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Schwarzes Leder, nackte Haut

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1. KAPITEL

Josey atmete tief durch und stieß die Tür zu Crazy Horse Choppers auf. Was für eine dumme Idee, ausgerechnet in einem Motorrad-Shop um Spenden für die Errichtung einer Schule zu bitten! Der Laden machte einen recht vornehmen Eindruck, aber trotzdem, was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Im Vorraum roch es nach teurem Leder und Motorenöl. Zwei schwarze Ledersessel standen rechts und links von einem Couchtisch, dessen Glasplatte auf einem Fuß lag, der aus verbogenen Motorradlenkern gestaltet war. Der Tisch war eine Spezialanfertigung und musste eine Stange Geld gekostet haben. An einer Wand hingen signierte Fotos von irgendwelchen Berühmtheiten zusammen mit einem von Robert Bolton, dem Inhaber des Ladens.

Die gegenüberliegende Wand war aus Glas und gab den Blick in die Werkstatt frei.

Dort arbeiteten ein paar furchterregend aussehende Männer mit genau den Werkzeugen, die Josey für den Werkunterricht brauchte. Oje, war sie wirklich so verzweifelt, dass sie in diesem Schuppen nachfragen sollte?

„Kann ich Ihnen helfen?“, übertönte plötzlich eine Frauenstimme die laute Heavy-Metal-Musik. Eine junge Frau mit strähnigen blonden Haaren blickte sie fragend an. So viele Piercings hatte Josey noch nie an einem Menschen gesehen. Außerdem waren Arme, Schultern und sogar der Hals der Frau mit Tattoos übersät.

„Hallo!“ Josey musste schreien, denn in diesem Moment kreischte plötzlich eine Säge in der Werkstatt los. Was für ein Höllenlärm hier herrschte! „Ich heiße Josey White Plume. Ich habe um halb zehn einen Termin mit Robert Bolton“, fuhr sie lächelnd fort und streckte der Empfangsdame die Hand entgegen. Diese warf ihr lediglich einen abschätzenden Blick zu, und Josey zog die Hand sofort zurück.

„Dein Termin ist hier!“, rief die Frau in eine Sprechanlage.

„Mein was?“, plärrte eine tiefe, blechern klingende Stimme zurück.

Hatte Robert etwa vergessen, dass sie kam? Verunsichert sah Josey durch die Glasscheibe, ein dumpfes Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit.

Cass – der Name stand auf dem T-Shirt der Frau – warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. „Dein Termin um halb zehn“, rief sie wieder in die Sprechanlage, „genauer gesagt, Bobbys Termin. Aber der ist in L. A., oder hast du das vergessen?“

Wer war in L. A.? Mit wem sprach dieses Piercingwunder eigentlich?

Josey wurde schlecht. Wieso war sie überhaupt hergekommen?

Wochenlang hatte sie sich auf dieses Treffen vorbereitet, hatte im Internet Nachforschungen über Robert Bolton angestellt. Sie wusste, mit wem er sich traf und warum, was er am liebsten aß (Cheeseburger aus irgendeinem schäbigen Restaurant in L. A.) und mit welchen Schauspielerinnen (unzählbar vielen) er irgendwo gesichtet worden war. Sie hatte extra ein knappes schwarzes Wollkleid angezogen, um sich mit diesem sagenumwobenen Geschäftsmann zu treffen. Und nun war er gar nicht da?

Darauf war sie nicht vorbereitet, und Josey hasste es, unvorbereitet zu sein. Für sie war es gleichbedeutend mit versagen.

Auch vor zwei Jahren war es für sie völlig unerwartet gewesen, als Matt sie verlassen hatte. Josey hatte Pläne geschmiedet, aber letzten Endes – denn alles ging zu Ende – hatte er sich für seine Familie entschieden. Und dort hatte sie nicht „hineingepasst“. Matt hatte das wörtlich gemeint, denn sie war eine Lakota-Indianerin, sie passte nicht in seine Welt. Und er hatte kein Interesse daran gehabt, sich mit ihrer Welt auseinanderzusetzen. Zumindest nicht auf Dauer.

„Ich weiß, dass Bobby in Kalifornien ist“, unterbrach die Stimme in der Sprechanlage Joseys Gedanken. „Ist es ein Kunde oder ein Lieferant?“

„Weder noch.“

„Weshalb rufst du dann überhaupt an?“ Der Mann klang ziemlich genervt.

„Tut mir leid“, wandte sich Cass gelangweilt an sie. „Ich kann Ihnen nicht helfen.“

Also, das war ja wohl das Allerletzte. So leicht ließ Josey sich nicht abwimmeln. Eines hatte sie von ihrer Mutter gelernt: Man durfte als Lakota-Frau nicht schweigen, sonst wurde man vergessen. Und sie war mit Leib und Seele Lakota-Indianerin.

Es gab eine Zeit, da hatte sie krampfhaft versucht, keine zu sein. Das hatte ihr allerdings nichts als Seelenqualen eingebracht. Nachdem die Beziehung mit Matt vorbei gewesen war, hatte sie ihren Job in New York gekündigt und war zur ihrer Mutter und ihrem Volksstamm zurückgekehrt. Sie hatte gedacht, man würde sie dort mit offenen Armen aufnehmen – aber dem war ganz und gar nicht so.

Und deshalb war es ihr wichtig gewesen, ihre Zugehörigkeit zum Stamm unter Beweis zu stellen. Sie wollte mitten im Reservat eine Schule bauen. Aber der Bau einer Schule war teuer. Noch teurer war es, die Schule auszustatten.

Crazy Horse Choppers war bekannt dafür, dass sie sich Spendensammlern gegenüber – milde ausgedrückt – nicht eben großzügig zeigten. Na und? Davon würde sie sich nicht abschrecken lassen. Auch wenn Robert Bolton nicht hier war, irgendjemand war hier. Und ehe sie nicht mit diesem jemand gesprochen hatte, würde sie nicht weggehen.

„Aber klar können Sie mir helfen. Es scheint mir, als hätten sowieso Sie hier das Sagen, oder nicht?“

Cass sah sie zwar nicht an, aber ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Absolut. Die Jungs wären völlig aufgeschmissen ohne mich.“

Aha, nun wusste Josey, wie sie es anzugehen hatte. „Sie haben sicher noch keine schulpflichtigen Kinder“, fuhr sie fort. Erfreut sah Cass sie an. Josey konnte die Frau schwer einschätzen. Sie konnte fünfunddreißig, aber auch fünfundfünfzig sein. Aber es kam meistens gut an, wenn man den Leuten schmeichelte. „Ich sammle Geld für die Werkstatt an einer neuen Schule, und da dachte ich, dass ein Motorradladen dafür vermutlich perfekt geeignet ist.“

Na ja, das war etwas gelogen. Zuerst hatte Josey es bei großen Firmen versucht und hatte sich dann langsam über diverse Autowerkstätten, Bauunternehmer und sogar einige wohlhabendere Schulen nach unten gearbeitet. Aber außer ein paar Computern und einer Küche war dabei nicht viel herausgesprungen. Der Motorradladen war ihr letzter Versuch, an Werkzeug zu kommen.

Was hatte sie also zu verlieren? Die Schule würde in fünf Wochen eröffnen.

„Eine Schule?“ Cass runzelte zweifelnd die Stirn. „Na ja, ich weiß nicht …“

Josey zog eine Broschüre hervor. „Ich vertrete die Pine-Ridge-Charter-Schule. Wir bemühen uns um das pädagogische und emotionale Wohl der unterversorgten Kinder des Pine-Ridge-Reservats …“

Cass hob die Arme. „Okay, okay, ich sehe mal, was ich tun kann.“ Wieder betätigte sie die Sprechanlage.

„Verdammt, was ist?“ Der Mann am anderen Ende klang wütend. Erneut machte sich der Klumpen in Joseys Magen bemerkbar.

„Sie will nicht gehen.“

„Wer? Von wem redest du überhaupt?“ Na super, jetzt schrie der Mann sogar.

Cass musterte Josey von oben bis unten. „Von deinem Termin. Sie sagt, sie geht nirgendwohin, bevor sie nicht mit irgendwem gesprochen hat.“

Der Mann fluchte.

Oje, was hatte sie sich da eingebrockt?

„Seit wann schaffst du es nicht, jemanden rauszuwerfen, Cassie?“

Cassie grinste und zwinkerte Josey zu. „Komm doch einfach selbst runter und wirf sie raus.“

„Ich habe keine Zeit. Billy soll ihr Angst einjagen.“

„Der macht eine Probefahrt mit deinem Vater. Bleibst also nur noch du übrig.“

Ein Knacken in der Sprechanlage, danach verstummte das Gerät.

„Ben kommt gleich“, wandte sich Cass grinsend an Josey und deutete auf eine Tür in der Glaswand.

Ben? Benjamin Bolton? Robert war als einziger Bolton im Internet zu finden gewesen. Die anderen waren offensichtlich noch nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen. Außer einem verschwommenen Foto der Mitarbeiter von Crazy Horse hatte sie nichts über irgendeinen anderen Bolton im Internet gefunden. Über Ben wusste sie nur, dass er der Finanzchef der Firma und Roberts älterer Bruder war.

Die Glastür flog auf. Im Türrahmen stand ein wütend aussehender Ben Bolton. Wäre ich doch nur gegangen.

„Was, zum Teufel …“ Mr Bolton wollte gerade weiterpoltern, als er Josey erblickte. Einen Moment lang schien er zu erstarren. Alles an ihm veränderte sich. Sein kantiges Gesicht nahm weichere Züge an, und in seinen Augen flackerte etwas auf, das möglicherweise Zorn war, aber für Josey eher wie Begehren aussah.

Vermutlich war das nur Wunschdenken, denn wahrscheinlich war Ben noch sauer, aber er war zweifelsohne der attraktivste Mann, den Josey seit Langem – womöglich sogar überhaupt jemals – gesehen hatte. Ihre Wangen begannen zu glühen.

Plötzlich wurde Josey zuversichtlich. Irgendwie würde sie die Situation schon retten. Brüder mochten oft ähnliche Dinge, wieso sollte das in Bezug auf ihren Frauengeschmack nicht auch so sein? Mit einem unsicheren Augenaufschlag sah sie zu ihm hoch. Dieser Blick zeigte normalerweise immer Wirkung, das wusste Josey aus Erfahrung.

„Mr Bolton? Ich heiße Josey White Plume“, sie streckte ihm freundlich die Hand entgegen. Sein Handschlag war kräftig. „Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.“ Sie wussten beide, dass dem nicht so war, aber ein Gentleman würde niemals einer Dame widersprechen. An seiner Reaktion würde sie sehen, was für eine Art Mann er war.

Seine Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. „Wie kann ich Ihnen helfen, Mrs White … Plume?“ Er sprach ihren Namen aus, als habe er Angst davor.

Nett. Hoffentlich fing er nicht mit diesem Mist an, dass sie eine amerikanische Ureinwohnerin indianischer Herkunft sei. Aber solange niemand sie eine Rothaut nannte, war alles in Ordnung. Ob sein Haar schwarz oder braun war, konnte sie im trüben Licht nicht erkennen, aber er sah auf jeden Fall umwerfend aus. „Vielleicht können wir woanders die Details besprechen?“

Boltons Gesicht verdunkelte sich. „Möchten Sie mit in mein Büro kommen?“, fragte er sie, sein Ton klang immer noch verärgert.

Ein Prusten ertönte in diesem Moment aus Cass’ Richtung, und Ben Bolton funkelte seine Angestellte warnend an. Als er sich erneut Josey zuwandte, lag wieder diese Mischung aus Wut und Begehren in seinem Blick. Er schien auf eine Antwort zu warten, denn er starrte Josey unverwandt an. Das war ja was ganz Neues. Für die meisten Männer war das eher eine rhetorische Frage, und sie erwarteten, dass man ihnen gleich folgte.

„Sehr gern“, antwortete Josey schnell.

Bolton drehte sich auf dem Absatz um und ging aus dem Zimmer. Josey konnte gerade noch ihre Aktentasche packen, ehe er verschwunden war.

„Viel Glück“, rief Cass ihr lachend hinterher.

Josey musste sich beeilen, um mit Ben Schritt zu halten. Er nahm immer zwei Stufen, als er vor ihr die Metalltreppe hinaufging, und Josey konnte nicht anders, als auf seinen prächtigen Hintern zu sehen. Überhaupt war Bens Anblick auch von hinten nicht zu verachten. Er hatte breite Schultern, und das graue Hemd konnte den muskulösen Rücken darunter nicht verbergen. Seine schwarze Jeans wurde von einem Werkzeuggürtel gehalten, der eher an einen Cowboy als an einen Biker erinnerte.

Ben Bolton war auf jeden Fall kein typischer Finanzchef, das war klar.

Ein bewundernder Pfiff ertönte von irgendwo hinter ihr, aber ehe Josey reagieren konnte, hatte er sich bereits umgedreht. „Das reicht!“, rief er so laut, dass Josey das Gefühl hatte, die Metalltreppe unter ihr würde vibrieren. Der Lärm in der Werkstatt verstummte sofort, und nur noch ein leises Summen war zu hören.

Josey war es plötzlich etwas mulmig zumute. Ben Bolton verlangte absoluten Respekt. Sie war hier völlige Außenseiterin, schon lange hatte sie sich nicht mehr so fehl am Platz gefühlt wie in dieser Werkstatt, aber trotzdem verteidigte er sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Er warf ihr noch einen kurzen Blick zu, ehe er weiter die Treppe hinaufstieg, dieses Mal etwas langsamer.

Joseys Puls raste. Sie war es gewöhnt, dass Männer versuchten, ihr mit Geld und Besitz zu imponieren. Dieser Mann war das komplette Gegenteil. So wie er mit verschränkten Armen oben an der Treppe stand und ungeduldig zu ihr hinuntersah, war sie sich sicher, dass er sie nicht mochte. Aber irgendwie imponierte ihr das umso mehr.

Als Josey endlich oben angekommen war, stieß er eine Stahltür auf und wartete ungeduldig darauf, dass sie ihm folgte. Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch verstärkte sich, aber jetzt konnte sie keinen Rückzieher mehr machen. Sie musste da durch.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und auf einmal war es völlig still um sie herum. Was für eine Wohltat für ihre Ohren. Sie sah sich um. Boltons gesamtes Büro schien aus Edelstahl zu bestehen. Alles in diesem grauen Raum stank förmlich nach Geld.

Unten war auch alles exklusiv, und die Einrichtung hier war darauf ausgerichtet, Kunden zu beeindrucken. Aber war noch eine Nummer größer. Hier ging es allein um Macht und Kontrolle. Oder dieser Mann litt an Geschmacksverirrung. Diese industrielle Einrichtung war schlichtweg deprimierend.

Kein Wunder, dass er schlecht gelaunt ist. Wenn Josey in einem solchen Büro arbeiten müsste, würde sie eingehen wie eine Primel.

Bolton deutete an, sie solle sich setzen. Auch der Stuhl war natürlich aus Metall. Nachdem er hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, musterte er sie erneut. Ungeduldig tippte er dabei mit der Spitze eines Kugelschreibers auf dem metallenen Schreibtisch herum. „Was wollen Sie?“

Oh ja, er war immer noch wütend. „Mr Bolton …“

„Ben“, unterbrach er sie.

Das war besser. „Ben“, begann sie erneut. „Wo sind Sie zur Schule gegangen?“

Robert war in einem wohlhabenden Stadtteil von Rapid City zur Schule gegangen, vermutlich hatte Ben dieselbe Schule besucht.

„Wie bitte?“ Ganz gut, er war verwirrt. Ein Gegner war leichter umzustimmen, wenn er bereits aus dem Gleichgewicht war.

„Ich möchte wetten, dass Sie als einer der Besten Ihrer Klasse abgeschlossen haben und vermutlich im Football-Team gespielt haben. Sie sehen aus wie ein ehemaliger Quarterback.“ Josey lächelte Ben entwaffnend an. Dabei ließ sie ihren Blick über seine breiten Schultern schweifen. Wow. Wenn Ben Bolton doch nur nicht so einschüchternd wirken würde, er wäre ein richtig scharfer Kerl. Wie er wohl auf einem Motorrad aussah? Er fuhr ganz sicher Motorrad. Schließlich gehörte ihm ein Motorradshop.

Mit Schmeicheleien erreichte Josey normalerweise alles, aber nicht bei diesem Mann. „Ich war Jahrgangsbester und landesbester Runningback. Na und?“

Josey schaffte es, zu schlucken und gleichzeitig weiterzulächeln. Dass er „landesbester“ hinzugefügt hatte, war ein gutes Zeichen. Er gab also ein bisschen an. Das Tippen der Kugelschreiberspitze auf dem Metalltisch wurde lauter und schneller. Sie musste endlich zur Sache kommen. Wenn sie es schaffte, der Schule Werkzeuge zu besorgen, bedeutete das einen dauerhaften Platz und Anerkennung in ihrem Stamm.

„In Ihrer Schule waren sicher in jedem Klassenzimmer Computer, nicht wahr?“ Ehe er sie wieder mit einem „Na und?“ unterbrechen konnte, fuhr sie fort: „Vermutlich bekamen Sie jedes Jahr neue Bücher, die teuersten Football-Helme, und die Lehrer waren bestimmt gut, oder?“

Das Geräusch des Kugelschreibers verstummte. Aber Ben starrte sie weiterhin an. Josey schwieg. Sie würde nicht zulassen, dass dieser Mann sie einschüchterte. Herausfordernd hob sie das Kinn, blickte ihm direkt in die Augen und wartete.

Sein kurzgeschnittenes Haar war dunkelbraun und viel dunkler als ihr eigenes kastanienbraunes Haar. An den Schläfen entdeckte sie ein paar vereinzelte graue Strähnen. Sein mürrischer Gesichtsausdruck schien angeboren zu sein.

Hat dieser Mann jemals Spaß?

Endlich brach Mr Bolton das Schweigen. „Was wollen Sie?“

Das war keine Frage, sondern ein Befehl, zur Sache zu kommen.

Wenn sie sich jetzt nicht beeilte, würde er sie vermutlich eigenhändig rausschmeißen.

„Wissen Sie, dass der Bundesstaat South Dakota kürzlich dazu gezwungen wurde, sämtliche Finanzierungen von Schulen zu reduzieren?“

„Was?“, fragte er und sah sie ungläubig an.

Klar. Er hatte nicht gewusst, dass sie kam. Sein Bruder hatte offenbar nichts von ihr erzählt. „Wie ich Ihrem Bruder Robert bereits mitgeteilt habe …“

„Sie meinen Bobby.“

Josey lächelte. Unwiderstehlich und einschüchternd war eine gute Mischung. Aber gerade war das Unwiderstehliche sehr viel intensiver geworden. Hoffentlich wurde sie nicht rot. „Genau. Ich versuche, Spenden für die Pine-Ridge-Charter-Schule aufzutreiben. Weniger als zwanzig Prozent der Lakota-Sioux-Schüler haben einen Highschoolabschluss – nicht mal dreißig Prozent machen nach der achten Klasse weiter.“ Nein, das glaubte er ihr ganz offensichtlich auch nicht, aber das taten nur wenige. Die Zahlen waren erschreckend.

Unbeirrt fuhr sie fort: „Derzeit muss man in einigen Teilen des Reservats länger als zwei Stunden fahren, um zu einer Schule zu gelangen. Viele Schüler sitzen mehr als vier Stunden täglich im Schulbus. Wenn sie Glück haben, gehen sie auf eine der besseren Schulen. Die meisten allerdings benutzen Schulbücher, die über zwanzig Jahre alt sind, haben keine Computer, und die Lehrer interessiert es nicht, ob ihre Schüler leben oder sterben.“

Aufmerksam hörte Ben ihr zu.

„Viele schmeißen die Schule hin, da sie zusätzlich noch gemobbt werden, weil sie Indianer sind. Die Leute erwarten von ihnen, dass sie versagen. Die Arbeitslosenquote im Reservat liegt bei fast achtzig Prozent. Jeder Idiot erkennt, dass diese Quote die der Schulabbrecher widerspiegelt. Und Sie sehen mir nicht aus wie ein Idiot.“

„Was wollen Sie?“, fragte er, dieses Mal etwas vorsichtiger.

Plötzlich hatte Josey ein gutes Gefühl bei der Sache. Ben Bolton wollte Zahlen hören – ihm waren harte Fakten am liebsten. Aber er war auch ein Biker – deshalb schien es ihm auch zu gefallen, dass sie in einem rauen Ton mit ihm sprach.

Ihr Gesicht glühte, und es wurde ihr ganz warm. Vermutlich war sie jetzt knallrot.

Ben Bolton riss die Augen auf, als er bemerkte, wie sie errötete, und seine Augen schienen noch blauer zu werden. Seine Mundwinkel zuckten ein wenig, als er sich etwas nach vorn beugte. Obwohl es nur eine winzige Annäherung war, spürte Josey, wie eine unsagbare Spannung von ihm ausging und sich auf sie übertrug. Und sie spürte Begehren.

Eigentlich sah ihr das überhaupt nicht ähnlich. Sie war immer stolz darauf, dass sie Beruf und Privates trennen konnte. Manche Leute waren der Meinung, man könne sie mit Spenden ins Bett bekommen, aber darauf hatte sich Josey noch nie eingelassen.

Mit großer Mühe schaffte sie es jetzt, sich am Riemen zu reißen. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen. Spaß kam später, wenn überhaupt. Die Schule war sowieso viel wichtiger. Für Liebschaften war keine Zeit – und erst recht nicht mit einem Weißen.

Sie reichte Ben die Broschüre, die sie selbst entworfen hatte. „Die Schule soll unseren Lakota-Kindern eine Grundlage bieten, nicht nur in pädagogischer Hinsicht, sondern fürs ganze Leben. Aber wir brauchen Gelder, um das zu erreichen.“

Ben blätterte ihre Broschüre durch, sah sich die Fotos der glücklichen Kinder an, die sich um ihre Mutter scharten, die ihnen eine Geschichte erzählte. Dann betrachtete er die Skizze des sechsräumigen Schulhauses, das erst zur Hälfte gebaut war. „Sind das Ihre Kinder?“

„Ich bin ein registriertes Mitglied des Pine-Ridge-Stammes der Lakota-Sioux.“ Josey hasste es, das Wort „registriert“ hinzufügen zu müssen, aber so war das eben. Aufgrund des Rotstiches in ihrem Haar hielten die meisten Leute sie für eine Möchtegernindianerin. „Meine Mutter wird die Direktorin und Hauptlehrerin an der neuen Schule sein. Sie hat einen Doktortitel in Pädagogik und bringt den Kindern unseres Stammes schon seit Langem bei, wie wichtig eine gute Ausbildung für sie und den Stamm ist.“

„Ach, deshalb hören Sie sich so an, als hätten sie die Highschool abgeschlossen.“

Entgeistert starrte sie Ben an. „Mein MBA ist von der Columbia. Ihrer?“

„Berkley.“ Er warf die Broschüre auf seinen Schreibtisch. „Wie viel?“

„Wir wollen kein Geld.“ Hauptsächlich deshalb, weil sie wusste, dass sie keins bekommen würde. Aber sie hatten auch ihren Stolz. Die Lakota bettelten nicht. Sie baten höflich. „Wir bieten Firmen eine einzigartige Gelegenheit zum Sponsoring an. Kostenlose Werbung als Dank für Sachspenden. Auf unserer Website sind alle Spender aufgeführt.“ Sie beugte sich vor und deutete mit dem Zeigefinger auf die Internetseite, die in der Broschüre verzeichnet war. Als sie wieder hochschaute, bemerkte sie, dass Ben sie intensiv ansah.

Langsam lehnte sie sich zurück, wobei er sie nicht aus den Augen ließ. Die Gefahr, die von ihm auszugehen schien, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte, war beinahe verschwunden. In seinem Blick spiegelte sich nur noch Begierde wider. „Alle gestifteten Gegenstände werden mit dem Namen der Firma des Spenders gekennzeichnet, was wiederum Reklame für den Spender …“

„Sie wollen Werbeanzeigen in der Schule verbreiten?“

„Na ja, ich würde sie nicht unbedingt als Werbeanzeigen bezeichnen, es sind eher Informationen zum Spender.“

Er neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sie anerkennend. Dann schien er sich eines Besseren zu besinnen. „Ich frage nur noch einmal. Was genau wollen Sie?“ Ungeduldig tippte er wieder mit dem Kugelschreiber auf den Tisch.

„In der Pine-Ridge-Charter-Schule sollen Kinder nicht nur eine gute Bildung erhalten, sondern auch eine berufliche Ausbildung. Wir bitten deshalb um Ausrüstung für eine Werkstatt.“

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und Josey hatte das Gefühl dahinzuschmelzen. Wow! Er war so unglaublich anziehend. „Endlich kommen wir zum Punkt. Sie wollen also, dass ich Ihnen Werkzeug für Ihre Werkstatt stifte.“

„Ja, genau.“

Wieder nahm Ben die Broschüre in die Hand und schien zunächst ihren Vorschlag ernsthaft in Erwägung zu ziehen. „Nein“, antwortete er schließlich, nachdem er das Heft zur Seite gelegt hatte. „Hören Sie. Sie sind schön und intelligent, aber dieses Unternehmen ist riskant. Und für so etwas spende ich kein Werkzeug. Das kann sich diese Firma nicht leisten.“

Hatte sie richtig gehört? Er fand sie schön?

Erst in diesem Moment wurde ihr so richtig bewusst, was er eben gesagt hatte. „Nicht mal für kostenlose Werbung?“ Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.

„Nein, nicht mal für kostenlose Werbung.“

Er ließ sie nicht aus den Augen, offensichtlich wartete er darauf, dass sie ihn herausforderte. Josey schluckte und biss sich auf die Lippe.

„Kann ich irgendetwas tun, um Ihre Meinung zu ändern?“

Oh Gott! Wieso hatte sie denn das gesagt? Sie machte niemals solche Angebote, warum also jetzt?

Verärgert kniff Ben die Augen zusammen. „Denken Sie wirklich, dass das was nützt?“

Nein, denn so etwas habe ich noch nie getan!

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