leckeren Vesper und dem dunklen Wald. Von unseren Ängsten und Befürchtungen erzählte ich natürlich nichts.

Als meine Geschwister kurz darauf ins Wohnzimmer stürmten und mein Vater leicht schwankend und fröhlich durch die Tür kam, waren alle froh, dass wir endlich wieder zu Hause waren. Den Blick, den meine Mutter Papa zuwarf, werde ich nie vergessen. Wären sie alleine gewesen, hätte sie ihm bestimmt den Hals umgedreht.

„Ist doch erst 10 Uhr, geht doch noch…“, war Vaters Reaktion. Allerdings 10 Uhr am Abend! Keiner antwortet ihm. Der Kilometer nach Hause verging sehr schnell. Jeder wollte Mama etwas Anderes erzählen. Papa lief einige Meter hinter uns und sang immer noch leise vor sich hin. Ich glaube, dass auch er war froh, diesen Tag gut überstanden zu haben.

Wir Kinder fielen halb tot in die Betten. Das Schimpfen meiner Mutter hörten wir bis in unsere Zimmer im ersten Stock. Ich denke, Mama hat Papa kräftig die Leviten gelesen. Aber in seinem Zustand hat der sich wahrscheinlich einfach im Bett umgedreht – und bestimmt gut geschlafen.

Und dann war da noch der Tag, an welchem mein junges Dasein fast ein jähes Ende gefunden hätte. Wir waren in einer kleinen Gruppe von Nachbarskindern unterwegs zum Kindergarten, tollten herum, spielten Fangen und waren einfach nur lustig. Als wir am Kaufladen vorbeikamen, erhielt jedes Kind von der Ladenbesitzerin, wie jeden Tag, ein Bonbon geschenkt. Ich nahm mir ein besonders großes, dunkelgrün leuchtendes und herrlich schmeckendes eckiges Teil. Wir waren noch nicht lange am Bach entlang gerannt, als ich plötzlich umkippte und dunkel im Gesicht wurde. Keiner wusste, was mit mir los war. Meine beste Freundin Karin machte das einzig Richtige: Sie rannte los und holte Hilfe. Zum Glück war nicht weit entfernt der Baron in seinem Garten bei der Arbeit. Der kam gerannt, machte mit leichter Gewalt meinen Mund auf und erkannte das Übel: Beim Springen und Reden hatte ich mir das geschenkte Bonbon in die Luftröhre gezogen und dieses verstopfte nun meinen Rachen. Der Baron schnappte mich an den Fußknöcheln, schüttelte mich einige mal hoch und runter und das schöne, grüne Bonbon flutschte mir aus dem Mund. Diese „beinahe Katastrophe“ ging völlig unbemerkt am Rest der Welt vorbei.

Im gleichen Laden sah ich Jahre später beim Einkauf immer die braunen Bananen.

„Was machst du mit den braunen Bananen? Die kann doch keiner mehr essen“, fragte ich die Ladenbesitzerin.

„Die müssen wir leider wegwerfen.“

In mir keimte eine Idee, für meine 12 Jahre sogar eine ganz tolle. Einige Tage überlegte ich mir, wie ich es am besten anstellen konnte, aus diesen alten Bananen einen Schnaps herzustellen. Traubensaft ließ man ja auch einfach im Fass reifen und sie ergaben einen ganz tollen Wein. Warum sollte das mit braunen Bananen, also sehr reifen Früchten, nicht auch klappen. Im Buch „Der deutsche Bauer“ fand ich einen kurzen Artikel über das „Brennen von Obst“. Das war mir alles zu kompliziert.

Ich beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Sollte das Ganze klappen, würde sich mein Vater viel Geld einsparen. Er könnte dann zu Hause meinen selbstgemachten Schnaps trinken und bräuchte nicht jeden Tag in der Linde zu sitzen. Vielleicht ließe sich daraus sogar eine ganz große Firma aufbauen, die uns dann auch noch richtig reich machte. In meiner kindlichen Vorstellung sah ich schon einige hundert Mark, die da in Mutters Haushaltskasse flossen.

„Bekomme ich die braunen Bananen umsonst?“, fragte ich beim nächsten Einkauf.

„Klar, dafür musst du nichts bezahlen. Was willst du denn damit machen?“ Neugierig sah mich die Ladenbesitzerin an.

„Weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht kann man die ein oder andere auch noch essen.“ Ich war nicht bereit, ihr meine Geschäftsidee zu verraten. Nicht, dass sie selbst noch auf den Gedanken kam, meine Idee in die Tat umzusetzen. Sie verdiente schließlich genug mit ihrem A&O Laden.

Bereitwillig packte sie mir rund 10 braune Früchte ein. Ganz oben legte sie eine nur braun-fleckige Banane.

„Die kannst du in jedem Fall noch essen. Wenn du noch mehr brauchst, sag mir einfach Bescheid.“

Zu Hause angekommen, verdrückte ich zunächst die noch essbare, fleckige Banane. Sie schmeckte köstlich. Bananen gab es fast nie, da wir alles andere Obst selbst zur Genüge im Feld und im Garten hatten. Sollte das mit den Bananen klappen, könnte ich vielleicht noch Schnaps aus anderen Obstsorten produzieren.

Kurzerhand schälte ich die braune, matschige Masse aus den Schalen, verrührte die Pampe in einem kleinen Eimer mit zwei Gläsern Wasser, gab noch etwas aus der Küche geklauten Zucker dazu und schob diesen Eimer ganz hinten unter mein Bett. Täglich rührte ich, wenn ich aus der Schule kam, die Maische um.

Nach dem dritten Tag fragte ich mich allerdings, ob das Ganze überhaupt klappen würde. Das Zeug wurde zwar leicht schaumig, was für mich den Beginn des Gärprozesses signalisierte, fing aber auch an, leicht zu riechen. Da ich das Zimmer mit meinem Bruder teilte und meine zwei Schwestern unser Zimmer immer durchqueren mussten, um ihr Schlafdomizil zu erreichen, konnte das noch Schwierigkeiten geben.

Am nächsten Tag war der Eimer weg.

„Was war das für eine Sauerei in dem Eimer unter deinem Bett?“ Mutter sah mich streng an.

Es blieb mir nichts Anderes übrig. Ich musste ihr von meiner Idee erzählen. Vor lauter Lachen tat ihr hinterher der Bauch weh und die Tränen liefen ihr die Wangen herunter.

„Oh Junge, du musst noch viel lernen. So leicht ist das Leben nicht.“ Sprach es, struwelte mir durch die Haare und schickte mich raus zum Spielen. Über die tolle Geschäftsidee wurde nie wieder gesprochen. Natürlich holte ich auch keine weiteren matschigen Bananen aus dem Kaufladen.

In meiner Erinnerung verging die Kindheit viel zu schnell und ohne weitere Ereignisse, die ich heute erwähnenswert finden würde.

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