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Schwarze Schiffe

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»Die Straßen … sind breit und schön, in Abschnitten oder streifenweise gepflastert. Einen Teil pflastert man nicht … Die Anzahl der Schiffe ist so gewaltig, dass es schwer ist, an die Ufer des Flusses heranzukommen. Unsere belebtesten Flüsse und Häfen, sogar Venedig mit all seinen Gondeln und Schiffen, können von dem Treiben, von dem Gewimmel, das auf dem Fluß … herrscht, keinen vergleichbaren Eindruck vermitteln.«*

Abbé Richard, französischer Geistlicher und Historiker 1778 über Hanoi


*Abbé Richard, Histoire naturelle, civile et politique du Tonquin, Moutard, Paris 1778. Zitiert aus: Jean Chesneaux, Geschichte Vietnams, Rütten & Loening, Berlin 1963.

Vom Wasser sah die Stadt wie eine Festung aus, eine abweisende Wand aus Häusern, eng an eng gebaut. Lautlos driftete der Sampan mit dem Strom. Kein Hauch regte sich. Der Fluss war düster und glatt. Der Schlick der Sandbänke glänzte im Mondlicht. Mit gleichmäßigen Ruderstößen bewegte sie das schmale Holzboot vorwärts, lenkte es geschickt zwischen den Sandbänken hindurch, eine Hand an der Pinne. Dann stieß sie mit dem Paddel gegen etwas Hartes, das dicht unter der Wasseroberfläche lag. Es gab einen Ruck, das Boot schaukelte und steckte fest. Der Rumpf hatte sich verkeilt.

»Beeil dich, Hoa!«, drängte sie ihre kleine Schwester, die im Bug saß. Es blieb nicht viel Zeit. Sie hörte schon die Motoren. Für einen Moment verdeckten diesige Schleierwolken den Mond. Hoa ließ sich in das seichte Wasser gleiten, die Hände am Boot festgekrallt.

»Los doch, los.« Sie flehte Hoa an. Mit Gewalt löste sie ihre Finger, damit sie endlich losschwamm. Einmal noch schaute Hoa zurück, ihre Blicke trafen sich, und sie hob kurz die Hand. Dann verschwand sie, und der Rumpf eines Motorbootes stieß auch schon unsanft gegen den Sampan.

Gefesselt und blutend kam sie in einem Raum wieder zu sich. Durch eine Luke drang milchiges Licht. Sie lag auf dem Rücken. Warme Luft strich ihr über die Haut. Trotzdem fror sie. Den Versuch, sich loszumachen, gab sie schnell auf. Jede Bewegung schmerzte. Die Fesseln hatten sich tief in ihre Gelenke geschnitten. Sie lauschte angestrengt. Doch da war nichts. Nur ihr eigenes Wimmern, wie von einem sterbenden Tier.

Sie schloss die Augen. Ihre Gedanken huschten zu ihrer kleinen Schwester. Sie hatte ihr versprochen, dass alles gut werde. Die Vorstellung, was mit ihr passieren könnte, quälte sie.

Wie hatte alles angefangen? Sie selbst war so jung gewesen. Sie hatte fest daran geglaubt, die Welt gehöre ihr. Bis zu dieser einen Nacht. Es war die Nacht, in der sie ihre Schulden bezahlen musste. Der scheußliche Geschmack klebte noch immer in ihrem Mund, und das Zeichen brannte auf ihrem Rücken, obwohl die Wunde längst verheilt war. Niemand hatte ihr geholfen. Die anderen Schiffer hatten einfach nur zugeschaut, eingeschüchtert von ein paar Kerlen mit finsteren Gesichtern und dieser Mischung aus Angeberei und Dummheit, die sie erzittern ließ. Feiglinge. Wie sie sie dafür hasste.

»Wo ist deine Schwester?«, fragte er, leise, fast freundlich. Sie presste ihre Lippen zusammen.

Die Ohrfeige landete hart auf ihrer Wange, ihr Nacken haute zurück. Er schnaubte, packte sie am Arm, drückte sie bäuchlings auf die Matte, riss ihren Kopf an den Haaren zurück und zwang sie, ihn anzuschauen. Schmerz durchfuhr sie. Nicht an einem bestimmten Punkt. Überall.

»Wo ist sie?« Jetzt brüllte er.

Sie blendete den Ton seiner Stimme aus, sah nur noch, dass sein Mund auf- und zuschnappte, sein Gesicht eine böse Grimasse.

Immer tiefer bohrten sich die Fesseln in ihr Fleisch. Sie spürte das warme Blut auf der Haut und hörte ein Klacken. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Es hämmerte in ihren Ohren. Schrei, schrie es in ihr. Doch es kam kein Wort aus ihr heraus. Sie drückte die Lider fest zusammen und rief das Gesicht ihrer Schwester herbei, aber es verschwand immer wieder, wie in einem Nebel. Sie wusste, was kommen würde. Sie spürte keinen Schmerz, sie hatte nur noch Angst.

*

Schon von Weitem sah er die Festfahnen. Es war der fünfzehnte Tag des Mondmonats. Die Menschen pilgerten zu den Altären. Daran hatte er nicht gedacht. Er würde kaum bis zum Tatort im Tempelhof durchkommen. Kommissar Pham Van Ly parkte seine Vespa ein gutes Stück oberhalb der Tempelanlage und ging zu Fuß weiter.

Es surrte und brummte wie in einem Termitenhügel. Und es roch nach Öl und Grillfleisch. Er kaufte eine Tüte banh tom, frittierte Garnelen in einem Teig aus Süßkartoffeln. Sie waren heiß und knackten zwischen den Zähnen.

Ly ließ sich von der Menge schieben. Von hinten stieß ihn etwas in den Rücken, ohne dass er ausmachen konnte, was oder wer es gewesen war.

Obwohl es noch früh war, brannte die Sonne. Er näherte sich dem Tay-Ho-Tempel mit seinen ausladenden, an den Ecken aufgeschwungenen Dächern. An Tischen am Straßenrand arrangierten Pilger ihre Opfergaben auf runden Aluminiumtabletts: Klebreis, Mangos, Betelnüsse, Coladosen, Schnapsflaschen, gekochte Hühner und Geldscheine, vietnamesische Dong und amerikanische Dollar. Geschenke für die Gunst aus der spirituellen Welt. Wie im Geschäftsleben galt auch hier die Devise, dass ein anständiger Profit zunächst einmal eine vernünftige Investition erfordert. Und auch Ly wollte nicht mit leeren Händen kommen. Er hielt sich nicht für gläubig, aber man wusste ja nie. Er steuerte auf einen der vielen Verkaufsstände mit Opfergaben zu. Der Schlag in die Nieren kam vollkommen überraschend und nahm ihm den Atem. Ein zweiter Schlag traf ihn zwischen die Rippen, seine Beine sackten weg.

Als sein Blick wieder klar wurde, lag er auf dem Boden und schaute in die farblosen Pupillen eines Blinden. Niemand außer diesem einen Mann war stehen geblieben, alle anderen gingen unbeirrt an ihm vorbei. Langsam drangen die Worte des Blinden zu ihm durch. »… wachsam. Wenn das Licht schlecht ist, vermag sich auch ein böser als guter Geist zu tarnen.« Ly schüttelte den Kopf. Ein Wahrsager. Ly wollte nichts über seine Zukunft hören. Er tastete seine Hose ab, das Mobiltelefon war noch da, aber sein Geld fehlte. Er rappelte sich auf, ohne nach der Hand zu greifen, die ihm der Mann anbot, und entfernte sich hastig.

*

Am Tatort war nur die Kreidezeichnung geblieben. Daneben hatte jemand eine Vase mit weißen Lotusblumen und eine Keramikschale mit Räucherstäbchen gestellt. Es sah aus wie auf einem Opferaltar. Auch bei der Leiche hatten Lotusblumen gelegen. War der Mörder zurückgekehrt? Die Räucherstäbchen glimmten noch, und der Rauch kräuselte sich in der heißen Luft. Kommissar Ly schaute sich suchend um, sah aber unter den vielen Menschen niemanden, der ihm besonders ins Auge fiel.

Vom Wasser her hörte er ein Plätschern. Der Tempelhof grenzte direkt an den Westsee. Ly ging zu der niedrigen Mauer, die das Ufer säumte, und schaute, wo das Geräusch herkam. Er sah nichts als einen krummen Bambussteg, der einige Meter in den See hineinragte. Das Sonnenlicht blitzte auf dem Wasser. Über der Innenstadt am südlichen Ufer hing ein grauer Dunst. Ly setzte sich, den Blick wieder auf den Tatort gerichtet. Vor seinem inneren Auge spulten sich die Bilder der vergangenen Nacht noch einmal ab.

Es war etwa drei Uhr gewesen, als der Anruf bei ihm eingegangen war. Zwanzig Minuten später fuhr er durch das Tempeltor. Der beißende Geruch abgebrannter Räucherstäbchen hing in der Luft. Eine Ratte schrie.

Etwas am Rand, neben einem kleinen gemauerten Altar, standen mehrere Leute zusammen. Sie tuschelten, irgendjemand weinte leise. Dennoch lag eine seltsame, tödliche Ruhe wie eine Glocke über ihnen.

Ein uniformierter Beamter kam auf Ly zu. Seine Bewegungen wirkten wie in Zeitlupe. Die Schultern hatte er weit nach oben gezogen. Sein Gesicht war fahl, und er hatte noch die pickelige Haut eines Pubertierenden. Ein säuerlicher Geruch ging von ihm aus. Mit einer vagen Kinnbewegung wies er in Richtung Ufermauer, ohne Anstalten zu machen, Ly zum Tatort zu begleiten. Ly ließ ihn. Dieser Junge würde ihm sowieso keine Hilfe sein.

Ly ertastete sich seinen Weg zwischen den Luftwurzeln des uralten Banyans hindurch. Dick wie Baumstämme spannten sich die Luftwurzeln in einem dichten Netz über den Platz. Er stolperte über einen herumliegenden Gegenstand und spürte trockene Rinde unter seinen Fingern. Und dann etwas Weiches. Er zuckte zurück. Ihr Gesicht war genau vor ihm. Sie starrte ihn an, leblos und doch wütend, voller Verachtung. Ihm wurde schwindelig, er schloss die Augen, drückte die Handflächen fest gegen seine Schläfen, schüttelte heftig den Kopf und murmelte ein »lay troi lay dat«. Seine hilflose Beschwörungsformel, um die bösen Geister zu vertreiben.

Dann zwang er sich, die Tote genauer anzuschauen. Er ließ den winzigen Lichtstrahl seines Feuerzeugs über sie gleiten, sah diffuse Ausschnitte. Verzerrt und gelblich schimmernd. Ly ahnte die Kraft des Mörders und seine Gewalt. Überall war Blut. Die Tote war an die Luftwurzeln gefesselt, mit einem dünnen Seil, die Füße knapp über dem Boden. Unter ihren Füßen lagen rot verfärbte Lotusblumen. Abgebrannte Räucherstäbchen steckten im Boden. Ihr Gesicht war zertrümmert, die Kehle aufgeschlitzt. Ihr Körper war seltsam verbogen. Die lange, dunkle Stoffhose hing schief wie bei einer misshandelten Puppe an ihr herunter. Die Bluse war zerrissen und gab den Blick frei auf nackte Haut. Ihre Brust war klein, die Tote war fast noch ein Kind. Ly merkte, wie ihn seine professionelle Fassade verließ, seine Knie weich wurden. Schnell wandte er sich ab.

Der junge Beamte stand immer noch regungslos an derselben Stelle.

»Wer hat den Notruf geschaltet?«, fragte Ly ihn.

Der Polizist schüttelte den Kopf und schaute zu Boden. Ly verkniff sich einen Kommentar.

»Was ist passiert? Wir wohnen hier. Wir wollen wissen, was passiert ist«, hörte Ly eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um. Etwa zwanzig Leute standen da. Er konnte nicht sagen, wer gesprochen hatte.

»Das hoffe ich von Ihnen zu erfahren«, sagte Ly. »Wer hat die Leiche gefunden? Wer von Ihnen hat die Polizei verständigt?«

»Ich war das.« Ein Teenager, mit zu langen Armen für den noch kindlichen Körper, trat aus dem Schutz des Banyans auf Ly zu. Er hatte etwas abseits gestanden. Ly war sich sicher, ihn schon einmal gesehen zu haben, konnte ihn allerdings nicht zuordnen. Vielleicht war er ein Freund seiner Tochter? Das Alter käme hin. 16, höchstens 18 Jahre alt. Die Anwohner sahen ihn aus dumpfen Augen an, fast feindlich.

»Ich war das«, wiederholte der Junge mit fester Stimme. Er machte ganz und gar nicht den Eindruck, unter Schock zu stehen.

»Was hast du hier am Tempel gemacht? Mitten in der Nacht.« Es klang wie ein Vorwurf, und sofort ärgerte Ly sich über sich selbst. Langsam sollte er doch gelernt haben, dass Maßregelungen ihn nicht weiterbrachten, schon gar nicht bei Jugendlichen. Der Junge schien ihm seine Ermahnung allerdings nicht weiter übelzunehmen.

»Ich komm oft hierher. Ist schön einsam. Zu Hause ist es eng. Nur ein Zimmer für alle. Sie wissen schon.«

Ly verstand genau, was er meinte.

»Wie heißt du?«

»Tran Van Cuong.«

»Ach, du bist der Sohn des Sargbauers.« Daher kannte er ihn also. »Erzähl bitte genau, was passiert ist. Lass dir ruhig Zeit.«

»Ich bin mit dem Roller gekommen. Es war so gegen drei. Oder früher.« Er stockte, setzte dann wieder an. »Sie war schon tot.«

»Wieso bist du dir da so sicher?«

»Keine Ahnung. Sie war warm. Aber auch kalt.«

»Du hast sie angefasst?«

»Sollte ich das nicht?«

Es irritierte Ly. Wer fasst eine Tote einfach so an? »Von wo hast du die Polizei angerufen?«

»Mit meinem Handy.«

»Ist dir was aufgefallen? Vielleicht hast du was gehört?«

Cuong schüttelte den Kopf und hielt Ly einen MP3-Player hin, nicht größer als ein Knopf.

Ly nahm die dazugehörigen Ohrhörer. Sie schlossen dicht mit dem Gehörgang ab. »Stell mal an. In der Lautstärke, in der du gehört hast.«

Cuong schaltete das Gerät ein. Sofort riss Ly sich die Stöpsel aus den Ohren. Der Junge hätte keinen Panzer anrollen gehört.

»Cola! 7 Up!« Die Stimme holte Ly zurück in die Gegenwart. Die Hitze war mittlerweile unerträglich geworden. Sein Hemd klebte nass auf seinem Rücken. Gerne hätte er dem fliegenden Händler ein Getränk abgekauft. Aber er hatte sich ja sein Geld klauen lassen. Er zog seine letzte Zigarette aus der goldenen Vinataba-Packung, zündete sie an und sog den Rauch tief ein. Verdammt, warum musste gerade er die Ermittlung leiten? Er mochte ja mit seinen Mitte vierzig ein ganz erfahrener Polizist sein. Aber er wusste, er würde in diesem Fall unfähig sein, mit Distanz an die Sache heranzugehen. Die Tote war kaum älter als seine Tochter.

Ly stand auf und fragte sich zum Haus des Straßenwarts durch. Diese Hilfssheriffs nahm er immer gerne in Anspruch. Sie wussten, was in der Nachbarschaft los war.

Der Mann hieß Vu Van Oanh und wohnte gleich neben dem Tempeleingang. Vor seinem Haus, einer einstöckigen Backsteinhütte, wie man sie kaum noch fand in Hanoi, saßen fünf Männer in gestreiften Schlafanzügen. Die Einheitstracht der alten Herren. Vor sich eine halbleere Flasche Kräuterschnaps.

Ly hatte sich gerade vorgestellt, als ihn von der Seite eine Hand am Unterarm packte. Für den Bruchteil einer Sekunde erwartete er den nächsten Schlag. Dann sah er, dass es nur eine alte Frau war, die ihn festhielt, und er wunderte sich über ihren eisernen Griff. Sie war winzig und ihr Gesicht knittrig wie Pergament.

»Militärs, es waren Militärs, ich habe ihren Wagen gehört«, raunte sie ihm zu.

Ein junger Mann trat hinter sie und sagte sanft: »Komm, Großmutter. Komm rein.«

Ly zog seine Hand aus ihrer Umklammerung, und der Enkel hakte sich bei der Frau ein und führte sie in einen Hauseingang. Er drehte sich noch einmal um und sagte zu Ly: »Entschuldigen Sie. Meine Großmutter ist verwirrt. Sie lebt in der Vergangenheit.«

Ly schaute ihr hinterher und hörte sie noch mehrmals diesen einen Satz wiederholen. »Militärs, es waren Militärs, ich habe ihren Wagen gehört.«

Als er sich wieder dem Tisch zuwandte, stand einer der Männer auf und streckte ihm steif eine Hand entgegen.

»Herr Vu Van Oanh?« Ly war erleichtert zu sehen, dass sein Gesicht nicht gerötet war. Er trank als einziger Tee.

»Können wir irgendwo in Ruhe reden? Am Wasser?«

Der alte Mann deutete sein Nicken nur an und ging schweigend und mit schlurfenden Schritten voran, den Rücken weit nach vorne gebeugt.

»Herr Vu, Sie wissen, dass gestern im Tempelhof eine tote Frau aufgefunden wurde. Ich würde mich gerne mit Ihnen über diese Frau unterhalten.«

Der Mann schwieg. Seine Augen waren auf nichts Bestimmtes fokussiert. Ly wusste aus Erfahrung, dass man sich mit Menschen seiner Generation besonders viel Zeit nehmen musste. Direkte Fragen mochten sie nicht. Ihr Misstrauen gegen einen Staat, der alles überwacht, reglementiert und jedes Vergehen hart bestraft, saß tief.

»Herr Vu, Sie sind der Straßenwart hier. Sie wissen doch, was die Leute so reden. Kannte vielleicht irgendjemand die Tote?«

Ly war sich sicher, dass die Anwohner, die er in der Nacht zuvor am Tatort angetroffen hatte, sich alle die Leiche angeschaut hatten, bevor er eingetroffen war.

»Herr Vu, bitte, ich brauche Ihre Hilfe.«

Neben ihnen fachte jemand mit Schnaps ein Opferfeuer an und fütterte es mit falschen Geldscheinen. Per Rauchpost ab in den Himmel.

Herr Vus Blick haftete weiter im Nichts.

Ly wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er wartete einen Moment, dann sprach er ihn erneut an. Immer noch kam keine Antwort. Es war zwecklos. Der Alte war zu stur, oder vielleicht war er auch einfach senil.

Mit zwei Händen, wie es die Höflichkeit einem Älteren gegenüber gebot, reichte Ly ihm seine Visitenkarte. »Herr Vu, falls Ihnen noch etwas einfallen sollte, rufen Sie mich an.« Doch Herr Vu griff nicht einmal nach der Karte. Ly seufzte und hatte sich schon abgewandt, da begann Herr Vu zu reden.

»Die Fallschirmjäger hatten uns ins Kreuzfeuer genommen. Das war in Nam Dinh. Wir lagen in den Feldern am Kanal, Soldaten, Bauern, Frauen, Kinder, die Alten. Auf dem Wasser trieben bäuchlings und rücklings Leichen, verkohlte und aufgequollene Kadaver. Der Tod war überall, er kam namenlos, schwemmte die Menschen einfach weg. Ich erhielt den Befehl durch mein Funkgerät. Ich sollte den Kanal überqueren. Es gab kein Boot, also schwamm ich. Doch ich blieb stecken, zwischen den Leichen, den Leichen von Frauen und Kindern. Wie eine Brücke lagen sie da. Und ich benutzte sie, ich trat auf die Toten, fühlte das weiche, aufgedunsene Fleisch unter den dünnen Sohlen meiner Schuhe. Ich fühle es noch immer. Bei jedem Schritt, den ich mache. Und da sah ich sie. Sie starrte mich an. Ihr Kopf ragte aus dem Wasser, grau wie Baumrinde. Ganz langsam trieb sie an mir vorbei, gleich einer Boje. Und sie sah mich an. Es vergeht keine Nacht, dass sie mich nicht aufweckt. Ich werde ihren Blick nicht los.«

Ly wusste nicht, was er sagen sollte. Er war es nicht gewohnt, dass jemand vom Krieg erzählte. Nicht auf diese Weise. Krieg war noch immer eine Welt der Helden. Er betrachtete Vus Gesicht. Seine Augen waren eingezwängt zwischen tiefen Falten, so als habe er sie ein Leben lang zusammengekniffen. Misstrauisch oder einfach wegen der Sonne. Vermutlich beides.

»Keine Angst, nur Verzweiflung. Und Wut. Sie hatten denselben Ausdruck wie die Augen der Toten, die sie heute Morgen hier aus dem Hof getragen haben. Denselben Ausdruck. Was hat der Frieden für einen Sinn, wenn wir nicht anständig leben?« Den letzten Satz sagte er voller Bitterkeit. Ly hatte das Gefühl, der alte Mann wollte noch etwas sagen. Doch dann schüttelte er nur den Kopf.

Sie gingen zum Tempel hinüber. Herr Vu schob Ly vor sich her in den ersten Altarraum. Nach der Sonne draußen war es hier so düster, dass Ly nichts sehen konnte. Die Luft war dick von Staub und Weihrauch und erfüllt von Wispern und leierndem Gesumm. Nur langsam gewöhnten sich Lys Augen an das Dunkel. Vor den Altären standen Gläubige und beteten, sich hin und her wiegend, die Handflächen flach aneinandergepresst und in sich gekehrt. Andere hasteten umher und stellten vor den Altären ihre Tabletts mit Opfergaben ab. Der Kult der Lieu Hanh, die im Tay-Ho-Tempel verehrt wurde, war dem Taoismus zugeordnet.

Wie in den meisten Familien wurde auch bei Ly zu Hause seit eh und je die Verschmelzung von Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus praktiziert. Ly hatte dabei die taoistische Seite immer für den persönlichsten und am meisten Trost spendenden Glauben gehalten. Magie, Geisterbeschwörungen und die Verwendung von Amuletten und anderen Glücksbringern standen im Vordergrund.

Am Morgen hatte Ly noch schnell seine Mutter, die wohl wie die meisten alten Frauen eine Expertin in religiösen Dingen war, über die Gottheit Lieu Hanh befragt.

Die Prinzessin Quynh Hoa war die Tochter des Jadekaisers, des Herrschers über den Himmel. Nachdem sie eine wertvolle Jadeschale ihres Vaters zerbrochen hatte, wurde sie zur Strafe für einige Zeit auf die Erde geschickt. Sie wurde in der Person der Lieu Hanh geboren. Nach 21 Jahren war ihre Verbannung beendet, und sie starb. Zurück im Himmel konnte sie ihr Leben auf Erden aber nicht vergessen. Immer wieder stieg sie hinab, half guten Menschen und bestrafte die Bösen.

Der unbekannten Toten hat sie nicht beigestanden, dachte Ly.

Der Alte zog ihn zu sich heran, sein Mund war ganz nah vor Lys Ohr. »Man munkelt, Lieu Hanh habe während ihrer kurzen Zeit auf Erden mit ihrem Körper Geld verdient. Deshalb soll sie ermordet worden sein. Ertränkt im Fluss.«

Dieser Teil der Geschichte war Ly neu. »Glauben Sie, die Tote war eine Prostituierte?«, fragte er.

Fahrig rieb Herr Vu die Handflächen aneinander. Das Thema bereitete ihm eindeutig Unbehagen. »Es kommen auf jeden Fall viele hierher. Leidensgenossinnen der Lieu Hanh erhoffen sich da wohl besondere Zuwendung.«

»Haben Sie die Tote zuvor schon einmal hier im Tempel gesehen?«

»Wie soll ich das wissen? Ihr Gesicht war ja vollkommen entstellt. Aber ihre Augen. Nein, ich glaube nicht.«

*

Das Polizeipräsidium lag nahe dem Hauptbahnhof in der Tran-Hung-Dao, einer mit alten Pancovier-Bäumen gesäumten Allee. Es war ein zweistöckiger Bau aus der französischen Kolonialzeit, bernsteinfarben getüncht, mit bodentiefen Fenstern und grünen Lamellenjalousien. Die großen Flügeltüren zum Foyer, in dem, umgeben von immer frischen Blumengestecken, die Büste Ho Chi Minhs stand, waren zur Straße hin weit geöffnet. Abends wurde die Büste angestrahlt.

Lys Büro lag im zweiten Stock mit Ausblick auf die Königspalmen im Hinterhof. Es war ein großer Raum mit kahlen, türkisgrünen Wänden. Es gab einen Schreibtisch, zwei Stühle, eine Sitzgarnitur aus schwarzem Kunstleder, einen Deckenventilator.

Ly ließ sich in den Sessel sinken, streckte die Beine von sich, rauchte und beobachtete das ziellose Kreisen der Fische. Das Aquarium war das einzig Persönliche im Raum. Winzige lachsrote Regenbogenfische umschwärmten ein steinernes Pagodentürmchen. Der Zebrawels wühlte sich durch den Kieselboden. Ly mochte Fische. Er mochte alles, was keinen Lärm machte.

In Gedanken legte er sich den Vorgang der Ermittlungen zurecht. Die üblichen Fragen gingen ihm durch den Kopf. Routine.

Er ging den Ordner mit den Vermisstenmeldungen durch, fand darin aber trotz konzentrierter Arbeit niemanden, der dem Mädchen, das er in der Nacht im Tempelhof gesehen hatte, ähnelte. Er würde eine Fahndungsmeldung herausgeben und eine Meldung für die Presse.

Es klopfte, und eine mollige Polizistin in grasgrüner Uniform, die an den Oberschenkeln spannte, brachte ihm den vorläufigen Bericht der Spurensicherung. Ly wunderte sich, dass es so schnell gegangen war. Er überflog die Unterlagen. Es gab am Tatort weder Kampf- noch Schleifspuren. Abdrücke von Schuhen waren viele vorhanden, zu viele, als dass damit etwas anzufangen war. Unweit der Toten hatte ein Messer gelegen, vermutlich die Tatwaffe, Genaueres mussten die Gerichtsmediziner abklären. Es war ein handelsübliches Küchenmesser, wie es in den Dörfern hergestellt wurde, mit breiter Klinge und einfachem Holzgriff. Ebenso unergiebig würden die Lotusblumen sein, die bei der Toten gelegen hatten. Dieses Jahr hatte die Lotusblüte sehr früh begonnen, und die Blumen wurden bereits an jeder Straßenecke verkauft.

Es hatte fast den Anschein, als sei der Mörder peinlich darauf bedacht gewesen, keine Spuren zu hinterlassen. Wenn da nicht die Zigarettenkippen der Marke 555 gewesen wären. Auf ihnen befanden sich Fingerabdrücke. Allerdings stimmten sie mit keinen aus der vorhandenen Datenbank bekannter Krimineller überein.

*

Ly erkannte Lan schon von Weitem am Klacken ihrer hochhackigen Schuhe. Seit zwei Jahren war sie nun seine Assistentin. Er hatte sie anfangs nicht ganz ernstgenommen. Wenn er daran dachte, war es ihm immer noch peinlich. Keiner ihrer männlichen Vorgänger hatte auch nur annähernd so gut gearbeitet wie sie. Lan kam im Handumdrehen an jede erdenkliche Information heran. Sie war vertraut mit den Strukturen des Parteiapparats und hielt Ly bei allem, was die ihm so verhasste Bürokratie betraf, den Rücken frei. Und sie hatte die Überzeugung, dass die Arbeit, die sie machte, wichtig war. Eine Einstellung, die er teilte, meistens zumindest.

»Meine Güte, mieft es hier«, erklärte sie ohne höfliche Umschweife, sobald sie Lys Zimmer betreten hatte, und riss die Fenster auf. Ly hinderte sie nicht daran. Sie machte ja doch, was sie wollte. Kein Wunder, dass sie noch keinen Ehemann abbekommen hatte. Und dabei war sie fast 30.

Eine diffuse Geräuschkulisse drang herein. Hupen, Rufe, quietschende Reifen und der hohe Singsang des Brotverkäufers. »Banh mi nong hoi day, banh mi nong.«

Lans weiße Bluse klebte vom Schweiß durchsichtig auf ihrer Haut, ein Spitzen-BH schimmerte hindurch. Als sie Lys Blick bemerkte, legte sie den Kopf schief, wobei sie die Brauen hochzog. Ly hatte das als Ausdruck stiller Kritik zu deuten gelernt.

»Hast du was herausgefunden?«, fragte er, um schnell abzulenken.

Sie hatte die Befragung der Anwohner draußen am Tempel übernommen. Viele konnten es nicht gewesen sein. Die Gegend war noch nicht sehr eng bebaut.

»Wie immer, die Leute sind nicht besonders gesprächig«, sagte sie.

Manchmal hatte Ly das Gefühl, die Hanoier deckten lieber einen Mörder, als der Polizei zu helfen.

»Aber vielleicht haben wir doch was«, fügte Lan hinzu. »Ein Anwohner sagt, gegen halb zwei sei ein Wagen an seinem Haus vorbeigefahren.«

»Na toll. Bei mir fahren die ganze Nacht Autos am Haus vorbei.«

»Das Haus liegt an der Uferpromenade, die sie gerade neu bauen. Ein paar hundert Meter vom Tempel entfernt.«

»Und?« Ly war immer noch nicht klar, warum das so wichtig sein sollte.

»Was und? Die Straße ist noch nicht fertig. Der Wagen ist also direkt durch die Baustelle gedonnert. Schon komisch, oder? Das Kennzeichen sei eine Hanoier Nummer gewesen, die mit 29 – AH anfing.«

»Das konnte der Zeuge in der Dunkelheit erkennen?«

»Anscheinend. Es ist Vollmond. Es war übrigens ein russischer Jeep. Marke UAZ. Und braungrün wie fast alle diese alten Jeeps.«

Lys Interesse war geweckt. Er dachte an die alte Frau mit ihrem Gerede vom Militär. Diese russischen UAZs waren über Jahre die Standardwagen der Militärs gewesen. Konnte es sein, dass der Jeep bis zum Tempel gefahren war? Egal wie verwirrt die alte Frau war, das Geräusch eines Militärfahrzeugs erkannte sie womöglich immer noch.

»Schick das Kennzeichen an die Zulassungsbehörde. Ich will eine Liste aller Wagen, die in Frage kommen.« Während er noch sprach, klingelte das Telefon.

Lan griff nach dem Hörer. »Ja … Ja … Natürlich. Das richte ich ihm aus.« Nachdem sie aufgelegt hatte, teilte sie Ly mit, dass für 15 Uhr eine Sondersitzung einberufen worden war. Ein mit tinh. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

»Und wenn ich dir einen Rat geben darf«, fügte Lan mit einem Lächeln hinzu, »steck dein Hemd in die Hose, sonst regt der Chef sich nur auf.«

»Am besten zieh ich gleich die Uniform an, was?«, sagte Ly.

*

Die Sitzung sollte im Konferenzsaal Nummer drei des Präsidiums stattfinden, einem Raum, dessen Wände mit schweren roten Samttüchern verhangen waren. Eine Gipsbüste Ho Chi Minhs stand auf einem Sockel aus goldfarbenem Plastik, darüber hing ein rotes Spruchband: »Die Kommunistische Partei Vietnams auf ewig ruhmreich«.

In den Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden krochen, tanzte der Staub. Ly schaltete das Licht ein und setzte sich auf einen der Holzstühle, die um den langen Tisch standen.

Während er wartete, überflog er seine wenigen Notizen, die er sich schnell gemacht hatte. Er wollte, dass seine Darstellung schlüssig und prägnant war, auch wenn es noch nicht viel zu sagen gab.

Um kurz vor drei füllte sich der Raum. Ly stopfte sich nun doch schnell sein Hemd in die Hose.

Tang Van Xuan, Leiter der Abteilung für Wasserschutz, setzte sich neben ihn. Xuan war klein und stämmig. Doch trotz seiner 50 Jahre hatte er immer noch etwas Jungenhaftes. Meist umspielte ein Lächeln seinen Mund, und es sah dann immer so aus, als hecke er gerade einen Streich aus. Er war ein hervorragender Bootsführer. Seinen großen Einsatz hatte er in den Sommermonaten, wenn während der Regenzeit der Rote Fluss anstieg und über die Ufer trat. Während dieser Krisenzeit waren er und seine Mannschaft 24 Stunden am Tag draußen. Den Rest des Jahres allerdings war er nicht allzu oft auf seiner offiziellen Arbeitsstelle anzutreffen. In dieser Zeit kümmerte er sich mehr um ein Internetcafé und ein Minihotel, die er in der Altstadt betrieb. Der Parteikommissar erhob keinen größeren Einwand, was ab und an die Missgunst einiger Kollegen heraufbeschwor.

Als Einziger der leitenden Kommissare stammte Xuan nicht aus Hanoi, sondern, wie sein derber Dialekt sofort verriet, aus der knapp 300 Kilometer südlich von Hanoi gelegenen Provinz Nghe An. Er war verwitwet und hatte einen Sohn, der, soweit Ly wusste, bei den Großeltern auf dem Land lebte.

Ly gegenüber saß Le Duy Ngoc. Er stand seit drei Jahren der Abteilung zur Überprüfung von Moral und Tugend vor, kurz Sittenpolizei. Seine Aufgabe war vor allem die Eindämmung der Prostitution, die illegal, aber weit verbreitet war. Vorher hatte er lange im Süden Vietnams gearbeitet, wo er in eine Sondereinheit im Kampf gegen organisierte Kriminalität eingebunden gewesen war.

Ngoc war ein großer eleganter Mann mit kantigen Gesichtszügen, die Haare immer glatt gegelt. Seine Nase war ungewöhnlich groß für einen Vietnamesen. »Koloniales Erbgut«, sagte Ngoc gerne dazu, nicht ohne einen gewissen Stolz. Ngoc war nur einen Tag älter als Ly und hatte die Anrede »anh«, älterer Bruder, eigentlich nicht verdient. Die beiden kannten sich schon seit ihrer Schulzeit, Freunde waren sie allerdings nie geworden. Zwar war aus dem Raufbold von damals ein Frauenheld und Lebemann geworden, doch das machte es für Ly nicht besser. Umso weniger, als Ngoc vor einem Jahr seine jüngste Schwester Tam geheiratet hatte. Jetzt waren sie auch noch Familie.

Do Van Dang von der Spurensicherung war nicht anwesend, ebenso wenig Dr. Quang, der Chef der Gerichtsmedizin, was Ly bedauerte. Er hatte gehofft, von ihm schon etwas über die Obduktion zu erfahren.

Am Kopf des Tisches saß Bui Van Hung, Lys direkter Vorgesetzter und auch der aller anderen Anwesenden. Er war ein politisch Konservativer der alten Schule, mit seinen 79 Jahren der älteste Parteikommissar im Präsidium und der einzige Mensch, den Ly kannte, der seine Mitmenschen noch mit »Genosse« ansprach. Er hatte einen fast kränklichen Teint und schütteres graues Haar. Seine Augen verschwammen hinter den dicken Gläsern einer Hornbrille.

Bui Van Hung leitete die Sondersitzung und begann mit einer seiner üblichen Reden: »Marxismus-Leninismus hat für unsere vietnamesische Nation nicht nur im Kampf für die Unabhängigkeit und Freiheit den Weg geebnet, sondern auch für den Aufbau des Sozialismus, der Modernisierung und der Industrialisierung. Die Errungenschaften von Doi Moi beweisen den Wert und die Lebendigkeit des Marxismus-Leninismus …« Ly schielte alle paar Minuten auf die Uhr. Er hatte das Gefühl zu ersticken. Er hatte wirklich Besseres zu tun, als sich diese leeren Floskeln anzuhören. Auch die anderen rutschten auf ihren unbequemen Stühlen hin und her. Während der Parteikommissar monologisierte, ging eine interne Arbeitsanweisung herum. »Um das neue moderne Image Vietnams zu verkörpern und das Vertrauen der Bevölkerung zu stärken, müssen alle Polizeibeamten sich besser kleiden und besser benehmen. Sie müssen saubere Uniformen tragen und keine Sonnenbrillen …« Schwachsinn, dachte Ly. Das Misstrauen der Bevölkerung hatte doch nichts mit so schlichten Äußerlichkeiten zu tun.

Der Parteikommissar kam nun zum eigentlichen Thema. Es ging um die Kampagne für Ruhe und Ordnung. Ly merkte, wie Wut in ihm hochstieg. Der Mord würde wieder ganz zum Schluss angesprochen werden. Was war schon ein totes Mädchen gegen den neuen Glanz der Hauptstadt? Seit einiger Zeit propagierten die Stadtväter ein zivilisiertes urbanes Hanoi. Handwerker sollten nicht mehr auf dem Gehweg arbeiten dürfen, Garküchen sich nicht im Freien ausbreiten. Die Leute sollten ihre Nudelsuppe gefälligst drinnen schlürfen. Und die fliegenden Händler konnten schauen, wo sie blieben. Sie durften keinesfalls das schöne Aussehen der Stadt und den Verkehr stören. Ly konnte sich ein Hanoi ohne das pulsierende Straßenleben nicht vorstellen. Die Stadt wäre dann nicht mehr als ein steriles Singapur. Oder es wäre wieder so wie zu Zeiten vor Doi Moi, als die Privatwirtschaft verboten war. Doch dahin wollte ja wohl niemand zurück.

»Ihre Aufgabe, Genossen, ist es aufzuräumen. Denken Sie an die vielen Besucher, die unsere Stadt besichtigen wollen.«

»Wenn ich etwas sagen darf, Parteikommissar Hung«, warf Xuan ein, »die Touristen finden das Chaos romantisch. Die stören sich eher an den vielen Autos.« Guter Einwurf, dachte Ly.

»Wie bitte?« Die Stimme des Parteikommissars klang mit einem Mal wie ein Donnergrollen. Seine Augen blitzten. »Autos gehören zur Modernisierung unseres Landes. Sie sind ein Zeichen des Aufschwungs.«

Ly hätte fast laut aufgelacht. Natürlich fuhr auch der Parteikommissar einen dieser platzverschwenderischen Geländewagen, die kein Mensch in der Stadt brauchte.

»Ihre Aufgabe, Genossen, ist es, die Entscheidungen des Volkskomitees durchzusetzen«, fuhr der Parteikommissar fort. »Arbeiten Sie zusammen. Verabreden Sie Razzien sehr kurzfristig. Und erstatten Sie mir regelmäßig Bericht. Noch Fragen? Ansonsten beenden wir unsere Sitzung.«

Hatte der Alte den Mord vergessen? Oder interessierte er ihn nicht? Für einen Moment war Ly sprachlos, dann sagte er: »Parteikommissar Hung. Die Tote am Tempel.«

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