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Schwarzer Sommer

Prolog

Es war einer dieser Tage, an denen Matthew Lennard ein dauerndes Pochen in seinen Schläfen spürte. Er wusste, es würde den ganzen Tag nicht aufhören. Der Mangel an Tageslicht, die schlechte Luft, das Dröhnen der Maschinen … all das führte dazu, dass er benommen war und sein Kopf schmerzte.

Noch lag er in seinem schmalen, unbequemen Bett. Ob er aufstehen sollte? Das Zeitgefühl hatte er schon lange verloren.

Er hörte in der Dunkelheit das Schnarchen seiner Kameraden, welche in der Bettenreihe neben ihm und über ihm lagen. Seit drei Monaten lebte und arbeitete er nun schon auf engstem Raum zusammen mit diesen Männern, von denen ihm keiner nahe stand.

In solchen Momenten rollte er sich gerne noch einmal auf seiner Pritsche zusammen und versuchte, von Patricia zu träumen. Seine Patricia, die weit weg von ihm war und ihm so fehlte, dass es wehtat. Er hoffte, sie in zwei Monaten wieder in die Arme schließen zu können. Er dachte an ihr duftendes Haar, an ihre leuchtenden Augen und ihr fröhliches Lachen. Auf dieser Reise war es ihm ganz klar geworden: Er musste ihr einen Heiratsantrag machen, sie sollte die Mutter seiner Kinder werden; mit ihr wollte er den Rest seines Lebens verbringen.

Das Schrillen der Alarmglocke riss Lennard jäh aus seinen Träumen. Besatzungswechsel war angesagt. Um ihn herum richteten sich seine verschlafenen Kameraden leise vor sich hin fluchend auf. Lennard gab sich einen Ruck und erhob sich ebenfalls.

Nach der Morgentoilette und dem immer gleichen, öden Frühstück, betrat er mit den anderen den Steuerungsraum der SSN Wessex, einem atomaren U-Boot des Typs K-227 der englischen Marineflotte. Aus welchem Grund die SSN Wessex im Atlantik unterwegs war, hielt der Kommandant streng geheim. Es war genau dieses Verhältnis zwischen Befehlshabenden und Untergebenen, das Lennard und seinen Kameraden zu schaffen machte.

Seit Tagen verschlechterte sich die Stimmung an Bord. Die Besatzung war missgelaunt und befand sich in einem emotionalen Tief. Wenn sich nicht bald etwas änderte, würden der Ton untereinander schroffer, die Gesten aggressiver und die Gemütszustände noch depressiver werden.

Lennard setzte sich an seinen Platz, wie jeden Tag, und begann die Geräte zu kontrollieren. Nebenbei träumte er weiter von Patricia.

Nach Stunden, die nahezu schweigend verbracht worden waren, bebte das Boot auf einmal. Ein ohrenbetäubendes Knirschen war zu hören. Es war so laut, dass Lennard sich die Ohren mit den Händen zuhalten mussten. Sekunden später wurde der Rumpf durch einen gewaltigen Ruck erschüttert. Die Männer stürzten übereinander, knallten gegen Geräte und Wände, bevor sie zu Boden gerissen wurden.

Als Lennard die Augen öffnete und an sich herunterschaute, sah er Blut. Woher es kam, konnte er nicht bestimmen. Erst als er spürte, dass es an ihm herunterlief, bemerkte er die Platzwunde am Kopf. Er hörte leises Stöhnen, war nicht der Einzige, der sich beim Sturz verletzt hatte.

»Wir sind aufgelaufen«, rief eine aufgeregte Stimme aus dem Vorraum.

»Ein Leck, ein Leck!«, schrie jemand von weiter hinten. Lennard konnte nichts sagen. Um ihn herum wurde es dunkel. Er wusste, es war nah – das Ende.

Männerfreundschaft

»Wenn du wüsstest wie froh ich bin, dass du da bist.«

»Wenigstens einer, der meine Anwesenheit zu schätzen weiß«, sagte Karim mit einer kleinen Prise Ironie, »und hoffentlich auch meinen Schweiß. Ich fühle mich nämlich wie ein vollgesogener Schwamm, der gerade ausgedrückt wird. Der Schweiß läuft mir in so ziemlich jede Körperritze, die ich habe. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal für einen Mann so geschwitzt habe.«

Kaum hatte er den Satz beendet, lehnten sich beide an die Wand und ließen ihrem überschwänglichen Lachen freien Lauf. Es war fast wie immer, wenn Karim und Martin zusammentrafen, es wurde viel gescherzt und noch mehr gelacht. Das zeichnete ihre jahrelange Freundschaft aus, die schon seit der sechsten Klasse Bestand hatte.

»Darf ich etwas dazu sagen? Ja?« Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Martin sein noch immer lachendes Gegenüber fragend an.

Karim hob den Kopf, beruhigte sich schlagartig, streckte Zeigefinger und den Daumen so aus, als würde er mit einem Revolver auf Martin zielen, und erteilte ihm somit das Wort. »Ich schätze deinen Schweiß sehr, denn schließlich verhilft er mir zu einer blitzblanken, sauberen Kloschüssel. Klar, der Schweißgeruch wiederum ist da eher ein unangenehmer Nebeneffekt.«

»Ich und unangenehmer Körpergeruch? Ich möchte auch auf die unzähligen Flakons hinweisen, welche die Ablagefläche in meinem Badezimmer schmücken. Ich bin ein sehr duftbewusster Mann, welcher sich auch nicht vor ein wenig Schminke scheut. Unangenehme Gerüche, wie du sie nennst, gibt es bei mir nicht. Ich würde eher meinen, dass sich bei dir die Hygieneartikel ein wenig dem Ende neigen.« Karim zeigte mit weit geöffneten, herausstehenden Augen auf die leere Packung Shampoo, welche gleich neben ihm auf dem Badewannenrand stand.

Martin zuckte kurz mit den Schultern und fragte: »Soll ich das für dich erledigen? Es würde mir nichts ausmachen.«

»Was erledigen?«

»Das Kontaktinserat aufgeben. Duftbewusster Mann mit hoher Bereitschaft Utensilien wie Lippenstift, Puder und was auch immer zur Verschönerung der äußeren Erscheinung zu verwenden, sucht Mann, der dies zu schätzen weiß. Erteilst du mir dafür Druckfreigabe?«

»Mach dich ruhig lustig. Wie sieht es denn bei dir aus? Dein Liebesleben ist am besten mit einer deiner Zimmerpflanzen zu vergleichen. Auf den wenigen, noch vorhandenen Blättern liegt eine dicke Schicht Staub, die Erde ist ausgetrocknet und wenn ich dir heute auch neue Erde mitgebracht habe, ist nicht abzuschätzen, ob die Pflanze lieber den Freitod wählt, als noch länger in deiner Bude jämmerlich dahin zu vegetieren.«

»So schlimm ist es nun auch wieder nicht«, sagte Martin mit leiser Stimme und hielt einen kurzen Moment inne. »Ich gebe zu, es ist ein verdammter Stress dieses Haus zu unterhalten und Vollzeit zu arbeiten. Meine Eltern haben mir hier etwas wirklich Großes vermacht. Natürlich ärgere ich mich über die ganze Hausarbeit, die liegen bleibt. Wärst du nicht hier und würdest mir helfen, ich wüsste nicht …«

»Wenn du noch mehr auf die Tränendrüse drückst, bin ich der Erste, der heult. Gleich hier mit der Klobürste in der Hand, in deinem Badezimmer.«

»Ich weiß, ihr seid von Geburt an nahe am Wasser gebaut. Bei mir hat sich seit dem Unfall einiges verändert. Es sind Kleinigkeiten, die mich aus der Bahn werfen. Kleinigkeiten, die mich zum Nachdenken und sogar zum Weinen bringen. Die Zimmerpflanzen beispielsweise gehörten meiner Mutter und ich bin untröstlich zu sehen, dass ich es nicht mal fertigbringe, sie anständig zu pflegen.«

»Dann kannst du ja froh sein, dass wir – abgesehen davon, dass wir uns gerne schminken und schnell heulen – einen gesellschaftlich wertvollen Beruf erlernt haben. Ich, Karim, Besitzer einer wunderbaren Gärtnerei und Schützer aller Pflanzen, werde mich mit Leidenschaft und Hingabe um die Erbstücke deiner Mutter kümmern.« Er hob die Klobürste wie eine Fackel in die Luft wie die Freiheitsstatue.

»Und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Das hast du noch vergessen.«

»Machst du dich schon wieder lustig? Wie du siehst, halte ich noch immer die Klobürste in der Hand und ich werde nicht zögern, sie als Waffe einzusetzen.«

»Ich kenne weit und breit niemanden, der eine solche Theatralik besitzt wie du. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie du deine Blumen an den Mann oder an die Frau bringst. Bestimmt bekniest du deine Kundschaft mit einer Rose in der Hand und erzählst die herzerwärmende Geschichte der roten Rose.«

Martin packte den Badereiniger, drückte ihn fest an seine linke Brust und begann seinen Monolog: »Es war einmal ein Flugzeug, das gefüllt war mit Tausenden von roten Rosen. Natürlich waren es keine normalen Rosen, sie alle wurden biologisch angebaut und die Rosenbauer erhielten einen fairen Lohn für ihre Arbeit. Als das Flugzeug in einen apokalyptischen Sturm geriet, fielen auf einmal die Triebwerke aus und die Maschine stürzte in die See. Alle Rosen mussten in den teuflischen Fluten ertrinken, nur eine einzige rote Rose überlebte. Diese halte ich nun in meiner Hand. Möchten Sie diese gerne kaufen?«

»Aber Herr Arfa, ich glaube Ihnen diese Geschichte nicht«, ahmte Martin eine Kundin nach.

»Warum?«

»Sie haben ja noch so viele rote Rosen hier.«

»Wo?«

»Na dort drüben.«

»Ach, sie meinen diese?«

»Ja genau.«

»Ach Schätzchen, das sind doch keine roten Rosen, das sind Mohnblumen. Ich halte hier wirklich die letzte Rose in mei…« Martin spürte die kratzigen Borsten der Klobürste in seinem Gesicht. Karim machte seine Drohung war.

Damit hatte Martin nicht gerechnet und blieb einen Moment lang völlig perplex stehen, bevor er einen Schritt zurücktrat, um die Klobürste mit etwas mehr Abstand zu begutachten.

»Verdammt, Karim. Was hast du dir dabei gedacht? Weißt du wie viel Scheiße du mir jetzt um den Mund geschmiert hast?« »Tut mir leid, mein Freund. Ich kann dir nicht immer nur Honig ums Maul schmieren.« Nach einem kurzen, etwas böswillig anmutenden Lachen meinte Karim weiter: »Du musst das realistisch sehen. Du lebst alleine und die Chancen stehen somit gut, dass nur deine eigenen Exkremente an der Klobürste kleben.«

Während sich Martin das Gesicht mit Seife wusch, gab sich Karim versöhnlich: »Sei bitte nicht eingeschnappt. Aber du bist der einzige Mensch, der mich dazu bringt, alle mir angeeigneten Anstandsregeln über Bord zu werfen und mich wie ein kleines Kind zu benehmen.«

»Ist ja gut. Aber vergiss bitte beim nächsten Mal nicht, wie sehr Badreiniger in den Augen brennen kann«, warnte Martin vorsorglich.

Es war offensichtlich, dass sich Karim für den kleinen Ausrutscher schämte und nun den Fokus wieder auf das richten wollte, wofür er eigentlich heute hier war: »Bad ist ein gutes Stichwort. Wie weit sind wir hier eigentlich?«

»Ich habe die Spiegelschränke, das Spülbecken und das Fenster geputzt. Hast du dich noch um etwas anderes als meine Mundhygiene gekümmert?«

»Ja, ich habe die Badewanne, den Boden und soeben die Toilette gereinigt«

»Dann sind wir fertig. Das Bad war unser letztes Zimmer.«

»Wie lange haben wir eigentlich geschrubbt?«

»Müssen schon drei Stunden gewesen sein.«

»Nicht schlecht. Hat sich gelohnt, denn es riecht wieder richtig gut hier.«

»Das stimmt und als Dankeschön bist du zum Abendessen eingeladen. Hast du übermorgen Zeit? Ich dachte da an einen Brasato alla milanese.«

»Nichts lieber als das.« Der Glanz des blitzblanken Badezimmers übertrug sich auf Karims Augen. Sie blitzten auf bei der Vorstellung eines saftigen, zarten Rinderschmorbratens italienischer Art. Es war seine Leibspeise. Doch ein wenig mulmig war ihm dennoch. »Ich hoffe nur, du zahlst mir die Klobürstenattacke nicht mit einer Salzattacke heim.«

»Verdient hättest du es ja. Doch zuerst lassen wir den Sonntag angemessen ausklinken. Lust auf ein Bier?«

»Bier hört sich sehr gut an.«

Martin ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank, nahm zwei Dosen Bier heraus und ging ins Wohnzimmer.

Karim hatte es sich dort in der Zwischenzeit gemütlich gemacht. Er saß im schwarzen Ledersessel und sein Körper hatte sich tief darin eingegraben. Es machte den Eindruck, als würde mehr als nur eine Pferdestärke nötig sein, um ihn da wieder heraus zu bekommen. Er hatte seinen Kopf zur Seite geneigt und starrte ins Leere. Es war ein entspanntes Starren. Man könnte sagen, es war das schönste Starren, das es gibt. Ein Moment des Friedens. Kein Gedanke, kein Geräusch, kein Geruch, kein Gefühl. Nichts war positiv oder negativ. Es war lediglich ein stupides Starren ins Leere.

Seit Martins Eltern vor acht Monaten bei einem Autounfall ums Leben kamen, verbrachte Karim mehr Zeit bei seinem besten Freund, als in seiner Gärtnerei. Zeitweise wohnte er sogar hier und teilte mit Martin das frühere Ehebett der Eltern. Es ging Karim nie um etwas anderes als freundschaftlicher Beistand. Er war da, einfach nur da. Als Martin seine nächtlichen Fieberträume hatte und anfing zu schreien, lag Karim neben ihm und beruhigte ihn. Er kochte für ihn und zwang ihm jeden einzelnen Löffel auf, als er nur noch Haut und Knochen war. Er peitschte ihn unter die Dusche, als die fettigen Haarsträhnen schon Abdrücke auf dem Kopfkissen hinterließen. Er war da, einfach nur da.

»Cheers!«

Karim wurde unsanft aus seiner kurzweiligen Trance zurückgeholt und fand sich mit einer eiskalten Dose Bier in der Hand wieder. Schnell hatte er sich gefangen und ließ den ersten Schluck genüsslich die Kehle runter rinnen.

»Weißt du, was mich etwas stutzig macht, Karim?«

»Dass sich die Bierpreise erhöht haben?«

»Nein. Nicht nur meine Zimmerpflanzen sehen etwas mitgenommen aus, mein Salat hat auch schon bessere Tage erlebt. Jedenfalls hatte ich heute Morgen den Eindruck.«

»Martin … es ist Sommer, es ist heiß. Du solltest dein Beet hin und wieder gießen und dann wird das wieder.«

»Ja, das tue ich doch.«

»Ich werde mir den Salat nachher kurz anschauen. Aber zuerst kümmere ich mich um die Zimmerpflanzen. Ich topfe sie um und gebe ihnen eine nährstoffreiche Erde. Du wirst sehen, in ein paar Tagen sind sie wieder wie neu.«

»Gut. Ich bestelle uns schon mal Pizza. Salami, wie immer?« Wieder eine Frage, die keine Antwort erforderte. Unmengen von gemeinsam verbrachter Zeit, prägnanten wie prägenden Erlebnissen und grenzenlose, freundschaftliche Zuneigung waren über mehrere Jahre nötig, um diese beinah nonverbale Form der Kommunikation zustande kommen zu lassen. Diese tiefe Verbindung schenkte ihnen ein Gefühl der Behaglichkeit und war zugleich beängstigend. Jetzt, da Martin seine Eltern verloren hatte, gab es für ihn nur noch Karim. Er hatte keinen Bruder, keine Schwester und auch keine Verwandten, in deren Gegenwart er sich aufgehoben und verstanden fühlen konnte. Nur Karim kannte ihn so, wie er war. Vor ihm brauchte er keine Fassade aufrechtzuerhalten. Oft schossen Martin unbequeme, erdrückende Gedanken durch den Kopf. Was wäre, wenn Karim etwas zustoßen würde? Er würde dadurch seine Identität verlieren. Es würde der Verlust eines kostbaren Gutes bedeuten, nämlich die Art, wie Karim ihn als Mensch sah. Darin konnte Martin sich finden. Diesen Spiegel zu verlieren würde für Martin pure Einsamkeit bedeuten. Es gäbe niemand mehr, der ihn wirklich kannte und zu schätzen wüsste. Niemand, der ihn als Martin, mein bester Freund vorstellen würde. Er wäre nicht mehr existent für sich und seine Umwelt. Dies machte Martin ungeheuer zu schaffen, doch er versuchte die Verlustängste so gut es ging zu verdrängen. Ihm war bewusst, dass er sich von seinem Freund irgendwann lösen musste. Es würde die Zeit kommen, da andere Menschen Platz in Karims Leben haben würden, so wie auch er anderen Menschen wieder einen Platz geben wollte. Doch noch war er nicht so weit.

Martin bestellte Pizza Salami und Pizza Diavolo. Diavolo war die wohl schärfste Pizza hierzulande. Der Pizzaiolo wusste genau, wie der teuflische Fladen zu schmecken hatte, wenn Herr Ritter eine Bestellung aufgab. Martin liebte scharfes Essen, insbesondere scharfes, italienisches Essen. Leider war es ihm nicht vergönnt dieses pikante, im Mund und auf den Lippen brennende Essen oft zu sich zu nehmen. Er zahlte für den Genuss jedes Mal einen hohen Preis. Der medizinische Begriff, so sagte ihm sein Vater, sei Refluxösophagitis. Eine Refluxkrankheit, bei der das häufigste Symptom starkes Sodbrennen ist. Auch nach diesem Essen würde Martin das unangenehme Brennen in Magen und Speiseröhre, welches ungefähr eine Stunde nach Verzehr eintrat, mit Tabletten lindern müssen. Aber der Geschmack war zu gut, um ganz darauf zu verzichten.

»In etwa einer halben Stunde sollte das Abendessen eintreffen. Kann ich dir noch beim Umtopfen helfen?«, fragte Martin.

»Bin schon fast fertig. Ich habe dir das köstliche Fensterblatt in einen größeren Topf gesetzt. Ich hoffe, du bist mir nicht böse. Der Topf stand vor der Kellertür. Falls du ihn für andere Zwecke gebraucht hast, für die Schule oder so, dann tut es mir leid.«

»Wie bitte?«, rief Martin. »Was ist das für ein komisches Fensterblatt?«

»Monstera deliciosa«, antwortete Karim, »das ist der lateinische Name und wir sagen köstliches Fensterblatt. Das ist kein Scherz. Es heißt so.«

»Wer kommt auf solche Namen?« Martin schüttelte den Kopf und fragte sich selber: »Wie lange bin ich nun schon auf dieser Welt? Es müssten achtundzwanzig Jahre sein. Bis heute habe ich diesen Namen noch nie gehört und meine Mutter hatte tatsächlich so ein komisches Ding.«

Karims Mundwinkel zuckten hoch. Immer, wenn Martin etwas nicht geheuer war, sprach er über ein Ding und meistens war es ein komisches Ding.

Karim konnte nicht anders als darüber zu lachen und sagte:

»Ach Martin, du bist ja auch kein Gärtner, sondern Lehrer. Geht das jetzt in Ordnung mit dem Topf?«

»Klar, ich wusste nicht mal mehr, dass der dort steht.«

»Ach übrigens, dem Glanzkölbchen habe ich lediglich frische Erde gegeben und es an einen sonnigeren Ort gestellt.« Karim zeigte auf das süße Pflänzchen mit silberweißen Blattadern und gelben Blüten, welches nun auf einem Hocker gleich neben dem Fenster stand. »Das nächste Mal bringe ich dir noch Düngemittel. Es erstaunt mich, dass es überhaupt den Winter überlebt hat«, fügte Karim hinzu.

»Ich fasse es nicht. Sag bloß, das Ding heißt wirklich so!« Entsetzt sah Martin zuerst die Pflanze, dann Karim, dann wieder die Pflanze und noch mal Karim an.

»Ich suche mir die Namen jedenfalls nicht aus. Da gibt es Leute wie Carl von Linné, die dafür verantwortlich sind«, gab Karim zur Antwort.

»Hätte ich dir in diesem Fall aber glatt zugetraut«, sagte Martin, »könnte ja ein Szenewort sein: Hei Süßer, willst du mal mein Glanzkölbchen sehen

»Ich bin mir nicht sicher, ob Kölbchen da wirklich so passend ist«, gab Karim ein wenig genervt zur Antwort.

»Was hatte meine Mutter bloß für Pflanzen … Mir wird klar, warum ich mich so selten um deren Wohl gekümmert habe.«

»Deine Mutter hatte ganz normale Zimmerpflanzen, wie es sie in vielen Haushalten gibt. Die heißen nun mal einfach so. Aber ich glaube, es ist das Beste, wenn ich mich hinsetzte, mein Bier trinke und du mir ein Zeichen gibst, wenn du dich von all den lustigen Pflanzennamen erholt hast, ja?«

»Ist ja gut. Bin froh, dass es dem Kolben und dem Fensterbrett wieder gut geht.« Sicher war Martin froh. Sicher war er in seinem Innersten besorgt um diese Pflanzen gewesen. Doch in diesem Moment konnte er die Namensgeber von Pflanzen, also Naturwissenschaftler, Botaniker und Gärtner, nicht mehr für voll nehmen.

Karim war sich dessen bewusst und konzentrierte sich nur noch auf das Wesentliche: »Können wir Folie mit der alten Erde zusammen in den Garten tragen?«

»Ja sicher«, meinte Martin, packte die anderen zwei Enden der Folie und trug mit Karim die alte Erde nach draußen, um sie anschließend im Garten zu verstreuen.

»Also, Martin, was ist denn mit dem Salat?«, fragte Karim und hoffte wohl auf eine Antwort, die ihn nicht zwang auch das Salatbeet genauer betrachten und pflegen zu müssen.

»Ich finde, dass er etwas labberig aussieht. Aber wieso siehst du ihn dir nicht ein anderes Mal an? Du hast heute so hart gearbeitet.«

»Wenn du mir noch ein Bier bringst, dann würde es die Sache um einiges erleichtern.«

»Das musst du mir nicht zweimal sagen.«

Martin eilte zum Kühlschrank und Karim wendete sich dem Beet mit den Kopfsalaten zu. Er kniete sich davor, stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und verschaffte sich einen Überblick. Dann beugte er sich über ein Exemplar und nahm dessen Blätter ein wenig auseinander.

»Hmm …« Karim führte die linke Hand zum Gesicht und drückte den Daumen tief in seine Wange, während er den Zeigefinger längs auf die Lippen legte. Seine Augenbrauen zogen sich langsam zusammen.

»Runde zwei!« Martin stand bereits wieder neben seinem Freund und wollte ihm die frisch geöffnete, kühle Dose übergeben.

»Siehst du diese gelben Flecken?«

Martin bückte sich zu Karim hinunter und blickte auf die punktförmigen Verfärbungen, welche den Kopfsalat bedeckten. Die Flecken schienen zum Kopfsalat zu gehören, wie dunkle Punkte zum Fell eines Gepards. Es verblüffte ihn, denn er ging regelmäßig in den Garten, um den Salat bei dieser Hitze zu tränken. Doch solche Flecken hatte er bis heute nicht gesehen.

»Was ist das?«, fragte er.

»Weiß ich nicht genau«, antwortete Karim, »ich kenne diese Art Flecken eigentlich nur von falschem Mehltau.«

»Das ist ein Pilz.«

»Jetzt bin ich erstaunt. Du kennst das Glanzkölbchen nicht, aber falscher Mehltau ist dir ein Begriff. Es ist tatsächlich ein Pilz. Er entsteht, wenn es längere Zeit sehr feucht ist. Wenn die Temperaturen beispielsweise in der Nacht so stark sinken, dass sich Tau bildet. Aber das alles kann man ausschließen. Die Erde ist zwar feucht, viel Regen hatten wir zuletzt jedoch nicht.«

»Das stimmt«, bestätigte Martin kopfnickend.

»Mich irritiert lediglich der weiße Pilzbelag«, sagte Karim.

»Ja, der ist wirklich seltsam.«

»Wer?«

»Der Pilzbelag«, antwortete Martin.

»Warum?«, bohrte Karim nach.

»Du sagtest doch, dass er dich irritiert. Mich irritiert er auch. Er verschleiert die ganze Pracht meines wunderbaren Kopfsalates«, empörte sich Martin.

»Mich irritiert der Pilzbelag doch nur, weil er nicht vorhanden ist. Im Normalfall wäre er auf der Blattunterseite erkennbar.« »Ach so«, entgegnete Martin ein wenig beschämt, »da habe ich wohl einen anderen Belag gesehen.«

»Es ist das Beste, wenn ich mir das unter dem Mikroskop anschaue.« Karim riss den vor ihm liegenden Salatkopf aus der Erde. »Ich nehme ihn mit. Vielleicht finde ich etwas heraus.

Falls nicht, bringe ich ihn Marc. Ich habe ihn vor Kurzem in einer Disco kennengelernt. Er arbeitet beim Bund und ist Laborant. Er könnte schauen, ob es womöglich eine Viruskrankheit ist.«

»Eine Viruskrankheit? Du meinst, ich sollte schon mal das Schnupfenspray bereithalten, wenn der Salat zu niesen beginnt?«

»Wieso bist du eigentlich nicht Komiker geworden?«

»Marc also? Ich habe mir doch gleich gedacht, dass irgendwas im Busch ist.«

»Bevor du Vermutungen anstellst: Wir sind nur befreundet. Er war der Einzige, mit dem ich in dieser Bauerndisco eine halbwegs vernünftige Unterhaltung führen konnte.«

»Ich glaube, ich begleite dich das nächste Mal auf eine dieser kitschigen, schlagerlastigen Partys. Würde mich brennend interessieren, wie der Junge aussieht.«

»Ich würde mich freuen, wenn du dich wieder einmal opfern würdest.«

Als Karim klar geworden war, dass er lieber einen Jungen als ein Mädchen küssen wollte, war es Martin, der es als Erster erfuhr. Es war Martin, der ihm danach anbot, gemeinsam eine dieser kitschigen, schlagerlastigen Partys zu besuchen. Martin begleitete seinen Freund danach öfter als ihm lieb war – eindeutig zweideutige Blicke wehrte er durch fokussiertes Starren auf die ihm gegenüberliegende Wand ab. Es war ihm manchmal unangenehm, ein Unwilliger unter so vielen Willigen zu sein. Doch der nette Barkeeper, der ihm sein leeres Glas immer wieder mit frisch gezapftem Bier auffüllte, riss einiges raus. Obwohl dessen Großzügigkeit möglicherweise auch mit einer gewissen Absicht verbunden war. Martin tat es der Freundschaft willen und er war es auch, der Karim ermutigte seinen ersten Lover anzusprechen. Er ermöglichte seinem besten Freund damit die Entdeckung einer neuen, spannenden und erfüllenden Welt.

»Was hast du vorher mit Virus gemeint?«

»Es könnten theoretisch auch Viren für die Verfärbungen verantwortlich sein. Viren gibt es nicht nur bei Mensch und Tier, sondern auch bei Pflanzen.«

»Verstehe. Und um das herauszufinden, bräuchten wir einen Profi, der das analysieren könnte.«

»Genau.«

»Hältst du es denn wirklich für nötig, dass man das analysiert?«

»Ganz ehrlich?«, sagte Karim mit beängstigend ernster Miene.

»Ich finde schon. Schließlich hat nicht nur dieser eine Kopfsalat Flecken, sondern fast alle Salate.«

»Dann wäre ich froh, wenn dieser Marc das machen könnte.«

»Ich werde ihn heute noch anrufen und darum bitten. Ich meine, ich will dir keine Angst machen. Vielleicht ist es nur falscher Mehltau, vielleicht aber auch etwas Unangenehmeres.«

»Und was ist mit dem Salat? Darf ich noch davon essen?«

»Nein, lieber nicht.«

»Perfekt, dann haben wir beide etwas davon. Du siehst deinen Marc wieder und ich habe eine Ausrede, das Grünzeug durch Fleisch zu ersetzen«, brummte Martin leise, während Karim im Haus verschwand.

Karim kehrte mit Plastiktüte und Rucksack zurück, steckte den Kopfsalat in die Tüte und ließ sie in seinen Rucksack fallen. Kaum hatte er den Reißverschluss zugezogen, hörten die beiden das Geklingel an der Haustür. Als hätte jemand den Schalter umgelegt, rückte der Kopfsalat in den Hintergrund und das gerade gelieferte Abendessen hatte erste Priorität.

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