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Schwarze Schafe in Venedig

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Eins
  7. Zwei
  8. Drei
  9. Vier
  10. Fünf
  11. Sechs
  12. Sieben
  13. Acht
  14. Neun
  15. Zehn
  16. Elf
  17. Zwölf
  18. Dreizehn
  19. Vierzehn
  20. Fünfzehn
  21. Sechzehn
  22. Siebzehn
  23. Achtzehn
  24. Neunzehn
  25. Zwanzig
  26. Einundzwanzig
  27. Zweiundzwanzig
  28. Dreiundzwanzig
  29. Vierundzwanzig
  30. Fünfundzwanzig
  31. Sechsundzwanzig
  32. Siebenundzwanzig
  33. Achtundzwanzig
  34. Neunundzwanzig
  35. Dreißig
  36. Einunddreißig
  37. Zweiunddreißig
  38. Dreiunddreißig
  39. Vierunddreißig
  40. Fünfunddreißig
  41. Sechsunddreißig
  42. Siebenunddreißig
  43. Achtunddreißig
  44. Neununddreißig
  45. Vierzig
  46. Danksagung

Über den Autor

Chris Ewan, geboren 1976 in Taunton, England, studierte Amerikanistik in England und Kanada, bevor er eine Laufbahn als Jurist einschlug. Seine preisgekrönte Krimiserie um Meisterdieb Charlie Howard ist in zahlreiche Länder verkauft worden, unter anderem in die USA. Chris Ewan lebt auf der Isle of Man.

Eins

In meiner Wohnung war ein Einbrecher, und ausnahmsweise war ich es nicht.

Was ich deshalb so genau wusste, weil der Eindringling im Wohnzimmer herumpolterte und gegen Möbelstücke stolperte, während ich mehr der katzenhaft-leise Typ bin. Außerdem hatte ich kein Schloss mehr geknackt, keinen Fuß mehr in ein fremdes Zuhause gesetzt und mir nirgendwo mehr ungebeten Zutritt verschafft, seit ich vor beinahe einem Jahr nach Venedig gekommen war. Aber was noch wichtiger ist – und das war für mich eigentlich das ausschlaggebende Argument –, ich lag zu diesem Zeitpunkt gemütlich im Bett und machte mir gerade, es war zu nachtschlafender Zeit gegen zwei Uhr morgens, ein paar Notizen.

Wobei, streichen Sie das lieber. Ich möchte ganz ehrlich sein, also muss ich geradeheraus gestehen, dass ich nicht bloß ein Blatt Papier mit belanglosen Ideen vollkritzelte. Nein, ich zermarterte mir das Hirn, wie ich meinem neuesten Michael-Faulks-Krimi einen ganz besonderen Dreh geben und ihn zu etwas Außergewöhnlichem machen könnte; etwas, das mein Leben grundlegend verändern und meinen Durchbruch als Schriftsteller bedeuten würde. Leider war meine Konzentration nun empfindlich gestört, und der Grund dafür hörte sich verdächtig nach einem Einbruch an.

Hmm.

Schnell sprang ich in Boxershorts aus dem Bett und schlich zur Zimmertür. Vorsichtig spähte ich in den dunklen Flur, und tatsächlich, man konnte den Schein einer Taschenlampe ausmachen.

Für gewöhnlich ziehe ich es vor – nennen Sie mich ruhig hoffnungslos altmodisch –, Wohnungen und Häuser auszurauben, wenn deren Bewohner nicht zuhause sind. Meiner Erfahrung nach gestaltet sich die ganze Sache dadurch für beide Seiten wesentlich angenehmer, und die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, sinkt erheblich. Leider schien mein unerwarteter Besucher ganz anderer Meinung zu sein. Entweder das, oder er war ein Amateur und Stümper, aber woran es auch liegen mochte, ich war nicht besonders scharf darauf, ihn mit der Nase auf seine offensichtlichen Fehler zu stoßen. Andererseits legte ich aber auch keinen gesteigerten Wert darauf, tatenlos zuzusehen, wie er mir das Fell über die Ohren zog.

Also gut. Eine Schusswaffe hatte ich nicht und auch nichts, was als Attrappe herhalten könnte. In der Küche, gleich neben dem Wohnzimmer, lagen zwar jede Menge Messer, aber die Vorstellung, bedrohlich mit einer scharfen Klinge herumzufuchteln, war mir nicht ganz geheuer. Natürlich wäre es großartig, könnte ich den Eindringling damit so beeindrucken, dass er ganz weiche Knie bekäme, die Hände hoch nähme und sich brav und still ins Eckchen setzen und sich ergeben würde, während wir gemeinsam darauf warteten, dass die Jungs in azzurro mir zu Hilfe eilten. Aber mal angenommen, der Einbrecher würde sich auf mich stürzen und mir das Messer entreißen und es mir in einen weichen, fleischigen Teil des Körpers rammen, wo ich es lieber nicht hätte?

Der Strahl der Taschenlampe wanderte gemächlich durch mein Wohnzimmer, als fühlte sich der Taschenlampenträger vollkommen sicher und zweifelte nicht im Geringsten daran, alle Zeit der Welt zu haben. Schließlich fiel das Licht so auf die verglaste Zwischentür, dass ich beinahe die Umrisse von Mr. Naseweis ausmachen konnte. Wie ein menschenfressendes Ungeheuer sah er nicht unbedingt aus, aber schmächtig wirkte er auch nicht. Er schien eher ein hundsgewöhnlicher Durchschnittstyp zu sein, abgesehen davon, dass der durchschnittliche Venezianer für gewöhnlich nicht spätnachts in fremde Wohnungen einstieg – vor allem dann nicht, wenn die Tür der betreffenden Behausung von einem erfahrenen Dieb mit Qualitätsschlössern gesichert worden war.

Ich konnte mir ein kleines Lächeln im Dunkeln nicht verkneifen. Der Gedanke an die Tür hatte mich auf eine Idee gebracht. Nein, ich wollte nicht nach draußen laufen und die bewaffnete Bürgerwehr auf den Plan rufen – mir war bloß die Garderobe im Flur wieder eingefallen. Und der Regenschirm, der dort am Haken hing.

Der Regenschirm war ungefähr so lang wie mein Bein, mit schwarzem Stoff bespannt und mit einem stabilen Holzgriff versehen. Wenn ich den in die Finger bekäme, könnte ich ihn schwingen wie eine Keule oder damit zustoßen wie mit einem Schwert. Und wenn es hart auf hart kam, könnte ich dem Kerl das Ding in den Mund rammen und es in seiner Speiseröhre aufspannen.

Auf leisen Sohlen tappte ich in den Flur und schlich auf Zehenspitzen durch die Dunkelheit, aber die Mühe hätte ich mir sparen können. Mein Besucher machte beim Herumstiefeln im Wohnzimmer so viel Lärm, da hätte ich auch über ein Schlagzeug stolpern können, ohne dass er mich gehört hätte. Komisch, ich trug immer am liebsten Turnschuhe, wenn ich auf Beutezug war, aber dieser Scherzkeks hatte allem Anschein nach Steppschuhe an den Füßen.

Ich nahm den Regenschirm vom Haken. Er schien mir schwer genug, um damit einigen Schaden anzurichten, immer vorausgesetzt, ich müsste ihn tatsächlich einsetzen. Wobei ich mir da noch nicht so sicher war. Als Dieb konnte ich mich nur zu gut in seine (nicht gerade geräuschlose) Lage versetzen, weshalb ich mich dagegen sträubte, einfach so reinzuplatzen und ihn, ohne ihm Gelegenheit zur Gegenwehr zu geben, mittels einer Reihe gezielter unbarmherziger Schläge außer Gefecht zu setzen.

Ich wackelte mit den Schultern und ließ den Kopf kreisen und versuchte, meine angespannten Muskeln etwas zu lockern. Aber es nützte alles nichts. Mit dem Unterarm wischte ich mir den Angstschweiß von der Stirn und schaute auf meine bloßen Füße. Von Boxershorts und Regenschirm abgesehen war ich splitternackt. Das machte die Sache nicht gerade besser.

Das Licht der Taschenlampe hing am anderen Ende des Raums wie ein Nachtfalter an der Wand; genau dort, wo mein Schreibtisch stand. Und da war auch mein Laptop. Mit dem Arbeitsexemplar meines Romans. Der einzigen existierenden Version des Manuskripts.

Ich holte aus und trat die Flügeltür mit einem gezielten Tritt auf. Krachend wie ein zersplitternder Baumstamm flog sie auf, und ich stürzte mit hocherhobenem Regenschirm hinterher. Der Lichtstrahl der Taschenlampe traf mich direkt ins Auge, und ich blinzelte und schwankte, taumelte gegen die Wand und tastete fast blind nach dem Lichtschalter. Augenblicklich war der Raum taghell erleuchtet. Ich stellte mich breitbeinig in Positur und machte mich bereit, hart mit dem Schirm zuzuschlagen.

Aber da war niemand.

Meine Augen brannten und tränten von dem grellen elektrischen Licht. Ich kniff sie zusammen und linste zu meinem Schreibtisch. Der Laptop war noch da. Ich schwenkte nach links, und da sah ich ihn.

Sie.

Sie war blond. Sehr blond. Ein platinblondes Fräuleinwunder mit aufgemaltem rotem Lächeln auf den üppigen, vollen Lippen, blendend weißen Zähnen und wachen, strahlenden Augen. Sie stand da wie eine Provokation, fast so, als wolle sie sich über mich lustig machen. Die Schultern zurück und das Kinn gereckt stand sie rittlings über der Fensterbank, einen Fuß draußen aufs Fensterbrett gesetzt und den anderen in meinem Wohnzimmer. Lange Lederstiefel mit hohen Absätzen. Hautenge blaue Röhrenjeans und eine Lederjacke mit Reißverschluss. Um die Taille trug sie ein Klettergeschirr.

Viel zu langsam ging mir auf, was hier gerade los war.

»Wer zum Geier sind Sie?«, verlangte ich aufgebracht zu wissen.

Das Lächeln wurde noch breiter. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Was machen Sie hier?«

Die prallen Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund, dann hob sie den behandschuhten Zeigefinger und drückte ihn geheimnisvoll auf die Lippen. Mit offenem Mund starrte ich sie an und wusste nicht, was tun, und noch ehe mir etwas einfiel, klimperte sie mit den langen Wimpern, das linke Auge schloss sich zu einem neckischen Zwinkern, dann lehnte sie sich in einem eleganten Bogen schwungvoll zurück und ließ sich einfach aus dem Fenster fallen.

»Halt!«

Ich preschte durchs Zimmer, stützte mich mit den Händen auf dem zerbröckelnden Sims und steckte den Kopf hinaus in die neblige Nachtluft. Gerade noch erhaschte ich einen Blick auf das Licht der Taschenlampe, knapp oberhalb des nebelverschleierten Kanalwassers tief unten. Mit einer Hand hielt sie sich oben am Seil fest, an dem sie sich herabließ, die andere hatte sie unterhalb ihrer Kehrseite. Mit einem kurzen Blick nach unten vergewisserte sie sich, dass sie nahe genug über dem Boden war, ehe sie das Seil losließ und mit einem dumpfen Fupp auf dem Pflaster landete. Die triefend nasse Luft dämpfte das Geräusch des Aufpralls.

»Hey!«, brüllte ich. »Was zum Teufel! Stehen geblieben!«

Ungerührt ignorierte sie mein indigniertes Geschrei, zog das Seil aus dem Klettergeschirr, stieß das Boot ächzend vom moosüberwachsenen Ufer ab und griff nach dem Seilzug, um den Motor zu starten. Mit einem kehligen Stottern und einer blauen Dieselwolke sprang er an.

Hilflos zupfte ich an dem Seil, das vor meinem Fenster herunterbaumelte. Sie hatte es am Dach festgebunden, was den Schluss nahelegte, dass sie von oben eingestiegen war. Kurz überlegte ich, mich ebenfalls abzuseilen, um sie zu verfolgen – ein Gedankengang, der zwangsläufig ins Leere laufen musste –, während sie einfach Gas gab und unter einer niedrigen, geschwungenen Brücke hindurch in Richtung Lagune verschwand und ihre blonden Haare in der dunstigen Dunkelheit flimmerten wie eine flackernde Kerzenflamme. In Sekunden war sie fort, und zurück blieben nur das aufgewühlte Wasser, der durchdringende Dieselgestank und der verebbende Motorenlärm, der sich an den Wänden der windschiefen Häuser ringsum brach.

Widerwillig zog ich den Kopf zurück und schüttelte ihn etwas benommen, und als ich mich umdrehte, sah ich, wie Victoria, meine Freundin und Literaturagentin, gerade aus dem Gästezimmer kam und genau dasselbe tat. In gepunktetem Pyjama und flauschigen Hausschuhen kam sie hereingetappt, mit Haaren, die aussahen wie ein verunglücktes 80er-Jahre-Revival, und einem glänzenden Sabberfaden am Kinn.

»Charlie?« Ohne sich den Mund zuzuhalten, gähnte sie herzhaft. »Was ist denn hier für ein Radau?«

»Einbruch«, murmelte ich und rieb mir nachdenklich den Nacken.

»Lieber Himmel. Fehlt irgendwas?«

Wieder schaute ich etwas besorgt zu meinem Laptop, doch der stand nach wie vor auf dem Schreibtisch. Notizblöcke und Unterlagen lagen unangetastet daneben.

»Nichts«, sagte ich. Doch dann wanderte mein Blick zu der leeren Wand über dem Schreibtisch, und mir krampfte sich schmerzhaft das Herz zusammen, als mir aufging, dass ich etwas übersehen hatte. Und wie da etwas fehlte. Und stattdessen lag etwas anderes da.

Zwei

Man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, dass die meisten Schriftsteller abergläubisch sind. Ich habe schon von Autoren gehört, die unbedingt mit ihrem Lieblingsstift schreiben müssen oder nur eine ganz bestimmte Papiersorte verwenden, und andere können erst dann einen neuen Roman beginnen, wenn sie ein bestimmtes Initiationsritual hinter sich gebracht haben – wie einen Halbmarathon zum Beispiel oder Zehennägelschneiden oder eine Scheidung. Ich persönlich habe zwei Marotten, von denen ich weiß. Zum einen muss ich erst in eine neue Stadt ziehen, ehe ich ein neues Buch beginne, und zum anderen hängt beim Schreiben stets meine gerahmte Erstausgabe des Malteser Falken über meinem Schreibtisch.

Der Malteser Falke ist mein wertvollster Besitz. Er ist einen ordentlichen Batzen Geld wert – einen beinahe sechsstelligen Betrag, wenn man danach geht, was die letzte Erstausgabe bei einer Versteigerung gebracht hat –, was wohl auch erklärt, warum ich dieses Schätzchen in einem luftdichten Bilderrahmen verwahre. Viel wichtiger ist allerdings, dass ich noch nie etwas geschrieben habe, was zur Veröffentlichung geeignet gewesen wäre, ohne dass er über mich wachte. Ich habe es ein- oder zweimal versucht, um herauszufinden, ob ich den Bann brechen kann, musste aber jedes Mal einsehen, dass meine Einbrechergeschichten mir einfach nicht so locker flockig aus der Feder fließen wollen, wenn Sam Spade mir dabei nicht über die Schulter schaut. So verrückt es also klingen mag, Der Malteser Falke ist für mich so etwas wie ein Talisman geworden.

Und nun war er fort, und statt seiner lag da bloß ein kleines rotes Kärtchen.

»Was ist los?«, fragte Victoria. »Charlie?«

Ich konnte nicht antworten. Mehr als ein verzweifeltes Wimmern brachte ich nicht heraus, und dann taumelte ich hilflos auf die leere Stelle an der Wand zu, an der Hammetts Roman einst gehangen hatte.

»Verflixt noch mal, sag doch was.« Victoria schnippte mit den Fingern. »Was in drei Teufels Namen ist los?«

Worauf ich nur verzweifelt mit der Hand über die Blümchentapete fuhr, als hinge noch etwas vom Zauber des Buchs daran. Dann winselte ich noch ein bisschen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dabei meine Unterlippe zitterte.

»Ach herrje, Charlie«, seufzte Victoria. »Sag nicht, sie haben dein Exemplar des Malteser Falken mitgenommen.«

Ich schluckte etwas von der ungefähren Größe und Konsistenz eines Kricketballs herunter, dann fand ich meine Sprache wieder.

»Weg«, krächzte ich.

»Weg?«

Ich nickte.

»Du verdammter Idiot. Ich habe dir doch gleich gesagt, du sollst ihn lieber wegschließen.«

Nun muss ich zugeben, dass ich der felsenfesten Überzeugung bin, hätte jemand anders das gesagt, ich hätte den unwiderstehlichen Drang verspürt, den Betreffenden umstandslos aus dem Fenster und in das flache trübe Wasser darunter zu befördern. Da es aber Victoria war, die mir diese Vorhaltungen machte, ließ ich alles klaglos über mich ergehen und schicksalsergeben den Kopf hängen.

»Genau genommen«, fuhr sie fort, wie ein Zahnarzt, der einfach grundlos noch zwei weitere Löcher bohrt, »kann ich mich tatsächlich ganz genau daran erinnern, dich gewarnt zu haben, dass so etwas passieren könnte. Ich glaube, ich erwähnte sogar, gerade du müsstest dir doch der Risiken bewusst sein.«

An diesem Punkt, so muss ich zu meiner Schande gestehen, ließ meine Geduld dann doch ein klitzekleines bisschen zu wünschen übrig, und womöglich habe ich etwas nicht ganz so Nettes in meinen Bart gemurmelt.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Ich sagte: ›Würdest du bitte das Fenster zumachen?‹«

Victoria stemmte die Hände in die Hüften und funkelte mich misstrauisch an. Dann klopfte sie mit der Zehenspitze ihrer Hausschühchen auf den Boden.

»Es wird kalt«, meinte ich und zitterte ein bisschen, um meiner Aussage etwas Nachdruck zu verleihen.

»Das brauchst du mir nicht zu sagen.«

Argwöhnisch musterte sie mich von Kopf bis Fuß, worauf mir siedend heiß einfiel, wie wenig ich anhatte. Die Boxershorts und der Regenschirm bedeckten kaum meine Blöße. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Meine Arme bedeckten meine Blöße allerdings auch kaum.

»Ich ziehe mir lieber schnell was über.«

»Tu das.« Womit Victoria das Fenster zuschlug und den trostlosen Nebel aussperrte. »Ich setze derweil Wasser auf. Scheint, als gäbe es einiges zu überlegen.«

Es gab eine ganze Menge zu überlegen, wie sich schnell herausstellte. Zuerst grübelten wir, wer von meinem Hammett-Roman gewusst haben könnte. Dann zerbrachen wir uns den Kopf, wie wir die katzenhafte Fassadenkletterin identifizieren und aufspüren könnten. Am allermeisten allerdings beschäftigte uns das kleine rote Kärtchen, dass sie dagelassen hatte.

Es war ungefähr halb so groß wie ein Taschenbuch, und auf der einen Seite war ein aufgeschlagenes Buch zu sehen. Auf die Buchseiten war in schwarzer Schrift ein langer italienischer Text gedruckt. Mein Italienisch ist grauenhaft, aber mit vereinten Kräften und mit Hilfe eines ramponierten Wörterbuchs gelang es uns, einiges davon zu entziffern.

Demnach machte das Kärtchen Reklame für ein auf Buchbinderei und Restaurierung spezialisiertes Geschäft im Stadtteil San Marco. Die hohe Kunst der Buchbinderei und die Läden, die diese verkaufen, sind eine venezianische Spezialität. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, irgendwen um Hilfe bei der Konservierung meines Hammett-Romans gebeten zu haben, und es wäre doch ziemlich grotesk anzunehmen, der Laden habe mir einen Einbrecher ins Haus geschickt, um mitten in der Nacht mein Buch zur Restaurierung abholen zu lassen.

»Wirklich seltsam«, erklärte Victoria mir, die Hände um eine dampfende Tasse englischen Tees gelegt.

»Wem sagst du das? Ich habe ja schon davon gehört, dass Einbrecher ihre Visitenkarte hinterlassen, aber doch nicht so was.«

»Vielleicht ist das eine Guerilla-Marketingkampagne.«

»Für einen venezianischen Buchbinder?«

»Hmm, wäre vermutlich ein klein wenig zu aggressiv.«

»Findest du?«

Und damit knallte ich das Wörterbuch auf den hölzernen Überseekoffer, der mir als Couchtisch diente, und legte die Karte obendrauf. Ich hockte auf dem wackeligen Stuhl, der sonst an meinem Schreibtisch stand. Victoria saß mir gegenüber auf dem lederbezogenen Chesterfield-Sofa, die Beine hochgezogen und unter dem rosaroten Morgenmantel versteckt, den sie sich übergezogen hatte.

Meine Wohnung war eher spärlich möbliert, und viele der Einrichtungsgegenstände stammten ursprünglich aus England. Das Haus, in dem ich wohnte, gehörte einem pensionierten Ehepaar, das die Maisonette-Wohnung unter mir bewohnte – ein ehemaliger praktischer Arzt aus Cambridge mit seiner italienischen Ehefrau –, und die beiden hatten sämtliche Etagen des Hauses mit Habseligkeiten ausgestattet, die sie im Gepäck hatten, als sie vor mehr als zehn Jahren nach Venedig umzogen. Die Wohnung über mir stand momentan leer, doch das würde sich in ein paar Wochen ändern, wenn nämlich mit dem Carnevale im Februar die Touristensaison begann.

Victoria war seit drei Tagen mein Gast. Zwei Wochen wollte sie bleiben und in dieser Zeit meinen neuen Roman lesen. Vermutlich sollte ich froh sein, dass dieser Plan dem kleinen Zwischenfall zum Trotz nicht ins Wasser fiel, da mein Laptop zum Glück nicht geklaut worden war. Aber augenblicklich musste ich mir alle Mühe geben, der Situation etwas Positives abzugewinnen.

»Du meinst also, der Einbrecher war eine Frau?«, wollte Victoria wissen.

»Keine Frage.«

Sie runzelte die Stirn. »Hübsch?«

»Es war dunkel, Vic. Und sie hatte es ziemlich eilig zu verschwinden. Und ehrlich gesagt hatte ich in dem Moment ganz andere Sorgen.«

Victoria verdrehte die Augen und schlürfte ihren Tee. Dann raffte sie den Morgenmantel über der Brust zusammen, griff nach dem Reklamezettel und beäugte ihn abermals von allen Seiten. »Irgendwelche Theorien die Karte betreffend?«

»Vielleicht ist das Ding ein Köder – ein Fingerzeig, wo ich Ersatz für mein gestohlenes Buch bekomme.«

»Hältst du das für wahrscheinlich?«

»Wenn sie ein echtes Miststück ist.«

»Nein, du Idiot, ich meine, dass du da Ersatz bekämst. Wie viele Erstausgaben des Malteser Falken gibt es noch?«

Ich dachte kurz über ihre Frage nach. »So wenige, dass sie eine ganze Menge wert sind. Nicht zu vergessen, diese Ausgabe war signiert.«

»Ist doch komisch.« Victoria trank noch einen Schluck Tee. »Du hast mir nie erzählt, wie du zu dem Buch gekommen bist. Woher hattest du denn das Geld?«

Ich schaute sie unverwandt an.

»Meine Güte«, meinte sie. »Du hast es geklaut.«

Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als verstünde sich das doch wohl von selbst.

»Von wem?«

»Tut das was zur Sache?«

»Womöglich ja. Wenn derjenige es zurückhaben will.«

»Oh. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen.«

»Wäre das möglich?«

Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Kinn herum. Alles in allem erschien es mir höchst unwahrscheinlich. Über acht Jahre war es inzwischen her, seit ich das Buch an mich gebracht hatte, und seitdem hatte ich keinen Fuß mehr nach England gesetzt. Soweit ich wusste, hatte der ehemalige Besitzer, den ich um das Schätzchen erleichtert hatte, keine Ahnung, wer ich war, und ich hatte nie das Bedürfnis verspürt, einen Händler anzurufen und mich nach dem Wert des Buchs zu erkundigen, da ich nicht die Absicht hatte, es zu verkaufen. Für mich war es ohnehin unbezahlbar.

Noch im Internat hatte ich den Malteser Falken zum ersten Mal gelesen. Auf dem Lehrplan stand er nicht. Bestimmt hätte kein Buch unseres Lehrplans mich dermaßen begeistern können. Ich war hin und weg und verlor auf der Stelle mein Herz an den frotzelnden Privatdetektiv, die völlig überzeichneten Gangster, die kitschige San-Francisco-Kulisse und die Handlung mit den vielen unerwarteten Wendungen (falsches Spiel, Doppelspiel, Trippelspiel – ich könnte endlos weitermachen). Alles, was ich übers Schreiben weiß, habe ich von Hammett gelernt. Weshalb man sich also vielleicht vorstellen kann, welche Purzelbäume mein Magen schlug, als sich mir viele Jahre später unerwartet die Gelegenheit bot, mir eine Erstausgabe unter den Nagel zu reißen, signiert von meinem ganz großen Helden höchstselbst.

»Ich halte das für höchst unwahrscheinlich«, erklärte ich Victoria, wie ich hoffte, in einem überzeugenden Ton. »Genauer gesagt halte ich es für vollkommen unmöglich.«

»Na ja, irgendjemand muss gewusst haben, dass er hier ist.« Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch. »Hast du öfter Besuch gehabt, seit du hier wohnst?«

Ich gab mir große Mühe, eine möglichst unverfängliche Antwort zu geben. »Ein-, zweimal vielleicht. Wobei ich mit dem nicht unbedingt über das Buch geredet habe.«

»Wenn du meinst.«

»Das meine ich.«

Victoria ließ das Kärtchen auf den Überseekoffer fallen und spähte angestrengt in die Untiefen ihrer Teetasse. Der Bodensatz musste wirklich fesselnd sein. »Und deine Vermieter?«

»Martin und Antea? Die sind durch und durch ehrliche, anständige Leute. Man braucht sich bloß anzuschauen, was ich denen an Miete zahle, das ist Beweis genug. Antea ist ganz entzückend. Sie betüddelt mich wie eine Glucke – immer bringt sie mir was Leckeres vom Markt mit oder drängt mir selbst gemachte Pastasaucen im Glas auf. Außerdem haben die einen Schlüssel. Wollten die hier was klauen, bräuchten sie nicht extra einen Fassadenkletterer anzuheuern.«

»Könnte sonst noch jemand in deiner Wohnung gewesen sein?«

Nachdenklich kratzte ich mich am Kopf. »Dienstags kommt immer die Putzfrau.«

»Na bitte.«

»Die ist nicht der Typ dafür.«

»Was soll das denn heißen, Charlie? Du siehst auch nicht gerade aus wie ein dahergelaufener Dieb.«

»Liegt womöglich daran, dass ich seit etlichen Monaten keiner mehr bin.«

Was absolut der Wahrheit entsprach. Falls Sie es genau wissen wollen, es war exakt 279 Tage her (Tendenz steigend), seit ich das letzte Mal irgendwas gestohlen hatte. Ihnen mag das vielleicht nicht unbedingt erwähnenswert erscheinen, aber für mich war es eine beachtliche Leistung. Ich hatte mich als Einbrecher immer ganz ordentlich – wenn auch nicht immer vollkommen gesetzestreu – durchs Leben geschlagen, und diese alte Gewohnheit abzulegen hatte sich als echte Herausforderung erwiesen.

Und dass ich solchen Spaß an meiner Arbeit gehabt hatte, machte die Sache nicht unbedingt leichter. Verwerflich, ich weiß, aber ich bekomme immer so ein wohliges Kribbeln, wenn ich in den Habseligkeiten fremder Leute herumschnüffele. Man braucht Köpfchen und Mumm, um die Schwachstellen eines Hauses gnadenlos auszunutzen, um sich Zutritt zu verschaffen und anschließend abzuzwitschern, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Ach ja, und dann besteht natürlich immer die Chance, und sei sie noch so verschwindend gering, eines Tages auf etwas zu stoßen, das die ganze Welt aus den Angeln hebt.

Kurz und gut, es fiel mir nicht leicht, auf dem schmalen Pfad der Tugend zu wandeln, und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich es bisher nur geschafft, der Versuchung zu widerstehen, weil ich meine ganze Energie in meinen neuen Roman gesteckt hatte. Wobei ich auch das ohne Zigaretten nie durchgehalten hätte. Und wo wir gerade von Zigaretten sprechen, jetzt schien mir genau der richtige Augenblick, die Schachtel von meinem Überseekoffer zu nehmen und mir eine anzustecken.

»Mal ehrlich«, sagte Victoria zu mir, »ich finde, deine Putzfrau könnte wirklich als Täterin in Betracht kommen.«

»Vergiss es.« Ich pustete Rauch ins Zimmer und versuchte mich dahinter zu verstecken, weil Victoria so ein verkniffenes Gesicht zog. »Die sieht nicht mal im Entferntesten so aus wie die Frau, die heute Nacht hier war.«

»Das meinte ich ja auch gar nicht.« Pointiert wedelte sie den Rauch beiseite. »Es gibt nicht viele Menschen, die sich Bücher an die Wand hängen, oder? Und ein Engländer in Venedig, der so was macht – womöglich fand sie das so eigenartig, dass sie es irgendwann mal in einem Gespräch erwähnt hat.«

»Möglich.«

»Dann redest du also mit ihr?«

»Möglich.«

Ich rieb mir die Augen mit den Handballen, während sich der Qualm meiner Zigarette um meine Stirn kräuselte. Der alten Standuhr in der Zimmerecke zufolge ging es auf drei Uhr morgens zu, und langsam spürte ich die Müdigkeit in den Knochen. Ich war länger wach geblieben als beabsichtigt, um mir Notizen zu machen, und jetzt, wo mein Adrenalinspiegel langsam wieder sank, hatte ich Mühe, nicht auf der Stelle einzuschlafen. Womöglich hatte ich großes Glück gehabt. Wäre ich zu meiner normalen Schlafenszeit ins Bett gegangen, hätte ich meinen nächtlichen Eindringling vielleicht nie durchs Wohnzimmer poltern gehört.

Stirnrunzelnd wendete ich diesen letzten Gedanken noch ein wenig hin und her. War das nicht eigenartig? Jetzt, wo ich so darüber nachdachte, schien sie wirklich ein Profi zu sein, denn ihr Abgang war makellos gewesen. Waghalsig, würde so mancher vielleicht sogar sagen. Ich für meinen Teil hatte mich noch nie aus einem Gebäude abgeseilt oder mir mittels eines Kletterseils Zutritt zu einem Haus verschafft. Gut, das Fenster war nicht abgeschlossen gewesen – hauptsächlich, weil es überhaupt kein Schloss hatte –, und trotzdem konnte es nicht gerade ein Kinderspiel gewesen sein, den Riegel von außen zu öffnen. Was den Schluss nahelegte, dass sie sich recht gut auskennen musste. Warum also die schweren Schritte und das Gepolter gegen die Möbel? Hatte sie es darauf angelegt, mich zu wecken? Hatte sie gewollt, dass ich sie sehe?

Zunächst schien mir dieser Gedanke vollkommen abwegig, aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fand ich, es könnte was dran sein. Ein hundsgewöhnlicher Dieb wäre nur allzu froh, wenn man nicht merkte, dass irgendwas fehlte, bis er längst über alle Berge war. Sie aber hatte mich mit der Nase darauf gestoßen, was sie hatte mitgehen lassen, indem sie mir das Reklameblättchen für den Buchladen dagelassen hatte.

»Was denkst du?«, fragte Victoria.

»Ich denke, wir sollten ins Bett gehen«, sagte ich zu ihr. »Irgendwie beschleicht mich nämlich der Verdacht, dass wir uns gleich morgen Früh diesen Buchladen ansehen werden.«

Drei

Meine Wohnung lag am Fondamenta Venier, ungefähr auf halber Strecke zwischen der Accademia di Belle Arti und der Peggy-Guggenheim-Sammlung im Stadtteil Dorsoduro. Traditionell ist dies das Viertel der Künstler und Schriftsteller, und in Anbetracht der Tatsache, wie teuer Venedig mitunter sein konnte, wusste ich mich glücklich zu schätzen, dass ich mir eine Wohnung in der Nähe dieses beliebten Stadtteils leisten konnte. Der große Nachteil, zumindest an diesem Morgen, war, dass ich auf der falschen Seite des Canal Grande wohnte. In der Nähe gab es nur eine einzige Möglichkeit, ihn zu überqueren – die hölzerne Ponte dell’Accademia.

In der kühlen Morgenluft hing noch der Frost der letzten Nacht, der sich als glitzernder Kristallüberzug aus Raureif über Geländer und Holzbohlenstufen gelegt hatte. Ich trug Wollmütze, Schal und Fäustlinge zu meinem dicken Wintermantel. Die Fausthandschuhe waren ein Muss – draußen war es eisig kalt, und normale Fingerhandschuhe konnte ich nicht tragen, weil Ring- und Mittelfinger meiner rechten Hand leicht verkrümmt und übereinandergebogen sind. Ich leide unter Arthritis in den Fingergelenken, und das feuchte venezianische Wetter hatte nicht unbedingt zur Verbesserung meines Zustands beigetragen. Genauso wenig wie das ständige Tippen, das fürs Romanschreiben leider unerlässlich war. Aber hey, irgendwie kam ich zurecht, und Victoria hatte mir sogar ein Kompliment gemacht, was für hübsche Fäustlinge ich doch hätte – wobei sie etwas enttäuscht zu sein schien, dass diese nicht an den Ärmeln meines Mantels festgenäht waren.

Apropos Victoria, die spazierte in Wildlederstiefeln, dunkler Jeans und roter Steppjacke neben mir über die Holzbrücke. Die untere Hälfte ihres Gesichts war hinter ihrem aufgestellten und mit Reißverschluss bis oben hin geschlossenen Mantelkragen verschwunden.

»Weißt du, wo wir lang müssen?«, fragte sie mich.

»Natürlich. Ich kenne mich inzwischen ganz gut aus.«

»Dann möchtest du also nicht einen kurzen Blick auf meinen Stadtplan werfen?«

»Bitte, Vic. Ich bin doch kein Tourist.«

Unter uns wühlte der mit einer Armee von Passagieren tief im Wasser liegende Wasserbus das graugrüne Nass auf und schlug schaumige Wellen, während ein makellos geputztes Taxiboot an einem Kahn vorbeibrauste, der mit Gemüsekisten beladen zum Markt tuckerte. Weiter den Kanal entlang, jenseits einer Hand voll aus dem Wasser ragender Holzpfosten, waren eine Reihe Gondeln miteinander vertäut und mit blauem Segeltuch abgedeckt, und ihre geschwungenen schwarzen Bugseiten nickten einander schwerfällig zu wie Bohrinseln im Meer.

»Ich brauche einen Kaffee«, sagte ich zu Victoria und musste ein Gähnen unterdrücken.

»Gute Idee. Wo ist denn der nächste Starbucks?«

»Banause. Pass auf, dass die Einheimischen das nicht hören.«

Die Einheimischen drängelten sich allesamt in einer leicht überhitzten und etwas dunstigen Bar knapp jenseits des Campo San Maurizio. Ich ließ Victoria an der Tür warten, bahnte mir den Weg zur Theke und bestellte zwei Espressi, dann zog ich verstohlen meinen Stadtplan aus der Tasche und warf heimlich, versteckt hinter den Menschenmassen um mich herum, einen Blick darauf.

Mein Stadtplan war dabei, sich vom ständigen Gebrauch in seine Bestandteile aufzulösen. Das Wachspapier war eingerissen und klaffte auseinander, dort, wo es einmal ordentlich gefaltet gewesen war. Die Karte hatte Eselsohren an den Ecken und war ausgefranst, und von der Giudecca fehlte ein ganzer Quadrant. Trotzdem hing ich irgendwie an dem Ding und sträubte mich, es einfach herzlos zu ersetzen. Während meiner ersten Zeit in Venedig hatte ich am eigenen Leib erfahren müssen, wie leicht man sich in den labyrinthischen Gassen und Wasserwegen der Stadt hoffnungslos verirren konnte, und mein treuer Gefährte war öfter, als ich zählen konnte, zu meiner Rettung geeilt.

Auch diesmal ließ er mich nicht im Stich, und ich legte mir eine Route durch etliche Seitensträßchen zurecht, von denen ich glaubte, sie mir merken zu können. Dann stürzte ich meinen Kaffee mit einem Schluck herunter und brachte Victoria ihre Tasse. Sobald sie den Espresso ausgetrunken und mit der Hand vor ihrem Mund herumgewedelt hatte, als hätte sie gerade ein Gläschen Feuerwasser auf ex geschluckt, führte ich sie, ohne auch nur ein einziges Mal falsch abzubiegen, bis in die düstere Schlucht der Calle Fiubera.

Der Buchbinderladen verfügte über zwei große Schaufenster links und rechts einer zurückgesetzten Glastür. Im linken Fenster waren ledergebundene Bände ausgestellt, mit bunten Lederflicken in Form von Sternen, Monden, Katzen und Hexenhüten verziert. Ein kleines Kartonschild neben den einzelnen Büchern, nur auf Englisch verfasst, gab an, welcher Band der Harry-Potter-Reihe als gebundene, signierte Ausgabe käuflich zu erwerben war, und dazu die Preise in Euro, bei denen sich einem schier die Haare sträubten. Das Schaufenster rechts zeigte hochwertige Füller und Kugelschreiber, Schreibwaren und Briefpapier. Wir gingen hinein und stellten fest, dass der Laden drinnen ganz ähnlich aufgeteilt war.

Es roch durchdringend nach Tabak. Ein etwas abgerissen wirkender Kerl mit wirrem grauem Haar und einer Brille mit Drahtgestell saß zwischen den Bücherregalen an einem Schreibtisch mit Lederauflage, eine verkratzte und verbeulte Pfeife im Mundwinkel. Gerade begutachtete er durch ein beleuchtetes, am Tisch befestigtes Vergrößerungsglas ein weiches Stück hellbraunen Leders. Auf der einen Ecke des Schreibtischs lag ein Stapel roter Kärtchen, das dem in meiner Wohnung verdammt ähnelte.

Er hob kurz den Blick, als wir eintraten, mit feuchten Augen, die von einem Netz feiner roter Linien durchzogen waren, dann widmete er sich wieder dem Nähen und Rauchen.

Ich schlenderte zu den Bücherregalen und ließ den Blick über die Titel schweifen, die von Hand auf die Buchrücken gestickt waren. Sie waren alphabetisch geordnet, und ich ging in die Hocke, bis ich das Regel gefunden hatte, das den Autoren mit dem Buchstaben H gewidmet war. Von links nach rechts las ich die Titel durch, dann hob ich einen Fäustling in die Luft und fing noch einmal von vorne an, um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen hatte. Aber es gab kein einziges Buch von Dashiell Hammett.

Mit knackenden Knien richtete ich mich auf und führte Victoria durch die Schreibwarenabteilung zur anderen Seite des Ladens. Ich tat, als interessierte ich mich für ein schwarzes ledergebundenes Notizbuch, das so erschwinglich war, dass es vermutlich in einem asiatischen Billiglohnland hergestellt worden war. Andächtig fuhr Victoria mit dem Finger über einen Bogen marmorierten Geschenkpapiers, das vermutlich aus derselben Fabrikationsanlage stammte.

»Und?«, flüsterte sie.

»Nichts«, entgegnete ich.

Mit dem Kopf wies sie auf den Ladeninhaber. »Willst du was sagen?«

Ich legte das Notizbüchlein beiseite und griff nach einem Geschenkset bestehend aus einer roten Siegellackstange und einem Briefsiegel. »Ich weiß nicht, ob uns das weiterbringt.«

»Und wenn schon.«

»Und wenn schon?«

Nickend nahm sie mir die Geschenkschachtel aus den Händen. »Was du heute kannst besorgen.«

Der Ladeninhaber schien da anderer Meinung zu sein. Ich schlurfte zu ihm rüber und drückte mich vor seinem Schreibtisch herum, aber erst als ich die Fäustlinge auszog, in die Hände klatschte, mich vernehmlich räusperte und ein zögerliches »Scusi?« hervorbrachte, brummte er ein misstrauisches »Si«.

»Ich suche ein Buch.«

»Si.« Seine niedergeschlagenen Augen schienen nicht im Geringsten daran interessiert, was ich zu sagen hatte. Aus der Warze auf seiner rechten Wange spross ein Sträußlein silbergrauer Haare, und dem kragenlosen braunen Hemd und der grünen Strickweste, die er trug, hätte eine Wäsche ganz sicher nicht geschadet.

»Ein ganz bestimmtes Buch«, fuhr ich fort. »Der Malteser Falke. Man sagte mir, Sie könnten womöglich eine Erstausgabe davon haben. Signiert.«

Der Ladenbesitzer musterte mich vollkommen ungeniert von Kopf bis Fuß, dann legte er das Stück Leder beiseite, an dem er genäht hatte, und legte die Hand um den Kopf seiner Pfeife. Auf dem Daumen hatte er einen Gummi-Fingerhut, der aussah wie mit Pockennarben übersät, und damit klopfte er gegen die Pfeife, während er mich weiterhin unverwandt anstarrte.

»Im Regal habe ich schon nachgesehen«, erklärte ich ihm. »Da habe ich nichts gefunden.«

Er knurrte, als liege das doch wohl auf der Hand, dann lehnte er sich mit seinem Stuhl nach hinten und zerrte an der mittleren Schublade des Schreibtischs, wobei er den Tabak aus seiner Pfeife auf den Ärmel der Strickjacke regnen ließ. Er nahm ein grünes Register heraus, das er aufgeschlagen vor sich auf den Tisch legte. Darin standen in engen Reihen handschriftliche Eintragungen in einer geneigten Schrift – unmöglich für mich, sie auf dem Kopf stehend zu entziffern.

»Nein«, sagte er und schlug das Register mit einem endgültigen – und ziemlich staubigen – Knall zu.

»Nein?«

Kopfschüttelnd nahm er die Pfeife in die Hand.

»Sind Sie sich ganz sicher?«, hakte ich nach.

Diesmal gab er keine Antwort mehr. Hätte ich mich nicht mit meinen eigenen Ohren reden gehört, ich hätte geschworen, dass ich gar nichts gesagt hatte.

»Also gut«, meinte ich. »Grazie mille.«

»Prego.«

An Victoria gewandt sagte ich: »Gehen wir.«

»Das war’s?«

»Er hat keins«, meinte ich achselzuckend. »Ich wüsste nicht, was wir sonst noch tun könnten.«

Wir verließen den Laden. Ich ging hinter Victoria her, fest entschlossen, mich nicht mehr umzudrehen, obwohl ich gewettet hätte, dass wir beobachtet wurden. Victoria wartete, bis wir eine katzenbucklige Brücke überquerten, ehe sie ihr Urteil verkündete.

»Na, das war ja vielleicht mal ein grummeliger Griesgram. Und nicht gerade hilfsbereit.«

»Willkommen in Venedig.«

Mit etwas versonnenem Blick schaute sie zu mir auf. »Meinst du, er hatte etwas zu verbergen?«

Ich dachte kurz darüber nach. »Nein«, meinte ich schließlich.

»Wirklich nicht?«

Ich legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie freundschaftlich an mich. »Ich weiß, wir waren zwar nicht lange in dem Laden, aber ich habe keine wirklich raren Ausgaben gesehen. Das war kein Antiquariat mit seltenen Schätzchen.«

»Ich weiß nicht, Charlie.«

»Immer so misstrauisch.« Ich stieß sie mit der Hüfte an. »Fragst du dich nie, ob es nicht vielleicht besser wäre, nicht immer hinter jedem Menschen, dem du begegnest, die unerwartete Handlungswende zu vermuten?«

Victoria machte ein Geräusch, das mich annehmen ließ, dass sie meine Bemerkung alles andere als amüsant fand, während ich den Kopf hob und sah, dass wir gerade die Piazza San Marco betraten, und zwar durch den Torbogen unterhalb des reich verzierten Glockenturms. Vor uns ragte der Campanile aus Backsteinen in den Himmel, und zu unserer Linken kletterte eine Horde Kinder auf zwei Löwenstatuen herum, die sich stoisch in ihr Schicksal fügten. Die glatt polierten Steinplatten waren mit Tauben und Touristen gesprenkelt. Ich reckte den Hals und bestaunte die Mosaike an der Fassade der vielkuppeligen Basilika. Im tristen grauen Licht schien es dem Gold und Gelb an Glanz zu fehlen. Ich konnte es ihnen nachfühlen.

»Und jetzt?«, fragte Victoria. »Gehen wir zur Polizei?«

Ich runzelte die Stirn. »Wieso sollten wir?«

»Na ja, ich weiß, du bist nicht gerade ein großer Fan von deinem Freund und Helfer …«

»Weil die Polizei mit schönster Regelmäßigkeit versucht, mich festzunehmen, Vic. Und oft genug wegen der falschen Vergehen.«

»Aber denk doch mal darüber nach, Charlie. Eine Einbrecherin. Von denen wird es sicher nicht allzu viele geben. Womöglich wissen die ja, wer sie ist.«

»Darauf würde ich nicht wetten. Und ich denke mit Grauen daran, wie lange wir warten müssten, bis wir endlich mit jemandem sprechen könnten. Den ganzen Tag vermutlich.«

Sie piekste mich mit dem Finger in die Brust. »Das Buch war ein Vermögen wert, verdammt.«

»Ist es immer noch«, entgegnete ich. »Bloß ist es jetzt nicht mehr mein Vermögen.«

Frustriert quiekte Victoria und stampfte mit dem Fuß auf. Nicht gerade klug. Ein Schwarm Tauben flog auf, wild mit den Flügeln schlagend, und nahm Kurs auf ihre Haare. Sie schrie auf, kurz und spitz, und wedelte hektisch mit den Armen, als hätte sie sich in eine Fledermaushöhle verirrt.

Als die letzten Flugratten schließlich den Flugraum um ihren Kopf verlassen hatten, verfluchte sie mich kaum hörbar und biss sich auf die Lippen. »Mach mir nichts vor, Charlie. Du hast mir selbst erzählt, was dieses Buch dir bedeutet. Was es für deine Arbeit als Schriftsteller bedeutet.«

Der Witz dabei war, dass Victoria nicht mal ansatzweise wusste, wie viel mir dieses Buch tatsächlich bedeutete. Den Falken zu stehlen war eins der größten Wagnisse, die ich je eingegangen war. Als professioneller Auftragsdieb ist es nicht gerade ein cleverer Schachzug, den eigenen Auftraggeber über den Tisch zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dabei erwischt zu werden, ist ziemlich hoch, weil der Verdacht automatisch auf den naheliegendsten Ganoven fällt. Und selbst wenn dir niemand etwas nachweisen kann, riskierst du es, deinen guten Ruf nachhaltig zu schädigen. Regel Nummer eins als Einbrecher lautet also, nie den Ast abzusägen, auf dem man sitzt. Eine gute Regel. Ausgezeichnet sogar. Weshalb ich bisher selten dagegen verstoßen habe.

Für Hammett habe ich eine Ausnahme gemacht.

Mein damaliger Klient war ein aufgeblasener alter Eton-Absolvent – ein großmäuliger Säufer, der ein riesiges, ausgedehntes Familienanwesen geerbt hatte, zu dem auch eine renommierte Bibliothek mit etlichen raren Exemplaren gehörte. Die Bibliothek interessierte den Banausen höchstens am Rande – ehrlich gesagt wusste ich aus zuverlässiger Quelle, dass er nur ein einziges Buch mit echtem Vergnügen las: den Wisden Cricketers’ Almanack. Seine ganze Leidenschaft galt einzig und allein dem Kricket, und so war ich als Mittelsmann angeheuert worden, ein besonderes Erinnerungsstück für seine Privatsammlung zu besorgen – einen Schläger, den ein ganz bestimmter Spieler in einem ganz bestimmten Testspiel benutzt hatte, worauf näher einzugehen ich allerdings nicht befugt bin. Wobei ich sicher nicht eigens erwähnen muss, dass ich den Schläger gestohlen habe und für meine Mühe fürstlich belohnt wurde. Doch als ich von der Bibliothek meines Klienten und deren Schätzen hörte, stand mein Entschluss fest, einzusteigen und mich etwas genauer umzuschauen.

Etliche Wochen später, der Besitzer war gerade zu einem Landesmeisterschaftsspiel in Yorkshire unterwegs, setzte ich mein Vorhaben in die Tat um, und man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die Qualität der Sammlung alles, was ich mir vorher ausgemalt hätte, völlig in den Schatten stellte. Die größte Überraschung erwartete mich jedoch auf einem Regal ganz oben rechts, wo ich zufälligerweise einen vertrauten gelben Schutzumschlag erspähte, der mir von dort oben schelmisch zuzwinkerte. Etwas atemlos vor Aufregung schob ich die Leiter zu dem Regal und nahm das Buch herunter, drehte und wendete es in den Händen, schlug es vorsichtig auf und blätterte zu der ersten bedruckten Seite, wo ich zu meinem unendlichen Entzücken feststellte, dass mein Held dort höchstpersönlich und eigenhändig unterschrieben hatte.

Am liebsten hätte ich das Buch auf der Stelle an mich genommen, ermahnte mich aber, dass das zu riskant sein könnte, und stellte das Buch widerstrebend an seinen Platz zurück. Von nun an konnte ich in den folgenden Tagen und Wochen an kaum etwas anderes denken. Tag und Nacht kreisten meine Gedanken darum, wie ich das Buch an mich bringen könnte. Das Bild, wie ich das Buch endlich in den Händen hielt, quälte mich den ganzen Tag und verfolgte mich bis in meine Träume. Ich hatte im Laufe meiner Karriere schon so einiges entwendet – manches für mich selbst, vieles für Kunden –, und größtenteils wirklich wertvolle Gegenstände. Aber erst beim Malteser Falken verstand ich, was es hieß, etwas unbedingt haben zu wollen. Ich war wie besessen von dem Buch. Ich brach also ein und ließ den Falken mitgehen, verließ aber gleich am nächsten Tag England in Richtung Festland; der Beginn meines Zigeunerlebens, das mich durch ganz Europa und noch viel weiter führen sollte.

»Ach, ich schaffe das schon«, versicherte ich Victoria und gab mir Mühe, die Erinnerungen abzuschütteln, die ich gerade heraufbeschworen hatte.

»Meinst du wirklich?«

Ich griff nach ihrem Kinn und hob es mit dem Daumen an. »Tja, sag du ’s mir«, meinte ich in einem, wie ich hoffte, beiläufigen Tonfall. »Was hältst du davon, wenn wir nach Hause gehen, und du setzt dich an mein neues Manuskript?«

Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. »Na, toll. Dann hängt also jetzt alles an mir.« Ich nahm sie an der Hand, schwang spielerisch ihren Arm vor und zurück und führte sie über den Platz auf das stahlgraue Wasser der Lagune zu. Rechts von uns erstreckte sich die weite offene Piazza, und zu unserer Linken lag der rosaweiß verschnörkelte, verspielte Dogenpalast. Beides interessierte mich herzlich wenig. Meine ganze Aufmerksamkeit galt den beiden gewaltigen Granitstelen vor uns am Eingang der Piazetta. Die Pfeiler rahmten den Blick über die Lagune hinüber zur Kathedrale San Giorgio Maggiore, und in vergangenen Zeiten hatte man hier Diebe und Gauner aufgeknüpft, als Abschreckung für andere, damit sie nicht ihrem schlechten Beispiel folgten. Und da stand ich nun, willentlich die Lehre ignorierend, die ich eigentlich daraus ziehen sollte, und überlegte mir schon, wie ich es anstellen könnte, nach Einbruch der Dunkelheit in den Buchladen einzusteigen, und fragte mich, wie ich wohl am besten den alten Standtresor überlisten sollte, den ich hinter dem Schreibtisch des Ladenbesitzers entdeckt hatte.

Vier

Auf eins konzentriere ich mich beim Schreiben meiner Michael-Faulks-Romane ganz besonders, und das sind Hindernisse. Indem ich meinem Helden so viele Steine wie nur irgend möglich in den Weg lege und ihm das Leben nach allen Regeln der Kunst schwer mache, hoffe ich, meine Leser zu fesseln und ihre Neugier darauf zu wecken, wie die Geschichte weitergeht. Eine sehr wirkungsvolle Methode, die sich im Laufe der letzten Jahre mehr als bewährt hat. Wobei es mich allerdings gehörig wurmte, dass irgendwer jetzt genau denselben Kunstgriff bei meiner Wenigkeit anzuwenden schien.

Nehmen wir zum Beispiel meinen Entschluss, in den Buchladen einzubrechen. Das hörte sich leichter an, als es war. Ich hatte mir geschworen, mich hier in Venedig ganz allein aufs Schreiben zu konzentrieren – weil ich wissen wollte, ob ich einen anständigen Krimi zustande bringen konnte, wenn ich mich mehr auf den Krimi und weniger auf meine kriminelle Karriere konzentrierte –, und ich hatte ein schlechtes Gewissen bei der Vorstellung, mein Versprechen nicht einzuhalten.

Noch unerquicklicher wurde die ganze Angelegenheit, weil ich mir das nicht nur selbst geschworen, sondern auch Victoria hoch und heilig versprochen hatte, und ich erinnerte mich noch ganz genau, wie sehr sie sich über diese gute Nachricht gefreut hatte. Zugegeben, sie fand die verrückten Geschichten, in die ich immer wieder hineinschlitterte, zwar durchaus unterhaltsam, und ich hegte schon seit Längerem den Verdacht, dass sie die dunkle Seite meiner Persönlichkeit durchaus gewinnend fand, aber kennengelernt hatten wir uns damals durch meine Arbeit als Autor. Als Allererste hatte sie an mich und mein schriftstellerisches Talent geglaubt und nicht im Geringsten daran gezweifelt, dass meine Geschichten eines Tages ein breiteres Publikum finden würden. Nur ihretwegen hatte ich mich an einen ambitionierten Thriller herangewagt, wie ich ihn mir sonst wohl nie zugetraut hätte – und sie hatte genauso viel Anteil daran wie ich selbst, dass ich mich dazu entschlossen hatte, mich ganz meiner Schriftstellerkarriere zu widmen und einen Schlussstrich unter meine Gaunerkarriere zu ziehen.

Deshalb also fand ich mich kurz nach Mitternacht in der ziemlich seltsamen Lage, mich aus meiner eigenen Wohnung schleichen zu müssen (wie ein Dieb in der Nacht sozusagen), um ungesehen nach draußen zu gelangen.

Zum Glück schnarchte Victoria friedlich, was ich als aufmerksamer Beobachter der menschlichen Spezies als sicheres Zeichen dafür deutete, dass sie schlief. Vorsichtig schob ich ihre Tür ein wenig auf und spähte hinein. Tatsächlich schlummerte sie tief und fest, die Augen geschlossen, den Mund halb offen und die Bettdecke bis zum Kinn hochgezogen. Eigentlich hätte ich wohl erleichtert sein sollen, weil es so viel einfacher war, unbemerkt die Wohnung zu verlassen, aber um ehrlich zu sein, war ich etwas angefressen.

Warum? Na ja, schließlich hatte ich ihr vorhin erst mein neues Manuskript gegeben. Und zugegeben, ich war ziemlich nervös gewesen, weil ich viel Zeit und Energie in diesen Roman gesteckt hatte, und eigentlich stand und fiel die ganze Geschichte mit ihrem Urteil. Bei einer Sache war ich mir allerdings ganz sicher gewesen, und das war das erste Drittel des Buchs. Ich fand es mitreißend. Nicht aus der Hand legbar sogar. Und doch hatte Victoria das Manuskript einfach mitten in der Lektüre auf ihr Nachttischchen gelegt und war friedlich eingeschlummert.

Ich trat den geordneten Rückzug an und ging wieder in mein Schlafzimmer, bemüht, mir diesen Affront nicht zu Herzen zu nehmen. Zu spät. Schon passiert. Was konnte ich bloß übersehen haben?, fragte ich mich. Oder vielmehr, was konnte sie übersehen haben? Und wie weit war sie wohl gekommen, ehe sie meine Arbeit acht- und lieblos beiseitegelegt hatte?

Wäre ich ein ganz normaler Mensch, dann wäre ich nach reiflicher Überlegung sicher zu dem Schluss gekommen, dass ich ein bisschen überempfindlich reagierte. Schließlich war Victoria erst letzte Nacht durch einen Einbruch aus dem wohlverdienten Schlaf gerissen worden. Außerdem blieb sie noch mindestens eine Woche. Vielleicht wollte sie meinen Roman ganz in Ruhe lesen und nicht bloß schnell, schnell überfliegen.

Aber ich bin nun mal nicht normal – ich bin ein paranoider Schriftsteller –, und als ich schließlich dunkle Sachen angezogen, mein altgedientes Einbrecherwerkzeug aus dem Innenfutter meines Koffers befreit und meinen heiß geliebten kleinen Stadtplan in die Tasche gestopft hatte, da hatte ich mir bereits erfolgreich eingeredet, dass nur eins zu tun blieb.

Leise schlich ich mich über den Flur und kroch auf Händen und Füßen über den Teppich zu ihrem Bett. Das Schnarchen wurde leiser, und zwischen zwei Atemzügen schien plötzlich eine sehr lange Pause zu entstehen. Neugierig hob ich den Kopf, zog das oberste Blatt vom Papierstapel des Manuskripts und legte es auf den Boden. Ich vergewisserte mich, dass Victoria sich nicht gerührt hatte, und dann leuchtete ich mit meiner kleinen Stiftlampe auf das Papier.

Lassen Sie es sich gesagt sein, als Dieb darf man in bestimmten Situationen einfach nicht die Contenance verlieren, ganz gleich, wie eingerostet man auch sein mag. Und es spricht für meine antrainierte Selbstbeherrschung, dass ich nicht laut nach Luft schnappte oder schimpfte wie ein Rohrspatz und mich so verriet. Denn ich hatte eine traurige Entdeckung machen müssen, die mich aufwühlte und so beunruhigte, dass sie mich auch noch verfolgte, als ich schon längst durch die düsteren Gassen und verlassenen campi zur Calle Fiubera lief: Victoria hatte mein Manuskript mitten im vierten Kapitel beiseitegelegt.

Selbst in Bestform ist diese Sache mit dem Einbrechen eine riskante Angelegenheit, und ich war inzwischen ziemlich aus der Übung. Wo wir gerade von Hindernissen sprechen. Ich hätte geschworen, dass es ohnehin nicht leicht werden würde, und da hatte ich die Metallgitter vor den dunklen Schaufenstern des Buchladens noch nicht gesehen.

Ich blieb stehen und tat, als würde ich mir den Schnürsenkel zubinden. In der Dunkelheit war sonst niemand zu sehen. Etwas weiter die Straße entlang lag eine Osteria, die längst geschlossen hatte, sowie eine ganze Reihe weiterer Läden, deren Fassaden ebenfalls Metallgitter und mehrere Schichten Graffiti zierten. Das einzige Licht in der Nähe stammte von einer Warnleuchte, die vor einem mit Brettern vernagelten Gebäude, das gerade renoviert wurde, an einem Gerüstbalken hing. Kurz und gut, es sah aus, als sei die Luft rein, also rüttelte ich einmal kurz und kräftig an dem Gitter. Es quietschte und schepperte, war aber mit Hilfe dreier schwerer Vorhängeschlösser am Boden gesichert.

Ich widmete mich den übrigen Hindernissen. Eine Alarmanlage schien es Gott sei Dank nicht zu geben, denn obwohl ich, bis auf die kompliziertesten, beinahe sämtliche Sicherheitssysteme ausschalten oder umgehen konnte, hätte ich nur äußerst ungern in dem zweifelhaften italienischen Elektroleitungsgewirr herumgestochert, das sich außen am Laden entlangschlängelte. Von den Vorhängeschlössern abgesehen entdeckte ich eine kleine bescheidene Sammlung von Schlössern und Riegeln an der Eingangstür. Und das war’s, zumindest soweit ich das beurteilen konnte.

Zufrieden mit meiner Einschätzung flanierte ich bis zum Ende der kleinen Gasse und steckte den Kopf hinaus auf die Calle dei Fabbri, um mich zu vergewissern, dass niemand da war, der mich auf frischer Tat ertappen könnte. Und das war gut so. Denn obwohl das tunnelartige Sträßchen zunächst menschenleer gewirkt hatte, sah ich im Umdrehen eine bucklige Gestalt, die am Türrahmen des unbeleuchteten Hotels lehnte.

Ich erinnerte mich nicht daran, den Mann auf dem Weg zum Laden gesehen zu haben, und doch bezweifelte ich sehr, ich hätte ihn übersehen oder vergessen können, hätte er eben schon dort gestanden. Er war hünenhaft groß und schwerfällig wie ein Bär und trug einen schäbigen, zotteligen Kamelhaarmantel, der sicher eine halbe Trampeltierherde den Pelz gekostet hatte und ihm so gut passte wie ein Speisezelt einer ganzen Armeeeinheit. Unter dem Mantelsaum schaute eine schwarze Hose heraus, die eher unschön auf Hochwasserlänge über seinen schwarzen Halbschuhen hing, sodass ein kleiner Streifen der weißen Socken hervorblitzte. Auf dem melonengroßen Kopf trug er einen abgewetzten schwarzen Fedora, unter dem seine Augen nicht zu sehen waren und der auf einer Masse verfilzter schwarzer Locken saß. Der Großteil seines Gesichts verschwand hinter einem wild wuchernden Bart – ein dichtes, wirres Gestrüpp, das sein Kinn verschluckte und seinen Mund umrahmte. Eine räudige Katze ringelte sich um seine Füße.

Im ersten Augenblick war ich so verdutzt, dass es mir glatt die Sprache verschlug, und dann fiel mir ein, dass mein Italienisch ohnehin nicht für irgendwelche geistreichen Bemerkungen gereicht hätte. Ich wusste nicht so recht, was tun, weshalb es sehr nett von ihm war, dass er mir zuvorkam. Mit einem nasalen Grunzen holte er unvermittelt mit dem Fuß aus und beförderte die jaulende Katze mit einem gezielten Tritt quer durch die Gasse, dann zog er seine Hutkrempe herunter, drehte sich auf dem Absatz um und hinkte linkisch in Richtung Rialto davon.

Jeden anderen Dieb hätte diese Begegnung womöglich verunsichert, aber mal ehrlich, es brauchte schon etwas mehr als einen seltsamen, übergewichtigen Kauz mit einer ausgeprägten Abneigung gegen Felidae, um mich aus dem Konzept zu bringen. Der Katze schien es nicht anders zu gehen, denn sie lief ihrem lichtscheuen Kumpan hinterher und ließ mich einfach stehen, einsam wie zuvor.

Als jemand, der stets eine sich bietende Gelegenheit mit beiden Händen beim Schopfe packt, ging ich zurück zu dem Laden, griff in meine Jackentasche, holte das Brillenetui mit der Minitaschenlampe und den Haken heraus, zog die Fäustlinge aus und setzte meine Hände tapfer der beißenden Kälte aus. Sie waren mit medizinischem Klebeband verbunden, damit ich keine Fingerabdrücke hinterließ, aber meine Fingergelenke hatten die unschöne Neigung, sich recht unverhofft zu verkrampfen, und derartige Verzögerungen konnte ich mir eigentlich nicht leisten. Geschwindigkeit war das A und O, also hockte ich mich hin und nahm das erste Vorhängeschloss in Angriff.

Und obwohl Eigenlob ja bekanntlich stinkt, muss ich doch sagen, ich war wirklich angetan, wie die ganze Sache sich anließ. Ja, zu meinen besten Zeiten wäre ich womöglich etwas flinker und meine Vorgehensweise eventuell einen Hauch eleganter gewesen, aber es gab keinen Zweifel, ich hatte es immer noch drauf. Und ich muss zugeben, als ich dann eine Sprühdose Schmiermittel herausholte und in den Mechanismus des Rollladens sprühte, danach das schwere Gitter mit aller Kraft hochschob und darunter durchschlüpfte, da überkam mich ein wohliges Zufriedenheitsgefühl.

Vorsichtig ließ ich das Gitter wieder herunter, schirmte die Augen mit den Händen ab und drückte das Gesicht gegen die dunkle Scheibe, bis ich mich vergewissert hatte, dass keinerlei Infrarotsensoren zu sehen waren. Dann ging ich auf die Knie und machte dem Stiftzylinderschloss, das mittig in der Tür saß, ein herzensgutes Angebot, das es einfach nicht ausschlagen konnte. Zuerst tat es ein bisschen spröde, aber nach einigem Stochern und Kitzeln ging es schließlich auf meine Annäherungsversuche ein. Der Riegel zu meinen Füßen dagegen schaltete auf stur, und ich war schon drauf und dran, einfach eine Scheibe einzuschlagen. Für diese Vorgehensweise hatte ich mich eigentlich noch nie erwärmen können – es besteht immer die Gefahr von Schnittverletzungen, und es macht einen Heidenlärm –, sie schien mir für einen anständigen Dieb immer der letzte Ausweg zu sein. Schlussendlich brauchte es auch hier nicht mehr als ein bisschen Gefummel und ein wenig angestrengtes Keuchen, und kaum hatte ich das Ding zurückgezogen, schwang die Tür auch schon in den Angeln nach innen.

Zu meinem eigenen Erstaunen zögerte ich einzutreten. Ja, ich hatte gerade bereits etliche Schlösser geknackt, aber sobald ich den Laden betrat, wäre das endgültig ein Rückfall in alte Zeiten. Ich mochte mich zwar mit dem Gedanken trösten, dass ich bloß mein gestohlenes Eigentum zurückholen wollte, nicht irgendjemand anderen bestehlen, aber sollte man mich dabei erwischen, bezweifelte ich doch arg, dass der Ladenbesitzer oder, wichtiger noch, die italienische Polizei meiner Auslegung der Ereignisse folgen würden.

Meinen gegenteiligen Beteuerungen Victoria gegenüber zum Trotz, traute ich dem Ladeninhaber nicht über den Weg. Jeder, der sich auch nur ein klein wenig mit Büchern auskannte, hätte auf Anhieb gewusst, was eine Erstausgabe des Malteser Falken wert wäre. Hätte er ein solches Buch in seinem Bestand gehabt, dann hätte er das gewusst, ohne erst in seinen Unterlagen nachschauen zu müssen. Was mich vermuten ließ, die Nummer mit dem Register könnte ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, um ein bisschen Zeit zu schinden und herauszufinden, wie ich gerade auf ihn gekommen war und was ich von ihm wollte. Was für mich wiederum den Verdacht nahelegte, dass er wusste, wo mein Buch war.

Ich marschierte schnurstracks zum Safe. Ich gebe zu, es bestand eigentlich kein Grund zu der Annahme, dass mein Buch ausgerechnet dort drin sein sollte. Er könnte es überall versteckt haben. Womöglich wohnte er ganz in der Nähe, in einer mit wertvollen Bänden vollgestopften Wohnung, oder er hatte das gute Stück bei einer Bank in einem Schließfach hinterlegt, damit es vor Leuten wie mir gut verwahrt war, bis er es an irgendeinen verrückten Sammler wer weiß wo auf der Welt verscherbeln konnte. Aber der Laden war mein einziger Hinweis, und der einzige sichere Ort, den ich bisher ausgemacht hatte, war eben dieser Safe.

Nun, ich sage zwar sicher, aber in Wirklichkeit war er natürlich alles andere. Im Schein meiner Taschenlampe war unschwer zu erkennen, dass es sich um einen gedrungenen, massiv wirkenden Klotz aus den 1940er- oder 50er-Jahren handelte. Er hatte einen dunkelblauen Emailleüberzug, und es hätte mich nicht gewundert, wenn die Farbe am Ende dicker gewesen wäre als das Metall. Mit einem ordentlichen Bohrer im Gepäck hätte ich das Ding sicher recht effektiv von der Seite in Angriff nehmen können. So aber richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den schlichten Schließmechanismus.

Es gab keine Ziffernscheibe und erst recht kein elektronisches Tastenfeld. Nur ein Messingschlüsselloch und ein Sicherheitsschloss standen noch zwischen mir und dem Innenleben des Kastens, und nachdem ich mein Werkzeug nach dem richtigen Haken und einem stabilen Spanner durchsucht hatte, klemmte ich mir die Taschenlampe zwischen die Zähne und machte mich frisch ans Werk. Wenige Augenblicke später drehte sich die schwergewichtige Zuhaltung mit einem furchtbar hallenden Ächzen, der Messinggriff drehte sich, und ein Schwall abgestandener Luft wehte mir entgegen.

Ich hielt mir die Hand vor den Mund und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. In der Mitte war ein Regalbrett, und darunter lagen vier Stoffbeutel. Die Beutel waren schwer. Ich nahm sie heraus, und als ich nachschaute, stellte ich fest, dass darin Euromünzen von unterschiedlichem Nennwert waren. Desinteressiert legte ich das Kleingeld wieder zurück. Mich interessierte nur mein Buch, nicht der schnöde Mammon.

Auf dem Regal lagen zwei Bücher mit blauem Umschlag, der am Rand ganz zerfleddert war. Die Seiten waren vergilbt, und der Text war in einer mir unbekannten Sprache verfasst – Russisch womöglich. Enttäuscht griff ich nach dem Schlüsselbund, der unter den Büchern versteckt war. Daran baumelte ein Fiat-Schlüsselanhänger. Das Auto, zu dem er gehörte, stand wahrscheinlich auf der Piazzale Roma – vermutlich wurde es nur selten benutzt, stand aber praktischerweise allzeit bereit für eventuelle Ausflüge auf das italienische Festland. Ich legte ihn zurück in den Safe und nahm den letzten Gegenstand heraus.

Ein Handy.

Das Ding wirkte billig, mit großen gummiüberzogenen Tasten und einem schwach beleuchteten einfarbigen Display, auf der eine Telefonnummer stand. Sollte ich mir je ein Handy zulegen, dann genau so eins – ein absolut schnörkelloses Basismodell ohne jeglichen Schnickschnack, mit dem man nichts weiter tun konnte als telefonieren und an einem schönen Tag, wenn der Wind gerade richtig stand, vielleicht sogar die eine oder andere SMS verschicken. Eigentlich hätte man fast behaupten können, dass dieser schmucklose Klotz so gar nichts Bemerkenswertes hatte. Doch dafür hätte man den gelben Post-it-Zettel ignorieren müssen, der mitten auf der Tastatur klebte, und den Pfeil darauf, der nach oben auf die Taste mit dem kleinen grünen Hörer zeigte. Und ich hätte mich wirklich anstrengen müssen, um die Worte zu übersehen, die jemand darauf geschrieben hatte: Ruf mich an, Engländer.

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