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Schwarzer Sold

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Einführende Anmerkungen
  9. 1. KAPITEL
    1. Gant
    2. Kailen
    3. Der Prinz und der Bund von Ahmstad
  10. 2. KAPITEL
    1. Gant
  11. 3. KAPITEL
    1. Galathia
    2. Kailens Zwanzig und der Razhani-Clan
  12. 4. KAPITEL
    1. Kailen
    2. Kailen und ›Der Winkel‹
  13. 5. KAPITEL
    1. Galathia
  14. 6. KAPITEL
    1. Gant
    2. Ostler
  15. 7. KAPITEL
    1. Sand
  16. 8. KAPITEL
    1. Gant
    2. Kailen und die ›Zacke‹
  17. 9. KAPITEL
    1. Sand
  18. 10. KAPITEL
    1. Galathia
  19. 11. KAPITEL
    1. Gant
  20. 12. KAPITEL
    1. Kigan
  21. 13. KAPITEL
    1. Gant
  22. 14. KAPITEL
    1. Kigan
  23. 15. KAPITEL
    1. Kigan
    2. Kailen
  24. 16. KAPITEL
    1. Gant
  25. 17. KAPITEL
    1. Kigan
  26. 18. KAPITEL
    1. Kailen
  27. 19. KAPITEL
    1. Gant
    2. Tharosfälle
    3. Kailen
    4. Gant
    5. Kailen
    6. Gant
    7. Kailen
    8. Gant
    9. Goran
  28. EPILOG
    1. Gant
  29. DANKSAGUNGEN

Über das Buch

Sie wurden verehrt. Sie wurden gefürchtet. Sie wurden zur Legende: Kailens Zwanzig, die beste und verschworenste Söldnertruppe, die es je gab. Vor Jahren bewahrten sie die alten Königreiche vor dem Untergang, doch dann zerfiel die Gemeinschaft. Heute, fünfzehn Jahre später, scheint jemand eine alte Rechnung zu begleichen. Einer nach dem anderen werden Kailens Männer ermordet, bei den Toten liegt stets ein schwarzer Stein — unter Söldnern das Zeichen für Verrat. Welches dunkle Geheimnis verbirgt sich in der glorreichen Vergangenheit der Truppe?

Über den Autor

Adrian Selby studierte Kreatives Schreiben, bevor er Karriere in der Computerspielbranche machte und für viele namhafte Firmen arbeitete. Er ist ein großer Fan von Tolkien und kann stundenlang in Online-Spielwelten eintauchen. Seine erste komplexe Romanwelt entwarf er in seinem Debüt Schwarzer Sold, eine inhaltliche Weiterentwicklung des Genres der Grim-and-Gritty-Fantasy. Selby lebt mit seiner Familie an der Südküste von England. Besuchen Sie den Autor auf www.adrianselby.com

ADRIAN SELBY

SCHWARZER SOLD

Roman

Aus dem Englischen von
Michael Neuhaus und Andreas Kasprzak

Für Rhian

An jenem Tage, da der Feste droben,
der Feste unten, sich kein Halt mehr bot,
da hielten diese hier, was sie gelobten,
empfingen Sold und standen sich zutod.

Daß Himmel sind, den Schultern ists zu danken;
sie standen, und es steht die Welt.
Da, wo Gott aufgab, kannten sie kein Wanken,
der Dinge Summe rettend für ein Geld.

ALFRED EDWARS HOUSMAN

Grabinschrift für ein Söldnerheer
(Übersetzung: Paul Celan)

Einführende Anmerkungen

von Chronist Goran

Ich habe meinen Vater nie gekannt. Bis an sein Ende nicht.

Es war mein Patron, der ihn heim zu unserer Sippe brachte, tödlich verwundet und bereit zum Sterben.

Alles Folgende ist für ihn, Gant. Sein letzter Wunsch war, dass Aufzeichnungen von dem künden mögen, was aus dem großartigsten Söldnertrupp wurde, der sich jemals verdingte. Kailens Zwanzig.

In all den Wintern seit ihrer Blütezeit ist es still um sie geworden. Beinahe zwei Jahre wandte ich für die Suche nach Menschen auf, die mit ihnen oder gegen sie kämpften – doch für mich ist ihr Untergang die fesselndere und tragischere Geschichte. Davon zu berichten war, was mein Patron mir auftrug, in Ehrerbietung für meinen Vater wie auch all die anderen, die, als er sie im Stich ließ, ihr Leben verloren. Ich habe all diese Dokumente in einer Weise zusammengefügt, von der ich hoffe, dass sie dem Schicksal der Zwanzig Klarheit verleiht. Zudem habe ich sie um Berichte aus jener Zeit ergänzt, da Kailens Trupp bei den Tharosfällen wahrscheinlich die Alten Königreiche rettete, als zwanzig Mann die Stellung hielten und niemand die Linie zu überschreiten vermochte.

Überdies wurden mir, um diese Geschichte zu erzählen, die Briefe der Königstochter zur Verfügung gestellt, die darauf wartet, auf ihren Thron zurückzukehren. Ebenso die jenes Mannes, dessen Loyalität zu ihr der Anfang vom Ende der Zwanzig war. Jenes Mannes, der bei Schlangenwald dem Verrat anheimfiel.

Auf dem Sterbebett stellte mein Vater uns eine einfache Frage, und aus den nachstehenden Schriften wird ersichtlich, dass es dabei nicht um ihn ging.

»Wer bekommt je, was er verdient?«

1. KAPITEL

Gant

Mein Name ist Gant, und es tut mir leid, dass ich nicht besser schreiben kann. Ich war Söldner und hab mich nie für solche Dinge interessiert, bis Kailen es uns beibrachte. Er und die Jungs sind der Grund, warum ich dies aufschreibe. Um zu berichten, was mit Kailens Zwanzig geschah.

Ich fange am besten mit dem Tag an, als ich und Shale auf einer Mission waren. Gegen Ende des Sommers, unten in der Konföderation der Roten Berge.

Es war der Tag, an dem ich zu sterben begann.

Wir hatten einen Kommandoeinsatz, um eine Versorgungskarawane zu überfallen. Es lief nicht gut für uns, und ich bekam einen Pfeil ab, dessen Gift mich früher oder später umbringen wird.

Wie die Jungs erwachte auch ich an jenem Morgen nass von Tau und Regen und bis auf die Haut durchweicht unter triefenden Bäumen. Doch mein Mund war staubtrocken, ganze Flüsse hätten das nicht ändern können. Das Zeug, das ich benutzte, um den Schmerz in den Knochen zu stillen, saugte stets meinen Speichel auf. Und das ist noch gelinde ausgedrückt.

Ich brachte kaum ein Pfeifen heraus, als ich versuchte, die Jungs aufzuwecken, die sich gegen den Wind aus den Ebenen hinter den Wäldern in ihre Ölkleidung gewickelt hatten; wie ein Nest von Nacktschnecken sahen sie aus. Ich bin alt. Also holte ich sie kurzerhand mit ein paar Fußtritten aus dem Schlaf, bevor ich meinen Bogen aus dem Sack nahm, in dem ich ihn verstaut hatte, um die Sehne vor dem Regen zu schützen. Die Waffe war eine Schönheit, der ich den Namen Juletta gegeben hatte. Ich besaß sie schon fast mein ganzes Leben.

Die Jungs kamen nur allmählich auf Trab, bliesen sich in die Hände und maulten rum, während die eisige Luft im ersten Morgengrauen ihr Werk verrichtete. Sie wirkten in diesem Licht so düster wie Geister, als sie sich gegenseitig halfen, ihre Lederrüstungen anzuschnallen und die Schwerter mit Gift zu bestreichen.

Ich tätschelte Köpfe, drückte Schultern und sprach mit dem einen oder anderen, während ich die Runde machte, damit sie wussten, dass ich da war und aufpasste. Ich beherrschte ihre Sprache gut genug, um sie aufzumuntern und ihnen Mut zuzusprechen, als wäre ich einer der ihren. Auch etwas, das ich von Kailen hatte. Ist nützlich, um eine Beziehung zur Truppe aufzubauen.

»Schmiert sie dick ein«, sagte ich, als sie die Fäustlinge überstreiften und ihre Klingen mit den giftgetränkten Lappen aus dem Topf einrieben, den Remy aufgemacht hatte.

Ich ließ meinen Blick über die Jungs schweifen, mit denen ich in den vergangenen Wochen Felle und Tabakspfeifen geteilt hatte. Ein guter Haufen.

Da war Remy, der von seiner Mischerei zu mir aufsah, das Gesicht schartig wie eine milchige Walnuss. Mit seiner lispelnden Stimme hatte er mir von Rasiermesserkämpfen und Schieberbanden erzählt, mit denen er es probiert hatte, bevor er sich für eine Begnadigung den Söldnern anschloss. Sein Gift war sein eigenes Spezialgemisch, weniger raffiniert als meine Mixtur und nicht so schnell. Dafür schmerzhafter.

Neben ihm hockte Yasthin. Er war immer noch dauernd damit beschäftigt, Krämpfe aus seinem Bein zu schütteln, das einen Monat zuvor Bekanntschaft mit einem Streitkolben gemacht hatte. Sparte sein Geld für seinen Bruder. Sagte mir, dass der es investierte. Die Jungs hingegen meinten, sein Bruder würde es verspielen, und lachten ihn aus.

Neben Yasthin stand Dolly und kaute auf ein paar Speckschwarten herum. Erzählte mir, wie ihr Vater ihre versoffene Mutter durch die Straßen gejagt hatte. Schon immer, solange sie denken konnte. Kinder waren wiederum hinter ihrem Vater hergerannt. Hatten Spottlieder gesungen, sich aber immer vor seinen Messern in Acht genommen. Dolly war den Söldnern beigetreten, um ihrem Vater zu helfen, den jüngeren Bruder durchzubringen.

Sie alle hatten Sorgen und Nöte, die sie zu meinesgleichen führten und zu fettem Lohn für die harten Jobs. Damit meine ich die Unternehmen, bei denen es heißt: Alles oder nichts.

Bald schon standen sie in der Schlange und warteten auf die »Ehre«, auf Kailens Glorie. Das war der beste Kampftrank, den Kigan je gemischt hat, und damit der beste Kampftrank, der je gemischt wurde in all den Jahren. Seit ich das Kommando übernommen hatte, schwärmten die Jungs von nichts so sehr wie von diesem Gebräu. Gab einem das Gefühl, Löcher in Berge boxen zu können, wenn man auf seinen Fittichen flog.

Yasthin machte den Anfang und bekam als Erster sein Quantum. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um es ihm einzuverleiben; viele der Jungs waren größer als ich. Dann ein Kuss. Die Lippen sind das wunde Ende deiner Ängste und deiner Liebe. Kein Stahl kann Lippen verhärten, und sie verraten mehr als die Augen, wenn man nur richtig hinsieht. Der Kuss sollte ihnen sagen, dass man nirgends sicher war vor dem Tod.

Der kleine Booey war der zehnte und letzte des Trupps, der seine Dosis erhielt. Anschließend nahm ich selbst einen Schluck, und Rirgwil zurrte meine Leder fest. Ich wartete, bis unsere Zähne klapperten wie schmuckbehängte Aristokraten, und ging den Plan dann noch mal mit ihnen durch.

»Hinter den Feldern im Norden, hält sich Trukhars Versorgungskarawane zwischen den Bäumen auf«, sagte ich. »Findet sie, tötet, wen ihr töten könnt, aber verbrennt vor allem die Wagen und Vorräte und knöpft euch dann die Handwerker vor. Wenn Shale zu uns stößt, nehmen wir sie in die Zange. Er führt seinen Trupp von Osten heran. Rote Bänder am linken Arm, nur damit ich’s noch mal gesagt hab. Es geht hart auf hart, und ihr weicht nicht, bevor die Arbeit getan ist. Sonst seid ihr so oder so tot.«

Ihnen wurde klar, dass es jetzt ernst wurde, man konnte es sehen. Zwei der Männer fingen von ihrer ersten vollen Trankdosis an zu zittern, trotz aller Vorbereitung in den letzten paar Tagen.

»Denkt daran, was ich euch beigebracht habe, Leute. Konzentriert euch. Dieser Trank hat Kriege gewonnen, und er wird euch euren Lohn bescheren, wenn ihr’s schafft, ihn an der Kandare zu halten. Und jetzt ab mit euch.«

Keine weiteren Worte mehr, nur noch Handzeichen in Richtung des Waldes: Jonah vornweg, Yasthin, Booey und Henny kommen mit mir. Remys Gruppe nach Nordosten zum Waldrand.

Das Blut toste geradezu durch unsere Adern und ließ uns erbeben, als es losging. Wir rannten durch das silbrige Gras, während der Trank Eisen und Feuer in unsere Knochen goss. Das Lied der Erde erfüllte meine Ohren.

Vor uns befand sich der Wall von Bäumen, und dahinter das Lager der Schwarzhände. Remys Jungs trennten sich von uns und wandten sich in die vorgesehene Richtung. Langsam, signalisierte ich ihnen.

Juletta lag warm in meiner Hand, der Pfeil zwischen meinen Fingern summte, als könne er es nicht erwarten zu fliegen. Dann, mit der Schärfe von Augen, die einem nur der Trank verleihen konnte, sah ich das rote Glühen einer Tabakspfeife ungefähr sechzig Meter vor uns bei den Bäumen.

Zwei Männer. Auf mein Zeichen.

Ich bewegte mich weiter voran für den Schuss, und trat in ein Nest voller Eier. Der Vogel, ein großer grauer Weger, kreischte mich an und erhob sich mit wildem Geflatter, sein Schrei hallte laut durch den Morgen. Einer der Jungs, angefeuert durch den Trank, brüllte los, und die beiden Männer sahen uns. Wir waren so gut wie tot. Die Pfeile der Jungs folgten meinem, die zwei Männer wurden getroffen; nur ein kurzes Aufquäken des Horns ertönte als Warnung. Doch das reichte aus.

Los!

Ich hatte uns alle auf dem Gewissen. Wir gingen trotzdem rein, das war der Handel. So berauscht wie der Trupp war, würden die Jungs sowieso nicht ohne Blutbad abziehen.

Als wir die Bäume erreichten, schwärmten wir aus.

Feind von links, bedeutete ich Jonah.

Drei Männer näherten sich durch die Bäume. Sie kippten ihr eigenes Kampfgebräu herunter, während sie zu sich kamen, die Augen noch gar nicht richtig geöffnet. Sie stellten ein leichtes Ziel dar, also machte ich wieder den Anfang. Das Schwirren von Pfeilen, ein dumpfes Knacken von Knochen. Alle drei außer Gefecht.

Meine vom Trank gespitzten Ohren fingen das Knarzen von Bogensehnen auf, die in einiger Entfernung gespannt wurden. Allerdings überall um uns herum. Und tatsächlich sirrten Pfeile von mehreren Seiten über uns hinweg, als wir uns zu Boden warfen.

Die Jungs erwiderten das Feuer. Sie bewegten sich, wie wir es trainiert hatten. Das Ziel war, die Angreifer weiter auseinanderzutreiben, sodass ein Teil von uns direkt zu der Karawane vorstoßen konnte. Es war das reinste Zielschießen für Trukhars Soldaten.

Ich sah Henny oder Jonah nie wieder, hörte nur Gelächter, Schreie und dann das Geräusch von Klingen bei der Arbeit, bevor auch das erstarb.

Ohne mich vom Fleck zu rühren, beobachtete ich die Bewegungen des Feindes. Ich lag in den Wurzelausläufern eines Baums. Unentdeckt – mit diesem Trank im Leib spürt man, wenn einen jemand anblickt. Dann entdeckte ich zwei Späher, die nach rechts abrückten, und Booey und Datschke folgten.

Ich schnappte mir einen Sporenbeutel, steckte ihn auf das Ende eines Pfeils, sprang auf und schickte ihn den beiden Kundschaftern vor die Füße.

Von meinem Gürtel nahm ich mir etwas Weißeichensaft, den ich für die Augen benutzte, damit ich in der Sporenwolke gefahrlos sehen konnte. Zum Atmen legte ich eine Maske an, die mit dem gleichen Zeug überzogen war.

Mir nichts, dir nichts hatten sie die Sporen intus, und hielten sich röchelnd die Kehlen. Ich gab ihnen den Rest.

Ich hatte gehofft, dass ich meine Jungs würde retten können, aber ich musste noch in ein paar Eingeweiden wühlen und die Sache mit Shales Gruppe zu Ende bringen.

Hörner erklangen, also war der Kampf jetzt in vollem Gange. Aus den Bäumen vor mir sah ich einige Gegner auf mich zukommen. Ich suchte Deckung hinter einem Stamm, obwohl ich wusste, dass man mich gesehen hatte. Sie wurden langsamer, und es knirschte der Hanf, als sie ihre Bögen anzogen. Es waren vier, den Atemgeräuschen nach zu schließen. Ich konnte hören, wie ihr Anführer flüsternd Anweisungen gab, mich von zwei Seiten anzugreifen.

Ich öffnete eine Tasche mit Reispapiertüten, jede gefüllt mit Ätzkalk und geölten Federn. Ich brauchte Rauch. Aus meiner Feldflasche goss ich Wasser auf ein paar der Tüten und schleuderte sie Richtung Gegner.

»Masken!«, ertönte es prompt. Als sich das Papier vollgesogen hatte, geriet der Kalk in Brand, und die Federn sorgten für mächtig viel Qualm.

Meine Augen waren noch gut eingeschmiert. Ich holte noch ein paar Pfeilsäckchen hervor, diesmal welche mit Agavenpulver, um Augen und Haut anzugreifen.

Zwei Schüsse auf Baumstämme verteilten das Pulver um die Position der Männer in der Luft. Als sie schreiend und blind herumstolperten, trat ich hinter meinem Baumstamm hervor und schritt auf sie zu. Die Glorie verlieh mir Sinne, die ausreichten, sie auch ohne Zuhilfenahme meiner Augen wahrzunehmen, die ich bei dem Rauch und dem Pulver in der Luft besser geschlossen hielt. Ihre Tränke waren sicher nicht mit der Glorie zu vergleichen. Sie bewegten sich, als staksten sie durch Honig. Leichte Beute.

Genau da traf mich der Pfeil, der mein Ende besiegelte. Ich war vielleicht fünfzig Meter weitergekommen, als ich das Knarzen des Bogens hörte. Bei dem Lärm vermochte ich das Geräusch nicht diesen einen Lidschlag eher einzuordnen, den es gebraucht hätte, um mich zu retten. Der Pfeil grub sich über der Hüfte in mein Gedärm. Irgendetwas in mir gab nach, und das Gift sickerte direkt ein. Schwarzes Senföl, den Dämpfen nach zu schließen, die in meiner Nase brannten, wahrscheinlich auch noch anderes Zeug.

Ich sank in die Knie und versuchte, den Pfeil zu packen, als ich zwei von ihnen herankommen sah. Derjenige, der mich zum Sterben verurteilt hatte, senkte seinen Bogen. Die Augen purpurn, die Haut wütend rot, lief er mit dem anderen zusammen auf mich zu, angetrieben vom Hass ihres eigenen Kampfgebräus und seinem Tosen.

Sie hielten mich für erledigt. Bis zu einem gewissen Grad hatten sie damit verdammt recht. Zwar trug ich behandelte Guaiarinde in meinem Gürtel für die Mixtur, die sie benutzten, aber es blieb keine Zeit, den Pfeil herauszureißen und die Rinde in die Wunde zu drücken.

Gemeinsam rückten sie an, einer vorn, der andere etwas seitlich dahinter. Der eine war ein schwerfälliger Klotz mit Kettenhemd und Breitschwert; eine Waffe, so groß, dass nur ein Anfänger sie in einem Wald ziehen würde. Der Ältere trug Leder und hatte ein langes Messer. Der zuerst. Meine Sicht schwand zunehmend, und die Welt wurde flach wie eine Zeichnung. Ich musste mir den Gescheiteren der beiden vom Hals schaffen, solange ich ihn noch sehen konnte, solange mich noch die Schärfe der Glorie antrieb.

Das Messer in der Hand, schnellte ich mit einer Sprungkraft nach vorn, auf die sie nicht gefasst waren. Der Ältere reagierte und wich aus. Allerdings hatte der Streich gar nicht darauf abgezielt, ihn zu treffen. Stattdessen schleuderte ich dem Mann mit meiner Klinge einen Schwall Kleister ins Gesicht. Dann wirbelte ich herum, riss die Waffe hoch und parierte den verzweifelten Hieb des Jungen, der dicht an mich herangekommen war. Die Wucht des Schlags zwang mich in die Knie zurück, und irgendwo in meinen Eingeweiden knackte es laut, als der Pfeil in mir zerbrach. Der Milchbart sah, wie sein Kamerad sich das rauchende Gesicht hielt und die Wangen blutig kratzte. Er erblickte den braunen Saft, der über meine Klinge lief, und nahm schnurstracks Reißaus. Offenbar hatte er immerhin genug Verstand, zu wissen, wann er geschlagen war. Um mein Tosen zu beruhigen, stieß ich dem alten Mann das Messer in den Hals. Das Blut roch so wundervoll wie frisches Brot.

Ich hob meine Juletta auf und ging weiter. Der Wald begann sich nun mit Schwarzhänden zu füllen. Ich hatte keine Zeit, mein Wamba auszuziehen und etwas gegen die Wirkung des Pfeils zu unternehmen. Und herauspulen konnte ich ihn erst recht nicht, jetzt wo er in mir abgebrochen war. Ich verfluchte mich selbst, denn wahrscheinlich war dies der Ort, an dem ich verrecken würde, wenn nicht bald etwas gegen die fortschreitende Vergiftung geschah. Ich wurde langsamer und nahm einen Schluck Glorie, um mich auf den Beinen zu halten. Das würde noch einen harten Tribut von mir fordern, doch den war ich gerne bereit zu zahlen, wenn ich nur eine Behandlung bekäme.

Schließlich erreichte ich die Karawane; Rauch stieg von den lodernden Wagen auf und hing in den Bäumen vor mir. Die Kornkarren brannten, also hatte Shale uns Söldnern wieder einmal eifrig die Taschen gefüllt.

Dann stieß ich auf Dolly, zusammengesackt über den Wurzeln eines Baums. Vier Pfeile ragten stolz aus ihrem Bauch. Sie sah mich, und ihre Augen weiteten sich, und sie lächelte.

»Gant, du lebst …«, sagte sie, und »Oh«, als sie den Pfeil in mir erblickte. Vielleicht war meine Wahrnehmung nicht ganz klar, aber sie sah zweifellos nicht gut aus, als ob sie dahinschwand, als würde sie vor meinen Augen zu einem Geist.

»Hast du ein Fläschchen, Gant? Noch was von der Glorie

Ihre Hände waren voll Erde, krallten sich hinein, als wäre dies ihr letzter Liebhaber.

»Nein, alles weg, Dolly«, sagte ich. »Bin ebenfalls im Arsch. Tut mir leid, dass es so endet.«

Sie blinzelte, Kummer trat in ihren Blick.

»Es kann nicht schon vorbei sein. Ich bin zwanzig Sommer alt, Gant. Das hier sollte doch der ganz große Reibach werden.«

Es folgte ein Moment, in dem ich nichts mehr zu sagen wusste.

»Sprich mit meinem Vater, Gant. Sag ihm …«

Ich hob den Bogen. Tat mein Bestes, einen Pfeil an meinen Gamaschen zu säubern. Sie sah mir dabei zu. Verstand.

»Sag ihm, dass ich ihn liebe, Gant, und dass ich die Glorie erhielt. Gib ihm mein Erspartes und meinem Bruder einen Kuss.«

»Das werde ich.«

Während ich den Bogen spannte, schaute sie über mich hinweg. Sie erblickte etwas, von dem ich wusste, dass ich es nicht sehen würde. Meilen entfernt fand sie Antworten auf die Fragen in ihren Augen, in die sich nun ein Ausdruck von Verzückung stahl. Ich ließ den Pfeil fliegen, fiel auf die Knie und kotzte.

Wo war Shale?

Mein Mund war zu trocken, um zu sprechen oder nach ihm zu rufen. Aber ich brauchte ihn. In der hellen Sonne brannten meine Augen wie Feuer, und ich bedeckte mit den Händen das Gesicht. Es waren nur Ausgeburten meiner Einbildung, aber meine Brust fühlte sich so schwer an, als würde jemand auf mir sitzen, auf den dann noch andere stiegen. Ich hob die Hände ein kleines Stück und sah durch sie hindurch; mir war, als wären dort nur Knochen, das Fleisch darüber so dünn wie Fischflossen. Mein Atem rasselte, und ich griff mir an die Kehle in dem Versuch, sie weiter zu öffnen.

»Gant!«

So viel Blut. Shale kniete neben mir, von oben bis unten besudelt davon. Seine Augen waren grau, ohne Farbe. Ein Feind war für ihn nicht mehr als warmes Fleisch, das zum Erkalten gebracht werden muss. Er lächelte nicht viel, außer wenn er betrunken war. Zumeist trank er nichts. Er schnüffelte an mir und meiner Wunde, um herauszufinden, was für ein Zeug in mir war, dann zwang er den Pfeil mit einem Messer heraus und füllte das Loch mit Guaiarinde. Dabei kniete er auf meinen Schultern, um mich still zu halten. Shale bellte etwas zu einigen Jungs hinüber, während er mir Rugarablätter und Saft und anderes Zeug in den Mund stopfte und mir die Nase zuhielt, womit er mich beinahe ertränkte. Scheiße! Mir brummte der Kopf, als wäre ein Bienenstock darin. Eine schäumende Flüssigkeit füllte meine Brust an, und ich bäumte mich nach Luft ringend auf. Ungerührt goss er mir etwas aus einem Fläschchen über die Hüfte, und mit einem brennenden Schmerz überfror die Haut an der Stelle. Schließlich zauberte er ein paar Hüpferbeinknochen hervor und hielt sie an das Loch. Ritsch, ratsch, ein Aufflammen von blauem Feuer, und die Welt stürzte um.

Ich musste würgen, doch es fühlte sich nicht mehr nach mir an. Es fühlte sich nach dem Mann an, der ich war, bevor ich starb.

Kailen

»Lass sehen.«

Achi schnippte den Kiesel quer über den Tisch. Er kullerte über das Holz, doch dieser Stein hier war mit Präzision angefertigt, eine steinerne Münze, schwarz und so dick wie ein Daumen. Es befand sich keinerlei Beschriftung darauf, eine haarfeine Quarz linie im Material selbst stellte die einzige Unvollkommenheit dar. Der Ozean hatte den Stein poliert. Meine Miene verfinsterte sich. Das war schon der dritte, den ich in den letzten paar Monaten zu Gesicht bekommen hatte.

»Der Prinz. Von Eurer alten Truppe. Sie haben ihm die Kehle aufgeschlitzt«, sagte Achi.

Achi leerte seinen Becher, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und gähnte. Der Stuhl knirschte bedenklich. Für einen so großen Mann, noch dazu in vollem Leder, war er einfach nicht gemacht. Eine Lederrüstung übrigens, die verdreckt war und nach Wochen des Nächtigens im Freien einen scharfen Geruch verströmte.

»Wie geht’s den Jungs?«, fragte ich.

Schon halb im Wegdösen fuhr er zusammen und riss die Augen auf. Ich sah seine Verärgerung und musste lächeln.

»Verzeiht, Herr, alle wohlauf. Danik und Stimmy kümmern sich um die Pferde, und Wil ist los, einen Stoffhändler suchen. Er will irgendwas für seine Frau kaufen, wo wir so lange weg waren.«

»Stimmys Junge ist auf dem Weg der Besserung, ich hab Nachricht vom Anwesen erhalten«, informierte ich ihn. »Lass es ihn wissen, wenn du ihn vor mir siehst.«

Achi nickte und gähnte erneut.

Ich wandte den Blick wieder der schwarzen Münze in meinen Fingern zu. Solche Münzen gab man Söldnern mit, die ihren Auftrag oder ihre Truppe verraten hatten. Aber wen sollte der Prinz verraten haben?

Wir nannten ihn den »Prinzen«, weil es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der er als Dritter in einer Thronfolge gestanden hatte; am unbeliebtesten, doch mit Abstand der Klügste. Aber sein Heimatland erkor sich die Herrscher ebenso wider jede Vernunft wie alle anderen Reiche: Welcher Amtsanwärter ist der beste Kriegsherr? An dem Tag, als ihrer beider Vater starb, gewann seine Schwester ihre einzige Schlacht, und so wurde sie Königin. Doch war es nicht sein Schwert, das den Prinzen so wertvoll für die Zwanzig machte.

Der Prinz regelte die politischen Belange, für die seine Schwester nicht verständig genug war. Krieg erlaubt nur zwei Perspektiven, deine und ihre. Das war ein Tellerrand, über den seine Schwester nicht hinwegzublicken vermochte. Nationen aber müssen mit mehr Interessengruppen jonglieren können, als es Facetten an einem geschliffenen Diamanten gibt. Und ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich die Politik seines Reiches geschickter zunutze zu machen verstand als der Prinz.

Ich pflückte mir eine weiße Traube aus der Schale, wie ein blinder Augapfel so milchig und saftig. Achi pellte mit gesenktem Kopf Eier. Die Schankmaid kam herein und räumte meinen Teller ab. Bevor sie wieder im Lärm der Schänke unter uns verschwand, schenkte sie mir ein flüchtiges Lächeln.

Ich musste an die zwei anderen schwarzen Münzen denken, die ich vor nicht allzu langer Zeit gesehen hatte, beide genauso perfekt wie diese. Der Prinz hatte sie mir vor ein paar Monaten in seiner Kabine an Bord einer der Galeeren des Quartetts gezeigt. Das Quartett war eine einflussreiche Kaufmannsgilde, deren Wirkungskreis sich über den größten Teil der Alten Königreiche erstreckte. Dementsprechend sah auch die Kabine aus. Solchen Prunk hatte ich auf einem Schiff noch nicht gesehen: Satinkissen, exquisit geschnitzte Kisten und Spinde; einige Arbeiten von Meistern, deren Dienste ich auf Empfehlung meiner Gemahlin Araliah glücklicherweise schon selbst in Anspruch habe nehmen dürfen.

Ich hatte mich auf die Reise begeben, um mich mit dem Prinzen zu treffen, nachdem dieser mir eine Eskorte geschickt hatte mit der Bitte, in ihrer Begleitung zu ihm zurückzukehren.

»Diese Münzen wurden bei Harlain und Milu gefunden«, klärte er mich auf. »Ich werde versuchen, mehr darüber herauszufinden.«

»Wie sind sie gestorben?«, fragte ich ihn.

»Harlain ging zurück in seine Heimat, nach Tetswana. Er wurde ihr Anführer, nichts Geringeres als der Kaan von Tetswana also. Es geschah während der Versammlung vor der Regenzeit. Die Oberhäupter von neun Stämmen, samt Entourage. Es gab siebzig Tote oder mehr, aber nur in seiner Hand fand man die schwarze Münze.«

Harlain war in Schlangenwald nicht zu uns gestoßen, beim letzten Mal, als die Mitglieder der Zwanzig zusammengekommen waren. Er hatte uns verlassen, bevor das Ende kam. Die Farbe hatte ihn mutlos werden lassen. Sie hat von uns allen ihren Tribut gefordert, die wir Kampftränke nutzen, was sich nach kurzer Zeit, wie jeder weiß, in Form unterschiedlichster Hautverfärbungen zeigt. Die Farbe fordert immer ihren Tribut, doch Harlain nahm sie den Mut. Erst als ich ihn dieses letzte Mal umarmt und ihm in den Sattel geholfen hatte, war mir bewusst geworden, dass ich ihn seit einigen Monaten nicht mehr hatte singen hören. Ich war froh, zu erfahren, dass er bis nach Haus gekommen war.

»Milu?«, fragte ich.

»Er ist Pferdesinger geworden, draußen in Alagar. Man hat ihn neben einer Sängerkoppel gefunden, in seiner Hand die Münze. Jemand ist bei ihm gewesen. Es gab Fußspuren im Sand um seine Leiche herum.«

»Gift?«, fragte ich.

»So gut wie sicher. Aber nicht eindeutig zu sagen.«

Milu war in Schlangenwald bei uns, doch nur für einen kleinen Abschiedstrunk und um ein paar Vorräte einzukaufen, bevor er mit Kheld davonzog. Die beiden hatten ebenso den Mut verloren wie Harlain; kein Wort mehr über fetten Sold oder darüber, wo in der Welt gerade Krieg herrschte. Anders als Sho oder Shale es taten, debattierten die beiden nicht darüber, wie man meinen Namen am besten für sich arbeiten lassen könnte, um den Lohn für einen Auftrag in die Höhe zu treiben.

Ich bin es niemals müde geworden, Milu bei der Arbeit zuzusehen. Zuzuschauen, wie seine grotesk mächtige Brust anschwillt und die sackartigen Wangen sich mit den Liedern füllen, mit denen er die wilden Pferde zähmt. Oder wie er sie trainiert, damit sie im Kampf standhaft blieben. Es schien, als wäre er, wie Harlain, imstande gewesen, das Söldnerleben hinter sich zu lassen, bevor die Farbe ihm alles nahm.

»Zwischen ihren Toden besteht ein Zusammenhang, Kailen. Dabei muss es um die Zwanzig gehen.«

»Du hast von niemandem sonst gehört?«

»Nur dass Dithnir gestorben ist. Er ging zurück nach Tarantrea. Einer von ihren Boten kennt mich gut, denn ich repräsentiere das Quartett, mit dem er zu verhandeln pflegt. Er hat die Neuigkeiten mit mir geteilt. Ich hab ihn wegen einer Münze gefragt, aber da war keine. Abgesehen davon halte ich, wann immer ich in Handar bin, mit Kheld Verbindung. Aber was den Rest betrifft? Nicht ein Wort.«

Ich atmete den Morgenwind tief ein, als er über das Deck blies und die Ränder des Sonnendachs knattern ließ, unter dem wir saßen. Dithnir war Bogenschütze gewesen, Stixie nahezu ebenbürtig. Schüchtern und unverbesserlich romantisch bei den Huren, dafür kalt und unerbittlich im Feld.

»Ich erinnere mich an Schlangenwald«, sagte der Prinz.

Unsere Blicke trafen sich kurz. »Nein. Das ist vom Tisch.« Ich sagte es schärfer, als ich es beabsichtigt hatte. Warum nur fühlte ich mich wie ein Schraubgewinde aus Zweifeln?

Er langte über den Tisch, ergriff die Karaffe und füllte unsere Gläser mit dem Wein, den ich ihm mitgebracht hatte, wieder auf.

»Dein Gut scheint sich zu machen«, sagte er und hob uns zum Wohle sein Glas.

»Ja, diese Reben wurden vor zwei Wintern gesetzt. Und sie werden noch besser. Ich wünschte mir nur, wir hätten Juas kühlere Sommer. Oder vielleicht ein Gut näher bei den Bergen. Wie geht’s dem Quartett? Wie ich hörte, hast du ein Abkommen mit den Shalec getroffen, um ihre Gewässer durchqueren zu dürfen. Nicht einmal die Wacht hat das hinbekommen. Hast du mal daran gedacht, ihnen deine Talente auszuleihen?«

»Warum sollte ich mich bei denen durch die Ränge bis zum Hochvogt oder Elite-Agenten hinaufrackern, wenn ich Kompagnon des Quartetts sein kann? Die Wacht könnte vom Quartett, was Verhandlungen mit den Shalec angeht, noch was lernen. Das gilt sogar für den Roten selbst. Aber ich bin froh, dass dem noch nicht so ist, denn ich fülle mir herrlich die Taschen. Trotzdem ist es bemerkenswert, da die Wacht doch andernorts so viel Handel betreibt. Sie könnten uns bei fast bei jeder Gelegenheit unter bieten; mit den Zweigstellen können wir nicht mithalten. Aber wir sind in der Lage, mit niedrigeren Gewinnspannen zu arbeiten und den Shalec Sonderkonditionen für den Muskat einzuräumen. Nur ein Almosen, versteht sich. Aber jeder Investor nördlich des Golfs glaubt, die Wacht könne selbst den Wind kontrollieren.«

»Solange die Wacht über weniger Sommer Gewinnanteile vorschießen kann als irgendwer sonst, strömen die Neureichen in Scharen herbei«, sagte ich. »Aber genug vom Handel. Mein Glückwunsch, Prinz. Ich freue mich, zu sehen, dass es so prächtig für dich läuft. Teilhaber zu sein steht dir gut. Schickst du mir eine Nachricht, wenn du Kheld findest? Es wäre schön, zu wissen, dass er noch lebt.«

Er nickte.

Der Prinz war in Ahmstad das Zünglein an der Waage gewesen. Er hatte vor der Nase des Königs von Vilmor drei prominente Familien auf seine Seite gebracht, die Grenzen erweitert und sie im selben Zuge auch gleich befestigt. Und der närrische König wird immer noch von der Schlinge stranguliert, die der Prinz für ihn geknüpft hat. Allein, der Tod des Prinzen bewies, dass wir alle uns in Gefahr befanden. Ich war es, der all unsere Aufträge annahm. Es konnte also nur darum gehen, an mich heranzukommen.

Achi war eingeschlafen.

Ich flößte ihm etwas von dem grässlichen Branntwein ein. Immerhin das beste Zeug, welches das Rätsel – so der Name der Schänke, in der wir uns befanden – zu bieten hatte.

Shale und Gant waren nur einen Wochenritt weiter südlich im Einsatz. Wenn sie auch nur halbwegs die Soldaten von einst waren, würde ich sie brauchen. Achis Trupp würde mit Freuden nach Harudan zurückkehren. Ich brauchte gute Männer für Araliah, meine Gemahlin. Aber da war noch etwas, das ich Achi persönlich fragen musste: Es ging um jemanden, von dem ich wissen musste, ob er tot war.

Der Prinz und der Bund von Ahmstad

Bericht eines Elite-Agenten der Wacht, Kailen und den Prinzen betreffend. (Elite-Agenten sind die Spitzenleute der Wacht, aus deren Reihen oftmals der Rote selbst aufsteigt, der Erste Mann der Wacht)

Dieser Elite-Agent war als Leibwächter des »Ladus« (Oberhaupt) von Ahmstad getarnt und bei den Verhandlungen anwesend, die Kailen und dem Prinzen – neun Jahre vor Schlangenwald – einen unblutigen Sieg Ahmstads über Vilmor gesichert hatten.

Goran

Bestimmungsort: Candar-Stadt, Q4 649 OE

Über Westroute östliche Sar

VERTRAULICH – NUR ZU HÄNDEN DES ROTEN

PERSÖNLICH

Bericht von: Elite-Agent 71

Ihr wisst um den vilmorischen Expansionismus unter König Turis. Die Vilmorer haben an zwei Fronten, den Provinzen Luzhan und Ahmstad, ein Heer für Angriffe zusammengezogen.

Ein Clanführer aus Ahmstad brachte zu deren dortigem Kriegsrat einen unter dem Namen Kailen bekannten Söldner mit. Zu behaupten, der Ladus sei darüber nicht erfreut gewesen, wäre milde ausgedrückt. Doch der Clanführer, Hasike, bat den Ladus, diesen Mann zu Ende anzuhören.

Es folgt ein Protokoll der Zusammenkunft, so gut ich sie wiederzugeben vermag. Es ist offensichtlich, dass Kailen ebenso wie sein Kamerad, den er nur den »Prinzen« nannte, eine außerordentliche Kenntnis beider Seiten des potenziellen Konflikts aufweisen. Er ist ein höchst ungewöhnlicher Söldner und ein fesselnder Redner, auch wenn dies in meiner Wiedergabe des Treffens freilich nicht vollumfänglich zum Ausdruck kommen kann.

»Darf ich den Ladus nach der Größe des ihm zu Gebote stehenden Heeres fragen?«, sagte Kailen.

»Die hier vertretenen Clans haben mir achtzehntausend Männer und Frauen überstellt. Spreche ich die Wahrheit?« Erhobene Stimmen, Beifall und das Aneinanderknallen einiger Becher.

»Und wie«, so Kailen weiter, »würde der Ladus sagen, sähen die Verluste bei solch einem Heer aus, bekäme Vilmor eine Streitmacht von schätzungsweise fünfundzwanzigtausend zusammen?«

»Woher habt Ihr derlei Zahlen, Soldat?«

Jetzt ergriff der Prinz das Wort. »Wir haben in Vilmors Diensten gestanden, wie Ihr ohne Zweifel bereits wisst. Sie verfügen über ein stehendes Heer plus sechsundsiebzig Lehen, die je nach Größe jeweils zwanzig bis zweihundert Männer und Frauen bereitstellen.«

Wieder Kailen: »Und bei diesen Zahlen wären die Verluste in einer offenen Schlacht … wie hoch?«

»Auf deren Seite jedenfalls weit höher.« Weitere Becher stießen zusammen.

»Ladus«, warf Hasike ein wenig frustriert ein, »aber wer bitteschön trägt die Hauptlast bei ihren Überfällen? Mein Clan! Unser Gebiet grenzt bekanntlich direkt an Vilmor.«

»So wie unseres an die Wilden Lande«, meinte ein anderer, »aber heulen wir deswegen dem Ladus die Ohren voll?«

»Die Wilden Lande bringen nicht zwanzigtausend Mann vor einer befestigten Versorgungslinie in Stellung«, sagte Kailen. »Lasst eure Becher erklingen und spuckt große Töne, wenn es euch gefällt. Aber ihr beugt euch hier über eine Karte, die eindeutig zeigt, wo und wie Vilmor vorwärtsdrängen wird, nämlich durch Hasikes Land und dann tief hinein ins Herz von Ahmstadt.«

Der Ladus hob die Arme, um die Zwischenrufer zum Schweigen zu bringen. »Mein Rat lauscht atemlos den Weisheiten eines harudanischen Söldners, und das in unserer ureigensten Sache. Du hast mich enttäuscht, Hasike, indem du Männer zu dieser Versammlung bringst, die gegen Lohn Soldaten zerhacken, wenngleich es zur Stunde viel wichtiger wäre, Turis’ Generäle zu überlisten.«

»Ihr solltet Hasike für seine Weitsicht dankbar sein, Ladus. Ich will Euch auch gern darlegen, warum.« Bemerkenswerterweise klang der Söldner wütend. In diesem Moment sah ich ihn schon durchbohrt. Schließlich genießt der Ladus nichts so sehr, wie aller Welt, von Bediensteten bis hin zu Mitgliedern der eigenen Familie, beim geringsten Anlass die Bäuche aufzuschlitzen.

»Ihr habt ja noch nicht einmal damit begonnen, Soldaten aus euren Wehrdörfern zu rekrutieren. Noch sichern die Schultheißen und Quartiermeister Eure Vorräte – das Holz, Vieh und Getreide. Die Männer an diesem Tisch erwarten ihre Abgaben, und das letzte Mal, als ich gegen Ahmstad antrat, hegte ich für die Mehrzahl der schwachen und schlecht ausgerüsteten Streiter nicht so fürchterlich viel Hoffnung. Hasikes Ländereien werden geplündert und niedergebrannt werden. Ihr verliert ungefähr den fünften Teil eures Zehnten an Büffeln und ein Siebtel eurer gesamten Guira- und Ska-Ernte.« Er hatte nun die ungeteilte Aufmerksamkeit aller im Raum. Die Knöchel der um den Griff der Axt des Ladus gelegten Faust traten unter dessen Anspannung weiß hervor.

Kailen wischte die positionierten Klötzchen von der Karte und setzte sie neu. Er bildete die Anmarschwege des vilmorischen Heers ebenso wie die möglichen Stellungen der Ahmstad-Streitkräfte ab – und jede Möglichkeit, die er aufzeigte, ging mit schweren Verlusten einher, selbst im Falle eines Sieges.

Nachdem jede zu erwartende Entwicklung und Kriegslist bedacht und die jeweiligen Folgen gründlich vor Augen geführt worden waren, herrschte einen Moment lang Stille im Raum.

»Ich habe eine Frage«, sagte schließlich der Ladus. »Wenn wir mit so hoher Wahrscheinlichkeit unterliegen, wieso habt Ihr Hasike dann Eure Dienste angetragen? Habt Ihr und Euer Freund aus irgendeinem dubiosen königlichen Geschlecht etwa die Absicht, Turis mit euren bloßen Händen niederzuringen?«

»Nein. Für hundertfünfzig Goldstücke wird mein Freund aus irgendeinem dubiösen königlichen Geschlecht Euch erklären, warum ihr nicht ein Schwert erheben müsst, um Vilmors Streitkräfte zu besiegen und Land für Euch zu gewinnen. Außerdem werdet Ihr neue Verbündete finden und Turis erheblich schwächen.«

Der Ladus brach in lautes Gelächter aus. »Wenn ich einen Narren wollte, hätte ich meine erste Gemahlin am Leben gelassen. Ich nehme an, Ihr wünscht, bezahlt zu werden, bevor Ihr Euren grandiosen Plan mit uns teilt?«

»Hör ihn an, um meines Volkes willen«, bat Hasike.

Der Ladus ist von Hause aus ein hünenhafter und einschüchternder Mann. Er war gut einen Fuß größer als jeder andere im Raum. Ich habe selbst erlebt, wie er Hasike ein ums andere Mal mehr Vieh für seine nördlichen Ahmstad-Clans abgepresst hat. Hasike war verzweifelt. Der Ladus holte tief Luft.

»Fünfzig Goldstücke. Wenn mir gefällt, was ich höre, sollt Ihr hundert weitere bekommen, wenn nicht, werdet Ihr sie schlucken, und ich schneid sie Euch aus dem Bauch.« Er wandte den Kopf geringfügig in die Richtung, wo ich mit seinem Schatzmeister stand, und befahl ihm mit einem Nicken, die Münzen abzuzählen. Kailen nahm den dargebotenen Beutel so ruhig entgegen, wie ein Wirt die Bezahlung für eine Mahlzeit einstreicht. Seine Souveränität sprach dafür, dass solche Summen nichts Besonderes für ihn waren.

Kailens Mann, der Prinz, übernahm das Reden. Wie ich wenig später erfuhr, wurde er so genannt, weil er einst Thronerbe von Alt-Cairad war. Er war Aristokrat, ein gebildeter und überzeugender Sprecher. Der Prinz machte ebenfalls von Ladus’ Karte und den Klötzen Gebrauch, als er seine Argumente darlegte.

»Wie ich bereits ausführte, setzt sich Vilmor aus sechsundsiebzig Lehen zusammen, von denen elf an Eure Länder grenzen. Von diesen elf spielen drei im Weiteren eine Rolle, denn diese drei teilen eine gemeinsame Abstammung mit Hasikes Clan. Ihr werdet sicher bemerkt haben, wie friedlich die Grenze im Vergleich mit der zu den Wilden Landen oder zu Razhani ist. Einzig an der Seite zu Lagrad ist es noch ruhiger, und dies nur aufgrund eines langjährigen Vertrags.

Besagte drei Lehen, die zwei Clans umfassen, dinieren, so kann man wohl sagen, nicht zusammen mit Turis und den größeren Lehen am oberen Ende des Tischs. Tatsächlich hielten seine Majestät es für angebracht, eine Neufestsetzung der Lehensgrenzen vorzunehmen. Die fiel zugunsten eines Cousins aus, dessen Land hinter denen der beiden Clans liegt. Sein Fehler, so wie ich es sehe, bestand darin, dass er dem Cousin als seinem Bevollmächtigten die Aufsicht und Kontrolle über die Steuern überließ, damit der sich um die Errichtung der Festungen in diesen drei Ländereien kümmern sollte. Das sind genau die Festungen, die sich jetzt gegen Eure Grenzen richten.

Wie mir viele hier im Raum sicher bestätigen werden, wären auch sie wohl wenig erbaut davon, wenn der Ladus Hasike oder irgendjemand anderen dazu bestimmen würde, die eigenen Männer zu benutzen, um ohne Rücksicht auf eure Felder und Ernteerträge in seinem Namen Festungen zu errichten.« Zustimmendes Gegrunze von hier und von dort.

»Zwei Burgen wurden dort drüben erbaut, was einen immensen Aufwand für diese Lehen darstellte. Zumal die Kosten für sieben hölzerne Forts und die Konstruktion von Brücken dazukamen, die einige der Sumpfgebiete an Eurer Grenze erschließen. Dies alles verschafft in seiner Gesamtheit Vilmor den Vorteil, über den wir hier reden.

Ich würde vorschlagen, dass die hundert Goldstücke nicht jetzt ausgezahlt, da ich unseren Plan zusammenfasse, sondern erst nach seiner Ausführung. Wäret Ihr, Ladus, zu diesem Handel bereit?«

Ihr werdet jetzt verstehen, wie interessant diese beiden Söldner waren. Der Ladus ist ein großer Krieger, aber ein eitler und lächerlicher Mann. Das erfassten sie, genau wie sie Hasikes Lage sowie die Bedeutung der Informationen, die sie über die Grenze gesammelt hatten, erfasst haben mussten, bevor sie an Hasike und den Ladus herangetreten waren. Mir kam in dem Moment der Gedanke, dass hundertfünfzig Goldstücke vielleicht nicht ganz so absurd waren, wie es anfänglich schien. Auch änderte sich bei diesem Kurswechsel in den Vereinbarungen Kailens Haltung nicht für einen Augenblick. Ich hatte das Gefühl, als wenn das alles vorher geprobt worden war.

Der Ladus ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, und ich bemerkte Kailens Befriedigung. Er zog, ebenso wie ich, aus diesem Verhalten den Schluss, dass das Oberhaupt von Ahmstad das Ruder hier nicht mehr in der Hand hatte. Stattdessen suchte er in den Gesichtern seiner Clanführer nach deren Meinung zu diesem Angebot. Obwohl er gewusst haben muss, dass es verrückt gewesen wäre, es abzulehnen.

»Erläutert Euren Plan«, sagte er.

Der Prinz fuhr fort. »Überlasst den beiden vilmorischen Clans Lehen, gewährt ihnen freien Grundbesitz zu einem Viertel des Preises von Hasikes eigenem Land und vier seiner Herden. Macht außerdem jedem Clan ein Geschenk von fünfhundert Goldstücken, zusammen mit je zweihundert Krügen Ackerkrautsamen sowie den Rezepturen dafür. Verpflichtet Euch ferner, dort ein Wehrdorf zu finanzieren, und gebt den neuen Verbündeten Sitze im Rat. Im Gegenzug …»

Ausrufe wie »Schmach« und »Schande« wie auch drastischere Worte wurden laut, doch der Prinz sprach ungerührt weiter.

»Im Gegenzug habt Ihr Eure Grenzen erweitert, drei Clans vereinigt, über die Hasike rasch die Kontrolle erlangen wird, zwei Burgen und mehrere Forts gewonnen und Turis an dieser Front empfindlich geschwächt.«

Obwohl der Tumult noch einen Augenblick anhielt, forderte der Ladus mit erhobenen Händen Ruhe.

»Hasike?«, sagte er schließlich.

»Ich denke, mithilfe ein paar zweckdienlicher Vermählungen, dem Wehrdorf auf dem, was von meinem Territorium noch übrig bleibt, und unserer gemeinsamen Abstammung sollte es funktionieren. Die betreffenden Clans werden die Führung durch mich und meine Söhne nach mir anerkennen und, ganz wie der Prinz gesagt hat, bereitwillig in unseren Vorschlag einwilligen. Mit Kailens Hilfe kann ich genug von meinen eigenen Männern abstellen, um die Burgen zu besetzen, während wir die Ländereien sichern.«

Der Ladus nickte. Es war eindeutig, dass Hasike in seinem Ansehen um einiges gestiegen war. Er nahm sich einen Moment und ließ seinen Blick gedankenverloren über die Karte streichen.

»Kehr mit dem Abkommen zurück, und ich werde die Zahlungen leisten, sowohl die für die Clans wie die für diese zwei Söldner.«

Das Terrain war ordnungsgemäß gewonnen, Kailen und der Prinz hatten recht behalten.

Ich erfuhr von einigen der Soldaten, die ich diesbezüglich befragte, dass Kailen nur einen Haufen von zwanzig Kombattanten befehligt. Gleichwohl machten die sich einen Namen, wo immer sie sich verpflichteten. Es heißt, dass noch kein General, der sich ihrer Dienste versicherte, eine Schlacht verloren habe.

Ich schlage daher eine Kontaktaufnahme vor. Von diesem außergewöhnlichen Mann können wir noch viel lernen.

2. KAPITEL

Gant

Sonnenschein.

Ich lag auf einer Strohmatte in einem Zelt, in dem Männer entweder schliefen oder schrien oder brabbelten, abhängig von dem, was auch immer der Drudha ihnen eingetrichtert hatte. Mir brannte der Arsch, und ich musste scheißen. Meine Knochen ächzten von dem Trank, während ich in Form der üblichen Krämpfe und Kopfschmerzen und Wundstellen den Preis für die Einheiten bezahlte, die ich davon genommen hatte. Nach all den Jahren auf Gebräu fiel der Absturz mit jedem Mal länger und heftiger aus.

Ich hatte keine Ahnung, wie Shale uns zurückgebracht hatte. Ich brauchte was zu essen und meine Präparate. Auf allen vieren schaffte ich es gerade so auf einen Eimer und drückte mir unter einer Wolke von Fliegen ein paar Spritzer heraus, als er hereinkam. Er trug Hemd und Hosen, die so sehr stanken, dass es wahrscheinlich die gleichen waren, die er bei dem Überfall getragen hatte. Er hielt seinen Schädel stets kahlgeschoren, damit das durchkommende Grau nicht allzu offensichtlich war, doch seine Haut war so verwittert und dunkel gefärbt vom Tosen der Farbe, dass es wenig nutzte. Wenn du Kampftränke schluckst, verändern sie dein Blut und die Beschaffenheit deiner Haut. Die Verfärbungen sehen ganz unterschiedlich aus, abhängig davon, was, wie viel und wie lange du davon nimmst, von wem du das Zeug hast oder von welcher Qualität es ist. Man erkennt einen Soldaten an seiner Farbe.

»Du Vollidiot. Schwarzhandsoße, und du packst kein Guaia drauf?«, schimpfte er, half mir vom Eimer und versetzte mir einen Hieb mit dem Stock.

»Wozu? Ich war doch so oder so erledigt«, erwiderte ich. »Ich hab meine Jungs getötet und unseren Angriff vermasselt. Bin in so’n verfluchtes Vogelnest getreten.«

Er legte mir seine Hand auf die Schulter, setzte mich auf meine Matte und hockte sich dann neben mir auf die Knie. Eine Weile schaute er mich nur an, als würde er in meinem Gesicht nach etwas suchen. Schließlich schüttelte er kaum merklich den Kopf, bevor er sich straffte. Wer ihn kannte, wusste, dass er mit irgendwas hinterm Berg hielt.

»Hab getan, was ich konnte. Mit der Wunde, meine ich. Aber sie war wirklich übel. Bin mir nicht sicher, ob wir dich wieder hinkriegen, verstehst du? Wir brauchen ein paar Pflanzen, gute Pflanzen, aber …« Er stieß einen schweren Seufzer aus, versuchte, mit der Sache klarzukommen. »Sieht nicht gut aus, Gant. Es …« Seine Worte wollten nicht heraus. Er schluckte und blickte zu Boden, und ich ließ ihn in Ruhe.

Ich schaute auf meine eingepackte und mit Kattun umwickelte Flanke herab. Da lebt man ein Leben, bei dem es um nichts anderes geht als ums Töten, und dann haut einen so was immer noch um wie ein Keulenschlag. Meine Eingeweide spürten den Fall, als führe ich auf einem Schiff auf hoher See. Wenigstens versuchte Shale nicht, mir was vorzumachen. Mir blieben vielleicht noch Wochen.

»Dann gehe ich nach Norden«, sagte ich. »Meine Schwester sehen, wenn ich kann. Ich will in die Welt von Lagrad zurück. In die Nähe meines Vaters.«

Er hatte sich wieder etwas gefangen. »Ohne einen Drudha ist es Schwachsinn, sich von hier direkt Richtung Norden nach Oberlagrad aufzumachen, Gant. Du wirst es nicht bis nach Hause schaffen. Allenfalls bis zur Hochkommune Harudan. Und auch das nur, wenn wir auf der Straße nach Hisca ein paar Pflanzen und einen Kocher finden, dessen Gerätschaften wir benutzen. Wir können in ein paar Wochen dort sein, dich wieder halbwegs auf die Beine bringen, damit du wenigstens eine Chance hast, es bis zu den Deinen zu schaffen. Die richtigen Pflanzen werden das Gift um einen Gutteil verlangsamen. Und erst einmal schnappen wir uns einen ordentlichen Branntwein und trinken uns ein bisschen gute Laune an.« Er küsste mich auf den Kopf und stand auf.

»Harudan bedeutet einen Umweg nach Südwesten, das sind mehr als ein paar Wochen. Nichts da, wir gehen durch Hisca«, verlangte ich.

»Ein paar Wochen, die dir Zeit verschaffen werden für den Weg nach Norden.«

»Wir haben also gesiegt?«, fragte ich, um das Thema auf den Ausgang unseres Einsatzes gegen die Schwarzhände zu lenken.

»Drei Weiler aus den Roten Bergen sind von Osten her angerückt und haben Trukhars Haufen nach Norden zurückgedrängt. Schätze, sie sind abgeschnitten, aber die Konföderierten meinen, wir sollen hier die Stellung halten. Jedenfalls haben wir die Karawane niedergemacht und die Grenze wieder gesichert.«

Der Duft im Zelt war eine Klasse für sich. Leerte eigentlich irgendjemand unaufgefordert den Eimer aus?

»Ich brauch frische Luft, Shale«, meinte ich.

Er zog mich von der Matte hoch und angelte sich eine Pike, auf die ich mich abstützen konnte.

Eine leichte Brise kam auf, während wir uns von den Zelten und Werkstätten entfernten und für einen Ausblick über Mandriksweiler, unseren derzeitigen Geldgeber, ein paar Böschungen hinaufkraxelten. Das Bild, das sich dem Auge von dort oben bot, bestand größtenteils aus nacktem, trockenem Fels und ein bisschen Gebüsch. Sprach von einem harten Leben für die Leute hier in der Gegend.

Als wir eine Stelle erreichten, wo wir uns hinsetzen konnten, holte Shale für mich etwas Brot und Käse hervor und entkorkte uns eine Flasche. Mit dampfenden Kannabpfeifen lehnten wir uns schließlich zurück.

»Ich komm mit dir nach Norden«, sagte er. »Ich werde auch nicht jünger. Diese Typen hatten Jungs dabei, die mich tatsächlich ein wenig ins Schwitzen gebracht haben. Sieht mehr und mehr so aus, als wären es Taktik und Rüstzeug und nicht Muskeln und Stahl, die mich über den Scheideweg tragen.«

Ein Junge kam den Hügel hoch auf uns zu. Ich sehe es noch so klar und deutlich vor mir wie damals, ein Moment, der in meinem Kopf auf Hochglanz poliert ist. Der Anfang von allem.

Er war ein Rekrut, danach zu schließen, wie ihm seine Schwertscheide gegen die Beine schlackerte und wie blass seine Haut aufgrund mangelnder Erfahrung mit Kampftränken noch war.

»Bitte um Entschuldigung. Hauptmann Vorwald, er möchte Euch sehen. Sagt, es sei wichtig.«

Shale nickte und starrte dem Jungen hinterher, der den Hügel hinunterging. »Was kann der wollen?«, fragte er.

»Ich fühle mich nicht in der notwendigen Verfassung, groß nach Gründen zu fragen.«

»Und dafür werden wir auch nicht bezahlt. Stopf uns noch ein Pfeifchen, Gant, bevor ich dir wieder zurück helfen muss. Nimm diesmal vielleicht ein bisschen mehr von dem Rosie.«

Wie viele Hauptleute war Vorwald zu gut in dem, was er tat, um in einen Rang aufzusteigen, der ihm mehr Sicherheit geboten hätte. Er hielt die Herren der Weiler in Schach und verschaffte seinem Trupp den Lohn. Nur wenige besitzen das Talent, den Kämpfern die Tränke schlecht- oder den Verlust eines Beins oder des Augenlichts schönreden zu können. Kailen konnte das.

Der Abend überzog den Himmel mit einem tiefen Rot, als wir vor dem Hauptmann im Eingang des Zelts standen. Ein paar Männer waren bei ihm, die aufpassten, während er Münzen zählte und Verzeichnisse von Hinterlassenschaften hinkritzelte.

»Bin sofort bei euch, Jungs.« Sein Tisch war voll mit Soldunterlagen. Schweiß stand ihm auf der Stirn, was mich vermuten ließ, dass er bis eben noch mit Freiwilligen aus den Weilern Waffenübungen absolviert hatte.

Schließlich blickte er auf.

»Gute Arbeit, das mit der Karawane. Die Zange war solide. Shale hat mir erzählt, was passiert ist, Gant. Aber auch wenn wir auf den Arsch gefallen sind, hat es doch die Bewachung von der Hauptkarawane weggelockt. Wir werden ihre Armee wohl in die Wilden Lande oder in ihre Heimat zurückdrängen können. Schlückchen Branntwein?«

Wir nickten, froh, dass wir, so weit entfernt von Nachschub, nicht unsere eigenen Flaschen geköpft hatten.

»Dolly hat mir das Versprechen abgenommen, dass ihr Vater ihren Lohn bekommt. Sorgt dafür, Hauptmann, dass es so geschieht«, sagte ich.

»Gewiss, Gant, gewiss.«

Einer der Jungs in dem Zelt nickte ihm zu, als er sich danach erhob und zu einer Kommode hinüberging, auf der einige Flaschen und Holzbecher standen. Er spendierte uns einen ordentlichen Schluck und bedachte auch sich nicht zu knapp.

»Wie lange, Gant?«, fragte er.

Beinahe hätte ich schon gesagt, es sei eine Frage von Wochen. Schlagartig wurde mein Atem kürzer, als ich dieser Tatsache erneut ins Auge sah. Dann begriff ich, was er meinte, nämlich: Wie lange würde es dauern, bis ich wieder dabei sein, meinen Sold wieder verdienen konnte?

»Ungefähr eine Woche. Shale hat gute Arbeit geleistet, und Guaia und Rugara haben mich wieder auf die Beine gebracht«, sagte ich, auch wenn Letzteres nicht so ganz stimmte. Er nickte, und sein Blick löste sich von meinem, huschte über meine Schulter und, für einen winzig kurzen Moment, nach draußen vors Zelt. Dann richteten sich seine Augen sofort wieder auf mich, und er lächelte.

»Gut. Bedauerlicherweise lassen es Eure Verpflichtungen nicht zu, diese Hitze allein mit dem Bewachen des Forts zu überbrücken. Wir werden in ein paar Tagen Ausfälle machen, und …«

»Habt Ihr uns sonst nichts zu sagen, Vorwald?«, unterbrach ihn Shale und leerte seinen Becher. »Da kommt nur ein Schwall Scheiße aus Eurem Mund. So ziemlich das Gleiche wie das, was Gant heute Nachmittag in den Eimer des Drudha rausgequetscht hat.«

Vorwald tat so, als wäre er schockiert, doch Shale war niemand, mit dem man seine Späße machen konnte.

»Draußen vor dem Zelt ist es ein bisschen sehr schnell ein bisschen sehr ruhig geworden, Vorwald«, knurrte Shale, »und Euer Mann hier schwitzt ebenso heftig wie Ihr.«

Vorwald nickte und wiegte mit beiden Händen seinen Becher. Die zwei Männer, die sich mit uns im Zelt befanden, legten die Hände an die Griffe ihrer Waffen.

»Scheiße«, sagte Shale, »ihr Jungs seid dümmer als das Holz von diesem Tisch. Ihr wärt tot, wenn es die da draußen nicht gäbe, wen auch immer unser Hauptmann da abgestellt hat.«

»Tut mir leid wegen dieser Sache, Jungs«, mischte Vorwald sich wieder ein. »Was soll ich sagen? Auf euren Kopf ist eine Belohnung ausgesetzt, so hoch, dass unser Lord Olgin persönlich den Befehl gab. Eine oder zwei Stunden früher, und ihr wärt vielleicht nicht einmal mehr bei dem Überfall heute Morgen dabei gewesen. Ihr seid gute Männer. Wart auch gut für diese Kompanie. Während der Zeit, die ihr bei uns wart, habt ihr euch den Respekt der gesamten Truppe erworben. Nur traurig, dass ich euch und die Zwanzig nie in eurer Glanzzeit zu sehen bekommen hab. Kommt, bringen wir dieses Scheißgeschäft hinter uns.«

Er führte uns aus dem Zelt, und seine zwei angsterfüllten Wachen folgten. Da standen ein paar Handvoll Männer, schauten herüber zu uns; murmelnd, rauchend, halb nackt zu der abendlichen Stunde. Zwischen uns und ihnen war eine Gruppe anderer Männern um das Zelt herum postiert. Agenten der Wacht. Sie trugen das silbergraue Leder und als burgunderroten Lederflicken das Zeichen der Wacht: die Umrisse einer Kaltbuchtseeschwalbe, eingenäht in das größere Schulterteil an ihrem Schildarm. Jeder hatte zwei Feldgürtel doppelt um die Schultern geschlungen. Sie waren bereits gezeichnet und brodelten von einem etwas schwächeren Gebräu. Für diese Arbeit würde es ausreichen. Man konnte sie atmen hören, schneller Shale und ich. Ihre Körper summten geradezu vor Anspannung.

Einer von ihnen trat vor. Er war klein und stämmig, dem äußeren Anschein nach im gleichen Alter wie wir, seine Farbe der unseren ganz ähnlich, vielleicht von etwas blasserem Rot. Jahre guter Mixturen.

»Ihr könnt eure Feldgürtel und Schwerter ablegen und euch selbst ausziehen. Oder wir können es tun. Eine von beiden Möglichkeiten wird blutig ausgehen.«

Ich nickte Shale zu, und wir taten, was sie verlangten. Agenten der Wacht sind nicht wie die normalen Roten. Sie haben eine harte Ausbildung hinter sich und Zugriff auf die besten Mixturen, die die Wacht für Geld kaufen kann. Und das heißt: viele Tränke. Wer immer diese Jungs angeheuert hatte, um uns in die Finger zu kriegen, war ein wohlhabender Mann.

»Wer sucht nach uns?«, fragte Shale.

»Das werdet ihr schon noch rausfinden. Wir passen nur auf euch auf, bringen euch ein Stück weit nach Norden und warten auf die werte Dame. Die übliche Vorgehensweise. Ich bin überrascht, dass Ihr fragt.«

»Bin nicht so vertraut mit eurer ›Vorgehensweise‹«, meinte Shale. »Die Wacht konnte sich uns nie leisten. Nicht für irgendwas Gewöhnliches, jedenfalls.«

Ich lächelte, ebenso wie dieser kleine Bär von einem Mann.

»Unsere Vorgehensweise ist, dass wir Leute irgendwohin verfrachten. Normalerweise von ihrem Versteck zu dem, der uns dafür entlohnt, dass wir sie finden. Männer wie euch, Männer der Farbe, ziehen wir aus – keine Gürtel, kein Leder, keine Tricks. Wir könnten Euch eine Decke geben, wenn es regnet, nehme ich an.« Dafür erntete er Gelächter; es war Hochsommer in den Roten Bergen.

Er hob unsere Schwerter auf und zog meines aus der Scheide.

»Wie nennt Ihr es?«, fragte er.

»Als ob ich Euch das verrate.«

»Die Struktur sieht nach Rotwall-Stahl aus, dem besten. Kann sein, dass ich’s behalte. Was meint ihr, Jungs?«

»Ich nehm das andere Zeug«, sagte ein weiterer Kerl. Damit griff er sich meinen Gürtel. Natürlich trug er Handschuhe, da wir, um Gelegenheitsdieben einen Strich durch die Rechnung zu machen, unsere Gürtel und Schwerter mit einem Gift einkleisterten, gegen das wir immun geworden waren. Er klappte die Beutel und Taschen an dem Lederriemen auf.

»Weißeiche, Rugara, roher Ziest. Schätze, dafür werden wir ein hübsches Sümmchen bekommen.«

»Was ist mit eurem Verhaltenskodex passiert? Ihr seid schlimmer als Wilde«, sagte Shale.

»Der Farlsgrad-Kodex? Der mag vielleicht unsere Herren interessieren, aber wir werden dafür nicht gut genug bezahlt.«

Einer der anderen hob unsere Halsketten auf, die wir zusammen mit den Hemden abgelegt hatten. »Gilgul«, sagte er, an den Gockel gewandt, der uns gerade verscheißerte, »sie haben Blüten.«

»Leck mich am Arsch. Schicksalsblüte, und gleich zwei davon! Beide versiegelt.« Die Kappen auf den Kapseln waren mit Wachs versiegelt und mussten aufgebrochen werden. Das Ganze war nur so groß wie ein kleiner Finger. Auf den Verschlüssen waren der Schädel und zwei Blätter eingeätzt. »Schon mal erlebt, wie jemand die benutzt hat?«, fragte er mich.

Ich nickte.

»Ja, ich auch. Wir verteidigten damals Hevendor vor Barbaren. Hin und wieder organisieren sie sich, kommen zu Tausenden daher, marodieren an den Grenzen und nehmen sich die Städte …«

»Scheiße«, unterbrach ich ihn, »mir steht jetzt nicht der Sinn nach alten Räuberpistolen.« Das brachte seinen Haufen zum Lachen.

»Nun, ich sah zehn Männer, die zu den Blüten griffen. Soweit ich weiß, hat sich seither nie wieder ein Wilder nach Hevendor verirrt.« Er zuckte mit den Schultern und steckte die Halsketten mit den Kapseln in seine Tasche.

Es befanden sich insgesamt acht Agenten um uns herum, und wenn man bedachte, dass wir noch unter den Nachwirkungen der Glorie litten, war es keine gute Idee, irgendetwas zu versuchen. Solange man für die Farbe büßt, ist man nicht zu viel in der Lage. Aber wir würden schon sehen, welche Gelegenheiten sich uns boten, wenn wir uns erst wieder erholt hatten.

In jener Nacht marschierten wir nach Norden und hielten erst am nächsten Morgen an, weil meine Wunde stark blutete.

»Besser, ihr lasst sie mich versorgen«, sagte Shale zu ihnen, »sonst ist er tot, bevor wir irgendwo ankommen. Da steckt Schwarzhand-Gift drin.«

»Warum hat er nicht seine Rinde reingedrückt?«, fragte Gilgul. Er trat nah an mich heran und beugte sich herab, um sich den durchgeweichten Kattun anzuschauen. Dann riss er ihn herunter. Wider Willen entfuhr mir ein Aufschrei, obwohl ich damit gerechnet hatte, dass er irgendwas Idiotisches tun würde. Ein paar von seinen Jungs lachten. Ich sackte auf die Knie, meine ganze Seite schmerzte wie verrückt.

Er zog den Kragen seines Waffenrocks herunter, und ich sah die Rinde in seinem Hals. Es war die Sorte, die nach gewisser Zeit zu einem Teil der Haut wird, nicht die, die sich irgendwann auflöst.

»Ihr alten Knacker schwört auf Guaia, aber für das Loch da dürftet ihr Birkenrinde und –balsam brauchen. Ihr guckt ein bisschen in Lagrad, guckt ein bisschen in Vilmor, doch da gibt es weit und breit keinen Drudha, der auch nur die Scheiße wert ist, die ihr unterwegs kackt. Sonst befänden sich diese Gegengifte nämlich in eurem Gürtel und würden euch das Leben retten, wo ihr doch so viele von diesen Bäumen da oben habt. Auch wenn nur der Himmel weiß, wieso sich ein alter Sack wie du überhaupt noch an der Front rumtreibt. Reine Habgier, nehm ich mal an.« Dann fing er an, auf der Wunde herumzudrücken. Er machte und tat, um eine Reaktion zu erhalten. Wie ich leider zugeben muss, bekam er die auch. Während der ganzen Zeit blickte er natürlich auf Shale. Er versuchte, ihn in Rage zu bringen. Doch der blieb ruhig, schaute nicht einmal hin.

»Jador«, rief er zu einem Kumpanen herüber, »am besten, wir sorgen dafür, dass dem Mann nicht die Eingeweide rausquellen. Die gute Dame wäre sonst gar nicht erfreut. Sie bezahlt dafür, selbst in den Genuss dieses Schauspiels zu kommen.«

Sie vertilgten ein paar Rationen, gaben uns Durrastangen und Wasser, und nachdem ich frisch verbunden war, führten sie uns wieder weiter, Hände und Füße gefesselt.

Die Sonne brannte uns den Arsch weg in der folgenden Woche, da wir die felsigen Schluchten der Roten Berge durchquerten. Es waren lange, harte Tage, die wir auf den Beinen verbrachten, vielleicht auch mehr als eine Woche. Ich weiß es nicht mehr. Der Auftrag schien unseren Häschern aber wichtig genug zu sein, um regelmäßig meine Wunde zu versorgen, sodass ich die Meilen, die wir zurücklegten, wider Erwarten durchhielt.

Eines Abends dann, als die Dunkelheit hereinbrach, wählten sie eine bescheidene Wiese für das Nachtlager aus, die um die paar bröckelnden Mauern von etwas herum wuchs, das wohl mal ein Fort gewesen war.

»Bindet sie an die Pfosten da«, ordnete Gilgul an, »und noch ein Schlückchen Wasser für unsere Gäste, Jador. Tja, da wären wir. Wie geht’s euch zwei Hübschen denn? Ich hoffe, ihr habt die Enttäuschung über den Verlust eines fetten Solds verwunden. Na ja, und den Verlust eurer Feldgürtel, Schwerter, Goldmünzen, Pferde. Wir werden hier jetzt einfach auf die ehrwürdige Dame warten.«

Wir erwiderten nichts, wohl wissend, dass dies die beste Methode ist, jemanden, der einen provozieren will, selbst in Harnisch zu bringen.

»Wisst ihr«, fuhr er fort, »die Jungs können es kaum glauben, dass ihr beiden zu Kailens Zwanzig gehört und so was wie das an den Tharosfällen zustande gebracht haben sollt, so wie ihr in der letzten Woche gejammert, gebibbert und an euch rumgekratzt habt. Obwohl, ist schon eine nette Geschichte, was? Schätze, wenn ich genug Leuten erzählen würde, ich hätte zwei Schwänze, würden einige es auch irgendwann glauben. Was ist schon die Wahrheit, wenn ein prall gefüllter Geldbeutel winkt?« Für einen Moment trat Schweigen ein. Allein das Knallen einer Axt gegen einen Baum in der Nähe, wo ein paar der Burschen Feuerholz schlugen, störte die Stille.

»Nichts zu eurer Verteidigung vorzubringen, Jungs? Zu eurer Ehre? Ihr lasst das so stehen?«

Ich hatte mörderische Schmerzen, die mich mehr beschäftigten als das Geseire dieses Blödmanns. Es war schon eine ganze Weile her, dass ich meine Präparate bekommen hatte, und das interessierte mich jetzt viel mehr. Ich hatte ganz vergessen, wie elend es meinem Körper ergeht ohne die Pflanzen. Bärchen Gilgul fing jetzt an, die anderen anzublaffen, damit sie mit der Errichtung des Lagers voranmachten. Vielleicht hatte er ihr Schweigen als eine Art Herausforderung aufgefasst, als hämisches Warten, was wohl als Nächstes kommen würde, da wir den Köder nicht schluckten und uns auf sein Spielchen nicht einließen.

Ich schielte rüber zu Shale, und er zwinkerte mir zu. Er schien sich prächtig zu amüsieren.

Der lange Marsch, ein wenig Bilt und ein paar Nüsse sorgten für ausreichend Müdigkeit, um mich trotz der Schmerzen, die das Gift verursachte, in den Schlaf fallen zu lassen. Allerdings waren es nur ein paar Stunden, ehe ein scharfes Flüstern mich weckte.

Es war Nacht, und weitere Agenten waren ins Lager gekommen und standen herum.

Einer von ihnen sprach mit Gilgul. »Habt ihr ihre Pferde mitgebracht?«

»Wir werden der Kundin von dem hier berichten. Und nein, wir haben die Pferde dagelassen. Dachten uns, diese Sackgesichter sollen ruhig mal ein bisschen laufen«, antwortete Gilgul.

»Was ist hier los?«, fragte Shale.

»Scheint so, als ob die Wacht ein dringlicheres Interesse an euch hat als die Dame, die die Wacht überhaupt erst mit eurer Ergreifung beauftragt hat«, erwiderte Gilgul.

»Da ist doch was faul«, meinte Ranad, einer von Gilguls Trupp. »Die Wacht schließt keine Verträge und hält sich dann nicht daran. Bist du sicher, dass diese Papiere da in Ordnung sind?«

»Der Rote selbst würde sie nicht anzweifeln. Du hast das Siegel gesehen. Sie kommen direkt aus Candar.« Er wandte sich wieder dem Agenten zu, der unsere Übergabe verlangte, ein gedrungen wirkender Mann, allerdings nicht so groß wie Gilgul. Dafür zeigte seine Haut jedoch eine sattere, zünftigere Farbe.

»Aber ich erhalte meine Befehle von Marschall Laun«, sagte Gilgul. »Sie ist für diesen Auftrag verantwortlich. Sie sollte das hier bewilligen, nicht ich.«

»Das Siegel und die Papiere sind alles, was ihr an Bewilligung braucht. Ihr habt die Unterschrift des Hochvogts gesehen, und Eure eigene Schriftrolle bestätigt es. Ihr habt euch zu dem Anwesen von Gildenmeister Filston zu begeben und dort auf seine Rückkehr zu warten.«

Gilgul musterte ihn von oben bis unten. Er roch, dass hier irgendwas faul war. Shale und ich rochen es auch. Doch was immer es sein mochte, ihre Autorität wog es auf; ihre Farbe und ihre Leder waren so einwandfrei, wie sie nur sein konnten. Ein Schwindel schien so gut wie unmöglich.

»Gebt diesen Männern ihre Kleider, Waffen und Gürtel, Gilgul. Sie kommen mit uns.«

»Ach, pfeif drauf. Jador, hol ihre Sachen.« Gilgul drehte sich um und schaute mich an. »Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Die gute Dame wird sich nicht aufhalten lassen, und ich würde es bedauern, wenn diese Soße dich umbrächte, bevor ich es tue.«

»Am besten gebt Ihr uns auch die Blüten zurück, was?«, sagte Shale. Gilgul schaute den Anführer der Neuankömmlinge an, dann holte er die Halsketten hervor und warf sie uns zu.

Ansonsten hielten wir allerdings die Klappe und taten nichts, was die Herausgabe unserer Feldgürtel irgendwie verzögern konnte. Wenn sie zwischenzeitlich nicht geplündert worden waren, hatten wir eine Chance. Allerdings würde dieser neue Agent es wohl kaum riskieren, sie uns zu lassen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt hatte.

Es war ein kleinerer Haufen, der gekommen war, um Anspruch auf uns zu erheben, vier Leute insgesamt. Sie übernahmen das Lager und hängten einen Topf über das Feuer, das Gilguls Jungs angefacht hatten. Der Geck und sein Trupp waren da schon abgezogen.

Einer von den neuen Agenten schnitt unsere Fesseln durch, und Shale kam zu mir herüber, als ich die Taschen von meinem Hemd und Waffenrock durchsah. Er behandelte meine Wunde, verstrich eine Salbe und ein paar Blätter drauf und verband sie neu. Dann half er mir wieder in meine Leder und warf mir zum Schluss einen Umhang über, damit ich es warm hatte.

Der Agent war ihm behilflich, mich rüber zum Feuer zu schaffen, wo sie ein paar Becher fettige Suppe für uns hatten. Rindernackenbrühe. Es war deutlich zu sehen, dass die Neuen gut gedrillt waren, auch ihre Gürtel, Leder und Masken zeigten Zeichen ausgiebiger Benutzung. Sie bewegten sich wie wir, und standen sicher auch unter dem Einfluss der Pflanze. Niemand sagte etwas, alle schauten auf den Mann, der mit Gilgul gesprochen hatte. Kein Grau war an ihm zu erblicken, doch seine Augen hatten ein bisschen zu viel gesehen; er hatte etwas Ruhiges an sich, wie gute Kommandanten und Anführer es für gewöhnlich ausstrahlen.

»Mein Name ist Achi«, sagte er, »und es ist mir und meinen Jungs eine Ehre, Euch kennenzulernen. Das hier ist Hau, und er heißt Danik. Danik, hol ihre Sachen und Gürtel. Der große Kerl hier ist Stimmy.« Stimmy sah aus, als hätte er sein ganzes Leben lang Felsbrocken zerhauen.

»Wir sind euch außerordentlich dankbar«, sagte Shale, »aber wir kennen euch nicht. Und wir haben auch keine nennenswerten einflussreichen Freunde.«

»Ach nein? Kailen hat uns geschickt. Er steckt in Schwierigkeiten. Wie ihr alle, die ganze Zwanzig.«

Kailen.

Es war ein Schock, seinen Namen zu hören, nach all diesen Jahren. Und dass dieser Achi von uns immer noch als den Zwanzig sprach. Wo wir uns doch schon vor vielen Wintern schon aufgelöst hatten.

»Kailen? Wir haben ihn schon lange nicht mehr gesehen. In was für Schwierigkeiten steckt er denn?«, fragte ich.

Es war ein Segen, die Fesseln los zu sein. Stimmy half mir und Shale bei der Versorgung der tiefen Schnitte, die die Fesseln hinterlassen hatten.

»Er ist in Sporn. Viel mehr wissen wir nicht, und ich schätze, das ist auch so gewollt«, sagte Achi. »Einige der Zwanzig sind kürzlich umgebracht worden. Sie alle hatten eine schwarze Münze in der Hand. Als er das erfuhr und außerdem gehört hat, dass ihr euch in den Roten Bergen aufhaltet, schickte er uns aus. Er wird sich deshalb mit Olgin, dem Oberhaupt von Starunweiler, oder mit ein paar von dessen Quartiermeistern in Verbindung gesetzt haben. Über diese Ecke muss er die Bestätigung erhalten haben, dass ihr hier einen Auftrag angenommen hattet, und schon sind wir hier.«

»Es war Olgin, der uns an diese Agenten verschachert hat«, sagte Shale. »Vorwald meinte, auf unsere Köpfe wäre eine große Belohnung ausgesetzt. Weiß der Geier, warum. Seit vielen Wintern tun wir nichts anderes als unsere Arbeit, und nie sind von den Zahlmeistern irgendwelche Klagen gekommen. Es gab nicht einen Fall, bei dem wir uns nicht an die Abmachungen gehalten hätten.«

Achi nickte. »Ich kann dem nicht widersprechen, aber irgendwas ist im Busch. Kailen ist davon überzeugt. Überzeugt genug jedenfalls, um uns nach euch suchen zu lassen. Er wies uns an, um jeden Preis dafür zu sorgen, dass ihr euch nach Sporn aufmacht, und euch dort mit ihm trefft.«

»Dann seid ihr gar nicht von der Wacht«, stellte ich fest. »Diese Leder und was immer ihr Gilgul da gezeigt habt … Das wirkte alles sehr echt. Obwohl … irgendwie hat er euch trotzdem misstraut.«

»Du hast recht, wir sind nicht von der Wacht. Aber ihr Burschen solltet doch eigentlich ein bisschen was wissen über Tricks, namentlich darüber, zu was Kailen so alles fähig ist.«

»Dann hat er eine neue Truppe? Euch und diese Jungs?«, fragte ich.

Achi lächelte. »Er hat uns zwar gedrillt wie eine Truppe, aber eigentlich hat er sich zurückgezogen. Wir arbeiten unten in Harudan auf seinem Gut, führen jetzt seine Karawanen. Er handelt heutzutage mit Konfitüren, Wein und Ähnlichem. Er hat ausgezahlt.«

»Ausgezahlt haben« bedeutete, dass man das Soldatenleben hinter sich gelassen hatte. Wenn man sein Konto ausgeglichen hatte und weitergezogen war. Es hieß, die Kampftränke und das, was sie einem abverlangten, hinter sich zu lassen.

»Ihr bringt uns also nach Sporn?«, fragte Shale.

Er schüttelte den Kopf. »Kailen hat meinen Leuten befohlen, nach Harudan zurückzukehren. Er befürchtet, dass derjenige, der da an die Zwanzig seine schwarzen Münzen verteilt, herausfinden könnte, wo er lebt, und er will seine Frau und sein Landgut geschützt wissen.«

Wie schön für Achi. Er war raus aus dieser Scheiße.

»Dann brechen wir gleich morgen früh auf«, sagte Shale.

»Wir werden euch für ein paar Tage oder so begleiten, um sicherzugehen, dass dieser Gilgul uns unsere Geschichte tatsächlich abgekauft hat. Dann sind wir weg Richtung Süden. Na ja, meine Jungs zumindest. Kailen will, dass ich nach Norden gehe.

»Hat er mit jemand anderem von den Zwanzig Kontakt aufgenommen?«, fragte Shale.

»Hat er. Wie es scheint, seid ihr aber die Einzigen, die in der Lage sind, zu kommen. Ich meine, von denen, die er noch lebend vorgefunden hat.«

»Fühlt sich nicht richtig an«, sagte Shale, »fühlt sich überhaupt nicht richtig an. Aber wir schulden es ihm.«

»Wo in Sporn hält er sich auf?«, fragte ich. »Bin über die Jahre nur ein paarmal dort gewesen, kenn mich da nicht so aus.«

»Elendsviertel. Weiß nicht, ob ihr mit den Banden dort vertraut seid, aber er hängt bei den Typen vom Indra-Quartier rum. Findet sie, dort findet ihr ihn.«

Es war Wochen her, seit wir von Vorwalds Lager aus losmarschiert waren, und ich war immer noch wütend darüber, dass man uns gezwungen hatte, unsere Pferde zurückzulassen. Ich war mit meinem mehr als zwei Jahre durch die Weltgeschichte geritten, und es war das verdammt noch mal beste gewesen, das ich je hatte. Trotzdem waren die Pferde, die Achi mitgebracht hatte, für die Reise, die wir vor uns hatten, allemal gut genug. Shales Gaul machte zuerst ein paar Zicken, doch er hatte ihn bald schon im Griff. Wir verstanden beide ein wenig vom Pferdesingen, besaßen sogar die Mundstücke dafür. Etwas Räucherschinken und kalter Tee, eine Abreibung mit Öl, und schon ritten wir Richtung Nordwesten, auf Hevendor zu.

Ein paar Tage darauf trennten wir uns von Achi und seinen Männern. Über die Reise nach Sporn gibt’s nicht viel zu erzählen. Wir verließen die Konföderation der Roten Berge im Nordwesten und hielten uns dann weiter westlich, ritten unmittelbarer auf Hevendor zu. Außer einigen Nomaden, von denen wir etwas Brot und Wein erhielten, begegneten wir keiner Menschenseele.

Wir sprachen wenig in dieser ganzen Woche. Dafür dachte ich viel nach. Es war lange her, dass wir uns Gedanken um die alte Truppe gemacht hatten. Allerdings drehten sich meine auch immer wieder um meine Schwester Emelt und ihren Jungen, Goran. Seit Jahren schickte ich ihr Geld für den Weiler. Sie gab es gewöhnlich an den Stammesrat weiter, damit das Dorf, wenn es nicht genug Vieh und Feldfrüchte zum Handeln hatte, weiterhin in der Lage war, Eisen und Salz und die Pflanzen, die sie benötigten, zu erstehen.

Schon eine Ewigkeit beackerte sie mich, ich solle zurückkommen, wo ich doch nicht mehr die Schande meines Vaters war, jetzt, da er weg war. Und wo Amila, meine große Liebe, den Jungen hatte. Der würde nach all den Jahren nun wohl im Rat sitzen, wo man, wie Emelt mir schrieb, jetzt anscheinend eher pragmatisch dachte. Man suchte Schwerter. Das Dumme ist, dass überall in Oberlagrad Oberhäupter und Weiler-Lords hocken, die Stahl und raue Männer brauchen, nicht zuletzt wegen der unkartierten Grenzen zu den Wilden Landen. Da gibt’s kein Vertun, schließlich bin ich dort geboren worden und aufgewachsen.

Trotzdem bekniete meine kleine Schwester den Rat unermüdlich, auf die Hirten zu hören und in unseren Gebieten ein wenig Frieden zu wahren. Ich vermisste sie. Schon oft hatte ich eine leichte Sehnsucht verspürt, zurückzukehren in diese kalten Hügel und grimmigen Wälder. Jetzt zogen meine Eingeweide mich dorthin.

Aber auch Kailen beschäftigte mich. Es musste an die fünfzehn Jahre her sein, dass Kailens Zwanzig auseinandergegangen waren. Wir beschützten die Mitglieder der königlichen Familie von Argirwehr, den Regenten selbst und seine zwei Kinder. Er, der König, zahlte uns schließlich aus, als er sich außer Landes begab. Und wir, bis oben hin voll mit Gebräu, Schnupfpulver und Fusel, kriegten uns gegenseitig in die Haare. War ja klar. Kailen meinte, wir wären eine einzige Blamage und hätten nichts mehr zu tun mit der eingeschworenen Truppe, die er mal kannte.

Kailen hatte uns alle reich gemacht, uns zu Siegen geführt. Er hatte die Kriege und Kriegsherren studiert und uns das Rechte für Gold und Ruhm herausgepickt. Natürlich kam es zu Streit. Es endete damit, dass alle getrennter Wege gingen. Einige allein, andere zu zweit oder zu dritt. Ich tat mich mit Shale zusammen, weil wir von Anfang an gut miteinander ausgekommen waren. Ein paar blieben noch eine Zeitlang bei Kailen, doch die Geschichten von der Wacht und den Karawanen versiegten, während unsere Legende verblasste.

Scheint so, als ob er nach Harudan zurückgegangen war, wie ich’s mir von Anfang an gedacht hatte; er würde sich wohl kaum mit schlechteren Leuten weiter nach Aufträgen umtun bei all dem Gold zuhause und seinen familiären Beziehungen zu den Aristokraten. Er musste niemandem mehr etwas beweisen. Selbst im Kampf Mann gegen Mann war er ungeschlagen, obwohl wir nie ganz sicher waren, ob er auch Shale kleinkriegen würde. Beim ersten Mal, als sie miteinander gekämpft hatten, war Shale unglücklich aufgekommen, und Kailen hatte gewartet, bis der Fuß wieder in Ordnung war, bevor sie sich ein zweites Mal beharkten. Was sie dann auch taten, allerdings ohne Zuschauer. Wie die Sache ausging, hat er nie erzählt, und Shale war außer Kailen der einzige Mann, den ich niemals im Schwert- oder Zweikampf oder sonst wie habe unterliegen sehen.

Shale beschäftigte auf unserer Reise nach Hevendor vor allem die Frage, was wohl hinter all dem steckte – unserer Ergreifung durch die Wacht und den Schwierigkeiten, in denen Kailen sich vermeintlich befand. Ein paar Tage, nachdem wir die Roten Berge hinter uns gelassen hatten, brachte er es zur Sprache, als er gerade einen Hasen ausnahm.

»Weiß nicht, wer nach all den Jahren noch immer Probleme mit den Zwanzig haben könnte. Wie viele von uns kämpfen noch, Gant? Wer nimmt noch Aufträge an? Söldner fallen. Nur weil wir genug Gold gemacht haben, konnten wir uns die guten Sachen und die besten Rezepte leisten, die uns über Wasser hielten. Seit Jahr und Tag mixen harudanische und juanische Drudhas unser ganzes Gebräu. Und trotzdem macht das Zeug einen einfach kaputt, lässt einen durchdrehen. Erinnerst dich an Ibsey? Hat für uns zum Aufputschen total krasses Zeug zusammengemischt. Stixie, Digs, Säbel-Sho, Ibsey und alle … Keiner brachte wegen des Zitterns noch seine Waffenübungen zustande. Und dann die Sauferei … Scheiße, Gant, jeder von den Milchbärten, die wir bei diesem Überfall zurückgeschlagen haben, hätte am Ende einen oder mehr von uns erledigen können. Von heute gar nicht zu reden.«

Er hatte recht. Ich konnte dieser Tage nicht mal mehr Kailens Waffenübungen korrekt durchziehen. Meine Knie hatten’s hinter sich, und den Rücken konnte ich nur noch mithilfe einer Mischung aus braunem Zuckeröl oder Salmöl mit Kupfersalzen gerade durchstrecken. Ich blickte in eine Schüssel mit Wasser und sah zwischen all den Schlachten- und Brandnarben nur ein paar Büschel Haare, und meine Hautfarbe tendierte aufgrund der Präparate inzwischen ins Grüne. Ich sah aus, als ob ich schimmelte. Wir kamen beide nicht mehr ohne unsere jeweiligen Öle aus. Shale war nicht so im Arsch wie ich, aber auch er brauchte Iridus-Öl für seine Augen, und seine Schulter musste er ständig einschmieren, sonst machte sie sofort Ärger.

Shale tat täglich sein Bestes, meine Wunde zu versorgen. Wir hatten einige Maden, die ganz gut halfen, das Gift in Schach zu halten, aber alles in allem konnte ich spüren, wie es immer tiefer in mich kroch. Schmerzhaft, als wäre ich durchgeprügelt worden.

Ohne Zwischenfälle erreichten wir Hevendor und schließlich unser Ziel. Sporn war ein großer Flusshafen an der Ost-West-Passage, Teil eines Netzes, das die Straße von Hisca ausmachte. Kostbarkeiten der Alten Königreiche, wie Pflanzen, Weine und dergleichen, gingen nach Osten. Sklaven, Felle, Metalle und andere Pflanzen kamen zurück. In den Süden, wo der Fluss das Land des Ten-Clans durchschnitt, wurde nicht viel verschifft. Allerdings hatte es dort unten in den letzten paar Jahren immer mal wieder lohnende Aufträge gegeben.

Auf dem Weg in die Stadt folgten wir einer Karawane Sklaven. Sie waren auf Wagen zusammengepfercht und blickten mit stumpfen Augen zu uns herüber. Die hatten gerade noch genug Verstand übrig, um essen zu können. Sie waren auf Druup, und die meisten hatten deswegen das Schütteln und wimmerten rum. Niemand muss gefesselt werden, wenn er auf Druup ist.

Als wir auf das Elendsviertel zusteuerten, wo wir ein paar Bandenmitglieder zu finden hofften, bemerkten wir, dass die Straßen und Gassen, ja sogar die Dächer voller Militär waren. Zahlreiche Gebäude in der Gegend waren eingestürzt und niedergebrannt, und über allem hing eine dichte Rauchdecke. Offenbar hatte es Unruhen gegeben. Außer bei einer Belagerung hatte ich noch nie so viele Soldaten auf einem Haufen gesehen. Überall lagen Trümmer, umgeworfene Stände, dazu übereinandergehäufte oder kreuz und quer daliegende Leichen. Die Totenkarren und die kapuzentragenden Männer, die sie schoben, kamen kaum hinterher.

Blöderweise trieben sich auch etliche Mitglieder der Wacht hier rum, also suchten wir uns eine Herberge, um die Pferde unterzubringen und rasch und leise zu Fuß weiterzugehen.

Wer immer hinter Kailen her war, hatte offensichtlich zum Zündeln aufgerufen. Gut, dass wir’s verpasst hatten. Sah nicht wirklich schön aus für ihn, wenn er Militär und Rote gegen sich aufgebracht hatte und dazu noch ein paar örtliche Schläger. Aber er hatte schon Schlimmeres durchgestanden, und ich freute mich darauf, ihn zu sehen.

Bestimmungsort: Candar-Stadt, Q2 670 OE

Über Hauptroute östliche Sar

VERTRAULICH – NUR ZU HÄNDEN DES ROTEN

PERSÖNLICH

Bericht von: Elite-Agent 84

Kontaktierte Personen: Marschall Laun. Gildenmeister Alon

Filston von der Filston-Blackmore-Gilde

Marschall Laun, Galathia zugeteilt, berichtete von der Ermordung von Söldnern im Ten-Clan-Gebiet und in der Konföderation der Roten Berge.

Bei den Söldnern handelte es sich um Connas’q und Digs, beide wohlbekannt für ihre ehemalige Zugehörigkeit zu Kailens Zwanzig.

Eurer Anweisung gemäß erteilte ich Marschall Laun und Alon Filston für ihre Nachsichtigkeit gegenüber Galathia einen Tadel. Es ließ sich keinerlei Bemühen erkennen, nach dem Zwischenfall im Povey-Tal und der Exekution jenes Mitglieds von Kailens Zwanzig namens Sho die Maßnahmen zu ihrer Sicherheit zu verstärken.

Der Attentäter, der Marschall Laun zufolge bei Shos Exekution zugegen war, und von dem sie glaubt, dass er dieselbe Absicht verfolgte wie Galathia, nämlich diesen Mann zu töten, wurde seither nicht mehr gesehen.

Sowohl Marschall Laun als auch Filston wurden an die Anweisung erinnert, Galathias Sicherheit zu gewährleisten, während wir die Basis für ihre Wiedereinsetzung auf den Thron von Argir schaffen. Namentlich Marschall Laun wurde nochmals darauf hingewiesen, dass Galathia die Verfolgung von Söldnern, die einst Kailens Zwanzig angehörten, ausdrücklich untersagt wurde.

Sie, Marschall Laun, ist sichtlich enttäuscht über unsere Sorge, der Sicherheit von Galathia könne nicht hinreichend Genüge getan worden sein. Sie bittet anzuerkennen, dass die Beurteilung von Risiken ihre Angelegenheit sei und die Verfolgung von Objekten ohne politischen Stellenwert unserem Gesamtziel nicht zuwiderlaufe. Im Übrigen seien diese Objekte für Galathia von solcher Wichtigkeit, dass es ihrer Ansicht nach illusorisch wäre, sie ohne Anwendung von körperlicher Gewalt davon überzeugen zu wollen, sie nicht weiter zu verfolgen. In beiliegenden Feldberichten hebt sie des Weiteren hervor, ihre Zielobjekte seien isoliert und außer Gefecht gesetzt worden, bevor sie selbst mit ihnen in Berührung kommen konnte. Ich machte unsere Ansicht deutlich, dass die Lage im Gebiet des Ten-Clans und in den Roten Bergen im Hochsommer – insbesondere einem Sommer, von dem unsere Wachtniederlassungen behaupten, es sei der schlimmste, den sie jemals erlebt hätten – ein Risiko eines Ausmaßes bedeutet, dem sie eigentlich nicht ausgesetzt sein sollte, und dass diese Einschätzung auch schon ungeachtet der Gefahr gelte, die ihre Zielobjekte als erfahrene Söldner auf jeweils eigenen Feldmissionen darstellten.

Alon Filston wurde angewiesen, sich bezüglich der Unterschriften für einen neuen Regierungsrat und die Wiedereinsetzung seiner Gemahlin Galathia und ihrer königlichen Familie in Argir mit seinen verbündeten Gilden, dem Haus Darrun-Luke von Euralwehr und unseren Vögten abzustimmen.

Doch Galathias Jagd auf die Zwanzig geht weiter. Gant und Shale von den Zwanzig wurden von Agent Gilguls Truppe ergriffen, die Filston über Marschall Laun rekrutierte. Die Gefangennahme im Norden der Konföderation der Roten Berge verlief ohne Zwischenfälle. (Die Gesuchten hatten den Auftrag übernommen, eine Grenzübertretung der Schwarzhände zu kontern.) Auch Kailen selbst wurde in Hevendor im Sporn identifiziert. Galathias Absicht ist es, alle Mitglieder der Zwanzig zu fassen und zu töten, wobei sie sich Laun und eine weitere Kolonne der Roten zunutze machen will. Mehrausgaben werden von Alon Filston gedeckt.

Gemäß Weisung untersagte ich die Verfolgung und Ergreifung von Kailen als einem in höchstem Maße gefährlichem Ziel. Ich habe Filston beauftragt, das Thema von Galathias Rückkehr auf den Thron anzuschneiden, und ihm zudem einen Rat mitgegeben, wie dies am besten zu bewerkstelligen sein wird. Ferner wurde der Persönliche Kanzlist veranlasst, erstens mit dem Entwurf einer Rede für einen solchen Anlass zu beginnen, zweitens Metallarbeiter aus Jua und Hoffnungsberg für die Fertigung von Geschenken in Dienst zu nehmen sowie drittens ein Bankett für die Adligen vorzubereiten, in deren Kreise sie zurückkehren wird.

Da ich damit rechne, dass meine Order hinsichtlich Kailen unter Umständen nicht durchgesetzt werden wird, habe ich den Hochvogt von Hevendor sowie die Obrigkeit von Sporn informiert, die erforderlichenfalls Beistand leisten werden. Abgesehen von dem Umstand, dass sie Galathias Eigensinn nicht Herr werden kann, hat Marschall Laun ihre aufrichtige Freundschaft und umfassendes Vertrauen gewonnen und wird ein wertvoller Verbündeter sein, der ihre Meinung zu unseren Gunsten zu beeinflussen vermag.

Instruktionen für den Hochvogt betreffs Kailen nebst einer Unterrichtung des Indra-Quartiers wurden besorgt.

3. KAPITEL

Galathia

Ich habe eine Darstellung von Prinzessin Galathias Anteil am Niedergang von Kailens Zwanzig zusammengetragen. Neben ihrer nachträglichen Schilderung der Geschehnisse, während sie in Gefangenschaft war, liegen ihrem Bericht Schreiben zugrunde, die sie an ihren Bruder Petir schickte. Dank der Position, die mein Patron innehatte, war er in der Lage, Abschriften dieser Briefe anzufertigen. Es folgen jene Briefe, die Galathias Jagd auf Kailens Zwanzig beschreiben, sowie eine persönliche schriftliche Erklärung hinsichtlich ihrer Rolle bei dem Angriff auf das Indra-Quartier.

Goran

Verfasst 669 OE, betreffend Ereignisse in den Jahren 668-9 OE

Lieber Bruder,

ich frage mich, wie du dich gefühlt hast, als du deinen ersten Kampftrank zu dir nahmst. Die Probetränke bereiten einen nicht wirklich darauf vor, habe ich recht?

Das erste Mal, als ich ein volles Maß nutzte, da zitterte ich in den Wüstenwinden der Ten-Clan-Steppe wie Espenlaub. Es ging darum, Digs zu töten; gleichsam das Morgengrauen meines Strebens, an Kailens Zwanzig Vergeltung für uns zu üben. Mein Gemahl Alon erwarb die Dienste eines Marschalls der Wacht, einer Frau namens Laun, und ihres Trupps, um mir dabei zu helfen. Laun stellte die Tüchtigkeit der Wacht in der Informationsbeschaffung beeindruckend unter Beweis. Digs war der erste der alten Söldner, den sie ausfindig machte.

Zwei Wochen lang hatten wir Kamele in die Ten-Clan-Lande und in eine Dürre geführt, wie sie keiner von uns je erlebt hat. Der Tod war auf den Hauptrouten allgegenwärtig. Für eine Handvoll Reis oder etwas Münze versuchten Männer, uns ihre Kinder zu verkaufen, während ihre Frauen stumm und wie betäubt danebenstanden. Allenfalls waren sie mit dem bisschen Kraft, das sie noch hatten, imstande, Steine nach uns zu werfen, um den Handel zu unterbinden. Wir hatten keine Verwendung für Kinder. Je näher wir der Grenze zu den Roten Bergen kamen, desto schlimmer wurde es, Hunger und Durst aufgrund der Dürre trieb die Menschen von dort in die Ten-Clan-Gebiete. Seit Generationen sind die dort draußen hausenden Nomaden daran gewöhnt, die Sommer im Herzen vom Ten-Clan zu ertragen, jetzt aber stellten sie den Flüchtlingen Fallen. Wie Statuen standen deren Familien da und warteten, während sie für etwas Bilt Wasser eintauschten. Ich habe manches Lagerfeuer gesehen, an dem Tiere sich an den Überresten ganzer Sippen gütlich taten. Nur wo noch ein Rest von Zivilisation geblieben war, wurden die Toten auf Scheiterhaufen verbrannt.

Digs und seine Leute hatten sich einer Karawane angeschlossen, die Korn und Räucherfisch von der Küste zu den Grenzsoldaten brachte. Dabei mussten sie nicht nur die hineinflutenden Flüchtlinge aus der Konföderation der Roten Berge abwehren, sondern die Grenzen auch vor Einfällen von Kriegern aus den Wilden Landen schützen.

Ich hatte gehört, dass Digs seit mehreren Sommern mit den Karawanen unterwegs war, daher war es unwahrscheinlich, dass er die Antwort auf die Frage bezüglich meines Erbes wusste. Doch genau wie die anderen hatte er mich verraten, mich und meinen Bruder.

Gegen Bares hatten die Nomaden etwas von ihrem Wissen über die Reiserouten im Kernland des Ten-Clan-Territoriums mit uns geteilt. Digs Karawane lagerte auf einem Kamm, von dem aus man nach Norden hin eine steinige Ebene überblickte.

Damit ich ein besseres Gefühl für das Tragen einer Rüstung bekam und lernte, wie man sie und die Pflanzen im Kampf einsetzte, hatte ich eine Garnitur Agenten-Leder und einen Gürtel erhalten.

Laun und Midgie halfen mir beim Anlegen, und dann halfen wir Laun. Sie trug ihr blondes Haar – die übliche Farbe von Frauen aus Farlsgrad – in einem kurzen Stoppelschnitt. In einem anderen Leben wäre sie bei entsprechender Abstammung oder gesellschaftlichen Geltung der Hauptgewinn für jeden Prinzen oder Lord gewesen. Ich selbst war mit meinem roten Haar und meiner weißen Haut für Alon genug Hauptgewinn. Die Hautfarbe, die mir die Tränke verliehen, die ich wegen meines Trachtens nach Rache nahm, hat bei den Versammlungen und Festmahlen, die Alons Gilde ausrichtete, mancherlei unverhohlene Äußerung provoziert. Ich war nicht das dralle, nett plaudernde Schmuckstück, auf das seine Standesgenossen angewiesen waren, um ihren Status widerzuspiegeln. Ich hatte jahrelangen Drill hinter mir seit meiner Zeit in der Hochkommune Jua. Allenthalben hieß es, er sei zu nachsichtig mit mir. Doch er wusste es besser. Alon wusste, was ich durchgemacht hatte. Um ihn allerdings dazu zu bringen, die Finger von anderen Frauen zu lassen, hatte es des Todes einer Konkubine bedurft.

Laun sah dabei zu, wie ich mein Kampfgebräu trank. Das Zeug besitzt die Konsistenz von Eiercreme und schmeckt nach abgekochtem Unkraut und Erde. Einfach scheußlich. Anschließend hat man stundenlang ein trockenes, kalkiges Gefühl im Hals, das es einem schwer macht zu schlucken. Dabei handelt es sich um einen Belag, der ein Anschwellen der Schleimhäute verhindert, wenn man Dämpfe oder Pulver einatmet. Natürlich wird sie mir nie die Rezeptur verraten, also kann ich es auch nicht weitergeben.

Da sind ein paar Augenblicke, in denen sich dir der Magen umdreht, ein Ekelgefühl, dass sich durch deine ganzen Gedärme frisst, allerdings weicht es bald einer Empfindung von Wärme. Und dann wird es heiß, heiß bis selbst auf die Haut, während es sich in deinem Körper ausbreitet. Adern werden dicker, Muskeln verstärken sich, und dann passiert, was einige Soldaten das »Lied der Welt« genannt haben. Das ist, wenn einem das Gebräu ins Hirn zu steigen beginnt. Nach kurzer Zeit erstrahlt eine kalte Nacht, und es scheint einem, als ob sie sich mit Lichtpunkten füllt. Man hat das Gefühl, dass ein schwarzes Tuch über dem Himmel liegt, das kurz davorsteht, zu zerplatzen und dabei eine blendende Helligkeit in die Nacht zu entlassen. Ich kann kaum beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn deine Gedanken plötzlich zu rasen beginnen und deine Wahrnehmung sich erhöht. Du meinst fast, dass der Wind selbst sichtbar wird, wenn er über die Härchen auf deinem Arm streicht und du das Gefühl hast, dass Du seine Bewegungen vorhersagen kannst.

Als wir alle unser Gebräu genommen hatten, konnten wir spüren, wie sich tief unter unseren Füßen etwas bewegte, Wasser vielleicht. Ich vermochte nun die Lagerfeuer der Karawane zu riechen. Den Duft des Fleischs, das sie brieten, den Gestank ihrer Kamele. Mir war schwindlig von dem Trank – wie jedes Mal, wenn ich ihn nehme –, und Laun und einer ihrer Leutnants namens Syle ergriffen meine Hand. Dann begannen wir zu singen. Nuschelnd, wie unerfahrene Rekruten. Das waren die »Gesänge der Selbstfokussierung«, um »das Gebräu zu versteinern«, wie es heißt. Dadurch soll man ruhig werden, alle Gedanken loslassen.

Ich folgte den anderen, als sie geduckt auf Digs Lager zuschlichen. Eine Schlucht und ein paar Dornenbüsche boten uns ausreichend Deckung vor Pfeilschüssen aus dieser Richtung. Wir waren insgesamt sieben. Die andere Seite hatte fünf Wachtposten aufgestellt. Drei befanden sich oben auf dem Kamm und sicherten in die andere Richtung, zwei Männer bewachten die Rückseite, von der aus wir uns näherten. Laun gab ein Zeichen, vorzurücken, und Syle und Omara gaben mit ihren Bögen zwei perfekte Schüsse ab. Lautlos sackten die beiden Wachen auf unserer Seite zu Boden.

Laun hatte Sorge, dass das Geräusch der Bögen die anderen Wachen aufgescheucht haben könnte. Deren Sinne waren zweifellos ebenfalls durch Tränke geschärft. Wir mussten das Lager erreichen, bevor unser Vorteil der Überraschung verschwunden war. Wir rannten los.

Im Laufen schossen Syle, Midgie und die anderen Sporenbeutel auf das Lager ab. Die Kamele begannen zu schnauben und trampelnd an ihren Stricken zu zerren. Die Karawane war alarmiert. Männer rissen ihre Zelte auf und brachten Bögen in Anschlag. Es war merkwürdig, wie langsam sie sich bewegten. Sie feuerten Pfeile ab, einige setzten vorher noch ihre Masken auf, aber es würde zu spät für sie sein. Die Pfeilspitzen hatten die Beutel aufgestochen, und ihr Inhalt breitete sich im Lager aus.

Der Kampftrank in meinen Adern hatte meine Wahrnehmung so sehr verbessert, dass ich sehen konnte, wie die Pfeile sich zitternd ausrichteten und von den Bogensehnen auf mich zu sprangen. Instinktiv wusste ich, ob ich mich fallen lassen oder weiterlaufen musste.

Schließlich erreichten wir das Lager, und wie abgesprochen hielt ich mich ein paar Schritte zurück. Ich hatte fast damit gerechnet, dass ich Angst verspüren würde, mich weggewünscht hätte. Schließlich hatte ich ein Schwert ehedem nur im Rahmen der Waffenausbildung in der Hand gehalten. Doch der Trank nahm mir alle Furcht, und ich spürte Macht, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben. Ich empfand das Verlangen zu kämpfen, zu töten, und es war überwältigend.

Zwei Männer stürzten aus einem Zelt heraus, um Syle anzugreifen, die gerade mit einer der Wachen beschäftigt war, welche unser anfänglicher Sturmlauf auf den Plan gerufen hatte. Ihr Gebräu hatte ihnen noch nicht ihre volle Kraft verliehen, wie ihr schweres Keuchen verriet. Sie waren bereit für das Tosen, aber noch um so vieles langsamer in ihren Bewegungen und Gedanken als wir. Mühelos parierte ich einen Schlag und stieß dem ersten ein paar Zentimeter meines Schwerts in die Brust, als er aus dem Zelt hervorbrach. Erschrocken taumelte der Mann zurück, erst röchelnd, dann würgend. Unser Gift war eine Farlsgrad-Rezeptur, in der ganzen Wacht dafür bekannt, dass es beim Ten-Clan besonders effizient ist.

Syle warf sich vor mich, entwaffnete den anderen, bevor sie ihn durchbohrte, während ich mich auf die erste Wache stürzte, die sich jetzt hinter Syle befand, um ihr den Rücken freizuhalten.

Weitere Gegener kamen herbeigerannt. Sie hatten auf den Wagen geschlafen, als wir zuschlugen. Doch auf keinen von ihnen passte Digs Beschreibung, von dem es hieß, er sei unnatürlich groß. Vermutlich steckte er in irgendeinem Zelt und wartete darauf, dass sein Gebräu die gewünschten Effekte zeitigte, bevor er herauskam und sich uns stellte. Schnell wie der Wind rannte ich zu dem Feuer in der Mitte des Lagers, wobei ein Pfeil, den ich nicht kommen gesehen hatte, so haarscharf an meinem Kopf vorbeisirrte, dass ich den Luftstrom im Nacken spürte. Ich schnappte mir einen Ast, an dessen Ende eine Flamme tanzte. Damit lief ich von Zelt zu Zelt und setzte sie allesamt in Brand, wild entschlossen, Digs und seine Kumpane herauszujagen, bevor sie in vollem Ausmaß auf den Schwingen ihres Kampfgebräus ritten.

Launs Truppe war den Söldnern und Clanleuten der Karawane weit überlegen. Als Digs endlich mit vier seiner Männer auftauchte, war offensichtlich, dass sie noch nicht so weit waren. Prennen, ein Bogenschütze aus Launs Rudel, sah sie und erlegte einen davon mit seinem Pfeil, ehe Digs ihn erreichte. Währenddessen stürmte ich von hinten heran und machte mit meiner Klinge ein Loch in einen weiteren von Digs Begleitern. Der dritte wirbelte daraufhin zu mir herum, aber es gelang mir immerhin, ihm dabei einen tiefen Schnitt zu verpassen. Als der vierte ihm beisprang und mich zurückdrängte, verlor ich für einen Moment die Initiative.

Es war ein prägender Augenblick meines Lebens, die erste echte Bedrohung nach vielen Jahren. Ich dachte noch viel zu sehr in den Bahnen meiner Waffenausbildung, dabei war es bei der ganzen Vorbereitung doch immer nur darum gegangen, eben nicht zu denken, sondern das Gebräu zu versteinern, wie der einleitende Gesang es verlangte. Was ich gerade erlebte, entsprach dem Unterschied zwischen der Beschreibung eines Aromas und seinem tatsächlichen Geschmack. Das Lied, von dem die Soldaten sprachen, war gesungen; zu denken bedeutete, taub dafür zu sein. Ich zwang mich, die Gegner einfach zu beobachten und ihre Bewegungen zu erspüren, sie mit wachen Sinnen vorauszuahnen.

Als schließlich einer von ihnen einen jähen Vorstoß unternahm, glitt ich geschmeidig zur Seite. Eine Parade, ein Konter, und meine Klinge pflügte durch sein Gedärm; ein leichter Zug mit meinem Arm, mit dem sie ihn aufschlitzte, dann ein gegenläufiger Schnitt in sein Bein. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich die Klinge des Anderen herabsausen und riss meine eigene hoch und blockte. Der nachfolgende Aufprall ging mir durch sämtliche Knochen. Mir wackelten die Knie, und ich geriet aus dem Gleichgewicht, als ich herumwirbelte, um die Wucht des Schlags aufzunehmen. Augenblicke gefroren, während ich meinen tauben Arm hochzubekommen versuchte, um mich vor dem zu schützen, was ich für den Todesstoß hielt. Da erstarrte der Mann plötzlich. Syles Schwert brach aus seiner Brust hervor und war so schnell wie eine Schlangenzunge wieder nach hinten verschwunden. Ich wäre tot gewesen, hätte ihr Kampfgebräu bereits die volle Wirkung entfaltet.

Ich drehte mich um und sah, dass Digs auf den Knien war, zitternd, während sein eigenes Gebräu weiter in ihm kochte und toste. Laun hatte ihm Fuß- und Handgelenke zusammenbinden lassen, und er sah aus wie ein gebändigter Bulle. Ich zweifle nicht daran, dass er es uns sehr viel schwerer gemacht hätte, wenn er sich bei unserem Überfall schon auf der Höhe seiner trankgegebenen Kampfform befunden hätte. Ich hatte viele Geschichten über seine Stärke gehört, darüber, wie gekonnt er Bergleute und Pioniere führte, und von seinen Kenntnissen aller möglichen Befestigungsanlagen und deren Schwachstellen. Manchen Sold hatten Kailens Zwanzig nur dank seiner Belagerungskünste errungen.

Und nun kniete er dort vor mir, taumelnd im Griff des Gebräus. Was für eine Kraft in einem einzigen Mann! Wie furchterregend muss es gewesen sein, den Zwanzig zu ihrer Glanzzeit gegenübergestanden zu haben, wenn sie alle mit ihm auf Augenhöhe waren oder ihm gar überlegen? Und wie berechtigt sie sich angesichts ihrer Macht und ihres Kampftranks, Kailens Glorie, gefühlt haben mussten, meines Vaters Ansinnen zu verraten. Meinen Bruder zu verraten. Und mich.

»Agenten der Wacht?«, rief er aus. »Haben wir uns etwa zwischen dem letzten Seidenkissen und unserem nächsten verlaufen?«

»Fick dich«, erwiderte Midgie.

»Genug!«, ging Laun dazwischen. Sie sah mich an. Eine Aufforderung.

»Wir sind wegen dir gekommen, Digs«, sagte ich.

Sein Blick wandte sich mir zu. Er würde mich nicht erkennen. Nicht mit der Maske, die ich noch trug, und meinen zum Zopf gebundenen Haaren.

»Ihr hättet einfach anklopfen können. Ich hab genug für euch alle in der Hose.«

»Ich hatte gehofft, du könntest mir sagen, wo ich die anderen finde, die mit dir in Kailens Zwanzig gekämpft haben.«

»Kailens Zwanzig? Die Truppe ist seit langem aufgelöst, wenn nicht größtenteils tot. Ich verstehe ja, dass Ihr mehr aus Eurem Auftrag rausschlagen wollt, als bei dem Haufen hier zu holen ist. Wenn sie auch nur annähernd gut wären, hätten sie im Krieg richtig Münze gescheffelt.«

Ich trat näher an ihn heran, getrieben von einem heftigen Verlangen, ihm wehzutun. Ich zitterte förmlich vor Gier, diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Aber ich erkannte auch, dass es sinnlos war, ihn zu schlagen, und wenn meine geballten Fäuste ihm noch so gern die Nase brechen wollten. Sein eigenes Gebräu würde ihn gegen den meisten Schmerz unempfindlich machen. Ich streckte meine Finger, versuchte die Wut, die der Trank verursachte, von mir zu streifen.

»Hündin, was würde es für mich ändern, wenn ich wüsste, wo sie sind? Ich weiß nicht, wo sie stecken, mit Ausnahme von Connas’q. Höchstwahrscheinlich hält er sich nördlich von hier auf und wartet auf die Clans – er ist ein Kind der Roten Berge, und schlimmer noch, ein Afagi. Vielleicht solltet ihr mit der Folter anfangen, um sicherzugehen, dass ich die Wahrheit sage.«

»Ich brau uns gern einen Tee, der uns beim Runterkommen hilft«, sagte Midgie, »während Ihr Euch schon mal an die Arbeit macht. Oder ich nehm ihn mir zur Brust, wenn Ihr das wünscht.«

Ich glaubte Digs. Trotzdem quälte ich ihn. Ich wollte dieses große, arrogante Schwein winseln und schreien sehen, wollte, dass er etwas von dem erlitt, was er für Gold und Silber sein Leben lang Zahllosen angetan hatte. Ich häutete ihm einen Arm fast komplett, streute Salz darauf und wurde belohnt mit einem Geräusch, das gebräugeschwängerte Soldaten zu hören begehrten. Er hatte nichts mehr über die Zwanzig zu sagen. Die Fingernägel, dann die Finger wurden langsam entfernt, und er ächzte und schwitzte. Natürlich besaß ich nicht das Geschick in dieser Kunst, um die Grenzen seines Willens aufzuspüren. Er hatte keine Antworten für mich, keinen Anhaltspunkt über Connas’q hinaus. Die Afagi, Connas’qs Clan, haben aus historischen Gründen nichts mit seinem eigenen Morafan-Clan zu schaffen. Der Ten-Clan und die Roten Berge befanden sich alle naselang immer wieder mal im Krieg. Im Übrigen vermochte ich ihm bei seinem Gebrüll und Gekreische, während ich an ihm zugange war, sowieso nicht ganz zu folgen. Ich zupfte an seinem offenen Armmuskel, um noch irgendetwas Wichtiges in Erfahrung zu bringen, und zog bereits in Erwägung, mich näher mit seinen Hoden zu befassen, als ich abzustürzen und für die Farbe zu büßen begann. Midgies Tee half, aber mein Körper versagte mir den Dienst.

Digs Kopf hing herab. Er atmete schwer, während sein eigener Fall sich ankündigte und die Schmerzen der Tortur zunahmen. Ich hätte das gern noch fortgesetzt, aber ich musste mich ausruhen. Seinen gekeuchten Beleidigungen nach zu schließen, entging ihm das nicht. Er versuchte, seine Unbeugsamkeit zu beweisen und zugleich einen beschleunigten Tod herbeizuführen. Ich sagte nichts, hob nur ein in der Nähe liegendes Schwert vom Boden auf, schwang es und trennte ihm sauber den Kopf ab. In dieser einen Hinsicht hatte er mich geschlagen, und ich heulte prompt unkontrolliert los. Laun kam zu mir herüber und hielt mich fest. Ich konnte kaum mehr stehen. Alles, von meiner Preisgabe in Schlangenwald bis hierher, da der erste der Zwanzig seinen Tod gefunden hatte, stürzte in diesem Moment auf mich ein. Dann legte sich Laun mit mir hin, bis mein Körper von den Strapazen der nachlassenden Wirkung des Tranks, dem Absturz, erschöpft genug war, dass ich einschlief – die Arme um den Hals meines Vaters gelegt, drückte ich ihn fest an mich und flehte ihn inständig an, dass er mit uns aus dem Palast herauskommen solle.

Die Güter der Karawane sorgten, zusammen mit dem Siegel des Morafan-Clans, einer Distel, für eine angenehme Reise direkt zur Grenze der Konföderation der Roten Berge. Nach meinem Absturz und dem anschließenden Schlaf, war ich mit einer gewachsenen Zuversicht aufgewacht. Mit Alons Geld und Launs Trupp, davon war ich nun überzeugt, würde ich diese Verräter zur Strecke bringen. Diese Überzeugung wurde allerdings, als wir schließlich in die Berge und Täler vorstießen, auf eine harte Probe gestellt. Für die Jagd von Konföderierten in ihrem eigenen Land brauchte es Pflanzen; Heilkraut, Alka, mehr als bloß Gifte. In diesen trockenen und steinigen Hügeln gab es wenig Bedarf für ausgeklügeltes Gift. Und kein Clan, der wusste, dass es hier Pässe und Höhlen gab, an denen man geradewegs vorbeimarschieren konnte, ohne sie zu sehen, wäre so närrisch, offen einen Feind anzugreifen.

Ein Mann aus unserer Truppe, Ry’le, war bei diesen Clans aufgewachsen, die mit ihren kleinen Herden die Höhen durchstreifen. Er wusste, dass es in dieser Gegend mit Loyalität nicht weit her war. Nicht hier, wo der Wohlstand der Küstenclans, welche die Konföderation dominierten, nicht hinreichte. Es war eine Kurzsichtigkeit, wie man sie in den Alten Königreichen nur allzu häufig antraf, aber nicht zu ändern vermochte. Connas’qs Afagi-Clan stellte eine größere Macht in der Konföderation dar. Seine Territorien lagen um die Küste herum, weit weg von dem Leid und Elend hier. Ry’le beherrschte den Dialekt gut genug, dass es für die korrekte Ansprache und das Überreichen von Geschenken reichte. Launs Führerschaft würde hier angezweifelt werden, und wenn sie keinen Respekt vor uns hatten, würden sie uns wegen der Pflanzen und Waffen, die wir bei uns hatten, jagen. Also musste Ry’le dafür sorgen, dass niemand an Laun zweifelte. Beim letzten Posten der Wacht auf unserer Route in das Ten-Clan-Gebiet hatten wir erfahren, dass Connas’q zurzeit Kundschafter anführte, die an den Grenzen nahe der Morstenspitze patrouillierten.

Es handelte sich um lang umkämpfte Ländereien, deren Grenzen die Soldaten nur zu gern von Zeit zu Zeit verletzten, um sie dann zu ihren Gunsten neu zu ziehen. Ich schätze, es stimmte, dass die hier hüben wie drüben beheimateten Clans einander besser kannten als die, die sie regierten. Die Erfüllung von Ehrenpflichten, der Handel mit Pflanzen, Ziegen und Schafen, geheime Vorratslager und Kenntnis der Pfade waren so überlebensnotwendig, dass kein Mensch hier für den Luxus von Politik Sinn hatte.

Wir hatten einen Pass genommen, der sich zum Hochland hinaufwand. Auf dem Weg lag unter vereinzelten Felsen und Überhängen immer noch Schnee vom letzten Winter. Gebirge wie dieses, so wie meine Heimat Argirwehr, waren für gewöhnlich dicht mit Kiefern bewachsen und wegen des Schnees bis ins späte Frühjahr hinein unpassierbar. Aber hier glitten Adler auf scharfen, rauen Winden dahin und hielten nach Bewegungen auf einer weiten, leeren Ebene Ausschau, die einzig von verstreutem Schiefergestein bedeckt war. Vielleicht hatte sich hier sogar einmal ein See befunden, der vor langer Zeit ausgetrocknet war. Als wir das platte Land durchquerten, sah ich das Skelett eines Fischs.

»Alle Streitkräfte, die zur Morstenspitze wollen, nehmen diesen Weg, um sich die Meilen zu ersparen, die sich die Marschroute durch Abners Ebene auf der anderen Seite schlängelt«, informierte uns Ry’le. »Falls Connas’q hier durchgekommen ist, sollten wir das erfahren.«

Wir hatten gerade den Rand eines weiteren ausgetrockneten Sees erreicht, als die vorausreitende Syle plötzlich erstarrte. Fast im gleichen Moment, als sie die Bewegung etwas voraus an den Hängen bemerkt hatte, sahen wir fünfzehn Männer und Frauen auf uns zukommen, alle mit gespannten Bögen. Ihre Gewänder und Kopftücher waren in dem gleichen Grau gefärbt wie die Steine. Einige waren dick mit Staub überzogen, der nun in bauschigen Fahnen im Winde zerstob. Sie mussten in dem Schiefergestein gesteckt und das Becken beobachtet haben.

»Afa’n il an der Wacht«, rief Ry’le. In dieser unvertrauten Sprache fuhr er fort.

Ich konnte die Namen einiger unserer Pflanzen ausmachen. Außerdem ist »Drusst«, ein Wort, dass manche, wie ich auf Alons Festmahlen gehört hatte, für »Drudha« benutzten. Launs Drudha, ein stiller und zurückhaltender Mann namens Tofi, zog sein Rezepturenbuch aus einer Tasche in seinem Umhang und wedelte damit. Sie senkten ihre Bögen und kamen, einander irgendwelche Dinge zurufend, näher. Ein paar von ihnen rannten wieder den Abhang hinauf, vermutlich zu ihrem Lager.

Ich sah zu, wie Ry’le und der Anführer der Gruppe – sein Silberhaar war mit Bändern zu drei Zöpfen gebunden, die anderen hatten alle nur einen oder zwei – einander die Hände auf die Schultern legten.

Der Anführer sagte etwas, und Ry’le wiederholte es. Zwei- oder dreimal ging das auf diese Weise hin und her, aber als sie fertig waren, befanden sich die Verhandlungen, was unsere Geschenke betraf, anscheinend in trockenen Tüchern.

»Die Afagi sind vor zwei Tagen hier durchgezogen. Acht Kundschafter, einschließlich Connas’q«, setzte uns Ry’le in Kenntnis, während diese Hirten uns zu ihrem Lager führten.

»Wie finden wir Connas’q?«, fragte ich Laun, während wir die Taschen von den Maultieren nahmen und die Pflanzen und Bacca-Vorräte präsentierten, die in diesem Hochland bares Gold wert waren.

»Du erinnerst dich doch, wie ich dir erzählte, dass Kailen seinen Trupp zusammengestellt hat, und dass er in der Lage war, mit allen möglichen militärischen Einheiten zusammenzuarbeiten. Seine Leute konnten jegliche Streitmacht in beinahe jeder Lage ausbilden, schleifen und zum Sieg führen. Was immer sie auch anpackten, seine Männer waren in allem die Besten. Unser Freund Digs dahinten zum Beispiel war Konstrukteur und verantwortlicher Baumeister zahlreicher Forts, einschließlich Fort Zandar der Razhani. Ähnliches gilt für Kheld, der einmal eine ganze Handar-Flotte aus dem Boden gestampft hat, fünfundzwanzig Schiffe. Connas’q wiederum hat drei Oberhäupter des Ten-Clans in ihren eigenen Herrscherzelten gemeuchelt. Er hat sich darauf spezialisiert, unsichtbar zu bleiben, und ist außerdem der reinste Drudha, was Kenntnisse über die lebenserhaltenden Pflanzen von Hoffnungsberg oben bei Donag bis runter zu den Viraten anbelangt. Hier, in seiner Heimat, besteht für uns so gut wie keine Chance, ihn zu finden, wenn er nicht gefunden werden will.«

Laun stopfte sich etwas Bacca in ihre Pfeife, ein altes, stummeliges Teil aus Ton, dass von Großvater und Vater auf sie übergegangen war. Acht geritzte Symbole standen für jeden Sohn und jede Tochter in der Familie und reichten hundert Sommer oder mehr zurück. Die Qualität der Pfeife war gleichsam eine Mahnung an alle kommenden Erben, eine ebensolche Klasse zu zeigen, um sich das gute Stück auch zu verdienen. Eingedenk der ganzen Kampftränke war es jedoch unwahrscheinlich, dass Laun sie an eigenen Nachwuchs weitergeben konnte. Frauen hatten nach ein paar Jahren des Soldatenlebens nur geringe Chancen, ein Kind zur Welt zu bringen. Wir bezahlen für die meisten Dinge im Leben einen weit heftigeren Preis als Männer. Auch was die Farbe angeht.

Ich teilte die Pfeife mit ihr, Bacca und Bejuco, versetzt mit ein wenig Kannab. Dann setzten wir uns unter das Vordach eines großen Zelts in dem Lager. Der Anführer der Hirten hatte all seinen Leuten befohlen, uns wie Gäste aufzunehmen.

»Du musst dir doch irgendwas überlegt haben, Laun. Dafür bezahle ich dich schließlich.«

Sie lächelte. »Der Lohn ist großzügig, aber dem, was du uns zumutest, nur angemessen. Erst recht hier. Natürlich habe ich mir etwas überlegt. Und nun nimm noch einen Zug, das wird dir an diesem öden Ort beim Einschlafen helfen. Die Tage auf diesen Berghöhen sind heiß, und in der Nacht friert man sich zu Tode. Du wirst dich an mich kuscheln müssen.«

Vier Tage später. Ein paar der Hirten blieben, wo sie waren, damit Connas’q keinen Verdacht schöpfte. Als er und seine Kundschafter sich durch einen Graben zum Lager hinabschlängelten, riefen sie den Hirten schon von Weitem zu.

Midgie, Ry’le und Fazen, ein weiterer Mann aus Launs Trupp, hatten sich, in das Felsengrau der Hirten gekleidet, hinter Felsen oder im Geröll auf den Steigungen rings um das Lager versteckt. Wir anderen hielten uns in vier Zelten auf. Laun und ich in einem, in den anderen drei jeweils einer allein.

Midgie behauptete später, Connas’q hätte seine Männer gewarnt zu fliehen, bevor wir gesehen worden waren; vermutlich habe die Abwesenheit von Kindern in dem Lager seinen Argwohn geweckt. Doch um die Zelte herum hatten wir Knöchelbrecher eingegraben und getarnt. Zwei von seinen Leuten machten mit ihnen Bekanntschaft, einer direkt vor unserem Zelt. Der fing sofort an zu brüllen und schreien; wahrscheinlich wegen der Schmerzen und um uns zu irritieren.

Ich nahm einen Mundvoll von Launs ›Belagerungsgebräu‹, ein verdünnter Kampftrank, den man über einen längeren Zeitraum nehmen kann. Wir hörten das Schwirren von Pfeilen. Midgie und die beiden anderen mussten sich aus ihren verborgenen Positionen erhoben und angefangen haben, mit Beuteln auf die Kundschafter zu schießen. Die Hirten, die leider in Mitleidenschaft gezogen wurden, rannten um ihr Leben. Aus dem Zelt nebenan war das Klirren von Klingen zu vernehmen, dann ein Ächzen, das ganz wie der letzte Atemzug eines Menschen klang. Im nächsten Moment rissen zwei von den Kundschaftern unser Zelt auf, blutige Schwerter in den Händen. Laun hatte ihren Bogen bereits erhoben, und der erste bekam einen Pfeil in die Brust. Der andere schleuderte seinen Kalkbeutel auf den Boden, und die Matte fing Feuer. Sofort füllte sich das Zelt mit Rauch, und der Mann zog sich wieder zurück und schlug die Klappe herunter, damit der Rauch nicht entwich.

Ich wollte zur Öffnung hinüberspringen, aber Laun packte meinen Arm und hielt mich zurück. Sie legte einen Finger an die Lippen, deutete auf die Zeltseite und dann auf die Klappe. Es waren zwei. Rauch brannte mir in den Augen, aber ich begriff. Laun nahm ihren Bogen und schickte zwei Pfeile in Richtung der Stelle, wo sie den anderen Kundschafter erahnte. Er wartete noch darauf, dass wir auf der anderen Seite aus dem Zelt zu entkommen versuchten, als sich ein Pfeil mit einem dumpfen Geräusch in seinen Körper bohrte. Im selben Moment stürzte Laun schon nach vorn, um das Zelt aufzuschlitzen. Der andere Kundschafter hörte uns und attackierte, kaum dass sie durch den Riss geschlüpft war. Sie wich zur Seite aus, damit ich besser hinauskam.

Draußen ließ ich meinen Blick über das Lager fliegen und sah jemanden, bei dem es sich um Connas’q handeln musste, im Schusswechsel mit Syle. Midgie und Ry’le deckten unterdes einen der Kundschafter mit Pfeilen ein, der sich auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen waren, zurückgezogen hatte. Der Mann, gut über vierzig Sommer alt und ebenso ruhig und gelassen wie Connas’q, schoss nicht übel. Kailens ehemaliger Gefolgsmann hatte uns inzwischen erblickt und rief jemand anderem aus seinem Trupp etwas zu.

Meine Fähigkeiten im Umgang mit dem Bogen waren eher bescheiden, hatte ich mich doch in den Jahren, die ich mit den Soldaten gedrillt worden war, nahezu gänzlich Schwert und Dolch gewidmet. Nichtsdestotrotz versuchte ich, Connas’q mit meinen Sporenbeuteln einzudecken, in der Hoffnung, dass die anderen das zu nutzen wussten.

Der Kundschafter stellte keine Herausforderung für Laun dar. Ein paar gekreuzte Klingen lang hielt er sich wacker, doch dann wurde er ungeduldig, ein Problem, das einige Männer haben, wenn sie gegen eine Frau kämpfen. Ein Teil ihres Verstandes weigert sich offenbar einfach, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Hiebe eines Weibes sie zu Fall bringen konnten. Laun indes hatte man gelehrt, dass Gleichgewicht wichtiger ist als rohe Kraft.

Der andere Kundschafter war zurück in die ursprüngliche Richtung geflohen, und die übrigen waren ...

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