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Die Herren der Unterwelt 8: Schwarze Niederlage

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

New York Times und USA Today Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Shootingstar am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Die Herren der Unterwelt-Reihe gilt als ihre bislang stärkste Serie.

Gena Showalter

Die Herren der Unterwelt 8: Schwarze Niederlage

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Maike Müller

Für Donna Glass, eine Bianka Skyhawk aus
dem wahren Leben.

Deine Unterstützung und Begeisterung für die
Herren der Unterwelt bewegen mich stärker,
als ich auszudrücken vermag.

Danke, danke, tausendmal danke!
(Habe ich schon erwähnt, dass ich dir dankbar bin?)
Und alle Krieger, die derweil in der Budapester
Burg weilen, lassen dir ausrichten, dass du jederzeit
herzlich willkommen bist. Gideon fügt noch hinzu:
„Ich hoffe inständig, dass du nicht kommst!“
Und Lysander sagt, es gebe eine Wolke mit deinem

Namen – gleich neben seiner.

PROLOG

Vor eintausendfünfhundert Jahren … Oder:

Vor einer Million Jahren …

(je nachdem, wen man fragt)

Zum allerersten Mal waren die zweimal im Jahrhundert stattfindenden Harpyienspiele mit mehr toten als lebendigen Teilnehmerinnen zu Ende gegangen, und jede der Überlebenden wusste, dass daran die vierzehnjährige Kaia Skyhawk schuld war.

Dabei hatte der Tag ganz unschuldig begonnen. Als die Morgensonne hell am Himmel gestanden hatte, war Kaia Hand in Hand mit ihrer geliebten Zwillingsschwester Bianka durch das überfüllte Camp geschlendert.

Zelte von unterschiedlicher Größe standen dicht nebeneinander, und überall knisterten Feuer, um die morgendliche Kälte zu vertreiben. In der Luft lag der Duft von geklauten Keksen und gemopstem Honig. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Ein ewiger Fluch der Götter verdammte die Harpyien dazu, dass sie nur essen konnten, was sie stahlen oder sich verdienten. Wenn sie irgendetwas anderes aßen, mussten sie sich tagelang schrecklich übergeben. Deshalb war Kaias Frühstück auch recht mager ausgefallen: eine pappige Reiswaffel und ein halber Krug Wasser, beides hatte sie aus den Satteltaschen eines Menschen stibitzt.

Vielleicht wäre ein Keks von einem der gegnerischen Clans besser, dachte sie, schüttelte dann aber den Kopf. Nein, sie musste halbhungrig bleiben. Zwar lebten Harpyien nicht nach besonders vielen Regeln, aber die wenigen, die sie hatten, wurden strikt eingehalten. Wie zum Beispiel: Schlaf niemals irgendwo ein, wo dich Menschen finden könnten, zeige niemandem gegenüber Schwäche und, besonders wichtig, stiehl niemals auch nur einen Krümel Essen von einer deiner Artgenossinnen – auch nicht, wenn du sie hasst.

„Kaia?“, fragte ihre Schwester neugierig.

„Ja?“

„Bin ich das hübscheste Mädchen hier?“

„Natürlich.“ Kaia brauchte sich nicht umzuschauen, um wahrheitsgemäß zu antworten. Bianka war das hübscheste Mädchen auf der ganzen Welt. Doch manchmal vergaß sie das und musste daran erinnert werden.

Während Kaia einen ekelhaften Mopp roter Haare und langweilige, graugoldene Augen hatte, war Biankas Haar voll und herrlich schwarz und ihre Augen bernsteinfarben, was sie zum Ebenbild ihrer erhabenen Mutter, Tabitha der Teuflischen, machte.

„Danke“, erwiderte Bianka und lächelte zufrieden. „Und ich denke, du bist mit Abstand die Stärkste.“

Kaia konnte das Lob ihrer Schwester gar nicht oft genug hören. Je stärker eine Harpyie war, desto mehr Respekt bekam sie. Von allen. Und Kaia sehnte sich nach Respekt. „Sogar stärker als …“ Sie ließ den Blick über die Harpyien schweifen, die in der Nähe standen, und suchte nach jemandem, mit dem sie sich vergleichen konnte.

Jene, die alt genug waren, um sich den traditionellen Prüfungen von Macht und List zu stellen, eilten geschäftig hin und her und bereiteten sich auf das bevorstehende Turnier vor, das den Titel „Last Immortal Standing“ trug. Schwerter wurden aus Scheiden gezogen, Dolche an Wetzsteinen geschärft.

Endlich erspähte Kaia eine für ihren Vergleich geeignete Mitstreiterin. „Bin ich sogar stärker als die da?“, fragte sie und zeigte auf eine bullige Frau mit stark ausgebildeten Muskeln und breiten, im Zickzack verlaufenden Narben auf den Armen.

Die Wunden, von denen diese Narben stammten, mussten wirklich schlimm gewesen sein, denn eigentlich erholten sich die unsterblichen Harpyien schnell und vor allem restlos von ihren Verletzungen. Nur selten blieben Andenken an ihre oft raue Lebensweise zurück.

„Ohne Frage“, erwiderte Bianka loyal. „Ich wette, die würde Hals über Kopf davonrennen, wenn du sie herausfordern würdest.“

„Du hast bestimmt recht.“ Aber mal ehrlich: Wer würde denn nicht vor ihr weglaufen? Kaia trainierte härter als jede andere und hatte sogar schon ihre Trainerin besiegt. Zweimal.

Sie wollte ja nicht angeben, aber wenn die anderen aus ihrem Clan Feierabend machten, trainierte sie weiter, bis ihr der Schweiß in Strömen herunterlief, ihre Muskeln vor Anstrengung zitterten und ihre Knochen ihr Gewicht nicht länger tragen konnten.

Eines Tages, vielleicht schon bald, würde ihre Mutter stolz auf sie sein. Immerhin hatte Tabitha ihr vor ein paar Tagen abends auf die Schulter geklopft und gesagt, ihre Fähigkeiten im Dolchwerfen hätten sich fast verbessert. Fast verbessert. Noch nie war ein süßeres Lob über Tabithas Lippen gekommen.

„Komm“, sagte Bianka und zerrte an ihr. „Wenn wir uns nicht beeilen, haben wir keine Zeit mehr, uns im Fluss zu waschen, und ich will wirklich top aussehen, wenn ich zusehe, wie sich unser Clan wieder einmal den Sieg holt.“

Allein beim Gedanken an die Preise, die ihre Mutter sammeln würde, richtete Kaia sich stolz auf.

Die Harpyienspiele waren vor vielen Tausend Jahren ins Leben gerufen worden. Sie sollten den Clans Gelegenheit geben, über Missstände zu „diskutieren“, ohne einander den Krieg zu erklären – oder besser: ohne noch mehr Kriege anzufangen. Obendrein bot das Ereignis den Clans die Möglichkeit, ihr Können zur Schau zu stellen und gegeneinander anzutreten. Dazu trafen sich die Älteren der zwanzig Stämme und einigten sich im Vorfeld auf Turnierablauf und Preise.

Dieses Mal stand am Ende eines jeden der vier Wettkämpfe ein Gewinn in Höhe von einhundert Goldstücken. Zweihundert dieser Goldstücke hatten die Skyhawks bereits eingesackt. Einhundert waren an die Eagleshields gegangen.

„Erde an Kaia … braves Mädchen“, sagte Bianka, als sie ihren Schritt beschleunigte und Kaia zwang, dasselbe zu tun. „Du träumst zu viel.“

„Gar nicht.“

„Jawohl.“

„Nein!“

Ihre Schwester seufzte und gab sich geschlagen.

Kaia grinste. Da die beiden die Aufmerksamkeit einiger Harpyien auf sich gezogen hatten, strich Kaia über das Skyhawk-Kriegermedaillon, das um ihren Hals baumelte. Ihre Mutter hatte es ihr erst vor wenigen Monaten gegeben, und Kaia hütete das Symbol ihrer Kraft fast genauso sehr, wie sie ihre Zwillingsschwester hütete.

Fast jede, die ihren Blick auffing, nickte ehrerbietig, selbst die, die zu einem rivalisierenden Clan gehörten. Und die anderen … Keine Harpyie würde es wagen, auf neutralem Boden anzugreifen, weshalb Kaia sich keine Gedanken über eine mögliche Auseinandersetzung machte. Sie hätte sich ohnehin nicht gesorgt. Immerhin war sie genauso mutig, wie sie stark war.

Eine Bewegung in der Baumgruppe, die am Rande des Camps stand, ließ sie innehalten. Sie sah genauer hin. „Diese Männer.“ Sie zeigte auf die Gruppe Männer mit nackten Oberkörpern. Einige liefen frei umher, ein paar waren an Pfosten angebunden und einer war in Ketten gelegt. Soweit sie wusste, war es Männern nicht gestattet, den Ort der Spiele zu betreten, geschweige denn bei den Spielen zuzusehen. „Was machen die da?“

Bianka blieb stehen und sah in die Richtung, in die ihre Schwester zeigte. „Das sind Gemahle. Und Sklaven.“

„Ich weiß. Deshalb habe ich ja auch gefragt, was sie da machen, und nicht, was sie sind.“

„Sie erledigen Pflichten, du Dummkopf.“

Kaia zog irritiert die Augenbrauen zusammen. „Was denn für Pflichten?“ Ihre Mutter hatte stets betont, wie wichtig es war, sich zuerst um sich selbst zu kümmern, danach um seine Familie und sonst um niemanden.

Bianka dachte nach, zuckte die Achseln und sagte: „Wäsche waschen, Füße baden, Waffen fertigen. Du weißt schon, all die banalen Dinge, für die wir viel zu schade sind.“

Und was sagte ihr das? Wenn man einen Gemahl oder Sklaven hatte, brauchte man nie wieder die Wäsche zu machen. „Ich will einen haben“, verkündete Kaia, und die winzigen Flügel, die ihr aus dem Rücken ragten, flatterten wild.

Wie alle Harpyien trug sie ein bauchfreies Top, das ihre Brüste bedeckte – die zu ihrer großen Enttäuschung bei ihr noch nicht einmal ansatzweise sichtbar waren –, am Rücken jedoch offen war, damit ihre kleinen Flügel genügend Platz hatten. Schließlich waren sie die Quelle ihrer überdurchschnittlichen Kraft.

„Du weißt doch, was Mutter immer sagt“, fuhr sie fort.

„Allerdings. Mit einem netten Wort verdienst du dir ein Lächeln, aber welches Wesen, das etwas im Kopf hat, will sich schon ein Lächeln verdienen?“

„Das meine ich nicht.“

Bianka schürzte die Lippen. „Einen Menschen kann man nicht mit Freundlichkeit töten, man muss sein Schwert benutzen.“

„Das auch nicht.“

Entnervt warf ihre Schwester die Arme in die Luft. „Was denn dann?“

„Wenn man sich nicht die Schätze und die Männer nimmt, die man will, wird man die Schätze und die Männer, die man will, auch nie bekommen.“

„Ach so.“ Bianka riss die Augen auf und schaute erneut zu den Männern. „Und welchen willst du?“

Kaia tippte sich mit der Fingerspitze gegen das Kinn, während sie die Kandidaten eingehend betrachtete. Alle Männer trugen Lendenschurze, und ihre gestählten Körper waren mit Schmutz und Schweiß bedeckt, aber keiner von ihnen war derart mit Wunden und Blutergüssen übersät wie sie. Also keine Anzeichen dafür, dass sie sich auf dem Schlachtfeld bewiesen hatten. Oder wenigstens den Versuch unternommen hatten.

Nein, stimmt nicht, bemerkte sie im nächsten Moment. Der Mann in Ketten präsentierte Kampfspur über Kampfspur, und seine dunklen Augen blickten definitiv aufsässig drein. Er war ein Kämpfer. „Den“, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf ihn. „Wem gehört der?“

Bianka musterte ihn von Kopf bis Fuß und erzitterte. „Juliette der Ausmerzerin.“

Juliette Eagleshield, eine Verbündete und zugleich eine kaltherzige Schönheit, die von Tabitha Skyhawk persönlich ausgebildet worden war.

Einen Mann zu erobern, den zu zähmen die Ausmerzerin nicht geschafft hatte, wäre … „Umso besser.“

„Ich weiß nicht recht, Kye. Man hat uns gewarnt, mit keinem der Männer zu sprechen.“

Mich hat niemand gewarnt.“

„Oh doch. Das weiß ich deswegen so genau, weil du direkt neben mir standest, als Mutter die Warnung ausgesprochen hat. Wahrscheinlich hast du wieder mal geträumt.“

Sie wollte sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen. „Neue Regel: Wenn eine Tochter eine Warnung nicht hört, braucht sie sie auch nicht zu befolgen.“

Bianka schien nicht überzeugt. „Der riecht förmlich nach Gefahr.“

„Und wir lieben die Gefahr.“

„Aber wir lieben es auch zu atmen. Und ich denke, dass er uns eher in Stücke reißen würde, anstatt uns die Füße zu waschen. Ganz zu schweigen davon, was Juliette mit uns anstellt, falls es uns wirklich gelingt, ihn uns zu schnappen.“

„Vertrau mir. Juliette ist nicht so stark wie ich, sonst hätte sie ihn nicht festketten müssen.“ Sicher, Juliette war für ihre Bereitschaft bekannt, jeden jederzeit umzubringen, ungeachtet des Alters oder des Geschlechts, doch Kaia würde schon bald als das Mädchen bekannt werden, das sie übertrumpft hatte.

Ihre Schwester dachte einen Moment über das Argument nach und nickte. „Stimmt.“

„Ich werde ihm nur kurz erklären, welche Strafe ihm droht, wenn er mir nicht gehorcht, und dann wird er mir gehorchen, das verspreche ich dir.“ Die Sache war kinderleicht. Ihre Mutter wäre ja so stolz auf sie.

Tabitha war nicht auf viele Leute stolz, sondern nur auf jene, die sich ihr als ebenbürtig erwiesen hatten. Anders gesagt: Bis dato war sie auf niemanden stolz. Vielleicht war das der Grund dafür, dass jede Harpyie so sein wollte wie sie und dass jeder Mann sie für sich gewinnen wollte. Ihre Stärke war einzigartig und ihre Schönheit unerreicht. Ihre Weisheit war grenzenlos. Alle erzitterten, wenn man ihren Namen nur erwähnte. (Und wenn nicht, war es ein Fehler.) Alle respektierten sie. Und alle bewunderten sie.

Eines Tages werden mich alle bewundern .

„W…wie willst du ihn denn unbemerkt von ihr wegbringen?“, fragte Bianka. „Und wo willst du ihn verstecken?“

Hmm, gute Fragen. Doch während sie über die Antworten nachdachte, machte sich Empörung in ihr breit. Warum sollte sie ihn überhaupt unbemerkt von hier wegbringen? Warum sollte sie ihn verstecken? Wenn sie das täte, würde doch niemand von ihrer kühnen Tat erfahren. Dann würde niemand Geschichten schreiben, die von ihrer Stärke und ihrem Schneid erzählten.

Und was sie sich noch mehr wünschte als einen Sklaven, der ihre Wünsche erfüllte, waren solche Geschichten. Sie brauchte solche Geschichten. Weil sie und Bianka Zwillinge waren, wurden sie ständig damit aufgezogen, dass sie sich teilten, was eigentlich für eine Person vorgesehen gewesen war. Die Schönheit, die Stärke, einfach alles. Als ob jede von ihnen nur die Hälfte dessen besäße, was ihr eigentlich zustand.

Ich bin gut so, wie ich bin, verflucht! Und das werde ich beweisen.

Sie würde sich den Mann hier und jetzt schnappen. Vor den Augen aller Anwesenden.

Kaia platzte schier vor Tatendrang, als sie sich zu ihrer Schwester umdrehte und ihre Händen an die vom Wind rosa gefärbten Wangen legte. Biankas feine Gesichtszüge wurden von großer Sorge überschattet, doch das hielt Kaia nicht davon ab zu sagen: „Sorg dafür, dass niemand weiter geht als bis hierher. Es wird nur einen Moment dauern.“

„Aber …“

„Bitte. Tu es für mich, bitte.

Unfähig zu widerstehen seufzte ihre Schwester. „Also schön.“

„Danke!“ Kaia gab ihr einen Kuss auf den Mund und eilte davon, bevor ihre gutmütige Schwester es sich anders überlegen konnte. Sie umfasste ihren Dolch. Die Männer taten, als bemerkten sie sie nicht, als sie sich an ihnen vorbeidrängelte, und sie vernahm nicht einen Laut des Protestes. Gut. Sie hatten jetzt schon Angst vor ihr.

Nachdem sie das Objekt ihrer jungen Begierde erreicht hatte, stellte sie sich so hin, wie sie es bei ihrer Mutter schon so oft gesehen hatte. Die rechte Hüfte leicht vorgeschoben, die Faust mit dem Dolch so in die Seite gestützt, dass die Klinge nach außen zeigte.

Der Mann saß auf einem Baumstumpf und hatte die Ellbogen auf seine verschorften Knie gestützt. Den Kopf hielt er leicht gebeugt, sodass ihm die tiefschwarzen Haare in die Stirn fielen.

„Du“, sagte sie in Menschensprache. „Sieh mich an.“

Er hob den Blick und schaute sie durch seine wirren Locken an. Er sieht gut aus, dachte sie. Seine Gesichtszüge wirkten wie in Stein gemeißelt. Er hatte eine markante Nase, scharfe Wangenknochen, schmale, rote Lippen und ein kantiges Kinn.

Aus der Nähe stellte sie fest, dass die Kette nur um seine Handgelenke lag, jedoch nirgends festgemacht war. Entweder hatte Juliette keine Ahnung, wie man einen Gefangenen ordentlich festhielt, oder der Mann war schwächer, als Kaia angenommen hatte.

Enttäuschend. Aber kein Grund, ihre Pläne zu ändern.

„Du gehörst mir“, sagte sie kühn. „Vielleicht wird deine vorherige Herrin versuchen, mit mir um dich zu kämpfen, aber ich werde sie besiegen.“

„Ach ja?“ Seine Stimme war tief und kräftig und schien mit Donner und Blitzschlag getränkt. Kaia unterdrückte ein Schaudern. „Wie heißt du, kleines Mädchen?“

Sie biss fest die Zähne aufeinander. Ihre vorübergehende Beunruhigung war vergessen. Sie war kein kleines Mädchen! „Ich bin Kaia die … Stärkste. Ja, genauso heiße ich.“ Beinamen waren bei den Harpyien extrem wichtig und wurden von den Stammesführerinnen ausgewählt. Zwar wartete Kaia noch auf ihren Namen, doch sie war sich ganz sicher, dass ihre Mutter ihre Wahl gutheißen würde.

„Und was genau hast du mit mir vor, Kaia die Stärkste?“

„Ich werde dich natürlich zwingen, alle meine Bedürfnisse zu erfüllen.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Wie zum Beispiel?“

„Meine Pflichten zu erledigen. Alle meine Pflichten. Und wenn du sie nicht erledigst, bestrafe ich dich. Mit meinem Dolch.“ Sie wedelte mit besagter Waffe in der Luft herum, wobei die Klinge bedrohlich im Sonnenlicht glänzte. „Ich bin ziemlich grausam, weißt du? Ich habe schon Menschen getötet. Richtig getötet. So getötet, dass sie selbst danach noch Schmerzen hatten.“

Er reagierte weder auf ihre Waffe noch auf ihre implizierte Drohung, und sie kämpfte darum, sich ihre Frustration nicht anmerken zu lassen. Sie tröstete sich mit der Tatsache, dass die meisten Menschen keine Ahnung von den Fähigkeiten einer Harpyie hatten. Offensichtlich gehörte er zu diesen schlecht informierten Exemplaren. Weil er selbst keinen Fünfhundertkilofels hochzuheben vermochte, konnte er sich vermutlich nicht vorstellen, dass jemand anderes dazu in der Lage war.

„Und wann soll ich mit der Erfüllung dieser neuen Pflichten beginnen?“, fragte er.

„Sofort.“

„Na schön.“ Sie hatte mit einem Streit gerechnet, doch er erhob nur seinen massigen Körper von dem Baumstumpf. Götter, wie groß er war! Sie musste hoch … hoch … und noch weiter hoch schauen.

Dennoch war sie nicht eingeschüchtert. Beim Training hatte sie gegen weitaus größere Wesen gekämpft und gewonnen. Na ja, vielleicht waren sie nur ein bisschen größer gewesen. Also gut, sie waren allesamt kleiner gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob es überhaupt irgendwen gab, der so groß war wie dieser Mann. Kein Wunder, dass Juliette ihn für sich beansprucht hatte.

Kaia grinste. Ihr erster Soloangriff und dann auch noch am helllichten Tag, und sie würde das Feld mit einem Preis von vielen verlassen. Sie hatte eine gute Wahl getroffen. Ihre Mutter würde an dem Mann keinen Makel finden, ihn womöglich sogar selbst haben wollen. Wenn Kaia mit ihm fertig wäre, würde sie ihn vielleicht Tabitha überlassen.

Tabitha würde sie anlächeln, sich bedanken und ihr sagen, was für eine wunderbare Tochter sie war. Endlich. Kaias Herz setzte einen Schlag aus.

„Steh da nicht so rum.“ Noch ehe der Mann Zeit hatte, etwas zu erwidern, eilte sie mit wild schwirrenden Flügeln hinter ihn und gab ihm einen Schubs. „Beweg dich.“

Er stolperte, fing sich jedoch schnell wieder. Hoch erhobenen Hauptes ging er los. Doch kurz bevor er den Rand des Unterholzes erreicht hatte, blieb er abrupt stehen.

„Weiter“, befahl sie und schubste ihn abermals.

Er rührte sich nicht vom Fleck. Drehte sich nicht mal um, um sie anzusehen. „Ich kann nicht. Um diese Lichtung wurde ein Kreis aus Harpyienblut gezeichnet, und die Ketten hindern mich daran weiterzugehen, wenn ich nicht unerträgliche Schmerzen erleiden will.“

Sie musterte seinen muskulösen, breiten Rücken. „Ich bin doch nicht blöd. Ich werde dir die Ketten bestimmt nicht abnehmen.“ Außerdem wollte sie, dass er gefügig war, wenn sie ihn durch das Camp führte, und nicht etwa einen Fluchtversuch unternähme. Wenn Juliette erst entdeckte, was sie getan hatte, würde sie sie herausfordern. Dann bräuchte Kaia ihre volle Konzentration – Ablenkungen konnte sie sich nicht leisten.

„Es ist nicht nötig, mir die Ketten abzunehmen.“ Weder sein Ton noch sein Verhalten verrieten seine Gefühle. „Du brauchst nur dein Blut unter das Harpyienblut zu mischen und einen Tropfen davon auf die Ketten zu geben. Dann kannst du mich ohne Probleme über die Grenze führen.“

Ach ja. Von diesen Blutketten hatte sie schon mal gehört. Durch sie war ein Gefangener in einem Kreis eingesperrt, ganz gleich wie groß oder klein dieser Kreis war. Nur das Blut einer Harpyie konnte die Begrenzung aufheben. Das Blut jeder Harpyie. „Gute Idee. Ich bin froh, dass ich daran gedacht habe.“

Aufmerksam betrachtete sie das Harpyiencamp. Niemand hatte sie bemerkt, aber Bianka trat nervös von einem Bein aufs andere und sah mit flehendem Blick von Kaia zum Camp und zurück.

Geschickt schnitt Kaia sich mit dem Dolch in die Handfläche. Den scharfen Schmerz nahm sie kaum wahr. Nachdem sie ihr Blut auf den roten Ring am Boden geträufelt hatte, fuhr sie mit der Wunde über die kühlen Metallglieder zwischen den Handgelenken des Mannes. Als das erledigt war, eilte sie abermals hinter ihn und gab ihm einen Schubs.

Er stolperte über die Grenze, nur um kurz dahinter stehen zu bleiben. Er schüttelte den Kopf, streckte sich und zog die Schulterblätter zusammen. So fest der nächste Stoß auch war, er bewegte sich keinen Millimeter. Allerdings drehte er sich um und grinste sie an. Noch ehe sie begriff, was vor sich ging, hatte er ihr die Hände um den Hals gelegt und sie hochgehoben.

Sie riss die Augen auf, als er mit einer Kraft das Leben aus ihr herauswürgte, die absolut unmenschlich war.

Trotz des Sauerstoffmangels, des Nebels in ihrem Gehirn und der brennenden Kehle, begriff sie plötzlich: Er war gar kein Mensch.

Auf einmal strahlte er den puren Hass aus, und in seinen dunklen Augen tanzte ein hypnotischer Strudel. „Du dumme Harpyie. Die Ketten kann ich vielleicht nicht sprengen, aber dieser Kreis war das Einzige, das mich davon abgehalten hat, im Camp zu randalieren. Jetzt werdet ihr alle dafür sterben, dass ihr mich derart beleidigt habt.“

Sterben? Zum Teufel, nein! Du hast einen Dolch. Benutze ihn! Sie versuchte, ihn zu treffen. Doch er lachte nur grausam und schlug ihre Hand fort.

Im Hintergrund hörte sie Bianka kreischen, hörte die eiligen Schritte, mit denen ihre Schwester näher kam. Nein, versuchte sie zu schreien. Bleib weg von ihm. Dann würgte der Mann sie fester, und ihre Gedanken zerfielen in tausend Stücke.

Eine schwarze Welle warf sie in ein Meer aus nichts.

Nein, kein Nichts. Es ertönten Schreie … so viele Schreie … Ein Stöhnen, Grunzen und Knurren. Das Geräusch von Metall, das durch Fleisch glitt. Das Knacken von Knochen, die brachen. Das ekelhafte Geräusch von Flügeln, die ausgerissen wurden. Die albtraumhafte Symphonie dauerte mehrere Stunden an, vielleicht sogar mehrere Tage. Dann verstummte sie endlich.

„Kaia.“ Sie spürte, wie ihr jemand seine verhornten Hände unter die Oberarme schob und sie schüttelte. „Wach auf. Sofort.“

Sie kannte diese Stimme … Kaia kämpfte sich den Weg aus dem dunklen Meer empor und öffnete die Augen. Es verstrich ein Moment, ehe sich der dunkle Nebel lichtete und sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Im Mondlicht sah sie, wie sich eine blutgetränkte, düster dreinblickende Tabitha über sie beugte.

„Sieh nur, was du getan hast, Tochter.“ Noch nie hatte die Stimme ihrer Mutter so hart geklungen – und das wollte etwas heißen.

Obwohl sie sich am liebsten geweigert hätte, setzte sie sich auf. Sie verzog das Gesicht, als ihr der Schmerz durch den Nacken schoss, ehe er sich im restlichen Körper ausbreitete, und ließ den Blick über das Camp schweifen. Ihr kam die Galle hoch. Harpyien und … andere Dinger schwammen in blutroten Flüssen. Waffen lagen nutzlos am Boden. Stofffetzen von zerfledderten Zelten hatten sich in den Zweigen der Bäume verfangen und wehten nun wie eine traurige Parodie auf weißen Friedensfahnen im Wind.

„B…bianka?“, keuchte sie mit rauer Stimme.

„Deine Schwester lebt. Gerade noch.“

Kaia stellte sich auf die zittrigen Beine und sah in die bernsteinfarbenen Augen ihrer Mutter. „Mutter, ich …“

„Still! Ich habe dir verboten, diesen Bereich zu betreten, doch du hast mir nicht gehorcht. Und dann, dann hast du versucht, einer anderen Frau den Gemahl zu stehlen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen.“

Am liebsten hätte sie gelogen, um an dem Traum vom stolzen Lob festzuhalten. Doch sie konnte nicht. Nicht gegenüber ihrer geliebten Mutter. „Ja.“ Die Tränen brannten in ihren Augen, als der Traum im Nu zu Asche zerfiel. „Das habe ich.“

„Siehst du die Verwüstung hinter mir?“

„Ja“, wiederholte sie leise.

Tabitha zeigte keine Gnade. „Dafür bist allein du verantwortlich.“

„Es tut mir leid.“ Sie senkte den Kopf, bis das Kinn ihr Brustbein berührte. „Es tut mir unendlich leid.“

„Spar dir deine Entschuldigungen. Sie können nicht das Leid rückgängig machen, das du verursacht hast.“

Oh Götter. Jetzt lag Hass in der Stimme ihrer Mutter. Echter, purer Hass.

„Du hast Schande über unseren Clan gebracht“, sagte Tabitha und riss Kaia das Medaillon vom Hals. „Das hier hast du nicht verdient. Eine wahre Kriegerin beschützt ihre Schwestern und bringt sie nicht in Gefahr. Und dein selbstsüchtiges Handeln hat dir auch endlich deinen Beinamen eingebracht. Von diesem Moment an wirst du als Kaia die Enttäuschung bekannt sein.“ Mit diesen Worten drehte Tabitha sich um und ging davon. Unter ihren Stiefeln spritzte das Blut, und dieses Geräusch brannte sich in Kaias Ohren fest.

Sie sank auf die Knie, und zum ersten Mal in ihrem Leben schluchzte sie wie ein Kind.

1. KAPITEL

Heute.

Ich will ihn haben.“

„Wo habe ich das nur schon mal gehört? Ach ja. Am Tage des unglückseligen Zwischenfalls – den ich schwören musste, nie wieder zu erwähnen, selbst nicht, wenn man mir mit dem Tode droht. Und ich werde auch jetzt nicht darüber sprechen, also reg dich nicht unnötig auf. Ich dachte einfach, du würdest mit deinen Gefühlen heute etwas vorsichtiger umgehen.“

Kaia Skyhawk sah zu ihrer Schwester hinüber – Bianka die Hure der Himmlischen Hügel, wie Kaia sie seit Neuestem nannte. Und diesen Namen hatte ihre teure Schwester verdient. Immerhin hatte sie sich einen Engel geangelt. Einen Scheißengel. Natürlich hatte Bianka im Gegenzug Kaia einen neuen Namen verpasst: Bettwärmerin der Unterwelt, weil sie sich mit Paris eingelassen hatte, der größten männlichen Nutte, die es gab.

Dieser Name stach nicht annähernd so sehr wie der letzte. Also gut, wie der aktuelle. Harpyien hatten ein gutes Gedächtnis, und noch immer hörte sie Ausrufe wie „Seht mal her, da kommt die Enttäuschung“, wenn sie ihren Artgenossinnen über den Weg lief.

Egal. Bianka sah genauso hinreißend aus wie immer, mit den dunklen Haaren, die ihr lang über den Rücken fielen, und diesen strahlenden, bernsteinfarbenen Augen. Im Augenblick wühlte sie in einem Stapel Designerkleider, wobei sie eine Mischung aus Entschlossenheit und Sorge ausstrahlte.

„Das ist schon gefühlte Millionen Jahre her“, meinte Kaia, „und Strider ist der erste Mann, den ich … verflucht, er ist eben der erste Mann, den ich will – wirklich will“, fügte sie hinzu, bevor ihre Schwester Kommentare über ihre „Freunde“ loslassen konnte, die sie in den vergangenen Jahrhunderten so gehabt hatte.

„Wenn man es genau nimmt, ist das, wie du es nennst, erst eintausendfünfhundert Jahre her, aber wir reden ja nicht darüber. Also, was ist mit Kane, dem Hüter von Katastrophe, hm? Hattest du mit dem nicht mal irgendein Erlebnis? Etwas, das deine Sinne berührt hat oder so ähnlich?“

„Nur elektrostatische Aufladung. Sonst nichts.“

Ein amüsiertes Schnauben. „Komm, sei ehrlich.“

„Keine Ahnung. Vielleicht hat sein Dämon in mir eine verwandte Seele gespürt und in der Hoffnung, die Flammen einer Romanze zu entfachen, seine Hände danach ausgestreckt. Aber das heißt nicht, dass Kane und ich füreinander bestimmt sind. Ich fühle mich nicht zu ihm hingezogen.“

„Ist auch besser so. Okay, Kane ist also raus. Vielleicht musst du dich mal woanders nach einem Mann umsehen. Wie zum Beispiel im Himmel. Ich könnte dich mit einem Engel bekannt machen.“ Bianka hielt einen Streifen fließenden blauen Stoff hoch, der oben mit einer Reihe von Blütenapplikationen und unten mit mehreren Lagen Spitzenrüschen verziert war. „Was hältst du von dem?“

Ohne das Kleid zu beachten, presste Kaia hervor: „Keine Verkupplungsaktionen. Ich will Strider.“

„Er ist nicht gut für dich.“

Er ist perfekt für mich. „Erstens gehört er zu keiner anderen Harpyie. Zweitens ist er kein Psychopath“, sie hielt einige Sekunden inne, ehe sie einschränkte: „Na ja, jedenfalls ist er nicht immer ein Psychopath. Und drittens ist er … ist er mein Gemahl, das weiß ich.“ So. Nun hatte sie die Worte gegenüber jemand anderem als sich selbst und dem gehirngeschädigten Mann, um den es hier ging, ausgesprochen.

Mein Gemahl.

Wie Kaia inzwischen wusste, waren Gemahle extrem schwer zu finden und genau deshalb sehr kostbar. Aber sie waren notwendig. Harpyien waren von Natur aus sehr launisch, gefährlich und – wenn wütend – eine tödliche Gefahr für ihre Umwelt. Gemahle beruhigten sie. Gemahle beschwichtigten sie.

Wenn sie ihren Gemahl doch nur aus einem Katalog hätte auswählen können und fertig. Doch stattdessen suchte der Instinkt einen aus, und der Körper folgte dieser Wahl. Was an sich nicht so schlimm gewesen wäre, wenn einer Harpyie in ihrem scheinbar endlosen Leben nicht nur ein einziger Gemahl gewährt würde. Nur einer. Und wenn sie ihn verlor, litt sie bis in alle Ewigkeit – falls sie sich nicht sofort das Leben nahm.

Dass Kaia einst versucht hatte, Juliette ihren Gemahl wegzunehmen, dass Juliette die ganze Zeit über ohne ihren Mann gewesen war, ohne zu wissen, ob er lebte oder tot war, und ihn für das hasste, was er getan hatte, ihn aber trotz allem brauchte, dass Juliette noch immer einen großen Hass auf Kaia hegte und auf Rache schwor – eine Rache, auf die diese Hexe nach wie vor aus war – beschämte sie. Und zu allem Überfluss gab es nichts, was sie zu ihrer Verteidigung vorbringen konnte.

Sie war ungehorsam gewesen. Sie hatte den Mann freigelassen. Sie hatte eine nichts ahnende Gemeinschaft seiner Raserei ausgesetzt.

Jedes Jahr schickte Kaia einen Obstkorb an Juliette, zusammen mit einer Karte, auf der stand: „Das mit deinem Gemahl tut mir leid.“ Und jedes Jahr kam der Korb mit vergammelten Apfelgehäusen, schwarzen Bananenschalen und einem Bild von Juliette zurück, wie sie ihr den Stinkefinger zeigte – und mit den Worten „Stirb, du Hure, stirb“, die irgendwo mit Blut geschrieben standen.

Der einzige Grund, weshalb Juliette noch nicht angegriffen hatte, war ihr Respekt gegenüber Tabitha. Sie galt immer noch als Größe, mit der Verbündete wie Gegner rechnen mussten.

Denk nicht über die Vergangenheit nach. Sonst fällst du nur wieder in diese Gedankenspirale.

Sie würde an ihren Gemahl denken. An Strider. Den primitiven, schlampigen, idiotischen Strider. Er war ein unsterblicher Krieger, der vor langer Zeit die Büchse der Pandora gestohlen und geöffnet hatte, um „diesen Götter-Ärschen eine Lektion zu erteilen“, weil sie es gewagt hatten, „eine läppische Frau“ dafür auszuwählen, so ein „dämliches Relikt“ zu bewachen. Und wegen seiner grenzenlosen Gedankenlosigkeit waren er und seine Freunde, die ihm geholfen hatten – die berühmten und für alle außer für die Harpyien herrlich Furcht einflößenden Herren der Unterwelt – verflucht worden, für immer die Dämonen in sich zu tragen, die sie befreit hatten.

Strider, der schöne Idiot, war vom Dämon Niederlage besessen. Er konnte keine Herausforderung verlieren, ohne unsägliche Schmerzen zu erleiden. Und das führte dazu, dass er wild entschlossen war, alles zu gewinnen, sogar so etwas Albernes wie das Computerspiel „Rock Band“. Was sie nie wieder mit ihm spielen würde, weil sie erst an der Gitarre gewonnen hatte, dann am Schlagzeug und danach am Mikrofon, woraufhin er wild zu zucken angefangen und sie angeschrien hatte, ehe er das Bewusstsein verlor und sich vor Schmerzen gekrümmt hatte.

Ganz schön melodramatisch.

Seine Gewinnsucht machte ihn auf jeden Fall dämlich, egoistisch, dämlich, zu einem riesengroßen Rindvieh und dämlich! Aber es gab keinen besser aussehenden und schärferen Mann.

Keinen Mann, der weniger mit ihr zu tun haben wollte.

Hatte sie schon erwähnt, dass er dämlich war?

„Und?“ Bianka wedelte mit dem Kleid vor Kaias Gesicht herum und angelte sich so gewaltsam ihre Aufmerksamkeit. „Deine Meinung, bitte. Und zwar am besten noch heute.“

Konzentrier dich. „Töte den Überbringer der Botschaft nicht, aber in diesem Fummel wirst du wie eine völlig fertige Ballkönigin aussehen, die nicht vorhat, nach dem großen Abend mit ihrem Freund zu schlafen – weil sie keinen Freund hat. Dafür ist sie einfach zu schräg. Tut mir leid.“

Bianka zuckte nur unbeeindruckt die Achseln. „Fertige Ballköniginnen sind vielleicht schräg, aber auch heiß.“

„Wenn heiß ein Synonym für dazu verdammt, alleine zu sein ist, hast du recht. Also nur zu. Nimm das Kleid, und ich kaufe dir hundert Katzen, die dir Gesellschaft leisten, während du den Rest der Ewigkeit darüber nachgrübelst, an welchem Punkt in der Beziehung zu deinem Engel etwas falsch gelaufen ist, ohne jemals zu begreifen, dass die Probleme an diesem Abend angefangen haben.“

„Du weißt wohl gar nichts über mich, was? Hallo, ich bin ein Hundetyp. Aber schon gut, ist ja auch egal.“ Mit geschürzten Lippen knallte ihre Zwillingsschwester den Bügel zurück auf die Stange und setzte ihre Suche nach „dem perfekten Abendkleid“ fort, das sie tragen wollte, wenn sie ihrem Gemahl Lysander eine schlechte Nachricht überbringen würde.

Arme Bianka. Sie hatte sich nicht nur einen Engel geangelt, sondern sich auch noch an einen gebunden. Für immer. Lysander lebte und arbeitete im Himmel und war so langweilig, dass Kaia anderen Leuten lieber Bambussplitter unter die Fingernägel rammen würde, als Zeit mit ihm zu verbringen. Okay, schlechtes Beispiel. Denn sie liebte es, anderen Leuten Bambussplitter unter die Fingernägel zu rammen.

Wenn die Leute schrien und um Gnade bettelten, das hatte etwas vom besten Musical aller Zeiten – und sie hätte sich den ganzen Tag lang gute Musicals anhören können.

„Kaia?“, sagte Bianka. „Warum zur Hölle seufzt du?“

„Weil ich an Musicals denke.“

„An Musicals? Im Ernst? Während ich dringend deine Hilfe brauche? Könntest du mir vielleicht ausnahmsweise mal zuhören?“

„In einer Minute. Mein Gott. Ich muss noch kurz meinen Gedanken nachhängen. Die waren gerade so gut.“ Oder vielmehr war der Zwischenstopp vor den Musicals gut gewesen. Ein so langweiliger Mann brauchte einen ebenso langweiligen Spitznamen … wie … Papst Lysander der Erste. Das war gut. Er war ein Elitekrieger mit goldenen Flügeln und ja, er war ein Dämonenmörder erster Klasse und okay, er war verdammt sexy. Aber er war auch ein Moralapostel. Fast schon ein zwanghafter. Kaia erschauderte angewidert. Er war dabei, langsam, aber sicher den Spaß aus ihrer einst so reizenden Schwester zu saugen.

Lysanders Abneigung gegen unverblümten Ladendiebstahl war sogar der Grund, weshalb sie Budapest verlassen hatten, nach Alaska zurückgekehrt waren und mitten in der Nacht in die Anchorage 5th Avenue Mall eingebrochen hatten, anstatt sich das, wonach ihnen der Sinn stand, bei Tageslicht zu nehmen so wie sonst. Zu viele neugierige Blicke.

Ehrlich gesagt war Kaia dieses Entgegenkommen sogar peinlich. Ihrem Mann hätte sie gesagt, er solle sich seine Bitte „nicht vor den Augen der Menschen zu stehlen, weil es sie auf falsche Ideen bringen könnte“ in den Arsch schieben. Außerdem hatte ihr der Nervenkitzel gefehlt, den sie doch so dringend brauchte, um ihre dunkle Seite zu beschwichtigen, aber egal. Sie liebte ihre Schwester. Und außerdem stand sie so tief in Biankas Schuld, dass sie es wohl niemals begleichen könnte.

Sie sprachen zwar nie über den unglückseligen Zwischenfall, aber Kaia hatte ihn nie vergessen. (So viel zum Thema: Harpyien und ihr gutes Gedächtnis.) Jeden Tag sah sie das Bild von Bianka vor sich, die sich vor Schmerzen in ihrer eigenen Blutlache krümmte. Hörte das qualvolle Stöhnen, das über ihre aufgeplatzten Lippen quoll.

Bianka seufzte. „Okay, lass uns deine Probleme aus dem Weg räumen, damit wir uns auf mich konzentrieren können. Sag mir, warum du Strider zu deinem Herzbuben auserkoren hast. Ich weiß doch, dass du darauf brennst, von ihm zu schwärmen.“

Einen Augenblick lang konnte Kaia ihre Schwester nur anstarren. Sie musste sich verhört haben. „Willst du mich etwa verarschen? Herzbube? Hast du gerade Herzbube gesagt?“

Bianka kicherte. „Allerdings, und ich musste mir ein Würgen verkneifen. Lysanders Einfluss, du weißt schon. Egal, Strider ist ein Handlanger. Und eine Herausforderung.“ Noch ein Kichern. „Verstanden? Eine Herausforderung … er kann keine einzige verlieren … und gleichzeitig ist er selbst eine.“

Kaia verdrehte die Augen. „Ich glaube, du verbringst zu viel Zeit mit den Engeln. Dein IQ ist merklich gesunken.“

„Was? Das war doch lustig.“ Mit ihren rechteckig gefeilten, knallblau lackierten Fingernägeln trommelte sie auf die Metallstange zwischen ihnen. „Und nur zu deiner Information: Die Engel sind gar nicht so schlecht.“

„Wenn es dir guttut, dir das einzureden, nur zu, meine Liebe.“

Bianka warf ihr einen giftigen Kuss zu. „Ich sage nur, dass Strider einen auf Trab hält – und zwar nicht im positiven Sinne. Er ist – Moment, warte. Vergiss, was ich gerade gesagt habe. Er ist so egozentrisch, dass es ihn überhaupt nicht interessiert, ob er andere auf Trab hält. Er ist nicht gut für dich. Moment. Das trifft es auch noch nicht genau. Wie soll ich das nur ausdrücken? Er wird …“

„Schon kapiert! Er hat ein riesengroßes Päckchen zu schleppen und ist verdammt lästig. Worauf willst du hinaus?“

„Ich bin froh, dass dein Gehirn endlich wieder funktioniert. Wirklich traurig, dass ich dir so viel erklären muss.“ Das Funkeln in den Augen ihrer Schwester wurde matter. „Du hast ihm gesagt, was du für ihn empfindest, und er hat dich zurückgewiesen. Wenn du weiterhin auf ihn zugehst, wird ihn das wütend machen, und ein wütender, von einem Dämon besessener Krieger ist eine drohende globale Katastrophe.“

„Ich weiß.“ Wenn sie früher begriffen hätte, wie wichtig er ihr war, hätte sie nicht mit seinem Freund Paris, dem Hüter von Promiskuität, geschlafen. Auch bekannt als Paris der Sexorzist. Dieser Mann war so sinnlich, dass er jeder Frau im Nu den Kopf verdrehte. Und wenn sie nicht mit dem Sexorzisten geschlafen hätte, hätte Strider der Dämliche sie nicht zurückgewiesen.

Vielleicht.

Oder vielleicht auch doch. Denn zu ihrem Entsetzen – ja, Entsetzen und nicht verschlingende, brennende Eifersucht – begehrte er eine andere Frau. Haidee, eine hübsche Frau, die seinem Freund Amun gehörte, dem Hüter von Geheimnissen.

Aber wenigstens war Haidee tabu, und Kaia brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass Strider sich heimlich an sie ranmachte. Das hing mit dem Ehrenkodex unter bösen Dämonen und diesem Zeug zusammen.

Aber verflucht! Allein beim Gedanken daran, dass Strider eine andere Frau ansah, wurden Kaias Fingernägel zu langen, scharfen Krallen. Ihre Fangzähne wuchsen, und ihr Blut begann zu kochen. Meiner! rief jede Zelle ihres Körpers. Sie würde jede umbringen, die sich an ihn ranmachte – und jede, an die er sich ranmachte. Sie konnte einfach nicht anders. Ihre dunkle Seite würde die Kontrolle übernehmen, und sie würde beschützen, was ihr gehörte.

„Mal im Ernst: Er hat Glück, dass er noch lebt – und das nicht nur, weil ich ihm am liebsten seine Kronjuwelen abschneiden und sie vor seinen Augen an die Zootiere verfüttern würde“, fuhr Bianka fort. „Jeder Mann, der nicht erkennt, wie kostbar du bist, verdient es, ordentlich gefoltert zu werden.“

„Ich weiß.“ Nicht weil Kaia etwas Besonderes war – obwohl sie das natürlich war … irgendwie … vielleicht … verdammt noch mal, früher war sie es mal gewesen –, sondern weil niemand eine Harpyie zurückwies, ohne die schwerwiegenden Konsequenzen zu ertragen.

Die meisten Harpyien hätten sich Strider einfach genommen, ungeachtet dessen, was er wollte. Vielleicht war sie also die Dämliche, weil sie es zugelassen hatte, dass er sie wegstieß. Aber sie wollte einfach, dass er sie freiwillig nahm. Sich heimlich mit ihm davonzustehlen, hieße, ihn zu besiegen, und ihn zu besiegen, hieße, ihn zu verletzen.

Und sie konnte ihn einfach nicht verletzen. Auch nicht, wenn es sie um den Verstand brachte.

„Du bist sowieso zu gut für ihn“, meinte Bianka so loyal wie immer.

„Ich weiß“, sagte sie einmal mehr, doch diesmal log sie. Sie würde auf ewig eine Schande für ihren Clan sein. Er hatte etwas Besseres verdient.

Ihre Schwester seufzte. „Aber du willst ihn trotzdem.“ Eine Feststellung, keine Frage.

„Ja.“

„Und was willst du unternehmen, um ihn dir zu angeln?“

„Nichts“, erwiderte sie und kämpfte die aufkeimende Depression nieder. „Ich habe ihn einmal aufgespürt.“ Und er hatte sie für unzureichend befunden. „Das werde ich bestimmt kein zweites Mal tun.“

„Vielleicht …“

„Nein. Vor ein paar Wochen habe ich ihn herausgefordert, mehr Jäger zu töten als ich.“ Die Jäger – die Feinde, die alles Dämonische vernichten wollten. Die Fanatiker, die mit Vorliebe auf Unschuldige losgingen, die ihnen in die Quere zu kommen wagten. Die zum Tode verurteilten Menschen, die Bekanntschaft mit ihren Krallen machen würden, wenn sie sich Strider noch einmal näherten.

Na ja, wenn sie es wagten, sich ihm mit einer Waffe in der Hand zu nähern. Dass sie auf Knien zu ihm krabbelten, um sich für den Ärger zu entschuldigen, den sie seit Jahrhunderten verursachten, würde sie vielleicht noch tolerieren. Die Herren foltern – dieses Privileg stand allein ihr zu. Gebäude in die Luft sprengen – gähn. Ging es noch zweitklassiger? Mann, war das lästig. Den Hüter von Misstrauen enthaupten – okay, das war schon etwas mehr als nur lästig, denn immerhin hatte Strider die Sache noch immer nicht verarbeitet.

Apropos Mord an Misstrauen: Haidee hatte dabei geholfen. Ja, die Haidee. Die Frau, auf die Strider so scharf war.

Das ging nicht in Kaias Kopf. Wenn er Haidee trotz ihrer Verbrechen wollte, warum wollte er dann Kaia nicht?

„Ich wollte ihm helfen, die Männer zu töten, die hinter ihm her waren. Er sollte sehen, wie tüchtig ich bin“, fügte sie hinzu. „Er sollte meine Fähigkeiten bewundern. Aber hat er das getan? Neeeeein. Er war wütend. Er regte sich über die Schmerzen auf, die ich ihm bereiten würde. Deshalb ließ ich ihn gewinnen. Und du weißt genau, dass ich noch nie auf einen Sieg verzichtet habe.“ Das schmeckte so widerlich nach Schwäche, und es gab schon viel zu viele Leute, die sie als schwach betrachteten. „Und wie hat er es mir gedankt? Indem er mir gesagt hat, dass ich verschwinden soll.“ Er-nie-dri-gend. „Lass uns bitte das Thema wechseln.“ Bevor sie noch einen Tobsuchtsanfall bekäme und das Einkaufszentrum dem Erdboden gleichmachte. „Nach was für einem Look suchst du denn?“, fragte sie, während sie selbst die Regale durchforstete.

„Schlampig und zugleich elegant“, erwiderte ihre Schwester, ohne den Themenwechsel zu kommentieren.

„Gute Wahl.“ Sie rieb mit der Zunge über ihren Gaumen, während sie sich die bunte Sammlung von Abendkleidern ansah. „Glaubst du, es wird die Situation leichter machen, wenn du dich in Schale wirfst?“

„Bei den Göttern, das hoffe ich. Mein Plan ist, dass Lysander mir das Kleid vom Leib reißt und auf die dreckigste Art Sex mit mir hat. Und dann, während er nach Luft schnappt, werde ich die große, böse Bombe platzen lassen und blitzschnell wegrennen.“

Das hätte Kaia mit Strider auch gern gemacht – jedenfalls den Teil mit dem dreckigen Sex –, aber ihm war es ja ohnehin schnurz, was sie sagte. Das hatte er schließlich schon bewiesen. „Was willst du Lysandi denn eigentlich sagen? Was genau, meine ich.“

Bianka zuckte die scheinbar zierlichen Schultern. „Genau … weiß ich das noch gar nicht.“

„Versuch’s bei mir. Stell dir vor, ich wäre dein ekelhaft verliebter Engels-Gemahl und gestehe.“

„Okay.“ Bianka seufzte, setzte sich gerade hin und sah Kaia ängstlich aus ihren bernsteinfarbenen Augen an. „In Ordnung. Es geht los.“ Eine Pause. Ein Schlucken. „Liebling, ich, äh, muss dir was sagen.“

„Und was?“, erwiderte Kaia mit tiefer Stimme. Sie stützte sich mit den Ellbogen auf die Kleiderstange, sodass sich die Bügel in ihre Haut bohrten. „Schnell raus damit. Ich muss nämlich meinen Feenstaub versprühen und meinen Zauberstab schwingen, wenn …“

„Er versprüht keinen Feenstaub! Er ist ein Killer, verflucht.“ Die Empörung verschwand genauso schnell, wie sie gekommen war. „Aber was diesen Zauberstab angeht …“ Bianka erschauderte und grinste frech. „Der ist wirklich groß. Wahrscheinlich größer als Striders.“

Kaia sah sie nur erwartungsvoll an.

Ihre Schwester atmete tief ein und langsam wieder aus. „Also gut. Weiter im Text. Liebling, zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wurde meine Familie eingeladen, an den Harpyienspielen teilzunehmen. Warum zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, fragst du dich bestimmt. Tja, das ist eine lustige Geschichte. Weißt du, meine Zwillingsschwester hat etwas Saublödes gemacht und …“

„Ich bin mir sicher, dass du bei diesem Teil übertreibst“, unterbrach sie Bianka, noch immer mit der tiefen Lysander-Stimme. „Deine Schwester ist die stärkste, intelligenteste Frau, der ich je begegnet bin. Und jetzt erzähl mir etwas Wichtiges.“

„Wie dem auch sei“, fuhr Bianka in sanftem Ton fort. „Ich weiß nicht genau, warum wir eingeladen wurden, aber vor ein paar Tagen kam eine Karte mit geprägter Goldschrift via Harpyien-Express, die nach unserer Aufmerksamkeit verlangte. Wir können die Einladung nicht ablehnen, ohne große Schande über unseren gesamten Clan zu bringen. Wir würden als Feiglinge abgestempelt, und wie du weißt, bin ich kein Feigling. Deshalb … breche ich in einer Woche auf und werde für vier Wochen weg sein. Ach ja, die vier Disziplinen, auf die man sich geeinigt hat, sind ziemlich blutrünstig – möglicher Verlust von Gliedmaßen und definitive Folter inklusive. Also, bis dann.“ Sie winkte mit dem kleinen Finger, hielt inne und wartete auf Kaias Reaktion.

Kaia nickte. „Gefällt mir. Knackig, informativ und selbstbewusst. Er wird keine andere Wahl haben, als dich ohne große Aufregung gehen zu lassen.“

Bianka sah schon ein wenig unbesorgter aus. „Denkst du das wirklich?“

„Bei den Göttern, nein. Auf keinen Fall. Er wird total ausflippen. Du kennst ihn doch. Beschützer über alle Maßen.“ Bianka hatte wirklich Glück. „Was hältst du davon?“ Sie hielt ein kaum sichtbares Kleidchen hoch, das an den Seiten von dünnen Silberketten zusammengehalten wurde.

„Das ist toll. Perfekt. Und du bist eine alte Ziege.“

Kaia lächelte reuelos. „Aber du liebst mich trotzdem.“

„Wie du selbst gesagt hast: Mein IQ ist gesunken.“ Bianka kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Okay pass auf. Ich denke, so wird es nach meinem Geständnis ablaufen. Zuerst wird er versuchen, mich aufzuhalten.“

„Du hast es erfasst.“

„Dann, wenn er merkt, dass ihm das nicht gelingt, wird er darauf bestehen, mich zu begleiten.“

„Wieder richtig. Ist das okay für dich?“ Alle würden sich darüber lustig machen, dass sie sich an einen Wohltäter gebunden hatte. Sogar ihre Mutter. Insbesondere ihre Mutter. Tabitha hasste Engel mehr als die meisten anderen, da sie immer gedacht hatte, der Vater ihrer jüngsten Halbschwester sei ein Engel, und dem Mann die Schuld an Gwens vermeintlicher Schwäche gegeben hatte.

„Ja.“ Bianka lächelte verträumt. „Das ist okay für mich. Ich bin nicht gerne von ihm getrennt. Außerdem werde ich jeden töten, der schlecht von ihm spricht, was die Turniertage für mich noch interessanter machen wird.“

„Ganz zu schweigen davon, dass das die Konkurrenz ausdünnen wird, weil ich dich bei dieser Aufgabe unterstützen werde.“ Wie sehr sie sich doch wünschte, sie könnte Strider mitnehmen.

Nein, lieber doch nicht, dachte sie im nächsten Moment. Den Göttern war Dank, dass er sie nicht begleitete. Sie wurde von den Angehörigen sämtlicher Harpyien-Clans verschmäht und würde vor lauter Demütigung sterben, wenn er sähe, dass ihre Artgenossinnen ihr den Rücken kehrten. Außerdem würde sie sich in Grund und Boden schämen, wenn er ihren verhassten Spitznamen zu hören bekäme.

Ein Soldat wie Strider schätzte Stärke. Das wusste sie genau, weil sie ein Soldat wie Strider war.

Der Gedanke, der ihr als Nächstes in den Sinn kam, traf sie hart in die Magengrube – Haidee war stark. Diese Schlampe. Obwohl sie (zum Großteil) ein Mensch war, hatte diese Frau es geschafft, dem Tod wieder und wieder von der Schippe zu springen und wiederaufzuerstehen, um gegen die Herren zu kämpfen. Bis sie sich in Amun verliebt hatte.

Wenn ich Amun nicht so verehren würde, ich würde diese Frau zurück ins Grab schicken – und zwar zum letzten Mal, verflucht! Niemand erregte Striders Aufmerksamkeit, ohne unvorstellbar dafür zu leiden.

Vielleicht würde Kaia vor ihrer Abreise zu dem Turnier noch dafür sorgen, dass die Frau von einer Horde Kopfläuse heimgesucht würde oder so ähnlich. Niemand würde verletzt, Strider würde verprellt und Kaia hätte das Gefühl, sich irgendwie gerächt zu haben. Also eine absolute Win-win-Situation.

„Hörst du mir zu, oder habe ich dich wieder an deine Gedanken verloren?“, fragte Bianka genervt.

Sie riss sich zusammen. „Ja, ich höre zu. Du hast von … großen Konsequenzen gesprochen.“

„Du hast ja wirklich zugehört“, sagte ihre Schwester und legte sich eine Hand aufs Herz. „Danke für dein Angebot, mir zu helfen, jeden zu bestrafen, der Lysander beleidigt. Du bist von allen auf der Welt meine Lieblingsverbündete, Kye.“

„Und du meine, Bee.“ Für Bianka würde sich alles zum Guten wenden. Lysander würde sie blind unterstützen, und die Harpyien würden sehen, wie hartnäckig er sein konnte, und klein beigeben. Für Kaia hingegen … Nein, für sie würde sich gar nichts zum Guten wenden.

„Unsere geliebte Mutter wird auch da sein“, meinte Bianka und bemühte sich um eine Gleichgültigkeit, die keine von beiden bei dem Thema verspürte, „und sie wird ihn hassen, nicht wahr?“

„Mit Sicherheit. Aber andererseits hat sie einen lausigen Männergeschmack. Sieh dir unseren Vater an: ein Phönix-Gestaltwandler alias die schlechteste von allen schlechten unsterblichen Rassen. Immerzu plündern sie irgendwelche Städte und brennen alles nieder. Ehrlich, man muss schon eine ziemlich dumme Nuss sein, um sich mit so einem einzulassen. Und das bedeutet was? Dass Mutter eine ziemlich dumme Nuss ist. Ich würde mir Sorgen machen, wenn sie Lysander mögen würde.“

Aber was würde Tabitha von Strider halten?

Bianka kicherte tief und leise. „Du hast recht. Mit beidem.“

„Und soll ich dir noch was sagen? Sie kann mich mal.“ Starke Worte. Doch im Innern war Kaia noch immer das kleine Mädchen, das sich nach der Anerkennung seiner Mutter sehnte. „Aber vielleicht … ich weiß nicht … vielleicht wird sie das Kriegsbeil mit mir ja endlich begraben.“ Götter kam dieser sehnsüchtige Ton wirklich aus ihrem Mund?

Bianka beugte sich über das Regal und tätschelte ihre Schulter. „Ich zerstöre wirklich nur ungern deine Hoffnungen, Schwesterchen, aber das Kriegsbeil wird sie nur dann begraben, wenn sie es in deinem Rücken vergraben kann.“

Sie bemühte sich, nicht in sich zusammenzusacken. „Du hast ja so recht.“ Und es wäre ihr egal. Egal. Wirklich. Aber warum, warum, warum hielt niemand außer ihrer Schwester sie für gut genug?

Ein Fehler, nur ein einziger – und das auch noch, als sie ein Kind gewesen war – und ihre Mutter hatte sie abgeschrieben. Ein Fehler, nur ein einziger, und Strider wollte sich nicht mit ihr einlassen. Dabei war es ja nicht so, dass sie ihn betrogen hatte. Sie waren beide seit Jahren Single und noch nicht mal miteinander aus gewesen. Sie hatten sich noch nie geküsst. Sich noch nicht mal richtig unterhalten. Und die Nacht, als sie mit Paris geschlafen hatte? Da hatte sie nicht gewusst, dass sie Strider einmal sexuell attraktiv finden würde. Oder überhaupt attraktiv.

Er hätte ihre Anziehungskraft von Anfang an registrieren und versuchen müssen, sie zu verführen. Wenn man also darüber nachdachte, lag die Schuld ganz allein bei ihm. Oder vielleicht bei seinem Dämon. Niederlage musste erst noch begreifen, dass sie zu verlieren viel schlimmer wäre, als eine Herausforderung zu verlieren. Sonst würde Strider ohne sie schrecklich leiden.

Sie wollte, dass er ohne sie furchtbar litt.

Der Dämon war fest an Strider gebunden. Ohne ihn konnte der Krieger nicht überleben. Vielleicht also … könnte sie irgendetwas unternehmen, um den kleinen Teufel auf ihre Seite zu ziehen. Falls sie sich überhaupt entschlösse, noch einen Angriff zu wagen. Was sie nicht täte. Denn wie sie bereits ihrer Schwester gesagt hatte: Sie hatte ihre Chance bei ihm verspielt. Außerdem würde es ziemlich verzweifelt rüberkommen, wenn sie sich ihm noch einmal näherte. Es reichte, dass sie verzweifelt war, das musste sie nicht auch noch offen zur Schau stellen.

Götter, das war vielleicht deprimierend. Und ärgerlich! Zwar war sie es gewohnt, Widerstände zu zerstören, aber wie sollte sie gegen einen Mann kämpfen, den sie zugleich beschützen wollte?

„Woran denkst du gerade?“, wollte Bianka wissen. „Deine Augen sind fast pechschwarz, was mir verrät, dass jeden Moment deine Harpyie die Kontrolle übernimmt, und …“

„Hey. Hey Sie! Was machen Sie hier?“, rief jemand.

Während sie sich zwang, ruhig zu atmen und sich zu beruhigen, warf sie einen kurzen Blick über die Schulter. Na super. Der Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums war eingetroffen. „Mir geht’s gut, wirklich. Treffen wir uns zu Hause?“, fragte sie und warf ihrer Schwester das ausgesuchte Kleid zu.

„Ja.“ Bianka fing das Kleid auf und stopfte es sich unters T-Shirt. „Hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“

Dann flitzten sie in unterschiedliche Richtungen davon.

„Stehen bleiben! Oder ich schieße!“

Da Kaias rote Haare in der Dunkelheit förmlich leuchteten und sie zum leichteren Ziel machten, entschied sich der Wachmann – der im Übrigen nicht schoss, der Lügner – ihr zu folgen, während er über Funk Verstärkung anforderte. Dass sie ihm den Stinkefinger gezeigt hatte, ehe sie um die erste Ecke gebogen war, hatte damit sicher nichts zu tun.

Fast alle Lichter in dem Geschäft waren ausgeschaltet, und auch im restlichen Einkaufszentrum war die Beleuchtung eher spärlich. Doch dank ihrer überdurchschnittlich guten Harpyienaugen spielte das keine Rolle. Routiniert blickte sie durch die Dunkelheit, während sie sich blitzschnell den Weg in Richtung Ausgang bahnte. Nur leider kannte der Mensch die Umgebung besser als sie und schaffte es, ihr auf den Fersen zu bleiben.

Zeit für die nächste Stufe.

Ihre Flügel begannen zu flattern … machten sich bereit … Doch kurz bevor sie in Hypergeschwindigkeit davonsausen konnte, tat der Wachmann das Undenkbare und verpasste ihr eins mit seiner Elektroschockpistole. Also doch kein Lügner. Kaia fiel aufs Gesicht, während sich der Sauerstoff in ihrer Lunge in Feuer verwandelte. Sie war nur noch wenige Zentimeter vom Ausgang entfernt, doch ihre verkrampften Muskeln hinderten sie daran, ihre Flucht fortzusetzen.

Sie hätte sich die Klemmen der Waffe vom Rücken reißen können. Sie hätte sich umdrehen, einen der vielen Dolche an ihrem Körper packen und dem Schmerz ein Ende bereiten können. Oder dem Menschen. Aber das hier war ihre Heimatstadt, und sie wollte die Einwohner nicht umbringen. Oder besser gesagt: Nicht mehr als einen Einwohner pro Tag, und dieses Limit hatte sie heute schon erreicht.

Eine Lüge, aber das war jetzt egal.

Außerdem fiel ihr keine Rechtfertigung ein, weshalb sie den Wachmann töten sollte, nachdem sie bei der Verfolgungsjagd nicht alles gegeben hatte – in dem Wissen, dass er ihr geben konnte, wonach sie sich insgeheim sehnte: einen Grund, Strider zu rufen.

Irgendjemand würde sie schließlich aus dem Gefängnis befreien müssen.

2. KAPITEL

Strider wartete im Eingangsbereich des Anchorage Police Department. Sein Freund Paris war bei ihm. Die Kaution für Kaia hatten sie bereits hinterlegt, nun warteten sie darauf, dass man sie in ihre Obhut entließ. Komm schon, Rotschopf. Beeil dich. Ein Polizist nach dem anderen musterte Strider argwöhnisch von Kopf bis Fuß – die Leibesvisitationen, die er schon über sich hatte ergehen lassen müssen, waren weitaus weniger invasiv gewesen –, während ihre Kolleginnen ihn mit den Blicken auszogen. Ihn und Paris.

Sie waren bewaffnet, ja. Strider hätte nicht einmal eine Kirche im Himmel besucht, ohne irgendwo ein paar Messer zu verstecken – insbesondere seitdem er wusste, dass der Himmel von einem verfluchten Riesenarschloch von Engel bewacht wurde –, geschweige denn ein Gebäude betreten, das bis unters Dach mit Waffen und Menschen gefüllt war, die eben diese Waffen zu benutzen wussten. Bisher hatte niemand eine Bemerkung fallen lassen, aber sie konnten die hübsche Sammlung, die er unter Jacke, T-Shirt und Jeans verbarg, ja auch nicht sehen.

„Warum müssen wir beide uns schon wieder darum kümmern?“, fragte Paris. Mit seiner Größe von zwei Metern und den gestählten Muskeln war der Hüter von Promiskuität – vorsichtig ausgedrückt – ein Koloss. Und fünf Zentimeter größer als Strider, der Mistkerl, aber – und das war ein großes Aber – nicht annähernd so stark.

Nach den zahllosen Kämpfen, die sie schon ausgetragen hatten, war das nicht nur Striders subjektive Wahrnehmung, sondern eine unumstößliche Tatsache.

„Ich war ihr noch einen Gefallen schuldig“, erwiderte er, darum bemüht, keine Emotionen zu zeigen. Denn in Wahrheit wäre er lieber im Kerker des Feindes eingeschlossen und ließe sich foltern, statt hier zu sein. In Wahrheit wollte er Kaia nicht wiedersehen. Niemals. In Wahrheit wollte er nicht, dass Paris Kaia je wiedersah. Nie, nie, niemals. „Und sie hat ihn eingefordert.“

„Was für einen Gefallen?“

„Das geht dich nichts an, klar?“ Er wollte nicht darüber nachdenken und schon gar nicht darüber reden. Das wäre viel zu peinlich. Fast, wie in der Öffentlichkeit mit heruntergelassener Hose erwischt zu werden.

Moment. Schlechtes Beispiel. Mit „heruntergelassenen Hosen“ sah er nämlich gut aus. Sehr gut sogar.

Stopp. Ego-Alarm. Er hatte sich vorgenommen, sich nicht immerzu für all seine wundervollen Qualitäten auf die Schulter zu klopfen. Das war den anderen Erdenbürgern gegenüber nicht fair. Sie konnten nichts dafür, dass sie ihm in jeder Hinsicht unterlegen waren.

„Also ich schulde ihr nichts.“ Paris sah ihn mit funkelnden Augen an. Er wirkte angespannt. Tragischerweise, äh, zum Glück schmälerte das seine Attraktivität nicht im Geringsten. Er hatte Haare, die jede Frau vor Neid erblassen ließen. Voll und in unterschiedlichsten Farben schimmernd, von dunkel wie die Nacht bis golden wie Honig. Und für einen Blick in sein schönes Gesicht hätten die meisten Frauen wohl getötet.

Kaia hatte sich wahrscheinlich in diesen Haaren festgekrallt und dieses Gesicht mit Küssen bedeckt.

Strider biss die Zähne aufeinander. „Du hast mit ihr geschlafen. Muss ich dich wirklich daran erinnern?“

„Nein danke. Aber so gesehen ist sie mir einen Gefallen schuldig. Und jetzt bist du mir ebenfalls was schuldig, so wie du mich herbeizitiert und meine Suche unterbrochen hast, nur damit ich dir helfe.“ Sein Ton war so beißend wie Säure. Nicht wegen Strider, sondern wegen der „Suche“.

Sienna, die Frau, nach der Paris sich mehr sehnte als nach irgendetwas sonst, wurde im Himmel als Sklavin des Götterkönigs gefangen gehalten. Und noch schlimmer: Sie war vom Dämon Zorn besessen. Paris hoffte inständig, sie zu finden, zu retten und alle zu bestrafen, die ihr wehgetan hatten.

Strider presste die Zunge an den Gaumen und zwang sich zu schweigen. Paris hatte sein „Ein und Alles“ gefunden, wie der Vollidiot sich seit einiger Zeit ausdrückte, und dennoch mit Kaia geschlafen. Nach Striders Meinung sollte ein Mann, der ein „Ein und Alles“ hatte, nicht so herumhuren. Ja, ja, Paris konnte nicht anders. Wegen seines Dämons musste er jeden Tag mit einer anderen Frau schlafen, sonst wurde er immer schwächer oder … starb.

Ein winziger Teil von Strider wünschte beinahe, sein Freund hätte sich fürs Schwächerwerden entschieden, anstatt die Harpyie anzufassen.

Natürlich bekam er bei dem Gedanken sofort ein schlechtes Gewissen. Kaia war nicht Striders Ein und Alles, falls es so etwas für ihn überhaupt gab. Sie musste sich ständig beweisen, war zu stark und zu sehr darauf aus, ihm das Leben schwer zu machen. Die Ironie des Ganzen war ihm sehr wohl bewusst. Er verhielt sich allen anderen gegenüber genauso. Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte, und besitzergreifend, wie er schon immer gewesen war, gefiel ihm die Vorstellung überhaupt nicht, dass sie mit einem anderen Mann schlief.

Vor allem, weil er in allem, was er tat, der Beste sein musste. Wegen seines Dämons musste er gewinnen – auch im Bett. Und da er niemanden kannte, der mehr Erfahrung hatte als Paris, gab es keine Chance für Strider, auf diesem Gebiet zu siegen.

Vielleicht hätte er die anderen Gründe ignorieren können, aus denen er Kaias in letzter Zeit immer stärker werdende Avancen abwies. Aber diesen einen konnte er nicht vergessen. Nicht mal für eine einzige Nacht. Denn ein Mann, der einmal von der verbotenen Frucht probiert hatte, würde zurückkehren und mehr haben wollen. Da sein Verstand schon arg angeschlagen war, könnte er nicht anders. Strider würde also immer wieder zu ihr zurückkehren, und jedes Mal, wenn er sie berührte, sie schmeckte und ihr mit den Zähnen das Höschen auszöge, würde er Schmerz in seiner reinsten Form erfahren.

Ja, Strider war verdammt gut im Bett. Und das sollte kein Eigenlob sein. Das mache ich ja nicht mehr, erinnerte er sich. Na gut, weil er so außergewöhnlich talentiert war, würde er noch einmal eine Ausnahme machen. Er war besser als „gut“. Er war eine Granate. Aber er ließ sich niemals auf einen Kampf ein, den zu gewinnen er sich nicht sicher war. Nichts war die körperlichen und seelischen Qualen wert, die eine Niederlage mit sich brachte, und Paris war vermutlich noch besser als eine „Granate“.

Nein. Nicht „vermutlich“, wenn Strider dem Gestöhne glauben konnte, das aus den zahlreichen Hotelzimmern erklungen war, die Paris in den vergangenen Jahrhunderten schon angemietet hatte.

Aber das Glücksgefühl, das ein Sieg mit sich brachte … süße Götter im Himmel. Das war sogar besser als Sex. Strider war genauso süchtig nach diesem Rausch wie Paris nach Ambrosia, der Droge der Unsterblichen. Lieber würde er einem geliebten Freund die Kehle durchschneiden, als von ihm – oder ihr – besiegt zu werden. Und sei es auch in so etwas Unwichtigem wie einem Buchstabierwettbewerb.

Die beste Art, Sieg zu buchstabieren? T-Ö-T-E-N.

„Wie auch immer“, holte Paris ihn zurück in die Gegenwart. „Was hat Kaia für dich getan, dass du bereitwillig Schulden bei mir machst?“

„Wie gesagt: Das geht dich nichts an. Hast du was an den Ohren?“

„Nein, aber ich dachte, wenn ich weiter nachbohre, knickst du vielleicht ein.“

„Falsch gedacht. Nur zur Erinnerung: Ich bin etwas sturer als die meisten. Und außerdem habe ich bei dir keine Schulden gemacht. Im Gegenzug für deine Hilfe habe ich mich bereit erklärt, mit dir nach Titania zu gehen und nach Sienna zu suchen.“ Titania. Bescheuerter Name. Aber Cronus, dieser egomanische Götterkönig, hatte den Olymp neu benannt, um die eingekerkerten Griechen, die hier einst regiert hatten, zu ärgern.

Man brauchte schon Eier aus Titan, um einen Ort nach sich selbst zu benennen. Ihn würde interessieren, was Cronus damit zu kompensieren versuchte.

Nicht dass Strider und sein bestes Stück, das er bescheidenerweise Stridey-Monster nannte, dazu etwas hätten sagen können. Sie waren in jeder Hinsicht perfekt.

Ego-Alarm. Verdammt noch mal. Wie oft würde er den heute noch ausrufen müssen?

„Du hast mir einen riesigen Schuldschein ausgestellt, Alter. Du hast dich nämlich auch bereit erklärt, diesen Vollidioten William zu kidnappen und mitzunehmen“, meinte Paris.

„Ich habe mich auch bereit erklärt, diesen Vollidioten William zu kidnappen und mitzunehmen, ja.“ Und das ärgerte ihn noch immer maßlos. William, ein sexsüchtiger Unsterblicher, der mit Kaia schlafen wollte. Leider war Willy momentan auch die einzige Person, die Sienna sehen konnte. Sienna war nämlich tot, und er hatte die Fähigkeit, Tote zu sehen.

Außerdem war es hilfreich, dass der Kerl sich hin- und herbeamen konnte. Aus irgendeinem Grund kehrten die Fähigkeiten, derer die Götter ihn einst beraubt hatten, nun zurück.

Egal. Strider und seine Gefährten hatten in der jüngsten Vergangenheit gelernt, dass „tot“ nicht notwendigerweise „für immer fort“ bedeutet. Nicht für Menschen und ganz gewiss nicht für Unsterbliche. Ganz im Gegenteil. Seelen konnte gefangen, manipuliert und … missbraucht werden. Sienna gehörte zur Sorte „missbraucht“, und Paris war fest entschlossen, sie zu retten.

Der besessene Krieger verlagerte das Gewicht von einem gestiefelten Fuß auf den anderen. Hinter dem Schalter stöhnte eine Frau, als sei die Bewegung für sie die reinste Folter. „Du hast mir deine Hilfe angeboten, obwohl du wusstest, dass du Sienna auf jeden Fall finden musst – ganz egal, wie lange es dauert. Sonst leidest du Qualen. Furchtbare Qualen.“

Was Strider anging, konnte es gar nicht lange genug dauern. Je größer die Distanz zwischen ihm und Kaia war, desto besser. Er musste sich beweisen, dass er fortgehen und sie vergessen konnte.

Das hatte er schon einmal getan. Das Problem war nur, dass er sie nun besser kannte und sich stärker zu ihr hingezogen fühlte.

„Du bist wochenlang im Himmel gewesen, ohne Fortschritte zu machen“, meinte Strider. „Du brauchtest mich.“

„Ja, aber du brauchst mich nicht. Nicht für so etwas Einfaches.“

Doch. Das tat er. Er musste Paris und Kaia zusammen sehen. Er musste sich in Erinnerung rufen, warum er sie nicht haben konnte. Warum er aufhören musste, die ganze verdammte Zeit an sie zu denken. Warum sie schlecht für ihn war. Am besten, bevor sein Dämon beschloss, dass sie sich Kaia nehmen müssten – oder Schlimmeres.

Außerdem musste Strider aus Budapest fliehen, um Abstand zu Amun und dessen neuer Freundin Haidee zu bekommen. Strider hatte zweitklassige Annäherungsversuche bei ihr gestartet, doch sie hatte ihn abgewiesen. Sicher, er hatte sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit beleidigt und gedroht, ihr den Kopf abzuschlagen, aber meine Güte – dafür hatte er auch exzellente Gründe gehabt.

Haidee war früher eine Jägerin gewesen, hatte seinen besten Freund Baden getötet, den Hüter von Misstrauen, und hatte versucht, sein Zuhause zu zerstören.

Dennoch hatte er sie begehrt. Und jetzt wurde er bei ihrem Anblick jedes Mal an seine Niederlage erinnert. An seinen Verlust. An den folgenden Schmerz. Aber – und das war der Knackpunkt – er hatte niemals Schwierigkeiten gehabt, ihr zu widerstehen. Er hatte ohne Probleme seine Zunge, seine Hände und sein Lieblingsanhängsel bei sich behalten.

Kaia hingegen würde dieses Wohlwollen nicht erfahren, wenn sie Zeit zu zweit verbrächten. Schon jetzt lief ihm bei der Vorstellung, wie sie wohl schmecken mochte, das Wasser im Mund zusammen; schon jetzt juckten seine Hände vor lauter Lust, sie zu berühren, und sein bester Freund ragte in peinlicher Vorfreude steil empor.

Oh ja. Er musste sich so weit wie möglich von der gesamten Situation entfernen.

„Stridey-Man. Bist du bei mir oder was?“

Er blinzelte und kehrte in die Gegenwart zurück. Paris. Polizeirevier. Bewaffnete Menschen. Ständig mit den Gedanken abzuschweifen, war dämlich. Kaia warf er immer vor, dass sie sich nicht konzentrierte – noch ein Grund, ihre Nähe zu meiden. „Ich will nicht darüber reden“, war alles, was er erwiderte.

Paris wollte ihm gerade eine passende Antwort geben, da vernahmen sie das willkommene Klappern von Absätzen auf dem benachbarten Korridor. Kurz darauf bog Kaia um die Ecke. Die seidigen roten Haare fielen ihr wirr über den Rücken, die graugoldenen Augen leuchteten und ihr sinnlicher Körper bewegte sich in einem verführerischen Takt, den hoffentlich nur Strider hören konnte. Zumindest betete er dafür.

Nein. Er wollte ihn gar nicht hören, also würde er auch nicht beten, dass nur er ihn hören könnte. Aber falls noch jemand diesen Takt hörte, würde er ihm aus beiden Ohren das Trommelfell herausreißen. Weil Kaia trotz allem seine Freundin war. Sie hatten gemeinsam gegen den Feind gekämpft und füreinander Blut vergossen. Sie hatten sogar miteinander gescherzt und gelacht, verdammt. Also waren sie Freunde, und er konnte es nicht leiden, wenn jemand seine Freunde schikanierte. Und das war der einzige Grund, verflucht. Dasselbe hätte er für Paris getan – der gut daran täte, diesen Takt nicht zu vernehmen!

„Bringen Sie sich nicht noch einmal in Schwierigkeiten, hören Sie?“, sagte der Officer, der sie begleitete, mit unverhohlener Zuneigung. Am liebsten hätte Strider den Kerl dafür umgebracht, dass er sie so unverblümt belästigte – oder überhaupt mit ihr sprach. „Wir alle lieben Sie, aber wir wollen Sie hier nicht noch einmal sehen.“

Beruhig dich. Du bist nicht mit ihr zusammen, und du wirst auch nicht mit ihr zusammen sein. Oder sie küssen. Am ganzen Körper. Ob der Bulle mit ihr flirtet oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle.

„Als ob ich mich ein viertes Mal erwischen lassen würde“, erwiderte sie und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln.

Bei diesem Anblick zog sich Striders Brust zusammen. Niemand sollte so volle rote Lippen haben oder so gerade weiße Zähne. Da war es auch nicht gerade hilfreich, dass sie pinkfarbene, kniehohe Schlangenlederstiefel trug, kombiniert mit einem ultrakurzen Jeansrock und einem weißen Trägertop, durch das man ihren weißen Spitzen-BH sehen konnte.

Ein Wunder, dass sie heute überhaupt einen BH trug.

Als sie ihn erblickte, blieb sie kurz stehen, und ihr Lächeln verblasste. Er wusste nicht genau, welche Reaktion er von ihr erwartet hatte, aber Zurückhaltung ganz sicher nicht.

Ihr Blick wanderte zu Paris, und ihr Lächeln kehrte zurück. Genau wie das Engegefühl in Striders Brust. „Hey, Fremder. Was machst du denn hier?“

„Das weiß ich auch nicht so genau.“ Paris warf seinem Freund einen finsteren Blick zu. „Nicht dass ich unglücklich bin, dich zu sehen, versteh mich nicht falsch.“

„Schon klar. Ganz meinerseits. Und danke fürs Abholen. Das weiß ich sehr zu schätzen.“

„Jederzeit. Nur hoffentlich nicht so bald wieder.“

Sie lachte leise, und dieses warme, volle Geräusch barg einen erotischen Unterton, der sanft über Striders Haut streichelte. „Versprechen kann ich’s nicht.“

Obwohl die beiden nicht miteinander flirteten, kratzten ihre Stimmen an seinen Ohren. Vielleicht weil er insgeheim darauf wartete, dass sie einander anhimmelten, damit seine Hormone endlich kapierten, dass sie Sperrzone für ihn war.

Er hatte das Gefühl, dass er sich so oder so geärgert hätte.

Wie zuvor ihr Lächeln verging jetzt ihr Lachen, als sie ihre Aufmerksamkeit auf Strider richtete. „Aha“, sagte sie. „Du also.“ Sie klang, als hätte sie gerade eine fleischfressende Bakterienkultur auf ihrer Schuhsohle entdeckt.

Die Unfreundlichkeit ist keine Herausforderung, informierte er seinen Dämon, als der dämliche Kerl den Kopf reckte.

Keine Antwort. Fakt war: Niederlage war von Kaia eingeschüchtert und wollte so selten wie möglich ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Eigentlich ließ Niederlage sich ohnehin nur dann dazu herab, mit Strider zu sprechen, wenn sein Kampfgeist beteiligt war.

Strider zog es jedoch vor, wenn sich der kleine Bastard in seinem Kopf zurückzog und sich als dunkler, stiller Schatten zeigte, der sich leicht ignorieren ließ.

„Ich habe damit gerechnet, dass du jemanden schickst, und nicht selbst kommst“, fügte Kaia hinzu und lehnte sich auf ihren Absätzen zurück.

„Nach der Nachricht, die du mir hinterlassen hast?“ Er schnaubte. „Wohl kaum.“

„Heulst du etwa? Weil ich da so einen weinerlichen Schuljungen höre.“

Ich finde sie nicht amüsant. „Ich heule nicht.“

Er hatte sich diese Nachricht tausendmal angehört und kannte jedes Wort und jeden Atemzug auswendig. Piep.

Strider? Hey. Hier ist Kaia. Weißt du noch? Die Frau, die dir vor ein paar Wochen das Leben gerettet hat. Dieselbe Frau, die du danach mit Füßen getreten hast. Tja, heute ist Zahltag. Schwing doch bitte deinen trägen Hintern aus dem Bett und hol mich aus dem Gefängnis, bevor ich mich dazu entschließe, auszubrechen und dein Gesicht als Versuchsfeld für meine spitzen Absätze zu benutzen. Piep.

Feindseligkeit war gut, und er hoffte ernsthaft, dass sie so weitermachen würde, obgleich er Himmel und Erde hatte in Bewegung setzen müssen, um hierherzukommen. Himmel – weil er Paris angerufen und überredet hatte, alles stehen und liegen und sich von Lysander nach Hause bringen zu lassen, um Strider zu begleiten. Erde – weil er Lucien angerufen und überredet hatte, alles stehen und liegen zu lassen und sie beide binnen einer Sekunde von Budapest nach Alaska zu beamen. Keins von beidem war einfach gewesen.

Er hätte sich sogar lieber die Zunge mit einem stumpfen, verrosteten Buttermesser herausschneiden lassen. Beide Männer hatten Fragen gestellt. Viele Fragen, auf die er nicht hatte antworten wollen.

Und ja – nun war Strider auch dem Hüter von Tod einen Gefallen schuldig. Langsam stapelten sich seine Schuldscheine, und das alles nur wegen dieser auf trügerische Art zierlich aussehenden, extrem kurvenreichen Mordsbraut, die da vor ihm stand und ganz offensichtlich seinen Kopf auf einer Pike aufgespießt sehen wollte.

„Es wäre nett gewesen, wenn du mir einen Hinweis auf deinen Aufenthaltsort gegeben hättest. Torin musste alle …“ Strider unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, ehe er öffentlich zugab, dass Torin, der Hüter von Krankheit, sich in jede Datenbank der Welt einhacken konnte. Diese Fähigkeit hielten sie besser sorgfältig unter Verschluss. „Er musste dich suchen. Und das hat uns ziemlich viel Zeit gekostet.“

„Und?“

„Und? Das ist alles, was du zu deinem miesen Verhalten zu sagen hast?“ Den Göttern war Dank – wie er gehofft hatte, hielt sie ohne zu zögern an ihrer Feindseligkeit fest. Ja, den Göttern war Dank. „Du hättest Bianka anrufen können. Es heißt, sie ist mit dir hier in Anchorage.“ Nicht, dass sie seinen Anruf entgegengenommen hätte. „Aber stattdessen verschwendest du meine Zeit mit diesem Mist.“

„Und?“

Verdammt noch mal! Ein bisschen Dankbarkeit war doch nicht zu viel verlangt, oder? Er hätte schließlich auch zu Hause bleiben und sie verrotten lassen können. Stattdessen hatte sie – bildlich gesprochen – einmal mit ihren langen Wimpern geklimpert, und er war wie ein treudoofer Hund zu ihr gehechelt. Nervtötende Frau.

Er hatte ihr unrecht getan, ja, und im Gegensatz zu Haidee hatte sie es nicht verdient. Ich dachte, darüber wolltest du nicht nachdenken. Die Erinnerungen kamen trotzdem.

Eine Gruppe Jäger war ihm tagelang gefolgt, aber er war viel zu beschäftigt gewesen, sich im Selbstmitleid zu suhlen, weil er Haidee an Amun verloren hatte, um es zu bemerken. Kaia war gerade rechtzeitig aufgetaucht, um einen verheerenden Hinterhalt zu verhindern. Und – mächtige Götter! – sie war sexy, wenn sie kämpfte.

Diesen speziellen Kampf hatte er zwar nicht gesehen, dafür aber einige davor – und den einen danach, und er hatte sogar Kampfzüge mit ihr trainiert. Er konnte sich den Todestanz, den sie in jener Nacht vollführt hatte, lebhaft vorstellen.

Dann war der Kampf danach gekommen, als sie ihn zu einer Runde „Wer tötet mehr Jäger?“ herausgefordert hatte. Er war total sauer gewesen, weil sie erstens mehr Jäger umbringen konnte – keine Frage – und er zweitens andere Dinge zu tun gehabt hatte. Wie zum Beispiel die ersten Ferien seit Jahrhunderten zu machen. Doch die Herausforderung war ausgesprochen gewesen, sein Dämon hatte sie angenommen und Strider hatte alles stehen und liegen lassen müssen, um keine Niederlage zu erleiden.

Zu seinem Entsetzen hatte sie ihn gewinnen lassen. Als Harpyie konnte sie eine ganze Armee binnen Sekunden in Stücke reißen – und zwar ohne auch nur ein bisschen ins Schwitzen zu geraten –, doch statt ihnen den Todesstoß zu versetzen, hatte sie ihre noch atmenden Eroberungen aufeinandergestapelt und Strider überlassen. Danach war sie verschwunden.

Und bis zu der Nachricht auf seiner Mailbox hatte er nichts mehr von ihr gehört.

„Ich will gar nicht darauf herumreiten, wie langsam du bist“, sagte Kaia, während sie sich die Fingernägel an ihrem Top polierte, „aber ich musste Bianka schon zwölfmal an nur einem Tag aus dem Gefängnis holen und habe mich nicht ein einziges Mal beschwert.“

Nicht amüsant, sagte er sich erneut. „Habe ich dir schon mal gesagt, wie sehr ich es hasse, wenn Leute übertreiben?“

„Ich schwöre es!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Ich habe mich wirklich nicht beschwert.“

Kein bisschen amüsant. Ich werde nicht lachen. „Das meinte ich nicht.“

„Ach so, tja.“ Die Empörung fiel von ihr ab. „Ich übertreibe nicht. Niemals.“

Er musste sich ein Lachen verkneifen – ein frustriertes Lachen, kein amüsiertes, versicherte er sich. „Du übertreibst zum Beispiel in exakt diesem Augenblick.“

„Und du jammerst immer noch, du Heulsuse!“

Götter, sie war wunderbar, wenn sie wütend war. In ihren Augen glänzte das Gold stärker als das Grau, als würden Flammen durch ihre Iris tänzeln, und ihre Wangen erröteten wie eine seltene, exotische Rose. Ihre prächtige rote Mähne stand regelrecht von ihrer Kopfhaut ab, als hätte sie den Finger in eine Steckdose gesteckt. Rings um sie knisterte die Energie.

„Wow“, sagte Paris und sah sich um. „Das nenne ich mal lustig.“

„Habe ich dir jemals gesagt, wie sehr ich Sarkasmus verabscheue?“, fragte Strider ihn.

Kaia holte kontrolliert Luft, ohne den Blick von Strider zu nehmen. „Weißt du, lassen wir dein Heulsusen-Gehabe mal beiseite, aber ich werde mich trotzdem nicht bei dir revanchieren und auch nicht zu meiner Anhörung auftauchen.“ Arrogant und bockig hob sie das Kinn. „Nur dass du’s weißt.“

Auf Wiedersehen, Nicht-Amüsiertheit. Scheiß auf eine Entschuldigung. Niederlage summte jetzt. Er war bereit zu kämpfen – ob er von ihr eingeschüchtert war oder nicht. Strider knirschte mit den Zähnen, sagte jedoch kein Wort mehr. Er machte einfach auf dem Absatz kehrt und stapfte aus dem Gebäude, bevor die Situation in irgendeiner Form hässlich würde. Paris und Kaia zwang er, ihm zu folgen. Zusammen. Vielleicht täten sie ihm den Gefallen und hielten Händchen.

Er hörte, wie sie hinter ihm her stapften und ununterbrochen miteinander plauderten, und zerrte seine Sonnenbrille aus der Jackentasche. Er setzte sich das Metallgestell auf die Nase. Obwohl die Sonne hell am Himmel stand, war die Luft kalt. Strider polterte die Stufen hinunter, blieb stehen und wirbelte herum.

Kein Händchenhalten, aber definitiv Wir-haben-einander-nackt-gesehen-Funken. Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise und vertraut miteinander. Vermutlich schwelgten sie in Erinnerungen an die tausend gemeinsamen Orgasmen.

Das war genau das, was er wollte und brauchte. Eine Erinnerung.

Eine Erinnerung daran, dass Paris der Harpyie die Kleider vom Leib gerissen hatte. Dass er sie auf sein Bett geworfen und zugesehen hatte, wie ihre vollen Brüste dabei auf- und abgewippt sind. Dass er ihre Knie auseinandergedrückt hatte. Dass er in das heißeste, feuchteste Stückchen Himmel geblickt hatte, das die Erde je beehrt hatte. Dass er seinen Kopf nach unten gebeugt, geleckt, geschmeckt, genossen und die weiblichen Schreie der Leidenschaft und Hingabe gehört hatte, während sich weiche und zugleich muskulöse Beine in seinen Rücken gepresst hatten. Vielleicht sogar Stilettos. Und dann, als sein Hunger zu groß geworden war, hatte Paris sich aufgerichtet und war in einen Kern eingedrungen, der so herrlich eng war, dass es ihn auf immer verändert hatte.

Kaia hatte den Krieger fest umschlungen. Hatte seinen Namen geschrien. Hatte ihn gekratzt, gebissen und um mehr gebettelt.

Plötzlich wurde Paris’ Gesicht zu Striders, und auf einmal war es Strider, der in diesen geschmeidigen kleinen Körper stieß – rein und raus, immer und immer wieder. Hart und schnell, während er stöhnte und noch mehr wollte.

Fantasie … unerträglich …

Er ballte die Hände zu Fäusten. Verdammt noch mal und verdammt waren Paris und Kaia. Denn wenn er ehrlich war, war er genauso wütend auf Paris, wie er von Kaia erregt war. Und er war so verflucht erregt, dass er sich das T-Shirt über den Hosenbund ziehen musste, um den wachsenden Beweis dafür zu verbergen. Paris hätte Kaia widerstehen müssen; er begehrte eine andere, und Kaia hatte etwas Besseres verdient, als zweite Wahl zu sein.

Warum konnte Kaia das nicht sehen?

Jeden Moment würde Strider nicht mehr das Verlangen verspüren, sie auseinanderzureißen, Paris’ Gesicht über den Beton zu schleifen und danach die Luft aus Kaias Lungen zu saugen. Jeden Moment würde er seinem Kumpel wohlwollend auf die Schulter klopfen und damit anfangen, Kaia als eine hübsche Frau zu sehen, die für ihn nicht mehr war als eine gute Freundin – und definitiv keine Geliebte.

Ja. Jeden Moment.

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