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Schwarzes Verlangen

Gena Showalter

Die Herren der Unterwelt 10:

Schwarzes Verlangen

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Freya Gehrke

An erster Stelle für meine Lektorin, Emily Ohanjanians. Deine Verständigkeit erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Ich danke dir so sehr für all deine harte Arbeit und deine Hingabe.

Zweitens für meine Agentin, Deidre Knight. Ich fühle mich so gesegnet, dich in meiner Ringecke zu haben. Was auch immer ich dir aufhalse, du bist immer da, um mir zu helfen!

Für Carla Gallway, für alles, was du tust! Großzügig und so herzerwärmend freundlich stellst du deine Zeit und deine Ressourcen zur Verfügung, und ich bin so dankbar, dich zu kennen!

Für die Gewinnerinnen des Blog-Wettbewerbs: Sabrina Collazo, Lizabel Rivera-Coriano, Charlayne Elizabeth Denney, Seemone Washington und Joni Payne. Ich hoffe, Kanes Geschichte begeistert euch genauso sehr wie mich.

Für Michelle Renaud und Lisa Wray. Ihr seid meine Mädels, und ich könnte mir kein besseres Team wünschen!

Für mein Lieblingsrestaurant, The Stuffed Olive, dafür, dass ihr mich verpflegt habt, während ich auf die Deadline hingearbeitet habe!

Keine Widmung wäre vollständig, ohne dass ich meine geliebte Jill Monroe erwähne. Mich wirst du nicht wieder los, denn ich werde dich niemals gehen lassen!

“Man hat mir gesagt, ich bin fast so gefährlich wie ein Tsunami.“

– Kane, Herr der Unterwelt

“Man hat mir gesagt, ich bin ein Tsunami.“

– Josephina Aisling

1. KAPITEL

New York City

Gegenwart

Josephina Aisling blickte auf den Mann hinunter, der vor ihr ausgebreitet auf dem Motelbett lag. Er war ein unsterblicher Krieger und auf eine Weise schön, wie es ein Sterblicher nie sein könnte. Sein seidiges Haar fiel in einer makellosen Mischung aus Schwarz, Kastanienbraun und Flachsblond auf das Kissen und ließ sie den Blick für einen Moment auf ihm ruhen, dann für einen weiteren Moment … Gütiger Himmel, warum eigentlich nicht für immer?

Sein Name war Kane. Er hatte lange Wimpern, eine markante Nase und ein stures Kinn. Mit seinen eins fünfundneunzig war er mit der Art Muskeln bepackt, die man sich ausschließlich auf den blutigsten Schlachtfeldern erarbeitete. Obwohl er eine schmutzige lange Hose trug, wusste sie, dass sich darunter auf seiner rechten Hüfte ein großes Schmetterlingstattoo verbarg, in tiefschwarzer Tinte und mit scharfen, gezackten Konturen. Die Flügelspitzen ragten unter dem Hosenbund hervor, und ab und zu glitten winzige Wellen darüber, als versuchte das Insekt, sich von der Haut zu erheben – oder sich tiefer hineinzugraben.

Beides war möglich. Die Tätowierung war das Mal des absolut Bösen, ein sichtbares Zeichen des Dämons, der in Kanes Körper gefangen war.

Dämon … Sie erschauerte. Herrscher der Hölle. Lügner. Diebe. Mörder. Aus ihnen sprach tiefste Finsternis, ohne jede Spur von Licht. Sie verlockten und verführten. Sie verdarben, folterten und vernichteten.

Doch Kane war nicht der Dämon.

Wie alle Mitglieder ihres Volks, der mächtigen Fae, hatte sie den Großteil ihres Lebens damit verbracht, Kane und seine Freunde zu studieren – die Herren der Unterwelt. Genauer gesagt hefteten sich auf Befehl des Königs der Fae seit unzähligen Jahrhunderten Spione an die Fersen der Krieger, die alles beobachteten und Bericht erstatteten. Diese Berichte wurden von Schriftgelehrten festgehalten und davon Bücher gedruckt, mit Bildern und Geschichten darüber, was die Spione gesehen hatten. Mütter hatten diese Bücher gekauft und ihren Kindern daraus vorgelesen. Dann, als diese Kinder erwachsen geworden waren, hatten sie sich selbst die nächsten Bücher gekauft, gefesselt von der Gier zu erfahren, was als Nächstes geschehen würde.

Die Herren der Unterwelt waren zu den Helden der besten und schrecklichsten Seifenoper zugleich in Séduire geworden, dem Reich der Fae.

Josephina verschlang davon regelrecht jedes Detail. Vor allem die über den megasexy Paris und den herzzerreißend einsamen Torin. Die wunderschöne Tragödie über Kane kam gleich darauf an dritter Stelle. Seine Lebensgeschichte könnte sie vermutlich besser wiedergeben als ihre eigene.

Er war Tausende von Jahren alt. Zeit seines Lebens hatte er insgesamt nur vier feste Freundinnen gehabt. Auch wenn er sich für eine Weile mit einer Reihe bedeutungsloser One-Night-Stands vergnügt hatte. Schlacht um blutige Schlacht hatte er ausgefochten, immer gegen seine schlimmsten Feinde, die Jäger. Dreimal war es ihnen gelungen, ihn gefangen zu nehmen, um ihn dann zu foltern – und atemlos hatte sie auf die Nachricht von seiner Befreiung gewartet.

Noch viel früher, ganz am Anfang, hatten er und seine Freunde die Büchse der Pandora gestohlen und geöffnet und damit die Dämonen losgelassen, die darin gefangen gehalten wurden. Zu jener Zeit waren die Griechen an der Macht gewesen, und sie hatten beschlossen, die Krieger zu bestrafen, indem sie ihre Körper zu Gefäßen für das Böse machten, das sie entfesselt hatten. Kane trug Katastrophe in sich. Die anderen waren mit Promiskuität, Krankheit, Misstrauen, Gewalt, Tod, Schmerz, Zorn, Zweifel, Lügen, Elend, Geheimnissen und Niederlage geschlagen. Jede der Kreaturen brachte einen beinahe lähmenden Fluch mit sich.

Promiskuität musste jeden Tag mit einer anderen Frau schlafen, oder er würde an Kraft verlieren und sterben.

Krankheit konnte kein anderes Lebewesen berühren, ohne eine Epidemie auszulösen.

Katastrophe hinterließ nichts als Desaster, wohin Kane auch ging – eine Tatsache, die Josephina ins Herz schnitt und die sie sehr gut nachfühlen konnte. Ihr gesamtes Leben war ein Desaster.

„Fass mich nicht an“, murmelte er, und es klang wie ein scharfes, hartes Krächzen. Mit den muskulösen Beinen wühlte er die bereits arg zerknitterte Decke fort. „Hände weg. Stopp. Ich hab Stopp gesagt!“

Armer Kane. Schon wieder quälte ihn ein Albtraum.

„Niemand fasst dich an“, versicherte sie ihm sanft. „Du bist in Sicherheit.“

Sofort wurde er ruhiger, und erleichtert stieß sie den Atem aus.

Als sie ihn gefunden hatte, war er in der Hölle auf einen Felsblock gefesselt gewesen, den Brustkorb weit aufgerissen, die Rippen gespreizt und nach außen ragend, die Hand- und Fußgelenke durchgenagt bis auf ein paar zerfledderte Sehnen und Bänder.

Er hatte ausgesehen wie ein Stück Fleisch beim Schlachter.

Ich hätte gern zwei Pfund Rumpsteak und ein Pfund Gehacktes vom Nackenstück.

Ekelhaft. Echt ekelhaft. Du widerst mich an. Über die Jahre hatte sie so viel Zeit allein verbracht, dass Selbstgespräche für sie die einzige Möglichkeit geworden waren, sich zu amüsieren … und traurigerweise auch die einzige Art von Gesellschaft für sie waren. Ich hätte vier Pfund Schweinerücken bestellt.

Ihn zu finden, war – trotz seines Zustands – das Beste, was ihr je im Leben passiert war. Er war ihr Ticket in die Freiheit. Oder wenigstens … zur Akzeptanz?

Prinzessin Synda, ihre Halbschwester und die allerüberbeste Frau, die das Volk der Fae je hervorgebracht hatte, war keine Herrin der Unterwelt, dennoch trug sie den Dämon der Unverantwortlichkeit in sich. Offenbar hatte es mehr Dämonen als freche, Büchsen stehlende Krieger gegeben, weshalb die übrig gebliebenen Wesen auf die Insassen des Tartarus verteilt worden waren – eines unterirdischen Gefängnisses für Unsterbliche. Syndas Ehemann war damals einer dieser Insassen gewesen, und bei seinem Tod hatte sich der Dämon auf unerklärliche Weise in ihrem Inneren eingenistet.

Als der König der Fae davon erfahren hatte, waren umfassende Nachforschungen zu allen Details des Falls angestellt worden – und zu einer möglichen Lösung. Bisher jedoch ohne Ergebnis.

Ich könnte Kane zu einer Sitzung des Hohen Rats der Fae mitbringen und mit ihm angeben. Könnte dafür sorgen, dass er der Versammlung alle möglichen Fragen beantwortet. Und vielleicht würde mein Vater mich dann sehen, und zwar wirklich sehen, zum ersten Mal in meinem Leben.

Sie ließ die Schultern zusammensacken. Nein, dahin gehe ich nie mehr zurück.

Josephina war schon immer die Prügelmagd der königlichen Familie gewesen, und so würde es auch immer sein. Allein dazu bestimmt, die Strafen zu erdulden, die Synda, der Geliebten, zustanden.

Und Synda stand immer eine Strafe zu.

Letzte Woche hatte die Prinzessin in einem Tobsuchtsanfall die königlichen Stallungen niedergebrannt, und mit ihnen alle darin eingesperrten Tiere. Josephinas Strafe? Eine Fahrkarte ins Endlose – ein Portal in die Hölle.

An jenem Ort war ein Tag wie tausend Jahre und ein Jahrtausend wie ein Tag, also war sie hinabgestürzt in einen schwarzen Abgrund, eine scheinbar endlose Ewigkeit lang. Sie hatte geschrien, doch niemand hatte sie gehört. Sie hatte um Gnade gefleht, doch keinen hatte es interessiert. Sie hatte geweint, doch nirgendwo Halt gefunden.

Dann war sie zusammen mit einem anderen Mädchen mitten in der Hölle gelandet.

Es war mehr als eine überraschende Erkenntnis, dass sie gar nicht wirklich allein gewesen war.

Das Mädchen hatte sich als Phönix entpuppt, eine Rasse, die von den Griechen abstammte. Jeder reinblütige Krieger unter ihnen besaß die Fähigkeit, von den Toten aufzuerstehen, ein ums andere Mal, und wurde mit jeder Erweckung stärker – bis ihn der endgültige Tod ereilte und keine körperliche Erneuerung mehr möglich war.

Kane begann von Neuem, sich hin und her zu wälzen und zu stöhnen.

„Ich lass nicht zu, dass dir was geschieht“, versprach sie ihm.

Und wieder beruhigte er sich.

Wenn die Phönix doch nur halb so gut auf sie reagiert hätte. Bei ihrem Anblick war Josephina purer Hass entgegengeschlagen, ein Hass, der weit über das hinausging, was die Kinder der Titanen – wie Josephina – und die Kinder der Griechen üblicherweise füreinander empfanden. Trotzdem hatte die Phönix nicht versucht, sie zu töten, sondern ihr sogar erlaubt, ihr auf der Suche nach dem Ausgang durch die Höhle zu folgen, ohne dass sie ihre eigenen schwindenden Kräfte beanspruchen musste. Genau wie Josephina hatte sie einfach nur rausgewollt.

An scharlachrot bespritzten Wänden waren sie vorbeigestolpert, in der Lunge den Übelkeit erregenden Gestank von Schwefel. Ein Grunzen und Stöhnen hatte ihre Ohren belagert und sich zu einer grauenvollen Sinfonie vereint, auf die ihre im Endlosen abgestumpften Sinne nicht vorbereitet gewesen waren. Dann waren sie über den verstümmelten Krieger gestolpert. Josephina hatte ihn erkannt, trotz seines Zustands, und war stehen geblieben.

Ehrfurcht hatte sie erfüllt. Dort vor ihrer – ihrer! – Nase befand sich einer der berüchtigten Herren der Unterwelt. Sie hatte nicht gewusst, wie sie ihm helfen sollte, wo sie sich doch kaum selbst helfen konnte, doch sie war entschlossen gewesen, es zumindest zu versuchen. Was auch immer sich dazu als nötig erwies.

Eine Menge hatte sich als nötig erwiesen.

Sie blickte zu ihm hinüber. „Du bist meine erste und einzige Möglichkeit, mir meinen neuerdings größten Wunsch zu erfüllen“, gestand sie. „Etwas, das ich definitiv nicht allein schaffe. Und sobald du aufwachst, werde ich die Einlösung deines Versprechens brauchen.“

Und dann …

Sie seufzte und verstummte. Zaghaft strich sie ihm mit den Fingerspitzen über die Stirn.

Selbst im Schlaf zuckte er noch zusammen. „Nicht“, drohte er. „Ich vernichte dich, Stück für Stück. Dich und deine gesamte Sippschaft.“

Das war keine Wichtigtuerei, keine leere Drohung. Er würde dafür sorgen, dass es genau so geschah, und vermutlich würde er dabei noch lächeln.

Vermutlich? Ha! Definitiv. Wie ein typischer Herr der Unterwelt eben.

„Kane“, sagte sie, und wieder wurde er ruhig. „Ich glaube, es wird Zeit, aufzuwachen. Meine Familie ist da draußen, und die wollen mich zurückhaben. Auch wenn für mich in diesem Abgrund tausend Jahre vergangen sind, war es für sie nur ein einziger Tag. Und da ich nicht nach Séduire zurückgekehrt bin, sind wahrscheinlich Fae-Soldaten auf der Jagd nach mir.“

Und um ihrer kleinen Schüssel Frühstückselend das Sahnehäubchen aufzusetzen, machte die Phönix definitiv Jagd auf sie, wild entschlossen, sie zu ihrer Sklavin zu machen und das Unrecht zu rächen, das Josephina ihr auf der Flucht angetan hatte.

„Kane.“ Sanft rüttelte sie ihn an der Schulter. Seine Haut war unglaublich weich und glatt, zugleich jedoch fiebrig heiß, die Muskeln darunter so fest und hart wie Granaten. „Du musst bitte die Augen aufmachen.“

Lange Wimpern schossen nach oben und enthüllten gold-smaragdfarbene Iris, die glasig und trüb wirkten. In der nächsten Sekunde fühlte sie, wie sich Männerhände um ihren Hals schlossen und sie auf den Rücken geworfen wurde. Die Matratze federte, selbst unter ihrem mickrigen Gewicht. Doch sie setzte sich nicht zur Wehr, als Kane sich auf sie rollte, sie mit seinem Körper regelrecht festnagelte. Er war schwer und sein Griff um ihre Kehle so hart, dass sie den Rosenduft nicht einatmen konnte, den sie mittlerweile mit ihm assoziierte. Ein seltsamer Geruch an einem Mann – einer, den sie nicht recht einordnen konnte.

„Wer bist du?“, fuhr er sie an. „Wo sind wir?“

Er hat mich direkt angesprochen. Mich!

„Antworte.“

Sie versuchte es, scheiterte jedoch.

Dann lockerte er den Griff um ihre Kehle.

So. Schon besser. Tief einatmen. Und wieder ausatmen. „Zunächst einmal bin ich deine zutiefst beeindruckende und wundervolle Retterin.“ Da mit dem Tod ihrer Mutter auch der einzige Mensch gestorben war, der ihr Komplimente machte, hatte sie beschlossen, sich eben selbst bei jeder Gelegenheit welche zu machen. „Lass mich los, dann klären wir alles andere.“

„Wer?“, beharrte er und drückte wieder fester zu.

In ihrem Sichtfeld blitzte es schwarz auf. Ihre Lungen brannten, lechzten nach Luft, doch noch immer leistete sie keinen Widerstand.

„Weib.“ Erneut verringerte er den Druck ein wenig. „Antworte. Jetzt.“

„Höhlenmensch. Freilassen. Jetzt“, gab sie zurück, während sie nach Atem rang.

Würdest du wohl bitte dein Mundwerk im Zaum halten? Du willst ihn doch nicht verscheuchen.

Abrupt riss er sich von ihr los und kauerte sich am anderen Ende des Betts zusammen. Wachsam behielt er sie im Blick, beobachtete, wie sie sich langsam aufsetzte. Eine heiße Röte lag auf seinen Wangen, und sie fragte sich, ob ihm sein Handeln peinlich war oder ob er bloß darum kämpfte, die Schwäche zu verbergen, die immer noch durch seine Adern strömte.

„Du hast fünf Sekunden, Weib.“

„Sonst was, Krieger? Tust du mir weh?“

„Ja.“ Entschlossen. Selbstbewusst.

Wie süß. Wäre es sehr seltsam, wenn sie ihn fragte, ob er ihr T-Shirt signieren könnte? „Weißt du nicht mehr, was du mir versprochen hast?“

„Ich habe dir gar nichts versprochen“, entgegnete er. Doch auch wenn sein Tonfall von Sicherheit erfüllt war, spiegelte sich Verwirrung in seinen Zügen wider.

„Hast du wohl. Denk an deinen letzten Tag in der Hölle zurück. Da waren du und ich und ein paar Tausend deiner grausamsten Feinde.“

Er zog die Augenbrauen zusammen, und in seinem Blick erwachte Erinnerung, Begreifen … und dann Entsetzen. Abrupt schüttelte er den Kopf, als versuchte er verzweifelt, die Gedanken loszuwerden, die jetzt in seinem Geist aufblitzten. „Das ist nicht dein Ernst. Das kannst du unmöglich ernst gemeint haben.“

„Doch, das habe ich.“

Er machte mit dem Kiefer ein knackendes Geräusch, eine Geste unterdrückter Aggression. „Wie ist dein Name?“

„Ich glaube, es ist besser, wenn du das nicht weißt. Auf diese Weise ist die emotionale Bindung nicht so groß, und du kannst leichter tun, was ich von dir verlange.“

„Ich habe nie wirklich gesagt, dass ich es tun würde“, quetschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und warum siehst du mich so an?“

„Wie denn?“

„Als wäre ich … eine riesige Schachtel Pralinen.“

„Ich hab von dir gehört“, sagte sie und beließ es dabei. Es war die Wahrheit, ohne näher auf sie einzugehen.

„Wohl kaum. Wenn du irgendwas über mich gehört hättest, würdest du panisch wegrennen.“

Ach, tatsächlich? „Ich weiß, dass dich deine Freunde in den vielen Schlachten, die ihr geschlagen habt, oft zurückgelassen haben, weil sie Angst hatten, du würdest irgendeine Tragödie verursachen. Ich weiß, dass du dich oft von der Welt fernhältst, weil auch du dich davor fürchtest. Und trotzdem ist es dir gelungen, Tausende niederzustrecken. Vielleicht sogar Zillionen?“

Er fuhr mit der Zunge über seine perfekten weißen Zähne. „Woher weißt du das?“

„Nennen wir es doch einfach … Klatsch und Tratsch.“

„Klatsch ist nicht immer wahr“, murmelte er. In Sekundenschnelle ließ er den Blick durch den Raum gleiten und dann wieder auf ihr nieder.

Zufällig wusste sie auch, dass dieses Abtasten mit den Augen eine Gewohnheit war, die er im Lauf der Jahre entwickelt hatte und mit der er alles Wichtige aufnehmen wollte. Eingänge, Ausgänge, Waffen, die gegen ihn verwendet werden könnten – Waffen, die er verwenden könnte.

Diesmal gab es nur die sich von der Wand lösende vergilbte Tapete und den mitgenommenen Nachttisch mit der gesprungenen Lampe darauf zu sehen. Die ratternde Klimaanlage. Den braunen Zottelteppich. Den Mülleimer voller blutiger Stofffetzen und entleerter Medizinfläschchen, mit denen sie seine aufgeschürfte Haut behandelt hatte.

„Da unten in der Hölle“, setzte er an. „Du hast mir bloß erzählt, was du wolltest, und dann den Fehler begangen anzunehmen, ich hätte zugestimmt.“

Das klang wie eine Absage. Aber … er kann es mir nicht verweigern. Nicht nach all dem. „Du hast dein Einverständnis geröchelt. Danach hab ich meinen Teil der Abmachung erfüllt. Jetzt wirst du deinen einhalten.“

„Nein. Ich hab nie um deine Hilfe gebeten.“ Wie ein Peitschenhieb fuhr seine Stimme durch sie hindurch und hinterließ ein deutlich spürbares Stechen. „Hab sie nie gewollt.“

„Und wie du sie wolltest! Deine Augen haben mich angefleht, und dem kannst du nicht widersprechen. Du konntest deine Augen schließlich nicht sehen, also hast du auch keine Ahnung, was sie getan haben.“

Es folgte eine ausgedehnte Pause. Dann erklärte er erstaunlich ruhig: „Ich glaube, das ist das unlogischste Argument, das ich je gehört habe.“

„Nein, das klügste. Dein armseliges Hirn kann’s bloß nicht verarbeiten.“

„Meine Augen haben nicht gefleht“, widersprach er, „und das ist mein letztes Wort.“

„Haben sie wohl“, beharrte sie. „Und ich hab was Furchtbares getan, um dich da rauszuholen.“ Leider würde sich das Problem nicht beheben lassen, indem sie der Phönix zur Entschuldigung eine Karte schickte.

So schwach, wie Josephina in der Hölle gewesen war, hatte sie, um Kane zu retten, Hilfe benötigt. Nur hatte es da ein kleines Problem gegeben, als sie die Phönix eingeholt hatte, die sich weiter ihren Weg in die Freiheit bahnte. Das Mädchen hatte sich so vehement geweigert – von mir aus kannst du in der Hölle verrotten, du Fae-Hure –, dass Josephina gewusst hatte, es gab keinen Weg, sie umzustimmen. Also hatte Josephina die Fähigkeit eingesetzt, die nur sie allein besaß. Unter den richtigen Umständen ein Segen. Doch davon abgesehen ein Fluch, der sie dazu verdammte, in einer Welt ohne Körperkontakt zu leben. Mit nur einer Berührung hatte sie der Phönix sämtliche Kraft aus dem Körper gezogen und das Mädchen auf ein bewegungsunfähiges Häuflein reduziert.

Gut, Josephina hatte sich die Kriegerin schließlich über die Schulter geworfen und sie aus der Hölle getragen, genau wie sie es mit Kane getan hatte. Auf dem Weg hatte sie sogar mit Dämonen gekämpft – ein Wunder, wenn man bedachte, dass sie in ihrem Leben noch nie gekämpft hatte – und irgendwann auch einen Ausgang gefunden. Doch das würde für die Phönix keine Rolle spielen. Josephina hatte ein Verbrechen begangen, und der Preis dafür musste gezahlt werden.

„Ich hab nie von dir verlangt, irgendwas Furchtbares zu tun.“ Eine finstere Warnung lag in seiner Stimme.

Eine, die sie ignorierte. „Vielleicht nicht mit Worten, aber ich hab mir bei deiner Rettung trotzdem fast den Rücken gebrochen.“ Sie zog die Beine unter ihren Körper, wodurch sie die Matratze ins Federn brachte und den geschwächten Kane beinahe hinuntergeworfen hätte. „Du wiegst gefühlte zehntausend Kilo. Aber das sind prachtvolle Kilos“, fügte sie hastig hinzu. Hör auf, den Mann zu beleidigen!

Mit zusammengekniffenen Augen musterte er sie von oben bis unten. Die Beiläufigkeit, die er bei seiner Bestandsaufnahme des Zimmers an den Tag gelegt hatte, fehlte völlig, und gleichzeitig konnte sie seinen Blick fast auf sich spüren, so als hätte er sie berührt. Ob er die Gänsehaut bemerkte, die sich auf ihren Armen ausbreitete?

„Wie kann ein Mädchen wie du solch einen Kraftakt zustande bringen?“

Ein Mädchen wie sie. Konnte er ihre Minderwertigkeit spüren? Sie hob das Kinn und erklärte trotzig: „Informationsaustausch war nicht Teil unserer Vereinbarung.“

„Zum letzten Mal, Weib, es gibt keine Vereinbarung.“

Ein rasendes Beben breitete sich in ihr aus und überschattete … was auch immer er vorher für Gefühle in ihr ausgelöst hatte. „Wenn du nicht tust, was du versprochen hast, dann … dann …“

„Was?“

Werde ich für den Rest meines Lebens leiden. „Was wäre nötig, damit du es dir anders überlegst und das Richtige tust?“

Augenblicklich verschloss sich seine Miene und verbarg all seine Gedanken. „Zu welcher Spezies gehörst du?“

Na, wenn das kein Themenwechsel war, aber okay, sie würde mitspielen. Die Fae waren keine besonders beliebte Rasse: die Männer weithin bekannt für ihren Mangel an Ehre im Kampf sowie eine unersättliche Begierde, mit allem zu schlafen, was nicht bei drei auf den Bäumen war; die Frauen berüchtigt für ihre Hinterhältigkeit und Skandale – und, okay, ihre Fähigkeit, hammermäßige Kleider zu schneidern. Vielleicht würde ihn dieses Wissen zum Umdenken bewegen.

„Ich bin halb Mensch, halb Fae. Siehst du?“ Sie strich die Haare zurück und lenkte damit seine Aufmerksamkeit auf ihre spitzen Ohren.

Als er die Spitzen entdeckte, runzelte er die Stirn. „Fae sind Abkömmlinge der Titanen. Titanen sind die Kinder von gefallenen Engeln und Menschen. Im Augenblick herrschen sie über die niederste Ebene der Himmelreiche.“ Die Worte kamen wie aus der Pistole geschossen.

Nicht einem Star gegenüber die Augen verdrehen. „Danke für den Geschichtsunterricht.“

Er runzelte die Stirn. „Demnach bist du …“

In seinen Augen böse? Eine Feindin?

Stumm schüttelte er den Kopf, anscheinend wollte er nicht länger darüber nachdenken. Dann zog er die Nase kraus, als hätte er etwas … nicht Unangenehmes, aber auch nicht Willkommenes gerochen. Scharf sog er die Luft ein, und sein Stirnrunzeln vertiefte sich. „Du siehst nicht im Entferntesten so aus wie das Mädchen … die Mädchen, die mich gerettet haben … Nein, hat. Nur eine“, stellte er fest und schüttelte noch einmal den Kopf, als versuchte er, dem Geschehenen einen Sinn zu verleihen. „Ihr Haar und ihr Gesicht haben sich immer wieder verändert, ich erinnere mich an jede einzelne Erscheinung. Und doch ist deine jetzige Gestalt keine davon. Aber dein Geruch …“

War derselbe, ja. „Ich hatte die Fähigkeit, mein Äußeres zu verändern.“

Eine seiner Augenbrauen schoss in die Höhe. „Hatte? Vergangenheitsform?“

Trotz seines angeschlagenen Zustands war ihm das nicht entgangen. „Richtig. Diese Fähigkeit besitze ich nicht mehr.“ Die Kraft – und Fähigkeiten –, die sie sich von anderen lieh, blieben entweder nur eine Stunde bei ihr oder aber bis zu mehreren Wochen. Über den Zeitrahmen hatte sie keinerlei Kontrolle. Was sie von der Phönix genommen hatte, war gestern verflogen.

„Du lügst. Niemand hat an dem einen Tag eine Fähigkeit und am nächsten nicht mehr.“

„Ich lüge nie – außer bei den wenigen Gelegenheiten, wenn ich’s doch tue. Aber das ist nie Absicht, und jetzt gerade sag ich die absolute Wahrheit.“ Sie hob die rechte Hand. „Ich schwör’s.“

Er verzog den Mund. „Wie lange bin ich schon hier?“

„Sieben Tage.“

„Sieben Tage“, wiederholte er und rang dabei nach Luft.

„Genau. Die meiste Zeit über haben wir ‚inkompetente Ärztin und undankbarer Patient’ gespielt.“

Ein düsterer Gesichtsausdruck verzerrte seine Züge. Und, oh, war das ein Furcht einflößender Anblick. Die Bücher wurden ihm nicht gerecht. „Sieben Tage“, sagte er noch einmal.

„Ich versichere dir, ich hab mich nicht verzählt. Im Kalender meines Herzens hab ich die Sekunden angestrichen.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. „Du bist ganz schön neunmalklug, was?“

Augenblicklich begann sie zu strahlen. „Wirklich? Findest du?“ Das war das erste Kompliment von jemand anderem als ihr selbst seit dem Tod ihrer Mutter, und sie würde es in ihrem Herzen bewahren. „Danke. Würdest du sagen, dass ich hochintelligent bin, oder bin ich bloß leicht überdurchschnittlich?“

Er ließ den Unterkiefer sinken, als wollte er etwas sagen, doch es kam kein Ton heraus. Seine Lider schlossen sich … öffneten sich … schlossen sich wieder, und sein muskulöser Körper begann zu schwanken. Gleich würde er umkippen, und wenn er auf dem Fußboden landete, würde sie ihn nie wieder aufs Bett gewuchtet kriegen.

Josephina stürzte nach vorn und streckte die behandschuhten Finger nach ihm aus. Obwohl er bereits kippte, schlug er ihre Arme fort, als wollte er jedem Kontakt ausweichen. Kluger Mann (so klug, wie er sie fand?). Und so fiel er und krachte mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich.

Als sie hastig vom Bett krabbelte, um zu ihm zu eilen – was auch immer sie da ausrichten wollte, sie hatte keine Ahnung –, flog die Tür des Motelzimmers auf, sodass Holzsplitter in alle Richtungen flogen. Ein hochgewachsener, muskelbepackter Krieger mit dunklen Haaren stand auf der Schwelle, die Züge in Schatten getaucht. Er strahlte pure Bedrohlichkeit aus. Vielleicht, weil er zwei Dolche in der Hand hielt – die bereits blutverschmiert waren.

Ein weiterer Krieger trat hinter ihn, blond und mit … Großer Gott. In seinem Haar hatten sich menschliche Überreste verfangen.

Die Männer ihres Vaters hatten sie gefunden.

2. KAPITEL

Kane kämpfte gegen eine Woge von Schmerz, Erniedrigung und Versagen an. Voll ausgebildet war er erschaffen worden, ein Krieger bis ins Mark. Über die Jahrhunderte hatte er in zahllosen Schlachten gekämpft. Feind um Feind hatte er erschlagen und so einige blutige Wunden davongetragen – doch immer war er mit einem Lächeln aus dem Kampf hervorgegangen. Er hatte gekämpft, und er hatte gewonnen, und andere hatten dafür gelitten, dass sie es gewagt hatten, auf ihn loszugehen. Und trotzdem lag er hier, auf dem Fußboden in einem dreckigen Motel, zu schwach, um sich zu regen. Der Gnade einer wunderschönen, zerbrechlichen Frau ausgeliefert, die ihn in seinen schlimmsten Momenten gesehen hatte: in Ketten, misshandelt und aufgeschlitzt nach einer weiteren Folterrunde.

Er wollte diese Bilder aus ihren Gedanken löschen, und wenn er dafür in ihren Kopf greifen und sie mit einem Skalpell herausschneiden müsste.

Und dann würde er sie auch aus seinem Kopf schneiden. Die Jäger, die ihm die Schuld gaben für jedes Desaster, das sie je erlebt hatten. Ihre Bombe. Eine Reise in die Hölle. Der Angriff einer Horde von Dämonenlakaien, die sämtliche Jäger getötet und Kane verschleppt hatten. Tag um Tag dieselbe Qual.

Eiserne Fesseln. Das tropfende Geräusch von Blut. Befriedigtes Grinsen, blutbefleckte Zähne. Überall Hände. Suchende Münder. Leckende Zungen.

Im Hintergrund ein leiser Soundtrack. Schmerzerfülltes Stöhnen – von ihm. Lustvolles Stöhnen – ganz sicher nicht von ihm. Das Klatschen von Fleisch auf Fleisch. Kratzende Nägel, die sich immer tiefer gruben. Bellendes Gelächter.

Grauenvolle Gerüche drangen in seine Nase. Schwefel. Erregung. Schmutz. Altes Kupfer. Schweiß. Der stechende Gestank der Angst.

Eine brutale Emotion nach der anderen prasselte auf ihn ein. Ekel, Zorn, das Gefühl absoluter Vergewaltigung. Kummer, Erniedrigung, Trauer. Hilflosigkeit. Panik. Noch mehr Ekel.

Er stöhnte, ein tragisches Geräusch. In dem verzweifelten Versuch, einem Zusammenbruch zu entgehen, errichtete er eine schützende Mauer um seinen schreienden Geist und blockierte so die schlimmsten Empfindungen. Jetzt nicht darüber nachdenken. Ich … kann einfach nicht. Endlich war er frei. Das durfte er nicht vergessen. Er war gerettet worden.

Nein, nicht gerettet. Zumindest nicht sofort. Krieger hatten ihn den Lakaien abgenommen, nur um ihn für ihre ganz eigene Art der Folter festzubinden.

Dann war das Mädchen erschienen und hatte von ihm verlangt, ihr mit einer abscheulichen Tat zu helfen.

„Was hast du mit ihm gemacht?“, brüllte eine Männerstimme. „Warum waren da Fae-Soldaten vor der Tür und haben versucht, sich hier reinzuschleichen?“

„Halt. Ihr gehört nicht zu den Fae?“, hakte sie nach.

„Wer bist du, Weib?“

Kane erkannte den Sprecher. Es war Sabin, sein Anführer und der Hüter des Dämons Zweifel. Sabin war ein Mann, der nicht zögern würde, einer Frau das Genick zu brechen, wenn er glaubte, diese Frau hätte einen seiner Soldaten verletzt.

„Ich?“, entgegnete das Mädchen. „Ich bin niemand, und ich hab überhaupt nichts getan. Ehrlich.“

„Wenn du lügst, wird’s nur umso schlimmer für dich.“

Eine weitere Stimme, die Kane erkannte. Sie gehörte zu Strider, dem Hüter des Dämons Niederlage. Genau wie Sabin würde Strider nicht zögern, eine Frau anzugreifen, um einen Freund zu verteidigen.

Ihr Auftauchen hätte Kane beruhigen sollen. Sie waren Brüder im Herzen, die Familie, die er brauchte. Und sie würden ihn beschützen, ihn in Sicherheit bringen und alles in ihrer Macht Stehende tun, um für seine Genesung zu sorgen. Doch er war vernarbt, zerschlagen und emotional völlig nackt, und jetzt waren sie auch Zeugen seiner Schande.

„Ach, du meine Güte. Ich weiß, wer du bist“, japste das Mädchen. „Du bist … du bist … du.“

„Ja, und außerdem bin ich dein Verderben“, fuhr Sabin sie an.

Der Krieger nahm zweifellos an, dass das schwarzhaarige Mädchen für Kanes Zustand verantwortlich war. Ein Irrtum. Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, doch seine Bauchmuskeln waren noch nicht wieder ganz zusammengewachsen und stützten ihn kaum.

„Bitte versteh mich nicht falsch“, antwortete das Mädchen, „aber das ist so ziemlich das Lahmste, was jemals jemand zu mir gesagt hat – und Kane hat hier schon so einiges vom Stapel gelassen. Du bist ein glorreicher Krieger, überall bekannt für deine Kraft und Gerissenheit. Ich bin mir sicher, dass du noch ein paar bessere Drohungen auf Lager hast als das.“

Mehr als einmal hatte er sich zusammenreißen müssen, nicht über die albernen Dinge, die von diesen kirschroten Lippen kamen, zu lächeln, trotz der Schmerzen, die ihn ununterbrochen quälten. Und wieder war es so weit. Er verstand das nicht.

„Das kann man auch richtig verstehen?“, knurrte Sabin. „Bewach die Tür“, befahl er Strider. „Ich reiß sie in Stücke.“

„Keine Chance, Boss. Erst bin ich an der Reihe.“

„Heißt das, wir kämpfen auf Leben und Tod?“, fragte sie beiläufig.

„Ja“, antworteten beide Männer gleichzeitig.

„Oh, alles klar. Also gut. Dann fangen wir mal an, was?“

Kane merkte, wie er sich versteifte.

„Meint sie das ernst?“ Sabin.

„Auf keinen Fall.“ Strider.

„Und wie“, widersprach sie. „Total ernst.“

Ganz schön vorlaut für so ein winziges Mädchen.

Ein Mädchen, das Kane auf jede nur mögliche Weise verwirrte.

Sanft, fast liebevoll hatte sie sich um ihn gekümmert, und trotzdem hatte ihn bei jeder Berührung ein Schmerz durchfahren, der nicht von seinen Verletzungen herrührte. Doch es war kein guter Schmerz, der ihn daran erinnert hätte, dass er noch am Leben war. Es war vielmehr ein scharfes Pochen, das durch seine Adern strömte und bis in die letzte Zelle vordrang, wie eine Krankheit, ein Krebsgeschwür, das an ihm nagte und ihn drängte, so schnell wie möglich von ihr wegzukommen. Und dennoch, auf einer noch tieferen Ebene, wo seine Urinstinkte an einer zerfasernden Leine zerrten, spürte er das tiefe Bedürfnis, sie einfach zu packen, sie festzuhalten und nie wieder loszulassen.

Sie war wunderschön, witzig und liebenswert, und jedes Mal, wenn er sie ansah, dachte er nur ein einziges Wort. Meins.

Meins. Meins. MEINS.

Es war ein ununterbrochenes, ohrenbetäubendes Beharren, unwiderlegbar – unaufhaltsam. Und vor allem war es falsch. Sein „Meins“ würde ihm niemals Schmerzen zufügen. Und er wollte kein „Meins“. Jedes Mal, wenn er es mit einer Beziehung versucht hatte, war sie von dem Bösen in seinem Inneren zerstört worden – und mit ihr die Frau. Jetzt, nach allem, was ihm zugestoßen war …

Seine Abscheu wurde noch intensiver, zischte und sengte, und seine Hände verkrampften sich zu gefährlichen Waffen. Nein, er wollte kein „Meins“.

„Legst du’s drauf an zu sterben?“, fragte Strider, während er im Kreis um sie herumschlich.

„Versuchst du, Zeit zu schinden?“, gab sie zurück. „Du hast wohl Angst, dass du es nicht mit mir aufnehmen kannst?“

Scharf zog der Krieger die Luft ein.

Das Mädchen hatte eine Herausforderung ausgesprochen – absichtlich oder unabsichtlich? –, und der Dämon des Kriegers hatte sie soeben angenommen. Strider würde alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um zu gewinnen, und Kane konnte es ihm nicht verübeln. Jedes Mal, wenn der Mann eine Herausforderung verlor, litt er tagelang grauenhafte Qualen.

Dämonen brachten immer einen Fluch mit sich.

Ich muss ihn aufhalten. Ob das Mädchen zu Kane gehörte oder nicht, sie durfte nicht verletzt werden. Der Anblick von nur einem blauen Fleck auf dieser sonnengeküssten Haut würde ihm den Rest geben, das wusste er. Schon jetzt spürte er, wie sich die Finsternis in ihm erhob, kurz davor, die Kontrolle zu verlieren und in erschreckende Gewalttätigkeit auszubrechen.

Erneut versuchte er, sich aufzurichten, während er laut polternde Schritte vernahm, die den Boden erzittern ließen. Dumpfes Knurren ertönte. Das Rascheln von Stoff wisperte an ihm vorbei. Fleisch traf auf Fleisch, Knochen auf Knochen. Metall klirrte gegen Metall. Die Männer würden sie vernichten.

„Ist das alles, was ihr draufhabt?“, spottete das Mädchen – doch unter ihrem Spott atmete sie schwer. „Kommt schon, Jungs. Lasst uns das hier zu einem denkwürdigen Kampf machen. Einem für die Geschichtsbücher!“

„Nein““, wollte Kane schreien, doch nicht einmal an seine Ohren drang der Klang.

Strider sprang über ihn hinweg. Wieder ein metallisches Klirren.

„Was soll denn daran denkwürdig sein?“, brüllte Sabin. „Du springst doch immer nur aus dem Weg, wenn wir zuschlagen.“

„Tut mir leid. Das will ich eigentlich gar nicht, aber meine Instinkte sind einfach schneller als ich“, behauptete sie.

Für jeden außer Kane, der ihren geheimen Wunsch kannte, hätte diese Unterhaltung seltsam geklungen.

Der Kampf ging weiter, hartnäckig jagten die zwei Männer das Mädchen durch das kleine Zimmer, über Tische und Stühle, stießen sich von den Wänden ab und hieben mit hungrigen Klingen auf sie ein – doch verfehlten sie jedes Mal wieder, wenn sie flink davonhuschte.

Der innere Drang nach Gewalt verschärfte sich mit tödlicher Macht.

„Tut ihr nichts“, grollte er. „Sonst tue ich euch was.“ Er würde alles tun, um sie zu beschützen.

Selbst in diesem bemitleidenswerten Zustand?

Diese beschämende Frage ignorierte er.

Frage. Ja. Er hatte noch mehr Fragen an das Mädchen – und dieses Mal würde sie sie zu seiner Zufriedenheit beantworten, oder er würde … Er war sich nicht sicher, was er sonst tun würde. In jener Höhle hatte er jegliches Empfinden für Gnade und Mitgefühl verloren.

Bei seiner Drohung blieb Sabin abrupt stehen. Der Krieger senkte die Waffen.

Doch Strider weigerte sich aufzugeben und erwischte das Mädchen schließlich bei den Haaren. Sie schrie auf, als er daran zerrte und sie damit ruckartig an seinen muskulösen Körper zog.

Und jetzt kam Kane tatsächlich auf die Beine, wild entschlossen, die zwei auseinanderzureißen. Meins. Er marschierte auf Strider zu, stolperte dank seines Dämons über einen Schuh und krachte auf den Teppich. Er spürte, wie er vom Schmerz regelrecht verschlungen wurde.

Bevor das Mädchen um Hilfe rufen oder Striders Existenz verfluchen konnte, trat der ihr gegen die Knöchel, sodass sie zu Boden ging. Gleich darauf war er über ihr und fixierte ihre Schultern mit den Knien. Auch wenn sie weiterkämpfte, sie konnte sich nicht befreien.

„Ich hab … gesagt … nicht wehtun!“, schrie Kane mit dem letzten bisschen Kraft, das ihm noch geblieben war.

„Hey. Ich hab sie kaum angefasst. Außerdem hab ich gewonnen“, verkündete der Krieger, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Sabin marschierte zu Kane, hockte sich neben ihn und half ihm, sich auf den Rücken zu drehen. Dann schob ihm der Krieger sachte die Hände unter den Kopf und die Schultern. Kane zuckte vor dem körperlichen Kontakt zurück, eine Stimme in seinem Kopf protestierte dagegen, doch sein Freund hielt ihn fest und zog ihn vorsichtig in eine sitzende Position.

„Wir haben nach dir gesucht, Mann.“ Sanfte Worte, die ihn beruhigen und trösten sollten. Ein Jammer, dass nichts ihn je wieder beruhigen und trösten würde. „Und wir hätten niemals aufgegeben.“

„Wie?“, brachte er heraus. Lass mich los. Bitte lass mich einfach los.

Sabin verstand zwar seine Frage, aber nicht sein innerliches Flehen. „In irgendeiner Zeitung war eine Story über eine Art Superwoman in New York, die einen Hulk auf der Schulter getragen hat. Torin hat seine Zauberkünste spielen lassen und sich in die Sicherheitskameras in der Gegend gehackt, und zack – da warst du.“

Von ihrer eingezwängten Position am Boden aus sah das Mädchen zu ihm herüber. Etwas atemlos fuhr sie Sabin an: „Hey, merkst du nicht, dass er’s nicht mag, angefasst zu werden? Lass ihn los.“

Woher wusste sie das, wo es doch nicht einmal einem seiner besten Freunde aufgefallen war?

„Dem geht’s gut“, sagte Strider. „Warum trägst du Handschuhe, Weib?“

Doch anstatt zu antworten, schloss sie nur die Augen und fragte: „Bringst du mich jetzt um?“

„Nein!“, brüllte Kane. MEINS! MEINS!

Strider steckte seine Messer weg und stand auf. Augenblicklich rappelte sich auch das Mädchen auf. Lange Strähnen fielen ihr in die Stirn und über die Wangen; sie schob sich die Mähne hinter die spitzen Ohren, die ihn so überrascht hatten.

Die meisten Fae zogen es vor, in ihrem Reich zu bleiben. Sie gehörten nicht unbedingt zu den beliebtesten Rassen, und Unsterbliche neigten dazu, erst anzugreifen und dann Fragen zu stellen. Trotzdem war Kane über die Jahrhunderte einigen begegnet. Jeder dieser Fae hatte lockiges weißes Haar und milchweiße Haut. Diese hier jedoch besaß einen glänzenden Wasserfall tiefschwarzer Seide ohne die kleinste Welle und eine Haut im köstlichsten Bronzeton. Zeichen ihrer menschlichen Seite?

Doch ihre Augen gehörten ins Reich der Fae. Riesig und blau wie kostbarste Juwelen, und mit ihrer Stimmung erhellte oder verdunkelte sich die Farbe. Im Augenblick waren sie wie Kristalle, fast schon farblos. Hatte sie Angst?

Katastrophe gefiel der Gedanke, und er schnurrte zustimmend.

Sei still, fauchte Kane. Ich bring dich um. Mach dich so was von kalt.

Das Schnurren verwandelte sich in ein amüsiertes Glucksen, und Kane musste sich dazu zwingen weiterzuatmen, ein und aus, ein und aus, langsam und konzentriert. Am liebsten hätte er sich die Ohren abgeschnitten, um diese Übelkeit erregende Belustigung auszublenden. Er wollte das Zimmer verwüsten, jedes einzelne Möbelstück in Stücke schlagen, die Wände einreißen, jeden Quadratzentimeter Teppich herausreißen. Er wollte … das Mädchen packen und von diesem furchtbaren Ort wegbringen.

Er begegnete ihrem Blick, und sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. Ein Lächeln, das sagte: Alles wird gut, versprochen.

Das rasende Gefühl in ihm mäßigte sich zu einem bloßen Köcheln.

So schnell.

Wie hatte sie das geschafft?

Von all den Gesichtern, die sie bisher getragen hatte, war dies mit Abstand das Schönste. Sie hatte die längsten Wimpern, die er je gesehen hatte. Ihre Wangenknochen waren hoch und scharf geschnitten, ihre Nase perfekt geschwungen und ihr Mund herzförmig, während ihr Kinn spitz zulief.

Sie war wie die Puppe eines kleinen Mädchens, der sprühendes Leben eingehaucht worden war, und sie roch nach Rosmarin und Minze – wie frisch gebackenes Brot und ein Pfefferminz nach dem Essen. Mit anderen Worten: ein Zuhause.

Meins.

Niemals, zischte der Dämon, und der Boden begann zu beben.

Blöder Dämon. Wie jedes Lebewesen bekam auch Katastrophe Hunger. Anders als bei anderen waren seine Lieblingsspeisen jedoch Angst und Bestürzung. Wenn er also nach Nahrung gierte – oder bloß ein Dessert wollte –, verursachte er irgendeine Katastrophe für Kane und alle um ihn herum.

Manchmal waren diese Katastrophen klein. Eine Glühbirne brannte durch, oder zu seinen Füßen brach der Boden auf. Doch viel zu oft waren diese Katastrophen riesig. Ein Ast stürzte aus einem Baum. Autos rasten ineinander. Gebäude brachen zusammen.

Bohrender Hass regte sich in seiner Brust. Eines Tages werde ich dich los sein. Eines Tages werde ich dich vernichten.

Das Beben hörte auf, als der Dämon schadenfroh auflachte. Ich bin ein Teil von dir. Mich wirst du niemals los. Niemals.

Wütend schlug Kane mit der Faust auf den Boden. Vor langer Zeit hatten die Griechen ihm gesagt, erst der Tod würde ihn wieder von dem Dämon trennen – sein Tod –, doch der Dämon würde auf ewig weiterleben. Vielleicht entsprach das der Wahrheit. Vielleicht auch nicht. Die Griechen waren berüchtigt für ihre Lügen. Doch wie dem auch sein mochte, Kane würde nicht den Tod riskieren. Er war verdreht genug, dass er Katastrophes Niederlage miterleben wollte, und gerade kalt genug, dass er selbst es sein wollte, der ihm den Todesstoß versetzte.

Es musste einen Weg geben, beides zu erreichen.

„… richtig? Ja?“, hörte er das Mädchen fragen.

Der Klang ihrer melodischen Stimme holte ihn zurück in die Gegenwart.

„Äh, Kane“, hakte Sabin nach. „Hast du ihr das wirklich versprochen?“

Also hatte sie mit Kane geredet, und er konnte sich schon denken, was sie gesagt hatte. Er schüttelte den Kopf, obwohl sein Hals beinahe zu schwach für die Bewegung war. „Nein. Hab ich nicht.“

„Aber … aber … Sein Erinnerungsvermögen muss irgendwie beeinträchtigt sein.“ Sie ließ den Blick zu Strider herumfahren, und ein tiefes Blau flutete ihre Iris, Ozeane des Zorns. „Was ist mit dir? Erfüllst du seinen Teil der Abmachung?“

„Ich?“ Strider schlug sich auf die Brust.

„Ja, du.“

„Und wie genau hättest du’s denn gern, hm?“

In ihrer Stimme lag ein heftiges Zittern, als sie antwortete: „Ich will … Ich will, dass du deinen Dolch nimmst und … mir ins Herz stichst.“

Der Krieger blinzelte und schüttelte den Kopf. „Du meinst das ernst, oder? Du willst wirklich sterben.“

„Ich will nicht, aber ich muss“, flüsterte sie, und der Zorn wich einem Ausdruck der Niederlage.

Mühsam schluckte Kane ein Brüllen hinunter, als er sich an ihre Worte in der Höhle erinnerte.

Ich bringe dich in die Welt der Menschen – und als Gegenleistung wirst du mich umbringen. Das musst du mir schwören.

Dort unten hatte er ihr vielleicht nicht geglaubt. Dort war er vielleicht zu verloren gewesen in seinem eigenen Schmerz, um sich darum zu scheren. Doch jetzt zu hören, dass sie tatsächlich sterben wollte … Nicht bloß nein, sondern zur Hölle, nein! Eher würde er sterben.

„Warum bist du mir dann vorhin ausgewichen?“, fragte Strider das Mädchen fordernd.

„Hab ich doch gesagt. Instinkte. Aber nächstes Mal reiß ich mich zusammen, versprochen.

Meins, hörte Kane von Neuem, und ein tiefes, düsteres Grollen stieg in seiner Brust empor, immer weiter, bis es aus ihm hervorbrach. „Meins! Rühr sie an, und ich bring dich um.“

Sowohl Sabin als auch Strider starrten ihn fassungslos an. Kane war immer der Ruhige gewesen, nie zuvor hatte er seinen Freunden gegenüber die Stimme erhoben. Doch er war nicht mehr der Mann, der er einmal gewesen war – und würde es niemals wieder sein.

„Bitte“, flehte sie Strider an, und in ihren Augen funkelte es Hellblau. Wie verzweifelt sie klang.

Wie viel heißer seine Wut brannte.

Etwas Furchtbares musste ihr widerfahren sein, dass sie glaubte, der Tod sei ihre einzige Option. Hatte jemand … War sie gezwungen worden … Er konnte den Gedanken nicht beenden. Dann würde er explodieren. Oder den Kopf in ihrem Hals vergraben und schluchzen.

Er blickte zu Strider empor. Dem großen blonden Strider mit seinen marineblauen Augen und dem verdrehten Sinn für Humor. „Fessel sie. Sanft. Wir nehmen sie mit.“ Er würde ihr helfen.

„Was?“ Abwehrend hob sie die Hände und wich vor dem Krieger zurück. „Auf keinen Fall. Nie und nimmer. Es sei denn, ihr habt vor, mich an einen geheimen Ort zu bringen, damit niemand das Blut sieht.

Er hätte lügen können. Stattdessen blieb er stumm, während Sabin ihm auf die Beine half. Protestierend schrien gebrochene Knochen auf, die erst vor Kurzem gerichtet worden waren, und fast wäre er vor Schmerz in die Knie gegangen, doch er hielt sich wacker. Er würde sich nicht erlauben zusammenzubrechen. Nicht schon wieder. Nicht vor den Augen sein… des Mädchens.

„Tut mir leid, Schätzchen“, entgegnete Strider, „aber du hast kein Mitspracherecht bei dem, was als Nächstes passiert. Du lebst weiter, nichts ist mit Sterben, und damit hat sich die Sache.“

„Aber … aber …“ Flehend blickte sie zu Kane. „Ich hab so viel Zeit auf dich verschwendet. Und ich hab sonst niemanden, den ich um Hilfe bitten könnte.“

„Gut.“ Jeder Mann, der auch nur in Erwägung zog, ihr zu geben, worum sie bat, würde einen grausigen Tod sterben.

„Gut? Gut! Oh!“ Entrüstung überschattete alles andere, und sie stampfte wütend auf. „Du herzloser, überproportionierter Rüpel!“

„Weil er dir nichts antun will? Das ist ja mal was Neues.“ Strider hob den Arm, um sie zu packen.

Blitzschnell entkam sie seinem Griff und rammte dem Krieger den Fuß in die Weichteile. Während Strider sich krümmte und nach Luft schnappte, flitzte sie zur Tür und rief ihm über die Schulter hinweg zu: „Ich bin so enttäuscht von dir, Lord Kane!“

Dann verschwand sie in die Nacht.

Augenblicklich versuchte er, ihr zu folgen, doch verflucht sollte seine Schwäche sein, die Knie gaben unter ihm nach. „Komm zurück, Weib! Sofort!“

Doch sie tauchte nicht wieder auf.

Kane durchrollte eine Woge des Zorns, die alles davor lächerlich erscheinen ließ. Er würde sie zurückholen. Er würde durch die Nacht streifen und jeden packen, der ihm über den Weg lief, und wenn derjenige ihm nicht die richtige Richtung weisen konnte, würde er ihm das Rückgrat durch den Mund rausreißen. Würde einen Ozean von Blut auf seinen Spuren hinterlassen, und das hätte sie nur sich selbst zuzuschreiben. Er würde …

Gar nichts tun, fiel Katastrophe ihm lachend ins Wort.

Und das traf ihn umso härter, als er nur zusammengekrümmt auf dem Boden ausharren konnte.

„Bring sie mir zurück“, schrie er Strider an.

Stöhnend vor Schmerz fiel der Krieger zu Boden. Soeben war er von einem mickrigen kleinen Mädchen besiegt worden; dafür würde sein Dämon ihm tagelang grausamste Schmerzen zufügen.

„Los!“, befahl Kane an Sabin gerichtet.

„Nein. Ich lass dich nicht aus den Augen.“

„Los!“, beharrte er. „Bring sie zurück.“

„Nur weil du mich anschreist, werde ich nicht meine Meinung ändern.“

Kane versuchte, zur Tür zu kriechen, doch dichter Nebel drängte sich in seinen Kopf und machte dem ein Ende. Eine Flut wilder Flüche brach aus ihm hervor.

Konnte denn gar nichts gut gehen für ihn? Nicht ein einziges Mal?

Katastrophe begann schon wieder zu lachen.

3. KAPITEL

Im Reich der Blutigen Schatten

Eine Woche später

Kane erhob sich von seinem breiten Doppelbett und schlurfte ins Badezimmer. Da er bereits nackt war, musste er nur noch in die Dusche treten. Heißes Wasser prasselte auf seine frisch verheilte Haut, von der endlich alle Blutergüsse und Schürfwunden verschwunden waren. Doch seine Muskeln waren noch immer völlig verspannt.

Ungebrochen glühte der Zorn in ihm weiter, der ihn beim Verschwinden seiner Retterin gepackt hatte, und der Hass auf Katastrophe war wie ein ständiges Brennen in seiner Brust. Doch seine Erinnerungen … die waren das Schlimmste.

Sie kamen tagsüber. Sie kamen nachts. In dem einen Moment lag er auf dem Bett, starrte die Decke an, und im nächsten wurde er zurückversetzt in die Hölle, an Händen und Füßen gefesselt. Oder er stand unter der Dusche, so wie jetzt, während das Wasser auf ihn herabregnete, und plötzlich sah er den Schmutz, das Blut und … andere Dinge, die einst an seiner Haut geklebt hatten. Und so fanatisch er auch schrubbte, sauber fühlte er sich trotzdem nicht.

Er war sich ziemlich sicher, dass während der Folter ein paar Verdrahtungen in seinem Gehirn gekappt worden waren. Und während er sich körperlich erholt hatte, waren diese Drähte an den falschen Stellen wieder verbunden worden. Finsternis haftete wie ein Parfüm an ihm, das ständig aus seinen Poren drang. Hungrige Aggression brodelte in seinem Inneren, lauerte gierig auf ein Ziel.

Niemand war sicher vor ihm.

Er hatte seinen Appetit verloren. Konnte nicht mehr schlafen. Bei plötzlichen Geräuschen griff er panisch um sich, auf der Suche nach einer Waffe.

Früher hatte er die Schläge, die ihm das Leben versetzte, genommen, wie sie kamen. Damals war er ein sanfterer, freundlicherer Kerl gewesen. Jetzt würde er gar nichts mehr hinnehmen. Jetzt war er ein rasender Stier, der inzwischen zu zerstörerisch war, um ihn unter Kontrolle zu halten. Jegliches Unrecht wurde augenblicklich vergolten – niemand würde ihn je wieder für schwach genug halten, um ihn herauszufordern.

Das Schlachtfeld in seinem Zimmer war der Beweis dafür.

Er seifte sich ein, spülte den Schaum ab und trocknete sich ab. Jede Handlung wirkte steif und gezwungen. Vor dem Spiegel musterte er sein vernebeltes Abbild. Seine Haut war blass. Aus dem dunklen Haar tropfte ihm Wasser auf die Schultern und die Brust. Durch den Gewichtsverlust waren seine Wangen noch immer eingefallen. Die Lippen hatte er zu einer dünnen Linie zusammengepresst, als wäre nie ein Lächeln darübergehuscht. Vielleicht war es das tatsächlich nicht. Jegliche Erinnerung, in die sich irgendeine Form von Vergnügen mischte, schien nicht länger zu ihm zu gehören. Alles Positive war jemand anderem widerfahren. Es musste so sein.

Doch das Schlimmste an seiner Erscheinung waren die Augen. Sie leuchteten nicht länger in einer Mischung aus Braun und Grün. Jetzt war es ein Mix aus Braun, Grün – und Rot. Dämonisches Rot.

Das Gefühl des Abscheus wuchs. Katastrophe versuchte, die Kontrolle über ihn zu erlangen. Und Tag für Tag gelang es ihm ein Stück mehr, indem er Kane Erinnerungen einflüsterte an das, was in jener Höhle geschehen war.

Eine Hand hier … ein Mund dort … so hilflos …

Wie schmutzig war Kane jetzt? Wie verdorben?

Ein Peitschenschlag auf deinen Oberschenkeln. Ein Dolch an deinen Rippen.

Was für ein Versager war er?

Heißer Atem auf deiner wunden Haut … Küsse … Zungen …

Nach Atem ringend krallte Kane die Hände um den Rand des Waschbeckens. Es kümmerte ihn kaum, als das Porzellan brach. Er wollte sich Katastrophe aus der Brust reißen und die Kreatur mit bloßen Händen erwürgen.

Ja. Genau so würde sein Peiniger sterben.

Bald.

Wenn er seinen Kopf freikriegte, wenigstens ein bisschen, könnte er einen Weg finden, es zu schaffen. Doch jedes Mal, wenn er nicht von diesen grauenvollen Erinnerungen geplagt wurde, schlichen sich die Gedanken an das Mädchen aus dem Motel in seinen Kopf. Die Fae. Er spürte die Schmerzen, die ihre Berührungen begleitet hatten. Spannte sich an. Fluchte.

Er verzehrte sich nach ihr.

Deutlich erinnerte er sich an die Bewunderung, die er in ihrem Gesichtsausdruck bemerkt hatte, als sie ihn angesehen hatte – als wäre er jemand Besonderes. Ein Blick, den er noch immer nicht verstand – den er aber wieder spüren wollte.

Innerlich spielte er noch einmal die albernen Worte ab, die sie zu ihm gesagt hatte.

Ich lüge nie – außer bei den wenigen Gelegenheiten, wenn ich’s doch tue. Aber das ist nie Absicht, und jetzt gerade sag ich die absolute Wahrheit. Ich schwör’s.

Du wiegst gefühlte zehntausend Kilo. Aber das sind prachtvolle Kilos.

Im Kalender meines Herzens hab ich die Sekunden angestrichen.

Er wollte wissen, was sie sonst noch sagen würde.

Wer war sie? Wo war sie? Was machte sie gerade?

Wurde sie von Erinnerungen gequält, an die sie lieber nicht denken wollte? War sie verletzt? Allein? Hatte sie Angst?

Ein paarmal hatte die Angst ihre Bewunderung für ihn und das freche Mundwerk weggefegt und sie in ein bebendes Häuflein verwandelt.

Ihm war nur zu bewusst, wie hart eine Vergangenheit war, der man nicht entrinnen konnte – wie sie einen verzweifeln ließ.

Hatte sie jemanden gefunden, der bereit war, ihrem Leben ein Ende zu setzen? Hatte sie sich womöglich selbst ein Ende bereitet?

Oder war sie noch am Leben?

Er ließ die Arme hängen und ballte die Hände zu Fäusten. Sie war sein. Sie …

War nicht sein.

Trotzdem, mit seinem Problem würde er sich erst befassen, wenn er sich um ihres gekümmert hatte, nicht wahr? Schließlich konnte er sie nicht da draußen allein lassen, verzweifelt und verängstigt, möglicherweise in Gefahr. Das Mädchen hatte ihn aus der grauenhaftesten Situation seines Lebens gerettet. Auch wenn sie vor ihm weggelaufen war, musste er für sie eintreten und sie aus der für sie grauenhaftesten Situation ihres Lebens befreien.

Schließlich hatte sie recht. Er war ihr etwas schuldig. Und er würde seine Schuld begleichen. Nur nicht so, wie sie es wollte. Er würde ihr Leben in Ordnung bringen, so, wie es ihm mit seinem eigenen nicht gelang. Dann wäre wenigstens einer von ihnen glücklich.

Sie verdiente es, glücklich zu sein.

Wenn sie noch am Leben war.

Scharf holte er Luft. Er hoffte sehr, dass sie noch lebte, denn sonst würde er … würde er … Er schlug auf den Spiegel ein, dass das Glas splitterte. Ein glockenhelles Klirren erfüllte das Bad. Mehrere Scherben glitten in sein Bein, schnitten ihm in den Oberschenkel. Ein netter Gruß von Katastrophe, da war er sich sicher. Zähneknirschend zog er die Splitter heraus.

Nachdem er dem Mädchen geholfen hatte, würde er sich darauf konzentrieren, den Dämon zu töten. Und er würde nicht aufgeben, bis er damit Erfolg hatte. Er hielt das nicht länger aus, und genauso wenig wollte er, dass seine Freunde es noch länger ertragen mussten. Er brachte alle um sich herum in große Gefahr, und das waren zu viele Unschuldige.

Noch heute würde er verschwinden, beschloss er, und er würde nicht mehr zurückkehren.

Traurig ließ er die Schultern zusammensacken. Er würde die getroffene Entscheidung nicht mit seinen Freunden besprechen können. Sie würden ihn nicht verstehen. Würden versuchen, ihn zu überreden, einen anderen Weg einzuschlagen. Vielleicht würden sie ihn sogar „nur zu seinem Besten“ wegsperren.

Das hatten sie schon einmal getan.

Kane würde sich nicht davonschleichen, aber die Wahrheit würde er auch nicht preisgeben. Er würde sich verabschieden, als hätte er vor, nach der Rettung seiner Retterin zurückzukommen. Niemand außer ihm würde wissen, dass es das gewesen war. Das Ende.

Mit fest zusammengebissenen Zähnen schnallte Kane die Waffen an seinem Körper fest: zahllose Messer, zwei Sig Sauer und mehrere Magazine. Er zog sich ein schwarzes T-Shirt und eine tarnfarbene Hose an, dann schlüpfte er in seine liebsten Kampfstiefel. Mit schweren Schritten marschierte er aus dem Bad, das knirschende Glas unter den Schuhsohlen, und mit dem bösartigen Gelächter im Kopf.

Bescheuerter Dämon.

In Kanes Abwesenheit waren seine Freunde in eine Burg im Reich der Blutigen Schatten gezogen, ein Königreich, das versteckt in einer Luftfalte zwischen der Erde und den niederen Himmelsregionen lag. Er schritt durch den Korridor und ließ den Blick über die Wände gleiten, die vollgehängt waren mit Bildern einer schönen blonden Frau in diversen Outfits und Posen. Ausgestreckt auf einer samtbezogenen Couch, stehend in einem Rosengarten, tanzend auf einem Tisch. Ein Luftkuss. Ein Zwinkern.

Ihr Name war Viola, und sie war die niedere Göttin von irgendwas – sowie die Hüterin des Narzissmus. Er konnte nicht anders, als sie mit Sperma zu vergleichen: Für sie bestand eine Chance von eins zu drei Millionen, sich zu einem richtigen menschlichen Wesen mit echten Gefühlen zu entwickeln. Das Weib trieb ihn in den Wahnsinn.

Er stapfte die Treppe hinunter, dann einen weiteren Korridor entlang. Dieser war mit lächerlichen Gemälden der Krieger übersät, auf denen sie Bändchen und Spitze und ein strahlendes Lächeln trugen – und sonst nichts. Die waren von einem toten Mann gemalt worden, sollte Kane dem Kerl je begegnen, und ohne Erlaubnis in Auftrag gegeben von der Verlobten von Lucien: Anya, der Göttin der Anarchie.

Schließlich erreichte Kane sein Ziel. Maddox’ und Ashlyns Schlafzimmer. Die erste Station seiner Abschiedsrunde.

Maddox war der Hüter der Gewalt. Ashlyn war die frischgebackene Mutter seiner Zwillingsbabys.

Eine Weile beobachtete Kane die junge Frau stumm. Sie war eine zierliche Schönheit mit Haut und Haaren in der Farbe von Honig und wiegte sich in einem Schaukelstuhl, während sie dem Bündel Glück in ihren Armen liebevoll ein Lied vorsang. In einem zweiten Stuhl neben ihr schaukelte Maddox, ein Tier von einem Mann mit schwarzem Haar und violetten Augen. Zu sehen, wie er die winzigen Finger küsste, die seinen Daumen umklammerten, wirbelte etwas in Kane durcheinander. Verdrehte und verknotete es, bis er denselben stechenden Schmerz spürte, den seine spitzohrige Retterin bei ihm ausgelöst hatte.

Was war das?

William der Lustmolch – alias Herr der Höschen, dachte Kane und verdrehte die Augen – saß auf der Kante des breiten Doppelbetts, eine rosafarbene Daunendecke um den kampfgestählten Leib geschlungen. Irgendwie gelang es dem femininen Stück Stoff nicht, die barbarische Intensität, die in Williams Kraft lag, abzuschwächen. Er war nicht von einem Dämon besessen. Eigentlich wusste niemand, was er war. Alles, was sie wussten, war, dass nur wenige sich mit seinem Temperament messen konnten und dass er eine grausame Ader besaß, wie Kane sie noch nie erlebt hatte. Mit einem Lächeln auf den Lippen tötete er seine Feinde – und lachte lauthals, wenn er seine Freunde abstach.

„Wann bin ich dran?“, jammerte William. „Ich will meine Lieblinge halten. Lieblinge? Wie auch immer. Ich will sie!“

Okay. Das war neu.

„Es sind nicht ‚deine’“, fuhr Maddox ihn an, wobei er den Babys zuliebe zu flüstern versuchte.

„Irgendwie schon. Ich hab sie schließlich auf die Welt geholt“, erinnerte ihn William.

„Ich hab sie gezeugt.“

„Toll. Das können die meisten Typen. Aber nicht jeder hat das Know-how, um eine Frau von einer Hüfte zur anderen aufzuschneiden und die kleinen Kreaturen aus ihr rauszu… äh, schon gut, vergiss es“, schwenkte William um, als ein bedrohliches Knurren aus Maddox’ Kehle drang.

Weil er fast mit einem Kampf rechnete, trat Kane ein, um das Baby an sich zu nehmen.

Sofort waren Williams durchdringende blaue Augen auf ihn gerichtet. „Katastrophe. Hast es wohl nicht ausgehalten ohne die bezauberndsten kleinen Schätze, die je auf die Welt gekommen sind, was? Oh ja, das seid ihr“, richtete er sich an die Kinder. „Ja, ja, das seid ihr.“

Babygesäusel. Wie abartig.

Seine negative Reaktion überraschte ihn. Früher wäre er voll mit dabei gewesen, hätte das gleiche Zeug geredet wie William, im selben Tonfall. In der Dunkelheit der Nacht hatte er immer davon geträumt, selbst ein solches Happy End zu finden. Eine liebende Ehefrau. Ihn verehrende Kinder. Dann hatten die Lakaien versucht, seinen Samen zu stehlen, und er … er …

„Sprich mich nicht mit dem Namen des Dämons an“, brüllte er und begriff im nächsten Augenblick, dass sein Ausbruch die Kinder geweckt hatte, die nun zu weinen begannen. Scham stieg in ihm auf. „Tut mir leid. Aber ich bin nicht dieses abscheuliche Stück …“ Und schon wieder schrie er. „Tut mir leid. Pass einfach auf, was du sagst, ja?“

„Ruhig jetzt“, befahl William streng, und Kane hatte keine Ahnung, an wen das gerichtet war.

Spielte aber auch nicht wirklich eine Rolle. Alle verstummten.

Ashlyn blickte zu Kane auf und hieß ihn mit ihren Augen willkommen. Sie sah nicht ansatzweise so aus wie Kanes Frau – nein, nicht meine Frau, verbesserte er sich sofort –, und trotzdem erinnerte sie ihn an das Mädchen. Vielleicht war es ihre zierliche Gestalt. Oder das tiefe Mitgefühl für alle um sie herum. „Willst du Urban mal halten?“

„Nein, danke“, antwortete er im selben Moment, als Maddox sagte: „Nein, will er nicht.“

Ein angespannter Moment des Schweigens breitete sich aus.

Kane ignorierte den Schmerz, den diese Worte in ihm auslösten. Die Ablehnung war gerechtfertigt. Er stellte eine Gefahr für jeden dar, dem er begegnete. Hätte in seinem Kopf nicht so ein Chaos geherrscht, an dem sich der Dämon ständig laben konnte, wären schon längst Glühbirnen durchgebrannt und Fußböden aufgerissen worden.

„Ich wollte sie nur mal sehen, bevor … Na ja, in ein paar Stunden will ich losziehen. Ich muss einer Frau helfen.“ Mit einem Räuspern vertrieb er die angestauten Emotionen aus seiner Stimme.

„Na, dann komm her“, ermutigte ihn Ashlyn. „Sabin und Strider haben das spitzohrige Mädchen aus New York erwähnt. Was sie so erzählt haben, gefällt mir.“

„Sie ist …“ Betörend. Liebreizend. Witzig. „… eine Klasse für sich.“ Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, als er zu den Schaukelstühlen trat.

William stand ebenfalls auf und stellte sich direkt neben Kane – steif, die Hand griffbereit über dem Heft eines Dolchs. Um die Babys vor Kanes Jähzorn zu beschützen? Ja. Vermutlich.

Das kann ich ihm nicht mal verübeln.

„Na, kommst du mir so nahe, weil du ein Stück von mir probieren willst, Willy-Boy?“, sagte er zu dem Krieger, der kein bisschen zurückwich. Besser, er zog ihn auf, als dass er in Raserei verfiel. Oder, noch schlimmer: weinte.

„Vielleicht.“ William gab ihm ein paar Zentimeter mehr Freiraum. „Aber das hast du dir gerade versaut. Ein Stück probieren? Echt jetzt? Ich hab’s lieber, wenn meine Eroberungen ein bisschen reifer sind.“

„Ich bin reif. Ich bin alt genug, deine Mutter zu vögeln.“

„Ich bitte dich. Die würde deine Leber zum Mittag und die Nieren zum Abendbrot verspeisen.“

„Jungs, geht’s noch ein bisschen widerlicher?“, fragte Ashlyn.

„Ja“, antworteten sie einstimmig.

Urban prustete, als hätte er alles verstanden. Der Kleine hatte dichte schwarze Haare, und seine Augen hatten denselben violetten Ton wie die seines Vaters – auch wenn sie wesentlich ernster und viel zu intelligent für ein Neugeborenes wirkten. Als Kane ihn musterte, traten zwei Hörner aus dem Schädel des Babys hervor, und schwarze Schuppen erschienen auf seinen Händen.

„Abwehrmechanismen?“, fragte er.

„Nehmen wir an“, bestätigte Ashlyn und klang ein wenig peinlich berührt. „Er meint es nicht böse.“

„Weiß ich doch.“ Als Nächstes sah er zu Maddox hinüber. Das Mädchen, Ever, hatte das honigblonde Haar ihrer Mutter, aber zu winzigen Locken aufgedreht. In ihren Augen glühten orange-goldene Flammen, und zwischen ihren Lippen blitzten zwei Reihen perfekter kleiner Zähne hervor.

Die Zwillinge waren vor etwas mehr als einem Monat zur Welt gekommen, und doch sahen sie viel älter aus.

Der Junge starrte Kane an, als heckte er einen Plan aus, um ihn zu ermorden.

Das Mädchen musterte ihn, verlor dann aber das Interesse und konzentrierte sich lieber auf William, nach dem sie die Arme ausstreckte. Grinsend nahm William sie ihrem Vater ab. Sofort schmiegte sie das Gesicht an den Hals des Kriegers, lehnte den Kopf auf seine Schulter und seufzte zufrieden.

„Ist sie nicht großartig?“, meinte William, und sein Grinsen wurde noch breiter. „Anfangs hatte sie Klauen, aber die sind zusammengeschrumpft. Stimmt’s, Prinzessin? Oh ja, das sind sie. Aber sollte jemals irgendein dämlicher Versager versuchen, sich zu nehmen, was du ihm nicht geben willst, kommen sie garantiert wieder zum Spielen raus, nicht wahr?“

Ein weiterer scharfer Schmerz durchzuckte Kanes Brust. „Die Kinder sind wunderschön“, sagte er zu den strahlenden Eltern, und er meinte es auch so. Aus der Scheide an seiner Hüfte zog er einen juwelenbesetzten Dolch und reichte ihn mit dem Heft voran Maddox. „Der ist für Ever, von ihrem Onkel Kane.“

Dankend nickte Maddox.

Dann umschloss Kane mit der Hand das Gegenstück und legte es auf den kleinen Tisch neben Ashlyns Schaukelstuhl. „Der ist für Urban.“

Liebevoll lächelte sie ihn zum Dank an. „Wie wunderbar aufmerksam von dir. Die Kinder werden sie lieben, da bin ich mir sicher.“

„Tja, ich aber nicht. Sperrt diese gefährlichen Dinger weg“, schimpfte William. „Das dauert noch ein, zwei Monate, bis meine kleinen Lieblinge mit Messern spielen dürfen. Und warum machst du ihnen ausgerechnet jetzt Geschenke? Warum wartest du nicht auf einen angemessenen Zeitpunkt und …“ Mit messerscharfem Blick sah er zu Kane und presste die Lippen zusammen.

Erriet er, was Kane vorhatte – dass er nicht wiederkommen wollte?

Wie dem auch sein mochte. Kane ignorierte ihn und schlug Maddox auf die Schulter. „Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Ich kann dir nicht sagen, wie viel du mir bedeutest.“ Die Antwort des Kriegers wartete er nicht mehr ab; er konnte es nicht. In seinen Augen brannte es. Irgendwie musste dort Staub hineingeraten sein.

Mit langen Schritten verließ er das Zimmer, um die restlichen Krieger aufzusuchen, die er mehr liebte als sein eigenes Leben. Torin, Lucien, Reyes, Paris, Aeron, Gideon, Amun, Sabin, Strider und Cameo. Über die Jahrhunderte hatten sie Seite an Seite gekämpft, einander gerächt, einander gerettet. Ja, viele Jahre lang waren sie in zwei Gruppen aufgeteilt gewesen; die eine entschlossen, die Jäger zu bekämpfen, die andere entschlossen, in Frieden zu leben. Doch im Herzen waren sie immer vereint gewesen. Letzten Endes war der Krieg hochgekocht und hatte sie wieder zusammengebracht, mit ein und demselben Ziel: Überleben.

Jeder der Krieger wäre am Boden zerstört, dass er sie verließ. Das wusste er sicher – weil sie bereits einen anderen Bruder verloren hatten. Baden, den Hüter des Misstrauens. Jahrhundertelang hatten sie getrauert, und bis heute waren sie nicht wirklich darüber hinweggekommen. Doch Kane schaffte es nicht, auch nur einen einzigen seiner Freunde aufzuspüren. William kam im Laufschritt hinter ihm her und hängte sich an seine Fersen.

„Du haust ab“, sagte der Krieger.

„Ja.“ So viel hatte er ja bereits verraten.

„Für immer.“ Eine Feststellung, keine Frage.

Er wollte lügen. William könnte versuchen, ihn aufzuhalten. William könnte es den anderen verraten, und die könnten versuchen, ihn aufzuhalten. Trotzdem gestand er: „Ja.“ Dämonen liebten Lügen, und wenn es auch nicht viel gab, was Kane tun konnte, um Katastrophe ein Vergnügen zu verwehren, gehörte die Wahrheit zu sagen doch dazu.

„Alles klar, ich komme mit“, verkündete William.

Kane blieb stehen und wandte sich dem Mann zu. Wie eiserne Fesseln hing sein Verdruss in der Luft.

Fesseln.

Atmen. „Warum?“ Sein Tonfall war schärfer, als er beabsichtigt hatte. „Du weißt nicht mal, wo ich hingehe oder was ich vorhabe.“

William hob bloß die breiten Schultern. „Vielleicht kann ich ja mal eine Ablenkung gebrauchen. Ich bin auf der Jagd nach einem Himmelsgesandten, so ein kleiner Flegel namens Axel. Aber der hat sich als ziemlich gerissen herausgestellt, und so langsam nervt’s.“

Gesandte waren die Ordnungshüter der Himmelreiche, sie töteten Dämonen. Wie Engel waren sie geflügelt, doch ihren Emotionen waren sie genauso hilflos ausgeliefert wie Menschen. Im Augenblick waren die Herren und die Gesandten auf derselben Seite.

Jeder wusste, dass sich das jeden Moment ändern konnte.

Kane verengte die Augen. „Vielleicht glaubst du aber auch, ich bräuchte einen Babysitter.“

„Das auch.“ Wie immer empfand William keinerlei Scham.

„Tja, nein danke. Ich brauche dich nicht, und vor allem will ich nicht, dass du in meiner Nähe bist und mir die ganze Zeit auf die Nerven gehst.“

William fasste sich ans Herz, als wäre er tief getroffen. „Was ist denn nur los mit dir? Früher warst du so ein liebes Kerlchen.“

„Menschen ändern sich.“

„Ich nicht. Ich war noch nie besonders liebenswert, und ich werde es auch niemals sein. Deine Wünsche und Bedürfnisse sind mir vollkommen egal. Mir liegt mehr daran, meine Babys zu beschützen. Ich muss dafür sorgen, dass du Wort hältst und der Burg fernbleibst. Hast du vergessen, dass du vom Schicksal dazu bestimmt bist, eine Apokalypse auszulösen?“

4. KAPITEL

Los Angeles

Apokalypse. Seit Tagen hallte das Wort in Kanes Gedanken wider. Was er auch versuchte, er entkam ihm nicht.

Kurz vor seiner Gefangennahme durch die Jäger und der anschließenden Verschleppung in die Hölle hatten die Moiren ihn in ihr Reich in den niedersten Gefilden des Himmels beordert.

Die drei Hüterinnen des Schicksals gehörten weder zu den Griechen noch zu den Titanen. Möglicherweise waren sie Hexen, aber er war sich nicht sicher. Drei Dinge hatten sie ihm gesagt – jede Hexe eines. Er könnte die Hüterin der Unverantwortlichkeit heiraten. Er könnte eine andere Frau heiraten – Williams Tochter. Und, das waren ihre letzten Worte gewesen, er würde eine Apokalypse auslösen.

Er glaubte ihnen. Seines Wissens nach hatten sie mit ihren Prophezeiungen niemals falsch gelegen.

Er wusste, dass es zwei Definitionen gab für jenes Wort, das er am liebsten aus seinem Gedächtnis gelöscht hätte. Die erste: Enthüllung oder Offenbarung. Genauer gesagt: den Schleier lüften, vor allem in Bezug auf einen Kataklysmus, in dem die Mächte des Guten den endgültigen Sieg über die Mächte des Bösen erringen würden.

Bis hierher gefiel sie ihm.

Die zweite Definition? Nicht ganz so sehr. Erdumspannende oder zumindest weitreichende Zerstörung.

Da in ihm der Dämon der Katastrophe wohnte, musste er annehmen, dass er für weitreichende Zerstörung verantwortlich sein würde.

„Diesen Abstecher wirst du nicht bereuen“, versicherte ihm William, während sie sich durch einen überfüllten Nachtclub drängten. Er musste schreien, um das hektische Pulsieren der Rockmusik zu übertönen, die aus den Lautsprechern dröhnte. „Das ist genau das, was dir der Onkel Doc verschrieben hat – das und ein Paar Eier. Aber ich kann dir nur mit Ersterem helfen.“

„Ich werd sehen, was ich tun kann“, entgegnete Kane trocken.

Er hatte den Fehler begangen, mit William im selben Motelzimmer zu schlafen, und offenbar hatte er im Schlaf gestöhnt und sich hin und her gewälzt. Daraus hatte Privatdetektiv William so seine Schlüsse gezogen über das, was ihm in der Hölle widerfahren war. Und jetzt war der Krieger überzeugt, eine Nacht mit einer von Kane selbst ausgesuchten Frau wäre das einzig wahre Heilmittel.

„Übrigens“, fügte William hinzu. „Du darfst mich Dr. Love nennen.“

„Eher ramme ich dir ein Messer ins Herz.“ Trotzdem blieb er dicht hinter William, während er sich schon jetzt wünschte, er hätte zu der ganzen Sache Nein gesagt. Er hätte auf der Jagd nach seiner Fae sein sollen. Und das wäre er auch gewesen, wäre er nicht langsam verzweifelt genug, alles zu probieren.

Was William heute Morgen zu ihm gesagt hatte, war auf eine kranke, verdrehte Weise sogar ziemlich sinnvoll gewesen. Wenn Kane mit einer Frau seiner Wahl schlafen könnte … Wenn er allein die Kontrolle darüber hätte, wie es ablief … Wenn er jemanden so benutzen könnte, wie er benutzt worden war … Vielleicht würde die dunkle Wolke an Erinnerungen sich dann endlich zerstreuen. Vielleicht würde es aufhören wehzutun, wenn er sich der Fae näherte. Ohne die Schmerzen wäre er stärker, wachsamer. Er wäre besser in der Lage, ihr bei ihren Problemen zu helfen.

Zumindest für heute Nacht musste er sich keine Sorgen um sie machen. Sie war am Leben, hatte sich verkrochen und befand sich in Sicherheit. Durch ein paar Computertricks, mit denen Torin illegal einen Satelliten angezapft hatte, hatten sie sie in Montana entdeckt. Kane musste nur noch zuschlagen und sie sich packen.

Bald bin ich so weit.

Katastrophe schlug von innen gegen seinen Schädel. In der nächsten Sekunde brach der Boden zu Kanes Füßen auf.

Offensichtlich reichte der düstere Strom an Emotionen nicht mehr aus, um den Dämon zu befriedigen. Seit sie die Burg verlassen hatten, steigerte Katastrophe sich regelmäßig in reinste Wutanfälle hinein, sobald Kane auch nur in Erwägung zog, der Fae zu helfen.

Hasse sie, fauchte der Dämon.

Der Mensch, der gerade an ihnen vorbeiging, stolperte und fiel, und ein Knochen brach. In das Pulsieren der Musik mischte sich ein schmerzerfülltes Aufheulen.

Zähneknirschend folgte Kane dem anderen Krieger eine Treppe hinauf, womit sie dankenswerterweise die Bar und die Tanzfläche hinter sich ließen. Als er fast oben angekommen war, brach die Stufe unter seinem Stiefel ein, und er fiel auf die Knie.

Katastrophe lachte selbstzufrieden.

Kane verdrängte jegliche Gedanken, bevor er noch explodierte, rappelte sich auf und stapfte den Rest der Treppe hinauf. Am Ende eines langen Flurs machte er eine große rote Tür aus, vor der sich ein bewaffneter Wächter postierte. Der Mann war groß und muskulös, aber menschlich. Kaum eine Bedrohung, selbst mit seiner Waffe.

Auf dem Gesicht des Wachmanns erschien ein Grinsen voller ehrlicher Freude, als er William erblickte. „Willy! Unser bestes Pferd im Stall ist zurück.“

Grinsend wandte William sich an Kane: „Manchmal, wenn mir langweilig ist, spiel ich den Magic Mike für die Ladys. Sehr geschmackvoll. Ich besorg dir ein paar Tickets für die nächste Show.“ Dann drehte er sich wieder zu dem Wächter. „Mein Kumpel hier braucht die Privatsuite.“

„Na klar, sicher. Für dich doch immer.“ Der Typ öffnete die Tür, doch in den tiefen Schatten dahinter konnte Kane nichts erkennen. Er hörte schweres Atmen, das Klatschen von Haut auf Haut, Stöhnen und Seufzen und dann Flüche, als der Wächter dem Paar dabei „half“, aufzuhören und sich anzuziehen. Einen Augenblick später stolperte das Pärchen durch die Tür, die Gesichter flammend rot, während sie sich die restlichen Sachen überzogen.

Der Wachmann tauchte wieder auf, sein Grinsen war noch breiter als zuvor. „Alles zu deiner vollsten Verfügung, Willy.“

William schubste Kane ins Zimmer. „“Hast du auf dem Weg nach oben eine gesehen, die du haben willst?“

„Mir egal. Ich nehm jede.“ Eine Frau war eine Frau, soweit es ihn betraf.

Doch sobald er den Gedanken beendet hatte, begann ein Teil von ihm innerlich zu fauchen und zu knurren. Die Fae war nicht bloß … egal. An sie würde er nicht denken. Alles war besser als eine Dämonenlakaiin, und um mehr würde seine Auswahl sich nicht drehen.

„Gib mir fünf Minuten“, meinte William. „Ich kenn die Mädels, die hier arbeiten. Ich such dir eine aus, die dich machen lässt, was auch immer du willst.“

Roh, aber notwendig.

William ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und sperrte Kane damit ein. In der Luft hing der durchdringende Geruch von Sex, und Kane spürte, wie sich die Galle in seinem Magen sammelte. Er hasste die Dunkelheit, schnell schaltete er das Licht ein. Vor sich sah er eine Bar, daneben eine Couch mit zerwühlten Kissen. Auf dem Couchtisch stand eine Schachtel mit Kondomen. Am anderen Ende des Zimmers befand sich ein kleines Bad, das nur aus Toilette und Waschbecken bestand. Daneben stand ein Doppelbett, dessen Laken zerknüllt am Fußende lagen. Obendrauf hing noch ein Kondom.

Nachdem er sich ein Glas Whiskey eingeschenkt hatte – und dann noch eins und noch eins, bevor er beschloss, gleich die ganze Flasche mitzunehmen –, ließ Kane sich auf der Couch nieder.

Als kurze Zeit später die Tür wieder geöffnet wurde, war die Flasche leer. Alkohol wirkte bei ihm nie so stark wie bei Menschen und konnte nur geringfügig die heftigsten Emotionen etwas betäuben. Doch diese Taubheit brauchte er jetzt verzweifelt. Er spürte die Glieder beben, und auf seinem ganzen Körper hatten sich Schweißperlen gebildet. Fast rechnete er damit, jeden Moment zu zerfließen – oder zu zerspringen.

William kam hineinmarschiert, an seiner Seite eine hübsche Blondine. Sie trug ein kurzes rotes Kleid und den passenden Lippenstift, und auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln über irgendetwas, das der Krieger gesagt hatte.

„Das ist mein Freund.“ Mit dem Kinn deutete William auf Kane. „Der Kerl, von dem ich dir erzählt hab. Er zahlt dir, was immer du verlangst. Sorg nur dafür, dass du auch tust, was immer er verlangt.“

Kane stellte die Flasche auf den Boden und tat so, als stünde er nicht kurz davor, sich zu übergeben.

„Na klar.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, während sie Kane musterte. Interesse leuchtete in ihren dunklen Augen auf. „Wird mir ein Vergnügen sein.“

„Gut“, lobte William und gab ihr einen leichten Stups auf die Nase. „Gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Der beißt nicht – außer vielleicht, du bittest ihn ganz lieb darum.“ Damit verschwand der Krieger und ließ Kane allein mit dem Mädchen. Der Fremden.

Seine Lungen zogen sich zusammen, machten es ihm beinahe unmöglich zu atmen.

Ein kurzer Moment des Schweigens verstrich, während sie das Gewicht von einem hochhackigen Schuh auf den anderen verlagerte. „Du bist sogar noch umwerfender, als William versprochen hat.“ In ihrer Stimme lag ein Funken von Erregung.

Sie redete. Warum redete sie? Er wollte sich nicht mit ihr unterhalten. Dann würde er sich nur fragen, was für ein Leben sie führte, was sie an diesen Punkt gebracht hatte, und würde sie bemitleiden. Er wollte sie nicht bemitleiden.

Katastrophe summte zufrieden.

Zufrieden? Warum?

Bring’s einfach hinter dich. „Komm her“, befahl Kane.

Die Frau gehorchte und glitt neben ihm in die Kissen. Als er ihren Geruch einsog, verzog er angewidert das Gesicht. Ein süßliches Parfüm, vermischt mit Zigarettenrauch. Nicht zu vergleichen mit der Fae, die geduftet hatte, als hätte sie den ganzen Tag in der Küche verbracht. Wie eine Ehefrau.

Vielleicht sollte er das hier nicht tun.

Eine Windbö rauschte durch das Zimmer, riss die Whiskeyflasche vom Boden hoch und schleuderte sie der Frau an die Brust.

„Au!“, rief sie.

Kane verfluchte den Tag, an dem er die Büchse der Pandora entwendet hatte.

Mit der einen Hand rieb sie sich die Brust und fragte: „Was war das denn gerade?“

„Vielleicht die Klimaanlage.“ Möglich war es.

„Küss mich doch, damit ich den Schmerz vergesse.“ Sie rückte näher an ihn heran.

„Keine Küsse.“ Harte Worte. Noch härter ausgesprochen.

„Was ist mit Blasen? Ich kann echt gut blasen.“ Sie beugte sich vor, um seine Hose aufzumachen, doch Kane packte sie und warf sie auf den Rücken. Er presste sie bäuchlings auf die Polster und hielt sie fest. Auf keinen Fall wollte er irgendjemandes Lippen auf seiner Haut spüren.

„Wir machen das auf meine Weise.“ Galle brannte in seinem Bauch, als er ihr Kleid hochschob und ihr das Höschen hinunterzog. Obwohl er sich lieber einen Arm abgesägt hätte, öffnete er seinen Hosenknopf und zog den Reißverschluss auf. Das Zittern seiner Hände wurde stärker. Beißend stieg ihm die Galle in die Kehle, versengte ihn förmlich. Er hielt inne.

Wo war das Problem? Das hatte er doch früher schon oft getan. Als ihm klar geworden war, dass eine Beziehung nicht infrage kam, hatte er sich mit One-Night-Stands begnügt. Wenigstens für eine Weile. Doch niemals war er dabei so zusammengebrochen wie jetzt …

„Mache ich was falsch?“, wollte sie wissen.

Mit zusammengebissenen Zähnen zog er sich ein Kondom über und … und …

Tu es!, befahl Katastrophe.

Er nahm sie.

Er war roh, unbeherrscht, ohne jede Sinnlichkeit oder lustvolle Ansprüche. Er hatte keinerlei Konzentration, wollte nicht im Geringsten sehen, wie sie zum Höhepunkt kam. Im Geiste verabscheute er das alles. Und trotzdem – seinem Körper gefiel es. Aber sein Körper war ja auch ein Verräter. Was die Lakaien getan hatten, hatte ihm ebenfalls gefallen, und das war es, was ihn am meisten quälte. Dass ein Teil von ihm es genossen hatte, wie er missbraucht worden war.

Das Ganze war ein Fehler.

Er wollte diese Frau nicht, kannte sie nicht, hätte sie vielleicht nicht einmal gemocht, hätte er sie doch gekannt. Sie war nicht … sie, die Fae, nach der er instinktiv so verzweifelt gierte.

Bei der Richtung, die seine Gedanken einschlugen, fluchte Katastrophe.

Und als die Frau stöhnte, um ihn anzufeuern, zogen verschiedene Bilder vor seinem geistigen Auge vorbei. Hände hier … Münder dort … Lakaien überall …

Obwohl er kurz vor einer Panikattacke stand, schaffte Kane es irgendwie zu kommen. Er war sich nicht sicher, ob er ihr einen Orgasmus verschafft hatte oder nicht, und im Moment war es ihm auch egal.

Das Wüten des Dämons ging in befriedigte Kommentare über.

Während er noch gegen eine Woge der Selbstverachtung ankämpfte, warf Kane das Kondom weg und richtete seine Kleider, dann warf er ein paar Hunderter auf die Polster neben der Frau. Er ging zur Tür und bedeutete ihr, zu verschwinden. Draußen fiel sein Blick als Erstes auf William, wie er an der Wand stehend eine Frau nahm. Der Wachmann war nirgends zu sehen.

„Aber … willst du nicht meine Nummer haben?“, fragte die Blondine. „Falls du’s gern mal wieder besorgt haben willst? Für dich würde ich jederzeit zur Verfügung stehen, wann immer du willst.“

„Nein“, entgegnete er. Es war nur zu ihrem Besten, wenn er gleich Klartext ...

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