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Schwarzes Erbe

Alfred J. Schindler

238

 

Schwarzes Erbe

 

Mysterythriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

 

VORWORT

 

 

Hier sitze ich nun und starre gedankenverloren vor mich hin. Ich bin völlig alleine, und die Zeit steht still. Nein! Sie geht rückwärts, langsam, sehr, sehr langsam. Soll ich mir doch Papier und Schreibzeug besorgen? Oder ist es wohl besser, für immer zu schweigen?

 

Meine innere Zerrissenheit überwindend, entschließe ich mich, die abstrakten Ereignisse der letzten Monate nieder­zuschrei-ben. Erlebnisse, die nicht nur mein Leben gravierend veränderten...

 

 

01

 

 

Mühsam kämpfe ich mich mit meinem alten Wagen durch diesen undurchdringlich und düster wirkenden Tannenwald. Die Uhr zeigt drei Uhr nachmittags, und es ist sehr heiß. Endlich komme ich zu diesem phantastischen Haus und bin absolut sprachlos. So hatte ich mir die Hütte ja in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt! Das Anwesen ist nicht allzu groß, aber auch nicht klein. Was mich aber sehr beein­druckt:

 

DAS HAUS IST SCHWARZ.

SCHWARZ WIE DIE NACHT!

 

Darauf war ich ja nicht im Geringsten gefasst! Mein erster, grober Blick erfasst dieses unheimlich wirkende Bauwerk. Wie überlegen und selbstsicher es vor mir steht! Unverwundbar wirkt es auf mich, dieses robuste Haus!

 

Ich steige aus und gehe näher heran: Das Anwesen ist aus gro­ßen, klumpenförmigen Steinen erbaut, die man auf Ziegel­größe zurechtgeschlagen hat. Es verfügt über zwei Stockwer­ke. Dicke Eckpfeiler aus schwerem Holz umrahmen das ge­samte Gebäude. Ich bin fasziniert!

 

Zwischen Haus und Schuppen hatte Tom einen exklusiven Brunnen mit automatischer Wasserförderung erbauen lassen. Auch er besteht ausschließlich aus diesem schwarzen, glän­zenden Stein. Des Weiteren stehen verschieden große Wannen dabei. Der Brunnen selbst ist mit Ornamenten verziert. Direkt neben der Hausfront - zur rechten Hand - befindet sich ein großer Geräteschuppen. Er ist etwa halb so hoch wie das Haus, und er ist aus Holz erbaut. Ich öffne die große, breite Türe, und ein verbeultes, schwarzes Damenfahrrad wird sichtbar.

 

Seltsam.

 

Hatte Tom denn keine näheren Verwandten, denen er das An­wesen hätte vererben können? Wieso wollte er, dass gerade WIR dieses Haus bekommen? Notar Scharf hatte mir in seiner Kanzlei mit strahlender Miene die Besitzurkunde für das An­wesen inklusive Hausschlüssel mit folgenden Worten über­reicht:

 

Viel Glück im schwarzen Haus!“

 

Tom hatte sich nach dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen, so, als ob er seine absolute Ruhe haben wollte. Er war immer ein gern gesehener Gast bei uns am Stammtisch im „Grauen Bären“ gewesen. Er wohnte ja im selben Haus, wie wir. Von seinem selbst erbauten Anwesen im Wald hatte er uns, wie gesagt, nie auch nur ein einziges Sterbenswörtchen erzählt. Niemand im Dorf hatte davon ge­wusst...

 

 

02

 

 

Unser bescheidenes Dorf besteht zu einem großen Teil aus alteingesessenen Bauern mit entsprechenden Höfen. Hier werden hauptsächlich Kartoffeln angebaut. Diese Leute sind also völlig vom Ergebnis der Ernte abhängig. Auch einige kleine Geschäftsleute sind in unserem Nest vertreten: Ein Malermeister, ein Schuhreparateur mit Neuschuhverkauf, ein Bauunternehmer, ein Schreinermeister, und sogar einen Oberlehrer und einen Elektroniker haben wir hier. Keltenstein ist ein sehr schmuckes Dörfchen. Absolut gepflegt, einfach einzigartig. Im Zentrum steht eine kleine Kirche. Nun, und einen dazu passenden, katholischen Priester haben wir natürlich auch: Sein Name ist Max Schön.

 

xxx

 

DARK STONE - wie ich unser Erbe nach meinem ersten Ein­druck getauft habe, liegt sehr abseits und ist außerdem gut geschützt. Unser neues Heim liegt etwa zweihundert bis drei­hundert Meter höher als Keltenstein, weil es sich auf einem runden Hügel befindet. Dieser fast kreisförmige Hügel ist im Innenbereich stark abfallend vertieft, so um die dreißig, vierzig Meter, so dass das Haus in der Mitte des Hügels ein­gebettet ist. Den groben Trampelpfad, der dorthin führt, kann man von der Landstraße aus nicht einsehen. Wenn mir Notar Scharf nicht ganz genau beschrieben hätte, wo dieser Weg von der Straße abzweigt, dann hätte ich ihn sicherlich niemals gefunden.

 

Ich betrachte das Haus und komme zu dem bizarren Ergebnis, dass es eine gewisse Trauer ausdrückt. Dieses Haus trauert um Tom, wie es mir scheint. Sicher! Um wen auch sonst?

 

Ich kann diese Trauer richtig spüren.

Nein, ich irre mich nicht.

 

Langsam gehe ich zur Haustüre. Steht das Haus leer, oder ist es eingerichtet? Ist das Mobiliar, falls überhaupt vorhanden, einfach, oder aber luxuriös? Das gesamte Anwesen ist übri­gens von einem engmaschigen Drahtzaun, der von etwa fünf­zehn dicken, schwarzen Pflöcken gehalten wird, umgeben. Ein stabiles Tor ergänzt den nahezu einbruchsicheren Zaun.

 

Es knirscht elend, als ich die Türe aufschließe. Mir stellen sich die Nackenhaare auf.

 

Das Haus ist vollständig eingerichtet. Direkt neben der Tür befindet sich eine kleine, elektroni­sche Anlage, mit der man den Zaun, inklusive Zauntür, unter Strom setzen kann. Ja, und was das Schlimmste ist:

 

Alles ist schwarz.

 

Die schweren Möbel, die dicken und sündhaft teueren Teppi­che, die groben Wände und Zimmerdecken, alle Einrichtungs­gegenstände wie Schränke, Betten, als auch die völlig ver­staubten Fenster der Scheiben sind ebenfalls schwarz. Es ist einfach unglaublich, was mein Auge hier so alles erblickt! Flott durchwandere ich das Haus und finde nicht einen ein­zigen Gegenstand, der eine andere Farbe als schwarz hätte. Man muss sich das mal vorstellen! Ich habe genug gesehen.

 

Ich beschließe, zurückzufahren. Der Weg ist übersät mit arm­dicken Wurzeln, die sich kreuz und quer dahinschlängeln. Außerdem durchfahre ich tiefe Schlaglöcher, ausgespült von starken Regenfällen.

 

xxx

 

Zu Hause angekommen, empfangen mich Helga und meine Zwillingssöhne mit großer Neugier. Und ich erzähle. Alles. Von Anfang an bis hin zum - schwarzen - Ende.

 

„Ist ja absolut oberaffengeil!“, meint Mani. Er ist der Jüngere unserer beiden Söhne.

 

Die Lagebesprechung nimmt ihren weiteren Verlauf. Als Helga und ich dann endlich im Bett liegen, gehen wir alles noch einmal kurz durch:

 

„Wir werden einen gebrauchten Jeep kau­fen müssen, Helga. Die Jungs kriegen jeweils eine gut erhal­tene Offroad-Maschine.“, sage ich.

„Wir haben im Haus keine Telefonleitungen, wie du sagtest. Wir benötigen also drei Handys: Eins für mich, und jeweils eins für die Jungen. Du hast ja dein Firmenhandy.“

„Wir müssen in Keltenstein ein Postfach eröffnen, da der Postbote unmöglich zu uns kommen kann.“

„Genau, Günter. Der Ausbau des Waldweges ist natürlich mo­mentan überhaupt kein Thema.“

„Richtig. Aber was das Schönste an der ganzen Sache ist: Wir sind jetzt stolze Hauseigentümer!“

 

Sowohl Helga, als auch mir, war im Laufe der vielen Jahre klar geworden, dass Tom meine Helga allzu gerne als Frau gehabt hätte. Ich hatte es schon zu dem Zeitpunkt, kurz nachdem seine Frau verstorben war, bemerkt...

 

Wir liegen beide immer noch hellwach. Ich drehe mich zu ihr: „Es könnte doch gut möglich sein, dass gerade wir dieses Haus gekriegt haben, Helga, weil Tom dich so sehr verehrt hatte!“

„So ein Unsinn! Dir hat er doch das Haus vermacht! Im Testa­ment stand Günter Sturm, und nicht Helga Sturm!“

„Es war ihm wohl zu peinlich, deinen Namen einzusetzen. Ich denke, er wollte nur keinen Unfrieden zwischen uns stiften!“

„So gesehen, könntest du recht haben.“

 

xxx

 

Am nächsten Vormittag gegen elf - wir hatten ja kaum ge­schlafen - hält es meine Familie verständlicherweise vor Neu­gier nicht mehr aus: Wir steigen in unseren angerosteten Hyundai und fahren allesamt los.

 

Ziel: DARK STONE.

 

Schon bald erreichen wir unser heißersehntes Ziel. Ich sehe ihre überraschten, ja verblüfften, Gesichter. So bedrückend hatten sie es sich ja nun doch nicht vorgestellt!

 

„DARK STONE“, flüstert Helga andächtig.

„DARK STONE“, flüstern die beiden Jungen.

 

Helga findet als erste ihr Wort: „Tom, was hast du da getan?“ Sie schaut suchend um sich, als ob sie von irgendwoher eine imaginäre Antwort erhalten würde.

„Aber die Laterne ist doch wunderschön rot, nicht wahr?“, entgegne ich schelmisch.

„Der alte Tom...“, wiederholt Helga wie in Trance.

 

Sie steht neben mir und hält sich an meinem rechten Arm fest. Ich spüre, dass ihre Hand verkrampft ist. Man könnte fast glauben, sie klammere sich an mich, um ihre Angst vor dem Ungewissen - dem Unbekannten - zu verbergen.

 

„Sperr endlich auf!“, blafft Helga Alfi an, der den Schlüssel in der Hand hält.

 

Eine düstere, bedrohliche Atmosphäre empfängt uns. Nur ein kleiner Vogel pfeift draußen schrill und kess, als ob er uns etwas sagen will.

 

Will er uns etwa warnen?

Wenn ja, wovor?

Oder vor wem?

 

Ich betätige den Lichtschalter, der sich innen, neben der Haustür befindet, und helles, starkes Licht durchflutet den gesamten Flur, einen kleinen Teil der rechts liegenden Küche und einen etwas größeren Teil des geräumigen Wohnzimmers, das zur Linken - vom Eingang her gesehen - liegt. Toilette und Bad befinden sich direkt vor uns, also gegenüber der Ein­gangstüre, daneben ein kleiner Vorratsraum. Eine wunder­schöne, geschwungene, holzgeschnitzte Wendeltreppe führt elegant nach oben.

 

Noch verschweigt sie uns ihre Geheimnisse...

 

„Schau dir all die herrlichen Bilder an!“, ruft Helga, auf der Treppe stehend, entzückt.

„Diese altmodischen, goldenen Rahmen!“, lästert Mani. Und er fährt fort: „Seltsam, dass die Bilder nicht schwarz sind!“

 

Wir sind schwer beeindruckt von diesen wunderbaren Bildern, die sowohl im Flur, als auch im Treppenhaus, direkt neben­einander an der Wand hängen.

 

Unsere aufgeregten Jungen rennen, Helga fast übersehend, die Treppe hoch.

 

„Schau dir mal die Motive der Bilder an“, meint Helga mit flüsternder Stimme. Es scheint, als ob sie vor diesem Haus doch einen gehörigen Respekt hat!

„Eine Frau - schöner als die andere.“

 

Jedes dieser herrlichen Bilder stellt eine andere Frau dar. Alle Damen sind jung und dunkelhaarig. Ausnahmslos. Eben­mäßige, schön geschnittene Gesichter mit ausschließlich leuchtend blauen oder grünen Augen, rotlippigen Mündern und intelligentem Gesichtsausdruck vervollkommnen die im­posanten, und auch anmutenden Erscheinungen. Die Bilder sind in Öl gemalt.

 

Es sind insgesamt einundzwanzig Bilder.

Einundzwanzig verschiedene Frauen.

 

„Eines muss man ihm lassen, unserem guten Tom: Geschmack hatte er ja!“ Ich grinse hinterhältig.

„Da muss ich dir zustimmen“, meint Helga. „Eine ist hübscher als die Andere!“

„Ich glaube, Tom hatte im Laufe der letzten Jahre irgendei­nem hervorragenden Maler den Auftrag gegeben, diese Bilder für ihn anzufertigen!“

„Ja, so wird es gewesen sein.“ Sie lacht mich amüsiert von der Seite an.

 

Jedes der Bilder ist mit den Buchstaben A.S. signiert.

 

„Sie sind bestimmt eine Menge wert!“, sage ich zu Helga.

„Das denke ich auch. Mit Sicherheit.“

 

Wir besichtigen nun die gesamte untere Etage. Es fehlt an nichts.

 

„Ich frage mich, Günter, wie Tom dies alles finanziert hat!“

„Ja. So hoch war sein Gehalt als Förster doch nun auch wie­der nicht, oder?“

„Vielleicht hatte er etwas geerbt?“

„Wahrscheinlich. Oder aber er hatte irgendwann - vielleicht einen größeren Lottogewinn gemacht!“

 

Alfi kommt zu uns herunter. Sein Gesicht glüht: „Ich war auf dem Dachboden! Ist ja phänomenal, was da so alles herum­liegt. Sogar eine alte Geige habe ich gefunden! Das Zeug ge­hört doch jetzt uns, oder, Günter?“

 

Meine Jungen nennen mich beim Vornamen.

 

„Aber natürlich, Sohnemann!“

 

Mani rennt ebenfalls die Treppe herunter. Er hat einen ver­wirrten Gesichtsausdruck, der uns etwas irritiert:

 

„Günter! Ich habe versucht, die Farbe von der Wand zu kratzen! Ich habe in die Wand ein kleines Loch geschlagen, jedoch ist dort keinerlei Farbe vorhanden! Ich hatte hinterher nur kleine Steinbröckchen in der Hand!“

 

Ich staune.

Damit hatte wohl keiner gerechnet!

Wir dachten, das Haus sei schwarz gestrichen!

 

„Die Wände sind aus großen, grob behauenen Ziegelsteinen zusammengesetzt. Es gibt in dieser Gegend, und auch im wei­ten Umkreis, keine schwarzen, schimmernden Ziegelsteine! Sie sind allesamt weiß oder grau. Dieser Tom war nicht ganz dicht!“ Mani kann sich gar nicht mehr einkriegen.

„Aber es ist doch schön, dieses Schwarz!“, sagt Helga.

„Wir werden die Wände, die wir nicht schwarz lassen wollen, zuerst grundieren, und dann weiß streichen, oder aber mit De-Ce-Fix bekleben. Wir könnten sie auch mit einer stabilen, dicken Tapete versehen.“, antworte ich.

 

Am nächsten Tag kaufen wir in Grabenbach (das ist die nächstgelegene, größere Ortschaft mit etwa zweitausend Ein­wohnern) in einem kleinen Telefonladen drei Handys. Wie schön! Jetzt sind wir immer untereinander erreichbar! Ganz egal, was auch passieren wird!

 

 

03

 

 

Schließlich beginnt unser großer Umzug. Einer meiner Freun­de, Stefan, der Schreinereibesitzer, überließ mir großzügi­gerweise seinen riesigen Geländewagen mit Ladefläche. Meine Söhne packen kräftig mit an. Helga kümmert sich um den Kleinkram. Sie hat - so gesehen - die meiste Ar­beit.

 

Der alte Hyundai wird in Zahlung gegeben, (mein Herz blutet) und wir kaufen dafür einen japanischen Jeep mit Allradan­trieb. Die beiden Herren Söhne erstehen von unserem sauer Ersparten zwei preisgünstige Geländemaschinen. Innerhalb von dreieinhalb Tagen sind wir dann mit dem Gröbsten fertig.

 

Die Dinge, die wir momentan nicht gebrauchen oder sogar doppelt haben, lagern wir natürlich im großen Schuppen ein. Der Boden des Schuppens ist mit dicken, groben, äußerst sta­bilen Holzlatten ausgelegt. Wahrscheinlich hatte Tom den Boden wegen der Feuchtigkeit aus diesem stabilen Holz an­fertigen lassen, überlege ich. Der Stromgenerator befindet sich im Keller des Hauses, ebenso die zwei Öltanks für unsere Öfen.

 

Mir geht natürlich so Einiges durch den Kopf: Helga muss mich in Zukunft immer abends, wenn ich von meiner Tour zu­rückkomme, mit ihrem Jeep an der Hauptstraße abholen, da ich mit meinem Firmenwagen unmöglich diesen grauenhaften Weg entlang fahren kann. Frühmorgens wird sie mich dann wieder zu meinem Firmenwagen bringen müssen.

 

xxx

 

Ein paar Tage später kaufen meine beiden Söhne Tapeten er­ster Wahl. Als ich dann nach einer Dienstreise rechtschaffen müde nach Hause komme, erzählt mir Helga bereits im Jeep aufgeregt folgendes:

 

„Stell dir vor! Die beiden tapezierten ihre Zimmer. Es geschah Folgendes: Die Tapeten lösten sich innerhalb kürzester Zeit von den Wänden. Die Wände stoßen die Tapeten regelrecht ab!“

Ich versuche, sie zu beschwichtigen: „Reg dich doch wegen solch einem Mist nicht auf! Wir finden schon eine Lösung!“

„Ja, und welche bitte?“

 

Meine letzte Dienstreise hatte vier Tage gedauert. Ich bin irgendwie erschöpft. Beim Abendessen rückt Mani dann mit der Sprache heraus:

 

„Hat dir Mutter schon von unseren Tape­zierkünsten erzählt?“

„Ja, sie hat, Mani. Aber ich glaube, es liegt weder an der Ta­pete, noch am Leim. Es dürfte wohl eher an den verdammten Steinen liegen. Ich befürchte, dass dieser Stein nur sehr schwer Farbe oder Tapete annimmt.“

Helga stiert mich an: „Sag mal, ist das dein Ernst, oder habe ich mich da verhört?“

„Das ist mein völliger Ernst. Ihr habt doch gesehen, dass die Wände keine Tapeten annehmen.“

„Du willst damit sagen, dass es ein besonderes Haus ist?“

„Ein besonderes Haus nicht, aber ein ganz besonderer Stein!“

„Ich verstehe überhaupt nichts mehr, Günter!“, knurrt Alfi. „Wieso nimmt dieser blöde Stein denn keine Tapete an?“

„Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber irgendetwas ist daran anders, als bei allen anderen Arten von Steinen, die es gibt.“

„Ich will es jetzt wissen, Günter! Bitte gib uns Geld, damit wir morgen im Baumarkt De-Ce-Fix kaufen können. Wir glau­ben nämlich, dass der Leim schlecht war.“

„Wie ihr meint, ihr beiden Ungläubigen.“ Ich zücke die Brief­tasche und überreiche Mani zweihundertfünfzig Euro. „Das dürfte wohl genügen.“

 

Helga fragt mich abends, als wir beide unten im Wohnzimmer alleine sind, folgendes: „Wie kannst du dir das eigentlich mit diesen Tapeten erklären?“

„Vielleicht war der Leim dritte Wahl.“

„Wie hast du das mit dem besonderen Haus gemeint? Du denkst, dass das Haus etwas Besonderes an sich hat?“ Ihre Augen sind riesig groß - ähnlich wie die einer Katze, die in der dunklen Nacht alleine umherstreicht und auf ihre ein­same Jagd geht.

„Ja, irgendetwas musste ich ja sagen! Mir ist eben nichts An­deres eingefallen!“

„Typisch der Herr Verkaufsleiter, ganz typisch! Immer nur improvisieren. Übrigens habe ich die letzten drei Tage alle vorhandenen Küchengeräte und sonstigen Gebrauchsgegen­stände, die von Tom waren, gegen unsere eigenen ausge­tauscht. “

„Kann ich verstehen. Wohin hast du seine Sachen gebracht?“

„In den Schuppen.“

„Wie läuft es bei dir in der Klinik?“

„Man hat es nicht leicht. Von unten treten die Patienten, und von oben die Herren Ärzte!“

„Mich würde diese ewige Psychiatrie über kurz oder lang wahnsinnig machen.“

„Wie recht du doch hast“, entgegnet sie.

„Gute Nacht, Helga!“

„Gute Nacht, Günter.“

 

xxx

 

Am Samstagabend bin ich natürlich in Keltenstein an meinem geliebten Stammtisch. Aktuelles Thema: Toms Tod. Zweit­aktuelles Thema: Toms Waldhaus.

 

Mein Freund Michael brummt: „Unglaublich ist das! Ich hätte es wissen müssen! Wir waren doch jahrzehntelange Freunde, und den Preis, den ich Tom für ein Waldhaus gemacht hätte, hätte kein anderer unterbieten können!“

„Ich denke“, meldet sich Winny zu Wort, „dass er das Haus in Eigenregie errichtet hatte. Vielleicht mit zwei, drei Verwand­ten, die ihm dabei geholfen hatten.“

„Ich glaube, dass es ihm nicht ums Geld gegangen ist. Er wollte dieses Haus nur für sich haben. Für sich ganz allein!“, lallt Helmut, schwer angesäuselt, quer über den Tisch.

„Verdammt, genau das ist es! Er wollte nicht, dass es irgend­jemand kennt. Seine Existenz sollte geheim bleiben!“, erwi­dert Michael, dem langsam, aber sicher, ein Licht aufgeht.

„Das wird es wohl sein“, sage ich in die rauchdurchschwän­gerte Runde. „Genau das!“

 

Plötzlich sehe ich sowohl Tom, als auch das Haus, aus einer ganz anderen Perspektive. Tom war offensichtlich nicht Der­jenige gewesen, der er so viele Jahre vorgegeben hatte, zu sein. Seine lustige Art, die er uns immer gezeigt hatte, war wahrscheinlich nicht echt gewesen. Was aber hatte er mit dieser Hausbauaktion bezwecken wollen? Wollte er in diesem schwarzen Haus nur seine selige Ruhe haben?

 

Oder was sonst?

 

Später, als Helga und ich zu Hause im Wohnzimmer sitzen, sage ich zu ihr: „Ich möchte die Stammtischrunde demnächst zu uns zu einem kleinen Umtrunk einladen. Sie sind alle sehr neugierig und gespannt!“

„Klar, mach das mal. Kein Problem.“

 

Sie weiß Bescheid, und sie akzeptiert es. Eben, wie eine schlaue und verständnisvolle Ehefrau es tut.

 

xxx

 

Eine Woche später, es ist Freitag, und die Arbeitswoche ist vollendet. Erneut sitze ich an unserem illustren Stammtisch: All meine Kumpane sind vertreten:

 

Michael, der Bauunternehmer,

Winny, der Dekorateur,

Hans, der Malermeister,

Ludwig, der Elektroniker,

Gerd, der Wirt (auch er sitzt mit an unserem Tisch),

nicht zuletzt Peter, der Oberlehrer.

 

Etwas später kommt auch noch Stefan, der Schreinereibesit­zer, hinzu.

 

Alles in allem eine sehr sympathische Runde. Ich lade sie alle zu der großen Hausbe­sichtigung ein und bekomme prompt eine einstimmige Zusa­ge:

 

„Eure Frauen sind natürlich auch herzlichst eingeladen!“

 

Michael erklärt sich bereit, die Anderen in seinem großen Pickcup mitzunehmen. Die Herren möchten aber alleine, ohne ihre Ehefrauen, zu uns kommen. Wahrscheinlich deswegen, damit sie alle ungeniert bei uns saufen können!

 

Als ich abends um acht Uhr zu unserem Treffpunkt an die Waldeinfahrt komme - Helga holt mich selbstredend mit ihrem heißgeliebten Jeep ab - bin ich bereits auf etwaige Neuig­keiten verschiedenster Art gespannt.

 

Und sie kommen.

Ungefiltert.

 

Helga ist heute etwas ruhiger, als sonst. Ja, so kenne ich sie ja gar nicht! Normalerweise fällt sie mir, wenn sie mich von meinem Dienstfahrzeug abholt, um den Hals und küsst mich, aber heute vergisst sie dies offensichtlich! Ich lasse mir nicht das Geringste anmerken und erzähle erst einmal, was mir so alles auf meiner Fünf-Tages-Tour passiert ist. Aber es interessiert sie anscheinend nicht sonderlich. Es scheint mir, dass sie abwesend ist, so, als ob sie etwas Schlimmes be­drückt.

 

„Na, nun mal raus mit der Sprache, Helga! Was ist los?“

„Ach, ich weiß auch nicht, aber Alfi und Mani bereiten mir Kopfzerbrechen. Du kennst doch die beiden. Sie sind norma­lerweise ein Herz und eine Seele. Aber mir scheint, dass die­ses Verhältnis zwischen ihnen seit ein paar Tagen betrübt ist.“ Sie atmet heftig. „Alfi lässt sich von Mani urplötzlich nichts mehr sagen. Im Gegenteil: Jetzt versucht er plötzlich, den Ton anzugeben. Das ist doch seltsam, oder?“

„Was du nicht sagst! Wie ist denn das Ganze passiert?“, will ich wissen.

„Es ging beim De-Ce-Fix-Kleben los. Plötzlich hörte ich von oben lautes Geschrei. Mani kam aufgeregt die Treppe herun­tergesaust und erzählte mir, dass Alfi total ausgerastet sei, als sie feststellen mussten, dass auch das De-Ce-Fix nicht an den Wänden hält.“

„Was, das De-Ce-Fix hält nicht? Das ist doch unmöglich!“

„Ja, richtig, als Alfi sah, dass das ganze Zeug wieder herun­terfiel, bekam er einen richtigen Wutanfall und schrie Mani an, als ob der schuld daran gewesen wäre.“

„In jeder Familie gibt es mal Krach, Helga.“

„Verharmlosen nennt man das!“

„Wir finden eine Lösung.“

 

In Gedanken bin ich immer noch auf Außendiensttour: Ich verkaufe elektronische Fitnessgeräte. Herkunftsland: Ameri­ca. Staat: Illinois. Stadt: Chicago. Mein persönliches Ver­kaufsge-biet ist Süddeutschland. Ja, und meine Kunden sind hauptsächlich Fitnessstudios, Sporthotels und zwi­schendurch habe ich auch einmal einzelne Interessenten wie z. B. Schauspieler, Sänger, Politiker, Schriftsteller u. s. w., die sich ihr eigenes, kleines Studio einrichten möch­ten.

 

Beim Abendessen erzählt mir Alfi, dass sie am Dienstag zu­sammen die erste Rolle De-Ce-Fix an die Wand geklatscht hätten. Mani hatte gehalten und Alfi hatte gezogen. Sie hat­ten das Material anschließend mit einer harten Gummiplatte fixiert, so dass es mindestens zwanzig Jahre hätte halten müssen. Aber kaum hatten sie es losgelassen, als es auch schon wieder zu Boden fiel. Genau wie die verdammte Tapete.

 

„Der Klebstoff auf dem De-Ce-Fix ist allererste Wahl, Gün­ter!“, empört sich Alfi weiter. „Ich habe es auf verschiedenen, anderen Unterlagen getestet. Es hält bombenfest.“

„Vielleicht enthält der Stein einen fettigen Stoff!“ „Ich habe noch nie gehört, Günter, dass irgendein Stein Fett enthält! Außer Speckstein vielleicht.“, sagt Alfi.

„Oder aber etwas Anderes. Ich weiß es nicht.“

„Soll das etwa heißen, Günter, dass wir weiterhin in diesen schwarzen Zimmern leben müssen?“ Helga ist sichtlich ent­rüstet.

„Wieso, du hast doch höchstpersönlich gesagt, als wir das erste Mal zusammen hier waren, dass es dir so gut gefällt?“

„Ich finde auch, dass das eine Zumutung ist. Da wird man ja trübsinnig!“ Alfi ärgert sich lautstark.

 

Er, der seit ein paar Tagen in seiner persönlichen Art gewisse Veränderungen zeigt...

 

„Wir werden die Wände sprühen! Mit Lackfarbe.“ Mani hat diese grandiose Idee.

„Bevor wir uns noch weiter finanziell mit diversen Tapeten oder sündteurem De-Ce-Fix verausgaben, werde ich, wenn meine Freunde zu uns kommen, mit Hans, unserem grandiosen Malermeister, sprechen.“

 

Alfi verschwindet in seinem Zimmer, in welchem er sich of­fensichtlich aufgrund der dunklen Wände nicht so recht wohl fühlt. Mani dagegen nimmt die ganze Angelegenheit so an, wie sie eben nun mal ist.

 

„Jungs“, schreie ich laut nach oben, „hängt doch diese Poster in eure Zimmer! Zumindest so lange, bis unser Malermeister eine Lösung gefunden hat!“

 

Im selben Moment, in dem ich so laut umherbrülle, habe ich das undefinierbare Gefühl, als ob dieses Haus solche Laut­stärken...

 

... nicht mag.

 

Ich kann es mir nicht erklären, aber irgendetwas sagt mir, dass ich mich gefälligst etwas zurückhalten soll...

 

xxx

 

Kürzlich stellten wir vor unserem Haus einen riesigen, bunten Sonnenschirm auf. Er hat einen geschwungenen, weißen Stän­der, der im Boden fest verankert ist. Kein Wind kann ihn um­werfen, kein noch so starker Sturm kann ihm etwas anhaben. Das hoffen wir zumindest. Meine Söhne haben diese Tat vollbracht. Und ich muss sagen: Alle Achtung! Sehr fachmännisch haben sie das Problem ge­löst! Darunter stehen ein großer Tisch und vier zusammen­klappbare Stühle. Daneben befindet sich ein wunderschöner, großer Holzkohlengrill. Wir hatten diese Dinge im Baumarkt in Grabenbach gekauft, und wir freuen uns sehr darüber. Der herrliche, heiße Sommer steht ja direkt vor der Tür! Wir müssen ihn nur noch hereinlassen!

 

Trautes Heim - Glück allein...

 

xxx

 

Die Sonne zeigt bereits ihre volle Wirkung. Helga und ich sitzen gerade vor dem Haus, als sie ganz plötzlich zu mir sagt:

 

„Schau dir mal unsere Laterne an. Mir fällt heute zum ersten Mal auf, dass aus diesem ehemaligen Feuerrot ein Dunkelrot geworden ist. Aber halt: Du bist ja farbenblind, du Ärmster!“

„Ja, also, für mich ist sie braun.“

 

Sie ruft ungestüm nach Alfi und Mani. Sie sind seit Freitag wieder ein Herz und eine Seele... - Mani erscheint auf der Bildfläche - er ist völlig außer Atem:

 

„Was ist, Mutter?“

„Schau dir doch mal unsere Laterne an. Fällt dir da etwas auf?“

„Ja, sie brennt nicht.“

„Du Affe! Sie brennt nicht. Natürlich brennt sie nicht, wenn es heller Tag ist! Ich meine die Farbe!“

Mani begutachtet die Laterne mit fachmännischem Blick: „Ich kann nichts Besonderes feststellen, Mutter. Warum?“

„Sie ist dunkler, als früher!“, entgegnet sie ihm irri­tiert.

„Vielleicht denkst du, dass sie etwas dunkler ist, weil gerade eine Wolke vor der Sonne hängt!“

„Zieh Leine! Aber schnell! Und das nächste Mal frage ich dei­nen Bruder! Der ist wenigstens etwas ernsthafter als du und dein Vater!“

Sie wendet sich an mich: „Ich bin ja auf unsere Gäste ge­spannt, Günter. Hoffentlich hast du nicht zu viele alkoho­lische Getränke eingekauft!“

„Ich bitte dich, Helga. Denkst du etwa, ich lasse mich vor meinen Freunden anschauen?“

„Ja, ich verstehe.“

„Natürlich habe ich für diese Typen genügend Bier und Schnaps eingekauft! Ich passe schon auf, dass Keiner über die Stränge schlägt. Für dich, mein Schatz, habe ich ganz speziell eine Flasche Burgunder mitgebracht. Den magst du doch so gerne, oder?“ Ich grinse dabei anzüglich.

Sie geht nicht darauf ein: „Du weißt ja, wie ich es hasse, wenn jemand betrunken ist.“

„Das ist mir bekannt, Helga! Aber du weißt ja, wie sehr ich es liebe, wenn du angesäuselt bist!“

 

 

04

 

 

Es ist endlich soweit.

Die Party kann steigen!

 

Pünktlich um vier Uhr nachmittags - wie es ja auch verein­bart war - kommt der riesige Pickup von Michael, der am Steuer sitzt, rasant um die Ecke gekurvt. Winny, Hans, Ste­fan und Ludwig sitzen durcheinander gewürfelt hinten auf der großen Laderampe. Gerd (er überlässt heute die Leitung sei­ner Kneipe ausnahmsweise seiner Holden), Peter und Michael sitzen noch im Führerhaus.

 

Sportlich springen die Vier von der Ladefläche herunter und sind völlig ruhig, als sie das Haus mit dem Schuppen, die beiden Kastanienbäume, und uns davor, erblicken.

 

Sind sie geschockt?

Oder sind sie überwältigt?

 

Ich denke an den Tag zurück, als ich unser Haus das erste Mal gesehen hatte: Ich war beides. Geschockt und überwäl­tigt. Genau so wird es nun meinen Freunden wohl auch er­gehen!

 

Sie begrüßen uns herzlich und Helga bekommt einen riesigen Strauß gemischter Blumen und eine große Bonbonniere über­reicht. Vom Allerfeinsten! Mani und Alfi bekommen als Ge­schenk jeweils 2 CDs vom Neuesten und mir überreicht Lud­wig - stellvertretend für alle - eine Kiste mit auserlesenem, italienischem Rotwein.

 

„Wahnsinn!“, ist Peters Kommentar.

„So etwas habe ich ja noch nie gesehen!“, meint Winny.

„Ich bin ganz einfach überwältigt!“, stottert Gerd.

„Diese Straße, nein, dieser Weg, ist erschütternd - im wahr­sten Sinn des Wortes!“, meint Michael.

 

Stefan und Ludwig sind sprachlos. Wir sehen es ihnen deutlich an.

 

„Zeig uns endlich euer Haus, Günter!“, drängt Michael.

„Ich will zuerst den Schuppen sehen!“, schreit mir Hans ins Ohr.

„Wo ist die Toilette?“, fragt Ludwig.

„Die brauche ich jetzt auch!“, labert Stefan.

„Aber warum habt ihr denn alles schwarz gestrichen?“, will Winny wissen.

 

Helga schaut mich vorsichtig von der Seite an. Sie fordert mich mit stillen Blicken auf, in diesen Sauhaufen endlich Ordnung zu bringen.

 

„Alle Mann herhören! Zuerst gibt es für alle ein kleines, küh­les Bierchen. Danach führe ich euch durchs ganze Haus. Wer will, kann auch den Speicher sehen, ebenso den Keller. Hin­terher zeige ich euch noch unseren tollen Schuppen, und dann gibt es frische Getränke. Wer jetzt schon Hunger hat, kann schon einmal vorab einen kleinen Happen haben! Ein­verstanden?“

 

Gerade, als unsere kleine Wanderung durch unser unheimlich anmutendes Haus beginnt...

 

... spüre ich ganz plötzlich etwas ganz Seltsames.

 

Es ist eine Art von Unsicherheitsgefühl, das mich überfällt. Ich betrachte unser Haus wie unter einem Zwang - wir stehen ja alle direkt davor - also an der Fassade, und habe das un­definierbare Gefühl, als ob das Haus mir sagen möchte, dass es diese Führung nicht wünscht...

 

Das darf doch nicht wahr sein!

 

Ich greife mir an den Kopf und wische mir mit den Händen über die Augen. Wie, in Gottes Namen, komme ich bloß auf solche idiotischen Phantastereien? Spinne ich etwa, oder was? Tut mir diese brachiale Hitze nicht gut? Ich wische mei­ne komischen Eingebungen mit einer einzigen Handbewegung zur Seite und rufe:

 

„Folgt mir unauffällig, Männer!“

 

Unsere kleine, völlig harmlose und kurzweilige Besichtigung durch das Haus beginnt. Mani und Alfi haben sich zwischen­zeitlich auf ihre beiden völlig verdreckten Maschinen ge­schwungen und sind Richtung Keltenstein verschwunden.

 

Helga führt die Männerschar an.

Ich bilde die Nachhut.

Allgemeines Erstaunen.

 

SCHWARZ. Nichts als SCHWARZ - soweit das Auge blickt.

 

„Das ist ja die tierischste Bude, die ich je gesehen habe! Das will was heißen!“, lacht Michael, der große Baumeister.

„Eine etwas düstere Angelegenheit.“, ist Peters offener Kom­mentar.

„Toll, diese schweren Eichenmöbel!“, meint Ludwig, der Bast­ler.

„Ihr habt euch hier ja schon gut eingewohnt, was?“, fragt Gerd Helga.

 

Ja, bis auf dieses...

... grässliche Schwarz.“

 

Helga hat es gesagt.

Laut und vernehmlich.

Das Haus hat es sicherlich gehört!

Mit all seinen ureigenen Sinnen...

 

Wir gehen gerade alle hintereinander die Treppe hoch, als Helga ganz oben - aus irgendwelchen Gründen - plötzlich das Gleichgewicht verliert, und rückwärts zu stürzen droht. Win­ny ist dicht hinter ihr und versucht, sie etwas ungeschickt aufzufangen. Es gelingt ihm jedoch nicht, und auch er ver­liert die Balance. Von unten sehe ich ganz genau, wie sich die Kettenreaktion fortsetzt. Helga fällt auf Winny, Winny auf Hans, Hans auf Ludwig, und Michael versucht mit aller Kraft, die Leute vor ihm aufzuhalten, jedoch leider erfolglos. Er verfügt zwar über erhebliche Kräfte, jedoch ist das Gewicht von vier erwachsenen Leuten auch für ihn zu viel. Ich selbst kann überhaupt nichts mehr machen und springe zur Seite.

 

Nun liegen sie Alle am Ende der Treppe. Außer Gerd, Peter und mir. Wir stehen noch unten. Ein totales Durcheinander! Ein einziges, wüstes Geschrei entsteht!

 

Bevor der ganze Schlamassel begann, hatte ich ein leises Ächzen gehört. Es war aber kein menschliches Ächzen, denn dafür hatte es ja wohl keinen Grund gegeben. Dieses Ächzen kam aus der Wand im oberen Stockwerk...

 

Ich täusche mich nicht!

 

Alle sind unverletzt, bis auf Helga. Sie hat sich offensichtlich das linke Bein verdreht und auch gebrochen. Ich sehe von meinem Blickwinkel aus, dass das Bein in einem abstrakten Winkel absteht. Verdammt! An Notfälle hatten wir nicht ge­dacht! Wie - in Gottes Namen - soll nun wohl ein Krankenwa­gen hierher kommen? Auf diesem schlechten Weg? Fast ein Ding der Unmöglichkeit!

 

Helga stöhnt unterdrückt. Sie liegt immer noch auf dem obe­ren Absatz der verfluchten Treppe, und ich übertöne nun alle mit einem lauten Satz:

 

„Lasst mich zu ihr. Wer hat ein Handy dabei?“ Ich habe nämlich meines - wie üblich - irgendwo he­rumliegen, so wie es sich ja auch gehört.

 

Gerd, der Wirt, der sein Handy immer bei sich trägt, ruft im selben Augenblick die Sanitäter an:

 

„Hallo, hier Gerd Müller. Die Frau meines Freundes hatte eine Beinfraktur. Wir befin­den uns in einem Waldhaus - etwa drei bis vier Kilometer in südöstlicher Richtung von Keltenstein. Wir können sie nicht transportieren, weil der Bruch zu schmerzhaft und vielleicht auch kompliziert ist. Bitte helfen Sie uns!“

 

Die Einsatzzentrale bestätigt ihm, dass sie einen Hubschrau­ber losschicken werden. Die Dame am Telefon bittet darum, ein großes Lagerfeuer zu entfachen, damit der Hubschrauber auch sieht, wo er landen muss.

 

„Hast du gehacktes Holz hier, Günter?“, fragt mich Gerd unge­duldig drängelnd, und etwas nervös.

„Hab ich, hab ich. Ich hole es!“

 

Meine Freunde errichten mit Hilfe der Holzscheite, direkt vor dem Haus, ein großes Lagerfeuer, um das sie diverse Steine legen, die das hohe Feuer eindämmen sollen. Da ich nicht weiß, ob Helga noch mehr fehlt, als dieser Beinbruch, lasse ich sie genauso liegen, wie sie gefallen ist und schiebe ihr lediglich ein kleines Kissen unter den Kopf, und ein weiteres unter das linke Bein.

 

Sie jammert: „Wie konnte mir das nur passieren? Ich verste­he das einfach nicht! Der Teppich ist nicht lose oder rut­schig, und trotzdem habe ich das Gleichgewicht verloren! Ich habe fast das Gefühl, als ob mich...“

„Was meinst du?“

„Als ob mich jemand geschubst hätte!“

„Beruhige dich, Helga. Hauptsache ist, dass der Helikopter bald kommt!“

„Ach, wie peinlich und unangenehm mir das ist! Fehlt den Anderen nichts?“

„Nein, sie hatten großes Glück - im Gegensatz zu dir. Bleib ganz ruhig liegen, und bewege das Bein nicht! Es könnte ja auch eine Trümmer- oder Splitterfraktur sein.“

 

Innerhalb von zehn Minuten ist der Vogel da. Der Pilot, der Arzt und der Notarzthelfer sind voll auf Draht. Die Landung ist perfekt. Der riesige Rotor der wunderschönen, frisch po­lierten Maschine wirbelt eine große Menge Staub auf, Funken stieben aus unserem Feuer, und der Eine oder Andere muss laut husten. Sie, die Helfer, stehen genau neben der roten Laterne, also bei Michaels weißem Pickup. Helga befindet sich innerhalb von drei Minuten im startbereiten Hubschrauber. Unsere Gäste stehen etwas betreten um die Maschine herum und niesen vereinzelt. Ich reibe mir die brennenden Augen.

 

„Wir konnten das Feuer gut sehen! Prima!“ Der Pilot grinst. Er ist ein alter Profi, wie es scheint.

„Möchten Sie mitfliegen, Herr Sturm?“, fragt mich der nette, junge Arzt.

„Nein, ich komme mit unserem Jeep ins Krankenhaus der Barmherzige Brüder! Es sind ja bloß fünfzehn Kilometer von hier aus!“

„Wie Sie möchten!“

 

Mich an meine weinende Frau wendend, flüstere ich ihr ins Ohr: „Ich springe jetzt in den Jeep und komme damit direkt zum Krankenhaus. Bis dein Gips drauf ist, bin ich locker auch dort!“ Ich gebe ihr einen Kuss auf ihr gerötetes, erhitztes Gesicht. Ihre blonden Haare stehen in alle Richtungen.

 

Die Türe des Hubschraubers schließt sich mit einem leichten Klack, und die Maschine hebt graziös vom Boden ab. Ich wen­de mich an meine Freunde:

 

„Hört zu, Männer: Bedient euch mal, wie ihr wollt! Trinkt und esst, und lasst es euch gut ge­hen! Ich fahre schnell ins Krankenhaus und bin in zwei Stun­den wieder hier bei euch!“

 

Ohne eine Antwort abzuwarten, springe ich in Helgas Jeep und gebe Gas.

 

Holterdiepolter geht es auf diesem wirklich gotterbärmlichen Weg wieder Richtung Landstraße. Danach presche ich mit Vollgas Richtung Krankenhaus Grabenbach. Innerhalb kürzes­ter Zeit treffe ich dort ein, und erkundige mich nach meiner verletzten Frau.

 

„Sie liegt in der Aufnahme-Unfallstation!“, ruft mir eine junge, dunkelhaarige Krankenschwester nach.

 

Kurz danach befinde ich mich auch schon in dieser Station und sehe Helga etwas blass auf einer mit Papier bespannten Bahre liegen. Ihr lin­kes Bein ist dick eingegipst.

 

„Ein glatter Bruch“, sagt der Arzt.

„Gott sei Dank keine Split­terfraktur!“, stöhnt Helga leise.

„Kann ich dich gleich mitnehmen?“

„Da musst du zuerst den Doktor fragen!“

 

Nervös blicke ich mich um, und im selben Moment betritt der zuständige Arzt mit weit ausholenden Schritten den engen Gipsraum:

 

„Sie sind der Ehemann, ja?“

„Jawohl, Herr Doktor, der bin ich!“

„Ich habe gehört, dass zu Ihrem Haus nur ein äußerst schlechter Waldweg führt und deswegen der Helikopter kom­men musste?“

„Genauso ist es, Herr Doktor.“

„Dann sind Sie ja im Wald gefangen, nicht wahr? Ringsum nur Bäume, und dazu dieser schlechte Trampelpfad. Also, ich sa­ge Ihnen ganz ehrlich: Groß passieren darf Ihnen dort drau­ßen ja nichts!“

 

Der Mann liegt richtig.

Er hat vollkommen recht.

 

Ich schaue zu dem Arzt hoch, der mich trotz meiner Größe von mehr als einszweiundachtzig um mindestens zehn Zenti­meter überragt, und erkläre ihm:

 

„Von dieser Warte aus ha­ben wir es eigentlich noch nie gesehen. Wir sind in das Wald­haus erst vor Kurzem eingezogen. Wegen dieses Waldweges muss ich mir noch unbedingt etwas einfallen lassen! Sogar meinen Firmenwagen kann ich nur an der Landstraße abstel­len, weil ich mit ihm unmöglich bis zum Haus fahren kann.“

„Ja, lassen Sie sich etwas einfallen, Herr Sturm!“

 

Letzterer, gut gemeinter Satz des Arztes wird noch lange in meinen Ohren nachklingen...

 

„Danke für Ihre Hilfe, Herr Doktor! Kann ich meine Frau jetzt gleich mitnehmen? Ich werde sehr, sehr vorsichtig fahren und sie auf den weichen Rücksitz legen. Dort hat sie es bequem.“

„Das Bein sollte keinerlei Erschütterungen ausgesetzt wer­den, Herr Sturm! Wenn Sie es wünschen, fliegen wir Ihre Frau auch wieder - in diesem ganz speziellen Ausnahmefall - zu­rück. Wenn Sie jedoch diesen Waldweg unter Schritttempo fahren werden, dann sehe ich keinerlei Probleme!“

„Prima, Herr Doktor“, sage ich erleichtert.

„Gute Fahrt! Und noch etwas: In drei Wochen wird der Gips gewechselt.“

„Auf Wiedersehen! Bis bald!“

 

Sie bekommt von der freundlichen Schwester noch zwei Krücken und wir begeben uns gemeinsam Richtung Jeep.

 

„Was für ein großer Mist! Wie konnte das nur passieren?“ Hel­ga ist einfach untröstlich.

„Sei froh, dass es keine Splitter- oder Trümmerfraktur ist!“

 

Sie ist still. Und sie tut mir nun doch sehr leid. Die Rückfahrt verläuft völlig problemlos, und ich bewege den schweren Wa­gen, als wir uns auf dem Waldweg befinden, im Schnecken­tempo Richtung Haus.

 

Zu unserem (geliebten?) DARK STONE!

 

Ich getraue mir nicht, Helga von meinen komischen Ahnungen zu erzählen. Sie machte zwar nach ihrem Unfall diese selt­same Andeutung, aber es ist doch besser, wenn ich schweige. Ich will nicht, dass sie denkt, dass ich übergeschnappt bin. Jedoch: Das Haus hatte mir vor dem Unfall eindeutig etwas mitgeteilt. Es hatte mir gesagt:

 

Seid vorsichtig!

Ich bin nicht irgendein x-beliebiges Haus!

Behandelt mich gut!

 

So, oder so ähnlich, hatte ich diese geheimnisvolle Warnung, kurz vor der Besichtigung, verstanden. Oder hatte ich mir das Ganze nur eingebildet? Nein: Das war keine Einbildung! Aber ich frage mich ernsthaft:

 

Kann sich ein Haus mitteilen?

 

All diese Gruselgeschichten über geheimnisvolle Häuser kann ich einfach nicht glauben. Das sind doch alles nur frei erfun­dene Hirngespinste von überaus phantasievollen Autoren! Wir Vier lieben diese Filme zwar sehr, aber das, was da gezeigt wird, sind doch nur übertriebene Tagträume! Helga darf das natürlich - wie gesagt - nicht wissen! Sie arbeitet ja seit vie­len, vielen Jahren in der geschlossenen Psychiatrie und wer weiß, was passieren würde, wenn ich meine absolut seltsame „Ahnung“ von mir geben würde...

 

Ob sie mich wohl auslachen würde?

Ich denke nicht.

Ich befürchte nicht.

 

Kurz, bevor wir unser geliebtes Haus erreichen, sage ich zu Helga: „Ich werde heute mit Michael über diesen Waldweg sprechen. Vielleicht hat er ja eine gute Idee!“

„Du weißt aber, wie knapp wir zurzeit bei Kasse sind, Gün­ter!“

„Überlege mal“, entgegne ich ihr, „was passiert, wenn dein Jeep wegen des Weges kaputt geht? Dann sind wir beide auf­geschmissen. Wir könnten es uns beide beruflich nicht erlau­ben, einfach wegen eines defekten Wagens daheim zu blei­ben.“

„Ich bin in der nächsten Zeit sowieso krankgeschrieben!“

„Aber ich muss arbeiten!“

„Das stimmt.“

„Helga, jeder Besucher, der keinen Geländewagen besitzt, muss fernbleiben! Wir sind durch diesen Weg so ziemlich von der Umwelt abgeschnitten - sogar von einem Rettungswagen! Ja, und noch etwas: Von den beiden Motorrädern darf ja auch keines kaputt gehen.“

 

Ich sehe, dass meine Argumente zusehends fruchten. Sie sagt: „Wir müssen uns das genau überlegen, Günter. Den Weg zu teeren, wäre viel zu teuer. Vielleicht hat Michael eine an­dere, billigere Lösung für uns.“

„Gut, ich werde also heute gleich mit ihm reden.“

„Ja, mach das mal!“

 

Helga ist erschöpft. Ich auch. Wir sind endlich wieder zu Hause. Unsere Freunde, die sich natürlich mit Getränken be­dient haben, wie ich es ihnen vorher ja schon angeboten hat­te, sitzen an dem langen Holztisch, den ich mir von Gerd, dem Wirt, ausgeliehen hatte, und reißen ihre ordinären Wit­ze. Als sie uns kommen sehen, springen sie auf und laufen uns entgegen.

 

„Dürfen wir dich tragen, Helga?“

 

Ludwig und Winny sind von dem kühlen, frischen Fassbier schon etwas angetörnt. Wir kauften nämlich ein großes Fass Bier, damit keiner unserer Gäste an übermäßigem Durst lei­den muss...

 

Helga lässt sich natürlich nicht tragen. Sie bewegt sich lang­sam und vorsichtig mit ihren Krücken auf den langen Bier­tisch zu:

 

„Leute, Günter wird euch nun endlich das Fleisch grillen. Der Salat ist zum großen Glück bereits fertig. Wir haben Kartoffel- und Gurkensalat gemischt - natürlich mit weißen Zwiebeln.“

„Helga, du bist die Größte!“ Michael bewundert sie offen­sichtlich, weil sie so ungemein tapfer ist.

„Günter, deine Frau ist unglaublich!“, sagt Peter, der Ober­lehrer.

„Prost, Prost, Kameraden - auf unsere Freundschaft!“, plärrt Gerd quer über den Tisch. „Auf unsere Gesundheit!“

 

Man versteht sich - wie immer - ganz hervorragend. Ich schnappe mir auch eines der wunderschönen Biergläser mit Zinndeckel und hänge mich mit an das edle Fass...

 

„Wir besichtigen euer Haus noch einmal von außen! Natürlich auch den Schuppen“, erklärt mir Hans, der Malermeister. „Ganz ehrlich, ein tolles Anwesen habt ihr da! Es wirkt etwas unheimlich, finde ich. Aber das macht sicherlich dieses un­durchdringliche Schwarz aus, Günter!“

„Hast du eine Idee, wie wir das ändern könnten? Tapeten hal­ten nicht, De-Ce-Fix auch nicht, was sollen wir tun?“

„Ich komme nächste Woche zu euch heraus, und verbin­de dann den Krankenbesuch gleich mit einer genauesten Wandbesichtigung. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass all die Wände keine Farbe annehmen.“

 

Die Feier nimmt ihren Lauf. Etwas später nehme ich Michael zur Seite und erkläre ihm unsere persönliche Situation be­züglich des Waldwegs. Helga sitzt natürlich auch daneben. Er sieht uns - mit seinem Bierglas in der Hand - von der Seite an und meint:

 

„Hört zu, ihr beiden. Ich stecke momentan sowie­so in einem gottverdammten Sommerloch. Keine Aufträge - kein Umsatz. Meine Arbeiter - bis auf zwei - sind alle in Ur­laub. Ich könnte euch den Waldweg zu einem äußerst güns­tigen Preis komplett aufschütten, das heißt, der Weg wird professionell geebnet, und anschließend mit einer Walze ge­glättet. Ich denke, damit wäre euch sicherlich geholfen. Tee­ren wäre ganz einfach zu teuer. Ihr könnt ja auch bei der Gemeindeverwaltung nachfragen, ob sie eventuell etwas mit hinzuschießen. Aus dem Trampelpfad wird ja schließlich ein richtiger, ausgebauter Weg, der für Jedermann benutzbar sein wird. Du, mein Freund, könntest dann endlich mit dei­nem Mercedes bis vors Haus fahren. Ich hätte sowieso eine Heidenangst, wenn ich meinen teuren Wagen nachts immer an der Landstraße parken müsste.“

 

Er nimmt einen Schluck, während wir beide überlegen.

 

Er fährt fort: „Den Preis legen wir noch fest. Ich benötige vorab nur 2000- € als Vorschuss fürs Material, und meine zwei Arbeiter. Ihr bezahlt mir den Rest, wann es euch mög­lich ist, also in einem bestimmten Zeitrahmen. Ich bin gerne damit einverstanden, wenn ihr mir zwischendurch kleinere Teilbeträge bezahlt. Es muss nicht alles auf einmal sein. Was haltet ihr davon?“

 

Wir schauen uns nur kurz an. Wir brauchen gar nichts dazu zu sagen, denn wir sind mit dieser Lösung sofort einverstanden.

 

„Michael, das vergessen wir dir nie!“, lächelt Helga. „Wann könntet ihr denn mit der Arbeit beginnen?“

„Wenn ihr wollt, schon am Montagmorgen.“

„Prima, Michael, so machen wir es. Wir brauchen keinen Ver­trag, oder?“, frage ich ihn.

„Ich bitte dich! Wie lange kennen wir uns denn schon, du al­ter Haudegen?“ Er grinst über beide Ohren. „Hört zu, ich weiß, wie lange meine Männer und ich für diese Arbeit unge­fähr benötigen werden. Da brauche ich gar nicht lange he­rumzurechnen. Ich schätze, vier bis fünf Wochen. Ich mache euch einen guten Preis: Gesamtsumme: 7.500- €. Alles komplett; also inklusive Maschinenbereitstellung, Materialien und Löhne. Eventuelle Verzögerungen inbegriffen. Einver­standen?“

„Alles klar, Michael, die Sache ist gebongt!“, antworte ich.

 

Wir schütteln uns die Hände und freuen uns über unseren ge­meinsamen Deal.

 

Der Abend nimmt noch einen recht netten Ausklang. Ziemlich angesoffen singen und grölen meine Kumpane die ordinärsten Sauflieder bis weit nach Mitternacht durch die Gegend. Mani und Alfi haben sich mittlerweile der illustren Runde an­geschlossen. Sie kamen etwa um elf Uhr nach Hause.

 

Der Morgen graut bereits, als sich die gesamte Rasselbande von uns verabschiedet. Keiner ist aus dem Rahmen gefallen. Aber alle - bis auf Michael und uns - sind ziemlich betrunken. Er muss die anderen ja noch chauffieren, der Ärmste. Das Dreißig-Liter-Fass ist natürlich leer. Sie schafften es mühe­los, diese Burschen, das ganze Fass auszusaufen. Obendrein mussten noch etliche Flaschen Wein dran glauben. Helga leer­te ihre Burgunderflasche, und sie kam auch noch - trotz ihres Handikaps - so richtig in Stimmung. Auch das Essen hatte allen sehr gut gemundet. Ein wirklich gelungenes Fest!

 

Als ich frühmorgens die Fassade unseres Haus betrachte, bil­de ich mir ein, dass es uns beobachtet. Es blickt uns gewis­sermaßen von oben herab an, als ob es sagen möchte:

 

Ihr armseligen, winzigen Kreaturen!

 

Meine Freunde brechen unter großem Trara auf. Die Jungs und ich räumen noch etwas auf, und dann ziehe ich mich in unsere gemeinsame Kemenate zurück. Helga liegt bereits. Es war doch etwas viel für sie. Sie tut mir leid, denn es war schon ein ausgesprochenes Pech, sich das Bein zu brechen. Bevor wir einschlafen, murmelt sie noch mit leiser Stimme:

 

„Diese verfluchte Treppe...“

 

 

05

 

 

Am Sonntag tut sich bei uns nicht viel. Es regnet etwas. Ich habe seit vergangenem Freitag meinen Jahresurlaub genom­men. Fünf Wochen Ruhe, fünf Wochen kein beruflicher Stress. Helga ist natürlich krank geschrieben. Mani arbeitet in seiner Ausbildungsfirma, und Alfi sitzt in der Schulbank. Wie es sich eben gehört.

 

Alfi will, wie er sagt, gleich zu Beginn seiner Sommerferien in einer Fabrik arbeiten. Ein schönes Taschengeld wird das für ihn! Bei Helga und mir sieht es, finanziell gesehen, im Augenblick sehr düster aus. Die teueren Ausgaben für den Jeep und die beiden Motorräder haben uns doch ganz schön mitgenommen. Als allerletzte Reserve werden wir in absehba­rer Zeit auch noch das Geld für Michael bereithalten müssen. Aber was soll’s - was sein muss, muss nun mal sein!

 

xxx

 

Michael beginnt am Montagmorgen pünktlich seine Arbeit. Zwei Helfer gehen ihm zur Hand. Ich fahre mit Helgas Jeep bis zur Landstraße, wo die Leute bereits arbeiten. Laut tönt die Walzmaschine mit ihrem stinkenden Dieselmotor quer durch die Gegend.

 

„Morgen, Michael!“ Ich freue mich, dass er sein Wort gehal­ten hat.

„Morgen, Günter!“

„Ich fahre jetzt zur Bank und hole dein Geld!“

„Super, ganz super!“

 

Gut gelaunt düse ich los und fahre auf der Landstraße Rich­tung Grabenbach. Dies ist, wie gesagt, die nächste größere Ortschaft, etwa fünfzehn Kilometer von Keltenstein entfernt. Dort gibt es auch eine Sparkasse, in der wir unsere Giro- und Sparkonten haben (Sparkonten - hahaha!). Dort angekommen, hebe ich die 2000- € für Michael von unserem gemein­samen Girokonto ab, kaufe noch bei Penny einen Kofferraum voll mit Lebensmitteln und Getränken, und Helga bekommt zur Feier des Tages einen kleinen Blumenstrauß. Zwecks Ge­nesung - und so!

 

Oh, wie wohltuend wird das wohl werden mit dem neuen Weg, sage ich mir, und steige in unseren bequemen Jeep ein. Den Mercedes musste ich übrigens letzten Freitag einem jungen Mitarbeiter leihen, dessen Firmenwagen völlig überraschend den Geist aufgegeben hatte. Er kam mit dem Taxi.

 

„Pass bloß auf den Wagen auf!“, sagte ich noch zu ihm, als wir uns voneinander verabschiedeten. Ich übergab ihm den Wa­gen natürlich direkt an der Landstraße, denn ich wollte nicht, dass er DARK STONE sehen sollte.

 

xxx

 

Auf dem Rückweg von Keltenstein überreiche ich Michael die vereinbarten 2000- €. Wie froh werde ich sein - und Helga auch - wenn dieser elende Waldweg endlich geebnet ist! Ich halte mich bei den Männern nicht lange auf und komme schon sehr bald nach Hause. Helga humpelt mit ihren beiden Krü­cken verzweifelt durch das Erdgeschoss. Unser Schlafzimmer liegt oben, also auf der hinteren Seite des Hauses. Sie tut sich noch recht schwer, mit den ungewohnten Krücken die Treppen zu begehen. Sie sieht nicht gut aus, finde ich. Tiefe Augenringe sagen mir, dass sie zurzeit schlecht schläft.

 

Da ich unser Haus immer noch nicht genauestens erkundet habe, nehme ich mir vor, den heutigen Tag ausschließlich mit dieser Art von Tätigkeit auszufüllen. Außerdem muss ich für uns beide noch ein Mittagessen kochen. Ich schäle also ein gutes Pfund Kartoffeln und setze sie auf.

 

Neben unserem kleinen Schlafzimmer befindet sich ein winzi­ger Raum, der immer noch verschlossen ist. Einer der kleine­ren Schlüssel, die an dem Bund hängen, passt zu dieser Tür. Auch sie ist nur sehr schwer zu öffnen. Wir hatten zwar an­fangs alle einen Blick in diesen völlig verstaubten Raum ge­worfen, aber er interessierte uns eigentlich nur wenig, da er uns als leer erschien. Wir waren uns damals momentan noch nicht ganz einig, was wir mit diesem kleinen Zimmer eigent­lich anfangen sollten.

 

Ich gehe in dieses muffige, etwas verwinkelte Zimmerchen hinein und schaue mich neugierig forschend um. An der Rück­wand befindet sich ein langer, schwarzer Vorhang, den wir bisher noch gar nicht wahrgenommen hatten. Dahinter steht ein alter, verstaubter Schrank. Eiche. Rustikal. Und schwarz. Ein dickes, ovales und altmodisches Schloss befindet sich in der Mitte der Schranktüren. Der letzte der kleinen Schlüssel passt in dieses Schloss. Endlich weiß ich, wo dieser kleine Schlüssel hingehört! Meine Neugier ist soweit befriedigt. Je­doch: Noch nicht ganz!

 

Was hatte Tom wohl hier versteckt?

 

Ich öffne die beiden schweren, mottenzerfressenen Schwenk­türen und bin total überrascht, als ich den Inhalt erblicke: Sauber aufgereiht, stehen dort viele, alte Bücher auf insge­samt sechs stabilen Regalen, die in diesem geheimnisvollen Schrank eingearbeitet sind. Ich nehme einige Bücher heraus:

 

„Hexen- und Dämonenkulte.“

„Geisterbeschwörungen.“

„Okkulte Kräfte.“

„Spiritismus.“

„Poltergeister.“

„Voodoo-Zauber.“

 

Ich hole noch ein Buch über „Exorzismus“ und ein Weiteres über „Teufelsaustreibungen“ heraus und dann noch eins über „Hexenverbrennungen“. Ganz am Rand im obersten Regal steht noch ein Buch, das mir deswegen auffällt, weil der Buchrücken goldfarben ist. Titel: „Scheintote.“ Daneben ist noch ein Buch, das mir gefällt: „Schwarze Messen.“

 

Was jedoch das Allerschärfste an dieser ganzen Sache ist: All diese Bücher sind NICHT schwarz. Sie haben ihre natürlichen Farben beibehalten. Genau wie Toms Damenporträts. Urplötz­lich fällt es mir auf. Sie sind durchwegs sehr gut erhalten, diese Bücher, ja, sie wirken, als ob sie teilweise noch neu und völlig ungebraucht wären. In Wirklichkeit sind sie aber allesamt uralt. Das sieht man an der Art der ledernen Ein­bände und an den Schriftarten bzw. am Papier, genauer ge­sagt, am Pergament. Ich blättere in einigen Büchern herum und kann den Großteil gar nicht lesen, weil es sich um sehr seltsame Sprachen handelt, die mir völlig unbekannt sind. Bücher aus allen Herren Ländern! Wo hatte er sie wohl alle her, der alte Tom? Hatte er sie sich persönlich besorgt, oder hatte er sie sich schicken lassen? Aber wo kann man solche auserlesenen Bücher bestellen? Ein Buch ist äußerlich - und auch zum größten Teil innen - schö­ner, geheimnisvoller, und sicherlich auch wertvoller, als das andere. Sie sind - wie gesagt - zum Großteil in Le­der gebunden und beeindrucken mich sehr. Womit hatte sich Tom wohl die letzten Jahre befasst? Wenn mir irgendjemand zu seinen Lebzeiten erzählt hätte, dass er sich mit solch au­ßergewöhnlichen Dingen abgibt, dann hätte ich ihn nur gera­deheraus ausgelacht. Diese Dinge passten doch gar nicht zu Tom! Er war ein absoluter Naturmensch gewesen, der sich mit den positiven Dingen des Lebens beschäftigt hatte. Außerdem war er ein Feinschmecker gewesen. Ja, kochen war auch eins seiner Hobbys! Zudem gute Weine! (Deswegen wahrscheinlich auch diese hinterlistige Leberzirrhose, die ihn letztendlich dahingerafft hatte!) Warum also keine Koch- oder Weinbü­cher?

 

Haben wir uns in ihm so getäuscht?

Hatte Tom irgendwelche geheimen Laster?

 

Ich nehme drei dieser außergewöhnlichen Bücher unter den Arm und gehe hinunter zu Helga. Das muss sie sehen! Ich weiß zwar, dass sie mit solchen Büchern nichts anzufangen weiß, aber es wird sie doch überraschen, wenn sie sieht, dass Tom auch noch andere Hobbys, außer kochen und außerge­wöhnlicher Weine, hatte.

 

Auf dem Weg nach unten wird mir plötzlich ganz wunderlich. Strahlen diese Bücher auf mich über? Oder was ist hier los?

 

„Schau, Helga, was ich gefunden habe!“

 

Sie sitzt in einem unserer großen Ohrensessel im Wohnzim­mer und raucht gerade eine ihrer geliebten, unendlich langen „Eve“-Zigaretten. Nebenbei hört sie leise Radio - natürlich Bayern-Antenne - ihr bevorzugter Musikkanal. Ihr linkes Bein liegt auf einem mit dickem Stoff bespannten Schemel. Sie dreht ihren Kopf etwas, damit ich in ihr Blickfeld komme und lästert:

 

„Bücher.“

„Aber was für welche!“

„Zeig mal her, bitte.“

 

Ich könnte mich immer wieder über ihre nach außen hin so kühle Art amüsieren. Wenn man sie nicht kennt, könnte man tatsächlich annehmen, dass sie recht „cool“ wäre. Dies ist jedoch ein Irrtum. Ein sehr großer Irrtum! Sie ist nämlich ein überaus herzlicher und auch gutmütiger Mensch. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

 

Ich reiche ihr das Buch mit den „Scheintoten“ und sie lacht hellauf. Angespannt und nervös stehe ich neben ihr und warte darauf, wann sie endlich bemerkt, dass diese Bücher nicht schwarz sind, wie alles andere, was sich in unserem Haus befindet bzw. befand, als wir damals vor ein paar Wochen eingezogen waren.

 

„Da gab es doch einmal diesen amerikanischen Klassiker: Le­bendig gegraben! Erinnerst du dich noch daran?“

„Ja, ich kenne den Film. Der helle Wahnsinn. Da war doch der gewisse Mann, der all diese Sicherheitsvorkehrungen in sei­nen Sarg eingebaut hatte! Auch diese seltsame Kapelle, die er speziell für seinen Scheintod errichtet hatte, in der er hatte „ruhen“ wollen. Ja, ja, dieser Film war ein absoluter Hammer!“

„Was hast du da noch in der Hand?“

 

Ich gebe ihr das Buch „Okkulte Kräfte“ und nehme das andere Buch zurück. Plötzlich beginnt ihre rechte Hand zu zittern. Unmerklich, aber für mich doch erkennbar.

 

„Sag mal, Günter, wo hast du denn diese Schinken gefunden?“ Ihre Stimme schwingt merkwürdigerweise seltsam hoch. Ir­gendwie erregt, und auch ungemein ängstlich.

„Oben, in dem kleinen, versperrten Zimmer. Wir dachten doch damals, dass es leer sei, aber das war wohl ein Irrtum! An der Rückseite des Raumes, hinter dem schwarzen Vorhang, befindet sich ein wunderschön gearbeiteter Schrank, in dem all diese sündteueren, und zum Teil uralten Bücher stehen. Es sind sicherlich zwei- bis dreihundert Stück!“

„Sie sind nicht schwarz!“ Helgas Stimme vibriert.

„Ich kann mir das auch nicht erklären, aber mir ist diese Tat­sache erst bewusst geworden, nachdem ich zwei, drei Bücher angesehen hatte. Das ist schon äußerst merkwürdig, oder?“

„Ja, das ist unglaublich! Wie kann das nur möglich sein?“

„Lass mir bitte diese drei Bücher hier!“

 

Seit wann interessiert sie sich für solcherlei Lektüre? Das passt doch gar nicht zu ihrer Denkweise! Natürlich, abgese­hen von den „Alten Ägyptern“. Das ist nämlich ihr absolutes Steckenpferd. Na ja. Sie wird die Bücher kurz anschauen, und sie dann wieder zur Seite legen. So, wie sie es immer tat, wenn sie irgendwann ein ungewöhnliches Buch in der Hand hielt. Sie interessiert sich ja - wie gesagt - ausnehmend nur für Gegenwartsliteratur und keineswegs für irgendwelche Horror- oder Geisterbücher aus dem Mittelalter bzw. acht­zehnten oder neunzehnten Jahrhundert! Oder gar aus dem fünfzehnten Jahrhundert! Aber mir kann es egal sein, was sie sich so alles reinzieht. Momentan hat sie ja genügend Zeit zum Lesen...

 

Ich gehe in unsere geräumige Küche hinüber und gieße die Kartoffeln ab. Dann brate ich in einer der großen Pfannen die Nürnberger Rostbratwürste. Anschließend serviere ich unser „Mahl“ im Wohnzimmer.

 

Was ist das denn? Helga ist ja völlig in eines dieser unheimli­chen Bücher vertieft!

 

„Essen, Helga!“

Keine Antwort.

„Mahlzeit!“

Keine Reaktion.

 

Da ich kein Tonbandgerät bin, setze ich mich an den niedri­gen Wohnzimmertisch und beginne, zu speisen. Helga rührt sich nicht. Sie scheint in der Lektüre regelrecht erstarrt zu sein. Festgefroren! Ich muss ihr diese Bücher wieder wegneh­men! Das darf doch nicht wahr sein! Ich vertilge gerade den Rest meiner Mahlzeit, als Helga mich von unten her seltsam anblickt.

 

Gerade will ich zu ihr sagen: „Jetzt ist dein Essen kalt!“, als ich diesen absolut ungewohnten Blick von ihr erfasse. Er er­zeugt bei mir unbewusst eine Gänsehaut: So hat sie mich noch nie angeschaut. Dieser Gesichtsausdruck und... dieser dunkle Blick, der so weit ent­rückt ist.

 

„Ich habe keinen Hunger.“ - Pause. – „Ich muss jetzt lesen.“ Ihre Äußerung duldet keinen Widerspruch. Das ist ihr gesam­ter Kommentar, und er erscheint mir sehr ungewöhnlich. Ir­gendwie monoton. Normalerweise isst sie alles, was auf den Tisch kommt, aber jetzt verspürt sie nicht mehr das gering­ste Hungergefühl. Ich hatte ihr jedoch, bevor ich ihr diese Bücher brachte, gesagt, dass ich heute kochen würde. Ihr Kommentar darauf war:

 

„Ach, wie schön. Da brauche ich nicht in der Küche zu stehen! Prima! Was machst du denn Feines?“

Ich hatte geantwortet: „Würstel mit Beilagen!“

Darauf sie: „Ich habe schon ziemlichen Hunger!“

 

Ja, und nun diese ungewöhnliche und seltsame Reaktion von ihr. Nun, mir soll es egal sein. Ich bringe meinen leeren und ihren vollen Teller zurück in die Küche und komme dann zu­rück zu ihr. Wie verbissen sie liest! Es erscheint mir so, als ob sie meine Anwesenheit überhaupt nicht registrieren, als ob sie nicht bemerken würde, dass ich direkt neben ihr stehe. Da habe ich ja etwas angerichtet mit diesen alten Büchern! Jedoch: Ich konnte ja nicht wissen, welch große Macht diese alten Schinken auf sie ausüben...

 

xxx

 

Mein Handy klingelt laut und vernehmlich: „Ja, Sturm?“

„Hier Michael. Ich muss dich kurz sehen!“

„Was ist los, Alter? Brauchst du wieder Geld?“

„Nein, Günter, es ist etwas Schreckliches passiert!“

„Erzähle!“

 

Michael berichtet mir in knappen Worten, dass einer seiner Arbeiter unter die kleine Walzmaschine geraten sei. Der Not­arztwagen, den er sofort herbeigerufen hatte, konnte leider nur noch den Tod des Unglücklichen feststellen.

 

„Es war Sepp, du weißt schon, unser Sepp!“

„Oh Gott, Michael, wie furchtbar! Ich mache mir große Vor­würfe.“

„Warum Vorwürfe?“

&

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