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Schwarze Verführung

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

New York Times und USA Today Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Shootingstar am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Die Herren der Unterwelt-Reihe gilt als ihre bislang stärkste Serie.

Gena Showalter

Die Herren der Unterwelt 9:

Schwarze Verführung

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Freya Gehrke

Liebe Leser,

ich freue mich, Ihnen nun nach langem Warten die Geschichte von Paris präsentieren zu können, Hüter des Dämons der Promiskuität. Ja, ich habe tatsächlich endlich das Gefühl, ihn genug gequält zu haben. Immerhin hat Paris seit Ihrer ersten Begegnung mit den Herren der Unterwelt

1) die einzige Frau verloren, mit der er mehr als einmal schlafen konnte,

2) seine Chance, sie wiederzufinden, aufgegeben – indem er sich entschied, stattdessen einen seiner Freunde zu retten,

3) eine ungesunde Affinität zu Drogen entwickelt,

4) jeden Funken Güte in seinem Inneren erstickt,

5) sich in eine Kampfmaschine verwandelt.

Sein Weg zum „Glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ war gepflastert mit Blut, Schweiß und Tränen. Größtenteils von mir. Na gut. Größtenteils von ihm. Wie auch immer. Das ist wohl Auslegungssache. So oder so wusste ich, dass er etwas Besonderes verdient – und jemand Besonderen. Tatsächlich hatte ich sogar eine Idee für ihn und setzte mich an den Schreibtisch, um sie niederzuschreiben. Vier Versuche und dreihundert zerknüllte Seiten später zeigte er mir ganz genau, was er wollte. Na gut, meinetwegen. Ich gab endlich nach und machte es auf seine Weise. Und wissen Sie, was? Er hat das „Besondere“ bekommen, das ich für ihn wollte.

Die Charaktere besaßen so viel mehr Tiefe, als ich erwartet hatte, und während sie miteinander in Berührung kamen, begannen die Puzzleteile fast von allein an ihre Plätze zu rücken. Ich begriff, warum er wollte, was er wollte, und zum ersten Mal seit langer Zeit hörte ich Paris lachen. (Natürlich nur in meinem Kopf, aber ein Lachen ist ein Lachen.) Er hatte sein „Meins“ gefunden, und sie war und ist exakt das, was er die ganze Zeit über gebraucht hatte.

Werde ich meinen Charakteren je wieder im Weg stehen? Nun … ja. (Hey, wenigstens bin ich ehrlich.) Aber dieses eine Mal war mein Nachgeben erwiesenermaßen das Beste, was ich tun konnte.

Ich hoffe, Sie sind mit Paris’ Geschichte genauso zufrieden wie er.

Alle guten Wünsche!

Gena Showalter

DANKSAGUNG

Über die Jahre habe ich gelernt, dass Familie wichtig ist. Ich bin mit einer der großartigsten Familien überhaupt gesegnet. Sie liebt mich, unterstützt mich und ist immer da, wenn ich sie brauche. Das Band, das Sie zwischen den Herren sehen, genau wie das Band zwischen den Harpyien-Schwestern – das ist das Band, das mich mit meiner Familie verbindet und für das ich über alle Maßen dankbar bin. Deshalb ist das hier für meinen Mann und meine Kinder, meine Mutter und meinen Vater, meine Schwestern und Brüder, die Angeheirateten (die so viel mehr sind als das), die Nichten und Neffen und die verrückten Tanten und Onkel. Ich liebe und verehre euch alle!

Ich bin aber nicht nur im Hinblick auf meine Familie, sondern auch auf meine Freunde gesegnet. Deshalb ist es auch für Jill Monroe, Kresley Cole und P.C. Cast. Ich liebe euch, Ladys!

Ich erhebe die Stimme, und die Menschen erbeben vor Furcht. Ich erhebe die Stimme, und mein Volk beeilt sich, zu gehorchen – und doch versuchen sie, mich zu vernichten. Mein rettender Engel gleitet dahin auf den Schwingen der Mitternacht, sie trägt meine Bürde. Sie entfesselt meinen Zorn und schickt alle in die ewige Verdammnis mit einem einzigen Streich ihres Schwerts. Ich erhebe die Stimme.

– Ausschnitt aus den privaten Tagebüchern von Cronus, König der Titanen

Erheb die Stimme so viel zur Hölle, wie du willst. Ich nehme mir, was mir gehört.

– Paris, Herr der Unterwelt

PROLOG

Sein Zorn …“

„Ich weiß.“

Von hoch oben im Himmelreich beobachtete Zacharel die Welt zu seinen Füßen. Sah zu, wie der einst leutselige Paris einen weiteren seiner Feinde der Jäger tötete. Wie viele Opfer das allein in der vergangenen Stunde machte, hätte der Engel nicht sagen können. Schon lange hatte er aufgehört, mitzuzählen. Und selbst wenn er innegehalten hätte, um nachzurechnen, hätte sich die Summe eine Sekunde später wieder geändert. Als der nächste Leib den glitschigen blutüberzogenen Dolchen in den Händen des Kriegers zum Opfer fiel.

Natürlich wirbelte der keuchende, schweißüberströmte Paris augenblicklich herum, um zwei neuen Gegnern entgegenzutreten, mit fließenden Bewegungen, einer tödlichen Eleganz … So unaufhaltsam wie eine Lawine. Zu Beginn spielte er mit ihnen. Ein Schlag, der Knochen zerschmetterte. Ein Tritt, der Lungen zerquetschte. Ein Lachen, eine Flut der schmutzigsten Flüche. Doch bald schon war nichts davon mehr genug für diesen dämonenbesessenen Soldaten, und er ließ seine Klingen über die Achillessehnen seiner Gegner tanzen, verstümmelte seine Beute, um sie leichter erlegen zu können.

Paris hatte sich zum Köder gemacht, um diese Jäger zu sich zu locken. Eifrig und bereitwillig waren sie gekommen, begierig, den bösartigen Dämon in seinem Inneren zu stehlen und ihm endlich das Leben zu nehmen. Aus dem, was er tat, um sich zu verteidigen, konnte Zacharel dem Krieger keinen Vorwurf machen. Selbst als sich weitere Leichen zu dem schon jetzt riesigen Berg um ihn herum gesellten, den ein See aus Rot und Schwarz umspülte. Und doch, preisen konnte er den Krieger ebenso wenig.

Dies war kein gnädiges Töten, nicht einmal ausgeführt mit kalter, berechnender Rache im Sinn, die ihren Ursprung in einem ebenso kalten Zorn hatte. Nein, dies war ein Ausbruch von Feuer, Hass und Verzweiflung, der heißer loderte als alles, was die Hölle je hervorgebracht hatte.

„Er ist wie ein vergifteter Apfel“, sagte Zacharel zu dem Engel neben ihm. Und weil Paris an den Dämon der Promiskuität gebunden war, fiel die Aufgabe, ihn unschädlich zu machen, nicht den Menschen zu, unter denen er lebte. Das mussten die Engel der Einen Wahren Gottheit erledigen, die sich mit anderen Dimensionen des Bösen befassten. „Ein Gift wie dieses breitet sich langsam aus, aber es bringt unausweichlich das Verderben.“

Eiskristalle rieselten um Zacharel herab, wie immer in diesen Tagen. Der Atem stand ihm in Wolken vor dem Gesicht. Jede Schneeflocke sollte ihn an seine eigenen Verbrechen erinnern, die ihm erst so kürzlich vor Augen geführt worden waren. Doch im Gegensatz zu Paris trug er sein Elend nicht um sich gehüllt wie einen Wintermantel, eng an den Körper gezogen, um sich darauf zu stützen, es zu nähren, es wachsen zu lassen. Für Zacharel hatte nichts eine Bedeutung. Nicht mehr.

Auf seinem Feldzug gegen die Dämonen, die sein Leben zerstört hatten, hatte er „unschuldige“ Menschen getötet, und dies sollte seine Strafe sein – das Missfallen seiner Gottheit immer mit sich zu tragen.

„So saftig und verlockend, wie dieser Apfel auf andere wirkt“, verkündete Lysander, „werden sie bereit sein, alles zu kosten, was er ihnen bietet.“

Zacharel wandte den Blick zu dem Mann, der ihm beigebracht hatte, wie man auf dem Schlachtfeld überlebte. Der Elitekrieger war ein muskulöser Fels ungebrochener Kraft. Gegen sein langes weißes Gewand strahlten seine Flügel wie Flüsse geschmolzenen Goldes. Auch um ihn herum wütete Zacharels Schneesturm, doch nicht eine Flocke wagte es, auf seinen Schultern zu landen. Vielleicht fürchteten ihn die Kristalle, wie unzählige andere Kreaturen – und das zu Recht. In ihrer Welt war er Richter und Geschworene zugleich, sein Wort war Gesetz.

„Befreien wir die Welt von dieser Versuchung?“, fragte Zacharel. Seit Jahrhunderten übernahm er die Rolle des Scharfrichters für Lysander.

„Ich werde nicht seine Hinrichtung befehlen, nein“, entgegnete Lysander entschieden. „Zu diesem Zeitpunkt kann Paris sich noch von seinen Sünden reinwaschen.“

Unerwartet. Selbst über die große Entfernung zwischen Himmel und Erde hinweg hörte Zacharel das Grunzen und Stöhnen, das Paris seinen Feinden entlockte. Ihre Schreie. Das Flehen um Gnade, das bis in alle Ewigkeit unbeachtet verhallen würde. Und so entschlossen, wie dieser Herr der Unterwelt seine Arbeit anging, war dies erst der Anfang.

„Was erwartest du dann von mir?“

„Paris sucht nach seiner Frau, um sie aus der Sklaverei des Titanenkönigs zu befreien. Du wirst ihm helfen, wirst ihn und das Mädchen beschützen. Aber sobald ihre Bindung an Cronus gebrochen ist, wirst du sie hierherbringen, wo sie den Rest der Ewigkeit verbringen wird.“

Noch unerwarteter. Der Befehl roch nach Nachsicht – etwas, das Lysander in all den Jahrtausenden seines Lebens nur einem einzigen anderen dämonenbesessenen Unsterblichen gewährt hatte: Amun, Paris’ Freund. Und das nur, weil die Harpyie Bianka, Lysanders Gemahlin, ihn darum gebeten hatte.

Sie musste auch diesen zweiten Gefallen eingefordert haben, denn es war weithin bekannt, dass Lysander ihren Listen gegenüber hilflos war. Aber selbst ein bis über beide Ohren verliebter Bräutigam mit der Verantwortung für ein Himmelreich und alles, was dort geschah, hätte keinen anderen Engel mit dieser Aufgabe betrauen sollen. Einem Dämon helfen? Ihn hierherbringen, damit er hier lebte? Entsetzlich.

Zacharel gab keinen Widerspruch von sich. Und trotz der Tatsache, dass er selbst noch nie Begehren verspürt hatte, würde er sein Bestes geben, Paris davon zu heilen – damit der Krieger im Moment der unausweichlichen Trennung von seiner Frau nicht wieder in seine Wut verfiele.

„Paris wird dagegen aufbegehren, sie wieder zu verlieren.“ Nach allem, was der Krieger bereits getan hatte, um sie zu finden und zu retten, und allem, was er in nächster Zukunft tun würde … Oh ja, er würde aufbegehren – mit seinen bluttriefenden Dolchen als zusätzliches Argument.

„Du musst ihn davon überzeugen, dass er ohne sie besser dran ist“, erklärte Lysander.

„Stimmt das denn?“

„Natürlich.“ Kein Zögern in der Verkündung, nur der glühende Klang der Wahrheit. Ein unnötiger Unterton, denn Zacharel wusste, dass Lysander nicht lügen würde, ja, es gar nicht konnte.

„Und wenn ich ihn nicht überzeugen kann?“ Er musste es wissen, musste die drohende Strafe schwer auf seinen Schultern spüren, um sich zum Erfolg zu treiben.

Die erbarmungslos blauen Augen Lysanders schienen zu überfrieren und gaben den Blick auf den eisernen Kern des Kriegers frei. „Dann sind wir verloren, denn der gewaltigste Krieg, den die Welt je gesehen hat, steht kurz vor dem Ausbruch. Das Mädchen wird entweder uns zum Sieg führen – oder unsere Feinde zu ihrem. So einfach ist das.“

Nun gut. Wenn die Zeit reif war, würde Zacharel sie hierherbringen. Egal, was das für Paris bedeutete.

Paris würde ihn hassen – und vielleicht mehr tun als vor Wut rasen. Das war nicht zu vermeiden. Nicht, wenn so viel Dunkelheit in ihm tobte, Moder in seiner Seele brodelte, schlimmer als jedes spirituelle Gift. Doch das würde Zacharel nicht davon abhalten, seine Pflicht zu erfüllen.

Nichts würde das tun.

1. KAPITEL

Paris kippte drei Fingerbreit Glenlivet hinunter und winkte dem Barmann. Er wollte noch einmal das Doppelte, und er würde es kriegen, was auch immer er dafür tun müsste. Bloß dass er kurz nach dem Eingießen realisierte, dass auch das Doppelte nicht reichen würde. Wut und Frustration waren wie lebende Kreaturen in ihm, schäumend und rasend trotz der gerade erst gewonnenen Schlacht.

„Lass die Flasche hier“, befahl er, als der Barmann sich einem anderen Gast zuwenden wollte. Verdammt, plötzlich bezweifelte Paris, dass sämtlicher Alkohol in einem Umkreis von zehn Meilen reichen würde, aber hey. Verzweifelte Situationen erforderten verzweifelte Maßnahmen.

„Klar, sicher. Wie du meinst.“ Der Wunderknabe mit dem nackten Oberkörper stellte die Flasche ab und verzog sich.

Was? Sah er so gefährlich aus? Also bitte. Das Blut hatte er schließlich abgewaschen, oder? Moment. Wirklich? Er blickte an sich herab. Scheiße. Hatte er nicht. Er war von Kopf bis Fuß rot besudelt.

Egal. Er war nicht in einer menschlichen Bar, also würden ihm auch keine „Offiziellen“ blöd kommen. Er war auf dem Olymp, wobei das himmlische Königreich kürzlich in Titania umbenannt worden war. Einst war es nur Göttern und Göttinnen erlaubt gewesen, sich hier aufzuhalten, doch als Cronus das Reich zurückerobert hatte, war einiges geändert worden – und jetzt durften Vampire, gefallene Engel und andere Kreaturen der Dunkelheit auch zum Spielen kommen. Ein nettes kleines „Fick dich“ an den vorherigen König Zeus.

Ruf den Barmann zurück, forderte Promiskuität. Ich will ihn.

Promiskuität – der Dämon, der in seinem Inneren gefangen war und ihn ständig antrieb. Ihn nervte. Weißt du noch, als ich Treue wollte? Monogamie? erwiderte Paris im Geist. Tja, man kriegt nicht immer, was man will, stimmt’s?

In seinem Kopf ertönte ein vertrautes Knurren.

Wäh, wäh, schmoll, schmoll. Mit einem Schluck vernichtete er die zweite Ladung Alkohol und kippte gleich eine dritte hinterher. Beide brannten so gut, dass er sich eine vierte gönnte. Der starke Scotch schnitt durch seine Brust, brannte Löcher in seinen Bauch und strömte durch seine Adern. Sehr schön.

Und trotzdem blieb seine Stimmung so düster wie eh und je, sein tief verwurzelter Zorn unbesänftigt. Seine Unfähigkeit, eine nicht ganz so unschuldige Frau zu retten, die er hassen sollte – hasste, wenigstens ein bisschen – und nach der er sich gleichzeitig mit Leib und Seele sehnte, ließ ihn nicht ruhen, peitschte ihn ständig voran.

„Wenn ich dich bäte zu gehen, würdest du es tun?“, erklang eine monotone Stimme neben ihm. Eine Stimme, die von einem Schwall arktischer Luft begleitet wurde.

Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass sich soeben Zacharel, Kriegerengel extraordinaire und berüchtigter Dämonenmörder, zu ihm gesellt hatte. Sie hatten sich vor gar nicht allzu langer Zeit kennengelernt, als der gefiederte Henker nach Buda gekommen war, um Paris’ Freund Amun abzumurksen. Hätte der gute Zach Erfolg gehabt, würden sich in exakt diesem Moment zwei kristallene Klingen in sein Rückgrat bohren.

Ich will ihn, sagte der Dämon.

Fick dich.

Endlich verstehen wir uns.

Ich hasse dich, ehrlich.

Früher hatte der Dämon nervtötend oft mit Paris gesprochen. Dann hatte der dämliche Sexbesessene damit aufgehört und Paris nur noch dazu gedrängt, diese oder jene Person flachzulegen, ganz egal, welchen Geschlechts und was Paris davon hielt. Neuerdings ging das Gerede wieder los, und zwar schlimmer als zuvor. Jetzt wollte er jeden, vor allem diejenigen, die Paris nicht im Geringsten begehrte.

„Nun?“, hakte der Engel nach.

„Ich soll gehen, obwohl ich Lucien anbetteln musste, mich überhaupt herzubringen, und weiß, dass er nächstes Mal nicht so hilfsbereit sein wird? Vergiss es. Aber mich interessiert echt brennend, warum du dich darum scherst, wo ich mich aufhalte.“

„Dein Aufenthaltsort ist mir egal.“

Stimmte sogar. Zacharel war alles egal – eine Tatsache, die man im Umgang mit ihm sehr schnell begriff. „Genau das meinte ich, also verschwinde.“

Tief über seinen fünften Whisky gebeugt, studierte Paris den schmutzigen Spiegel hinter der Theke und checkte unauffällig das Etablissement in seinem Rücken. Juwelenbehängte Kronleuchter schwebten unter der Decke. Die Wände waren aus rosenrotem Marmor, durchzogen von glitzerndem Ebenholzschwarz, der Boden ein Meer von zerstoßenen Diamanten.

Im ganzen Raum redeten und lachten Männer und Frauen. Von niederen Göttern bis hin zu gefallenen Engeln, die versuchten, sich in ihre heilige Bruderschaft zurückzukämpfen. Na klar, in einer Bar. Idioten. Na ja. Wahrscheinlich war auch der eine oder andere Dämon unter den Besuchern, aber mit Sicherheit konnte Paris das nicht sagen.

Dämonen waren genauso raffiniert, wie sie böse waren. Entweder sie schlichen in ihren eigenen Schuppen durch die Gegend, präsentierten stolz ihre Hörner, Klauen, Flügel und Schwänze – und wurden von Kriegerengeln wie Zach geköpft. Oder sie ergriffen Besitz vom Körper eines anderen und schlichen in dessen Haut herum.

Mit Letzterem hatte Paris jahrhundertelange Erfahrung.

„Ich werde gehen, wie du so kurz und bündig vorgeschlagen hast“, sagte Zacharel, „nachdem du mir eine weitere Frage beantwortet hast.“

„Also gut.“ Noch etwas, das Paris aus Erfahrung wusste: Engel waren abartig stur. Es war definitiv klüger, den Kerl anzuhören – sonst hätte er bald einen neuen Schatten. Er wandte sich um, traf den jadefarbenen Blick des dunkelhaarigen Kriegers, der aussah wie ein männliches Supermodel, und holte überrascht Luft. Daran würde er sich niemals gewöhnen. Egal, welches Geschlecht sie hatten – oder wie sterbenslangweilig ihre Persönlichkeit war –, die himmlischen Boten zogen die Aufmerksamkeit auf sich und fesselten sie jedes verdammte Mal. Aus irgendeinem Grund tat Zacharel das noch intensiver als die meisten anderen.

Doch die Anziehungskraft war es nicht, die diesmal Paris’ Aufmerksamkeit weckte. Über den breiten Schultern des Kriegers reckten sich majestätische, golddurchwirkte Flügel wie Wolken an einem Winterhimmel, von denen Eiskristalle herabrieselten wie Glitter in einer Schneekugel.

„Du schneist.“ Puh, geht’s noch offensichtlicher?

„Ja.“

„Warum?“

„Ich kann dir antworten oder meine Frage stellen und gehen.“ In dem langen weißen Gewand, das seine Art für gewöhnlich trug, hätte Zacharel unschuldig und brav aussehen sollen. Stattdessen wirkte er wie der böse Zwillingsbruder von Gevatter Tod: emotionslos, kalt wie der Schnee, den er verstreute, und bereit zu töten. „Deine Entscheidung.“

Kein Überlegen erforderlich. „Frag.“

„Willst du sterben?“ Die Worte kamen ganz schlicht aus Zacharels Mund und bildeten kleine Wolken vor seinem Gesicht, einen traumähnlichen Nebel, der Paris an den Atem des Lebens erinnerte. Oder den des Todes.

Der Kerl ist definitiv bereit zu töten, stellte Paris am Rande fest. „Was denkst du?“, fragte er zurück, denn – ganz ehrlich? Er kannte die Antwort selbst nicht mehr.

Über Jahrhunderte hatte er um sein Leben gekämpft, doch jetzt … Jetzt warf er sich wieder und wieder ins Feuer und wartete darauf, sich zu verbrennen. Hoffte darauf, sich zu verbrennen. Was für ein krankes Arschloch war er bloß geworden?

Unbeeindruckt erwiderte der Engel seinen Blick. „Ich denke, du willst eine spezielle Frau mehr als jeden – und alles – sonst. Mehr als selbst den Tod … mehr als das Leben.“

Stumm presste Paris die Zunge an den Gaumen. Eine spezielle Frau: die nicht ganz so Unschuldige.

Ihr Name war Sienna Blackstone. Ehemalige Jägerin und auf immer seine Feindin, denn die Jäger waren eine lästige Armee von Menschen, die versuchten, die Welt von Pandoras Dämonen zu befreien. Einmal war sie viel zu kurz seine Liebhaberin gewesen. Und dann tot, fort. Irgendwann war sie aus dem Grab zurückgeholt worden, um ihre Seele mit der des Dämons Zorn zu verbinden. Jetzt war sie da draußen. Irgendwo. Und sie litt. Cronus hatte sie zu seiner Sklavin gemacht, wollte ihren Dämon benutzen, um seine Gegner zu bestrafen. Und jetzt, nachdem er die Kontrolle über sie verloren hatte, plante er, sie zu foltern, bis sie sich seinem Willen ergab.

Paris mochten die Dinge missfallen, die Sienna ihm angetan hatte. Und ja, wie er sich bereits eingestanden hatte, ein Teil von ihm hasste die Frau an sich. Aber selbst sie hatte die grausame, bösartige – ewige – Strafe nicht verdient, die sie jetzt ertragen musste.

Ich werde sie finden, und ich werde sie retten. Vor Cronus … und vor ihm selbst. Im Moment kam Paris einfach nicht über die Gewissheit hinweg, dass sie litt. Wenn er das erst einmal in Ordnung gebracht hatte, würde er aufhören, an sie zu denken. Er musste aufhören, an sie zu denken.

„Dann will ich sie eben“, sagte er schließlich zu dem Engel. Sienna stand nicht zur Diskussion. „Und? Was dagegen?“

Zacharel schüttelte die Flügel aus und ließ noch mehr von diesem reinen, schimmernden Schnee herabrieseln. „Was dich angeht, denke ich, dass dein Dämon trotz deiner eigenen Bedürfnisse alles will, was einen Puls hat.“

„Manchmal braucht’s nicht mal einen Puls“, murmelte Paris vor sich hin, und das war die unschöne Wahrheit. Sex, wie er seinen dunklen Gefährten meist nannte, wollte alle und jeden – aber immer nur ein einziges Mal. Mit Ausnahme von Sienna ließ Sex nicht zu, dass Paris für eine Person ein zweites Mal hart wurde.

Warum hatte er Sienna noch einmal haben können? Keinen verdammten Schimmer. „Aber trotzdem: Na und?“

„Ich denke, obwohl du nach dieser speziellen Frau hungerst, hast du mit der zukünftigen Ehefrau deines Freundes Strider geschlafen. Er ist der Dämon der Niederlage, und deine Taten haben ihm das Werben um die Harpyie sehr erschwert.“

„Hey. Du betrittst gerade gefährliches Gebiet.“ Nicht, dass Paris sich für irgendetwas hätte entschuldigen müssen.

Der One-Night-Stand war Wochen vor Kaia und Strider gewesen. Bevor die beiden überhaupt daran gedacht hatten, etwas miteinander anzufangen. Also hatte Paris nichts falsch gemacht. Technisch gesehen. Und trotzdem – jetzt wusste er, wie Kaia nackt aussah, und Strider wusste, dass er es wusste, und das bedeutete, sie alle drei wussten, dass Sex ständig Nacktbilder von ihr ausspuckte, sobald sie aufeinandertrafen. Eine Konsequenz, die Paris verabscheute, gegen die er aber machtlos war.

Zacharel neigte den Kopf zur Seite, ganz die Denkerpose, die umso mysteriöser wirkte, weil sein Atem ihn immer noch in Nebel hüllte. „Ich wollte nur darauf hinweisen, dass du dich offensichtlich anderen Eroberungen zugewandt hast, und dass du nicht sehr wählerisch bist, weshalb ich mich frage, warum du deiner Sienna immer noch nachjagst.“

Weil Sienna für Paris die eine und einzige Chance auf Monogamie gewesen war. Weil er unabsichtlich ihren Tod herbeigeführt hatte. Weil er bei ihrem Tod das Gefühl gehabt hatte, alles verloren zu haben.

„Du nervst“, fuhr er Zacharel an. „Und ich hab dir nichts mehr zu sagen.“

Doch der Engel blieb hartnäckig. „Ich denke, du fühlst dich schuldig für jedes Herz, das du brichst, für jeden Traum vom Happy End, den du zerschmetterst, und für jedes bisschen Selbsthass, das du verursachst, wenn deine Partner erkennen, wie mühelos du ihre Vorbehalte überwunden hast. Ich denke ebenfalls, dass du viel zu nachsichtig mit dir selbst bist und keinerlei Recht hast, deine Probleme zu beweinen.“

„Hey! Ich hab noch nie geweint.“ Paris knallte seinen Tumbler so heftig auf die Theke, dass sich mit lautem Krachen ein Riss von oben bis unten im Holz auftat und das Glas splitterte. Aus den Schnitten in seiner Handfläche quoll Blut, aber der Schmerz war kaum zu spüren. „Und weißt du, was? Ich denke, du stehst wenige Sekunden davor, deinen Körper in Einzelteile zerpflückt in dieser Bar verstreut wiederzufinden.“

Und dann, wenn er am Boden ist, können wir ihn nehmen! Schnauze, Sex.

„Äh, hier, bitte“, murmelte der Barkeeper, der sofort mit einem sauberen Lappen zur Stelle war, den er mit zitternder Hand in Paris’ Richtung hielt. Der Junge hatte immer noch Angst vor Paris.

Ich will – Schnauze, hab ich gesagt! „Danke, Mann.“ Fest schloss Paris die Faust um den Stoff und drückte die Wunden ab, bevor jemand ihn und die ganz speziellen Pheromone roch, die sein Dämon absonderte.

Ein Hauch von dem betörenden Aroma, und jeder Einzelne in seiner Umgebung würde unbarmherzige Erregung verspüren, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wo er war und mit wem. Größtenteils würde sich ihre Begierde auf Paris fokussieren. Und auch wenn das – zog man den Zeitdruck in Betracht, unter dem er stand – ein außerordentlich beschissener Ausgang des heutigen Abends wäre, hätte er ein gewisses Vergnügen daran gehabt, die Männer mit seinen Fäusten abzuwehren.

Bloß dass … die Pheromone ihn nicht einhüllten. Er runzelte die Stirn. Sex wollte jeden, den er heute Abend gesehen hatte. Warum nutzte er dann nicht seine Fähigkeiten, um die Gäste zu zwingen, sein Verlangen zu erwidern?

Misstrauisch wandte Paris den Blick wieder Zacharel zu, wobei er sich fragte, ob der Engel auf irgendeine Art dafür verantwortlich war.

Dessen klare jadegrüne Augen verengten sich zu Schlitzen. „Ich denke, du hoffst, deine Sienna retten zu können, und das ist gut. Ich denke aber auch, du willst sie bei dir behalten, und das ist schlecht. Egal, wie sehr du dich nach ihr verzehrst, egal, dass sie deine einzige Chance auf ein Happy End sein könnte: Früher oder später wird dein Dämon sie zerstören, denn Menschen sind nicht dazu gemacht, gegen Dämonen zu bestehen. Und tief in ihrem Herzen ist sie immer noch ein Mensch.“

„Und was ist mit ihrem eigenen Dämon?“, entgegnete er.

„Wenn einer ihr schon schadet, sind zwei mit Sicherheit schlimmer.“

„Es reicht!“ Wenn sie diesen Gedankengang weiterverfolgten, würden seine Wut und Frustration ihn verschlingen. Und er würde das Ziel dieser Nacht aus den Augen verlieren. „Ich werde sie nicht bei mir behalten.“ Er würde. Und wie er das würde – wenn er die Gelegenheit dazu bekäme und natürlich nur, wenn sie ihn wollte. Aber zum Teufel, sie würde ihn nicht wollen.

„Gut. Denn diese spezielle Frau würde den Mann nicht mögen, zu dem du geworden bist.“

Schnaubend fuhr sich Paris mit der freien Hand durchs Haar. „Sie mochte mich auch vorher nicht.“ Und jetzt, nachdem er unwiderruflich die Grenze zwischen Richtig und Falsch überschritten hatte? Also bitte.

Er hatte gewusst, dass seine Taten verabscheuungswürdig waren, und hatte sie trotzdem begangen. Hatte herzlos getötet. Methodisch verführt. Gelogen und betrogen. Und er würde es wieder genauso machen.

„Und doch tust du alles, um sie zu retten“, beharrte Zacharel.

Tja. Er war genauso ein Idiot wie die gefallenen Engel, die in diesem Laden abhingen. Das wusste er. Doch es war ihm egal. „Hör mal, ich schulde dir gar nichts. Vor dir muss ich mich nicht rechtfertigen. Und was sollen die ganzen Fragen? Du hast behauptet, du hättest nur noch eine.“

„Und nur die eine habe ich dir gestellt. Alles andere waren Beobachtungen, und davon habe ich noch eine weitere für dich.“ Zacharel beugte sich vor und flüsterte: „Ich denke, wenn du diesen zerstörerischen Weg weiterverfolgst, wirst du alles verlieren, was dir lieb geworden ist.“

„Ist das eine Drohung?“ Zornig packte Paris den Engel am Kragen. „Tu mir den Gefallen und versuch’s, Flattermann. Wirst schon sehen, was …“

Luft. Er schrie und prügelte auf Luft ein.

Aus seiner Kehle drang unwillkürlich ein dumpfes Grollen, während er die Arme sinken ließ. Der einzige Hinweis auf Zacharels kürzliche Anwesenheit war die Temperatur seiner Hände, die quasi Frostbeulen hatten.

„Äh, mit wem hast du geredet?“, fragte der Barmann gespielt beiläufig, während er den blitzsauberen Tresen abwischte.

Wenn ein Engel nicht gesehen werden wollte, wurde er auch nicht gesehen. Nicht einmal von seinen Brüdern, ob gefallen oder nicht. Also hatte diesmal nur Paris den Flattermann wahrgenommen. Toll. „Offenbar mit mir selbst, und wir mögen unsere Privatsphäre.“

War Zacharel noch hier? Oder hatte er sich an einem anderen Ort materialisiert? Und was sollte dieses ganze Gerede davon, Paris müsste Sienna fernbleiben? Dem Engel sollte das völlig egal sein.

Paris ließ den Lappen fallen und drehte sich zu den anderen Gästen um. Mehrere Krieger starrten wütend in seine Richtung – warum? – und liefen Gefahr, die Eleganz des Raums mit dem Blut zu ruinieren, das Paris zu vergießen versucht war. Verbissen massierte er sich den Nacken und drängte die Gedanken an Zacharel und seine Drohung in den Hintergrund. Er hatte Wichtigeres und Gefährlicheres zu tun. Er war wegen Viola hier, der niederen Göttin des Lebens nach dem Tod und Wächterin des Dämons Narzissmus. Sie hätte inzwischen schon längst hier sein sollen.

Vielleicht hatte sie gehört, dass er sie suchte, und war abgehauen – woraus er ihr keinen Vorwurf machen konnte. Zusammen mit seinen Freunden hatte er einst die Büchse der Pandora gestohlen und geöffnet und damit das Böse in ihrem Inneren freigelassen. Zur Strafe waren sie dazu verflucht worden, die entkommenen Dämonen in sich zu tragen. Unglücklicherweise hatte es mehr Dämonen als unartige Jungen und Mädchen gegeben, die sie aufnehmen konnten, und nachdem die Büchse in dem allgemeinen Chaos verschwunden war, hatten sie alle ein neues Heim gebraucht. Wer wäre in den Augen der griechischen Götter besser als Empfänger der bösen Geister geeignet gewesen als die unglücklichen Gefangenen im Tartarus, dem Gefängnis der Unsterblichen im Olymp – nein, in Titania?

Also: Ja, Paris war zum Teil verantwortlich für Violas dunkle Seite. Sie war eine dieser unglücklichen Gefangenen gewesen. Aber allein war er ganz sicher nicht verantwortlich. Schließlich war das Mädchen als kriminell genug eingestuft worden, dass man sie von selbst jenen Göttern fernhalten wollte, die in den Mythen und Sagen für ihre grausamen Taten gerühmt wurden.

Welches Verbrechen Viola begangen hatte, wusste er nicht, und es war ihm auch egal. Wenn es nach ihm ginge, könnte sie ihn in Fetzen reißen, solange sie ihm nur die Informationen gab, nach denen er hungerte. Das letzte Puzzlestück, um Sienna endlich zu retten.

Laut den Jägern, die er am selben Morgen abgeschlachtet hatte, kam Viola jeden Freitag hierher, um beim Poolbillard Unsterbliche abzuschleppen und über ein paar Bierchen von ihrer allgemeinen Großartigkeit zu schwärmen. Anscheinend hatten die Jäger sie verfolgt, um sie sich zu schnappen und zu „überzeugen“, sich ihnen anzuschließen. Also schuldete sie ihm quasi was.

Wo zum Teufel bleibt sie? fragte er sich wieder, während er nach dem unverkennbaren langen blonden Haar Ausschau hielt, nach Augen in der Farbe von Zimt und einem umwerfenden Körper, der …

… in der Lage war, mit einem kleinen weißen Rauchwölkchen aus dem Nichts aufzutauchen.

Dort am einzigen Eingang zur Bar stand eine sinnliche Frau mit langem blondem Haar und Augen in der Farbe von Zimt. Paris setzte sich auf, die Nerven erwartungsvoll gespannt. So einfach ging das. Beute gesichtet. Ziel erreicht.

2. KAPITEL

Ich will sie, sagte Sex, als Paris die Göttin betrachtete.

Natürlich willst du das, gab er trocken zurück.

Die zarten Rauchschwaden, die Violas Ankunft begleitet hatten, verzogen sich nun und enthüllten ein hautenges schwarzes Kleid. Die breiten Träger auf ihren Schultern liefen zu einem tiefen V-Ausschnitt zusammen, der sogar noch einen Blick auf ihren gepiercten Bauchnabel erlaubte. Der ultrakurze Minirock endete direkt unter dem Saum ihres Höschens.

Trug sie überhaupt eins?

Paris gähnte. Er hatte umwerfende Frauen gehabt, hässliche Frauen und alles dazwischen. Eins hatte er schnell gelernt: Hinter einer Schönheit konnte sich ein Biest verstecken und hinter einem Biest eine Schönheit.

Sienna gehörte in die Kategorie „Biest hinter Schönheit“ – jedenfalls für ihn. Während er vor Verlangen nach ihr verrückt geworden war, hatte sie seinen Untergang geplant. Und vielleicht war er genauso schlimm wie sein Dämon, denn ein Teil von ihm fand selbst jene Seite von ihr sexy. Eine gertenschlanke Frau hatte es einem schlachterprobten Krieger gezeigt – in seinen Augen war das teuflisch heiß.

Und okay, ja, sie selbst fand sich unattraktiv, und früher einmal hätte er ihr vielleicht sogar zugestimmt, aber an ihr war von Anfang an etwas Aufreizendes gewesen. Etwas, das ihn anzog, das seine Aufmerksamkeit gefangen hielt. Wenn er sie sich heute vor Augen rief, sah er einen lupenreinen Edelstein ohnegleichen.

Konzentrier dich. Ein Befehl von seinem Dämon, der die niedere Göttin immer noch wollte, und zugleich eine Rüge von sich selbst.

Lässig warf Viola sich das lange seidige Haar über eine sonnengebräunte Schulter und verschaffte sich einen Überblick über ihre Umgebung. Männer starrten sie unverhohlen an. Frauen versuchten, ihre Eifersucht mit (wenig überzeugenden) leeren Gesichtsausdrücken zu verbergen. Als ihr Blick auf Paris traf, hielt sie inne, betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, verengte die Augen und – schockierend! – hakte ihn ab, um ihre Bestandsaufnahme des Publikums fortzusetzen.

Als sein Dämon das letzte Mal dabei versagt hatte, ein potenzielles Betthäschen zu betören, hatte er kurz darauf Sienna getroffen. Konnte das bedeuten … Was, wenn … Freudige Erregung durchflutete seinen gesamten Körper. Er würde seine Antworten bekommen – heute Abend –, koste es, was es wolle.

Ruhig schritt er auf Viola zu und kontrollierte sorgfältig seinen Gesichtsausdruck: Sie sollte nur Bewunderung sehen, während er im Kopf seinen Plan durchging. Zuerst die Charme-Offensive, falls er sich tatsächlich noch erinnerte, wie das ging. Dann erst Gewalt, und ja, wie das ging, wusste er ganz genau.

Völlig unberührt von seinem Näherkommen beugte Viola sich vor und zog ein glitzerndes pinkfarbenes Telefon aus ihrem schwarzen Lederstiefel. Zustimmendes Stöhnen erhob sich hinter ihr, und die Männer klatschten einander ab, als hätten sie gerade einen Blick in den Himmel erhascht. Auch Unsterbliche konnten kindisch sein. Aber ich niemals. Ahnungslos oder uninteressiert ließ sie ihre Finger geschickt über das winzige Tastenfeld des Telefons huschen.

Paris runzelte die Stirn. „Was machst du da?“

Als Anmache war der Spruch eine Katastrophe, genau wie sein anklagender Tonfall. Aber sollte sie versuchen, Hilfe herbeizurufen oder gar einen Jäger, um ihn umzubringen, wäre sie nur zu bald nicht bloß seine Informantin, sondern auch seine Geisel.

„Ich screeche. Das ist die unsterbliche Version von twittern oder tweeten oder wie auch immer ihr niederen Wesen es nennt“, erklärte sie, ohne aufzublicken. „Ich hab über sieben Zillionen Follower.“

O-kay. Damit hatte er nicht gerechnet. Er verbrachte viel Zeit mit Menschen und wusste, dass es ihnen gefiel, jeden noch so sinnfreien Gedanken mit der Welt zu teilen. Aber eine Titanin, die das tat – das war neu.

„Was schreibst du denen?“ Gehörte Cronus zu den sieben Zillionen? Oder Galen, der Oberboss der Jäger? Und wie viel war eine Zillion?

„Vielleicht erzähle ich ihnen eventuell möglicherweise quasi alles über dich.“ Ein Grinsen zeigte sich auf ihren vollen roten Lippen, während sie ohne Unterlass tippte. „‚Der Lord of Sex ist schmutzig und gedenkt einzulochen. Ich bin nicht interessiert, aber sollte ich ihm helfen, bei jemand anders zum Stich zu kommen?‘ Senden.“ Jetzt richtete sie diese unglaublichen kastanienbraunen Augen auf ihn. „Ich sag Bescheid, wenn die Ergebnisse reinkommen. Gibt’s bis dahin irgendetwas, was du über mich wissen willst, bevor ich weggehe und dich ignoriere?“

Lord of Sex hatte sie ihn genannt. Hm. Sie wusste also, wer er war, was er war, doch sie ergriff nicht die Flucht, warf ihm keine Beleidigungen an den Kopf und verlangte nicht kreischend nach seiner Enthauptung. Ein super Start. „Ja, gibt es, und es ist etwas Privates, das mir sehr wichtig ist.“ Sollte heißen: Wage es ja nicht, darüber zu screechen!

„Oooh. Ich liebe Privatsachen, über die ich nicht reden soll und es dann doch tue, weil ich so eine Gebernatur bin. Ich lausche gespannt.“

Trotz ihres unmissverständlichen Hinweises, dass sie es ausplaudern wollte, tippte sie nicht weiter. Gut. Er fuhr fort. „Ich will die Toten sehen. Wie schaffe ich das?“ Sienna war eine Seele ohne Körper, die er auf keine Weise wahrnehmen konnte. Nur jene, die mit den Toten verkehrten, konnten sie sehen, hören und berühren. Doch es ging das Gerücht, Viola kenne einen Trick, der diese Fähigkeit überflüssig machte.

Sie blinzelte, und er bemerkte, dass ihre Wimpern in dem glitzernden Pink ihres Telefons getuscht waren. „Lass mich dir kurz erläutern, was ich gerade gehört habe. ‚Schwall, schwall, schwall, ich. Schwall, schwall, schwall, ich.‘ Und was ist mit mir?“

Er spannte den Kiefer an. Es gab Charme, und es gab Schleim. Er war kein Schleimer. Na ja, nicht immer. „Ich sage dir etwas über dich. Du kannst die Toten sehen. Jetzt wirst du mir beibringen, das auch zu tun.“ Ein Befehl, und sie täte gut daran, ihn zu befolgen.

Sie rümpfte die Nase. „Warum willst du Seelen sehen? Wenn sie noch da sind, machen sie bloß Ärger und – oh, oh, warte!“ Klatsch-klatsch, hüpf-hüpf, Pirouette. „Ich hab das Rätsel bereits gelöst, denn ich bin hochintelligent. Du willst deine ermordete menschliche Geliebte sehen.“

Augenblicklich brannte sich seine Wut zischend an die Oberfläche. Er mochte es nicht, wenn jemand anders von Sienna sprach, egal in welchem Zusammenhang. Nicht bei Zacharel und ganz sicher nicht bei dieser seltsamen niederen Göttin mit ihrem Hang zum Tratsch. Sienna stand allein unter seinem Schutz, auch in jener Hinsicht. „Ich …“

„Tz, tz. Nicht nötig, meine geniale Schlussfolgerung zu bestätigen.“ Viola tätschelte ihm die Wange, voll süßer Herablassung für seine Beschränktheit. „Vor allem, weil ich dir sowieso nicht helfen kann.“

Sie wandte sich zum Gehen.

Er packte sie am Handgelenk. „Kannst du nicht, oder willst du nicht?“ Da bestand ein großer Unterschied. Im ersten Fall konnte er nichts daran ändern. Im zweiten Fall konnte er, und wenn sie ihn herausforderte, würde sie erleben, wie weit zu gehen er bereit war.

„Ich will nicht. Bis dann.“ Ohne einen Schimmer, welchen Zorn sie zu entfesseln drohte, wand sie sich aus seinem Griff und tänzelte mit klickenden Absätzen weiter in die Bar hinein, den perfekten Hintern verführerisch wiegend.

Schäumend vor Wut folgte er ihr und pflügte rücksichtslos jeden zur Seite, der ihm im Weg stand. Um ihn herum brandete Grunzen und Knurren auf, mit dem die zwielichtigeren Gestalten in der Menge ihren Unmut über sein rüpelhaftes Vorgehen äußerten. Doch niemand versuchte, ihn aufzuhalten. Sie alle spürten, dass er eine weit größere Gefahr darstellte als sie selbst.

„Woher weißt du, wer ich bin?“, fuhr er Viola an, sobald er sie erreicht hatte. Erst mal damit anfangen, dann würde er sich schon dazu vorarbeiten, ihre Meinung zu ändern – für den Fall, dass das eine vom anderen abhing.

Wieder drehte sie eine Pirouette, wie ein Model am Ende des Laufstegs. So groß, wie er war, hatte er sich daran gewöhnt, über Frauen aufzuragen, aber Viola war ein zartes Ding von höchstens eins fünfzig – neben ihm wirkte sie einfach winzig.

Sienna dagegen hatte genau die richtige Größe. Ob er stand oder kniete oder lag, ihre besten Stellen erreichte er immer ohne Probleme.

„Ich weiß alles, was es über die Herren der Unterwelt zu wissen gibt“, erwiderte Viola. „Ich hab mir eure ganze Bande vorgenommen, als ich aus dem Tartarus entkam und erfuhr, dass ihr für meinen Zustand verantwortlich seid.“

Also gab sie ihm tatsächlich die Schuld an dem Dämon, der in ihrem Körper festsaß. Und sie duftete nach Rosen, wurde ihm plötzlich bewusst, als sich der sanfte Geruch in seinen Stirnhöhlen festsetzte und ihn in ein tiefes Gefühl des Friedens einhüllte.

Lucien, Wächter von Tod, konnte mit seinen Feinden dasselbe machen. Sie beruhigen, bevor er ihnen den Todesstoß versetzte.

Doch vor Paris’ Wut und Frustration verflüchtigte sich das Gefühl schnell. „Lass das.“

„Wow, das ist mal ein düsterer Gesichtsausdruck. Steht dir leider nicht so gut, muss ich sagen“, fügte sie hinzu, bevor sie aus dem Augenwinkel ihre korallenroten Fingernägel wahrnahm und sie im Licht eingehend betrachtete. „So hübsch.“

Berühr sie.

Genervt blendete er seinen Dämon aus und beschloss, es noch mal mit der Charmeur/Schleimer-Nummer zu versuchen. Denn wenn er ehrlich war: Bisher hatte das Weibsstück noch keinerlei Anzeichen von Furcht gezeigt. Wenn sein nächster Versuch auch nicht fruchtete, würde er die Bestie von der Kette lassen – und damit war nicht Sex gemeint. In ihm war mittlerweile eine Dunkelheit, so viel Dunkelheit, die ihn dazu bringen würde, alles zu tun, was nötig war, egal, wie abscheulich.

Das hatte er sich selbst zuzuschreiben, denn er hatte sich dieser Dunkelheit geöffnet. Zuerst nur einen winzigen Spalt weit, wie ein gerade so geöffnetes Fenster. Doch der Witz war, sobald man erst mal einen Luftzug hineinließ, war alles, was danach kam, nicht mehr aufzuhalten. Wind, Sturm, Donner und Blitz, bis man nicht mehr in der Lage war, das Fenster zu erreichen, um es wieder zu schließen – und es auch gar nicht wollte. Das war seine neue Dunkelheit. Das Böse in seiner reinsten Form, ein Wesen, ganz ähnlich wie Sex, das ihn ständig antrieb.

Lügen, betrügen, verraten, dachte Paris. Hier und jetzt genau wie all die Male zuvor.

Langsam beugte er sich zu ihr hinunter, setzte einen sanften Gesichtsausdruck auf, ließ das Verlangen seines Dämons aus all seinen Poren strömen. Zwang sein Blut, sich zu erhitzen, sodass ein berückender Moschusduft von ihm ausging, so sinnlich wie Champagner, so berauschend wie Schokolade. Wenn Sex seine Pheromone nicht einsetzen wollte, würde Paris es eben tun. Obwohl er es hasste, denn sobald auch nur ein Hauch davon in seine Nase stieg, wurden er und Sex zu ebenso willenlosen, fleischeslüsternen Kreaturen wie jeder andere. Schlimmer noch waren die Erinnerungen an die Dinge, zu denen er Leute gezwungen hatte … Was für Sehnsüchte er geweckt hatte …

„Viola, Süßeste. Sprich mit mir. Sag mir, was ich wissen will.“ Aus seinem Ton klang eine sinnliche Liebkosung, beseelt und selbstsicher, und doch – selbst unter dem Einfluss der Pheromone wollte er nur eine Frau, und das war nicht Viola.

„Ich wollte euch für meinen Dämon danken“, fuhr sie fort, als hätte er nichts gesagt. Als würde er nicht in diesem Moment duften wie der Inbegriff der Lust. „Er ist der Beste! Aber dann auf halbem Weg nach Budapest zu eurer Burg hab ich euch einfach vergessen. Ich bin mir sicher, du verstehst das.“ Mit den Fingern bauschte sie ihr Haar auf und wandte sich von ihm ab, als sie jemandem zu ihrer Rechten zuwinkte. „Aber na ja, wo du schon mal hier bist – danke. Gib’s gern an die anderen weiter. Und jetzt wirst du – argh! Wer hat da einen Spiegel angebracht?“, kreischte sie.

Eine einzige Sekunde lang blitzte ungezügelte Wut aus ihren Augen, dicht gefolgt von hingerissener Ekstase, als sie ihr Spiegelbild betrachtete.

„Seht mich doch bloß mal an.“ Spielerisch drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her, warf sich in eine Pose nach der anderen. „Ich sehe umwerfend aus.“

„Viola.“ Einige Sekunden vergingen, doch sie hörte nicht auf, sich zu bewundern. Jetzt warf sie sich sogar eine Kusshand zu. Na gut. Dann würden sie es eben anders machen. „Ich kann dich dazu bringen, dass du um eine Berührung von mir bettelst, Viola. Vor allen Leuten. Und glaub mir, du wirst betteln. Du wirst weinen, aber niemals Erlösung finden. Dafür werde ich sorgen. Aber weißt du, was? Das ist nicht mal das Schlimmste, was ich dir antun werde.“

Wieder verstrichen die Sekunden, doch es kam keine Antwort.

Zorn …

Frustration …

Dunkelheit … erhob sich … Er wollte zuschlagen, verletzen, töten.

Mühsam atmete er ein, hielt die Luft an, hielt an, hielt an … roch zarte Rosen … stieß den Atem aus. Okay. Gut. Diesmal hatte er die Lunte gekappt, bevor seine dunklen Emotionen explodieren konnten. Er beruhigte sich.

Vielleicht konnte Viola nicht anders, wurde ihm plötzlich klar. Wie er sehr gut wusste, hatte jeder von Pandoras Dämonen eine entscheidende Schwäche. Möglicherweise war dies ihre. Immerhin war sie Narzissmus, die Selbstverliebtheit in Person.

Um seine Theorie zu überprüfen, trat er vor sie und unterbrach ihren Blickkontakt zum Spiegel. Augenblicklich versteifte sich ihr Körper. Wild ließ sie den Blick von links nach rechts schießen, wie auf der Suche nach Angreifern, die versucht haben könnten, ihr Schaden zuzufügen, während sie außer Gefecht gesetzt war. Niemand hatte sich ihnen genähert, und die Spannung fiel von ihr ab. Ihr Atem ging ruhiger.

„Dem reiß ich die Eingeweide raus“, fluchte sie leise.

Bingo. Ihre Schwäche, und offensichtlich eine, die sie verabscheute.

„Konzentrier dich auf mich, Viola.“ Er packte sie bei den Schultern, drückte härter zu als beabsichtigt und schüttelte sie, bis sie die zimtfarbenen Augen auf ihn richtete. „Sag mir, was ich wissen will, und du kommst hier ungeschoren raus.“

Immer noch nicht das kleinste bisschen eingeschüchtert, schüttelte sie seine Hände ab. „So was von ungeduldig. Mittlerweile sollte ich das gewohnt sein, aber ach … Männer, die einfach nicht von mir lassen können … Das belastet mich.“

„Viola!“

„Na gut. Lass uns mal sehen, was meine Verehrer zu sagen haben, was meinst du?“ Sie hob das Telefon und blickte auf das Display. „485 Stimmen für ‚Ihm helfen, indem ich ihm meine Nummer gebe‘. 207 Stimmen für ‚Bist du bescheuert? Besteig ihn wie einen Gletscher‘ und 123 Stimmen für ‚Er gehört mir, Schlampe, verzieh dich‘.“ Leise lächelnd hob sie wieder den Blick. „Das einfache Volk hat gesprochen. Ja, ich werde dir von den Seelen erzählen.“

Seine Erleichterung wurde gleich wieder ersetzt von einem Gefühl höchster Dringlichkeit. „Dann erzähl. Jetzt.“

„Hey, du. Dämonen-Abschaum.“ Die raue Stimme erklang hinter ihm.

Uuund zu guter Letzt ergriff doch einer von den Kerlen, die Paris umgewalzt hatte, Gegenmaßnahmen. Paris knirschte mit den Zähnen. Wieder legte er die Hände auf die schmalen Schultern der Frau. „Viola. Sag’s mir.“ Sie würde es ihm sagen, und er würde gehen, würde endlich wahrhaftig seine Suche beginnen.

„Nimm die Hände von meiner Frau!“

Oder auch nicht. Aus der Stimme des Mannes klang ungezügelte Aggression, und in Paris stieg ungebeten sofort wieder das Bedürfnis nach Gewalt auf.

Halt dich zurück, riet ihm sein gesunder Menschenverstand. Der Sieg ist zum Greifen nah. „Ein Freund von dir?“

„Ich habe keine Freunde.“ Mit einer eleganten Bewegung strich sie sich ein paar Haarsträhnen hinters Ohr. „Nur Bewunderer.“

„Ich rede mit dir, Dämon.“ Wieder der Kerl.

Die Gier erhob sich … weiter und weiter … eine dicke, dunkle Wolke, die sich nicht verziehen würde, bis das Blut in Strömen floss. „Wenn du willst, dass dieser Bewunderer überlebt, beam uns hier weg.“ Nur per Gedankenkraft von einem Ort zum anderen zu reisen, bereitete ihm jedes Mal Übelkeit, aber lieber würde er kotzen, als sich ablenken zu lassen.

„Will ich nicht“, sagte sie. „Dass er überlebt, meine ich.“

„Hörst du mir überhaupt zu, Dämon?“ Mittlerweile klang der Ton härter und deutlich entschlossener. „Geh weg von ihr und sieh mir ins Gesicht. Oder bist du zu feige?“

Die Wolke umschloss seinen Geist, verschlang alles außer einem einzigen Gedanken. Der Mann war ein Hindernis auf seinem Weg zu Sienna, und Hindernisse mussten ausgelöscht werden. Immer.

Leise erklang eine zarte Stimme der Vernunft in ihm, ein goldener Funke mitten in dieser endlosen Öde der Dunkelheit. Zacharel … zerstörerischer Weg … Alles, was dir lieb geworden ist …

„Betrachte dich im Spiegel, Göttin“, befahl der Fremde. „Ich will nicht, dass du mit ansiehst, was ich mit dem Dämon tun werde.“

Obwohl noch ein wütender Fluch über ihre Lippen kam, gehorchte Viola bereits, trat um Paris herum, als könnte sie nicht anders und würde sich dafür hassen. Und schon war sie wieder vollkommen fasziniert von ihrem Spiegelbild, winkte sich mit dem kleinen Finger und warf sich Luftküsse zu.

Das goldene Flüstern war verstummt. Jetzt war der Tod unvermeidlich. Paris drehte sich um, um seinen Gegner wütend anzustarren.

Bald würde Blut fließen.

3. KAPITEL

In einer Sache hatte Paris sich geirrt. Er hatte nicht einen Gegner, sondern mehrere. Bei der Erkenntnis durchfuhr ihn berauschende Vorfreude. Der Tag wurde immer noch besser. Vor ein paar Stunden hatte er eine Handvoll Jäger getötet, und das Angebot der Stunde – anders gesagt: der Nachtisch – war ein Trio gefallener Engel, einer größer als der andere. T-Shirts trugen sie nicht – war das die neue Mode? –, wodurch Paris ihre vernarbten Rücken in dem Spiegel oben an der Wand sehen konnte.

Seite an Seite standen die drei da, förmlich Schaum vor dem Mund, eine Wand aus Muskeln, die Arme vor der Brust verschränkt, die Füße zum sicheren Stand breitbeinig aufgestellt. Die klassische Gleich-tu-ich-jemandem-weh-Haltung.

Ich will sie, raunte Sex, als würde das noch jemanden überraschen.

„Ihr werdet hier nicht lebend rauskommen“, teilte er den Männern mit. In letzter Zeit konnte er sich keine Überlebenden mehr leisten. Die hatten diese lästige Angewohnheit, wieder aufzutauchen und sich rächen zu wollen.

„Ich hab dich schon öfter gesehen“, sagte der Kerl auf der linken Seite. „Du lächelst bloß, und die Frauen liegen dir zu Füßen, aber das werde ich ändern, wenn ich dir das Rückgrat durch dein Maul rausreiße. Dann werde ich deinen Feinden verraten, wo du steckst. Ja, ich weiß, wer du bist, Lord of Sex. Ich weiß auch, dass die Jäger gern selbst das Privileg hätten, dich zu töten.“

Der auf der rechten Seite lächelte Paris an, das perfekte bösartige Ich-hab-meine-Flügel-verloren-und-bin-froh-drüber-Grinsen. „Ja. Die Idee gefällt mir. Ich werd Mitglied bei denen, nur um zuzusehen, was sie mit dir anstellen, wenn wir mit dir fertig sind, du dreckiger …“

Der in der Mitte, der Größte, legte eine Hand auf Grinsebackes Schulter und ließ ihn verstummen. Um den Hals tätowiert trug er einen leuchtend weißen Heiligenschein. Das konnte bedeuten, dass er erst vor Kurzem gefallen war, dass er immer noch Verbindungen zu den Engeln hatte, oder dass er gern in Erinnerungen schwelgte. Was auch immer. Er würde dasselbe Schicksal erleiden wie seine Freunde. „Weniger Gerede, mehr Schmerz.“

„Ja, mehr Schmerz“, stimmte Paris zu. Mit einer fließenden Bewegung zog er seine zwei liebsten Dolche, deren klare kristallene Klingen im Licht regenbogenfarben blitzten.

„Hey, keine Waffen hier drin“, brüllte der Barmann. „Nur Fäuste.“

Sämtliche Unterhaltung in der Bar verstummte, während offenbar alle gespannt zusahen.

„Kannst ja mal versuchen, mir die wegzunehmen.“ Dann wären es noch mehr Gegner, noch mehr Blutvergießen. Noch mehr Befriedigung.

„Unfairer Vorteil“, rief jemand anders.

Ganz genau. Wer nicht schummelte, versuchte es nicht richtig. Aber gut. Selbst versunken in den köstlichen Vorgeschmack der Gewalt wusste Paris noch, wie man so tat, als würde man mitspielen. Er befahl den Dolchen in seinen Fingern, unsichtbar zu werden. Magisch, wie sie waren, gehorchten sie.

„Mir ist egal, was für Waffen du benutzt“, behauptete der mit dem Heiligenschein.

„Du hättest nicht herkommen sollen.“ Der Jägerfreund ließ die Arme sinken. „Das hier ist unser Territorium, und wir holen es uns zurück.“

„Und jetzt sorgen wir dafür, dass du nie wieder hierherkommst.“ Grinsebacke ballte die Fäuste und knackte mit den Fingerknöcheln. „Das wird ein Spaß.“

„Spaß. Klar. Für mich.“ Paris ging auf sie zu.

Das Trio ging auf ihn zu.

Zu viert trafen sie aufeinander. Sobald die drei in Reichweite waren, trat er den Jägerfreund und schlug Grinsebacke. Jägerfreund klappte vornüber und rang nach Luft. Grinsebacke starb. Paris hatte mit seiner unsichtbaren Klinge in der Hand zugeschlagen und sie bis zum Heft in der Halsschlagader des Bastards versenkt.

Einer erledigt. Blieben noch zwei.

Heiligenschein ließ eine fleischige Faust auf ihn zujagen, doch da Paris sich geduckt hatte, traf diese nur auf Luft, und der Schwung brachte den Exflattermann ins Wanken. Als Paris wieder aufrecht stand, hatte auch Jägerfreund seinen Elan zurückgewonnen und sprang ihn an, um ihm die Luftröhre rauszureißen – mit Klauen, die eine Sekunde vorher noch nicht da gewesen waren. Ob durch pures Glück oder Talent: Jägerfreund schaffte es, Paris’ Bewegung zu folgen, und traf immerhin noch die Sehne zwischen Schulter und Hals. Brutal riss der Bastard daran und nahm einiges an Haut und Muskelfleisch mit, bevor Paris ihn abschütteln konnte.

Doch Paris ließ ihn nicht los. Eisern hielt er ihn fest, auch als Heiligenschein sich wieder einmischte und auf sein Gesicht eindrosch. Mit zwei schnellen Stichen metzelte er Jägerfreund nieder. Zuerst die Niere: Schock und Kampfunfähigkeit. Dann das Herz: Tod. Jägerfreund starb genau wie sein Kumpel.

Zwei erledigt. Blieb noch einer.

Achtlos ließ Paris den jetzt leblosen Körper fallen, hörte den dumpfen Aufprall. Grinste. Und die ganze Zeit prügelte Heiligenschein weiter auf ihn ein. Krach, krach. Schmerz in seinem Auge, in seiner Lippe. Warm lief ihm Blut das Kinn hinab, Sterne wirbelten durch sein Blickfeld, und Sex verkroch sich in die hinterste Ecke seines Bewusstseins. Jeder Treffer warf ihn rückwärts gegen Tische. Gläser fielen, Stühle und Gäste.

Endlich gelang es ihm, einem dieser Schwinger auszuweichen. Er gewann sein Gleichgewicht zurück und drehte sich tief geduckt um, wollte Heiligenschein die Sehnen in der Kniekehle durchschneiden und ihn lahm machen. Doch das ehemals himmlische Wesen kannte die dreckigen Dämonentricks und wirbelte ebenfalls herum, wich ihm in letzter Sekunde aus.

Eine Armeslänge voneinander entfernt standen sie sich nun gegenüber und starrten sich wütend an. Nicht einen Treffer hatte Paris bisher bei dem Typen gelandet. Er wollte einen Treffer landen. Er würde einen landen. Und dann, wenn Heiligenschein paralysiert war, würde Paris ihn vom Nabel bis zum Hals aufschlitzen.

Aus dem Augenwinkel nahm er einen Hauch von Alabaster wahr, das Schimmern von Gold in den Federn eines Kriegerengels und den Schnee, der Zacharels treuester Begleiter geworden war.

Der Mann begehrt seine Frau, genau wie du die deine begehrst. Dafür willst du ihn bestrafen?

Sanft glitten die Worte durch Paris’ Inneres, Lichtstrahlen der Hoffnung. Zu seinem Entsetzen begann sich die Dunkelheit zurückzuziehen, und er dachte: Nein, ich will niemanden dafür bestrafen, dass er die Frau zu erobern versucht, nach der er sich verzehrt. Nicht einmal, wenn ich das Hindernis bin.

„Das werde ich wahrscheinlich bereuen“, knurrte Paris und umfasste die Griffe seiner unsichtbaren Dolche fester, nur zur Sicherheit, „aber ich bin bereit, dich gehen zu lassen. Das ist ein einmaliges Angebot. Geh jetzt und überleb. Das ist alles. Nicht verhandelbar.“

Wütend verzog Heiligenschein das Gesicht, hob das Kinn, verengte die dunklen Augen. Wie auch immer er heißen mochte, die Anziehungskraft seines Punkrock-Stils war nicht abzustreiten. Das Haar trug er so pink wie Violas Telefon und Wimpern. In einen seiner Augenwinkel waren blutige Tränen tätowiert. Seine Unterlippe war mit einem Stahlring gepierct. „Ich werde nicht gehen. Sie gehört mir, und ich werde dir nicht erlauben, sie zu benutzen und dann wegzuwerfen, wenn du mit ihr fertig bist.“

Darauf lief es jedes Mal hinaus, dachte Paris, angewidert von sich selbst und der Abhängigkeit seines Dämons von Sex. Allerdings hatte der Kerl das Einzige gesagt, das seine Behauptung von ‚nicht verhandelbar‘ außer Kraft setzte, also würde er es auf andere Art und Weise versuchen: „Will Viola dich auch?“

Ein wütendes Fauchen. „Das wird sie.“

Genau das, was Paris einmal über Sienna gedacht hatte. Immer noch dachte, wenn er ehrlich war. Er hoffte, es gäbe irgendetwas, das er tun oder sagen konnte, um ihre Meinung über ihn zu ändern und sie dazu zu bringen, ihn genauso zu wollen, wie er sie wollte.

Hatte der gefallene Engel eine Chance? Hatte Paris eine? Frauen waren die stursten Kreaturen, die je geschaffen worden waren.

„Nur dass du’s weißt, ich will Viola nicht.“ Geschickt wich er nach links aus, weiter und weiter, bis sie einander umkreisten, während Paris sich mit jeder Sekunde mehr in den Mann zurückverwandelte, der er gewesen war: ehrenhaft, mitfühlend, beherzt. Lange würde das nicht so bleiben, das wusste er, doch er würde mitspielen, solange er konnte.

„Du lügst!“ Heiligenscheins Nasenflügel blähten sich bei jedem wütenden Atemzug. „Ich, der ich noch nie eine Frau begehrt habe, konnte ihr nicht widerstehen. Jeder will sie.“

„Noch mal: ich nicht. Ich will eine Information von ihr, die mir helfen wird, meine Frau zu retten. Mehr nicht.“

Erdrückendes Schweigen, während Heiligenschein unwillkürlich die Fäuste ballte und wieder öffnete und versuchte, den Wahrheitsgehalt von Paris’ Worten zu bestimmen.

Ohne Unterlass umkreisten sie einander weiter. „Nur eine Information“, wiederholte Paris. „Ich schwör’s.“

„Nein.“ Abrupt schüttelte der Typ sein pink gefärbtes Haupt – er war fast so stur wie eine Frau. „Ich glaube dir nicht. Du trägst die bösartige Natur eines Dämons in dir. Du wirst nicht anders können. Du wirst nach ihr gieren, sie ausnutzen. Sie flachlegen.“

Nein, das würde er nicht. Er stand zu kurz davor, Sienna zu finden, und er würde so lange auf sie warten, wie es irgend ging, ohne seinen Tod zu riskieren. Na gut. Möglicherweise würde er es doch tun. Für sein Überleben hatte er schon schrecklichere Dinge getan. Vielleicht sollte er darauf hinweisen, dass Viola ebenfalls einen Dämon in sich trug. Andererseits hatte Heiligenschein den Zustand des logischen Denkens wohl schon lange hinter sich gelassen.

Paris seufzte. In ihm regte sich wieder die Dunkelheit. „Dann beenden wir das.“

Paris …

„Nein!“, knurrte er und verbannte Zacharels Stimme aus seinem Kopf. „Ich hab’s auf deine Weise versucht, und es hat nicht funktioniert.“

Er und Heiligenschein stürzten gleichzeitig aufeinander los und krachten mit voller Wucht zusammen. Genau wie zuvor prasselten die fleischigen Fäuste auf Paris ein. Sein Gesicht fühlte sich an, als würde eine Horde hufbewehrter Dämonen darüber hinwegtrampeln, doch er konnte erkennen, dass der Rumpf des Kerls vollkommen ungedeckt war. Anstatt ihn jedoch wie die beiden anderen mit zwei kurzen, tödlichen Stichen zur Strecke zu bringen – irgendetwas hatte Zacharel anscheinend doch in ihm bewirkt –, führte er den Arm in einem tieferen Bogen und schlitzte Heiligenschein so geschickt das Bein auf, dass er die Oberschenkelarterie nur ganz leicht streifte.

Die Schläge regneten weiter auf ihn herab, während der Gefallene überhaupt nicht registrierte, dass er ausbluten würde, wenn er nicht bald verschwand, um sich wieder zusammenflicken zu lassen. Mit wild herumwirbelnden Armen fielen sie ineinander verkeilt gegen einen Tisch, krachten zu Boden, rollten übereinander. Glassplitter bohrten sich in Paris’ Arme und in seinen Rücken. Er landete einige harte Treffer, wobei er aus Versehen auch mit seinen Klingen nachzog, bis er Heiligenschein endlich hart von sich stoßen konnte und der andere außer Reichweite stolperte.

Heiligenschein stand auf, rang nach Luft und trat einen Schritt vor, dann zwei. Dann hielt er an und runzelte verwirrt die Stirn. Schließlich gaben seine Knie unter ihm nach. Wie ein Sack Mehl fiel er um, während seine gebräunte Haut einen unnatürlich weißen Ton annahm und seine Tattoos verblassten. Seine Augen wirkten fiebrig.

Gefallene Engel heilten nicht wie Unsterbliche, sondern wie Menschen: langsam. Oder gar nicht.

„Du … du …“

„Ich hab gewonnen.“ Erledigt, erledigt und erledigt. Alle drei von den Füßen geholt. „Besorg dir Hilfe, dann dürftest du dich vollständig erholen.“

„Aber du …“ Ungläubigkeit stand ihm ins Punkrocker-Gesicht geschrieben. „Du hast geschummelt. Das war ein Dolch, den ich gespürt hab. Mehrmals!“

„Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Großer, aber geschummelt wird öfter, als du denkst. Vielleicht versuchst du’s einfach selber mal. Davon abgesehen hast du gesagt, dir wär’ egal, mit was für Waffen ich kämpfe.“

Hinter ihm erhob sich ein Raunen.

Mit erhobenen Armen drehte Paris sich im Zeitlupentempo um. Die Menge hatte sich noch nicht aufgelöst; die Leute waren mehr an ihren Wetten interessiert als daran, bloß nicht aufzufallen. „Wer ist der Nächste?“ Von seinen immer noch unsichtbaren Dolchen tropfte Blut und sammelte sich in Pfützen am Boden.

Plötzlich mussten sie alle dringend weg. Das Meer von Gesichtern teilte sich und gab den Blick frei auf Zacharel. Der Engel hielt die Arme vor der breiten Brust verschränkt und sah besorgt drein.

„Immer noch hier?“ Herausfordernd hob Paris eine Braue. „Willst du auch mal?“

Stirnrunzelnd und ohne ein Wort verschwand Zacharel.

Jetzt mal im Ernst. Warum dieses Interesse?

Spielt das eine Rolle? Das Gefühl der Dringlichkeit ergriff wieder Besitz von ihm, und er stapfte hinüber zu Viola, die immer noch in ihren Anblick im Spiegel versunken war. Zügig verstaute er seine Waffen und zog die Göttin mit sich zur Tür. „Komm jetzt.“

Es wurde definitiv Zeit, sich zu verziehen. Erstens wollte er nicht riskieren, dass sich noch jemand entschloss, gegen ihn zu kämpfen. Zweitens wäre der Anblick von Paris, wie er sich mit Viola unterhielt, möglicherweise zu viel für Heiligenschein. Und drittens hatte sie vielleicht ihre Meinung darüber, Paris zu sagen, was er wissen wollte, geändert. In dem Fall würde er Gewalt anwenden müssen.

Mit Sehnsucht im Blick betrachtete Heiligenschein sie – und kurz bevor die Tür hinter Paris ins Schloss fiel, wechselte der Ausdruck zu Hass. Super. Der Typ würde versuchen, sich zu rächen. Ich hätte ihn umbringen sollen. Das könnte er immer noch tun, doch Paris entschied sich, nicht umzudrehen, um den Job zu Ende zu bringen. Wenn Zacharel wieder auftauchte und Stunk machte, wäre sein toller Plan im Arsch.

„Hey“, meldete sich Viola, als sie endlich aus ihrer Trance erwachte. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, und ein kühler Windhauch wehte ihr seidiges Haar gegen seinen Arm. „Was glaubst du, was du da tust?“

Ich will sie, wisperte Sex und linste aus den tiefen Schatten seiner Seele hervor.

Ich hab zu tun. „Ich bringe dich in Sicherheit“, log er. „Du willst doch nicht von deinen Bewunderern belagert werden, oder?“

Sie wehrte sich etwas entschlossener. „Und ob ich das will. Kleiner Tipp, was Frauen angeht: Wir mögen es, aus der Ferne bewundert zu werden und dann aus der Nähe Komplimente zu bekommen.“

Tipps im Umgang mit Frauen brauchte er nun wirklich nicht. „Ich wollte sagen, deine Bewunderer bringen dir nicht die angemessene Ehrerbietung entgegen. Sie verdienen deine herrliche Anwesenheit nicht.“

Und wer hätte das gedacht: Ihr Widerstand löste sich in nichts auf. „Das ist ein exzellentes Argument.“

Natürlich war ihr sein Sarkasmus entgangen.

Mittlerweile hatten sie eine verlassene Gasse erreicht, und Paris blieb stehen. Perfekt. Der Mond wirkte so nah, als müsste man nur die Hand ausstrecken, um die sanft bernsteinfarben leuchtende Scheibe zu berühren. Noch näher waren die Wolken, hüllten ihn ein in einen feinen Nebel, der nach Tau schmeckte. Obwohl alles gut beleuchtet war, würde niemand, der vorbeikam, sehen, was in der schmalen Gasse vor sich ging.

Entschlossen drehte er sich zu Viola um und presste sie gegen die Wand aus massivem Gold in ihrem Rücken, drang in ihre Wohlfühlzone ein, um ihre volle Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bloß dass ihre Aufmerksamkeit bereits zu ihrem Handy gewandert war – schon wieder flogen ihre Finger nur so über die Tastatur.

Ich will, ich will, ich will!

Ich hoffe, du verreckst unter Qualen.

„‚Der Lord of Sex ist noch blutiger als vorhin und … igitt … zugeschwollen. Meine Augen sind not amused.‘ Senden.“

Er packte das Telefon und schob es – statt es zu zerschmettern, wie sein Instinkt es ihm befahl – zurück in ihren Stiefel. „Darüber kannst du später screechen. Jetzt wirst du erst einmal mit mir reden. Was kann ich tun, um die Toten zu sehen? Denk dran, deine Anhänger haben drauf bestanden, dass du’s mir verrätst.“

Schmollend schürzte sie die Wahnsinnslippen, doch dann ergab sie sich: „Verbrenn den Körper der Seele, die du zu sehen wünschst, und heb die Asche auf. Wo wir gerade dabei sind, hab ich dir je erzählt, wie ich einmal die Asche eines …“

Und weiter und weiter plapperte sie über Dinge, die sie getan hatte, dann über sich, über ihr Leben, und Paris blendete sie aus. In seinem Inneren erwachte ein zarter Hoffnungsschimmer. Er hatte Siennas Körper verbrannt und die Asche aufgehoben. Und seit jenem Tag trug er insgeheim eine kleine Phiole mit dieser Asche in seiner Tasche herum.

Irgendwie musste er eine Ahnung gehabt haben, er könnte sie noch einmal brauchen.

Als Viola schließlich verstummte, sagte er: „Um eine Seele zu sehen, muss man mehr tun, als die Asche aufzubewahren.“ Es konnte nicht anders sein. Vor ein paar Wochen war Sienna dem Götterkönig entkommen, hatte Paris ausfindig gemacht, doch Paris hatte sie nicht sehen können.

Wäre nicht William der Lustmolch bei ihm gewesen, ein weiterer Unsterblicher mit der Fähigkeit, mit den Toten zu verkehren, hätte er niemals davon erfahren. Ganz beiläufig hatte William das tote Mädchen zu seinen Füßen erwähnt. Natürlich hatte Cronus sie fast augenblicklich aufgespürt und zurück in ihr Gefängnis verschleppt.

Eine Tat, für die der König der Titanen bezahlen würde.

„Dummkopf, natürlich muss man das. Verrühr die Asche mit Ambrosia und tätowiere die Ränder deiner Augenlider damit“, erklärte Viola. „Dann siehst du sie, ich schwör’s. Wenn du sie berühren willst, tätowiere dir die Fingerspitzen. Wenn du sie hören willst, tätowiere dich hinter den Ohren, bla bla bla. Ich erinnere mich noch genau, einmal hab ich …“

Und wieder blendete er sie aus. Er konnte, er würde das schaffen. Den meisten Leuten mochte es ekelhaft erscheinen, sich mit der Asche einer Toten zu tätowieren, doch Paris hätte weit Schlimmeres getan als das. „Werde ich sie riechen können? Und schmecken?“, fragte er und unterbrach damit Violas Monolog.

„Nur wenn du das Innere deiner Nase und deiner Lippen und die Oberseite deiner Zunge tätowierst. Einmal im Tartarus hab ich …“

„Moment.“

Genug! Ich will sie nicht mehr, meldete sich Sex wieder zu Wort. Such uns jemand anderen.

Soso. Ausnahmsweise waren sie sich mal einig. „Sollte ich sonst noch was wissen? Irgendwelche Konsequenzen, auf die ich vorbereitet …“

„Paris.“ Die vertraute Stimme erklang hinter ihm. Abrupt fuhr Paris herum, während er bereits ein mulmiges Gefühl im Bauch spürte. Wann immer Lucien ihn aufsuchte, folgten die schlechten Nachrichten auf dem Fuße. „Was ist passiert?“

4. KAPITEL

Lucien, Hüter des Todes, war groß und stark, eine beeindruckende Präsenz selbst in dem dichten Nebel, der sie einhüllte. Genau wie Viola konnte der Krieger sich allein mit Gedankenkraft von einem Ort an einen anderen bewegen. Das dunkle Haar stand ihm in wirren Stacheln vom Kopf ab. Seine Augen – eins blau, eins braun – waren von Sorge erfüllt. Auf seinen vernarbten Wangen waren Schmutzspuren zu sehen, und seine Kleider waren zerknittert und zerrissen.

„Da ich dich gebeten habe, mich erst abzuholen, wenn ich dir eine SMS schicke, nehme ich an, du bist aus einem anderen Grund hier.“ Aus reiner Gewohnheit zog er wieder seine Dolche. „Jetzt mach endlich den Mund auf.“

Lucien bedachte Viola mit einem misstrauischen Blick. „Erst musst du sie loswerden.“

Die erwähnte Sie richtete sich plötzlich kerzengerade auf. „Der hat sie ja wohl nicht alle … Ich bin nicht irgendein Liebchen, das man einfach so wegschicken kann, wenn’s einem – oh, hey. Du bist Anyas Mann.“ Jegliche Entrüstung fiel von ihr ab, und sie winkte ihm fröhlich zu. „Hi! Ich bin Viola. Als könntest du dir das nicht denken. Der Ruf meiner umwerfenden Persönlichkeit eilt mir voraus, ich bin mir sicher, Anya hat mich unzählige Male erwähnt.“

Sie kannte Anya, die niedere Göttin der Anarchie? Eine Frau, die mehr Eier hatte als die meisten Männer – weil sie sie allen Kerlen abschnitt, die dämlich genug waren, ihr in die Quere zu kommen, und sie als Andenken behielt. Ach, natürlich wusste Viola, wer Anya war. Dem Titel nach mochten sie „Niedere“ sein, aber in Wahrheit waren sie beide übergroß – und zwar übergroße Nervensägen.

Verwirrt zog Lucien die dunklen Brauen zusammen. „Nein, sie hat nie …“

„… aufgehört, von dir zu reden“, fiel Paris seinem Freund schnell ins Wort, bevor der die egomanische Göttin beleidigen konnte. Mit dem Zeigefinger fuhr er sich über den Kehlkopf – die universelle Geste für „Halt die Klappe oder stirb“.

„Genau“, log Lucien und runzelte die Stirn. „Ständig erwähnt sie dich.“

Viola lachte ein perlendes Lachen. „Es ist doch nicht nötig, etwas so Offensichtliches auch noch auszusprechen, du süßer Junge. Als wäre mir nicht bewusst, wie oft ich Gesprächsthema bin.“

„Du solltest wahrscheinlich screechen, dass du Anyas Mann gesehen hast“, schlug Paris vor. „Vielleicht kannst du ihn beschreiben. Ein Bild posten. Was auch immer.“

Mit ernstem Gesichtsausdruck beschied sie: „Nichts da, kein Foto. Die sind allein für mein Abbild reserviert, sonst werden meine Fans nervös. Aber das andere … absolut. Beschreibungen sind eines der vielen Gebiete, auf denen ich brilliere, denn ich brilliere in allem.“ Und schon hatte sie das Telefon wieder in der Hand und tippte drauflos. „Haar von tiefstem Indigo, Augen wie Kristall und Schokolade, so steht er vor mir …“

Amüsiert fing Paris den verwirrten Blick seines Freundes auf. „Sie ist die Hüterin von Narzissmus und registriert nur Gespräche über sich selbst.“ Ganz offensichtlich. „Du kannst frei sprechen.“

Luciens Augen weiteten sich, und er betrachtete Viola genauer. „Noch eine Hüterin? Wie hast du sie … Warum ist sie nicht … Egal. Spielt jetzt keine Rolle.“ Sein Blick schnellte zurück zu Paris. „Ich bin gekommen, weil Kane verschwunden ist.“

Und das mulmige Gefühl breitete sich weiter aus, fraß sich bis in seine Brust hinauf. „Seit wann?“

„Seit ein paar Tagen. Er und William waren zusammen. Irgendjemand hat sie gefangen genommen und in die Hölle verschleppt, um sie zu exekutieren. Vielleicht Jäger, vielleicht auch nicht. Diese Gruppe wurde von einer anderen angegriffen. William sagt, die Höhle, in der sie waren, sei eingestürzt und dabei sei er bewusstlos geschlagen worden, bevor die Männer ihm irgendetwas antun konnten. Als er aufgewacht ist, war er in einem Hotelzimmer in Buda – ohne Kane.“

Sorgenvoll fuhr sich Paris mit der Hand übers Gesicht. „Ist Kane noch … am Leben?“ Die letzten beiden Worte fielen ihm unglaublich schwer – und erst recht der Gedanke dahinter. Wenn sein Freund getötet worden war, während er selber nach willigen Frauen Ausschau gehalten hatte, würde er sich das niemals verzeihen.

„Ja. Ist er. Muss er sein.“

Weil sie den Gedanken nicht ertragen konnten, ohne ihn zu leben. „Du stellst eine Truppe zusammen, um ihn zu suchen?“

„Darum bin ich hier.“

„Wen hast du bisher?“

„Amun, Aeron, Sabin und Gideon.“

Üble Kampfmaschinen, alle vier. Wäre Paris selbst verschwunden, diese Jungs würde er sich als Rettungstrupp wünschen. Ernsthaft, das einzige Team, das vielleicht bessere Ergebnisse erzielen würde, wären Jason Voorhees, Freddy Krueger, Michael Myers und Hannibal Lecter.

Amun war Hüter der Geheimnisse, und es gab keinen großartigeren Krieger, den man sich an seiner Seite wünschen konnte. Der Mann war wie ein Wurm im Gehirn, er brachte innerhalb von Sekunden Informationen zutage, die man vor Jahren tief begraben hatte. Es gab nichts, das irgendjemand vor ihm hätte verheimlichen können. Kanes Aufenthaltsort herauszufinden? Kein Problem.

Aeron hatte Zorn in sich getragen. Kürzlich war er geköpft worden und hatte danach einen neuen Körper bekommen – und zu diesem Zeitpunkt hatte sein Dämon sich mit Sienna verbunden. Doch selbst ohne seine dunklere Hälfte hörte Aeron seine Beute gern quieken, bevor er zum Todesstoß ansetzte. Jeder, der es wagte, Kane wehzutun, würde dafür bezahlen. Und nicht nur einmal.

Sabin war der Hüter des Zweifels, ein Krieger von unvergleichlicher Kraft und Entschlossenheit, der einen barbarischen Zug an sich hatte, bei dem sich selbst hartgesottene Kriminelle vor Angst in die Hose machten. Er drang in jeden Kopf ein, erinnerte das Opfer an seine Schwächen und verwandelte es in nichts als ein sabberndes Nervenbündel, bevor er es mit einem Grinsen auf den Lippen ermordete.

Und Gideon, tja, der war der Hüter der Lügen. Die Haare trug er blau gefärbt, er war überall tätowiert und gepierct, und seinen schrägen Humor konnten nur wenige nachvollziehen. Sein neuestes Lieblingsspiel bestand darin, seinen Dämon aus seinem Körper in den seines Feindes hineinzukatapultieren und sich dann zurückzulehnen, um zuzusehen, wie der Mensch sich selbst zerstörte, während das Böse ihn verschlang.

Wer auch immer Kane entführt hatte, tat Paris beinahe leid.

Beinahe.

„Also, bist du dabei?“, fragte Lucien.

„Ich …“ hasse das. Er wollte Ja sagen. Das wollte er wirklich. Er liebte seine Freunde. Mehr als sich selbst, wahrscheinlich sogar mehr als Viola sich selbst (und wo er gerade beim Thema war: Das verdammte Weib war immer noch am Tippen, und ihrem Murmeln nach zu urteilen beschrieb sie gerade, warum der Herr des Todes sie wesentlich attraktiver fand als die Göttin der Anarchie). Seite an Seite hatten seine Freunde mit ihm gekämpft, für ihn geblutet und ihm immer den Rücken gedeckt.

Sie würden mehr als eine Kugel in Kauf nehmen für ihn. Sie würden ein Leben geben – selbst ihr eigenes. Aber … „Ich kann nicht“, gestand er, ob er es sich nun verzeihen könnte oder nicht. „Nicht jetzt. Es gibt da etwas, das ich vorher erledigen muss.“ In ihm wirbelte immer noch seine Entschlossenheit umher, diese dunkle Wolke, die ihn antrieb. Er war so weit gekommen, er konnte jetzt nicht aufgeben.

Ohne Zögern nickte Lucien. „Verstanden.“ Kein Versuch, Paris umzustimmen, kein Einreden von Schuldgefühlen – es gab einfach keinen besseren Freund auf der Welt. „Willst du Hilfe bei deiner Mission?“, fügte er hinzu, und Paris wollte verdammt sein, wenn er nicht doch Schuldgefühle bekam. „Wenn du irgendwas Gefährliches vorhast, biete ich dir mit Freuden William an.“

William, Anyas bester Freund und eine Person, die Lucien nur zu gern mit einem Dolch im Rücken sähe. Und im Herzen. Und im Schritt. Willy trug keinen Dämon in sich, aber gerüchteweise war er der leibliche Bruder des Teufels und dazu noch verwandt mit den Apokalyptischen Reitern.

Vermutlich stimmten die Gerüchte. William fürchtete sich vor gar nichts. Nichts machte ihm etwas aus. Und das Sahnehäubchen? Würde Willy jemals eine Tür öffnen und der Schwarze Mann käme herausgesprungen – es wäre der Schwarze Mann, der sich erschrecken würde.

„Bring ihn zu mir“, sagte Paris. „Er ist mir noch was schuldig.“ William hatte kampflos zugelassen, dass Cronus seine Sienna mitnahm. So wie Paris das sah, war der Kerl jetzt sein Sklave auf Lebenszeit.

„So gut wie erledigt.“ Wieder blickte Lucien zu Viola, die immer noch auf ihrem Handy tippte. „Was ist mit ihr? Wir können sie hier nicht allein herumlaufen lassen. Sowohl Cronus als auch die Jäger würden sich einen Ast freuen, sie in die Finger zu bekommen.“

Cronus hasste die Jäger, und die Jäger hassten Cronus. Beide Seiten waren auf der Suche nach den verbliebenen dämonenbesessenen Unsterblichen, um sie für ihre Zwecke zu rekrutieren, und keiner würde dabei vor Gewalt zurückschrecken. Paris gefiel der Gedanke, beiden Lagern eins auszuwischen.

„Nimm sie mit“, meinte er und berührte Viola an der Schulter, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

So unschuldig die Berührung auch war, sie erschreckte sie, und innerhalb eines Herzschlags verwandelte sie sich von der bezaubernden Schönheit in den Dämon, der in ihr steckte. Zwei Hörner schoben sich durch ihre Kopfhaut. Statt seidiger Haut trug sie nun rote Schuppen, und ihre Augen glühten wie radioaktive Rubine. Tödlich scharfe Fangzähne traten zwischen ihren Lippen hervor. Ihre Fingernägel wurden zu Klauen. Anstelle des Rosendufts breitete sich ein scharlachroter Nebel aus, der nach Schwefel stank und Sex wimmern ließ wie ein Baby.

Zornig brüllend senkte sie die Krallen in Paris’ Handgelenk und schleuderte ihn so brutal von sich, dass er unter Staub und Splittern an die Hauswand gegenüber krachte.

Sämtlicher Sauerstoff wich aus seinen Lungen. Schon wieder sah er Sterne. Was. Zum. Teufel? Als sein Blick wieder klar wurde, erkannte er, dass Viola wieder Viola war – zierlich, blond und unschuldig.

„Ups. Tut mir leid.“ Mit einem glockenhellen Lachen schob sie das Telefon zurück in ihren Stiefel. „Anfassen verboten. Ihr wolltet etwas von mir?“

Resigniert drückte sich Lucien mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. „Das wird ein Spaß, das weiß ich jetzt schon.“

„Macht’s dir was aus, Lucien zu begleiten?“, fragte Paris sie, während er sich aufrappelte. Mit jedem Atemzug scheuerten seine Rippen an seinen Lungen. Dummerweise war auch der Schnitt an seinem Hals wieder aufgeplatzt. Mit einer Bewegung hatte sie weit mehr Schaden angerichtet als die drei Amigos in der Bar zusammen. „Er bringt dich zu Anya, und ihr zwei Mädels könnt … äh … endlich mal wieder quatschen.“ Ursprünglich hatte er sie zwingen wollen mitzugehen. Jetzt würde er betteln, wenn nötig.

„Echt?“ Begeistert klatschte Viola in die Hände, wirbelte einmal um die eigene Achse und warf sich dann Lucien in die Arme. „Ja, ja, tausendmal ja! Ich komme mit, aber nur, wenn du versprichst, dass wir zwischendurch Prinzessin Fluffikans einsammeln. Aber sei gewarnt: Du wirst dich Hals über Kopf in mich verlieben und Anya mit gebrochenem Herzen zurücklassen.“

Wesentlich wahrscheinlicher würde einer der anderen – nicht vergebenen – Krieger Hals über Kopf mit ihr ins Bett steigen, aber dies war nicht der Zeitpunkt, um darauf hinzuweisen.

Mühsam befreite sich Lucien aus ihren tentakelartigen Armen, warf Paris einen genervten Blick zu und verschwand gemeinsam mit der schon wieder plappernden Viola. Paris hielt sich nicht damit auf, an Ort und Stelle zu warten. Tod konnte der Spur seiner Seele problemlos folgen und ihn aufsuchen, wo immer er war.

Zeit für ein paar Tattoos.

Die sterbliche und die unsterbliche Welt waren einander erschreckend ähnlich. Titania war eine pulsierende Metropole voller Einkaufszentren und Restaurants, die überquoll vor Unterhaltungsangeboten jeglicher Art. Keine große Aufgabe für Paris, das nötige Tätowier-Equipment und saubere Klamotten aufzutreiben, bevor er sich in eins der vielen Motels einmietete. Er fand es amüsant, dass offensichtlich auch Unsterbliche gern mal eine geheime Verabredung hatten.

Während er auf Lucien wartete, aß er etwas – aus bloßem Pflichtbewusstsein. Es war ein Sandwich, aber er hatte keine Ahnung, was zwischen den Brotscheiben lag. Er holte sich einen runter, weil sein Dämon das brauchte. Heute hatte er noch keinen Sex gehabt, und der Orgasmus lud seine Kräfte wieder auf. Nicht so dauerhaft wie der Adrenalinrausch, den er beim Geschlechtsverkehr erlebte, aber was sollte es. Er würde nehmen, was er kriegen konnte.

Dann duschte er, wusch das Blut und das ganze andere Zeug ab, das an seiner Haut klebte. Heute waren eine Menge Menschen durch seine Dolche gestorben. Jäger, seine Feinde. Größtenteils Männer. Doch mittlerweile rekrutierten sie immer mehr Frauen. Paris überlegte, was wohl passiert wäre, hätte er Sienna auf dem Schlachtfeld getroffen oder jemals versucht, sie zu verhören.

Das wäre sein Plan gewesen, hätte sie lange genug gelebt. Sie verhören – nachdem er noch einmal mit ihr geschlafen hatte. Hätte er ihr wehgetan? Er redete sich gern ein, dass er es nicht getan hätte, aber … verdammt. Sicher konnte er sich nicht sein. Sie hatte Dinge gewusst, die sie nicht hätte wissen dürfen. Wo er war, warum er sich dort befand. Wie sie ihn ablenken musste, wie sie ihn unter Drogen setzen konnte – einen Unsterblichen, dem die Gifte der Menschen nichts ausmachten. Jetzt wusste er, dass sie ihre Informationen von Rhea bekommen hatte, Cronus’ Frau und der wahren Anführerin der Jäger. Nicht persönlich, das glaubte er nicht, aber weitergegeben durch die Ränge. Doch selbst wenn er das nicht gewusst hätte – dieses Mal würde er sich nicht damit aufhalten, sie auszufragen. Er wollte sie einfach nur.

In Sicherheit wissen, stimmt’s? Du willst sie einfach nur in Sicherheit wissen? verhöhnte ihn Sex.

Was auch immer. Paris trocknete sich ab und betrachtete sich in dem beschlagenen Spiegel. Etwas Gewicht hatte er verloren, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, und seine Wangen und sein Hals waren von Kratzern übersät. Sein Haar war nicht besonders gut geschnitten, weil er in letzter Zeit selbst daran herumsäbelte, wann immer ihn eine Strähne nervte. Was würde Sienna heute von ihm denken? Trotz allem hatte sie ihn anziehend gefunden. Würde sie das immer noch? Momentan wäre er wahrscheinlich für jede Frau etwas zu verwildert.

Doch was, wenn das Unmögliche wahr wurde und sie ihn tatsächlich wollen sollte? Von sich aus, ohne Hintergedanken. Was, wenn sie sich einfach danach sehnte, seinen Körper in ihrem zu spüren? Immerhin hatte sie sich aus Cronus’ Gefängnis freigekämpft und nach ihm gesucht.

Es wäre dumm, seine Deckung sinken zu lassen. Er konnte ihr nicht vertrauen. Nicht wirklich. Nehmen konnte er sie, klar, das war immer noch der Plan. Wenn er auch in ihrer Nähe noch für sie hart werden konnte. Das würde die Zeit zeigen. Und wenn er konnte – und davon war er ziemlich überzeugt, denn allein beim Gedanken an sie wurde er schon hart –, konnte er vielleicht auch ein paar Tage mit ihr zusammenbleiben. Wenn er das tat, würde sein Begehren nach ihr endlich nachlassen? Oder nur noch intensiver werden? Würde er sie loslassen können, wenn die Zeit gekommen war?

Was, wenn sie bei ihm bleiben wollte?

Danach sehnte er sich mit ganzer Seele. So verdammt sehr. Aber Zacharel hatte recht, Paris würde sie zerstören, wenn er sie bei sich behielt. Nicht aus den Gründen, die der Engel genannt hatte, sondern wegen seines Dämons. Wenn er durch irgendetwas von ihr getrennt würde und nicht rechtzeitig zu ihr gelangen konnte, würde er sie betrügen. Er wäre dazu gezwungen. Die Alternative wäre der Tod, und bei dieser Wahl gewann immer das Leben – das Betrügen.

Das wusste er aus erster Hand. Einmal hatte er versucht, eine Beziehung mit einer Frau zu führen. Susan. Er hatte mit ihr geschlafen, hatte gewusst, dass er es nicht noch einmal könnte, und sich doch nach mehr gesehnt und ihr auf andere Weise Lust bereitet. Er hatte sie ehrlich gemocht, hatte ihre Gesellschaft genossen – und sie letzten Endes doch betrogen und ihr schlimmer wehgetan als jemals jemand zuvor.

Und noch eine Wahrheit war wie eine Ohrfeige: Wenn er Sienna betrog, würde er alles zerstören, was sie miteinander aufgebaut hätten, und dazu noch ihr Herz, ihre Fähigkeit zu vertrauen und auch den letzten Hauch von Unschuld. Dann hätte er jegliche Bösartigkeit verdient, die sie ihm zufügte – und trotzdem wollte er sie.

Die ganze Geschichte war dermaßen verkorkst.

Wütend schlug er mit der Faust gegen den Spiegel. Die fallenden Scherben zerbrachen am Boden noch weiter und übersäten alles mit glitzernden Splittern, wie Diamanten neben seinen achtlos hingeworfenen Waffen. Von seinen Knöcheln tropfte Blut, als er die Dolche und Pistolen in die Holster an seinen Hand- und Fußgelenken und unter seinen Armen schob. Wenn das so weiterging, würde er sich bald ritzen wie Reyes, Hüter des Schmerzes. Alles für ein Ventil, einen Moment, in dem er sich über nichts als seine Wunden Gedanken machen musste.

Egal. Mittlerweile hatte er sich an die Gedanken und Sorgen gewöhnt. Sie waren jetzt seine ständigen Begleiter, ohne sie wäre er vollkommen allein. Paris zog die neuen Sachen an, die er gekauft hatte, eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd. Dort, wohin er gehen würde, herrschte ewige Nacht. Er durfte nicht auffallen.

Vor Kurzem war er in Cronus’ geheimen Harem eingedrungen und hatte eine der Konkubinen verführt, Sex gegen Informationen getauscht. Nun wusste er, dass Sienna im Reich der Blutigen Schatten gefangen gehalten wurde, einem Teil von Titania … und doch wieder nicht. Das Gebiet war ein Königtum innerhalb dieses himmlischen Reichs, für die meisten unsichtbar und bewacht von etwas Bösem. Wer dort hinging, starb – bla, bla, bla, das ganze Zeug.

Paris konnte das Reich auch allein finden, kein Problem. Mittlerweile war er sehr gut darin, im Himmel mit Bestechung weiterzukommen, selbst in den abgelegeneren Gegenden. Er fuhr sich mit den Fingern durchs nasse Haar und breitete sein neues Tätowierzubehör aus. Ein Teil von ihm wünschte, er wäre jetzt irgendwo da draußen und könnte Jäger abschlachten oder wäre schon auf dem Weg ins Reich der Blutigen Schatten. Solche Verzögerungen waren echt ätzend.

Zu seiner immensen Erleichterung tauchte Lucien kurze Zeit später mitten im Raum auf. „Ich hab mich mies gefühlt, dir William aufs Auge zu drücken, deshalb hab ich dir einen Bonus mitgebracht.“

Unsanft schubste Tod den triefnassen und lautstark protestierenden William in Paris’ Richtung und wies dann auf Zacharel, der an seiner anderen Seite stand. Der „Bonus“ – als wäre er eine Figur aus einem Überraschungsei.

„Eigentlich“, merkte Zacharel mit seiner kühlen Stimme an, „habe ich mich selbst mitgebracht. Lucien war auf der Suche nach dir, und ich habe ihm die Zeit und Mühe erspart.“

Paris knackte mit dem Kiefergelenk. „Tausend Dank“, wandte er sich an Lucien und ignorierte den Engel. „Das meine ich ernst.“

William, mein süßer William! Ich will ihn, geiferte Sex. Der Dämon wollte immer ein Stück von William. Nicht, dass Paris das jemals laut zugegeben hätte oder zugeben würde.

„Ich find’s so schade, dass ich nicht bleiben kann“, spottete Lucien mit falschem Bedauern. „Übrigens, Violas Haustier, Prinzessin Fluffycakes, oder wie auch immer das Vieh heißt, ist ein Tasmanischer Teufel und ein Vampir. Sei froh, dass ich verschwinde, ohne dir die Kehle aufzuschlitzen.“ Und schon war der Krieger fort.

Während winzige Schneeflocken um ihn herumwirbelten, blickte Zacharel sich angewidert im Zimmer um. „Was tust du hier?“

„Echt, Mann, das ist ein Drecksloch“, fiel William ein. „Wenn ich im Himmel bin, steige ich ausschließlich im West Godlywood ab. Können wir wenigstens eine Suite verlangen?“

Oh nein, das Frage-und-Antwort-Spielchen würde er nicht nach den Regeln dieser Männer spielen. Sondern nach seinen. „Warum schneit es in letzter Zeit immer um dich herum?“, fragte er Zach.

„Es gibt einen Grund.“

So was von nicht hilfreich. „Wirst du ihn uns mitteilen?“

„Nein.“

„Verfolgst du mich?“

„Ja.“

Wenigstens versuchte er nicht, es abzustreiten. Das hätte er auch gar nicht gekonnt. Engel sprachen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, was Zacharels Drohung aus der Bar, ihn umzubringen, umso realer machte. „Warum?“

„Du bist noch nicht bereit dafür, die Antwort zu hören.“

Paris liebte diesen kryptischen Scheiß, echt jetzt. „Wenn du hier weiter rumhängen willst, dann mach dich nützlich und tätowier den Rest von mir.“ Für die Linien um seine Augen herum brauchte er jemanden mit einer ruhigen Hand. „Dann kannst du mir helfen, ein paar gepflegte Arschtritte zu verteilen.“

Der Blick, den Zacharel ihm zuwarf, war genauso kalt wie die Schneeböen, die von seinen Flügeln herabfegten. „Ich habe noch nie jemanden tätowiert. Wahrscheinlich verunstalte ich dich.“

Und trotzdem würde er es besser machen als William, das stand außer Frage. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass du mir ein Auge ausstichst, was aber keine wirkliche Rolle spielt, weil es mit der Zeit sowieso nachwachsen würde.“

Die Minuten verstrichen. Zacharels Blick wurde immer eisiger. „Nun gut. Ich will es mal versuchen.“

„Genau, mach dich nützlich, Engelchen. Ich geh so lange ins Bad.“ Williams pechschwarzes Haar war klatschnass und klebte ihm am Kopf. Um die Hüfte gewickelt trug er ein flauschiges weißes Handtuch, das Muskeln enthüllte, die denen von Paris Konkurrenz machten, sowie eine tätowierte ...

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