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Schwarzer Regen & Der Duft

Informationen zum Buch

Schwarzer Regen

Der Horror wird Realität – ein tödlicher Anschlag auf eine deutsche Großstadt. Auch der Sohn des Ex-Kommissars Lennard Pauly ist unter den tausenden von Opfern. Als Pauly bei einemDer Überwachungsjob auf brisante Informationen stößt, beginnt er, an der offiziellen Erklärung eines islamistischen Attentats zu zweifeln. Während das Land von einem Feuer aus Hass und Gewalt verzehrt wird, sucht er die Wahrheit. Ist es möglich, dass die, die vom Zorn über den Anschlag profitieren, die eigentlichen Drahtzieher sind?

Der Duft

Das Böse ist stärker als der Verstand

Während Marie Escher das Zukunftspotential einer Biotech-Firma analysiert, kommt es zu einem blutigen Zwischenfall. Um die Hintergründe zu klären, reist sie mit ihrem Kollegen Rafael nach Uganda. Hier in der Wildnis Afrikas aber gelten andere Regeln, denn gegen manche Sinneseindrücke ist der Verstand völlig machtlos. Die beiden müssen um ihr Leben kämpfen und wissen: Sie allein können die Welt vor dem Chaos bewahren.

Karl Olsberg

Schwarzer Regen
Der Duft

Zwei Thriller in einem E-Book

Für meine Söhne
Konstantin, Nikolaus und Leopold.
Möge in ihrer Welt niemals
schwarzer Regen fallen.

»Auch der Hass gegen die Niedrigkeit

verzerrt die Züge.

Auch der Zorn über das Unrecht

macht die Stimme heiser.«

Bertolt Brecht

1964 veröffentlichte der japanische Schriftsteller Masuji Ibuse einen Roman mit dem Titel »Schwarzer Regen«, in dem er die Katastrophe von Hiroshima und ihre Folgen schildert. Die deutsche Übersetzung erschien im Aufbau-Verlag. Der gleichlautende Titel dieses Buches ist eine Verbeugung vor diesem großen Werk und vor allen, die mit den Folgen der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki leben mussten und müssen – den Hibakusha. Ihr Leid darf niemals in Vergessenheit geraten.

Karl Olsberg

»Die größte Sorge aller Sicherheitskräfte ist, dass innerhalb des terroristischen Netzwerkes ein Anschlag mit nuklearem Material vorbereitet werden könnte. Viele Fachleute sind inzwischen überzeugt, dass es nur noch darum geht, wann ein solcher Anschlag kommt, nicht mehr, ob.«

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble,

16. September 2007,

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Prolog

In der Mitte des leeren Hangars stand ein einzelner Tisch wie eine Insel des Lichts in einem Meer von Dunkelheit. Trotz der runden Brille und des pausbäckigen Gesichts wirkten die Züge des Mannes, der daran saß, im Licht der Stehlampe hart, beinahe dämonisch. »Oberst Markov, setzen Sie sich bitte!«

Markov warf einen misstrauischen Blick auf das mit einem schwarzen Tuch verhüllte, rollbare Metallgestell, das neben dem Schreibtisch stand. Sein Gegenüber liebte offenbar melodramatische Auftritte.

Er löste sich von den beiden Militärpolizisten, die ihn hierher eskortiert hatten, als sei er ein Spion, und machte zwei Schritte vor. »Was soll das?«, schnauzte er. »Was fällt Ihnen ein, mich so zu behandeln? Immerhin bin ich immer noch der Kommandant dieses Stützpunkts! Diese Respektlosigkeit wird Sie teuer zu stehen kommen!« Dass er eigentlich seit gestern im Urlaub sein wollte und seinem Enkelsohn Maxim für heute versprochen hatte, mit ihm angeln zu gehen, erwähnte er nicht.

Ein dünnes Lächeln umspielte die schmalen Lippen des Mannes. Er konnte kaum halb so alt sein wie Markov, aber er schien nicht im mindesten beeindruckt. »Setzen Sie sich!«, wiederholte er ruhig.

Markov war nervös, obwohl er keinen Grund dazu hatte. Die Föderale Agentur für Atomenergie Russlands, genannt Rosatom, überprüfte seinen Standort regelmäßig, und es hatte nie Beanstandungen gegeben. Er hatte seinen Laden im Griff. Es hatte im letzten Jahr nicht mal eine ernste Schlägerei gegeben, geschweige denn grobe Verstöße gegen die Vorschriften. Was also sollte dieses Schmierentheater?

Wahrscheinlich war der Grünschnabel da vor ihm neu in der Behörde und spielte sich bloß auf, um sich Respekt zu verschaffen. Vielleicht wollte er Markov auch erpressen. Selbst wenn alles in Ordnung war, konnte die Behörde eine Menge Scherereien machen. Möglicherweise hoffte er auf ein Schweigegeld. Aber da war er bei Markov, der Bestechlichkeit aus tiefster Seele verabscheute, an den Falschen geraten. Sollte die Rosatom ruhig die ganze Einheit auf den Kopf stellen – die Erbsenzähler aus Moskau würden nicht mal eine leere Wodkaflasche finden.

Er überlegte kurz, ob er die Anweisung ignorieren und stehen bleiben sollte, aber das hätte nur wie eine alberne Trotzreaktion gewirkt. Also setzte er sich auf den einfachen, unbequemen Holzstuhl. Er bemühte sich, entspannt zu lächeln. »Also, was wollen Sie von mir?«

»Über wie viele nukleare Gefechtsköpfe verfügt Ihre Einheit?«, fragte der Mann von der Rosatom. Er hatte es bisher nicht für nötig befunden, seinen Namen mitzuteilen. Aber das machte nichts – Markov würde auch so herausbekommen, wie der Typ hieß, und ihm die Hölle heiß machen. Er hatte sehr gute Kontakte ins Ministerium.

»Neunzehn«, antwortete er ohne zu zögern und sparte sich den Hinweis, dass selbst die CIA und die Internationale Atomenergiebehörde IAEO diese Information besaßen.

Der Mann von der Rosatom sah auf einen Zettel, als müsse er die Zahl überprüfen. Er nickte langsam. »Und in welchem Zustand sind diese Waffen?«

Markov erlaubte sich ein Lächeln. »In einem einwandfreien Zustand. Er wird regelmäßig überprüft.«

»Wann ist der einwandfreie Zustand der Waffen zuletzt überprüft worden?«

»Heute Morgen 6:30 Uhr. Die Sicherheitskontrollen finden zweimal täglich statt.«

Der Mann nickte wieder. »Was genau wird bei diesen Sicherheitskontrollen überprüft?«

»Einsatzbereitschaft und Schutz vor unberechtigtem Zugriff«, sagte Markov wie aus der Pistole geschossen. Das war das Mantra, das er seinen Leuten permanent einbläute. Immerhin hatten sie es hier mit den gefährlichsten Waffen zu tun, die es gab. Seine Einheit verfügte über 19 Langstreckenraketen des Typs Topol-M, von denen jede eine Reichweite von mehr als 10 000 Kilometern hatte und mit einem nuklearen Gefechtskopf ausgestattet war. Ihre Aufgabe war es, im Fall eines Nuklearangriffs eine schnelle und effektive Antwort zu garantieren und so einen Aggressor abzuschrecken – so unwahrscheinlich dieser Fall seit dem Ende des Kalten Krieges auch geworden sein mochte.

»Wie wird die Einsatzbereitschaft überprüft?«

Erleichterung machte sich in Markov breit. Er fühlte sich ein wenig wie in einer Prüfung auf der Militärakademie. Offenbar wollte die Rosatom nur wissen, ob er es mit den Sicherheitskontrollen auch wirklich genau nahm. Sie befragten ihn und sein Personal unabhängig voneinander, um sicherzugehen, dass einheitliche Standards herrschten. Das ganze Theater mit dem abgedunkelten Hangar diente nur dazu, seine Leute zu beeindrucken.

»Die Waffen sind an ein elektronisches Kontrollsystem angeschlossen. Der Zustand der Zündelektronik wird automatisch überprüft.« Er erlaubte sich ein Lächeln, kaum weniger dünn als das des Moskauers vorhin. »Immerhin können wir ja nicht ausprobieren, ob die Sprengköpfe noch explodieren, oder?«

»Und das Plutonium?«

Markov blinzelte kurz. Worauf wollte der Mann hinaus? »Was soll damit sein? Erwarten Sie von mir, dass ich überprüfe, ob es noch radioaktiv ist? Das Zeug hat eine Halbwertzeit von vierundzwanzigtausend Jahren!«

Anstatt eine Antwort zu geben, stand der Mann auf und zog das schwarze Tuch von dem Gestell neben dem Schreibtisch. Darunter kam ein Metallgerüst auf Rollen zum Vorschein, in das eine komplizierte, konisch zulaufende Apparatur eingehängt war. Markov erkannte sofort die Zündelektronik, deren Schutzabdeckung entfernt worden war, und die Drähte, die zu den Sprengzündern führten. Im Einsatzfall brachten sie konventionellen Sprengstoff am Rand einer kugelförmigen Hülle zur Explosion, der den äußeren Plutoniummantel implodieren lassen und das hochangereicherte Material im Sprengkopf bis weit über die kritische Masse hinaus verdichten würde. Eine nukleare Kettenreaktion mit einer Sprengkraft von 550 000 Tonnen TNT, beinahe dem Fünfzigfachen der Hiroshima-Bombe, wäre die Folge.

Markov sprang auf. »Sind Sie vollkommen wahnsinnig?«, schrie er. »Sie haben gegen mindestens fünfzehn Sicherheitsvorschriften und drei Gesetze verstoßen, indem Sie den Gefechtskopf hierher in einen ungeschützten Flugzeughangar gebracht haben! Was, wenn der Standort jetzt angegriffen wird? Was, wenn Terroristen hier eindringen und den Gefechtskopf stehlen? Und außerdem strahlt das Zeug wie ein Politiker vor der Wahl, verdammt noch mal! Ich habe keine Lust, kurz vor meiner Pensionierung noch an Leukämie zu erkranken!«

»Setzen Sie sich bitte«, sagte der Mann von der Rosatom ohne das geringste Zeichen der Beunruhigung. Entweder war er völlig naiv und blöde, oder …

Schweißperlen traten auf Markovs Stirn, als ihm die Bedeutung der Anwesenheit der Bombe und der merkwürdigen Fragen des Mannes klar wurde. »Das … das ist eine Attrappe, oder?«

Der Mann aus Moskau nickte nur, ohne zu lächeln.

»Und warum haben Sie die hierhergebracht?«

»Sie sind ein intelligenter Mann, Oberst. Sie kennen die Antwort längst.«

Markov schluckte. »Wie viele?«

»Drei.«

Er zuckte zusammen. Drei! »Wann?«

»Ich hatte gehofft, das von Ihnen zu erfahren.«

Markov stützte den Kopf auf die Hände. Er schwieg einen Moment. Er brachte es nicht fertig, den Mann anzusehen. »Ich … ich hatte keine Ahnung«, sagte er schließlich. Seine Stimme klang dünn und brüchig.

»Ich glaube Ihnen«, sagte der Fremde. Seine Stimme klang beinahe bedauernd. »Aber ich fürchte, das wird Ihnen wenig nützen.«

Markov fühlte sich, als sei sein Körper bereits vollkommen verstrahlt. Ihm war übel, und ein tonnenschweres Gewicht schien ihn in den harten Holzstuhl zu drücken. »Ich … ich bin seit dreieinhalb Jahren der Kommandant hier«, erklärte er, obwohl er sicher war, dass die Rosatom das genau wusste. »Vor mir war es Generalmajor Oljakov. Er leitet jetzt die Abteilung für strategische Planung im Verteidigungsministerium.«

»General Oljakov hat sich vor drei Tagen umgebracht«, sagte der Moskauer ohne spürbare Emotion. »Zumindest deuten die äußeren Umstände auf Selbstmord hin. Wir schließen ein Fremdverschulden aber nicht aus.«

»Deshalb also die unangekündigte Überprüfung«, sagte Markov.

Der Mann nickte. »Wir halten es für wahrscheinlich, dass die Gefechtsköpfe bereits vor mehr als fünf Jahren ausgetauscht wurden.«

»Trotzdem wird man mich zur Rechenschaft ziehen«, sagte Markov mehr zu sich selbst. »Ich hätte jede dieser verdammten Höllenmaschinen bei meinem Dienstantritt auseinanderbauen und hineinsehen sollen! Was haben die da rein getan, damit die Gewichtskontrolle nicht anschlägt? Blei?«

»Schwach angereichertes Uran. Selbst mit einem Geigerzähler kann man die Attrappe kaum von einem echten Sprengkopf unterscheiden.«

Also strahlte die Attrappe doch radioaktiv. Der Mann aus Moskau hatte entweder gute Nerven, oder er trug unter seinem glattgebügelten Anzug einen Bleischutz. Verdammtes Arschloch!

»Kann ich jetzt gehen?«

»Oberst Markov, Sie stehen ab sofort unter Arrest. Ihnen wird vorgeworfen, gegen die Vorschriften zur Sicherung nuklearer Waffen sowie gegen das Waffengesetz verstoßen zu haben.«

Markov sprang auf, so dass sein Stuhl polternd umfiel. Das Geräusch hallte in dem leeren Hangar lange nach. »Aber Sie haben doch gerade gesagt, Sie glauben mir, dass ich von der Sache nichts wusste! Dass Oljakov sich umgebracht hat! Dass der Austausch der echten Gefechtsköpfe gegen diese Attrappen lange vor meiner Zeit hier geschehen ist!«

»Das ist bis jetzt meine Theorie. Aber die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, und das Militärgericht wird sich am Ende ein eigenes Urteil bilden.« Der Mann aus Moskau nickte kurz den beiden Militärpolizisten zu, die die ganze Zeit unbeteiligt hinter Markov gestanden hatten. »Nehmen Sie den Oberst in Gewahrsam!«

t-

1.

Lennard Pauly hob das Fernglas. Er war durch einen Vorhang und eine große Topfpflanze vor Blicken von außen geschützt. Von seiner Position aus konnte er den Innenhof des wie ein U geformten Wohnblocks und die Fenster des gegenüberliegenden Flügels gut überblicken.

Im achten Stock saß die alte Frau Zengeler an ihrem Küchenfenster und löste wie immer ein Kreuzworträtsel. Sie tat es mit einer verbissenen Ernsthaftigkeit, als hinge ihre Rente davon ab, dass sie auch den letzten Begriff herausbekam. Sie sah nie in ein Lexikon, rief nie jemanden an, um zu fragen. Manchmal saß sie eine Viertelstunde reglos da und starrte auf die Zeitschrift vor sich, bis sie endlich den Stift in die Hand nahm und etwas hinkritzelte. Dann löste sich ihre Anspannung für einen Augenblick, und über das runzlige Gesicht floss ein zufriedener Ausdruck, der jedoch nie länger als ein paar Sekunden anhielt.

In der Etage darunter hängte eine Frau die Wäsche für ihre siebenköpfige Familie auf den Balkon. Sie waren erst vor kurzem hergezogen, und Lennard hatte sich den neuen Namen auf dem Klingelschild noch nicht notiert. Die Frau war nicht gerade hübsch, mit plumper Figur, dunkler Haut und krausen schwarzen Haaren, die sich durch das Gummiband an ihrem Hinterkopf kaum bändigen ließen. Doch ihre Bewegungen waren schnell und geschickt, zeugten von der Kompetenz einer Mutter, die ihr enormes Arbeitspensum nur bewältigen konnte, wenn sie äußerst effizient vorging. Sie schaffte es immer, den Haushalt in Ordnung zu bringen, bevor ihre fünf Kinder aus der Schule und ihr Mann von der Frühschicht nach Hause kamen. Danach ging sie selbst arbeiten, wohin, wusste Lennard noch nicht. Ihr Mann verbrachte den Rest des Tages meist vor dem Fernseher, während die Kinder ihre Hausaufgaben machten, draußen Fußball spielten oder sich zankten. Eine ganz normale, intakte Familie.

Ganz anders ihre Nachbarn, ein junges Paar, das sich permanent stritt. Die junge Frau hatte oft blaue Flecken an den Armen und im Gesicht. Vor geraumer Zeit hatte Lennard sie im Supermarkt angesprochen. Sie hatte sich wortlos abgewandt, aber ihm waren die Tränen in ihren Augen nicht entgangen.

Seine Augen wanderten wieder hinab zur Grünanlage mit dem kleinen Spielplatz. Eine Frau Anfang dreißig mit olivfarbener Haut und langen, lockigen schwarzen Haaren tollte mit ihrem etwa sechsjährigen Sohn herum. Fabienne Berger. Sie arbeitete halbtags als Verkäuferin in einem Blumengeschäft.

Ein warmer, nicht unangenehmer Schmerz durchdrang Lennards Brust, als er die Fröhlichkeit auf ihrem hübschen Gesicht sah, während sie mit dem Kleinen Fangen spielte. Ihre Bewegungen waren anmutig wie die einer Tänzerin. Selbst ihre gespielte Ungeschicklichkeit, wenn sie zum Schein stolperte und der Länge nach auf den Rasen schlug, wirkte elegant. Lennard glaubte, ihr helles Lachen bis hinauf in seine Wohnung hören zu können.

Fabienne Berger tobte mit ihrem Sohn in der Sandkiste herum, als sich eine weitere junge Frau näherte. Sie hieß Nora Linden, war blond und etwas pummelig, bei weitem nicht so hübsch wie Berger. Die beiden waren eng befreundet und halfen sich oft gegenseitig bei der Beaufsichtigung ihrer Kinder. Linden hatte eine Tochter im selben Alter wie Bergers Sohn.

Berger stand auf, klopfte sich den Sand von der Jeans und ging lächelnd auf ihre Freundin zu. Doch als die beiden sich einander näherten, schien ein Schatten über ihr Gesicht zu fallen. Sie redeten miteinander. Nora Linden wirkte aufgeregt – etwas musste vorgefallen sein. Berger legte eine Hand auf die Schulter ihrer Freundin, wie um sie zu beruhigen.

Lennard griff nach dem Richtmikrofon, das neben ihm auf der Heizung lag, schaltete es ein, steckte sich die winzigen Hörer in die Ohrmuscheln und öffnete das Fenster einen Spalt weit. Es dauerte einen Moment, bis er das stabförmige Mikrofon so ausgerichtet hatte, dass er über die Hintergrundgeräusche hinweg verstehen konnte, was die beiden sagten.

»… schon gemacht. Aber da ist … sie auch nicht.« Das war Nora Lindens Stimme. Ihre Worte wurden von kurzen Aussetzern unterbrochen, Schluchzer wahrscheinlich. »Ich hab … wirklich schon überall … rumgefragt.«

»Was ist mit deinem Ex?«, fragte Fabienne Berger. Selbst durch das stark verzerrende Mikrofon klang ihre Stimme weich und melodisch. Eine Sängerin und Tänzerin hätte sie sein sollen, anstatt Blumen zu verkaufen.

»Daran hab ich natürlich auch sofort gedacht. Ich habe mehrmals versucht, ihn anzurufen, aber er geht nicht ran. Ich hab ihm auf die Mailbox gesprochen, aber du kennst ihn ja. Er ist so ein unzuverlässiger Mistkerl! Er hat Yvi schon mal unangemeldet von der Schule abgeholt. Damals hab ich mir auch schreckliche Sorgen gemacht.«

»Na siehst du! Bestimmt ist sie bei ihm, und die beiden sind zu Hagenbeck gegangen oder so.«

»Aber was ist, wenn nicht?« Nora Linden brach in Tränen aus. »Wenn es … wenn sie nun …« Sie brachte es nicht über sich weiterzusprechen.

Fabienne Berger nahm ihre Freundin in den Arm. »Warst du schon bei der Polizei?«

Es dauerte einen Moment, bis Linden antwortete. »Ja. Sie haben gesagt, ich soll erst mal überall rumfragen.« Sie schluchzte. »Sie sagen, über neunzig Prozent … der verschwundenen Kinder tauchen … tauchen nach ein paar Stunden von selbst wieder auf. Vor heute Abend können sie nichts machen, hat der Beamte gesagt. Oh, Fabienne, ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll!«

Berger hob den Kopf und ließ den Blick über den Wohnblock schweifen. Für den Bruchteil einer Sekunde schien sich ihr Blick mit Lennards zu kreuzen, und obwohl er wusste, dass sie ihn hinter seinem Vorhang nicht sehen konnte, zuckte er zusammen. »Komm, wir gehen jetzt erst mal rein, und dann überlegen wir noch mal systematisch, wo sie sein könnte.«

Die beiden Frauen gingen Arm in Arm zurück ins Haus. Der kleine Junge folgte ihnen mit verunsichertem Blick. Lennard sah ihnen nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden waren. Dann legte er Fernglas und Richtmikrofon auf ihren gewohnten Platz auf der Fensterbank und ging zu dem kleinen Schreibtisch im Schlafzimmer.

Die dunklen Vorhänge waren wie immer zugezogen, das Bett unordentlich. Schmutzige Wäsche lag vor dem Schrank auf dem Boden. Er hatte ein leicht schlechtes Gewissen beim Anblick der Unordnung, obwohl es niemanden gab, der ihn dafür hätte kritisieren können. Er setzte sich an den Schreibtisch und warf einen Blick auf die über hundert Farbausdrucke, die fast die ganze Wand bedeckten: Bilder von seiner Digitalkamera in unterschiedlichen Größen. Sie waren aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen – von oben, von der Seite, von hinten oder von schräg unten; einige mit dem Teleobjektiv aus so großer Entfernung, dass die Bilder seltsam flach wirkten. Sie zeigten Menschen beim Herausbringen des Mülls, beim Gassi gehen mit dem Hund oder schwer beladen mit Einkaufstüten. Manche Bilder waren durch geöffnete Wohnungsfenster hindurch aufgenommen worden und zeigten die Bewohner beim Kochen, beim Bügeln, beim Staubsaugen oder vor dem Fernseher. Keiner der Fotografierten lächelte in die Kamera.

Da war die alte Zengeler beim Kreuzworträtsellösen, den Bleistift in den Mundwinkel gedrückt, die Augenbrauen in Konzentration herabgezogen. Dann die junge Frau mit dem unaussprechlichen Namen aus Portugal, die im Erdgeschoss wohnte und sich ihr Studium als Callgirl finanzierte. Sie trug auf dem Bild einen billigen Kunstpelz. Ihre blondierten Haare bildeten einen unnatürlichen Kontrast zu ihrer dunklen Haut.

Auf einem Foto dicht neben dem Türrahmen sah Herr Herder aus dem Fenster seiner Dachgeschosswohnung im neunten Stock. Das war alles, was er den ganzen Tag tat. Er hatte seine Frau und zwei Kinder bei einem Autounfall verloren. Er war selbst gefahren und trug die Schuld an dem Unfall, das hatte er Lennard mit tonloser Stimme erzählt, im Aufzug, eine Tüte mit leeren Flaschen für den Glascontainer in der Hand. Er erzählte es jedem; es waren die einzigen Worte, die die anderen Hausbewohner von ihm zu hören bekamen. Seine Stimme war dabei klar und deutlich wie die eines Nachrichtensprechers, ohne jegliches Zittern, doch seine Augen waren leer wie ausgetrocknete Teiche. Warum er sich nicht schon längst umgebracht hatte, wusste Lennard nicht.

Fabienne Bergers lächelndes Gesicht war der Kontrapunkt zu Herders Verzweiflung. Es tauchte auf mindestens einem Dutzend Bildern auf. Auf einem davon stand sie neben ihrer Freundin bei einer spontanen Grillparty auf dem Rasen, in der Hand einen Plastikbecher mit Rotwein. Lennard erinnerte sich, dass es eine Menge Ärger mit der Hausverwaltung gegeben hatte, weil irgendein Betrunkener den Grill umgekippt und die Kohle einen hässlichen schwarzen Brandfleck auf dem Rasen hinterlassen hatte. Auf einem anderen, wegen der Entfernung etwas unscharfen Foto warf sie ihren Sohn, damals drei Jahre alt, in die Luft. Das musste gewesen sein, kurz nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Trotzdem wirkte sie auf dem Bild ausgelassen, unbeschwert. Es war eines seiner Lieblingsfotos. Es erinnerte ihn daran, dass es bei aller Trübsal glückliche Momente im Leben gab. Momente, in denen man vergaß.

Sein Blick blieb an einem schlaksigen Mann Mitte dreißig mit langem, fettigem Haar hängen. Lennard hatte ihn im Verdacht, mit Drogen zu handeln, doch er war ihm noch nicht auf die Schliche gekommen.

Dann war da dieser Junge, Jonas Dinkel. Er musste etwa Bens Alter haben. Er tauchte auf zwei Fotos auf: einmal als Elfjähriger mit langen Haaren, wie er mit ein paar Freunden auf der Grünfläche Fußball spielte; ein zweites Mal vor etwa einem Monat, als er mit einer Gruppe von Glatzköpfen in Springerstiefeln eine junge dunkelhäutige Frau mit Kinderwagen anpöbelte, eine zerbeulte Bierdose in der Hand.

Von Ben hing kein Bild an der Wand, ebenso wenig wie von Martina. Sie hätten in die Kamera geblickt, gelächelt – vor dem Weihnachtsbaum, am Strand, beim Spaziergang in den Alpen. Es hätte zu weh getan.

Er senkte den Blick auf das blasse Glühen seines Laptops. Das Gespräch der beiden jungen Frauen hatte etwas in ihm ausgelöst. Eine Erinnerung, schwach und schemenhaft, irgendwo tief in seinem Gedächtnis vergraben. Er hatte sie nur flüchtig wahrgenommen, wie eine Bewegung am Rand des Blickfelds. Doch je mehr er darüber nachdachte, je gezielter er danach suchte, desto weiter schien sich der Gedanke zu entfernen. Er wusste nur, dass er irgendwann etwas gesehen hatte, etwas Wichtiges.

Die Fotos auf seiner Festplatte waren chronologisch abgelegt, für jeden Monat ein Verzeichnis. Daneben gab es auch Ordner für einzelne Personen, in denen er Kopien der Bilder ablegte. Insgesamt befanden sich mehr als siebentausend Fotos auf seinem Laptop und ein Mehrfaches davon auf den Archiv-DVDs in der Schreibtischschublade.

Er ging unsystematisch vor, sprang in der Zeit vor und zurück, klickte wahllos auf die Miniaturansichten der Bilder, um sie einen Moment bildschirmfüllend zu betrachten und kurz darauf das Fenster in die Vergangenheit wieder zu schließen. Er hoffte, auf diese Weise die flüchtige Erinnerung aus den Tiefen seines Gedächtnisses hervorlocken zu können, wo sie sich wie ein scheues Tier verborgen hielt.

Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er zusammenzuckte, als es an der Tür klingelte.

2.

Das gewaltige Säulenportal der Villa wirkte einschüchternd. Vor über hundert Jahren hatte sie ein Hamburger Reeder bauen lassen, der mit dem Import von Kaffee, Tabak und Gewürzen ein Vermögen gemacht hatte. Der Zweck dieses Hauses war es von Anfang an gewesen, Normalsterblichen vor Augen zu führen, wie klein und unbedeutend sie gegenüber seinem Besitzer waren.

Doch die Zeiten hatten sich geändert. Die Schönen und Reichen waren alles andere als bessere Menschen – niemand wusste das so genau wie Corinna Faller. Sie war hier, um einen Blick hinter die Fassade zu werfen, und sie war sicher, dass sie auch diesmal etwas finden würde, irgendein Stück Schmutz, auf das sich ihre Leser stürzen würden wie die Fliegen auf Hundekot. Nichts liebten die Käufer des Wochenmagazins Rasant mehr, als mit anzusehen, wie ein gefeierter Promi von seinem Sockel gestürzt wurde.

Sie warf einen kurzen Blick zu Andreas, dem Fotografen, wie um sich zu vergewissern, dass er bereit war für einen erneuten Angriff auf die Privatsphäre reicher Schnösel. Dann klingelte sie. Ein tiefer, melodischer Gong erklang – ein echter aus Metall, nicht so ein modernes, quäkendes Elektroding. Nur wenige Sekunden später öffnete sich die Tür.

Es war Heiner Benz selbst, der sie hereinbat. Er trug eine Jeans von Boss, ein Ralph-Lauren-Polohemd und eine Breitling-Uhr. Hochwertige Markenprodukte, aber nichts Extravagantes.

»Guten Tag, Frau Faller.« Der Druck seiner großen Hände war herzhaft, aber nicht zu fest. Auch Andreas begrüßte er mit einem jovialen Lächeln. »Kommen Sie bitte herein.«

Widerstrebend musste sich Faller eingestehen, dass ihr Benz nicht unsympathisch war. Er wirkte offen, uneitel, charmant. Er war groß, hatte eine breite Statur und einen deutlichen Bauchansatz, aber sein Lausbubenlächeln und das krause nussbraune Haar ließen ihn noch jünger wirken als seine gerade mal neununddreißig Jahre. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er einer der reichsten Männer Deutschlands war.

Er führte sie durch eine großzügige Diele. Dahinter lag ein Wohnzimmer mit hohen Wänden und altem Holzfußboden. Bodentiefe Sprossenfenster boten einen eindrucksvollen Blick auf einen weitläufigen Garten, nein, eher einen kleinen Park. Dahinter erstreckten sich die Elbe und das Krangewirr des Hamburger Containerhafens.

Moderne, helle Sofas bildeten einen reizvollen Kontrast zu einem uralten Eichenschrank mit aufwändigen Wappenschnitzereien. An einer Wand stand ein schlichtes weißes Bücherregal, das ohne weiteres von IKEA hätte stammen können. Die Dekoration war sparsam, nur drei weiße Orchideen und ein goldener Buddha standen auf niedrigen Tischen. Ein abstraktes Gemälde mit knallbunten, organisch geschwungenen Formen dominierte die Wand. Nirgendwo war auch nur die geringste Spur von Kitsch zu finden. Andererseits hatte das Zimmer auch nicht die sterile Schöner-Wohnen-Atmosphäre, die Innenarchitekten und professionelle Raumgestalter oft hinterließen. Wer diesen Raum gestaltet hatte, besaß Geschmack und lebte offensichtlich gern hier.

Auf dem flachen Tisch lagen ein paar abgegriffene Zeitschriften: Vogue, Der Spiegel, The New Yorker. Die Rasant war nicht dabei. Diese Leute hatten es nicht nötig, sich einer Klatschjournalistin anzubiedern.

»Nehmen Sie doch bitte Platz. Ich sage meiner Frau Bescheid. Möchten Sie Kaffee?«

»Nein danke, nur ein stilles Wasser«, sagte Faller. Sie bedeutete Andreas mit einem Kopfnicken, ein paar Fotos von dem Raum zu machen, bevor das Interview begann. Besonders von dem Bild – sie würde später den Kunstexperten in der Redaktion fragen, wer es gemalt hatte und wie teuer es war.

Kurz darauf kam Benz mit einem Tablett zurück, gefolgt von seiner Frau Eva. Der Raum schien sich subtil zu verändern, als sie eintrat, so als habe bisher etwas Entscheidendes gefehlt. Faller kannte sie natürlich von den Titelseiten der Magazine und aus dem umfangreichen Dossier in der Redaktion, aber sie war ihr nie zuvor persönlich begegnet. Jetzt begriff sie plötzlich, warum Eva Benz einmal zu den schönsten Frauen der Welt gezählt hatte. Auch Jahre nachdem sie ihre Modelkarriere beendet hatte, war sie noch immer eine mehr als eindrucksvolle Erscheinung.

Das Faszinierendste waren ihre Augen. Wie zwei lupenreine, sehr helle Smaragde schienen sie das Licht einzufangen und von innen zu leuchten. Das lange rotblonde Haar und ihre sommersprossige Haut, ihr einfaches, beigefarbenes Sommerkleid waren nur der Rahmen, eine schlichtschöne Fassung für diese beiden Juwelen. Schminke oder Schmuck hätten davon nur unnötig abgelenkt. Ihr Lächeln schien die Anwesenden zu berühren wie eine zärtliche Hand.

Faller lächelte ebenfalls, fast gegen ihren Willen. Sie wusste, dass sie mit ihren schwarzglänzenden, schulterlangen Haaren und den großen braunen Augen selbst ziemlich attraktiv aussah, doch gegen Eva Benz verblasste sie wie eine Primel neben einer Orchidee. Früher hatte sie selbst von einer Modelkarriere geträumt, doch es hatte nur zur »Miss Eckernförde« gereicht.

Das vertraute Gefühl von Neid stieg in ihr auf. Sie verdrängte es rasch und ergriff Eva Benz’ ausgestreckte Hand. »Vielen Dank, dass Sie unseren Lesern einen kleinen Blick in Ihr Privatleben gewähren!«

Eva Benz lächelte schüchtern, als könne sie nicht verstehen, warum sich irgendjemand für ihr Privatleben interessierte. »Setzen Sie sich doch!«

Faller folgte der Aufforderung und stellte ein kleines Diktiergerät auf den Tisch. Das Spiel begann.

Nach ihrer Erfahrung gab es zwei Kategorien von Prominenten: Anfänger und Profis. Diejenigen, die erst vor kurzem zu Reichtum und Berühmtheit gelangt waren, genossen die Aufmerksamkeit der Presse, kannten die Fallstricke noch nicht. Sie trugen auffällige Kleidung, teuren Schmuck, intensives Parfüm. Sie ließen sich Haare und Fingernägel modisch aufpeppen, fuhren Autos, die sonst nur Zuhälter fuhren, lachten laut und oft, ließen sich in der Öffentlichkeit bewundern und feiern und hielten sich insgesamt für unbesiegbar. Ganz anders die Profis – Politiker, der Hochadel, ältere, erfahrene Stars aus Film und Musik: Sie achteten auf jedes Wort, jede Bewegung. Sie bemühten sich, tiefzustapeln, ihren Reichtum oder ihre Berühmtheit nicht zu offen zur Schau zu stellen. Sie waren dezent, freundlich, aufmerksam, gaben dem Gegenüber das Gefühl, wichtiger zu sein als sie selbst, und wussten, dass sie damit ihre eigene Bedeutung erst recht hervorhoben. Ihre Masche war subtiler, aber für eine erfahrene Journalistin genauso durchsichtig. Sie respektierten Faller, wie man einen bissigen Hund respektiert.

Heiner Benz und seine Frau waren eindeutig Profis. Es würde nicht leicht werden, ihnen einen verwertbaren Satz zu entlocken.

Faller eröffnete mit einer Standardfrage. »Würden Sie unseren Lesern verraten, wie Sie sich kennengelernt haben?«

Eva Benz sah ihren Mann an, ließ ihm den Vortritt. Das sagte einiges über die Machtverhältnisse in ihrer Beziehung aus. »Das war in München, auf einer Benefizveranstaltung«, sagte er. »Mir wäre beinahe das Sektglas aus der Hand gefallen, als ich Eva das erste Mal sah.« Er grinste.

»War es Liebe auf den ersten Blick?«

»Bei mir schon.«

Eine wunderbare Vorlage! Faller wandte sich demonstrativ zu Eva Benz um. »Und bei Ihnen?«

»Ehrlich gesagt, fand ich Heiner zuerst ziemlich langweilig«, sagte sie in fröhlichem Plauderton. Ihr Mann stieß ein kurzes, dröhnendes Lachen aus. Faller stimmte pflichtschuldig ein. »Aber Heiner ist sehr hartnäckig. Wenn er etwas haben will, bekommt er es früher oder später auch. Das hat mir imponiert!« Sie setzte sich demonstrativ näher zu ihm, küsste ihn auf den Mund. Andreas’ Kamera klickte mehrfach.

Nach dem Himmel auf Erden klang das nicht gerade. Aber Eva Benz’ entwaffnende Offenheit machte es schwierig, einen Keil zwischen die beiden zu treiben und über einen Streit zu den wahren Menschen hinter der Fassade vorzudringen. »Haben Sie ihn deswegen geheiratet?«, fragte Faller mit der winzigsten Andeutung von Skepsis in ihrer Stimme.

»Ja«, sagte Eva Benz rundheraus.

Faller entschied, das übliche harmlose Geplänkel zu überspringen und direkt zum Angriff überzugehen. »Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage. Haben Sie sich nie Kinder gewünscht?«

Es war eine provozierend indiskrete, eine geradezu unverfrorene Frage, der durch die vorausgehende Entschuldigung kaum die Schärfe genommen wurde. Immerhin konnte es ja sein, dass Benz oder seine Frau unfruchtbar waren. Aber es war auch eine gute Möglichkeit, die beiden aus der Reserve zu locken, falls der Grund war, dass einer von beiden Kinder wollte und der andere nicht. Nach Fallers Erfahrung gab es in einer Beziehung kaum ein Thema, das so schnell die Emotionen hochkochen ließ.

Heiner Benz’ Gesicht verspannte sich leicht. Treffer! Doch nach einer halben Sekunde des Zögerns entschärfte seine Frau die Situation gekonnt. »Wir sind uns selbst genug!«

Er legte seinen Arm um sie und grinste zufrieden.

Faller entschied, einen Gang zurückzuschalten. Wenn ihre Überrumpelungstaktik nicht funktionierte, musste sie versuchen, die beiden einzulullen. Sie stellte Fragen zu Eva Benz’ steiler Modelkarriere, zum geschäftlichen Erfolg ihres Mannes, den dieser mit einer 1997 gegründeten Internetfirma erzielt hatte. Die beiden tauten spürbar auf, als sie über ihre gute Seite schwadronieren konnten. Faller wusste, dass nichts von dem, was in dieser halben Stunde gesprochen wurde, verwertbar war – die Rasant-Leser wussten das alles schon. Sie wollten etwas Überraschendes, Neues. Bisher war das Interview in dieser Hinsicht eine Pleite.

Sie versuchte es mit Politik – neben Religion und Sex eines der Tabuthemen für ein belangloses Plaudern, und damit umso interessanter für eine Journalistin. »Ich nehme an, Sie haben davon gehört, dass das Bundesverfassungsgericht gegen den Bau einer Moschee in Moosenheim entschieden hat. Was halten Sie von diesem Urteil?«

Faller hatte keine wirkliche Hoffnung, dass die Antwort auf diese Frage interessant ausfallen würde. Umfragen hatten gezeigt, dass sich die weitaus meisten Deutschen über das Urteil freuten, während es in der moslemischen Bevölkerung wütende Proteste hervorrief. Doch kaum jemand gab seine Ablehnung des Islam offen zu. So erwartete sie ein butterweiches, politisch korrektes Statement. Doch die Veränderung in Benz’ Gesicht zeigte ihr, dass sie sich geirrt hatte.

»Das Urteil war überfällig«, sagte er und ignorierte den warnenden Blick seiner Frau. »Ich habe nichts gegen Ausländer. Allein in meiner Firma beschäftige ich Menschen aus fünfzehn Nationen, unsere Niederlassungen auf der ganzen Welt nicht mitgerechnet. Aber das heißt ja nicht, dass wir Deutschen unsere kulturelle Identität aufgeben müssen. Fliegen Sie mal nach New York: ein Schmelztiegel von Menschen aus aller Herren Länder, und dennoch spürt man jede Sekunde die alles durchdringende Identität Amerikas, den unglaublichen Stolz der Menschen auf ihr Land. Wenn Sie mich fragen, dann haben wir Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg viel zu viel Angst davor, deutsch zu sein. So als sei das etwas Schlimmes, bloß weil wir mal einen irren Diktator hatten. Schauen Sie sich an, was die Russen in Sibirien angestellt haben oder die Amerikaner mit den Schwarzen und den Indianern. Haben die deswegen etwa einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex? Kein bisschen!«

Sieh mal einer an, dachte Faller und unterdrückte ein Grinsen, Heiner Benz, der Wohltäter, der sich so gern in der Öffentlichkeit als großzügiger Spender feiern ließ, war ein verkappter Nationalist! Faller grinste innerlich. »Sie sind also der Meinung, dass Türken in Deutschland leben und arbeiten dürfen, aber ihre Kultur und Religion besser zu Hause lassen sollen?«

»Das habe ich nicht gesagt!« Benz’ Gesicht lief rot an. Er wandte sich an seine Frau. »Habe ich das etwa …?«

»Was mein Mann meint, ist …«, sprang sie ein, doch Benz unterbrach sie.

»Was ich meine, ist: Türken oder Rumänen oder Albaner sollen gerne in Deutschland leben. Aber sie müssen unsere Kultur respektieren und sich ihr auch ein Stück weit unterordnen. Ich habe nichts dagegen, dass sie hier ihrer Religion anhängen, und auch nichts gegen Moscheen in Deutschland. Aber die Bürger einer deutschen Stadt müssen schon darüber entscheiden dürfen, ob sie eine Moschee vor der Nase haben wollen oder nicht! Immerhin hat das Bundesverfassungsgericht ja nicht gesagt, dass da keine Moschee gebaut werden darf. Sie haben nur klargestellt, dass die Bürger der Stadt das Recht haben, darüber zu entscheiden. Da ist doch wohl überhaupt nichts gegen zu sagen! Wenn sich dann einige Moslems entscheiden, nicht in dieser Stadt leben zu wollen, ist das ihr gutes Recht. Letztlich ist das Angebot und Nachfrage – will ich als Stadt in Deutschland mit einer Moschee Ausländer als günstige Arbeitskräfte anlocken oder nicht?«

Das war eine ziemlich zynische Sichtweise. Faller empfand ein Hochgefühl. Aus dieser Aussage würde sich sicher etwas machen lassen. »Aber was ist mit den Moslems, die schon lange in Moosenheim leben?«, fragte sie. »Wollen Sie die jetzt nach Hause schicken?«

»Natürlich nicht! Aber die sind doch bisher auch ohne Moschee ausgekommen. Warum soll das in Zukunft nicht möglich sein?«

»Soweit ich weiß, wurde die alte Moschee abgerissen, weil sie in einem asbestverseuchten Gebäude untergebracht war.«

»Na, dann müssen die eben eine neue Lösung finden, die mit dem Stadtbild von Moosenheim vereinbar und im Stadtrat mehrheitsfähig ist!«

Faller beglückwünschte sich selbst. Das Thema war eine Goldmine! »Nach meinen Informationen hat die islamische Gemeinde mehrere Entwürfe eingereicht, davon sogar einen, der von außen überhaupt nicht als Moschee zu erkennen gewesen wäre, ohne Minarette oder andere äußere Kennzeichen. Sie sind alle abgelehnt worden.«

Bevor sich ihr Mann weiter in Rage reden konnte, sprang Eva Benz ein. Ihre hellgrünen Augen blitzten – sie hatte genau begriffen, was Faller vorhatte. »Das Bundesverfassungsgericht hat sich bestimmt sehr ausführlich mit den Fakten beschäftigt. Die Richter haben sicher gute Gründe, dem Stadtrat recht zu geben.«

Faller nickte. »Das Bundesverfassungsgericht sagt in der Begründung ausdrücklich, dass das Urteil nicht bedeute, die Ablehnung der Baugenehmigung durch den Stadtrat sei baurechtlich oder moralisch korrekt. Sie weisen lediglich die Verfassungsbeschwerde der islamischen Gemeinde zurück und verweisen auf das lokal gültige Baurecht.«

»Na sehen Sie!«, sagte Heiner Benz.

»Wir wissen beide sehr wenig über den Fall«, warf seine Frau ein. »Und ich bin sicher, dass sich Ihre Leser kaum für unsere politische Meinung interessieren!« Ihr Tonfall war immer noch freundlich, aber die unterschwellige Warnung war unüberhörbar: Wenn Faller jetzt nicht das Thema wechselte, war das Interview beendet.

»Natürlich nicht«, stimmte sie zu, obwohl sie wusste, dass ihre Leser sich sehr wohl dafür interessierten, vor allem, wenn sie Benz’ Aussagen in ihrem Bericht noch etwas zuspitzte. »Kommen wir wieder zurück zu Ihrem Privatleben. Herr Benz, hat es Sie eigentlich nie gestört, dass Ihre Frau früher Sexfilme gedreht hat?«

Keine zwei Minuten später standen Faller und ihr Fotograf auf der Straße außerhalb des Grundstücks. Sie konnte ein zufriedenes Grinsen nicht unterdrücken. Nach ihrer letzten Frage war Heiner Benz hochgegangen wie eine Bombe. Mit knallrotem Kopf hatte er sie angebrüllt, sie des Hauses verwiesen und ihr juristische Schritte angedroht, falls sie es wagen sollte, auch nur ein Wort über die Sache zu schreiben. Eva Benz hatte mit versteinertem Gesicht und Tränen in den Augen dagesessen. Sie hatte Faller in diesem Moment beinahe leidgetan.

Bis zu diesem Moment hatte Faller gar nicht gewusst, ob die Gerüchte über die Sexfilmchen tatsächlich stimmten. Sie hatte einfach einen Schuss ins Blaue gewagt. Das Thema war eigentlich auch nicht besonders interessant – solange man nicht Bilder aus den Filmen abdrucken konnte, war es bestenfalls ein winziges Skandälchen, das kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken würde. Ein im Internet kursierender Filmausschnitt zeigte eine Frau beim Sex, die Eva Benz ähnlich sah, doch ihr Gesicht war darin nicht eindeutig zu erkennen. Original-DVDs waren nicht einmal mehr auf dem Schwarzmarkt aufzutreiben. Wenn es sie wirklich gegeben hatte, musste Benz sie aufgekauft haben.

Die Frage hatte nur dazu gedient, ihn zu provozieren. Wie gut das funktioniert hatte! Für einen kurzen Moment hatte Faller das wahre, jähzornige Gesicht des Milliardärs zu sehen bekommen – das Antlitz eines Mannes, der seine Feinde mit rücksichtsloser Brutalität bekämpfte.

»Meinst du, wir können die Geschichte bringen?«, fragte Andreas, als sie im Auto saßen.

Faller grinste. »Na klar!«

»Aber er hat uns ausdrücklich untersagt, Bilder und Aussagen aus dem Interview zu verwenden.«

»Na und? Die beiden sind Personen öffentlichen Interesses, oder etwa nicht? Seit wann lassen wir uns von unseren Interviewpartnern vorschreiben, welche Aussagen wir drucken dürfen?«

»Du weißt, Dirk hat gesagt …«

»Mit dem rede ich schon, mach dir deswegen keine Sorgen!« Der neue Chefredakteur war ein echtes Weichei. Er wollte die Rasant offenbar in ein richtiges Yellow-Press-Magazin umwandeln – die heile Welt des Hoch- und Geldadels, kombiniert mit Mode, Lebenshilfe und ein paar Rätseln. Keine Provokationen mehr, hatte er gesagt. Wenn wir nicht damit aufhören, Promis zu ärgern, kriegen wir bald überhaupt keine Interviewtermine mehr.

Was für ein Quatsch! Die Rasant hatte schon immer von ihren Skandalberichten gelebt, und Faller war eine zuverlässige Lieferantin solcher Geschichten. Die Promis fürchteten sie zwar, lechzten aber auch nach der Aufmerksamkeit der Presse. Vielen war eine negative Berichterstattung lieber als gar keine. Manche inszenierten Skandale sogar gezielt, um in die Schlagzeilen zu kommen und so ihre CDs oder Bücher besser verkaufen zu können. Faller spielte dieses Spiel schon seit über zehn Jahren, und es hatte nie Probleme gegeben, Interviewtermine zu bekommen. Die Rasant hatte seit Jahren mit Auflagenproblemen zu kämpfen und verschliss durchschnittlich einen Chefredakteur pro Jahr. Faller würde noch immer die Ressortleiterin »Persönliches« sein, wenn Dirk Braun längst nicht mehr da war. Vielleicht würde sie sogar irgendwann selbst an seine Stelle treten – immerhin war sie das »beste Pferd im Stall«, wie ihr der Verlagsleiter einmal gesagt hatte. Ihr fehlte eigentlich nur noch ein großer Wurf, die eine Geschichte, die es bis in die Abendnachrichten schaffte. Dann hätte sie ihr Ziel erreicht.

Das heutige Interview war sicher keine so bedeutende Sache. Zwar war Heiner Benz ausgerastet und hatte sich ein paar Sprüche geleistet, die man mit etwas Geschick als ausländerfeindlich darstellen konnte. Aber ein richtiger Skandal war das noch lange nicht. Immerhin, es war ein Anfang. Sie spürte, dass ihre erste Begegnung mit Heiner Benz nicht die letzte gewesen war.

3.

Fabienne Berger hatte versucht, gegenüber Nora einen ruhigen, zuversichtlichen Eindruck zu machen, um ihre Freundin nicht noch mehr aufzuregen. Doch sie war innerlich aufgewühlt. Erst vor zwei Wochen war am Elbstrand bei Geesthacht die Leiche eines achtjährigen Mädchens gefunden worden. Vergewaltigt, erwürgt und dann einfach in den Fluss geworfen. Vom Täter fehlte bisher jede Spur.

Es war eine entsetzliche Vorstellung, dass der kleinen Yvi etwas passiert sein könnte. Sie war nur ein halbes Jahr älter als Max. Die beiden kannten sich fast seit ihrer Geburt und spielten praktisch jeden Tag miteinander.

Fabienne hatte ihren Sohn bei Frau Kröger untergebracht, einer zuverlässigen Rentnerin, die als Tagesmutter mehrere Kinder aus dem Block betreute. Jetzt kniete sie vor der Kommode im Schlafzimmer. Ihre Hände zitterten leicht, als sie in der untersten Schublade herumwühlte, zwischen alten Fotoalben, Briefen und ein paar Bilderrahmen aus der Zeit, in der sie noch eine halbwegs glückliche Ehe geführt hatte. Irgendwo hier musste es doch sein.

Endlich fand sie das alte, schmucklose Holzkästchen und holte es mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Misstrauen hervor. Ohne es aufzuklappen, kehrte sie in Noras Wohnung zurück.

Nora stand mit verquollenen Augen in der Küche, in einer Hand das Telefon, in der anderen eine Zigarette. Fabienne hatte keine Ahnung, wo sie die her hatte – ihre Freundin hatte das Rauchen vor Jahren aufgegeben. Vor ihr auf der Anrichte lag eine Liste der Telefonnummern von Yvonnes Klassenkameraden. »… nein … ich wollte nur mal fragen … ja, vielen Dank! Auf Wiederhören!« Sie legte auf.

»Was ist das?«, fragte sie, als Fabienne sich an den Küchentisch setzte und das Kästchen aufklappte. Es enthielt abgegriffene, vergilbte Spielkarten.

»Ein Tarotspiel. Sehr alt. Ich habe es von meiner Großmutter, und die hat es angeblich als Jugendliche von einer Zigeunerin geschenkt bekommen.«

»Du … du willst doch nicht ernsthaft …«

»Lass es mich einfach versuchen, ja? Früher konnte ich es ziemlich gut. Ich habe die Karten schon lange nicht mehr benutzt, aber …«

»Und du meinst, du kannst Yvi finden, indem du Karten legst?«

»Ich weiß es nicht. Manchmal bringen einen die Karten auf die richtige Idee.«

Nora warf ihr einen Blick zu, als zweifle sie am Verstand ihrer Freundin. Doch sie nickte. »Na schön, versuch’s. Es kann ja nicht schaden.« Sie wählte die nächste Nummer auf der Liste.

Fabienne nahm die Karten aus dem Kästchen. Sie waren glatt und weich. Sie hatte das Gefühl, die tausend Hände spüren zu können, durch die das Spiel geglitten war. Sie hielt Nora die Karten hin. »Du musst sie mischen.«

»Moment.« Nora lauschte einen Moment in den Hörer. »Guten Tag, hier ist Nora Linden«, sagte sie. »Ich wollte nur fragen, ob meine Tochter Yvonne bei Ihnen ist. Bitte rufen Sie mich schnellstmöglich zurück, falls Sie wissen, wo sie ist.« Sie nannte ihre Nummer und legte auf. »Schon wieder keiner da! Verdammt!«

Sie starrte die Karten an, als sei sie nicht sicher, ob Fabienne es wirklich ernst meinte. Schließlich nahm sie sie und mischte sie so umständlich, dass Fabienne Sorge hatte, sie könne eine der wertvollen Karten zerknicken. Sie nahm Nora das Päckchen ab und legte die obersten fünf Karten in Form des Schicksalskreuzes aus: zuerst eine in der Mitte für die Ausgangssituation, dann die linke für die Vergangenheit, rechts die Zukunft, unten den Grund oder die Wurzel und oben die Chance oder Krone.

Einen Moment betrachtete sie die Rückseiten der Karten. Eine seltsame Vorahnung beschlich sie. Es war ihr, als hätten die Karten lange darauf gewartet, dass Fabienne wieder ihre Stimmen vernahm.

Sie konnte beinahe wieder die vom Lungenkrebs geschwächte, raspelnde Stimme ihrer Großmutter hören: »Du musst den Karten vertrauen, meine Kleine. Sie sind deine Freunde. Sie belügen dich nie. Doch wenn du nicht richtig hinhörst, wenn du nicht das in ihnen siehst, was sie dir zeigen, sondern das, was du sehen willst, dann können sie dich in die Irre führen. Sei vorsichtig – die Wahrheit zu sehen ist eine gefährliche Sache!« Sie hatte das Kästchen in Fabiennes Hand gedrückt und ihre faltigen, kraftlosen Hände um ihre Finger geschlossen. »Hier, nimm sie!«

»Nein, Omi, das darfst du nicht«, hatte Fabienne mit tränenerstickter Stimme gerufen. »Es sind deine Karten! Du musst sie behalten!«

Ihre Großmutter hatte sanft gelächelt. »Ich habe mein Schicksal gesehen. Dort, wo ich hingehe, brauche ich sie nicht mehr.«

»Aber … aber ich kann es doch nicht ohne dich!«

»Doch, mein Schatz. Du hast die Gabe von mir geerbt, so wie ich sie von meinem Großvater geerbt habe. Dein Vater hat sie auch, aber er wollte nie etwas davon wissen. Die Wahrheit ist eine dornige Blume, aber man muss sie pflücken, sonst entsteht großes Unglück!«

Ihre Großmutter hatte Fabienne schon als Kind alles beigebracht, was sie über Tarot wusste. Zu Anfang war es nur ein Spiel gewesen, doch als sie vierzehn wurde, hatte Fabienne zum ersten Mal gespürt, dass die Bilder ihr tatsächlich etwas sagten.

Ihr Vater war zu DDR-Zeiten ein hochrangiger Verwaltungsbeamter in Berlin gewesen. Ihre Mutter hatte er während einer diplomatischen Mission in Mittelamerika kennengelernt und sie nach Ostdeutschland mitgenommen, wo sie eine steile Karriere als Tänzerin und Sängerin gemacht hatte. Im Zuge des Zusammenbruchs der DDR war er auf nie ganz geklärte Weise zu einem kleinen Vermögen gekommen. Nach der Wende hatte er sein Geld in einen Autohandel investiert.

An jenem Tag – Fabienne hatte eigentlich nur wissen wollen, ob ihr damaliger Freund ihr treu bleiben würde – hatten die Karten ihr einen dramatischen Umbruch in ihrem Leben vorausgesagt. Auf eine seltsame Weise hatte sie gewusst, was passieren würde: Ihr Vater würde sein Vermögen verlieren, ihre Mutter sich von ihm trennen, er würde dem Alkohol verfallen und in einen Strudel stürzen, aus dem er sich nie mehr würde befreien können.

Und so war es gekommen.

Fabienne hatte die Bilder in ihrem Kopf nicht wahrhaben wollen. Sie hatte sie ignoriert, verdrängt. Doch als sie zwei Tage später spürte, wie angespannt ihr Vater war, wenn er aus dem Geschäft nach Hause kam, hatte sie ihm davon erzählt. Er hatte sie ausgelacht und zornig seine Mutter angerufen, ihr Vorwürfe gemacht, dass sie seiner Tochter esoterische Flausen in den Kopf setze. Er hatte Fabienne verboten, jemals wieder Tarotkarten zu legen. Er hatte wohl geahnt, dass die Karten recht hatten.

Zehn Jahre später war er gestorben, hatte sich einsam in einer kleinen Sozialwohnung zu Tode gesoffen. Fabienne hatte weder ihrer Mutter noch sich selbst jemals verziehen, dass sie ihn allein gelassen hatten.

Seit damals hatte sie die Karten mit großem Respekt behandelt und sie nur selten benutzt. Einmal hatten sie ihr gesagt, dass ihr damaliger Freund sie betrog – sie hatte daraufhin mit ihm Schluss gemacht. Als sie ihren späteren Mann Hans kennenlernte, hatten die Karten sie vor einer Enttäuschung gewarnt, doch sie hatte die Warnung ignoriert.

Hans hatte sich immer über die Karten lustig gemacht, und sie hatte sich bald nicht mehr getraut, sie zu legen. In der schmerzhaften Phase ihrer Trennung hatte sie sich so sehr vor dem gefürchtet, was die Karten ihr mitteilen würden, dass sie das Kästchen tief in der untersten Schublade ihrer Schlafzimmerkommode vergraben und irgendwann vergessen hatte.

Bis heute.

Die Erinnerungen lasteten schwer auf ihr, als sie mit zitternden Fingern die mittlere Karte umdrehte.

Der Tod. Grimmig ritt er in schwarzer Rüstung auf seinem Schimmel über die Leichen der Vergangenheit, während die Menschen in Demut vor ihm niederknieten. Es gab unter den 78 Karten des Tarotdecks keine, die besser zu Yvis Verschwinden gepasst hätte.

Nora machte ein erschrockenes Gesicht. »Was … was bedeutet das? Heißt das … Yvi ist tot?«

Fabienne lächelte. »Nein, nein. Der Tod kennzeichnet einen Verlust, etwas Einschneidendes, aber auch die Lösung von bestehenden Bindungen. Das kann durchaus etwas Positives bedeuten. Die Karte in der Mitte symbolisiert das Jetzt, die Ausgangslage. Yvi ist verschwunden, mehr sagt sie uns nicht.«

Nora wirkte nicht gerade beruhigt. »Mach weiter.«

Fabienne deckte die linke Karte auf, die Vergangenheit.

Der Narr. Ein buntgekleideter Wanderer, der munter auf den Abgrund zuschritt, das Gesicht dem Himmel zugewandt, das warnende Gebell seines Hundes ignorierend. Unbeschwertheit und Lebensfreude. Leichtsinn.

Ihre Hand glitt zur rechten Karte, der Zukunft. Doch sie zuckte zurück und drehte stattdessen die untere Karte um – die Wurzel, den Grund für die gegenwärtige Situation.

Der Teufel. Schon wieder eine der 22 großen Arkana und die vielleicht unfreundlichste Karte im ganzen Deck. Der Teufel stand für Illusionen, Lügen, Täuschung, die Bindung an Laster und negative Angewohnheiten. Es war ziemlich schwer, in dieser Karte etwas Positives zu sehen. In Zusammenhang mit dem Tod konnte sie aber auch bedeuten, dass bestehende Illusionen und Täuschungen losgelassen wurden. Trotzdem gefiel Fabienne überhaupt nicht, was sie sah.

Sie zögerte, bevor sie die obere Karte aufdeckte, die Krone, die Chance und Hoffnung symbolisierte. Sie betete, dass es eine mächtige Karte sein möge.

Der Eremit. Einsamkeit, Isolation, die Zeit der Reife. Doch der einsame Mann mit Stab und Lampe symbolisierte auch die Weisheit – vielleicht etwas oder jemanden, der ihnen in dieser schwierigen Situation helfen konnte.

»Nun mach schon. Dreh die fünfte Karte um.« Trotz ihrer Skepsis bebte Noras Stimme vor Anspannung.

Fabienne zögerte. Sie fürchtete, schon zu wissen, was dort lag. Sie schluckte und deckte die rechte Karte auf, die Zukunft.

Der Turm. Der Zusammenbruch der bestehenden Ordnung.

Fabienne fühlte sich, als sei sie selbst von dem Blitz getroffen worden, der auf der Karte in den Turm einschlug. Flammen leckten aus den Fenstern, brennende Menschen stürzten sich in die Tiefe. Vor ihrem geistigen Auge erschienen plötzlich die schrecklichen Bilder des elften September 2001. Ihr Herz krampfte sich zusammen.

Fünf Karten. Fünf große Arkana. Ihre Großmutter, die Zahlenspielereien liebte, hatte ihr einmal gesagt, dass es etwas ganz Besonderes sei, sollte sie jemals fünf große Arkana ziehen. Das komme nur einmal in achthundert Ziehungen vor.

»Was … was bedeutet das?« Nora schluchzte. »Es ist etwas Schlimmes, oder?«

Mit einer entschlossenen Handbewegung schob Fabienne die Karten zusammen, legte sie in das Kästchen und klappte es zu. Sie rang sich ein Lächeln ab. »Nein, überhaupt nicht. Tarotkarten sehen manchmal etwas düster aus, aber das sind sie nicht. Sie haben nur gezeigt, was wir schon wussten: Es ist etwas Einschneidendes passiert, ein Problem, aber wir werden es lösen!«

Nora sah sie mit glasigen Augen an. »Das stimmt nicht. Du sagst mir nicht die Wahrheit!«

»Hey, das ist nur bedrucktes Papier. Pass auf, du rufst weiter die Eltern an, und ich frage in der Zeit noch mal die Hausbewohner. Vielleicht hat ja jemand etwas gesehen. Kannst du mir ein Foto von Yvi geben?«

»Okay.«

Eine halbe Stunde später klingelte sie enttäuscht und frustriert an der ungefähr hundertsten Tür. Es dauerte eine Minute, bis eine mürrische alte Frau aufmachte. »Ja?«

»Entschuldigen Sie bitte, Frau Lehmann. Ich suche dieses Mädchen.« Sie zeigte das Foto, das Nora ihr gegeben hatte.

»Und?«, fragte die Frau an der Tür. »Was hab ich damit zu tun?« Dieselbe kalte Gleichgültigkeit, die Fabienne schon so oft entgegengeschlagen war. Kaum jemand hatte sich interessiert oder gar besorgt gezeigt.

»Bitte, sie ist heute nicht aus der Schule zurückgekehrt. Es könnte sein, dass sie noch mit dem Schulbus hierhergefahren ist und dann irgendwo auf dem Weg von der Haltestelle bis zum Wohnblock … vom Weg abgekommen ist. Das sind nur etwa zweihundert Meter. Haben Sie vielleicht irgendetwas beobachtet?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts gesehen. Und jetzt hab ich zu tun.« Ohne ein weiteres Wort schlug sie Fabienne die Tür vor der Nase zu.

Blöde Zicke, wollte sie rufen, riss sich aber zusammen und ging zur nächsten Tür. Auch nach mehrmaligem Klingeln öffnete niemand. Bei den nächsten beiden Wohnungen hatte sie ebenfalls kein Glück. Sie notierte sich die Namen auf einem Zettel. Sie würde später noch einmal versuchen, dort anzurufen.

»Moment, ich komme gleich«, rief eine männliche Stimme von innen, als sie an der nächsten Tür klingelte. Nach einer Weile öffnete ein dunkelhaariger Mann, ein paar Jahre älter als sie, nicht sehr groß, mit einer drahtigen Figur und dunklen Augen unter buschigen Brauen. Sie hatte ihn ein paarmal gesehen, aber bisher nie ein Wort mit ihm gewechselt.

»Was kann ich für Sie tun?« Etwas an seinem Tonfall war seltsam, aber Fabienne hätte nicht sagen können, was.

»Haben Sie dieses Mädchen gesehen?« Sie hielt ihm das Foto hin.

Er betrachtete es genau. »Ja, warum?«

Fabiennes Herz machte einen Sprung. »Wann? Und wo?«

»Gestern. Sie war unten auf dem kleinen Spielplatz. Aber sie hatte etwas anderes an, so ein blaues Kleid.«

Fabienne hätte sich ohrfeigen können. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie bisher kein einziges Mal erwähnt hatte, welche Kleidung Yvonne heute trug. Sie wusste es nicht einmal selbst, hatte vergessen, Nora danach zu fragen.

»Heute nicht?«

»Nein, leider.«

»Gut. Vielen Dank.«

»Keine Ursache. Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen konnte. Aber Sie werden sie bestimmt finden.« Er lächelte aufmunternd.

Fabienne bemühte sich zurückzulächeln.

Er schloss die Tür. Gedankenverloren ging sie zum Treppenhaus, um den nächsten Stock in Angriff zu nehmen.

Die verdammten Karten gingen ihr nicht aus dem Kopf. Fünf große Arkana. Ihre Botschaft schien ziemlich dringend zu sein. Doch was wollten sie ihr sagen? Dass Yvi umgebracht worden war?

Nein. Sie wusste nicht genau, warum, aber sie war sicher, dass das nicht die Botschaft gewesen war. Stattdessen sah sie immer wieder die Turm-Karte vor sich, den Blitz, die brennenden Menschen, die sich in die Tiefe stürzten. Es war erschreckend, wie sehr die Karte den Fernsehbildern des brennenden World Trade Center glich. So, als hätte die Künstlerin, die die Karten fast hundert Jahre zuvor entworfen hatte, bereits diese Katastrophe vor Augen gehabt. Aber was sollte das Bild bedeuten? Wovor warnten die Karten?

Sie verdrängte die Gedanken an Tarot und dachte über das Gespräch gerade eben nach. Etwas war merkwürdig gewesen. Nach all den vorherigen Zurückweisungen hatte der Mann überraschend freundlich reagiert. Er war nicht misstrauisch gewesen wie die anderen, die in Fabienne zunächst vielleicht eine Trickbetrügerin oder Bettlerin vermutet hatten. Es war beinahe, als habe er sie erwartet. Und die Präzision seiner Beobachtungen! Er hatte genau gewusst, was Yvi gestern angehabt hatte. Er war sich seiner Sache ganz sicher gewesen. Er kannte sie offenbar gut.

Zu gut.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als ihr klar wurde, dass sie möglicherweise gerade mit Yvonnes Entführer gesprochen hatte.

4.

Polizeimeister Ewald Sikorsky sah auf die Uhr. Nur noch eine Viertelstunde bis zum Feierabend. Wie jeden Mittwoch war er auch heute Abend zur Skatrunde verabredet. Mit seinen beiden Skatbrüdern trainierte er für die Teilnahme an den Frankfurter Meisterschaften im Herbst. Er rechnete sich allerdings nur geringe Chancen aus. Lothar hatte immer noch nicht gelernt, wie man mitzählte, und Klaus überreizte ständig, weil er unbedingt das Spiel machen wollte, egal wie klein seine Gewinnchancen auch waren. Sikorsky selbst hatte als Einziger begriffen, worum es beim Skat ging. Vielleicht war es an der Zeit, sich ein paar kompetentere …

Die Tür zum Revier öffnete sich, und ein Mann kam herein. Er wirkte verwahrlost, mit langem, ungekämmtem Haar und einem verfilzten Bart. Sein grünes T-Shirt war fleckig und schlabberte um seinen dürren Körper. Seine grauen Augen hatten eine fast beängstigende Intensität. Sikorsky wusste sofort, dass der Typ anstrengend werden würde. Und das ausgerechnet jetzt!

»Ich … ich möchte eine Meldung machen.«

»Name?«, fragte Sikorsky.

»Was?«

Sikorsky seufzte. »Ihr Name, bitte?«

»Ach so. Langen. Friedhelm Langen.«

Der Polizeimeister tippte den Namen in die Bildschirmmaske. »Wohnhaft?«

»Claudiusstraße 17. Dritter Stock.«

»Geboren?«

»17. 12. 1970.«

»Und was möchten Sie melden?« Sikorsky tippte auf eine verdächtige Beobachtung, die sich bei Nachprüfung wahlweise als Ehekrach, harmloser Kinderstreich oder Sinnestäuschung herausstellen würde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Typ etwas besaß, das stehlenswert gewesen wäre.

»Es wird etwas geschehen!«, sagte Langen.

Sikorsky betrachtete den Mann vor sich genauer. Etwas gefiel ihm nicht an der Art, wie er das sagte. Sein Blick wirkte gehetzt. Irgendetwas trieb den Mann. Vielleicht wollte er die Polizei vor dem warnen, was tief in seinem Inneren tobte. Während eines Seminars über Täterpsychologie hatte Sikorsky gelernt, dass man vermeintlich harmlose, wirre oder verrückte Signale besonders ernst nehmen sollte.

»Was wird geschehen?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht genau. Eine schreckliche Katastrophe. Die Explosion eines Atomkraftwerks vielleicht, oder ein Terroranschlag.«

Also doch nur ein Spinner, wahrscheinlich bis obenhin zugedröhnt mit Drogen. Sikorsky hatte zwar absolut keine Lust, den Mann jetzt noch zur medizinischen Untersuchung dazubehalten und sich den damit einhergehenden bürokratischen Aufwand aufzuhalsen, aber einfach so laufen lassen konnte er ihn auch nicht, falls sich der Verdacht bestätigte. Aber vielleicht hatte er ja Glück, und der Typ war einfach nur durchgeknallt. »Was soll das heißen, Sie wissen es nicht genau? Wie wollen Sie etwas melden, von dem Sie gar nicht wissen, was es ist?«

»Ich habe … Anhaltspunkte«, sagte Langen und starrte Sikorsky auf eine Weise an, die ihm eine Gänsehaut verursachte. Entweder war der Mann wirklich vollkommen verrückt, oder er hatte schreckliche Angst und einen guten Grund dafür.

»Was für Anhaltspunkte?«

»Ich bin Mathematiker. Ich habe alles genau analysiert.«

»Analysiert? Was denn?«

»Den Text.«

Der Polizeimeister verlor allmählich die Geduld. »Was für einen Text? Können Sie vielleicht versuchen, mir in zusammenhängenden Sätzen zu erklären, von was Sie eigentlich reden?«

Statt der Aufforderung zu folgen, legte Langen ein zerknittertes Papier auf den Tresen. Es war mit einer Art Gedicht bedruckt:

Arglist, Verschwörung und hinterhältiger Anschlag:

Die große Stadt wird prompt und überraschend angegriffen.

Menschenfleisch, für den Tod zu Asche gemacht,

Schloss, Palast im Flammenmeer.

Gleißendes Feuer wird man am Himmel erblicken,

Wolke lässt zwei Sonnen erscheinen.

Sogleich schießt eine große, ausschlagende Flamme hervor,

während der Himmel so übermäßig donnern wird.

Überall in der Umgebung der großen Stadt,

bei den Schwaben und den umliegenden Orten

übrigbleiben wird lebendiges Feuer und versteckter Tod,

in den schrecklichen Kugeln, entsetzlich.

Spektakulärer Tod, der Stolze entkommt.

Durch verborgenes Feuer, durch Hitze, großer Ort entzündet sich.

Die große Stadt wird sehr verwüstet,

lange Zeit wird unbewohnt sein.

»Sehen Sie? Es ist ganz deutlich, oder? Dabei ist dieser Text über vierhundert Jahre alt!«

»Woher haben Sie das?«

»Ich sagte doch schon, ich habe es selbst analysiert. Wie Sie sicher wissen, hat Nostradamus über tausend vierzeilige Verse geschrieben, Prophezeiungen, die er in Zenturien zu je hundert Versen gruppiert hat. Seit Jahrhunderten versuchen die Menschen, einen Sinn aus diesen Versen herauszulesen. Doch der Text blieb immer rätselhaft und unverständlich. Das liegt daran, dass Nostradamus ihn verschlüsselt hat. Das ist seit langem bekannt, aber niemandem ist es bisher gelungen, den Code zu knacken. Auch ich habe Jahre gebraucht, bis ich dahintergekommen bin. Dabei ist es im Grunde ganz einfach: Man muss die Zeilen einfach nur umsortieren, und zwar nach einer ganz bestimmten mathematischen Formel. Die Zeilen, die Sie da lesen, stehen ursprünglich nicht in dieser Reihenfolge. Erst, nachdem ich sie umgeordnet hatte, wurde mir klar, was Nostradamus vor so langer Zeit gesehen hat. Und das Erstaunlichste daran ist, dass man mit derselben mathematischen Regel auch die exakten Daten bestimmen kann, wann die Voraussagen eintreffen werden. Ich habe das für verschiedene Ereignisse überprüft, und es ist wirklich verblüffend. Er hat die Französische Revolution auf den Tag genau vorhergesagt, den Friedensvertrag von Versailles, den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Und nun das hier. Das … das Datum, an dem die Katastrophe eintritt, die Nostradamus hier beschreibt, ist genau heute in drei Wochen!«

Die Worte des Mannes waren über Sikorsky hereingebrochen wie ein Platzregen. Jetzt durchströmte ihn eine gewisse Erleichterung. »Nostradamus! Sie reden von diesem angeblichen Propheten?«

»Ja, richtig. Sehen Sie, er gibt den Ort der Katastrophe ziemlich präzise an: ›Die große Stadt‹, ›bei den Schwaben‹, ›Schloss, Palast im Flammenmeer‹. Es kann sich eigentlich nur um Stuttgart handeln.«

»Hören Sie, das hier ist die Polizei und nicht das Diskussionsforum für esoterische Kaffeesatzleserei!«, sagte der Polizeimeister in, wie er fand, noch relativ freundlichem Tonfall. »Gehen Sie ins Internet, da finden Sie bestimmt Gleichgesinnte, mit denen Sie Ihre Theorien austauschen können!«

Langen starrte ihn an, als könne er nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. »Aber … aber Sie müssen doch etwas tun! Haben Sie das nicht gelesen? ›Gleißendes Feuer wird man am Himmel erblicken. Wolke lässt zwei Sonnen erscheinen.‹ Und dann hier: ›Übrigbleiben wird lebendiges Feuer und versteckter Tod, in den schrecklichen Kugeln, entsetzlich.‹ Das ist ganz eindeutig die präzise Beschreibung einer atomaren Explosion, inklusive der radioaktiven Verstrahlung, die Nostradamus den ›versteckten Tod in den schrecklichen Kugeln‹ genannt hat! Genauer kann man es in der Sprache des 16. Jahrhunderts doch wohl nicht formulieren! Begreifen Sie denn nicht? Hunderttausende Menschen sind in Gefahr! Sie müssen Stuttgart evakuieren! Es bleiben nur noch drei Wochen!«

Nun war es an Sikorsky, sein Gegenüber fassungslos anzusehen. »Sie erwarten ernsthaft, dass wir eine ganze Stadt evakuieren, weil irgendein Spinner vor vierhundert Jahren vorausgesagt hat, dass bald die Welt untergeht? Sie machen mir Spaß!« Er lachte schallend.

Langen raufte sich das fettige Haar. »Sie müssen mir glauben! Das ist keine Spinnerei! Ich habe es doch genau berechnet! Und Nostradamus hat in so vielem recht behalten …«

Sikorsky sah auf die Uhr. »Es tut mir leid, aber ich habe jetzt Feierabend. Kommen Sie am besten in drei Wochen wieder, wenn die Katastrophe passiert ist. Dann können Sie uns ja helfen, die Ursachen aufzuklären.« Er grinste.

Langen richtete einen dürren Finger auf ihn. »Ich habe Sie gewarnt!«, rief er. »Das Blut von Hunderttausenden Menschen wird an Ihnen kleben! Denken Sie an meine Worte!« Damit wandte er sich um und stolzierte auf dürren Beinen aus dem Revier.

Der Polizeimeister sah ihm kopfschüttelnd nach. Über diese Sache ein Protokoll anzufertigen war reine Zeitverschwendung. Er löschte Langes Adressdaten und bereitete seinen Arbeitsplatz für die Übergabe an die Spätschicht vor.

5.

Nora öffnete die Tür mit hoffnungsvollem Blick. »Hast du was rausgefunden?«

»Nora, was hatte Yvi gestern an?«, fragte Fabienne, während sie ihr in die Küche folgte.

»Gestern? Warum willst du das wissen?«

»Sag’s mir einfach, bitte.«

»Ich weiß nicht mehr … so ein blaues Kleid, glaube ich. Ja, stimmt, sie war damit auf dem Spielplatz, ich hab es dann abends in die Wäsche getan. Heute trägt sie eine Jeans und ein orangefarbenes Sweatshirt mit einer Ente drauf. Blöd, dass ich nicht eher daran gedacht habe, dir das zu sagen!«

»Nora, ich glaube, ich weiß, wo sie ist.«

»Was? Wo?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe gerade mit einem Mann gesprochen, der sich irgendwie merkwürdig verhalten hat.«

»Merkwürdig? Was heißt merkwürdig?«

»Er wusste eine Menge über Yvi. So als hätte er sie schon häufig beobachtet. Er hat sie auf dem Foto sofort erkannt. Er wusste, was sie gestern anhatte und dass sie auf dem Spielplatz war. Und er war … ein bisschen seltsam. Fast so, als hätte er schon gewusst, dass ich kommen und nach ihr fragen würde.«

»Wie … wie heißt das Schwein? Sag mir, wer es ist. Ich gehe hin, und wenn er mir nicht sofort sagt, wo sie ist, dann …«

»Nun mal langsam. Wenn der Typ sie wirklich entführt hat, wird er das wohl kaum zugeben!«

Nora umklammerte ein Brotmesser, das neben dem Waschbecken auf einem hölzernen Schneidebrett gelegen hatte. »Ich kriege ihn schon dazu, dass er es zugibt!«

Fabienne schüttelte den Kopf. »So wird das nichts. Wir müssen behutsam vorgehen. Wenn er sie wirklich entführt hat, dann hat er sie sicher irgendwo versteckt. Wenn wir ihn direkt mit unserem Verdacht konfrontieren, werden wir nie rauskriegen, wo sie ist.«

Nora stützte den Kopf in die Hände und begann zu schluchzen. »Was … was sollen wir denn nur machen? Mein armes Schätzchen!«

»Wir könnten zur Polizei gehen, aber das wird wahrscheinlich nicht viel bringen. Die werden ihn befragen, und wenn sie keinen konkreten Anhaltspunkt finden, war’s das. Dann ist er gewarnt, und vielleicht …« Sie unterbrach sich gerade noch rechtzeitig. Vielleicht bringt er Yvi dann um, hatte sie sagen wollen.

Nora hörte auf zu weinen. »Also gut«, sagte sie, und in ihrer Stimme lag eine neue Entschlossenheit. »Jetzt sag mir endlich, wer es ist!«

»Versprichst du mir auch, keine Dummheiten zu machen?«

»Versprochen.«

»Also schön. Er heißt Pauly. Lennard Pauly. Er wohnt im Flügel C, fünfter Stock.«

»Lass uns hingehen.«

»Hingehen? Und dann?«

»Ich will noch mal mit ihm reden. Vielleicht … vielleicht nützt das ja was.«

»Okay. Aber leg das Messer weg.«

Nora starrte das Brotmesser in ihrer Hand an, als sehe sie es zum ersten Mal. Sie nickte, legte es neben die Spüle und holte aus einer Schublade eine Spraydose mit Reizgas. »Du hast recht. Das hier ist weniger auffällig.«

Kurz darauf standen sie in dem neonbeleuchteten Flur vor Paulys Wohnungstür. Fabienne hatte plötzlich Angst zu klingeln. Was, wenn der Typ wirklich der Entführer war und Verdacht schöpfte? Vielleicht hielt er Yvi im Keller versteckt oder in einem Schuppen irgendwo auf einem alten Fabrikgelände. Wie konnten zwei Frauen ihn überführen? »Vielleicht … vielleicht sollten wir doch lieber zur Polizei gehen.«

»Blödsinn!«, sagte Nora. »Ich stelle ihn jetzt zur Rede!« Sie holte das Pfefferspray aus der Tasche und verbarg es hinter dem Rücken. Ehe Fabienne sie daran hindern konnte, klingelte sie an Paulys Tür. Ihr Gesicht zeigte eine erbarmungslose Entschlossenheit.

Pauly öffnete. »Ja?«

Nora hielt ihm die Spraydose vors Gesicht. »Wo ist sie?«, schrie sie. »Was hast du mit ihr gemacht, du Schwein?«

Pauly reagierte blitzschnell. Er packte ihr Handgelenk und drehte Nora den Arm auf den Rücken. Die Spraydose fiel zu Boden. »Seien Sie froh, dass ich nicht der bin, den Sie suchen«, sagte er mit ruhiger Stimme.

»Lassen Sie mich los!«, schrie Nora. »Sie tun mir weh!«

Fabienne sah ihre Chance. Sie schob sich an ihm vorbei in die Wohnung. »Yvonne?«

»Heh!«, protestierte er. »Was soll das? Dazu haben Sie kein Recht!«

Fabienne ignorierte ihn und öffnete die Tür am anderen Ende des kleinen Flurs. Das Wohnzimmer wirkte kahl und schmucklos. Ein einzelnes Sofa und ein Couchtisch sowie ein paar niedrige Bücherregale bildeten die einzige Einrichtung. Auf dem Fensterbrett stand eine einzelne Topfpflanze. Daneben lagen ein großes Fernglas und ein stabförmiger schwarzer Gegenstand mit einer Art Pistolengriff, der an ein kleines elektrisches Gerät angeschlossen war. Irgendwie erinnerte sie das Ding an Filme über Geheimagenten. »Yvonne?«, rief sie erneut, erhielt jedoch keine Antwort.

Eine halb geöffnete Tür führte ins Schlafzimmer. Das Bett war zerwühlt, das Fenster geschlossen und die schweren, dunklen Vorhänge waren zugezogen, so dass eine trübe Beleuchtung herrschte. Ein schaler Geruch erfüllte den Raum. An der Wand neben der Tür stand ein kleiner Schreibtisch mit einem Laptop und einem Laserdrucker. Die ganze Wand über dem Schreibtisch war mit Fotos bedeckt, die mit Nadeln an der Raufasertapete befestigt waren.

Fabienne erschrak, als sie die Bilder genauer betrachtete.

Sie spürte mehr, als dass sie hörte, wie Pauly den Raum betrat. Die schniefende und keuchende Nora folgte ihm.

Sie fuhr herum. Er stand mit gesenktem Kopf da. Nora kam neugierig näher und betrachtete die Bilder. »Das gibt’s doch nicht!«, rief sie aus.

»Was soll das?«, fragte Fabienne.

»Es … es ist nicht so, wie Sie denken«, sagte Pauly. »Ich beobachte nur. Ich tue den Menschen nichts. Ehrlich!«

»Du perverser Spanner!«, schrie Nora, auch wenn keines der Bilder einen nackten Menschen zeigte.

Pauly setzte sich auf das ungemachte Bett. »Ich … ich …«, begann er. Dann schüttelte er den Kopf. »Sie würden es nicht verstehen.«

Fabienne betrachtete ihn, wie er dasaß, den Blick gesenkt, schuldbewusst. Sie wusste plötzlich, dass er einsam war, isoliert von all den Menschen, die er beobachtete. Das Bild einer Tarotkarte drängte in ihr Bewusstsein, überlagerte sich mit seinem Anblick, und auf einmal hatte sie den Eindruck, dort auf dem Bett einen alten Mann sitzen zu sehen, in einer Hand einen Stab, in der anderen eine Laterne. Er war der Eremit.

»Ich habe mich geirrt«, sagte sie. »Er war es nicht.«

»Woher willst du das wissen?«, schrie Nora, die offensichtlich nicht bereit war zu akzeptieren, dass sie kein bisschen weiter gekommen waren. »Dieses perverse Arschloch beobachtet uns seit Monaten heimlich! Da, da ist ein Foto von ihr. Max ist auch drauf! Der Typ gehört in eine Anstalt!«

»Ich kann Ihnen vielleicht helfen, Ihre Tochter wiederzufinden«, sagte Pauly leise.

Nora starrte ihn an. »Helfen? Sie? Wie das denn?«

Er blickte zu ihr auf. Die Scham in seinen Augen war deutlich zu erkennen, doch er hielt ihrem Blick stand. »Ich bin Detektiv. Ich arbeite in einer Firma zur Abwehr von Industriespionage. Ich beobachte die Bewohner dieses Blocks seit langem. Ich kenne ihre Gewohnheiten, ihre Lebensrhythmen. Ich gebe zu, dass das moralisch fragwürdig ist, aber so ist es nun mal.«

»Wissen Sie nun, wo Yvonne ist, oder nicht?«, rief Nora.

»Ich weiß es nicht genau. Aber ich habe einen Verdacht.«

»Wer? Wo ist sie?« Nora war außer sich. Fabienne hatte Angst, dass sie Pauly im nächsten Moment an den Hals springen würde, möglicherweise mit schmerzhaften Folgen für sie selbst.

»Nein, so nicht«, sagte er, und seine Stimme klang auf einmal fest. »Ich werde nicht zulassen, dass Sie auf ihn losgehen!«

»Auf wen?«, schrie Nora. »Sag es endlich, du Schwein!«

Pauly ließ sich nicht beeindrucken. »Sie gehen jetzt wieder in Ihre Wohnung. Ich bin spätestens in einer Viertelstunde bei Ihnen, entweder mit Ihrer Tochter oder ohne sie. Aber ich mache das alleine.«

Nora schluchzte. »Ich … ich halte das nicht aus!«

Fabienne nahm sie in den Arm. »Es ist okay. Lass ihn machen. Du hast ja gesehen, dass er mit einem Gegner fertig werden kann.« Sie drehte sich zu Pauly um. »Wenn Sie uns verarschen, dann werde ich den übrigen Hausbewohnern erzählen, was ich hier gesehen habe. Ich bin mir sicher, die werden nicht begeistert sein!«

Pauly nickte. »Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich das Mädchen finde. Aber ich werde es versuchen, das versichere ich Ihnen!«

6.

Mit bleischweren Gliedern schloss Lennard Pauly die Tür hinter den beiden Frauen und lehnte sich dagegen. Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Er atmete tief durch. Er konnte es jetzt nicht mehr ändern. Im Grunde war ihm immer klar gewesen, dass er irgendwann auffliegen würde. Er konnte von Glück sagen, dass es die beiden Frauen gewesen waren, die sein Geheimnis entdeckt hatten, und nicht irgendein eifersüchtiger Ehemann.

Nein, genau genommen wäre es ihm lieber gewesen, er hätte eine ordentliche Tracht Prügel bezogen. Dass ausgerechnet Fabienne Berger die Bilder als Erste gesehen hatte, war das Schrecklichste, das hätte passieren können. Die Abscheu in ihren Augen hatte ihn bis ins Mark erschüttert.

Warum war er nur so dumm gewesen, seine Wand mit Ausdrucken der Fotos zu tapezieren! Er bekam nie Besuch, aber er hatte doch eigentlich immer damit rechnen müssen, dass mal jemand in die Wohnung kam. Er riss die Bilder von der Wand, als könne er damit noch irgendetwas ändern. Dann griff er sich sein Spezialwerkzeug und machte sich auf den Weg.

Sein Ziel war eine Wohnung im dritten Stock. »Stefan Hintermann« stand auf dem Namensschild. Er betätigte den Klingelknopf, doch, wie erwartet, öffnete niemand. Wahrscheinlich war auch Fabienne Berger schon hier gewesen und hatte vergeblich geklingelt. Er legte das Ohr ans Türblatt. Von drinnen erklang Musik, vermutlich ein Radio. Er klingelte noch einmal. Nach einer Minute holte er das Spezialwerkzeug hervor, das wie ein akkugetriebener kleiner Bohrer aussah, und führte es in das Schloss ein.

In weniger als fünfzehn Sekunden war die Tür offen. Die Hausverwaltung hatte es nie für nötig befunden, die Wohnungen mit modernen Schlössern zu sichern. Er steckte das Werkzeug wieder ein und betrat leise den kleinen Flur. Der Geruch einer schlecht belüfteten Junggesellenwohnung schlug ihm entgegen.

Sie hatte exakt denselben Grundriss wie seine eigene: rechts das Bad, links die kleine Küche, geradeaus das Wohnzimmer mit dem Durchgang zum kleinen Schlafzimmer. Insgesamt etwa fünfzig Quadratmeter für eine Kaltmiete von 375 Euro. Der Flur war unaufgeräumt. Männerschuhe lagen durcheinandergewürfelt herum, aus einem Plastikeimer quoll schmutzige Wäsche, in einer Ecke stapelten sich alte Zeitungen.

Lennard schlich bis zur Wohnzimmertür und lauschte. Über irgendwelchem Elektropop aus den Achtzigern hörte er die Stimme eines älteren Mannes: »Du bist dran!« Und einen Augenblick später eine helle, fröhliche Mädchenstimme: »Drei, vier, fünf! Du bist rausgeschmissen! Ätschibätsch!«

Er hatte recht gehabt. Als die beiden Frauen in seiner Wohnung gewesen waren, im Moment seiner schlimmsten Erniedrigung, hatte er es plötzlich vor sich gesehen: Hintermann, wie er vor ein paar Tagen auf seinem Balkon gestanden und mit verklärtem Blick hinunter auf den Spielplatz gestarrt hatte, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. In der Hand hatte er ein kleines rosa Pony aus Plastik mit absurd langer Mähne gehalten. Sicher hatte er Yvonne heute damit hergelockt.

Dieses Schwein! Heiße Wut durchschoss Lennards angespannten Körper. Er atmete tief durch, konzentrierte sich.

»Na warte!«, sagte Hintermann. »Das kriegst du …«

Weiter kam er nicht. Lennard stieß die Tür auf. In Sekundenbruchteilen erfasste er die Situation: Den runden Esstisch, an dem Hintermann und das Mädchen saßen, den altmodischen Sessel vor den hohen, überquellenden Bücherregalen, die Stapel mit Comicheften, die Kommode mit dutzenden Bilderrahmen, die alle dasselbe kleine Mädchen zeigten.

Yvonne riss erschrocken die Augen auf. Hintermann wandte sich ebenfalls zu ihm um. »Was …«

Lennard warf ihn mitsamt dem Stuhl zu Boden. Würfel und Spielfiguren flogen durch die Luft, als Hintermann mit dem Fuß gegen die Tischkante stieß. Er wehrte sich verzweifelt, doch er hatte keine Chance. Nach kurzer Zeit lag er auf dem Bauch, einen Arm auf den Rücken gedreht, Lennards Knie in der Wirbelsäule. »Aua, Sie tun mir weh!«, rief er. »Was soll das? Lassen Sie mich gefälligst los! Sie haben kein Recht …«

»Halt die Schnauze«, zischte Lennard und drückte ihm das Knie stärker in den Rücken, so dass Hintermann vor Schmerz aufschrie. Er dachte an die Verzweiflung in Nora Lindens Augen. Dieser Mistkerl hatte eine ordentliche Abreibung mehr als verdient!

Yvonne war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stürzte sich nun in einem heroischen Akt der Verzweiflung auf Lennard. »Lassen Sie Onkel Stefan los!«, brüllte sie. »Sie tun ihm ja weh!«

Er ignorierte das Mädchen und sicherte Hände und Füße des Entführers mit einem unzerreißbaren Plastikband. Hintermann, der sich kaum noch rühren konnte, krümmte sich zusammen und fing an zu heulen wie ein kleines Kind. »Ich hab … doch nichts Böses gemacht!«, schluchzte er immer wieder.

»Nichts Böses?«, schrie Lennard. »Du … du Arschloch vergehst dich an einem Kind und findest nicht mal was dabei!« Er verpasste ihm einen heftigen Tritt in den Magen.

Hintermann stöhnte auf. Es dauerte eine Weile, bis er wieder sprechen konnte. »Es … es ist nicht so … wie Sie denken …«, wimmerte er.

Lennard holte zu einem erneuten Tritt aus, diesmal in das feiste Kinderschändergesicht. Dann hielt er inne. Plötzlich wurde ihm klar, dass er vor kaum zehn Minuten exakt dieselben Worte benutzt hatte.

Nun begann auch Yvonne zu weinen. Lennard beugte sich zu ihr hinab und streckte seine Hand nach ihr aus, aber sie wich zurück.

»Hab keine Angst«, sagte er. »Ich tue dir nichts. Ich bringe dich jetzt zu deiner Mutter zurück.«

»Ich will aber bei Onkel Stefan bleiben«, rief sie und kniete sich neben den immer noch verkrümmt daliegenden Hintermann. Sie umklammerte seinen Hals.

»Das geht leider nicht«, sagte Lennard. Er zog sie so sanft wie möglich von dem Gefesselten weg.

»Nein, nein, lassen Sie mich los«, rief Yvonne. Mit ihren kleinen Fäusten schlug sie gegen Lennards Hand. »Ich will nicht! Ich will nicht!«

Ihm blieb nichts anderes übrig, als das schreiende Kind hochzuheben und aus der Wohnung zu tragen.

Im Korridor begegnete er einem Ehepaar mittleren Alters, das gerade aus dem Fahrstuhl trat.

»Lassen Sie mich los, lassen Sie mich los!«, schrie Yvonne.

Die beiden gingen mit einem Schulterzucken weiter. Wahrscheinlich hätten sie auch nichts gesagt, wenn das Kind gefesselt und geknebelt gewesen wäre.

Endlich erreichte er Nora Lindens Wohnung. Sie riss die Tür auf, bevor er klingeln konnte. »Yvi«, rief sie.

Lennard setzte das Mädchen ab, das sich in die Arme seiner Mutter flüchtete. Einen Moment lang umarmten sie sich weinend. Hinter ihnen stand Fabienne Berger. »Wie … wie haben Sie das so schnell geschafft?«, fragte sie.

»Der da«, sagte Yvi schluchzend und zeigte mit einem anklagenden Finger auf Lennard, »war so gemein!«

Lindens Augen verengten sich. »Sie waren es also doch!«, zischte sie. »Sie … Sie Mistkerl!«

Er hob abwehrend die Hand. »Nein! Sie verstehen das falsch! Ich habe …«

»Was hat er gemacht?«, fragte Fabienne Berger Yvonne.

»Er war ganz fies. Er ist einfach reingekommen und hat Onkel Stefan verhauen. Und dann hat er ihn gefesselt.«

»Onkel Stefan? Wer ist Onkel Stefan?«

»Er ist sehr lieb!«, erzählte Yvonne. »Er hat mir Süßigkeiten geschenkt und ein Micky-Maus-Heft, und dann haben wir Mensch-ärgere-Dich-nicht gespielt, und …«

Nora Linden sah mit Tränen in den Augen auf. Es dauerte einen Moment, bis sie sprechen konnte. »Ent … entschuldigen Sie … ich dachte … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll …«

»Danke«, sagte Fabienne Berger an ihrer Stelle. »Vielen Dank für Ihre Hilfe, Herr Pauly!« Sie lächelte.

»Wenn es … irgendetwas gibt, das ich tun kann …«, sagte Nora Linden.

»Nicht nötig. Ich … helfe, wo ich kann.« Lennard wandte sich um, ehe die beiden ihn fragen konnten, wie der Name des Entführers lautete. Mit dem Dreckskerl würde er selbst abrechnen.

Hintermann lag noch immer auf dem Boden seines Wohnzimmers. Er hatte nicht mal versucht, um Hilfe zu rufen. Mit angstgeweiteten Augen starrte er Lennard an. »Hören Sie«, rief er verzweifelt. »Ich wollte das Mädchen nicht …«

Lennard ging gar nicht darauf ein. Der Anblick dieses Jammerlappens machte ihn nur noch wütender. Typen wie er vergingen sich an Kindern, weil es die einzigen Menschen waren, die noch schwächer waren als sie selbst. Er durchtrennte die Plastikfesseln, packte Hintermann am Kragen und zerrte ihn auf die Beine.

»Heißt das … Sie lassen mich …«, fragte Hintermann hoffnungsvoll.

Zur Antwort schlug ihn Lennard mit der Faust ins Gesicht, so dass er zurücktaumelte und beinahe wieder auf den Boden gefallen wäre. Blut strömte von seiner aufgeplatzten Unterlippe. »Was … was …«

»Wehr dich, du Schwein!«, sagte Lennard.

Hintermann hob abwehrend die Hände. »Nein, bitte, hören Sie mir zu! Ich …«

Lennards rechte Faust traf Hintermanns Leber in einem bösen Aufwärtshaken. Er krümmte sich und brach zusammen.

Oh nein, so billig kam die Drecksau nicht davon. Lennard zerrte ihn erneut am Hemdkragen hoch. »Wehr dich, verdammt noch mal!«, schrie er.

Hintermann hatte Tränen in den Augen. Er machte einen halbherzigen Versuch, Lennard gegen die Brust zu boxen.

Als sei dies ein verabredetes Startsignal, prasselte ein Trommelfeuer von Fausthieben auf Hintermanns Gesicht und Oberkörper ein. Er stolperte zurück, blieb mit dem Rücken zur Wand stehen und hielt die Unterarme vors Gesicht.

Lennards Arme schienen nicht mehr ihm selbst zu gehören. Wie zwei außer Kontrolle geratene Maschinen droschen sie auf den weichen, trägen Sack voller Knochen und Gedärme vor ihm ein. All der Frust, all die Wut der letzten Jahre entluden sich in einem Gewitter, das er nicht mehr kontrollieren konnte.

»Hören Sie auf! Sie schlagen ihn ja tot!«

Allmählich kam Lennard zur Besinnung. Er ließ von Hintermann ab, der geräuschlos zu Boden sackte, und drehte sich schwer atmend um. In der Tür stand Fabienne Berger. Mit aufgerissenen Augen starrte sie auf Hintermann. Sie kniete sich neben ihn und packte ihn an der Schulter. »Können Sie mich hören?«

Blut strömte aus seiner Nase und aus mehreren Platzwunden an den Brauen, den Lippen und am Kinn. Seine Augen waren rot und zugeschwollen. Er stöhnte, nickte aber.

Berger half ihm in den Ohrensessel in der Ecke. Mit vorwurfsvollem Blick wandte sie sich an Lennard. »Was haben Sie mit ihm gemacht!«

Er betrachtete ihre dunkelbraunen Augen und fühlte sich plötzlich wie ein Schüler, der von seiner Lehrerin beim Schummeln erwischt wurde. »Das … das Dreckschwein hat es doch nicht anders verdient!«, verteidigte er sich.

Hintermann drehte den Kopf und blickte Lennard aus schmalen, verquollenen Augen an. »Ich habe nichts getan!«

Sofort schoss wieder heiße Wut durch Lennards Adern. Er wollte sich erneut auf das Schwein stürzen, doch eine Handbewegung von Berger reichte, um ihm Einhalt zu gebieten. »Schluss jetzt!«, befahl sie. »Den Rest überlassen wir besser der Polizei!«

»Polizei?« Lennard lachte hämisch. »Vergessen Sie’s! Die werden gar nichts machen. Unser Kinderfreund hier hat ja nichts Unrechtes getan, nur mit einem fremden Mädchen Mensch-ärgere-Dich-nicht gespielt. Die werden nicht mal herkommen, geschweige denn ihn einbuchten.« Er machte einen Schritt auf Hintermann zu. »Aber ich werde diesen Dreckskerl das nächste Mal zum Krüppel schlagen, wenn er ein Kind auch nur ansieht oder sich ihm auf weniger als zwanzig Meter nähert!«

Hintermann senkte den Kopf. Tränen mischten sich mit dem Blut auf seinen Wangen. »Ich … ich verstehe Sie ja«, stammelte er. »Aber bitte glauben Sie mir, ich wollte Yvonne nichts tun. Sie … sie hat mich nur so sehr an meine Lilia erinnert …«

»Lilia? Wer ist Lilia?«, fragte Berger.

Hintermann deutete mit einem zitternden Finger auf die Kommode mit den Bilderrahmen. Einige zeigten ein kleines Mädchen in Yvonnes Alter, mit denselben langen, dunklen Haaren. »Sie … sie ist meine Tochter. Ich habe sie seit fünf Jahren nicht gesehen. Ich weiß nicht mal, wo sie ist. Ihre Mutter … ist eines Tages einfach verschwunden und hat sie mitgenommen. Ich habe jahrelang nach ihnen gesucht …« Seine Stimme brach. »Aber ich habe sie nie wiedergesehen.« Er weinte eine Weile.

Lennard starrte fassungslos auf den Mann, den er zusammengeschlagen hatte, erfüllt von einer Mischung aus Ekel, Mitleid und Entsetzen.

»Glauben Sie mir, ich hätte Yvonne niemals etwas angetan. Ich wollte … ich wollte einfach nur ein paar Stunden mit ihr zusammen sein … nicht mehr so allein …«

»So, wie Sie damals mit Ihrer eigenen Tochter zusammen sein wollten?«, fragte Lennard mit scharfer Stimme. »Ist das vielleicht der Grund, warum Ihre Frau mit dem Kind abgehauen ist? Weil Sie Ihre dreckigen Finger nicht von Ihrer eigenen Tochter lassen konnten?«

»Ich hätte ihr doch nie etwas angetan!«, beteuerte Hintermann.

»Lassen Sie ihn«, sagte Berger. »Sie sehen doch, er ist am Ende.«

»Der ist noch lange nicht am Ende«, erwiderte Lennard. »Ich kenne diese Typen nur zu gut. Hinterher heulen sie und bereuen, was sie getan haben. Aber ihren Opfern nützt das wenig – sie sind oft ihr Leben lang psychisch schwer belastet. Manche bringen sich noch Jahre später aus Scham und Schuldgefühlen um. Typen wie der kapieren nicht mal, was sie den Kindern Schreckliches antun!«

Er wandte sich an Hintermann. »Hör zu, Dreckschwein! Du wirst dich freiwillig in psychiatrische Behandlung begeben. Ich werde dich beobachten. Wenn du es nicht machst, komme ich wieder. Und dann sorge ich dafür, dass du den Rest deines Lebens im Rollstuhl verbringst. Kapiert?«

Hintermann nickte, ohne aufzusehen.

»Soll ich einen Arzt rufen?«, fragte Berger.

Hintermann schüttelte den Kopf. »Nein, danke, es geht schon.«

»Kommen Sie«, sagte sie zu Lennard in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Er folgte ihr aus der Wohnung. »Wieso waren Sie eigentlich plötzlich hier?«, fragte er im Korridor.

»Ich bin Ihnen gefolgt. Ich … ich hatte das Gefühl, dass Sie vielleicht eine Dummheit machen.«

Lennard nickte. »Da hatten Sie womöglich recht.«

Ein zaghaftes Lächeln erschien auf Fabienne Bergers Lippen. »Danke noch einmal, dass Sie Yvonne zurückgebracht haben!«

Er lächelte ebenfalls. »Schon gut. Ich …«

Er wusste plötzlich nicht mehr, wie er den Satz beenden sollte. Er hätte ihr die Sache mit den Fotos gern erklärt, hätte ihr gesagt, dass er die Menschen fotografierte, weil er sie mochte, nicht weil er sie bespitzeln wollte. Er hätte ihr gern davon erzählt, dass er sie überwachte, um sie zu beschützen. Doch er wusste, dass das nicht sehr glaubwürdig geklungen hätte, und ihm fehlten einfach die richtigen Worte.

Sie wartete einen Moment. Dann lächelte sie noch einmal flüchtig. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.« Er blickte ihr nach, wie sie mit schwungvollen Schritten den Flur entlanglief, bis sie im Treppenhaus verschwand. Sie sah sich nicht noch einmal nach ihm um.

7.

»Was soll das heißen, ›wir bringen es nicht‹?« Fassungslos starrte Corinna Faller den Chefredakteur an, der entspannt hinter seinem Schreibtisch saß.

»Welches Wort an diesem Satz verstehst du nicht?«, fragte Dirk Braun ungerührt. Mit seinen wachen, dunklen Augen, der geraden Nase und dem graumelierten Haar hätte er beinahe gutaussehen können, wenn der struppige Vollbart nicht gewesen wäre, den er für das Markenzeichen eines echten Journalisten hielt. Seine Miene war ausdruckslos, fast gelangweilt. Wahrscheinlich freute er sich heimlich, dass er ihr eins auswischen konnte.

Faller beugte sich über den Schreibtisch. »Das kannst du nicht machen! Der angebliche Wohltäter Heiner Benz ein Neonazi – das ist die beste Story, die wir für die nächste Ausgabe haben! Wie willst du denn das Heft sonst füllen, mitten im Sommerloch?«

»Wir bringen Ninas Bericht über die neue Miss Timmendorfer Strand als Aufmacher. Das ist mal ein frisches, junges Gesicht. Die Frau hat noch eine Zukunft!«

»Wie hieß die noch gleich?«, fragte Faller. Eigentlich musste selbst Dirk Braun klar sein, dass die Leser der Rasant keine Geschichten über Mädchen mit Zukunft lesen wollten, sondern über Leute, die sie kannten. Miss Timmendorfer Strand, also wirklich!

»Also schön«, sagte Braun mit einem theatralischen Seufzer. »Wir können ja einen Bericht über das Karlsruher Urteil bringen. Immerhin ist ganz schön was los seit der Verkündung. Aber Heiner Benz halten wir da raus.«

»Was?« Faller wusste tatsächlich nicht, worauf Braun hinauswollte. Ein Bericht über das Urteil ohne Heiner Benz? Wie stellte er sich das vor? Wollte er nur andeuten, dass ein bekannter Milliardär ausländerfeindliche Sprüche von sich gegeben hatte, ohne den Namen zu nennen?

»Du fliegst nach Karlsruhe und interviewst die Moslems, die da demonstrieren. Von mir aus mach auch ein paar Interviews mit Einwohnern aus diesem Kaff, Mooshausen oder wie das heißt, und mit Leuten von der Straße. Vielleicht hast du recht, und das Thema ›fremde Religionen in Deutschland‹ ist ganz interessant.«

Faller glaubte, sich verhört zu haben. »Kein Mensch interessiert sich für ›fremde Religionen in Deutschland‹ oder für ein paar Türken, die vor dem Verfassungsgericht demonstrieren! Die Leute wollen Skandale! Sie wollen lesen, wie Leute, die viel mächtiger und erfolgreicher sind als sie selbst, in den Abgrund stürzen, damit sie selbst sich nicht mehr ganz so schwach und unbedeutend fühlen. Muss ich dir das wirklich erklären?«

Brauns Gesicht lief dunkel an. »Du brauchst mir überhaupt nicht zu erklären, wie ich meinen Job zu machen habe!«, brüllte er. »Aber ich werde dir jetzt mal was erklären!« Er griff in das niedrige Regal hinter sich und holte die aktuelle Ausgabe der Rasant heraus. Als er sie auf den Schreibtisch knallte, rutschte eine achtseitige Beilage heraus. Er zog sie hervor und hielt sie Faller hin. Es war eine Werbebroschüre für superschnelle mobile Internetzugänge der Firma Always Online. Heiner Benz’ Firma.

»Das ist es also.« Sie verzog das Gesicht vor Abscheu. »Du kuschst vor unseren Werbekunden! Na toll. Dann dauert es wohl nicht mehr lange, und die Rasant ist wie eines dieser kostenlosen Anzeigenblätter, in denen man zwischen hundert Werbeinseraten gelegentlich auch einen Beitrag über das fünfzigjährige Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr findet!«

Braun tippte auf die Broschüre. »Zwei Drittel unserer Einnahmen kommen nun mal aus der Werbung. Damit wird dein Gehalt bezahlt!«

»Wenn wir keine interessanten Geschichten mehr bringen dürfen, weil die Werbekunden was dagegen haben könnten, haben wir bald keine Leser mehr – und auch keine Werbekunden! Es sollte doch wohl klar sein, dass es für eine Zeitschrift besser ist, einen Werbekunden zu verlieren und Leser zu gewinnen, als umgekehrt!«

Braun verschränkte die Arme vor der Brust – ein sicheres Zeichen dafür, dass ihm die Argumente ausgingen. »Kann sein. Aber die Entscheidung steht. Kollmann hat vorhin bei mir angerufen, nachdem Benz sich bei ihm über dich beschwert hat. Er hat entschieden. Kein Wort über Benz und damit basta! Du wirst nach Karlsruhe fliegen und einen Bericht über die Demonstrationen machen. Und wenn dir das nicht passt, kannst du gleich deine Sachen packen!«

Faller hatte nicht übel Lust, auf der Stelle zu kündigen. Aber sie wusste, sie würde eine solche Kurzschlusshandlung später bereuen. Besser, sie gab klein bei und fügte sich für den Moment. Kollmann, der Vertreter der Eigentümerfamilie des Verlags, hatte nicht nur großen Einfluss innerhalb der Gruppe, sondern auch in der ganzen Branche. Bisher hatte sie sich immer gut mit ihm gestellt, und das sollte auch so bleiben. Außerdem war die Geschichte über Benz tatsächlich nicht so wichtig, dass es sich lohnte, dafür ihre Karriere aufs Spiel zu setzen.

Früher oder später würde sie ihre große Story kriegen. Dann würde sie Kollmann beweisen, dass Dirk Braun eine Flachpfeife war. Und diesem Heiner Benz würde sie auch noch in die Parade fahren. Schließlich gab es in diesem Land immer noch so etwas wie Pressefreiheit. Niemand sollte glauben, er könne die Meinung von Corinna Faller mit Geld oder Macht unterdrücken!

Als sie sich umdrehte, um erhobenen Hauptes aus dem Büro zu schreiten, sagte Braun: »Ach ja, und wenn du schon mal da bist, schreib bitte noch einen Kurzbericht über das neue Besucherzentrum im Forschungszentrum Karlsruhe, für den Freizeit-Teil. Wir haben morgen Nachmittag einen Termin mit dem Leiter der PR-Abteilung.«

Faller hielt mitten in der Bewegung inne. Das war eine gezielte Demütigung! So etwas war normalerweise Aufgabe einer Praktikantin oder bestenfalls einer Jungredakteurin. Aber sie würde sich von diesem Arschloch Braun nicht unterkriegen lassen. Er würde sich noch wundern. Sie hatte schon andere Chefredakteure überdauert – bessere allemal. Sie drehte sich um und lächelte süßlich. »Aber gern! Noch etwas?«

»Das wäre es erst mal«, sagte Braun. »Und, Corinna, gib dir Mühe! Ich möchte nicht erleben, dass außer Spesen nichts Verwertbares bei der Sache rauskommt!«

»Selbstverständlich nicht, Dirk.«

Braun beugte sich vor und senkte die Stimme. »Ich sage das nicht gern. Aber ich fürchte, deine Stellung hier in der Redaktion ist in letzter Zeit ziemlich wacklig geworden. Du solltest dich nicht mit den falschen Leuten anlegen!«

Faller lächelte ihr falsches Lächeln und nickte. Du auch nicht, lieber Dirk, dachte sie, während sie das Büro verließ. Du auch nicht!

8.

Lennard richtete das Teleobjektiv auf die Zielperson, als sei es der Lauf eines Präzisionsgewehrs. Wenn er jetzt auf den Auslöser drückte, hatte das eine ähnliche Wirkung, als würde ein Geschoss dem Mann das Rückgrat zerfetzen und ihn für immer an den Rollstuhl fesseln.

Er zögerte, hielt einen Moment die Luft an wie ein Schütze, der nicht will, dass ihm die Atembewegung die Kugel verreißt. Vertraute Zweifel stiegen in ihm auf. Welches Recht hatte er, einen Fremden heimlich zu fotografieren, sein Leben zu zerstören? Was ging ihn das überhaupt an? Warum war er hier?

Wie jedes Mal wischte er die Zweifel beiseite. Was der Mann tat, war Unrecht. Es war seine eigene Schuld, wenn sein Leben zerstört wurde. Außerdem brauchte Lennard den Job – Menschen beobachten war das Einzige, was er wirklich konnte.

Die Zielperson legte ihren Aktenkoffer auf den Tisch in dem kleinen Café auf der anderen Straßenseite und klappte ihn auf.

Klick.

Dass er mit seiner Kontaktperson an einem Fenstertisch saß, bewies die Ahnungslosigkeit und Naivität des Mannes. Glaubte er tatsächlich, er könne einfach so vertrauliche Unterlagen aus der Firma stehlen und bei einem Stück Schokoladenkuchen und einem Latte Macchiato verscherbeln? Er verdiente es wirklich nicht besser!

Der Mann nahm einen Umschlag aus dem Koffer.

Klick.

Er reichte ihn über den Tisch. Das Gesicht seines Gegenübers wurde von einer ungewaschenen Gardine verdeckt, aber das machte nichts – Lennard hatte sein Bild schon oft genug auf dem Speicherchip.

Klick, klick, klick.

Die Kontaktperson steckte den Umschlag ein und reichte im Gegenzug einen kleineren Umschlag über den Tisch – den Lohn für den Verrat des Mannes.

Klick, klick.

Bilder drängten sich in Lennards Bewusstsein: eine Frau, die mit versteinertem Gesicht von seinem Verrat erfuhr, Kinder, die sich tränenüberströmt von ihrem Vater in Handschellen verabschiedeten. Er verdrängte die Gedanken. Es war nicht seine Aufgabe zu richten. Er musste nur Beweise sammeln.

Genau wie damals.

Klick, klick.

Was er an Material hatte, reichte bequem, um den Mann zu überführen. Unter Druck mit den Fotos konfrontiert, würde er einknicken und ein Geständnis ablegen. Schließlich war er nur Abteilungsleiter eines Softwareunternehmens, das sich mit automatischer Bildverarbeitung beschäftigte, und kein hartgesottener Industriespion.

Die beiden verließen das Restaurant wie alte Freunde. Klick, klick. Die Kontaktperson verabschiedete sich mit einem fröhlichen Gruß, während die Zielperson sich nervös umsah. Ihr Blick glitt über Lennards Wagen, ohne etwas zu bemerken.

Lennard ließ dem Mann Zeit, in seinen Wagen zu steigen und loszufahren. Er verfolgte ihn nicht – er hatte bereits alles, was er brauchte. Stattdessen fuhr er direkt ins Büro von Treidel Security in einem Barmbeker Hinterhof.

Roland Treidel wirkte eher wie ein Buchhalter, nicht wie der Gründer einer Firma, die sich auf die Abwehr von Industriespionage spezialisiert hatte. Sein etwas ungesunder Gesamteindruck wurde durch den fahlen Teint, seinen altmodischen, aschfarbenen Anzug, die blaugrün gestreifte, schief sitzende Krawatte und das dünne, fettige Haar hervorgerufen. An seiner Unterlippe hatte er eine kleine Narbe, als sei sie ihm einmal bei einer Schlägerei aufgeschlagen worden. Dabei war ihm jede Form von Gewalt zuwider.

»Sehr gut, Pauly«, sagte er, als dieser ihm die Bilder auf seinem Laptop zeigte. Treidels Stimme war leise und bedächtig, als vertraue er Lennard ein Geheimnis an. »Ich denke, damit ist die Sache erledigt. Gute Arbeit!«

»Soll ich versuchen herauszufinden, wie viel die Chinesen für die Unterlagen gezahlt haben?«, fragte Lennard.

»Nein, ich denke, das ist nicht nötig. Wie viel auch immer es ist, es dürfte kaum reichen, um die Anwälte zu bezahlen, die der Mann brauchen wird.« Treidel erlaubte sich ein dünnes Lachen, das eher wie Röcheln klang.

»Gibt es schon einen neuen Auftrag für mich?«

»Ich habe nächste Woche ein Gespräch mit dem Vorstand eines Chemieunternehmens. Da geht es um eine Routineüberprüfung. Ich schlage vor, Sie machen erst mal ein paar Tage frei – Überstunden haben Sie ja genug auf dem Konto. Ich rufe Sie an, wenn es wieder losgeht.«

»Gut, danke.«

Er fuhr zurück in seine Wohnung. Unterwegs hielt er am Supermarkt, um ein paar Tiefkühlgerichte zu kaufen. Als er in der Tiefgarage des Wohnblocks aus dem Wagen stieg, hörte er eine laute, verzweifelte Stimme: »… kann doch nichts dafür. Bitte!« Es klang nach dem Mädchen mit den blauen Flecken.

»Das war eine ganze Pulle, du blöde Schlampe!«, brüllte ein Mann. »Wie kann man nur so bescheuert sein! Eine ganze Pulle, verdammte Kacke!«

»Es … es tut mir leid … sie lag schief in der Tüte …«

»Halt’s Maul, du Miststück! Sonst …«

Lennard ließ seine Einkäufe fallen und rannte in die Richtung der Stimmen.

»Bitte, Frank, bitte, tu mir nicht … Au!« Schluchzen. Dann ein erstickter Schrei. Lennard hörte den dumpfen Aufprall einer Faust auf bloßer Haut.

Er erreichte den Wagen des Paares, als der Mann gerade erneut den Arm zum Schlag hob. Die Frau lag zusammengekrümmt am Boden, mitten in einer Pfütze aus Alkohol, aus der die Scherben einer Flasche ragten. Sie blutete an einer Hand, wo sie sich vermutlich beim Abstützen geschnitten hatte.

Der Mann reagierte viel zu langsam. Ein gezielter Schlag in die Magengrube raubte ihm den Atem. Zwei Sekunden später lag er auf dem Bauch, einen Arm auf den Rücken gedreht.

»Heh, was soll die Scheiße, du Wichser!«, rief er. »Lass mich gefälligst los, oder ich polier dir die Fresse!«

Lennard ignorierte die Unverfrorenheit. Er drehte den Arm ruckartig nach oben, so dass er beinahe aus dem Schultergelenk gehebelt wurde. Der Mann schrie auf.

Die junge Frau rappelte sich hoch. Doch anstatt sich bei Lennard zu bedanken, begann sie, wie wild mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen. »Lassen Sie ihn los!«, schrie sie, außer sich vor Zorn. »Lassen Sie ihn sofort los!«

Lennard sah sie verwirrt an, was ihm einen schlecht gezielten Fausthieb auf die rechte Wange einbrachte. Er ließ den Arm des Mannes los und hob abwehrend die Hände. »Ist ja schon gut!« Er erhob sich langsam, während die Fäuste der Frau immer noch auf ihn einprasselten, ohne jedoch eine nennenswerte Wirkung zu haben.

»Verschwinden Sie!«, schrie sie. »Hauen Sie ab! Lassen Sie uns in Ruhe!«

»Ich … ich wollte doch nur helfen …«, sagte Lennard verwirrt.

Doch die Frau beachtete ihn nicht mehr. Sie kniete sich neben ihren Freund und half ihm hoch. »O Gott, Frank! Bist du okay?«

Lennard schüttelte den Kopf. Er wandte sich ab.

»Scheißtyp!«, rief ihm der Schläger nach. »Pass bloß auf, du! Dich mach ich platt, du!«

Lennard hob seine fallengelassenen Einkaufstüten auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, zum Fahrstuhl.

9.

»Hey, seid mal still, Jungs!«, rief Willi. »Hört ihr das?«

Die anderen beachteten ihn nicht. »Und dann hat er ihn voll ins lange Eck gehauen«, fuhr Martin fort. Er gestikulierte wild, so dass ein wenig Bier aus seiner Dose schwappte. »Ein Hammerschuss, Mann! Das war Fußballgeschichte! Damals war der KSC noch’ne richtige Mannschaft! Nicht so ein zusammengewürfelter Haufen Jammerlappen wie jetzt, verdammt noch mal! Diese ganzen Afrikaner im Team …«

»Jetzt seid doch endlich mal still!«, rief Willi erneut.

Endlich fand seine dröhnende Stimme Gehör. Der kleine Trupp, der sich auf den Weg in den Schlosspark gemacht hatte, um den herrlichen Juninachmittag zu genießen, ein paar Bier zu trinken und über Fußball, Frauen und die Zukunft zu quatschen, hielt inne.

Jetzt hörte auch Ben die Sprechchöre. Man konnte nicht verstehen, was sie riefen.

»Da brat mir doch einer ein Wildschwein!«, rief Willi, der eine ähnliche Figur und fast so viele Muskeln hatte wie Obelix und aus seiner Verehrung für den starken Comic-Helden keinen Hehl machte. »Schon wieder diese scheiß Islamisten!«

In der Tat klang es so, als finde vor dem Bundesverfassungsgericht, das direkt neben dem Schloss lag, eine Demonstration statt. Dem Klang der Stimmen nach konnten es allerdings nicht mehr allzu viele Protestierer sein, die jetzt schon den fünften Tag in Folge ihrem Unmut Luft machten.

Bens bester Freund Gerd lachte laut. »Na und? Lass sie doch! Die können so viel rumschreien, wie sie wollen, das wird ihnen nichts nützen! Zum Glück gibt es in diesem Land noch ein paar Richter mit Verstand!«

»Jau«, stimmte Hannes zu, der erst vor kurzem mit seinen Eltern nach Karlsruhe gezogen und noch neu in der Clique war. Seine Herkunft aus Dortmund war ihm deutlich anzuhören. »Dat Urteil war echt überfällig. Wat würden die denn sagen, wenn wir bei denen da unten in Anatolien überall Kirchen bauen würden?«

»Mit diesem Gebrüll vermiesen die uns noch den ganzen Nachmittag!«, maulte Willi.

»Ach komm schon, Willi«, sagte Ben. »Wir gehen eben ein bisschen weiter hinten in den Park und drehen die Musik auf, dann hören wir nichts mehr von denen.«

»Lasst uns doch mal hingehen und gucken, wie viele es noch sind«, schlug Martin vor. »Vorgestern bin ich nachmittags mit dem Bus vorbeigefahren, da waren es mindestens zweitausend.«

Ben hätte die Demo lieber ignoriert und wäre direkt in den Park gegangen, aber die anderen stimmten Martin zu. Also machten sie einen kleinen Umweg über den Schlossplatz.

Die Demonstration bot einen eher kümmerlichen Anblick. Vielleicht hundert junge Männer, die meisten von ihnen mit schwarzen Vollbärten, standen auf dem Schlossplatz und riefen: »Freiheit für den Islam!« Einige hielten Transparente mit Aufschriften wie »Für Religionsfreiheit in Moosenheim«, »Deutschland braucht den Islam«, aber auch »BVG-Richter = Nazis«. Einige Polizisten lehnten an ihren VW-Bussen und sahen der Veranstaltung eher gelangweilt zu. Die paar Touristen, die auf dem Weg zum Schloss waren, beachteten die Demonstration kaum.

»Guckt euch dieses armselige Häuflein an«, rief Martin und lachte. »Die können einem ja richtig leidtun!«

»Spinnst du?«, rief Willi. Sein Kopf war rot angelaufen. »Die Arschlöcher beleidigen unsere Verfassungsrichter! Das können wir uns doch nicht gefallen lassen!«

»Scheiß Terroristenpack!«, stimmte ihm Hannes zu. »Als Nächstes sprengen die wahrscheinlich eine Kirche in die Luft!«

»Jetzt beruhigt euch mal«, rief Gerd.

Doch Willi hatte keine Lust, sich zu beruhigen. »Denen werd ich was erzählen!«, rief er und ging mit großen Schritten auf die Gruppe der Demonstranten zu.

»Jau!«, sagte Hannes und folgte ihm.

Gerd, eher der Besonnene in der Gruppe, versuchte vergeblich, die beiden aufzuhalten. Er warf Ben einen hilflosen Blick zu.

Der zuckte mit den Schultern. »Lass uns lieber hinterhergehen, ehe die noch irgendeinen Mist bauen!«

Gerd nickte. Zu dritt folgten sie ihren beiden aufgebrachten Freunden.

»Ey, ihr Kümmelfresser!«, brüllte Willi, als er nur noch ein paar Schritte von der Demo entfernt war. »Haut doch ab in die Wüste, wo ihr herkommt! Das hier ist unser Land!«

Ein paar der Demonstranten warfen ihm finstere Blicke zu, riefen jedoch weiter ihre Parolen.

»Lass den Scheiß und komm her!«, rief Gerd, doch Willi dachte nicht daran. Sein Kopf war rot angelaufen, als hätte er ihn in kochendes Wasser getaucht. Er rannte auf einen Demonstranten zu, riss ihm ein Schild mit der Aufschrift »Weg mit dem Nazi-Urteil« aus der Hand und warf es im hohen Bogen durch die Luft.

Die Sprechchöre verstummten. Plötzlich wurde es still auf dem Schlossplatz. Hundert dunkle Augenpaare starrten die kleine Gruppe an.

Jetzt schien auch Willi zu begreifen, dass er nicht Obelix war und die Moslems vor ihm keine Römer. »Er hob die Hände. »Ist doch wahr!«, sagte er lahm. »Das hier ist unser Land!«

»Verpisst euch, Nazi-Arschlöcher!«, rief einer der jungen Männer. Ein anderer sagte etwas auf Türkisch. Gelächter erhob sich.

»Kommt Leute, lasst uns weitergehen!«, sagte Martin, dem ähnlich mulmig zu sein schien wie Ben.

Der Mann, dem Willi das Schild weggerissen hatte, hob es seelenruhig wieder auf. Dann wirbelte er plötzlich herum und schlug damit nach Bens Freund.

Willi mochte dick und muskulös sein, aber er war alles andere als träge, weshalb er in Bens Fußballverein der gefürchtetste Stürmer war. Er packte das Schild, bevor es ihn berührte, riss es dem überraschten Türken aus der Hand und zerbrach es über dem Knie. Die Hälfte mit dem Spruch ließ er fallen, den abgebrochenen Schaft hielt er wie einen Knüppel in der Hand. »Kommt doch her, wenn ihr was wollt, ihr Schisser!«, rief er und schwenkte drohend den Prügel.

Aufgebrachte Rufe auf Türkisch erschollen. Plötzlich hielt einer der Männer neben dem Schildträger ein Klappmesser in der Hand.

Ben sah sich hilfesuchend um. Die Haltung der Polizisten in der Nähe hatte sich versteift; sie wirkten angespannt, machten jedoch keine Anstalten, einzuschreiten. »Ganz ruhig jetzt, Willi!«, sagte er. »Wir wollen keinen Ärger, okay?«

Willi senkte den Arm und drehte sich um. Doch in diesem Moment flog in hohem Bogen eine Bierdose über ihn hinweg und landete in der Menge. »Scheiß Kanaken!«, rief Hannes.

Ein getroffener Mann schrie auf. Mit lautem Gebrüll stürzten sich die Demonstranten auf die Freunde.

Ben war alles andere als ein Schläger. Willi hatte sich ein bisschen dämlich verhalten, und vor allem Hannes hatte mit dem Wurf der Bierdose einen entscheidenden Fehler gemacht. Dennoch dachte er keine Sekunde lang daran, seine Freunde im Stich zu lassen. Er duckte sich unter einem Fausthieb weg und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen einen älteren Demonstranten, der aufschrie und nach hinten stürzte. Ben kippte vornüber und landete auf ihm. Der Mann hielt sich schützend die Hände vors Gesicht. Ben versuchte, sich aufzurappeln. Überall um ihn herum wirbelten Fäuste und Fußtritte.

Er schaffte es, auf die Beine zu kommen, doch einer der Demonstranten, der sich von Willi einen Kinnhaken eingefangen hatte, fiel rückwärts gegen ihn und riss ihn wieder zu Boden.

Willi schien außer sich. Ein halbes Dutzend Türken umringte ihn, doch mit seinen langen, kräftigen Armen hielt er sie auf Distanz und teilte mehr aus, als er einstecken musste. Allerdings würde es wohl nicht mehr lange dauern, bis er überwältigt und vielleicht von einem Messer übel verletzt wurde. Auf der anderen Seite von Ben trat Hannes auf einen am Boden liegenden Türken ein.

Ein Schatten senkte sich über Ben. Er fuhr herum und sah in ein bärtiges Gesicht. Der Mund war zu einer Grimasse der Wut verzerrt. »Dich mach ich fertig, du Nazi-Schwein!«, zischte der Mann und hob einen schweren Pflasterstein.

Ben hob abwehrend die Hand, doch er wusste, dass er die Wucht des Schlags nicht würde aufhalten können. Wenn der Stein ihn am Kopf traf, würde sein Schädel zerplatzen wie ein rohes Ei.

Bevor der wütende Türke zuschlagen konnte, fiel ihm einer der anderen Demonstranten in den Arm und riss ihn zurück. Es war ausgerechnet der ältere Mann, den Ben zu Boden geworfen hatte. Er brüllte etwas Unverständliches. Der Mann mit dem Stein wirbelte herum und fuhr den Älteren wütend an. Bevor er sich losreißen konnte, griff ein Polizist in Kampfmontur in die Auseinandersetzung ein. Er trug einen Helm und hielt einen transparenten Schild und einen Schlagstock in den Händen. »Auseinander!«, brüllte er.

Der Türke ließ den Stein fallen und ergriff die Flucht. Der Polizist folgte ihm.

Ben wollte sich aufrappeln, doch er wurde erneut zu Boden gedrückt. Jemand riss ihm brutal die Hände auf den Rücken und fesselte sie mit einem Plastikstreifen. »Sie sind vorläufig festgenommen!«, hörte er eine tiefe Stimme dicht neben seinem Ohr.

10.

Corinna Faller drückte ein paarmal auf den Auslöser. Die Fotos waren uninteressant, das wusste sie. Kaum geeignet, um in der Rasant zu erscheinen. Aber sie würde Dirk nicht den Gefallen tun, gegen seine ausdrückliche Anweisung zu verstoßen.

Die Tatsache, dass sie hier allein auf dem Schlossplatz in Karlsruhe stand, sagte im Grunde schon alles. Nicht mal die Lokalpresse schien sich für die Demo zu interessieren, aber schließlich dauerten die Proteste gegen das Urteil auch schon ein paar Tage an.

Normalerweise wurde ein Reporter der Rasant immer im Team mit einem Fotografen zum Einsatz geschickt. Einer kümmerte sich um die Story, der andere um die Bilder, so war das nun mal, und es galt ganz besonders, wenn so erfahrene und bedeutende Journalistinnen wie Faller unterwegs waren. Doch Dirk Braun hatte entschieden, dass sie allein fahren sollte, »um Reisekosten zu sparen«, wie er sagte. In Wirklichkeit wollte er sie nur erniedrigen.

Wenn er glaubte, sie damit gefügig zu machen, hatte er sich geschnitten. Faller hatte beschlossen, Dienst nach Vorschrift zu machen. Irgendwann würde sie ihre Chance bekommen, diesen Mistkerl abzusägen, und bis dahin würde sie sich nicht den kleinsten Fehler nachweisen lassen. Also hatte sie brav ein paar Fotos von der kümmerlichen Demo und den gelangweilten Polizisten geschossen und einige Passanten interviewt. Erwartungsgemäß waren die Beobachter überwiegend genervt, hüteten sich aber, gegenüber der Presse etwas politisch Unkorrektes zu äußern. Das gesamte Interviewmaterial war völlig unbrauchbar. Aber das machte nichts – im Gegenteil. Sie würde brav aufschreiben, was sie gesehen und gehört hatte. Es würde vermutlich der langweiligste Artikel werden, den sie je verfasst hatte. Aber das war nicht ihre Schuld, sondern allein die von Dirk Kotzbrocken Braun, der ihr ausdrücklich verboten hatte, der Geschichte durch die Einbeziehung von Heiner Benz eine interessante Wendung zu geben.

Für einen kurzen Moment wurde es dann doch noch spannend, als eine Gruppe junger Männer die Moslems attackierte. Doch bevor die Sache zu einer blutigen Auseinandersetzung wurde, griff die Polizei ein. Die Angreifer und ein paar Demonstranten wurden in Handschellen in die Mannschaftswagen verfrachtet.

Rasch streckte Faller einem stämmigen jungen Mann ihr Mikrofon entgegen. »Warum haben Sie die Demonstranten angegriffen?«

»Diese Arschgeigen haben unsere höchsten Richter verhöhnt und beleidigt! Und da soll man als aufrechter Deutscher tatenlos danebenstehen?«

»Diese Leute haben nur ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen«, sagte Faller. »Die Demonstration war genehmigt, und sie war friedlich, bis Sie aufgetaucht sind!«

»Friedlich?«, schaltete sich ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren ein. »Die hatten Messer, haben Sie das nicht gesehen? Die waren doch von Anfang an auf Krawall aus!«

»Schluss jetzt«, sagte der Polizist, der den Dicken am Arm hielt, schob ihn in den Bus und schloss die Tür.

Faller warf einen Blick auf die Uhr. Zwanzig vor vier. Ihr blieb noch eine gute Dreiviertelstunde bis zu ihrem Termin im Forschungszentrum Karlsruhe. Sie sah sich um, aber die restlichen Demonstranten hatten sich inzwischen zerstreut. Hier gab es nichts mehr zu tun.

Sie trank in einem Café am Schlossplatz noch einen Cappuccino, bevor sie sich auf den Weg machte. Als sie ihr Auto erreichte, das in einer Parkverbotszone abgestellt war, riss sie mit einem Fluch den Strafzettel vom Scheibenwischer und warf ihn auf den Beifahrersitz. Die blöde Zicke von Politesse hatte das deutlich sichtbare Presse-Schild einfach ignoriert!

11.

Karin Münster hielt einen Moment inne und lauschte, aber von den Tumulten am Schlossplatz war nichts mehr zu hören. Aus den gleichmäßigen Parolen der Demonstranten, die etwa zweihundert Meter entfernt herumkrakeelt hatten, waren vor einer halben Stunde erst aufgeregte Rufe geworden, dann wütende Schreie. Schließlich erklangen Martinshörner, dann wurde es ruhig. Na bitte! Die Kollegen hatten offensichtlich endlich durchgegriffen und für Ordnung gesorgt.

Wenn es nach Münster ging, sollten Demonstrationen in Innenstädten grundsätzlich verboten werden. Sie brachten den Verkehr durcheinander und gefährdeten Passanten und Touristen. Aber Karlsruhe war schließlich so etwas wie die Hauptstadt der deutschen Verfassung, da musste man wohl mit dem Demonstrationsrecht besonders sorgsam umgehen.

Sie beneidete die Kollegen nicht, die zum Dienst bei Demos eingeteilt wurden. Wenn es zu Krawallen kam, wurden viele von ihnen verletzt. Dass da mancher wütend wurde, war ja wohl verständlich. Doch wenn sie die kriminellen Krawallmacher zu hart rannahmen, waren die Polizisten wieder mal die Buhmänner der Nation. Münster hatte es da einfacher: Sie sorgte dafür, dass die Leute, die glaubten, sie könnten Parkverbotsschilder straflos ignorieren, eines Besseren belehrt wurden. Das machte sie zwar auch nicht gerade populär, aber zumindest hatte man sie noch nie tätlich angegriffen.

Sie tippte das Kennzeichen eines schäbigen alten Opel in ihr mobiles Datenerfassungsgerät. Vermutlich gehörte er einem der Krawallmacher. Sie druckte die Benachrichtigung für den Fahrer aus und klemmte sie unter den Scheibenwischer. Ihr nächstes Opfer war ein dunkelgrauer Golf. Der Fahrer hatte ein gedrucktes Schild mit der Aufschrift »Presse« aufs Armaturenbrett gelegt, offenbar in dem Irrglauben, es würde ihm irgendwelche Sonderrechte verschaffen. Die Leute verfielen auf alle möglichen Tricks, um Parkgebühren zu sparen. Münster kannte sie alle.

Eine Dreiviertelstunde später sah sie auf die Uhr: Kurz vor fünf – nur noch ein paar Minuten bis zum Feierabend. Sie bog in die Waldstraße ein und ging nach Norden in Richtung Schlossplatz. Für die Parkbuchten hier musste man am Automaten ein Ticket lösen. Da es immer Leute gab, die kein Kleingeld hatten oder sich nicht um die Zeitbeschränkung von zwei Stunden kümmerten, war hier eigentlich jedes Mal jemand aufzuschreiben.

In einer der Buchten stand ein grauer Lieferwagen mit fensterlosem Laderaum und Kölner Kennzeichen. Er trug das Logo einer Mietwagenfirma. Sie spähte durch die Windschutzscheibe. Der Fahrer hatte es nicht für nötig befunden, ein Ticket zu lösen. Nun gut, dann würde er eben einen ordentlichen Aufpreis zahlen müssen.

Sie tippte das Kennzeichen ein. Das Erfassungsgerät sendete es zusammen mit Straßenname, Datum und Uhrzeit an die Empfangszentrale, die es direkt an die Computer des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg weiterleitete. Dort wurde es mit der Kennzeichen-Datenbank verglichen.

Münsters Anzeigegerät piepte nicht. Der Wagen war nicht als gestohlen gemeldet und das Kennzeichen ordnungsgemäß registriert. Alles in Ordnung. Dennoch hatte sie ein seltsames Gefühl, als sie den Wagen betrachtete. Er passte irgendwie nicht in das normale Bild falsch parkender Fahrzeuge, das sie sich in langjähriger Erfahrung gebildet hatte. Was war wohl mit diesem Wagen transportiert worden, oder was sollte damit transportiert werden? Möbel? Diebesgut? Eine Leiche vielleicht? Einer spontanen Eingebung folgend, legte sie das Ohr an die rückwärtige Ladetür des Wagens. Das Metall war heiß von der Junisonne. Natürlich war aus dem Inneren nichts zu hören.

Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Manchmal ging einfach ihre Phantasie mit ihr durch. Früher hatte sie immer davon geträumt, Kriminalkommissarin zu werden. Vielleicht sollte sie doch noch versuchen, den Krimi, den sie vor zwei Jahren begonnen hatte, fertigzuschreiben, statt hier wild herumzuspekulieren.

Sie warf einen letzten Blick auf den Lieferwagen, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Pünktlich um 17.00 Uhr erreichte sie das Ende des Parkbereichs in der Waldstraße. Ein Stück weiter begann der Sperrbezirk um das Bundesverfassungsgericht, in dem es keine Möglichkeit zum Falschparken gab. In der letzten Bucht stand ein Mercedes, dessen Ticket seit einer Dreiviertelstunde abgelaufen war. Sie überlegte, ob sie Gnade walten lassen sollte – immerhin war es schon nach Feierabend. Sie entschied sich dennoch dafür, ihre Pflicht zu erfüllen, und erfasste das Kennzeichen. Sie legte den Finger auf die Absenden-Taste.

12.

»Bitte hör auf, hier so rumzuschreien!«, flehte Julia. Sie sah sich sorgenvoll um, doch die überwiegend jungen Menschen, die um sie herum in kleinen Gruppen den Rasen des Schlossparks bevölkerten, Ball spielten, Bier tranken oder einfach nur die Nachmittagssonne genossen, schienen sich nicht für sie zu interessieren.

»Ich schreie überhaupt nicht!« Lothars helle Haut war mit roten Wutflecken gesprenkelt, so dass er aussah, als litte er an einer ansteckenden Krankheit. »Außerdem ist es mir scheißegal, ob uns jemand zuhört! Von mir aus kann ruhig jeder wissen, dass du fremdgegangen bist!«

Tränen traten in Julias Augen. »Ich bin nicht fremdgegangen, Herrgott noch mal!«

»Ach ja? Und wieso ruft dann dauernd dieser Carlo bei uns an? Und wieso hast du mir nicht gesagt, dass du vorgestern auf der Party warst? Und woher, bitte, kommt der Knutschfleck an deinem Oberschenkel?«

Julia warf verzweifelt die Hände in die Luft. »Ich hab es dir schon dreimal gesagt: Carlo ist ein Kommilitone, mit dem ich mich aufs Staatsexamen vorbereite. Der Knutschfleck ist kein Knutschfleck, sondern ein blauer Fleck, weil ich mich am Küchentisch gestoßen habe, verdammt! Und ich muss dich ja wohl nicht um Erlaubnis fragen, wenn meine Freundin mich auf ihre Geburtstagsparty einlädt! Außerdem warst du an dem Abend gar nicht da!«

»Das ist es ja gerade! Kaum bin ich mal weg, da amüsierst du dich schon!«

»Verdammt, Lothar! Erwartest du etwa, dass ich zu Hause vor dem Fernseher hocke, sobald du mal einen Abend nicht in der Stadt bist? Ich habe diese ewigen Eifersüchteleien so satt!«

»Schrei mich nicht an!«

»Ich schreie, wann es mir passt! Und eins sage ich dir …«

13.

Ein vergittertes Fenster gab den Blick auf den Stadtgarten frei. Es war halb geöffnet, so dass Ben den Straßenlärm und vereinzelte Rufe der Tiere des benachbarten Zoos hören konnte.

»So ein Scheiß!«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu seinen Freunden, die deprimiert auf den Stühlen hockten. Der Raum sah eher aus wie das Wartezimmer eines Zahnarztes als wie eine Gefängniszelle. Es lagen sogar ein paar Zeitschriften auf dem Tisch. Doch die Tür war verschlossen, und es bestand kein Zweifel daran, dass sie in richtige Zellen gesteckt werden würden, sobald die Verhöre beendet waren. »Mein Jurastudium kann ich jetzt wohl abhaken!«

Bens Stiefvater hätte wahrscheinlich gejubelt, wenn er gewusst hätte, dass Ben vorhatte, ebenfalls Jurist zu werden. Er würde glauben, dass Ben ihm nacheiferte. Doch das Gegenteil war der Fall. Ben hielt Jochen Walter für einen windigen Winkeladvokaten, dem Recht und Gerechtigkeit am Arsch vorbeigingen. Er wollte Jurist werden, damit Typen wie sein Stiefvater das deutsche Rechtssystem nicht völlig zugrunde richteten. Doch nun war er selbst mit diesem Rechtssystem in Konflikt.

»Quatsch!«, rief Willi. »Die müssen uns doch wieder laufen lassen. Was haben wir denn schon groß gemacht? Außerdem bist du doch nicht mal volljährig!«

»Was wir gemacht haben? Landfriedensbruch nennt man das!«, rief Ben lauter als beabsichtigt. Willi ging ihm mit seiner Naivität auf die Nerven. Wenn er nicht so blöd gewesen wäre, dann wäre überhaupt nichts passiert.

»Hört auf, euch zu streiten!«, sagte Gerd. »Wir müssen zusammenhalten! Das war ganz klar Notwehr! Der Türke hat Willi mit dem Schild angegriffen, wir anderen haben ihn nur verteidigt. Ist das klar?«

»Und die Bierdose?«, sagte Ben mit einem finsteren Blick in Richtung von Hannes.

Der Dortmunder, der ihnen allen den Schlamassel eingebrockt hatte, besaß auch noch die Unverschämtheit, blöd zu grinsen. »Wat soll damit sein? Die is mir aus der Hand gerutscht!«

»Das war echt bescheuert, Mann!«, sagte Martin. Er hatte bereits mit dem Medizinstudium begonnen und konnte diesen Ärger ebenso wenig brauchen wie Ben.

»Sach ma, fangt doch an zu heulen, ihr Memmen!«, rief Hannes. »Die Scheißtürken haben eins aufs Maul verdient, so is dat doch! Bei uns zu Hause hätten die wat auf die Fresse gekriegt, und fertich!«

»Ach ja?«, rief Martin. »Und wie willst du mit fünf Leuten hundert Türken ›wat auf die Fresse geben‹?« Er äffte Hannes’ Ruhrpott-Dialekt verblüffend gut nach.

Der Dortmunder sprang von seinem Stuhl auf. »Gleich krisse wat …«

»Schluss jetzt!«, sagte Gerd scharf. »Es hat wirklich keinen Sinn, dass wir uns hier gegenseitig fertigmachen. Hannes hat eine Bierdose geworfen, das ist ja wohl noch kein Landfriedensbruch. Und dass Willi einem der Türken ein Schild aus der Hand gerissen hat, kann man auch nicht gerade als Angriff bezeichnen. Die Türken sind mit Messern auf uns losgegangen, das wissen auch die Bullen.

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