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Schwarzes Gold

Über den Autor

Kjell Ola Dahl, 1958 in Norwegen geboren, hat im Jahr 2000 seinen bürgerlichen Beruf endgültig aufgegeben und widmet sich seither ganz dem Schreiben. Zum Nachdenken zieht er sich am liebsten auf seinen großen Bauernhof zurück, was ihm gleichzeitig Gelegenheit gibt, seiner zweitgrößten Leidenschaft zu frönen: der Pflege von Traktor und Feldern.

»Sommernachtstod« wurde in Norwegen ein großer Erfolg, der 2001 mit dem angesehenen Riverton-Krimi-Preis belohnt wurde.

Kjell Ola Dahl

SCHWARZES
GOLD

Roman

Aus dem Norwegischen
von Anne Helene Bubenzer

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Zitat auf S. 244 stammt aus Knut Hamsun,

»Was Liebe ist«, 2. Strophe, in: Der wilde Chor,

Phaidon Verlag, Wien, 1929,

übersetzt von Heinrich Goebel.

Vebjørn war unangreifbar. Andere Geschäftsführer bei Spenning & Co kamen und gingen. Der Reeder Georg Spenning liebte es, Leute in aller Öffentlichkeit zu brüskieren, mit Vorliebe bei Direktionskonferenzen. Dann fasste er einen der jungen und aufstrebenden Männer starr ins Auge und übertrug ihm die eine oder andere Aufgabe. Selbstverständlich handelte es sich dabei um eine Angelegenheit, mit der längst jemand anderer betraut war. Bei einem anderen Chef hätte der Übergangene vielleicht das Wort ergriffen und den Reeder auf diesen Missstand aufmerksam gemacht. Aber jeder wusste, dass Georg Spenning genau darauf wartete: auf einen Vorwand, den Betreffenden noch weiter zu demütigen – und ihn dann beispielsweise vor den Augen aller zu feuern. Deshalb hielt man lieber still. War man schlau, sah man sich schleunigst nach einem neuen Job um. Wer sich in die Degradierung fügte, versank rasch immer tiefer im Morast. Die öffentlichen Erniedrigungen des Reeders waren ein Signal an die Horde. Wie ein räudiger Hund in den Slums von Kalkutta würde dieser Mann von allen geschunden und getreten werden. Vebjørn aber blieb von solchen Spiegelfechtereien verschont. Er lehnte sich zurück, Daumen und Zeigefinger nachdenklich ans Kinn gelegt, während Georg seine Vorstellung absolvierte.

Vebjørn ging auf die Vierzig zu. Er maß hundertachtzig Zentimeter bis zum Scheitel. Am liebsten trug er anthrazitfarbene Anzüge und weiße Hemden, legte das Jackett aber häufig ab. Saß er in seinem Büro, hatte er die Hemdsärmel für gewöhnlich hochgekrempelt und den Krawattenknoten leicht gelockert. Sein schwarzes Haar lag zurückgekämmt, und unter seiner hohen Stirn blickten zwei tiefliegende braune Augen hervor. Er hatte einen breiten Mund, den er gerne zu einem schiefen Lächeln verzog, wobei eine abgebrochene Ecke an einem der Schneidezähne auffiel. Der Schaden war in seiner Kindheit entstanden. Die kleine Kerbe verlieh seinem Lächeln etwas sympathisch Jungenhaftes.

Reeder Georg Spenning strahlte Würde aus. Er war zwanzig Jahre älter als Vebjørn. Sein graues Haar war einst knallrot gewesen. Die Haut in seinem Gesicht war spröde und sommersprossig, von der Art, die in starker Sonne rasch verbrennt und sich pellt. Der Reeder bezeichnete sich gern als tough guy oder bulldog. Er war erklärter Liberaler und pflegte lautstark zu verkünden, dass er alles toleriere, absolut alles außer Sozialisten und Mentholzigaretten. Kam es hart auf hart, konnte man miterleben, dass er so gut wie gar nichts tolerierte. Er hasste Konkurrenten, Politiker, Anwälte, Journalisten und – vor allem – Bürokraten, die ihm mit Gesetzen und Regeln kamen, wenn er einfach Verträge abschließen wollte. Am meisten hasste er immer die, an denen er gerade etwas auszusetzen hatte.

Georg Spennings Lieblingsmelodie war Frank Sinatras Version von Leroy Brown. Hatte der Reeder einen guten Deal abgeschlossen, dröhnte Sinatras Stimme aus den Lautsprecherboxen in seinem Büro und durch die Bürowände. Georg Spenning stand mitten im Raum, einen Hut schräg auf dem Kopf, tanzte zur Musik, schnippte mit den Fingern und sang den Refrain mit: Baddest man in the whole damned town/ badder than old King Kong/ and meaner than a junkyard dog! War er schlechter Laune, saß er hinter seinem Schreibtisch wie ein verbitterter Kampfhund und wartete förmlich darauf, jemandem den Kopf abzubeißen. In solchen Momenten ging man in der Reederei Spenning & Co auf Zehenspitzen. Georg Spenning betrachtete sich selbst als einen erfolgreichen Gangster, und – dachte Vebjørn jedes Mal wieder – er war in vielerlei Hinsicht tatsächlich ein Gangster.

Das klassische, aber in der Öffentlichkeit selten sichtbare Bild des glücklichen Reeders kam zum Vorschein, wenn er sich auf seinem gepolsterten Ledersessel zurücklehnte und sich zu Sinatras letzter Strophe eine kubanische Corona in den Mundwinkel steckte. Und wenn Ol’ Blue Eyes sich wie ein echter Wildhund aufführte und bellte und knurrte, bellte Georg Spenning mit. Danach grinste er, die Zigarre zwischen den Zähnen. »Vebjørn«, sagte er manchmal, »weißt du noch, wie ich Nasser eine Weihnachtskarte geschickt habe?«

Diese Geschichte war ein Dauerbrenner, und sie wurde wieder und wieder erzählt. Sie stammte aus der Zeit des Sechstagekriegs 1967. Der Tankermarkt war damals explodiert, und Georg Spenning hatte Verträge im Wert von Hunderten von Millionen abgeschlossen. Eines Dezembertages hatte er zu den Klängen von Sinatra eine Weihnachtskarte an Präsident Nasser geschrieben und ihm sowohl für die Invasion, seine schmähliche Kriegsniederlage und die daraus resultierende Unterstützung der Tankreeder gedankt.

»Das hast du getan?« Vebjørn lieferte seine feststehende Replik mit der immer gleichen Munterkeit ab, damit Georg Gelegenheit bekam, die gleiche Geschichte zum x-ten Mal zum Besten zu geben.

Georg Spenning war reich, so reich, wie ein großer Tankreeder sein konnte; so reich, dass sein Reichtum nie ein Thema war. Zusätzlich zur Tankerflotte hielt er auch noch Anteile an diversen anderen Unternehmen sowie große Aktienpakete in den USA und Großbritannien. Spennings bester Hauptgeschäftsführer war Vebjørn Lindeman. »Du bist die Ankerkette«, brach es manchmal aus ihm heraus. »Du bist, verdammte Axt noch mal, das Seil, das den ganzen Laden zusammenhält, du alter Suffkopp.«

Von gebildeten Journalisten wurde der Reeder gerne als »vielschichtig« und »schillernd« bezeichnet. »Ein Erdbeben« lautete eine Metapher, die im Reederverband häufig für ihn verwendet wurde. Als Georg beispielsweise eines Morgens ins Büro kam und in seinem Vorzimmer eine neu angestellte, wohlgeformte Blondine sitzen sah, rief er umgehend den Personalchef an und befahl ihm, eine ebenso schöne Brünette einzustellen. Lautstark verkündete er, dass ihm das Konzept Black & White gefiele. Als der Personalchef andeutete, dass die dunkelhaarige überflüssig sei, antwortete Spenning aufgebracht: »Wenn Black bis zum Lunch nicht an Ort und Stelle ist, bist du überflüssig.« Er war stolz auf seine harten Seiten. »Ich bin nicht Millionär geworden, weil ich die andere Wange hingehalten habe. Wir müssen das wilde Fleisch loswerden, Vebjørn, da muss man eben bis auf den Knochen schneiden.«

Vebjørn schätzte die Offenheit und die direkte Ansprache seines Chefs, hatte jedoch schon vor einigen Jahren begriffen, dass Georg Spenning ein Mann war, der sich auf Dauer nur mit Jasagern umgeben konnte. Deshalb war ihm klar, dass er nicht ewig in der Reederei würde bleiben können. Vebjørn war höflich und umgänglich, aber er besaß Integrität – und es gab eine Grenze. Er war in vielerlei Hinsicht das absolute Gegenteil des Reeders. Wenn Spenning mit vor Zorn erblasstem Gesicht jeden verwünschte, der neue Traumhöhen des Reichtums blockierte, steckte Vebjørn kühl den Weg zum Erfolg ab. Wenn es sein musste, ignorierte er Befehle, um das Boot sicher in den Hafen zu bringen.

Mit Sicherheit wusste Georg Spenning, dass seine jüngste Tochter Bette Line für eine geraume Zeit Vebjørns Geliebte gewesen war. Doch er hatte sich nie etwas anmerken lassen. Nicht einmal, wenn Bette Line auf einem Stapellauf die Champagnerflasche am Schiffsrumpf zerschmetterte oder der Veranstaltung auf andere Weise Glanz verlieh. Am liebsten tauchte sie auf, wenn Vebjørn in Begleitung von Liv war. Bei einem ebensolchen Stapellauf stellte Liv Vebjørn schließlich zur Rede. Sie waren im Hotelzimmer und machten sich für das Fest bereit.

»Lüg nicht, damit machst du dich nur lächerlich. Alle sehen es, alle wissen es. Sie haben Mitleid mit mir, und du glaubst, dass ich das nicht merke?«

Vebjørn hatte nicht gewusst, was er erwidern sollte. Im tiefsten Inneren war er sich sicher, dass seine Gefühle für Liv das waren, was man gemeinhin Liebe nannte. Er hatte eine feste Vorstellung von dem Leben, das er sich ersehnte. Es war ein Bild, auf dem vier Personen zu sehen waren: Liv, die beiden Jungen und er selbst an einem Tisch im Esszimmer oder während einer Pause auf einer Skitour, wenn sie auf ihren Skiern saßen und im Schnee Apfelsinen schälten. Eine Art Harmonie und die Bestätigung, dass die wichtigste Entscheidung seines Lebens sinnvoll gewesen war. Derartige Bilder passten nur schlecht zu der Szene im Hotelzimmer. Liv stand am Fenster, er an der Tür. Sie starrten einander still an, bis er verstohlen auf seine Armbanduhr sah und sagte:

»Das Essen. Bist du so weit?«

»Wofür? Um deine Huren zu treffen?«

Bette Line Spenning war Mitte zwanzig, und wie die meisten Töchter reicher Reeder war sie schön, selbstbewusst, verwöhnt und maßlos. Bette Line war eine Frau, die sich so lange nehmen würde, was sie begehrte, bis sie eines Morgens in den Spiegel sah, die ersten Anzeichen von Falten erkannte und begriff, dass es an der Zeit war, einen Mann zum Heiraten zu finden, die Sache mit den Kindern hinter sich zu bringen und in eine bessere Villa zu ziehen. Als Vebjørn mit ihr Schluss machte, lag dieser Tag noch in weiter Ferne, aber Vebjørn wusste, dass er irgendwann kommen würde. Auch wenn er gelegentlich glaubte, dass er Bette Line liebte, und obwohl er nie seine Lust unterdrücken konnte, nahm er ihr Verhältnis zu keiner Zeit wirklich ernst. Er war vierzig und sie sechsundzwanzig. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Sie hatte noch nicht einmal angefangen, sich über diese Seite des Daseins Gedanken zu machen. Vebjørn war überzeugt, dass sie, genau wie er, ihr Verhältnis eigentlich als gestohlene Zeit betrachtete. Er ging davon aus, dass sie eigentlich keine Lust mehr darauf hatte, die Rolle seiner Geliebten zu spielen.

Auch wenn die launischen Bocksprünge und Ideen seines Chefs an Vebjørn vorübergingen, war er doch die ganze Zeit auf der Hut – vor allem, weil Spenning seine kleine Schwäche kannte. Vebjørn wusste natürlich, dass es nicht sehr schlau war, einem tyrannischen Chef die eigene Schwäche zu offenbaren, aber sie war nun einmal dergestalt, dass sie sich schlecht verheimlichen ließ. Und wenn Vebjørn erst einmal ein paar Tage im Bett bleiben musste, akzeptierte der Reeder das ohne weiteres, ohne eine Krankschreibung zu verlangen oder die Sache auf andere Art zu verfolgen. Dennoch: Vebjørn war auf der Hut, jeden Tag.

Wenige Wochen, nachdem Spenning Brede Gran eingestellt hatte, wusste Vebjørn, dass er die Initiative ergreifen musste, ehe die Initiative ihn ergriff. An Gran war nichts Besonderes. Er war ein normaler Mann aus Oslos Westen. Ausgestattet mit der waschechten Bonität seiner großbürgerlichen Herkunft, verfügte er gleichwohl über das Radar eines Opportunisten. Er schmeichelte dem Chef wie ein Nerz dem Hals einer schönen Frau. Es stellte sich heraus, dass Brede Gran der konsequenteste Jasager war, der Vebjørn je in den Fluren von Spenning & Co begegnet war. Er war ein Mann, der sich nicht schämte, die Ideen anderer zu stehlen und sie zu seinen Visionen zu machen. Seine Rückgratlosigkeit war dermaßen offensichtlich, dass Vebjørn zum ersten Mal Zweifel an Georg Spennings Urteilsvermögen kamen.

Grans Dienstantritt machte sich in Vebjørns Arbeitsalltag zunächst nur wenig bemerkbar. Es wurden keine demütigenden Tänzchen aufgeführt, es gab keine Skandale, nichts, was beim Personal Gerüchte aufkommen ließ. Vebjørn ging seinen Aufgaben nach und erstattete Bericht wie bisher. Aber er spürte, dass er in ein Fahrwasser geraten war, in dem es jeden Tag schwieriger wurde, die Kontrolle und die Übersicht zu behalten. Er merkte sich, an welchen Projekten Georg Spenning den neuen Mann mitarbeiten ließ, wie viel Vertrauen ihm entgegengebracht wurde. Er merkte sich, dass der Reeder nach Brede Grans Empfehlungen handelte – egal wie unklug und wenig strategisch fundiert sie waren. Eines von Grans Steckenpferden waren Offshore-Investitionen. »Mir scheint, du wirst alt und müde«, hatte Spenning geschmunzelt, als Vebjørn ihm von einer solchen Strategie abriet. Vebjørns Argumente, dass das Parlament noch lange nicht über die Ölgeschäfte entscheiden würde, dass die Arbeiterpartei einer rein privat betriebenen Ölförderung in der Nordsee garantiert Steine in den Weg legen würde und dass das Parlament aller Wahrscheinlichkeit nach eine staatliche Lösung des Problems anstreben würde, hatten bei dem Reeder nichts als gutmütige Herablassung ausgelöst. Da wusste Vebjørn, dass es für ihn nur noch eine Frage der Zeit war. Immer seltener teilte er die Beschlussgrundlagen von Spenning und dessen neuem Lakai. Ein einziges Mal sprach er seine Zweifel aus und merkte sofort, wie sehr Georg sich beherrschen musste, um nicht so zu reagieren, wie er es bei jedem anderen Mann mit weniger Ansehen und Vertrautheit getan hätte. Die Reaktion war der Beweis, dass etwas im Anmarsch war.

Vebjørn wählte den folgenden Donnerstag. Er hatte einen Auftrag über zwölf Millionen an Land gezogen. Er hatte dem Reeder die Papiere und Zahlen eigenhändig vorgelegt. Er hatte Take five durchgestanden, ebenso wie die vulgären Metaphern des Reeders für seine eigene Großartigkeit. Er hatte Leroy Brown abgewartet, die Zigarre im Mundwinkel, Sinatras Bellen und dass Georg sich in seinem gepolsterten Ledersessel zurücklehnte und brüllte:

»Hol dich der Teufel, Vebjørn, du alter Penner, wie reich soll ich denn noch werden?«

»Ich werde am nächsten Ersten eine neue Stellung antreten.«

Erst: fünf Sekunden Stille. Danach: ein Blick auf die Zigarre. Die Gedanken ratterten. Dann endlich die Reaktion: »Was redest du da?«

»Ich habe mich auf eine andere Stelle beworben und sie bekommen.«

Eine solche Stille, wie sie nun durch die Fenster in Georg Spennings dunkelbraun getäfeltes Reederbüro drang, hatte Vebjørn in diesem Raum noch nie wahrgenommen. Die nächste Reaktion würde heftiger ausfallen, und sie würde von etwas anderem als Verwirrung getrieben sein. Point of no return, dachte er und wusste – ohne zu ahnen warum –, dass im Kopf des Reeders etwas Ungewöhnliches vorgehen musste.

»Willst du mich verarschen?«

»Keineswegs.«

»Was für eine Stelle ist das?«

»Stellvertretender Geschäftsführer bei der CBK.«

»Bei einer Bank?« Spenning verzog das Gesicht, als hätte er etwas Verdorbenes gegessen. »Stellvertreter?«

Vebjørn hatte keine Lust, sich anzuhören, was jetzt kommen würde. Deshalb erhob er sich und ging zur Tür.

Spenning saß groß und bleich hinter seinem Schreibtisch. »Ausgerechnet du, den ich zum König machen wollte«, flüsterte er.

Vebjørn wusste, dass er umgehend die Türe öffnen und diesen Raum verlassen musste. Aber er blieb stehen und ließ es über sich ergehen. Georg Spenning hatte einen wunden Punkt getroffen: Die neue Stelle war alles andere als ein Schritt nach oben auf der Karriereleiter. Georg hatte an das gerührt, was Vebjørn zeitweise selbst als eine seiner schlechten Eigenschaften ansah: Er war manchmal konfliktscheu. Auf der Suche nach Integrität spürte er viel eher das Verlangen, seine Ketten zu sprengen, als die Notwendigkeit, sich um seiner Karriere willen zu verbiegen. Vebjørn empfand diese Seite an sich selbst als eine Art genetischer Nemesis, von der er sich nie würde befreien können. Er war der Sohn eines Mannes, der sein ganzes Leben Waldarbeiter gewesen war. Es gab eine Eigenschaft, die zu Hause niemals akzeptiert wurde: Größenwahn. Etwas Besseres sein zu wollen, wurde als Verrat an der eigenen Herkunft gesehen. Es hieß, ins eigene Nest zu scheißen. Obwohl Vebjørn mit seiner Berufswahl gegen dieses Gebot rebelliert hatte, hatte er sich nie Generaldirektor nennen können, ohne dabei eine Spur von Scham zu empfinden.

Doch Vebjørn Lindemans Begabung, zuhören zu können, kühl zu kalkulieren und sich dabei nicht von Prestige, Namen, Titeln oder anderen Nebensächlichkeiten beeindrucken zu lassen, waren Fähigkeiten, die ihn in Georg Spennings Augen einzigartig und unersetzbar machten. Und zu eben diesen Eigenschaften gehörte auch das Einfühlungsvermögen, das Vebjørn jetzt, auf dem Weg zur Tür und in frischere Luft, trotzdem noch Sorge um den Reeder empfinden ließ. Er wusste, was kommen würde, und dennoch sah er in diesem Moment einen kleinen und einsamen Georg Spenning vor sich, fast wie ein müder und verlassener Hund, der an einen Baum im Wald gekettet war. Darum ließ Vebjørn es über sich ergehen. Er ließ Georg Spenning allen Dreck auskippen. Er protestierte auch nicht. Er sagte kein einziges Wort. Er ließ den Mann sein Geschäft verrichten. Erst dann drehte er sich um und ging.

An den darauffolgenden Tagen kam er nur noch, um sein Büro auszuräumen. Es dauerte zwei Wochen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren nahm er sich zwischen Weihnachten und Neujahr frei und war bereit, am Dienstag, den zweiten Januar 1973, seine neue Stellung anzutreten.

ERSTER TEIL

Listen, I learned this about human nature when I was but so high, and that is: That the strong take away from the weak, and the smart take it away from the strong.

Aus: The Oklahoma Kid

1

Anders lief barfuß durch das Gras und genoss es, den grünen Teppich unter den Füßen zu spüren; weiche, kühle Halme zwängten sich zwischen die Zehen, der Boden federte, und bergab lief es sich wie von selbst. Wo die Wiese zu Ende war und in einen Kartoffelacker überging, lief er zwischen zwei aufgehäufelten Dämmen weiter. Das Kartoffelkraut strich ihm an den Schenkeln entlang, er rannte weiter, sprang über den Grasstreifen, der wie ein Beet zwischen den Traktorspuren des Feldweges wuchs, landete in Wiesenliesch- und Knäuelgras. Weiter ging es zwischen Rotklee, Schwingelgras, Labkraut und Lichtnelken zum Fluss hinunter, wo er seinen Weg entlang der Traubenkirschbäume fortsetzte. Er sprang von Stein zu Stein, um sich am Schotter nicht die Fußsohlen zu verletzen. Diese Strecke war ein Sprint, den er immer automatisch gelaufen war, routinemäßig. Aber jetzt, dachte er, jetzt bin ich zwölf Jahre alt, und da ist es albern, wie ein kleines Kind zu rennen. In der Mühlenkurve drosselte er das Tempo, zögerte einen Augenblick und hielt nach Schlangen Ausschau, ehe er sich seinen Weg durch die Himbeersträucher brach und über die zwei Planken balancierte, die eine Brücke über den Mühlenteich bildeten. Er sprang hinunter auf den Felsen, wo der Bach in eine Senke lief, schlich voran und schaute in das murmelnde Wasser, wo die Bachforellen pfeilschnell wie Schatten durch die Mulde vor dem kleinen Wasserfall schossen. Die Fische wurden unruhig, als sie ihn sahen. Sie glitten hin und her. Vor dem grün-gelben Bachbett glichen sie den dunklen Flecken in ihrer eigenen Musterung. Am Fangplatz stellte er sich mit einem Fuß auf jedem Stein auf. Auch bei diesem niedrigen Wasserstand war die Strömung dort, wo sich das Wasser durch die Steine zwängte, groß. Lange stand er so da, bis er nichts mehr hörte außer dem Rauschen des Baches. Noch ein wenig später beugte er die Knie, hob den Arm und machte sich bereit zuzuschlagen.

Da! Er ließ die Hand ins Wasser schießen, unmittelbar vor einer von ihnen. Perfekt. Der Fisch schwamm weiter geradeaus, direkt in seine Faust. Die Forelle zappelte zwischen seinen Fingern wie ein lebendiger Muskel – grünbraun mit roten und gelben Punkten. Er drückte den schlanken Fischleib, hielt ihn fest. Der Fisch entleerte sich in seiner Panik. Schwarzer Fischkot am Handgelenk. Anders grinste. Das kleine Fischmaul klappte auf und zu, auf und zu. Er überlegte, ob er ihm das Genick brechen sollte, denn er hatte die Macht dazu. Aber dann würde er ihn mitschleppen müssen, oder noch ein paar mehr fangen, und das war Grund genug, den Fisch am Leben zu lassen. Er entließ die Forelle in den brausenden Bach, entzückt darüber, dass es unmöglich war, sie verschwinden zu sehen – so schnell schwamm sie in Sicherheit, unter einen Stein. Anders ging weiter bachabwärts und entdeckte Martin, der auf einem rostigen Dieselfass neben seinem Boot am Ufer saß.

Anders blieb ein paar Minuten zwischen zwei Birken stehen und beobachtete Martin bei der Arbeit: Sein grauer Haarschopf, der normalerweise nach hinten gekämmt war, fiel ihm widerspenstig in die Stirn. Martin nahm Fische aus. Er hatte sein Netz eingeholt. Sein altes Holzboot lag halb aus dem Wasser gezogen auf dem Geröll am Ufer. Die kaum spürbaren Wellen vom See glucksten leise gegen das Boot. Auf beiden Seiten standen die Ruder hervor. Teile des Netzes hingen aufgerollt darüber.

Anders wartete, dass Martin seinen Blick bemerken, aufsehen und sich umdrehen würde. Er wusste, dass es geschehen würde – so, als wenn er auf einem Baumstumpf saß und grasende Rehe am Waldrand beobachtete. Oder wenn er vom Fenster seines Zimmers Bette Line Spenning beobachtete, die sich nackt im Garten sonnte. Die Rehe hoben den Kopf und starrten zurück, genau wie Bette Line Spenning es tat, wenn er zu lange hinübersah. Dann hob sie den Kopf, nahm die Sonnenbrille ab und schaute sich um.

Die leichte Brise vom See fuhr durch Martins graues Haar. Nachdem er einen Fisch in einen Eimer geworfen hatte, streckte er den Rücken – und sah herüber zu den zwei Birken, wo Anders stand. Da setzte Anders sich in Bewegung. Als er sich auf das Dollbord lehnte, war Martin schon wieder auf seine Arbeit konzentriert. Seine kräftigen, sonnengebräunten, fast schwarzen Hände waren mit Blut und Fischschuppen verschmutzt. Über die Hände und an den Armen hinauf zogen sich blaue Adern und hautfarbene Sehnen. Anders verfolgte die Messerschneide, die den Bauch des Felchens aufschlitzte. Sie teilte die Fischhaut wie Butter. Keiner konnte ein Messer oder eine Sense führen wie Martin, keiner, vielleicht mal abgesehen von Opa. Anders erhob sich und schaute in den Eimer mit Fischen. Die schwarzen Rücken der Felchen verflochten sich über dem krummen Rücken eines Hechts. Er war mittelgroß, etwas mehr als einen halben Meter lang. Anders griff nach dem Fischhaken, der auf der Ruderbank im Boot lag, steckte ihn in den Eimer und hakte ihn unter die Kiemen des Hechts. Er hob ihn hoch. Der Hecht baumelte schwer am Fischhaken.

»Wirf’n raus«, sagte Martin knapp. Wenn er sprach, hing seine Kippe fest im Mundwinkel.

Anders gehorchte. Er zog den schweren Fisch hinter sich her zu dem Sandfleck, auf dem sich die kleinen Wellen kräuselten. Kleine Sandkörner blieben an dem schleimigen Hechtkörper hängen. Anders watete hinaus, bis ihm das Wasser zu den Knien reichte, dann ließ er den Fisch ins Wasser sinken und löste den Haken. Der Hecht drehte sich im Wasser, erst einmal, dann noch einmal. Einige Sekunden trieb er mit seinem verletzbaren gelb-weißen Bauch nach oben, als sammelte er Kräfte, dann schlug er mit dem Schwanz und verschwand.

»Is’ er geschwommen?«

Anders nickte.

Martin fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase. Er nahm einen weiteren Felchen aus dem Eimer und schabte ihn mit dem Messer ab. Die Schuppen legten sich wie nasses Silber auf die Schneide, und schon bald war der fette Fischkörper schwarz und matt und schuppenfrei. Dann drehte Martin den hellen Bauch nach oben, stach ein kleines Loch hinein und öffnete ihn mit einem einzigen Schnitt. Es sah ganz einfach aus, wenn Martin einen Fisch ausnahm.

»Wie sollte man Hechte am besten töten?«, fragte Anders.

Martin kratzte den Blutrand mit dem Daumennagel weg, beugte sich vor und spülte den Fisch im Wasser ab.

»Ist fast unmöglich, sie umzubringen«, murmelte Martin. »Am einfachsten ist es noch, ihnen den Kopf abzuschneiden.«

»Warum lässt du sie wieder frei?«

Martin warf den Fisch in den Eimer. Er schaute verträumt über das Wasser. Die Muskeln in seinen braunen Unterarmen spielten. Martins Finger waren dick und meistens leicht gebogen, die Nägel in der Mitte fast gelb. Die scharfen Falten im gebräunten Gesicht, die Sehnen am Hals und die Muskeln, die sich unter dem grauen Hemd abzeichneten, ließen Martin derb aussehen. Er hatte Ähnlichkeit mit einem Cowboy, und Anders träumte davon, so auszusehen wie Martin, wenn er alt war.

»Tja, Anders, da fragst du was«, murmelte Martin, schaute unzufrieden auf den kurzen Zigarettenstummel und warf ihn fort.

»Seid ihr heute angekommen?«

»Nur ich und mein Bruder«, sagte Anders. »Ich lasse die Hechte nie frei«, fügte er hinzu.

Martin legte den Kopf schräg und holte das Tabakpäckchen aus seiner Brusttasche. Schnell drehten seine kräftigen Finger eine Zigarette. Er leckte die Klebefläche des Blättchens an. »Du hast eine Mutter, die Hechtfrikadellen machen kann. Wie geht es deinen Eltern?«

Anders zuckte die Achseln. »Sie sind auf einer Hochzeit.«

»Jemand, den ich kenne?«

»Glaub ich nicht. Erling Sachs. Er arbeitet mit meinem Vater bei der Bank.

»Ist die Braut hübsch?«

Anders antwortete nicht. Er dachte an Bette Line, wenn sie sich auf der Sonnenliege ausstreckte. Er sah sich selbst mit einem riesigen Hecht in einem Eimer über die Wiese zur Terrasse gehen, wo Bette Line Spenning, die bald Bette Line Sachs heißen würde, lag und sich sonnte. Und er sah einen Hecht vor sich, der mit klaffendem Maul über den Rasen zappelte. Anders musste grinsen.

»Ist er nett, dieser Sachs?« Martin wischte die Schuppen vom Messer auf seine abgetragene Hose, die voller Farb- und Dieselflecken war. Anders betrachtete seine eigenen Beine. Neben Martin wirkten seine Schenkel kindlich und dünn. Unwillkürlich bewegte er sich und stand auf. Er dachte über die Frage nach. War Erling Sachs nett? Dieser große, magere Erling Sachs mit dem scharfen Blick.

»Er sieht aus wie ein Hecht«, sagte Anders, ein bisschen geniert. Es wurde viel zu viel über Erling Sachs geredet, einen Mann, den er nicht mal kannte. »Er hat sauviele Zähne im Mund.«

»Und dein Bruder?«

»Ist oben und liest.« Anders hielt das Gesicht in den Wind und entdeckte in der Kurve einen Jungen in seinem Alter. Es war Freddy.

Anders mochte Freddy, trotzdem ärgerte er sich, dass Freddy auftauchte und seine wichtige Unterhaltung mit Martin unterbrach. Freddy begriff nicht, dass Fischen wichtig war. Freddy mochte Lastwagen, Bulldozer und Trecker – Dinge, die absolut nicht wichtig waren.

Aus Freddys Brusttasche schaute heute ein Päckchen Petterøes-Tabak hervor. Er klopfte sich auf die Brust und feixte. Anders verabschiedete sich von Martin.

»Hast du angefangen zu rauchen?«, fragte Anders, als sie den Weg zum Laden hinaufschlenderten.

Freddy sah zu ihm herüber, zog das Tabakpäckchen heraus und öffnete es. Es war leer, nichts als ein weißes Stück Plastik war darin. Ein Werbepäckchen. »Willst du Tabak?«, fragte Freddy mit Lastwagenfahrerstimme. Er holte noch eine leere Petterøes-Packung aus der Tasche.

Anders warf einen Blick darauf und schlug vor, dass sie sich anständige Zigaretten besorgen sollten.

Auf dem Platz vor dem Laden thronten zwei gelbe Benzinpumpen. Im Schaufenster standen ein Paar Viking-Gummistiefel, eine Schiebermütze, ein Tablett mit Haschpfeifen, ein Einwegfeuerzeug und Wollunterwäsche aus der Dovre-Fabrik.

Die Glocke klingelte, als sie die Türe öffneten. In dem dunklen Verkaufsraum, in dem es nach geröstetem Kaffee und Gewürzen roch, waren keine Kunden. Der alte Alfred erhob sich von seinem Hocker hinter der Ladentheke. Er sagte kurzatmig: »Wenn das nicht Anders ist! Wie geht’s deinen Eltern?«

»Gut.«

»Seid ihr gestern gekommen?«

»Nur ich und Per Ole.«

Die Fäuste auf die Theke gestützt, beugte der Alte sich vor. Seine schmalen Augen blitzten. Alfred hatte Ähnlichkeit mit einem Greis aus einem Stück im Fernsehtheater. Er trug eine Hose mit Bügelfalte, die von Hosenträgern gehalten wurde, ein weißes Hemd mit merkwürdigen Schlaufen an den Unterarmen, eine graue Weste und eine Uhrkette über dem Bauch. Seine kleinen Äuglein starrten Anders hungrig an, sie gierten nach Neuigkeiten von seinem Vater. Doch Anders schwieg. Er wartete darauf, dass Freddy sich nach hinten in den Laden bewegte, zu den Zigaretten.

Alfred zog das Glas mit den gemischten Bonbons zu sich herüber. Die zitternden Altmännerhände, braun gefleckt und rot geädert, öffneten eine weiße, dreieckige Papiertüte und füllten sie mit Süßigkeiten. Sein Atem ging rasselnd. Alfred habe nur eine Lunge, hatte seine Oma gesagt. In den Dreißigern hatte Alfred TBC gehabt und dabei eine Lunge verloren. Solche Tuberkulosepatienten seien ständig geil, hatte Oma gesagt, deshalb sei Alfred so verrückt nach Frauen – und nach Tratsch. Jetzt krempelte er die Papiertüte mit dem Zuckerzeug zu und bereitete seine Frage vor. »Er ist doch nicht schon wieder voll, dein Vater?«

Anders antwortete nicht. Hinter Alfred bewegte sich Freddy auf den Stapel mit Teddy ohne Filter zu.

»Also, Anders, ist dein Vater schon wieder voll?«

»Glaub’ nicht«, sagte Anders. »Sie sind auf einem Fest bei Nachbarn. Hochzeit.« Das war das Codewort, das Alfreds Erregung noch steigern würde: Wer heiratete wen? Und warum waren seine Eltern zu dieser Hochzeit eingeladen? Und war das wirklich gut für Vebjørn, der so gerne den starken Sachen zusprach, würde er es schaffen, sich nicht volllaufen lassen? Und bald würden andere Kunden in den Laden kommen, und Alfred würde ihnen von dem Fest erzählen können und von der Hochzeit, zu der Vebjørn und Liv eingeladen waren, und die armen Kinder, mit so einem Vater, der sich in regelmäßigen Abständen derart betrank …

Aus dem Augenwinkel sah Anders, wie Freddy eine Zigarettenschachtel in die Tasche steckte. Er war fertig. Er wollte gehen. Anders nahm die Zuckertüte entgegen und grub darin. Er steckte ein Bonbon in den Mund. Es war klebrig.

»Mama und Papa holen uns morgen ab«, sagte er und war aus der Tür, ehe der Alte noch weitere Fragen stellen konnte.

Im Schatten der Traubenkirschbäume zündeten sie sich jeder eine Teddy an. Anders wurde schwindelig. Er taumelte mit ausgestreckten Armen herum und fühlte sich wie eine Schwalbe in der Luft. Er fiel und rollte durchs Gras. Freddy war ganz bleich geworden und trank Wasser aus dem Fluss. Danach fiel er auf die Knie und übergab sich.

»Das kommt vom Inhalieren«, sagte er später. Sie lagen auf dem Rücken im Gras, draußen auf der Wiese zwischen dem Fluss und dem windschiefen, verlassenen Haus, das nur das Alte Haus genannt wurde.

Anders spürte, wie die Übelkeit nachließ. Es war ihm egal, wovon einem beim Rauchen schlecht wurde. »Das ist nur ein Übergang«, sagte er. »Alle, die rauchen, sagen, dass ihnen am Anfang schwindelig und schlecht wurde. Das gehört dazu.«

Anders setzte sich auf und betrachtete das unheimliche Haus. Baufällig, geteert, mit schwarzen Fenstern und einem eingesunkenen Dach.

»Das Alte Haus war mal eine Poststation«, sagte er. »Wusstet du das?«

»Eine Poststation?«

»König Frederik hat 1814 dort übernachtet.«

Freddy kicherte. »Träum weiter.«

Freddy war im Grunde furchtbar skeptisch, dachte Anders. Aber Skeptiker stellten eine Herausforderung dar. Er fuhr fort: »Doch, sie sagen, dass er einem Dienstmädchen ein Kind gemacht hat.«

Freddy grinste breit. »Einem Dienstmädchen!«

Anders wurde zunehmend ärgerlich. Aber er ließ sich nichts anmerken und sagte: »Sie hat das Baby umgebracht. In der Nacht, als sie allein mit ihm war, hat sie es erwürgt, und danach hat sie die Leiche versteckt.«

Freddy schwieg. Ihm wäre nicht im Traum eingefallen, Anders jetzt zu unterbrechen.

»Sie wurde gefasst«, fuhr Anders fort. »Es gab einen riesigen Gerichtsprozess und alles. Sie sollte verbrannt werden, aber das Problem war, dass die Leiche des Babys nie gefunden wurde. Die alte Maria Tune sagt, dass die Stallmagd das tote Baby im Keller des Alten Hauses vergraben hat, und dass darum ihr Geist dort umgeht. Sie sucht nach der Leiche des Kindes. Jede Nacht kommt sie und will ihr Kind ausgraben, aber sie kommt nicht rein, weil eine Gesellschaft gegeben wird, voll mit vornehmen Gästen. Und die Dienstboten dürfen sich nicht zeigen, wenn eine Gesellschaft gegeben wird. Darum versucht sie es in der nächsten Nacht wieder, aber auch da kommt sie nicht rein, wegen der Gesellschaft, und dann weint sie …«

Anders rupfte eine Hand voll Löwenzahn ab und fing an, die Köpfe abzuknipsen. Die Sonne kam hervor und wärmte die Haut. Ein weicher Windzug ließ das Laubwerk der Bäume am Fluss rauschen.

»Maria Tune hat Licht in der Mansarde gesehen«, sagte Anders. »Als niemand dort war. Aber das wissen ja alle, dass es in der Mansarde spukt.«

Anders dachte an Maria Tune. Sie hatte ein vollkommen weißes Gesicht, so bleich war sie. Maria Tune wurde niemals braun, obwohl sie den ganzen Tag draußen war. Wenn sie abends ihr weißes Haar flocht, glich sie einem Gespenst. »Sie hat auch den Geist gesehen«, sagte Anders. »Er hatte ein altes, bleiches Frauengesicht mit ganz vielen Falten und weißem Haar, dicht und weiß, mit Mittelscheitel, der Geist hat sich die Haare gekämmt und dann dicke Zöpfe gemacht. Und die Zöpfe hat er sich dann um den Kopf gebunden und mit Haarnadeln festgesteckt.

»Hört sich an wie Maria Tune«, sagte Freddy. »Maria Tune bürstet sich auch immer ihre langen, weißen Haare, und außerdem ist sie total weiß im Gesicht.«

Anders schüttelte den Kopf. »Maria Tune hat das erzählt. Sie hat durch das Fenster geschaut und hat verdammt noch eins gedacht, sie sieht ihr eigenes Spiegelbild. Und dann hat die Frau im Fenster sie angelächelt.«

Anders richtete sich auf. »Sie hat gelächelt … so …« Er griff sich an beide Wangen und verzog den Mund zu einer schrecklichen Grimasse. »Und da kamen ihre Zähne zum Vorschein, aber es waren keine Zähne, dazwischen waren rostige, offene Löcher, als hätte sie Zähne aus Eisen.«

Ein Tropfen Spucke lief aus Freddys offenstehendem Mund.

»Sie hat sich nicht bewegt, Maria Tune, meine ich. Ihr sind Schauer über den Rücken gelaufen, es war, als würde sie von einer unsichtbaren Hand festgehalten – und da, genau dann, hat der Geist einen höllischen Schrei losgelassen, fast wie die Säue, wenn Martin schlachtet.«

Anders erwog, einen Schweineschrei zu imitieren, entschied sich aber dagegen. Seine Stimme könnte kippen, und der ganze Effekt wäre dahin.

»Und als sie brüllte«, fuhr er fort, »als sie brüllte, leuchtete ihr Schädel durch die dünne Haut. Es war … sie hat einem Totenschädel direkt ins Gesicht geschaut!«

Freddy schluckte.

Anders schauderte es noch immer, aber er war auch ein bisschen enttäuscht. Vielleicht hätte die Geschichte drinnen besser funktioniert. Wenn er sie am Abend erzählt hätte – während sie das Rauschen des Flusses und die Schreie eines Uhus durch das halboffene Fenster hörten.

Freddy runzelte die Stirn. »Ist sie dichter dran gegangen, um durchs Fenster zu schauen?«

Anders nickte und begriff sofort, dass er es verbockt hatte.

»Aber die Mansarde liegt doch auf dem Dachboden!«

Anders schüttelte verzweifelt den Kopf. »Die Mansarde? Häh? Welche Mansarde?«

»Du hast gesagt, dass sie den Geist hinter dem Fenster der Mansarde gesehen hat.«

»Freddy«, sagte Anders, »du musst schon zuhören. Maria Tune hat den Geist im Alten Haus gesehen, die Frau, die nach ihrem Kind gesucht hat …«

»Aber war sie alt, als sie das Kind gekriegt hat?«

Anders war jetzt aufgebracht. »Was weiß ich, wie alt, die Frau hatte weiße Haare, alle Tussen, die ihre Kinder verlieren, kriegen weiße Haare, hast du noch nicht von denen gehört, die ihre Kinder aus Adlernestern und so retten, die kriegen alle total weiße Haare …«

Die Zweiflerfalte auf Freddys Stirn gefiel Anders nicht. Der kleine Freddy war ein Skeptiker. Keine Fantasie.

»Wir sehen nach«, sagte er. »Du und ich, wir schlafen im Alten Haus. Heute Nacht!«

Freddy zögerte.

»Wir finden raus, was dran ist, wir können uns heute Abend treffen, wenn die anderen schlafen gegangen sind.«

Sie sahen einander an. Freddy wollte etwas sagen, aber Anders griff nach der Zigarettenschachtel und erhob sich, um zu gehen. »Die behalte ich solange.«

Der Eingang zur Küche war durch das riesige Hinterteil von Opas Dölepferd versperrt. Grinsend sah Anders zu, wie das Pferd rückwärts ging. Er hörte, wie Oma das Pferd beschimpfte: »Willst du wohl rausgehen? Mach, dass du rauskommst!« Schließlich hatte sie Erfolg. Das Pferd war aus der Tür. Es schnaubte und kaute auf einer Scheibe frisch gebackenem Brot. Oma und Anders schauten einander an. Seine Oma musste lächeln. »Hat man sowas schon gesehen?«, sagte sie gutmütig. »Hat man schon mal so ein freches Pferd gesehen. Kommt einfach in die Küche. Ist dir so was schon mal untergekommen, Anders?«

Anders packte das Pferd am Halfter und führte es hinaus. Das Pferd schnoberte, kaute und sabberte Brotkrumen. Die Fußkette klirrte. Der Pflock, an dem die Kette befestigt sein sollte, war herausgerissen und lag auf der Erde. Per Ole hatte ihn nicht tief genug eingeschlagen. Anders schlug den Pflock sorgfältig wieder ein, und dabei ruhte das Pferdemaul auf seiner Schulter. Es kitzelte. Anders versuchte, dem aufdringlichen Maul auszuweichen, sah zum Schlafzimmerfenster hinauf und fragte sich, wie es ihm gelingen sollte, sich in der kommenden Nacht unentdeckt davonzuschleichen.

2

Als Erling Sachs gefragt hatte, ob Vebjørn sein Trauzeuge sein wolle, hatte Vebjørn sofort zugesagt – obwohl er sich diese Rolle überhaupt nicht vorstellen konnte. Er kannte Erling erst seit wenigen Monaten. In der Bank waren sie einander mit kühler Distanz begegnet, bis sie sich eines Abends zufällig im Foyer des Gimle-Kinos über den Weg liefen – Erling Sachs und Bette Line Spenning Hand in Hand. Ohne viel miteinander zu reden, standen die vier verlegen in der Schlange am Kartenschalter, das Liebespaar, Liv und er. Doch in Erlings Blick hatte etwas Hartes und Triumphierendes gelegen. Vebjørn war in den Saal gestolpert und hatte von der Handlung des Films – A Clockwork Orange von Stanley Kubrick – kaum etwas mitbekommen. Nur der Ausdruck in Malcolm McDowells Augen war ihm von diesem Abend in Erinnerung geblieben. Es war, als starrte Erling Sachs ihn von der Leinwand herunter an.

Danach war ihr Umgangston immer jovialer geworden, nie aber vertraulich oder privat. Als Erling und Bette zusammenzogen, luden sich die Paare gelegentlich zum Essen ein. Aber Vebjørns und Livs Einladungen ergingen immer nur aus dem Pflichtgefühl heraus, sich revanchieren zu müssen. Vebjørn fand diese Abende verkrampft und von künstlicher Nettigkeit.

Erlings Anliegen war überraschend und gleichzeitig unangenehm. Sie wollten gerade Feierabend machen, als er fragte. Die Nachmittagssonne malte ein bleiches Rechteck an die Wand über Erlings Kopf, sodass sein Gesicht und seine Gestalt in einem Flimmern aus Licht verschwanden. »Es wäre eine Ehre für mich«, hörte er Erling sagen und wünschte sich weit weg. Es war das erste Mal, dass sie über etwas so Persönliches sprachen. Diese unerwartete Nähe kam allerdings zu plötzlich. Vebjørn konnte sich nicht darauf einstellen. Er versuchte, die Situation von außen zu betrachten. Lehnte er ab, grenzte das schon an Beleidigung, es könnte sogar verletzend sein. Und warum sollte er um Bedenkzeit bitten? Die Frage war ziemlich einfach. Es ging darum, jemanden in einer entscheidenden Lebenssituation zu unterstützen. Es war ihm unangenehm, sich selbst ja sagen zu hören. Es fühlte sich an, als sei er das Opfer einer geschickten Inszenierung geworden. Später hatte er sich damit getröstet, dass die Hochzeit noch in weiter Ferne lag und dass in der verbleibenden Zeit die anderen Beteiligten – nicht zuletzt die Braut – Erlings Wahl des Trauzeugen höchstwahrscheinlich rückgängig machen würden.

Tief in seinem Herzen hatte er jedoch gewusst, dass es dabei bleiben würde. Der Hochzeitstermin war nähergerückt wie eine dunkle und bedrohliche Wolke, die am Horizont wächst und schließlich den ganzen Himmel füllt, bevor das Unwetter losbricht. Aber er machte sich keine Vorwürfe. Die Situation war durch die Frage entstanden – nicht durch seine Zusage. Es war Bette Lines zukünftiger Ehemann, der mit seiner Frage eine Kerbe des Unbehagens in den großen Tag geschlagen hatte. Jetzt, fünfzehn Minuten, bevor die Zeremonie beginnen sollte, hatte Vebjørn sich ein wenig von den anderen Gästen zurückgezogen, die sich vor dem Eingang zur Kapelle drängelten. Er stand abseits und rauchte. Manchmal warf Liv ihm einen ängstlichen Blick zu, und die Sonnenstrahlen, die das hellgrüne, fast durchsichtige Sommerlaub durchschnitten, hatten eine solche Intensität, dass der kleine Schleier auf ihrem Hut einen Schatten aus winzigen Kästchen auf ihre Wangen warf.

Trauzeuge zu sein sollte eigentlich eine ehrenvolle Aufgabe sein. Doch dass Erling ausgerechnet ihn als Beistand für die bevorstehende Zeremonie ausgewählt hatte, war ein symbolischer Akt. Es war eine Art primitiver männlicher Markierung, wichtig für Erlings Selbstbild und die Bestätigung seiner verdrehten Vorstellung von Bette Lines und Vebjørns gemeinsamer Vergangenheit. Er spürte einen leisen Anflug von Sorge um Bette Line, denn er begriff, dass diese Seite Erlings sich nicht auf symbolische Akte gegenüber abgelegten Liebhabern beschränkte. Gleichzeitig war es ihm unangenehm, die Motive des Bräutigams in Frage zu stellen. Er dachte nicht gern schlecht von anderen Menschen.

Als er so abwesend und nachdenklich dastand, tippte ihm plötzlich jemand auf die Schulter.

»Darf ich hallo sagen? Das ist doch Lindeman, the best man, nicht wahr?«

Vebjørn fuhr herum und sah in das Gesicht eines Mannes von robuster Gestalt, der seinen kleinen, schmalen Mund zu einem arroganten Lächeln verzog. Darüber zwei eiskalte Augen. Sein dünnes Haar war zur Seite gekämmt, um eine größer werdende Platte zu verstecken.

»Huitfeldt«, sagte der Mann und streckte die Hand aus. »Joachim Huitfeldt. Ich bin mit Sara Augusta verheiratet.«

Vebjørn ergriff die schwere, weiße Hand. Sara Augusta war Georg Spennings älteste Tochter, aus der ersten Ehe des Reeders. Vebjørn erinnerte sich, dass es zwischen Vater und Tochter ziemlich im Gebälk geknirscht hatte, und freute sich für Georg Spenning, dass sie und ihr Mann die Reise von London auf sich genommen hatten.

»Sind Sie beide aus London angereist?«

»Ich bin aus London angereist, Sara Augusta kommt nicht.«

Die unsentimentale Antwort hinterließ eine stille Beklommenheit, wie sie aufkommt, wenn jemand in fauligem Wasser rührt. Ein Wagen, der den kleinen Hügel hinaufkam, befreite Vebjørn aus der peinlichen Situation. Die beiden Männer traten zur Seite, um Platz zu machen. Aus dem Taxi stieg ein weiteres festlich gekleidetes Paar.

Vebjørn graute es vor Bette Lines Anblick. Es graute ihm davor, in ihrer Nähe zu stehen.

Huitfeldt ließ ihn nicht mit seinen Gedanken allein. »Ich werde bei der Trauung nicht dabei sein, ich bin nur hierhergereist, um mit Ihnen zu sprechen«, fuhr er fort.

Vebjørn betrachtete ihn mit neu erwachter Aufmerksamkeit.

»Jetzt?«, fragte er.

»Ja, jetzt.«

»Worüber?«

»Nennen wir es Geschäfte.«

Vebjørn zog den Ärmel seines Jacketts hoch, und eine Armbanduhr kam zum Vorschein.

»Der Zeitpunkt ist vielleicht nicht gerade der günstigste.«

»Das tut mir leid, aber so ist es nun einmal. Nach der Zeremonie ist ja wohl auch noch Zeit, oder?«

Vebjørn zögerte. »Ich bin immerhin der Trauzeuge des Bräutigams.«

»Wenn es sich heute nicht einrichten lässt, dann muss ich Sie bitten, morgen ein paar Stunden für mich freizuhalten.«

Vebjørn fasste sein Gegenüber genauer ins Auge. »Eine Besprechung? Und worum geht’s, wenn es so wichtig ist?«

Sie standen Seite an Seite. Huitfeldt betrachtete die anderen Hochzeitsgäste und grüßte einige von ihnen mit einem gemessenen Nicken, während er fast aus dem Mundwinkel sprach.

»Es geht um die Stiftung, die Sie 1963 ins Leben gerufen haben – den Tochterfonds.«

»Es geht um was?«

»Tun Sie nicht so, als wüssten Sie nicht, wovon ich rede, Lindeman. Der Fonds wurde eingerichtet, als Sara Augustas Mutter 1963 bei einem Autounfall ums Leben kam. Das Dokument ist in der Familie und der Direktion der Reederei unter dem Namen Tochterfonds bekannt. Sie sollten es kennen – die Papiere tragen Ihre Unterschrift.«

Vebjørn betrachtete die Wellen herbeiströmender Hochzeitsgäste. Huitfeldt abzuservieren käme einer Szene gleich, und man veranstaltete auf der Hochzeit von Georg Spennings Tochter keine Szene – jedenfalls nicht, bevor der Cognac auf dem Tisch stand.

»Ich bin Jurist«, sagte Huitfeldt. »Aber das ist unwesentlich. Wesentlich hingegen ist, dass ich einen Teil der Wertpapiere halte – leider nicht alle. Als Sara Augustas Mutter 1963 starb, wurde der Fonds im Namen von Georgs drei Töchtern gestiftet: Sara Augusta aus erster Ehe, Emma Otilie, die in New York lebt, und Bette Line, die heute heiraten wird, richtig?«

»Ich bin schon vor langer Zeit bei Spenning ausgestiegen.«

»Trotzdem sind Sie der richtige Mann, aber darüber können wir morgen sprechen. Gleich kommt Georg mit der Braut, dann ist für dieses Gespräch keine Zeit mehr.«

»Wie gesagt, ich bin raus bei Spenning – und ich verspüre nicht das geringste Bedürfnis, weiter …«

»Hören Sie mich an, Lindeman. Bei der Einrichtung hielt der Tochterfonds mehr als die Hälfte des Kapitals von Spenning & Co – mit einem notierten Wert von etwas unter zehn Millionen. Derselbe Fonds hat heute, zehn Jahre später, exakt denselben Wert, während Spenning & Co ein notiertes Eigenkapital von vielen hundert Millionen hat. Niemand, außer vielleicht Georg selbst und Ihnen, weiß, was Spenning & Co wirklich wert ist. Es ist sensationell, dass der Fonds sich nicht entwickelt hat. Absolut nichts spricht für ein solches Verhalten. Alle Fakten besagen das Gegenteil: Der Fonds sollte mit zehnfachem Wert notiert sein – mindestens. Sicher sind Sie über die Fehde zwischen meiner Frau und ihrem Vater im Bilde. Na ja, möglicherweise kennen Sie die Ursachen nicht. Aber genau davon spreche ich: Meine Frau, die also ein Drittel des Fonds hält, ist davon überzeugt, dass ihr Vater sie betrogen hat. Dass er ihr Erbe systematisch angezapft hat. Über fast zehn Jahre habe ich versucht, sie zu beruhigen. Aber das will ich jetzt nicht mehr tun. Ich habe nämlich mit eigenen Augen gelesen, wie Spenning die fehlende Wertsteigerung der Fondspapiere erklärt.«

Jetzt schwieg Vebjørn. Aufmerksam starrte er dem Anwalt in die Augen.

»Wir beide kennen Spennings großes Projekt. Aber darauf können wir später zurückkommen. Wir wissen beide, dass es Mittel gibt; dass der Fonds angezapft wurde. Sara Augusta weiß, dass sie von ihrem eigenen Vater über den Tisch gezogen worden ist, außerdem weiß sie, dass Sie – als sein persönlicher Berater in der Zeit, bevor und während der Fonds eingerichtet wurde – am besten wissen, wie die Unterschlagungen vonstattengegangen sind.«

»Warum sollte ich …?«

»Nehmen wir die Kurzversion, Lindeman, cutting the crap, wie man auf der anderen Seite des großen Teichs sagt: Sie sind nicht mehr Georgs Handlanger. Ich möchte Sie schlicht und einfach auf meiner Seite haben. Genauer gesagt: Ich will Sie auf Sara Augustas Seite haben. Sie ist der Ansicht, dass Sie über ausreichend Rückgrat verfügen, um für die Wahrheit zu kämpfen. Realistisch gesehen geht es doch nur um einen gewissen Informationsbedarf. Sie könnten sich darauf vorbereiten, alles zu erzählen, was Sie wissen.«

»Worüber denn ganz konkret?«

»Sie wissen, was vorgefallen ist. Sie wissen, wie Sara Augustas Vater den Fonds geschröpft hat. Er hat das Erbe seiner Tochter gestohlen.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, sagte Vebjørn steif. »Ein solches Treffen wäre vollkommen sinnlos.«

Kaum waren die Worte ausgesprochen, sah er die Enttäuschung in den Augen seines Gegenübers. Doch er las noch etwas anderes in seinem Blick: Es spielte keine Rolle, was er sagte. Dieser Mann würde bis zum Letzten gehen.

Georg Spenning war immer noch zu Hause in Eiksmarka. Es war ein Mehrgenerationenhaus. Von dem viertausend Quadratmeter großen Grundstück waren zwei Einheiten abgeteilt worden, und im Neubau hatte Bette Line allein gewohnt, bis vor einigen Monaten ihr zukünftiger Ehemann eingezogen war. Jetzt wartete Georg Spenning darauf, dass seine Tochter fertig wurde, damit man sie in seinem Wagen zur Kapelle fahren konnte. Hektik und Unruhe hatten in den vergangenen Stunden im Haus des Reeders geherrscht. Aber die Armee nervöser Verwandter, Freunde und Freundinnen, freiwilliger Helfer und sonstiger Leute, die einfach mal vorbeischauten, hatte endlich die Villa verlassen, um die Kirchenbänke zu besetzen. Die Ruhe war ein Segen. In wenigen Minuten würde Bette Line heiraten, und der Reeder spürte, wie ein Anflug von Panik seine Gedanken lähmte. Die Hochzeit seiner Tochter betraf sein Leben gleichermaßen – eben diese Hochzeit führte ihn an einen entscheidenden Punkt. Die Ehe, die am heutigen Tag eingegangen werden sollte, war die offizielle Anerkennung des Zustandes, in dem er und seine Frau Bitten sich im letzten Jahr befunden hatten. Hierher hatte das Leben sie geführt.

Für einen kurzen Moment überlegte er, ob die Panik etwas mit Schuldgefühlen zu tun hatte, oder einfach nur mit der Angst, sich der Situation zu stellen, der Angst, sich seiner Frau Bitten und vielleicht sich selbst zu stellen. Dass die Kinder nun endgültig ausgeflogen waren, machte es unmöglich, darüber hinwegzusehen, dass man selbst den Zenit auch schon überschritten hatte. Möglicherweise rührte die Panik auch von der Angst her, mit Bitten allein zu sein. Ohne seine jüngste Tochter in der Nähe würde das Gefühl von Einsamkeit stärker werden. Zu seiner ältesten Tochter hatte er längst den Kontakt verloren, sie lebte in England, sprach Englisch am Telefon, schickte Geschenke zurück und erhob mittels ihrer Anwälte grobe Anschuldigungen gegen ihn. Sara Augustas jüngste Schwester, Emma, wohnte in New York, hatte eine Modelkarriere hinter sich und war mit einem bankrotten Schauspieler verheiratet. Emma und ihr Mann tranken Weißwein zum Frühstück und demütigten einander öffentlich mit ausgesuchten Sticheleien. Als sie vor wenigen Minuten ins Taxi gestiegen waren, hatte Emma Schwierigkeiten gehabt, aufrecht zu gehen. Das Paar hatte etwas Erbärmliches und Tragisches an sich. Der Anblick hatte Georg Spenning ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend beschert und seine Befürchtung, dass nun auch seine dritte Tochter von der Ehe ruiniert werden würde, nur verstärkt.

Er betrachtete seinen Umriss im Fenster. Drei Töchter hatte er großgezogen. Die älteste hasste ihn dafür, die zweite richtete sich systematisch zu Grunde, nicht einmal Hass war ihr geblieben.

Georg Spenning verschränkte die Hände auf dem Rücken und hörte, wie seine Jüngste die Steinfliesen betrat. Das Geräusch von Absätzen, die auf Stein trafen, vermischt mit dem Rascheln und Rauschen des Brautkleides. Ihr Duft erfüllte den Raum. Er drehte sich nicht um, sondern betrachtete im unklaren Spiegelbild des Fensters, wie sie ihr Kleid richtete, sich auf einen der Stühle am Glastisch setzte, eine Zigarette aus dem kleinen Zigarettenspender nahm, sie mit dem Kupferfeuerzeug, das die Form eines Bullen hatte, anzündete und dabei einen leisen Fluch ausstieß, weil irgendetwas mit ihrem Fingernagel nicht in Ordnung war. Eine der Eigenschaften, die er an Bette Line am meisten schätzte, war die Natürlichkeit, die sie in seiner Gegenwart an den Tag legte. Bei ihr musste er sich deshalb nicht verstellen, keine Plattheiten von sich geben oder hohle Rituale pflegen, um ihr seine Liebe zu zeigen. Sie nahm seine Fürsorge und seine Liebe immer als selbstverständlich hin, und Georg Spenning dachte, nicht ohne eine gewisse Wehmut, dass er eben diese Seite an ihr besonders mochte.

Bette Line war fast genauso groß wie ihr Vater. Mit ihren hohen Absätzen würde ihr blonder Kopf seinen grauen um ein paar Zentimeter überragen, wenn sie Arm in Arm das kurze Stück entlang des Mittelgangs der Kapelle in Grini gehen würden. Der Brautstrauß lag in einer antiken Böttcherarbeit aus dem 18. Jahrhundert – eine Antiquität ihrer Mutter, die den alten Tisch schmückte. Die Sonne fiel durch die gelbe Bleiverglasung oben im Fenster und tauchte den Blumenstrauß in Gold. Bette Line inhalierte den Zigarettenrauch in tiefen Zügen. Als Georg Spenning sah, wie sein Jaguar vor dem Gartenzaun hielt, wandte er sich zu seiner Tochter um. Sie entblößte einen schlanken Schenkel, als sie sich erhob und, in Ermangelung eines Aschenbechers, ihre Zigarette an der Unterseite ihres linken Absatzes ausdrückte.

Der Chauffeur – oder Tommy, wie er gerne genannt werden wollte – hatte den Wagenschlag geöffnet.

Als das Auto langsam unter den sonnenbeschienenen Laubbäumen entlangfuhr, die den Weg nach Grini säumten, brach Georg Spenning schließlich das Schweigen: »Nervös?«

Bette Line schüttelte den Kopf. »Du?«

Er ergriff ihre Hand. Sie war warm und trocken, als sie seine Finger drückte. Bette Lines Energie war die altvertraute, und er verlor sich in melancholischen Gedanken, denn er begriff, dass dieser gegenseitige Druck ihrer Hände möglicherweise die letzte vertrauliche Berührung sein könnte, die er in diesem Leben von seiner Tochter erhielt.

Als der Wagen vor dem Eingang zur Kapelle hielt, warteten sie, bis Tommy die Tür auf der Seite des Reeders geöffnet hatte. Georg Spenning ging um das Auto herum und half seiner Tochter hinaus.

Bette Lines Figur war fast athletisch. Sie hatte lange Beine, eine schlanke Taille und breite Schultern. Das Brautkleid lag wie angegossen um ihren Körper und ihr Dekolleté, die langen, weißen Handschuhe reichten bis über die Ellenbogen und unterstrichen den Pfirsichton ihrer Haut an Oberarmen und am Übergang von den Schultern zum Nacken. Das blonde Haar war hochgesteckt, was ihr ovales Gesicht mit den leicht schrägen, mandelförmigen Augen betonte. Sie leuchteten wie fein geschliffene Opale unter den scharf konturierten Augenbrauen, die so symmetrisch und elegant geschwungen waren, dass sie fast aussahen wie die ausgebreiteten Schwingen eines majestätischen Vogels, der im milden Mittelmeerwind schwebt. Die Brauen rahmten einen geraden und makellosen Nasenrücken ein, darunter ein herzförmiger Mund. Die leicht geöffneten Lippen verliehen dem Gesicht etwas Neugieriges und zeigten zudem eine Reihe weißer Zähne, wobei die Eckzähne eine Nuance länger waren als die anderen. Jetzt schaute sie zu ihrem Vater hinüber und fragte mit sanfter Stimme: »Sind wir so weit?«

Als Georg Spenning wenige Minuten später in der Tür stand, seine Fliege überprüfte und sich bei seiner Tochter einhakte, und als die lauten Orgelklänge von Mendelssohn Bartholdys Hochzeitsmarsch ihnen entgegendröhnten, spürte er, wie der Arm seiner Tochter zitterte. Sie sahen einander an. Georg Spenning holte tief Luft, dann schritt er langsam und feierlich dem Altar entgegen. Ohne sich umzusehen, bemerkte er, dass die Kapelle voll war. Ein Blitzlicht leuchtete auf. Das war das Signal. Weitere Lichter blitzten auf. Ein vollzähliges Publikum verlieh der Szene eine besondere Wertigkeit, dachte er. Dass diese Prozession, die Inszenierung seiner selbst und seiner Tochter, diesen schillernden Rahmen bekam, ließ ihn die Wahl ihres Lebensgefährten für einige Sekunden milder betrachten. Erling Sachs war ein großer und schlaksiger Mann mit einem viereckigen, schwarzen Brillengestell und zur Seite gekämmten braunen Haaren. Sein Mund war v-förmig und hatte schmale Lippen, die er, nach Spennings Ansicht, viel zu häufig hochzog, um Zähne zu zeigen, die aussahen wie ein Kühlergrill der besonderen Art.

Georg Spenning drehte seinen Kopf kaum einen Zentimeter, bis er seine Tochter im Blick hatte, und bemerkte, wie sie und der Bräutigam sich ansahen. Eigentlich sind sich die beiden auf eine Art ähnlich, dachte er noch einmal. Hauptsächlich deshalb hatte er der Wahl seiner Tochter nicht widersprochen. Erling Sachs und Bette Line waren zwei Menschen, die den anderen nie in dem Maße anbeten würden, wie sie sich selber anbeteten.

Drei Personen warteten neben Erling am Altar: die Trauzeugin seiner Tochter, Synnøve Ulrichsen, der Pfarrer Frode Arnkværn und der Trauzeuge des Bräutigams, Vebjørn Lindeman. Im Stillen wunderte er sich, dass Vebjørn sich darauf eingelassen hatte. Aber sein Gesicht war wie immer unergründlich, auch als sich ihre Blicke begegneten. Allein die Tatsache, dass beide dem Blick des anderen standhielten, verriet, dass ihre Gedanken um dieselbe Frage kreisten.

Die Orgelklänge in der Kapelle von Grini erhoben sich zum Crescendo, und Georg Spenning dachte, dass Ereignisse nie so wurden, wie man sie sich vorher ausgemalt hatte. Man musste die Dinge genießen, wie sie waren. Dies war Bette Lines Tag. Nicht mehr und nicht weniger.

3

Anders! Anders, bist du wach?« Der Traum löste sich auf, und er spürte, wie sein Bruder ihn am Arm rüttelte. Aber er wollte nicht aufwachen. Er bewegte sich nicht.

Sein Bruder schüttelte ihn noch einmal. Per Oles Finger kniffen ihn in die Nase.

»Lass mich«, sagte Anders. »Ich bin müde.«

»Du musst aufstehen«, sagte Per Ole. »Wir müssen den Bus nach Hause erwischen.«

Die Stimme ihrer Oma: »Bist du krank, Anders? Du bist doch sonst nicht so müde, immer früh auf den Beinen, ohne zu weinen!«

Per Oles Stimme: »Anders war heute Nacht unterwegs.«

»Kümmer dich um deinen eigenen Kram!«

Die Stimme ihrer Oma: »Na, sprich nicht so, Anders, komm und iss Frühstück mit uns.«

»Warum müssen wir nach Hause?«

»Deine Mutter hat doch keinen Führerschein!«

»Warum kommt Papa uns nicht abholen?«

Per Oles Stimme, dicht: »Das kannst du dir wohl selbst denken, Schlaumeier.«

Anders schlug die Augen auf. Die dunklen Astlöcher waren dieselben, der Geruch der Wände unverändert. Omas schwere Schritte ebenfalls. Der Rest war einfach Mist.

Anders ließ das Wasser laufen, bis es lauwarm war, und füllte dann sieben Deziliter in den Messbecher. Mit dem Becher in der Hand taumelte er zum Küchenschrank und nahm ein Kilopäckchen Zucker heraus. Es war noch ungeöffnet. Er stellte den Becher ab, öffnete das Päckchen mit einer Schere und ließ die Hälfte des Inhalts ins Wasser rinnen, während er mit einem Holzlöffel umrührte, bis der Zucker sich aufgelöst hatte. Er nahm einen Probeschluck. Süß und schön zäh. Er nahm ein frisches Glas aus dem Schrank und trug es zusammen mit dem Becher vorsichtig in die Stube und weiter zur Treppe in den ersten Stock.

Von hinten ertönte die Stimme seiner Mutter: »Was hast du vor?«

»Ich bringe das Zuckerwasser nach oben.«

Anders drehte sich zu seiner Mutter um, die in der Stube am Esstisch saß. Sie hatte all ihre Papiere in Stapeln auf dem Tisch ausgebreitet. Die Lampe, die sonst auf dem Fernseher stand, hatte sie auf einen Bücherstapel gestellt. Der Schein tauchte ihr Haar in einen orangen Schimmer.

Sie sah ihn über den Brillenrand hinweg an, schweigend.

Der Becher wurde langsam schwer. »Was ist denn?«, fragte er.

Die Mutter fuhr ihm mit zwei Fingern über die Wange. »Er ist entkräftet, er hat schon seit ein paar Tagen nichts mehr gegessen.«

Anders nickte. Der Becher wog so schwer, dass seine Hand leicht zu zittern begann.

»Zucker ist pure Energie«, sagte sie. »Das hilft ihm wieder auf die Beine.«

Anders nickte wieder.

»Anders, kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«

Anders stellte den Becher und das Glas auf dem Rand des Fernsehers ab.

»Komm, setz dich zu mir«, sagte Mama.

Anders zog einen Stuhl unter dem Esstisch hervor und setzte sich.

Sie holte tief Luft. »Du und ich und Per Ole, wir sind mit einer sehr berühmten Person verwandt. Mit einem Mann namens Cagney. James Cagney. Er war Schauspieler und hat in Filmen mitgespielt, die nichts für Kinder sind. Er hat in Kriminalfilmen mitgespielt.«

Die Mutter hatte die Brille auf die Nasenspitze herunterrutschen lassen und lächelte, als sie wie ein Schulfräulein über den Rand schaute. »Und jetzt bin ich selbst Detektiv gewesen«, sagte sie und ließ den Arm in einer bedeutungsvollen Geste über die Bücher und Unterlagen wandern. Ahnenforschung. Das Hobby seiner Mutter. »1943 hat Cagney einen Oscar bekommen. Für eine Rolle in einem Tanzfilm. Er hat wie ein Gott gesungen und getanzt.«

»Gerade hast du gesagt, dass er in Kriminalfilmen mitgespielt hat.«

»Das ist ja das Traurige. Sein großer Traum war das Tanzen. So wie Gene Kelly. Cagney war ein guter Tänzer, er wohnte in New York, weißt du. Und dann ist er nach Hollywood gefahren, um dort sein Glück zu finden. Und er bekam eine Rolle in einem Film über Gangster. Damit war es passiert. Er drehte einen Film nach dem anderen. Spielte einen Verbrecher nach dem anderen. Er bekam nie die Gelegenheit, seinen Traum zu verwirklichen. Nicht vor 1942, da bekam er die Rolle als berühmter Komponist und Sänger.«

Anders sah den Becher an. Er hatte nicht lange genug gerührt. Der Zucker setzte sich am Boden ab.

»Und dann hat Cagney den Oscar bekommen. Das musst du wissen, Anders. Von deinem Verwandten James Cagney kannst du lernen, dass es niemals zu spät ist. Wenn dich das Leben auf Umwege führt, ist es trotzdem nicht zu spät. Eines Tages bist du an der Reihe, eines Tages bekommt jeder die Chance zu glänzen.«

Anders rutschte vom Stuhl und ging zur Treppe. Er fühlte den Blick seiner Mutter im Nacken brennen und drehte sich um. Ihr Haar leuchtete noch immer orange im Schein der Lampe. Aber ihre Augen lagen im Schatten. »Mach nur, mein Schatz«, flüsterte sie. »Geh nach oben.«

Durch jeden Spalt zwischen den Treppenstufen sah er ihr Gesicht. Er öffnete die Schlafzimmertür. Wie immer roch es dort drinnen ein wenig säuerlich. Der Katergeruch seines Vaters: eine Mischung aus Schnapsfahne, altem Bier, Schweiß und Zigarettenrauch. Papas Kopf lag unbeweglich auf dem Kissen, das schwarze Haar zerzaust, Bartstoppeln am Kinn.

»Ich hab dir Zuckerwasser mitgebracht.«

»Es ist zu spät.«

Anders goss Zuckerwasser ins Glas und hielt es dem Vater unters Kinn, der trank wie ein kleines Kind. Ein grauer Schleim aus Wasser und Zucker rann ihm aus dem Mundwinkel. Anders musste an Martins Kalb denken, das Kalb, das mit der Flasche gesäugt wurde, weil die Kuh nichts mit ihm zu tun haben wollte.

Ein wenig später saß Anders mit Stift und Papier neben ihm, während der Vater sein Testament diktierte. Er wusste nicht, zum wievielten Mal er das tat, aber die meisten der Verfügungen kannte er auswendig. Trotzdem schrieb er alles auf, was der Vater mit belegter Stimme murmelte. Anders war ein bisschen gespannt darauf, was Papa Bette Line Spenning vermachen würde. Er kaute auf dem Kuli und wartete. Aber der Vater erwähnte sie nicht. »Du musst Kontakt mit Røhne aufnehmen«, flüsterte er. »Rechtsanwalt Røhne. Er hat seine Kanzlei in der Colbjørnsens Gate. Sag ihm: Die Mauern fallen.«

Anders betrachtete, was er geschrieben hatte. Er faltete das Blatt zusammen und steckte es in die Tasche. Sie wussten beide, dass Anders niemals mit besagtem Herrn Røhne sprechen würde. Der ganze Quatsch mit dem Testament war etwas, das sich sein Vater in seiner Katerstimmung ausdachte. In einer Woche würde alles vergessen sein – bis er sich wieder betrank, bis er wieder Zuckerwasser trinken, Beruhigungsmittel nehmen und sich aufs Neue verabschieden musste.

Nachdem Anders die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging er in Per Oles Zimmer. Sein Bruder saß am Schreibtisch und machte Hausaufgaben. Per Ole drehte sich um. »Neues Testament?«

Anders nickte.

»Bette Line Spenning?«

Anders schüttelte den Kopf.

»Irgendwelche neuen Frauen?«

»Nein.«

»Überhaupt irgendwas Neues?«

»Ein neuer Anwalt.«

Per Ole wandte sich wieder um. »Solange keine neuen Frauen dabei sind, ist es ja wurscht.«

Per Oles schlanke, bleiche Finger drückten das Lineal aufs Papier und zogen zwei schwarze Linien unter das Ergebnis. Zwei perfekte Linien. Per Ole zeichnete Linien, wie Anders sie nie hinbekommen würde. Exakt die gleiche Länge, überall exakt der gleiche Abstand zwischen den Linien. Und immer das richtige Ergebnis. Immer die eleganten roten Haken des Lehrers auf dem Papier.

»Ich dachte, es wäre gut, wenn er ein bisschen schlafen würde, darum habe ich ein paar Pillen reingerührt.«

Per Ole hielt mit dem Bleistift inne. »Librium? Diese Kapseln, die man aufmachen kann, mit Pulver drin?«

»Nein, als ich es das letzte Mal mit denen versucht habe, hat er angefangen, einen Kugelschreiber zu rauchen.«

Per Ole legte das Lineal zur Seite. »Wie viele hast du genommen?«

»So zehn bis zwölf.«

»Das sind viel zu viele.«

»Hast du es mal mit den roten probiert?«

»Letztes Jahr, als du im Ferienlager warst. Da ist er andauernd aufgewacht und wollte im Schlafanzug spazieren gehen. Er wollte ins Einkaufszentrum und Bier kaufen. Da habe ich die roten Pillen klein gemacht und ins Zuckerwasser gemischt. Ich glaube, es sind Schlaftabletten. Aber er hat nicht geschlafen, sondern ist durch die Gegend getaumelt, gestolpert und hat sich am Türrahmen gestoßen. Irgendwann ist er dann zurück ins Bett gefallen und hat weitergeschlafen.«

»Wie viele waren es da?«

»Wie viele was?«

»Wie viele von den roten?«

»Weiß ich nicht mehr.«

»Vielleicht sollte ich mit fünf anfangen. Oder zehn?«

»Auf der Dose steht nicht, wie sie wirken. Vielleicht sind die roten für die Nerven und die blauen zum Schlafen. Das Problem ist, dass er heimlich Schnaps trinkt.«

»Den hab ich ihm weggenommen.«

»Was hast du damit gemacht?«

»Mit dem Schnaps?«

Per Oles scharfer Blick. »Ja, mit dem Schnaps.«

»Dachte, ich behalte ihn für mich.«

Per Ole konzentrierte sich wieder auf seine Hausaufgaben und rechnete weiter. Zwei Linien unter das Ergebnis. Zwei perfekte Linien. Gleich lang.

Es sollte eine norwegische Ausgabe von Woodstock am Holmenkollen stattfinden. Anders und Stian nahmen die Straßenbahn nach Hovseter und schlenderten von dort aus über die Wiesen weiter. Die Sonne schien von einem klaren blauen Himmel. Es war warm, und unter der Straßenbahnbrücke stand ein Typ und sang Country Joes Woodstock-Hit, den I-Feel-Like-I’m-Fixin’-To-Die Rag. Anders und Stian legten sich unterhalb des Holmenkollen-Restaurants ins Gras und besprachen unterschiedliche Strategien, wie sie sich hineinmogeln könnten. Dabei betrachteten sie den Menschenstrom, der sich über die Straße zwischen den Millionärsvillen ergoss: eine Masse aus schlappen, mageren und bleichen Gestalten mit krummer Haltung, Schlaghosen und rosaroten Hippieaccessoires.

Sie schlossen sich der Pilgermenge an, gingen weiter zum Tunnel unter der Sprungschanze, wie sie es an jedem Holmenkollen-Sonntag taten. Von dort schlichen sie sich durch das übliche Loch im Zaun auf die Tribüne. El Jucan stand mit bloßem Oberkörper auf der Kante der Schanze und sorgte mit der Mundharmonika für Unterhaltung, bis laute Musik aus den Lautsprechern drang und die Roadies anfingen, Mikrophone und Leitungen zurechtzurücken. Verzückt beobachtete Stian die Roadies. Er träumte davon, auch einer zu werden, mit coolen Bands von Konzert zu Konzert zu reisen, das Equipment zu bewachen und überall umsonst hineinzukommen. Es gelang Anders nicht, ihn loszureißen, deshalb ging er allein den Hügel hinunter. Mit großen Augen stromerte er herum, betrachtete verstohlen Frauen, die sich oben ohne sonnten, Menschen, die dicht gedrängt beisammensaßen und qualmende Haschpfeifen rumgehen ließen. Ein paar Männer sprangen nackt in den Teich am Ende der Aufsprungbahn. Anders kletterte die Tribüne ein paar Stufen hinauf und ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen. Im Treiben am Gratishaugen saßen die Hare-Krishnas in ihren orangefarbenen Mönchskutten unter einem riesigen Plakat, das einen indischen Guru zeigte – ein fetter Junge in seinem Alter.

Er stieß wieder auf Stian, als er sich einen Weg durch Decken und Körper bahnte. Sein Kamerad kam ihm mit einer Tüte voll Pfandflaschen entgegen und wollte sie am Limonaden-Stand abgeben. Die Frau schüttelte den Kopf. Sie nahmen keine Pfandflaschen. Sie bezahlten kein Pfand! Einige verzweifelte Sekunden starrte Stian Anders an. Ihr Blick fiel auf einen anderen Jungen, der mit einem Rucksack voll Flaschen an ihnen vorbeilief. Stian lief hinterher, hinunter unter die Brücke zum Gratishaugen. Dort stand – ausgerechnet – Per Ole.

»Per Ole, was machst du denn hier?«

Per Ole hatte keine Zeit, sich zu unterhalten. Er verteilte Befehle an kleine Jungs, die mit Tüten leerer Limonade- und Bierflaschen ankamen. Sie übergaben all ihre Flaschen an Per Ole. Nachdem sie in Kästen sortiert waren, stellte er ihnen Quittungen aus. Per Ole wuchtete die Kästen in einen VW-Bus. Als der Wagen voll war, fuhr einer von Per Oles Freunden damit hinunter in die Stadt zum Verpfänden. Per Ole versprach Lohnauszahlung, sobald der Wagen zurück sei. Anders hielt Stian fest, der schon auf der Suche nach weiterem Leergut war. »Wie viel Pfand hast du bekommen?«

»Fünfzehn Øre.«

»Das ist ja weniger als im Laden.«

»Ja, aber hier gibt es total viele Flaschen.«

Per Ole würde gut in die Geschichte von Oliver Twist passen, dachte Anders. Er überragte die Kleinen, die er herumkommandierte, um einen halben Meter. Er rief und gestikulierte. Unter den Armen seines hellblauen Hemds hatten sich große Schweißflecken gebildet. Er verteilte Befehle und gab den Jungen nach Vorlage der zerdrückten Quittungen ihr Geld.

Es kam Bewegung auf die Bühne. Zusammen mit dem Spielmann Sigbjørn Bernhoft Osa betrat die Band Saft aus Bergen die Rampe, und sie donnerten mit einem Hall los, dass einem die Beine zuckten.

Wenn es etwas gab, das die Bezeichnung Holmenkollen-Beifall verdiente, wurde es in diesem Moment von dem tosenden Jubel geadelt, der jetzt gen Himmel stieg. Tausende Menschen, die eben noch apathisch in der Sonne gesessen hatten, erhoben sich und klatschen im Takt. Aber dann war es vorbei und Anders drehte sich zu Per Ole, um die Begeisterung des Augenblicks mit ihm zu teilen. Per Ole hatte nichts mitbekommen. Die wenigen Minuten der Ruhe hatte er dazu genutzt, Geld zu zählen.

Norges Handels og Sjøfartstidende, 1. Juli 1973

Millionenverträge für Spenning & Co

Die Reederei Spenning & Co hat mit der Firma Aker Verträge zum Bau von fünf 120 000-Tonnen-Bulkcarrier abgeschlossen. Die Reederei hat in diesem Jahr bereits zwei Bohrinseln und vier Gastankschiffe von ausländischen Werften erworben. Addiert man Spennings Kauf der griechischen Reederei Samos mit ihrer Flotte von zehn kleineren Schiffen dazu, hat Spenning & Co allein in diesem Jahr Investitionen in Höhe von fast zwei Milliarden getätigt. Spenning & Co rangiert somit unter den fünf größten Schiffsreedereien der Welt, bestätigt Direktor Brede Gran, der gemeinsam mit Unternehmensanwalt Arild T. Røhne die Verträge für Spenning ausgehandelt hat. Es habe nie bessere Zeiten für die Schifffahrt gegeben, sagt Gran. Die Welt schreie nach Öl und Gas, und Spenning & Co sei zweifelsohne die führende Reederei in der Tankschifffahrt, so Gran weiter. Angesichts des langfristigen Einnahmepotenzials aus der Nordsee und den kurzfristigen Gewinnen aus dem Persischen Golf werden die Milliardeninvestitionen schon bald gering erscheinen. Anwalt Røhne stand gestern nicht für Interviews zur Verfügung.

4

Es sollte ein regnerischer Tag im Oktober sein, der sein Leben veränderte.

Mit einer Herkunft wie der von Erling Sachs konnten sich große Männer brüsten, wenn sie schließlich ihre Ziele erreicht hatten: Mit zwei leeren Händen habe ich angefangen! Doch selbst wenn die ärmlichen Verhältnisse wie Epauletten auf den Schultern des Selfmade-Millionärs glitzern, trägt der Aufsteiger die Zugehörigkeit zum einfachen Volk doch wie ein schweres Joch. Erling hatte sich sein ganzes Leben lang von diesem Druck beschwert gefühlt. Er hatte seinen Dialekt abgelegt, um nicht den Vorurteilen der Snobs ausgeliefert zu sein, die in seinem Wirkungsbereich verkehrten. Wie ein Meisterfotograf hatte Erling Tricks und Retuschetechniken angewendet, um ein Bild von sich zu entwerfen, das ausschließlich das verriet, was verraten werden sollte. Bruchstücke, Auszüge, kleine Teile einer Geschichte. Er hatte einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre. Er hatte sehr gute Examensnoten – und daher auch den Respekt seiner Kommilitonen. Doch sie wussten wenig über Erling, und um das auszugleichen, hatten sie Geschichten über ihn konstruiert – über sein fotografisches Gedächtnis, wenn es um Zahlen ging, über seine fast manische Begabung, in jeder Situation zu lernen, über seinen totalen Mangel an Humor. Aber wo war er aufgewachsen? Man wusste es nicht. Wer waren seine Eltern? Sie waren tot – das entsprach vermutlich der Wahrheit. Tatsächlich wusste er es selbst nicht. Doch da er sie nie gekannt hatte, galten sie für ihn als tot. Zur Hochzeit waren nur ein paar Bekannte aus Studienzeiten eingeladen. Warum niemand aus seiner nahen Verwandtschaft? Niemand wusste es, und niemand fragte. Die Hochzeitsgäste gehörten einer sozialen Schicht an, die es vermied, andere Leute mit Schmutz zu bewerfen. Das endete doch immer nur damit, dass man sich selbst mit der Peinlichkeit besudelte, die das Opfer erlitt. Wollte man in diesen Kreisen jemanden verletzen, stellte man sich geschickter an. Nie etwa so vulgär wie mit aufdringlichen Fragen nach der Eignung des Bräutigams auf einer Hochzeit, die man schließlich mit der eigenen Anwesenheit legitimierte.

Erling hatte Mythen über sich geschaffen. Er war das Opfer einer unendlich traurigen Kindheitsgeschichte. Vielleicht hatte diese traurige Geschichte mit seinen toten Eltern zu tun. Vielleicht auch nicht. Aber auf dem Gabentisch lag ein Glückwunschtelegramm des Königshauses – des Kronprinzenpaars:

Für Erling Sachs und seine Bette Line zum großen Tag.

Das Telegramm war an Erling gerichtet – der seine Bette Line heiratete –, der Wortlaut ließ daran keinen Zweifel. Dies war kein Telegramm, das aus Höflichkeit gesandt worden war, um der Tochter des Großreeders Georg Spenning alles Gute zu wünschen. Dass es an Erling gerichtet war, verlieh dem Banker mit seinen überdurchschnittlichen Abschlussnoten einen vornehmen Glanz, die Patina patrizischer Emaille, und erhob ihn an seinem Hochzeitstag aus dem Sumpf des gemeinen Volkes. Es machte ihn der hübschen Reederstochter würdig, die so viel Geld auf dem Sparbuch hatte.

Es gab eigentlich nur eine einzige Person, die sich weigerte, sich in dieses Netz aus Geschichten und geschickter Inszenierung einspinnen zu lassen. Seine Schwiegermutter. Die Reedersgattin Bitten Spenning war eine Dame, die sich selbst gegen Rivalinnen durchgesetzt hatte, gegen Sozialneid und gegen all die gewetzten Klauen und Zähne, die sich im Dschungel der philanthropischen Vereine verbargen, ebenso wie hinter Ehrenämtern zugunsten der Kinder und Bridge-Arrangements der besseren Gesellschaft – allesamt Pendants der eher vulgären Hausfrauenvereine und Nähklubs der Arbeiterklasse.

Bitten Spenning hatte zwei wilde und schöne Töchter zur Welt gebracht. Zwei Mädchen, aus denen anbetungswürdige Schönheiten geworden waren, die für die jungen Männer der Gegend immer unerreichbare Jagdtrophäen blieben – angefangen bei der ersten Hauptrolle in den Masturbationsfantasien ihrer Klassenkameraden, über die Zeit der Sprachreisen nach Brighton in England (wo sie ihr sexuelles Debüt mit einem Lokalmatador erlebten, nachdem sie sich im Pub besinnungslos getrunken hatten), bis hin zu dem Tag, an dem sie mit ihren langen Beinen und hellen Haaren allen Männern der juristischen Fakultät den Kopf verdrehten. Bette Line war die Wildere gewesen, die Schönere und Unbändigere und auch die Begehrteste. Mit größter Selbstverständlichkeit nahm sie sich den engsten Mitarbeiter ihres Vaters zum Liebhaber. Und damit nicht genug. Als Vebjørn das Verhältnis beendete, um den eigenen Familienfrieden zu retten, stellte sie ihr Zuhause auf den Kopf und forderte von ihren Eltern bedingungslose Fürsorge und Trost.

Bitten sah in ihrer Tochter eine jüngere Ausgabe ihrer selbst. Gelegentlich hatte Bitten das Gefühl, die Tochter würde ihre eigenen verdrängten Sehnsüchte ausleben. Bette Line war, da sie zu einer befreiteren Generation gehörte, in der Lage, die klammen Normen und die Selbstzensur abzulegen, unter denen Bitten viele Jahre ihres Lebens gelitten hatte. Als Bette Line freudestrahlend ihre Verlobung mit Erling Sachs verkündet hatte – einem Bankier aus der Provinz –, war Bitten Spenning automatisch davon ausgegangen, dass die Tochter einen Scherz machte.

Aber um nichts in der Welt hätte sie ihrer Tochter wehtun können. Andererseits machte sie keinen Hehl aus ihrem Misstrauen gegenüber dem Ehemann der Tochter. Und Bitten Spenning setzte von Anfang an die psychologische Kriegsführung gegen ihren Schwiegersohn ein – mit aller Schläue und dem Geschick, das sie in ihrer Zeit als Reedersgattin erworben hatte.

Anfangs hatte Erling sich auf den Schwiegervater verlassen können, wenn der Druck der Schwiegermutter zu groß wurde. Doch diese Zeiten waren nun auch vorbei. Wenige Wochen nach der Hochzeit beging Erling eine Todsünde. Es war ein gewöhnlicher Sonntagnachmittag, und Georg Spenning brüstete sich in Jungenmanier mit all seinen Plänen. Erling hatte das Wort ergriffen und Georg Spenning davon abgeraten, weitere Tankschiffe zu kaufen – genauer gesagt, fand er, dass der Reeder sich durch ein so großes Geschäft wie den Kauf der gesamten Flotte der Reederei Samos angreifbar mache. Genauso gut hätte er bei Tisch einen Furz lassen können. Diese Worte aus den Abgründen der Gewöhnlichkeit hatten die Stimmung verdorben und die Luft im Raum unerträglich werden lassen. Nach dieser Aussage war Erling für seine Schwiegereltern eine Persona non grata. Obendrein wurde er an seiner verletzbarsten Stelle getroffen. Und das vermittels der Tochter. Jedes Mal, wenn Bette Line ihre Eltern besuchte, wurde ihr berichtet, welche märchenhaften Summen derzeit die Schifffahrt einspiele, wie lächerlich die Einwände ihres Mannes gewesen seien, was für ein Idiot er in Geschäftsdingen sein müsse und welch paradoxe Lücke zwischen seinen Examensnoten und seiner sonstigen Erscheinung klaffe.

»Kaum verwunderlich, dass er es nicht weiter gebracht hat. Das einzig Versöhnliche ist, dass er mit Vebjørn zusammenarbeitet.«

Erlings gut gemeinter Rat an den Schwiegervater hatte sogar den ersten Streit zwischen ihm und Bette Line ausgelöst.

»Warum hast du das gesagt?«

»Was hätte ich denn sonst sagen sollen? Warum bin ich überhaupt eingeladen worden? Darf ich keine eigene Meinung mehr haben, oder fahren wir nur dort hin, damit ich deinem Vater die Schuhsohlen lecke?«

»Es gibt doch auch noch andere Themen als Papas Schiffe.«

»Aber ich weiß doch über solche Sachen Bescheid!«

Erling verwies damit auf sein Examen in Volkswirtschaftslehre und das Fernstudium in Fondsverwaltung, das er in den Abendstunden unter Anleitung der Bankakademie absolvierte. Letzeres betrachtete die Schwiegerfamilie als lächerlich.

Eine Krise gärte zwischen Erling und Bette Line, ausgelöst und am Leben gehalten durch die sozialen Gegensätze, die seit Erfindung des Dramas jede große Liebesgeschichte kennzeichnen. Manchmal erinnerte Erling sie daran: »Liebste, meine Julia, wann wirst du mich erhören?«

Dann konnte Bette Line ihm unter Tränen um den Hals fallen. Dennoch hatte sich die Krise in den letzten Wochen zum Schlechteren entwickelt.

Vier Monate nach der Hochzeit nämlich – am 6. Oktober – hatten Ägypten und Syrien Israel angegriffen.

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