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Die Herren der Unterwelt – Schwarze Herzen

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

New York Times-Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Die „Die Herren der Unterwelt“-Reihe gilt als ihre bislang stärkste Serie.

Gena Showalter

Schwarzes Verlies

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Freya Gehrke

PROLOG

Reyes, einst Krieger für die Götter und jetzt besessen vom Dämon Schmerz, betrat sein Schlafzimmer. Vom Training im Kraftraum der Budapester Burg, die er mit seinen Brüdern bewohnte, war er schweißüberströmt. Und weil er ohne körperlichen Schmerz keine Lust empfinden konnte, hatte ihn das Brennen in seinen Muskeln heiß gemacht. Machte ihn immer noch heiß.

Wie immer wurde sein Blick unwiderstehlich von seiner Frau angezogen, und genüsslich schloss Reyes die Faust um das Messer, das sie beim Sex am liebsten benutzten. Das schöne Gesicht angespannt, saß sie auf der Bettkante und betrachtete die Leinwand vor sich. Eine Leinwand, die sie auf eine Staffelei gestellt und genau so platziert hatte, dass sie direkt darauf blicken konnte. Wild fiel ihr das zerzauste blonde Haar um die Schultern, als wäre sie sich unzählige Male mit den Fingern durch die dicke Mähne gefahren. Sie knabberte an ihrer Unterlippe.

Sex konnte warten, beschloss Reyes bei ihrem Anblick. Sie war beunruhigt, und er würde an nichts anderes denken können, bis er das Problem gelöst hatte, das sie beschäftigte. Was auch immer es war. Er steckte das Messer wieder weg.

„Irgendwas nicht in Ordnung, mein Engel?“

Sorge stand in ihren smaragdgrünen Augen, als sie zu ihm aufsah, und ihr gelang nur ein kleines Lächeln. „Ich bin mir nicht sicher.“

„Komm, ich helfe dir, es herauszufinden.“ Egal, was sie aufregte, er würde es beseitigen. Ohne Zögern. Um sie glücklich zu machen, würde er alles tun – und wenn er jemanden umbringen musste.

„Das wäre schön. Danke.“

„Soll ich kurz duschen, bevor ich zu dir komme?“

„Nein. Ich mag dich genau so, wie du bist.“

Eine bezaubernde Frau. Doch der Gedanke, ihre schönen Kleider zu ruinieren, missfiel ihm. Kurz entschlossen schnappte er sich ein Handtuch aus dem Bad und rieb sich trocken. Erst dann setzte er sich hinter seine Liebste, die Beine an ihre Schenkel gelegt, die Arme um ihre Taille geschlungen. Tief atmete er ihren Duft ein, wild wie eine Sturmnacht. Er schmiegte das Kinn in die Kuhle über ihrem Schlüsselbein und folgte ihrem Blick.

Was er sah, überraschte ihn.

Obwohl es das nicht sollte. Ihre Bilder waren immer unglaublich eindrücklich. Als das Allsehende Auge war sie ein Orakel der Götter und eine ihrer wichtigsten Gehilfinnen – und konnte sowohl in den Himmel als auch in die Hölle blicken. Und das tat sie, jede Nacht, auch wenn sie keinen Einfluss darauf hatte, was sie sah. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, ganz egal. Jeden Morgen brachte sie ihre Visionen auf die Leinwand.

Diesmal war es ein Mann. Unübersehbar ein Krieger, muskelbepackt wie er war. Um seinen Hals lag ein goldenes Halsband, eng gespannt. Er war auf Knien, die Beine gespreizt. Seine Unterarme lagen auf seinen Oberschenkeln, die Handflächen waren nach oben gerichtet. Den dunklen Kopf hatte er nach hinten geworfen und brüllte in ein hohes Gewölbe hinaus. Vor Schmerz vielleicht. Oder auch Wut. Blut troff von seiner breiten Brust, strömte aus zahllosen Wunden. Wunden, die aussahen, als hätte ihm jemand die Haut vom Leib geschnitten.

„Wer ist das?“, fragte Reyes.

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.“

Dann würden sie eben versuchen, es mit Logik herauszufinden, so gut es ging. „Kommt er aus dem Himmel oder aus der Hölle?“

„Himmel. Definitiv. Ich glaube, er ist in Cronus’ Thronsaal.“

Also ein Gott? Vor ein paar Monaten hatten die Titanen die Griechen gestürzt und im Olymp die Macht ergriffen. Wenn dieser Mann sich also in Cronus’ Thronsaal befand, gefesselt und verwundet vor dem König der Titanen, musste das bedeuten, dass der Krieger ein Grieche war. Vielleicht ein Sklave, der bestraft worden war?

„Du hast nur dieses Bild gesehen?“, hakte Reyes nach. „Nicht, wie er an diesen Punkt gelangt ist?“

„Exakt“, bestätigte Danika mit einem Nicken. „Aber ich habe ihn schreien hören. Es war …“ Ein Schauer überlief sie, und tröstend schlang Reyes die Arme fester um sie. „Er hat mir unglaublich leidgetan. Ich habe noch nie einen Schrei so voll Zorn und Hilflosigkeit gehört.“

„Wir können Cronus herbeirufen.“ Cronus war nicht allzu gut zu sprechen auf Reyes und seine Brüder, die Herren der Unterwelt – die Männer, die die Büchse der Pandora geöffnet und das Unheil in die Welt hinausgelassen hatten. Männer, die daraufhin verflucht worden waren, dieses Unheil in sich selbst zu tragen. Doch ihre Feinde, die Jäger, hasste der Götterkönig noch mehr – denn Danika hatte in einer Vision Galen erblickt, den Anführer der Jäger, wie er Cronus den Kopf abschlug. Jetzt war der Herrscher des Olymp entschlossen, Galen zu töten, bevor Galen ihn töten konnte. Selbst wenn er die Herren der Unterwelt um Hilfe bitten musste. „Wir können ihn fragen, ob er diesen Mann kennt.“

Es verging ein Moment, während Danika seinen Vorschlag überdachte. Schließlich seufzte sie und nickte. „Ja. Das fände ich gut.“ Und dann überraschte sie ihn, indem sie sich umdrehte und ihm das süßeste Lächeln schenkte, das er jemals gesehen hatte. Zugegeben, jedes Lächeln von ihr hinreißend. „Aber es ist noch viel zu früh am Morgen, um irgendwen irgendwohin zu zitieren. Außerdem dachte ich, du hattest was ganz anderes vor, als du hier hereingekommen bist. Warum erzählst du mir nicht davon?“, schlug sie mit heiserer Stimme vor.

Innerhalb von Sekunden war er steinhart – genau das stellte sie mit ihm an. „Es wäre mir ein Vergnügen, mein Engel.“

Sie drückte ihn auf den Rücken und ihr Lächeln wurde breiter. „Und mir erst.“

1. KAPITEL

Halt still, Nike. Du tust dir nur selbst weh.“ Atlas, titanischer Gott der Stärke, blickte hinab auf den Fluch seiner Existenz. Nike, griechische Göttin der Stärke. Und des Sieges, fügte er in Gedanken höhnisch hinzu. Sie liebte es, ihm unter die Nase zu reiben, dass viele sie die Göttin der Stärke und des Sieges nannten. Als wäre sie etwas Besseres als er. In Wahrheit war sie sein Gegenstück in der Welt der Götter. Ihm ebenbürtig. Seine Feindin. Und eine richtig miese Schlampe.

Zwei seiner besten Männer hielten sie an den Armen fest, zwei an den Beinen. Eigentlich hätten sie sie ohne Probleme am Boden halten müssen. Immerhin trug sie ein Halsband, und diese Halsfessel hinderte sie daran, auch nur die geringste ihrer göttlichen Kräfte einzusetzen. Selbst ihre legendäre Stärke – die in keiner Weise an seine herankam, um das mal klarzustellen. Aber keine Frau war je sturer gewesen. Oder entschlossener, ihn umzulegen. Ohne Unterlass kämpfte sie gegen die Männer, schlug, trat und biss wie ein in die Ecke getriebenes Tier.

„Dafür werde ich dich umbringen“, knurrte sie.

„Warum? Ich mache nichts anderes mit dir als das, was du mir damals angetan hast.“ Mit einer schroffen Bewegung zog Atlas sich das Shirt über den Kopf und warf den Stoff beiseite, entblößte seine Brust, seinen durchtrainierten Bauch. Dort, in der Mitte, spannte sich von einer kleinen braunen Brustwarze bis zum anderen in großen schwarzen Lettern ihr Name, für alle Welt zu sehen. N-I-K-E.

Sie hatte ihn gebrandmarkt, ihn zu ihrem Eigentum erniedrigt.

Hatte er es verdient? Vielleicht. Einst war er selbst ein Gefangener in diesem trostlosen Reich gewesen. Im Tartarus, dem Gefängnis der Götter. Ein gestürzter Gott, weggesperrt und vergessen, bloßer Abschaum. Um zu entkommen, war er zu allem bereit gewesen. Zu allem. Und so hatte er Nike verführt, eine seiner Wächterinnen. Hatte ihre Gefühle für ihn gegen sie ausgespielt.

Auch wenn sie es heute abstreiten würde, damals hatte sie sich wahrhaftig ein wenig in ihn verliebt. Der Beweis: Sie hatte seine Flucht arrangiert, ein Verbrechen, das unter Todesstrafe stand. Trotzdem war sie bereit gewesen, es zu riskieren. Für ihn. Doch noch bevor sie ihm die Halsfessel abnehmen konnte, die ihn daran hinderte, sich wegzubeamen – also Kraft seiner Gedanken an einen anderen Ort zu gelangen –, hatte sie herausgefunden, dass er noch einige andere Wächterinnen verführt hatte.

Warum sich auch auf eine verlassen, wenn ihm vier nützlicher sein konnten?

Er hatte darauf gesetzt, dass keine der griechischen Frauen ihre Affäre mit einem versklavten Titanen bekannt werden lassen wollte. Hatte auf ihre Verschwiegenheit gezählt.

Stattdessen hätte er lieber mit ihrer Eifersucht rechnen sollen. Frauen!

Nike hatte begriffen, dass sie von Atlas benutzt worden war, dass seine Gefühle nie echt gewesen waren. Doch statt ihn zurück in seine Zelle werfen zu lassen und so zu tun, als würde er nicht existieren – oder ihn zusammenschlagen zu lassen –, hatte sie ihn zu Boden gedrückt und für immer gebrandmarkt.

Jahrelang hatte er davon geträumt, sich dafür bei ihr zu revanchieren. Manchmal glaubte er, dass dieses Verlangen das Einzige war, das ihn in den Jahrhunderten in diesem Höllenloch bei Verstand gehalten hatte. Jahrhunderte, die er in völliger Einsamkeit verbracht hatte, die Dunkelheit sein einziger Gefährte.

Was für ein paradiesischer Moment war es gewesen, als die Mauern des Gefängnisses schließlich zu bröckeln begonnen hatten. Als die Sicherheitsmaßnahmen versagten. Als die Halsbänder der Eingesperrten zerfielen. Es hatte eine Weile gedauert, doch schließlich hatten er und seine Brüder sich endlich freigekämpft. Brutal und ohne Gnade hatten sie die Griechen angegriffen.

Innerhalb von Tagen hatten sie den Sieg errungen.

Die Griechen waren geschlagen und nun genau dort eingesperrt, wo sie die Titanen gefangen gehalten hatten. Atlas hatte sich angeboten, die Aufsicht über das Reich zu übernehmen, und war glücklicherweise zum Verantwortlichen gemacht worden. Nun war der Tag seiner Rache gekommen, und Nike würde auf ewig sein Zeichen tragen.

„Du solltest dankbar sein, dass du am Leben bist“, erklärte er ihr.

„Fick dich.“

Ein langsames, böses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Das hast du doch schon erledigt, schon vergessen?“

Sie wehrte sich noch vehementer. Kämpfte so verbissen, dass sie bald schon genauso keuchte und schwitzte wie seine Männer. „Du Bastard! Ich werde dir bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Ich werde dich zu Asche verbrennen. Bastard!“

„Dreht sie um“, befahl er den Wachen über ihr Fluchen hinweg. Keine Gnade. Atlas hatte nicht die Geduld abzuwarten, bis sie müde würde. „Und das als Warnung an dich, Nike: Halt lieber still. Ich werde so lange tätowieren, bis mein Name so deutlich zu lesen ist, dass ich zufrieden bin.“

Mit einem frustrierten, zorngeladenen Aufschrei gab sie schließlich nach. Offensichtlich wusste sie, dass er die Wahrheit sagte. Er sagte immer die Wahrheit. Auf Drohungen verschwendete er keinen Atem. Nur auf Versprechen.

„Bastard“, fluchte sie wieder heiser.

Ihm waren schon schlimmere Namen gegeben worden. Auch von ihr. „Braves Mädchen.“ Atlas trat vor und riss ihr den Stoff vom Rücken. Darunter kam glatte, gebräunte Haut zum Vorschein. Makellos. Einst hatte er diesen Rücken gestreichelt. Hatte ihn geküsst und mit der Zunge erforscht. Und ja, mit ihr zu schlafen war besser gewesen als mit allen anderen. Sie hatte ihn mit solcher Anbetung angesehen, so voller Hoffnung und Ehrfurcht. Es hatte ihn … in Demut versetzt. Dass er das Glück hatte, bei ihr zu sein, sie zu berühren. Doch er würde sich nicht von seinem Schwanz leiten lassen. Würde sie nicht freigeben, bevor er sie gebrandmarkt hatte, in der Hoffnung, sie wieder ins Bett zu kriegen.

Er würde das hier durchziehen.

„Bereit?“, fragte er.

„Das ist nicht das, was ich mit dir gemacht habe“, presste Nike hervor. „Ich habe dich nicht am Rücken tätowiert.“

„Hättest du’s lieber, wenn ich deine liebreizenden Brüste tätowiere?“

Daraufhin hielt sie den Mund.

Gut. Er wollte ihre Brust nicht verschandeln. Ihr Busen war ein Kunstwerk, mit Sicherheit die großartigste Schöpfung dieser Welt. „Gern geschehen“, murmelte er. Dann streckte er den Arm aus, und jemand drückte ihm die Utensilien in die Hand, die er benötigte. „Wenigstens wirst du nicht jeden Tag deines zu langen Lebens auf meinen Namen blicken müssen.“ So wie er es musste. „Aber dafür alle anderen. Jeder wird es sehen.“ Und sie werden wissen, wer sie letzten Endes besiegt hat.

„Jeder Liebhaber, den ich in mein Bett hole, meinst du.“

Er knackte mit dem Kiefer. „Kein Wort mehr aus deinem Mund. Es wird Zeit.“

„Tu mir das nicht an“, schluchzte sie plötzlich auf. „Bitte. Tu’s nicht!“ Als sie den Kopf zu ihm umwandte, glitzerten Tränen in ihren braunen Augen.

Sie war keine schöne Frau. Eigentlich nicht mal wirklich hübsch. Ihre Nase war ein bisschen zu lang, ihre Wangenknochen ein bisschen zu kantig. Das schlicht geschnittene, unauffällig braune Haar fiel ihr auf die zu breiten Schultern, und nennenswerte Kurven hatte sie nicht. Abgesehen von ihren Brüsten. Nein, sie hatte den Körper einer Kriegerin. Und doch hatte sie etwas an sich, das ihn immer angezogen hatte.

„Bitte, Atlas. Bitte.“

Er verdrehte die Augen. „Wisch dir die Krokodilstränen ab, Nike.“ Und er wusste, dass es Krokodilstränen waren. Gefühlsausbrüche waren nicht Nikes Ding. „Mich lassen sie kalt, und dich machen sie mit Sicherheit nicht attraktiver.“

Jäh kniff sie die Augen zusammen, die Tränen auf wundersame Weise verschwunden. „Von mir aus. Aber du wirst das hier bereuen. Dafür werde ich sorgen, das schwöre ich dir.“

„Ich freu mich schon auf deine Versuche.“ Wieder wahr. Sich mit ihr anzulegen hatte er schon immer aufregend gefunden. Mittlerweile sollte sie das wissen.

Ohne weiteres Zögern senkte er die Nadel der Tätowiermaschine auf einen Punkt kurz unterhalb ihres Schulterblatts. Mit ruhiger Hand zog er den Umriss des ersten Buchstabens. A. Kein einziges Mal zuckte sie zusammen. Kein einziges Mal gab sie in irgendeiner Weise zu erkennen, dass sie auch nur den geringsten Schmerz empfand. Doch er wusste, dass es wehtat. Und wie er das wusste. Um einen Unsterblichen bleibend zu zeichnen, musste Ambrosia in die Farbe gemischt werden, und Ambrosia brannte wie Säure.

Sie blieb still, während er die Umrisse zog. Gab keinen Ton von sich, als er die Buchstaben ausfüllte. Als er schließlich fertig war, richtete er den Oberkörper auf und betrachtete sein Werk: A-T-L-A-S.

Jeden Moment rechnete er mit einer Woge der Befriedigung – so lange hatte er schon auf diesen Moment gewartet! Doch sie kam nicht. Er wartete darauf, dass Erleichterung ihn überkam, denn endlich hatte er seine Rache genommen. Doch es passierte nicht. Womit er nicht gerechnet hatte, war ein weißglühender Ansturm von Besitzanspruch. Doch genau der erfasste ihn mit aller Macht. Mein.

Von jetzt an gehörte Nike ihm. Für immer. Und alle Welt würde es wissen.

2. KAPITEL

Nike tigerte in ihrer engen Zelle auf und ab. Einer Zelle, die sie mit mehreren anderen teilen musste. Vertraut, wie sie mit ihrem Temperament waren, hielten die anderen sorgfältig Abstand. Trotzdem. Mitbewohner waren zum Kotzen. Sie spürte, wie sich die Blicke durch die Tunika in ihren Rücken bohrten, als könnten sie den Namen sehen, der dort verewigt war.

A-T-L-A-S.

Wenn sie es wagten, auch nur ein Wort darüber zu sagen … werde ich sie umbringen!

Es gab nicht genug Zellen für alle Griechen, also waren sie in Gruppen in die Kammern gepfercht worden. Egal ob Mann oder Frau. Vielleicht war es den Titanen einfach gleichgültig gewesen. Möglicherweise hatten sie die Geschlechter auch absichtlich gemischt, um die Gefangenen noch mehr zu quälen. Letzteres war die wahrscheinlichere Variante. Ehemänner waren nicht mit ihren Frauen zusammen, Freunde nicht mit Freunden. Nein, hier trafen sich ausschließlich Rivalen auf engstem Raum.

Für sie war dieser Rivale Erebos, niederer Gott der Dunkelheit. Einst hatte Erebos sie wie eine Königin behandelt. Damals hatte sie ihn wirklich gemocht. Sogar darüber nachgedacht, ihn zu heiraten. Doch dann hatte sie sich in Atlas verliebt – den schürzenjagenden verlogenen Bastard Atlas – und Erebos verlassen. Und dann hatte sie entdeckt, dass Atlas sie niemals wirklich gewollt hatte, dass Atlas sie nur benutzt hatte.

Aus Liebe war unverzüglich rasende Wut geworden.

Diese Wut war jedoch irgendwann abgekühlt. Sie hatte ihn vergessen. Beinahe. Mach dir nichts vor. Jetzt, da sein Name ihren Rücken zierte, hasste sie ihn aus tiefster Seele.

Vielleicht hatte sie überreagiert, als sie dasselbe mit ihm gemacht hatte. Vielleicht. Ihre Impulsivität war immer ihre Schwachstelle gewesen. Jahrelang hatte sie ihre Entscheidung bereut. Nicht, dass sie das ihm gegenüber jemals zugeben würde. Und in diesem Augenblick war Reue ohnehin das Letzte, was sie fühlte.

Sie hatte nicht gelogen. Dafür würde sie ihn umbringen.

Doch zuerst musste sie einen Weg finden, dieses verdammte Halsband loszuwerden. Solange es um ihren Hals lag, war sie machtlos. Das schwere Gold nahm ihr die göttlichen Kräfte zwar nicht, aber es unterdrückte sie. Höchst effektiv. Zu effektiv. Und danach würde sie herausfinden müssen, wie sie aus diesem Reich entkommen konnte.

Die erste Aufgabe hätte theoretisch einfach sein müssen. Doch ob sie am Band gezerrt oder darauf eingeschlagen hatte, selbst als sie versucht hatte, es sich vom Hals zu schmelzen – alles, was sie erreicht hatte, waren Hautabschürfungen, Blutergüsse und verkohlte Haare gewesen. Sie hätte wissen sollen, dass genau das geschehen würde. Wie oft hatte sie die Titanen dieselben Dinge versuchen sehen? Und das Zweite schien sowohl theoretisch als auch praktisch unmöglich.

Sie ließ den Blick über ihre Umgebung schweifen. Nachdem die Titanen ausgebrochen waren, hatten sie alles verstärkt neu aufgebaut. Wie sie das geschafft hatten, wusste sie nicht. Eigentlich hätte das Gefängnis an Tartarus gebunden sein müssen, den griechischen Gott der Gefangenschaft, der einst Wache über die Titanen gehalten hatte. Als er aus unerfindlichen Gründen schwächer geworden war, war mit seinem Reich dasselbe geschehen. Alles darin war von Grund auf instabil geworden. Doch jetzt war Tartarus fort. Die Titanen hatten ihn nicht gefangen genommen, und niemand wusste, wo er war. Es war unverständlich, wieso das Reich trotz seiner Abwesenheit so stark war.

Wände und Fußboden waren aus göttlichem Stein gemacht, den nur göttliches Werkzeug – das sie nicht besaß – durchbrechen konnte. Und obwohl Tartarus verschwunden blieb, war nicht der feinste Riss zu sehen.

Die dicken silbernen Gitterstäbe, durch die sie das Wachhaus weiter unten sehen konnte, hatte Hephaistos gemacht. Nur Hephaistos konnte dieses Metall schmelzen. Unglücklicherweise war er an einem anderen Ort. Wie bei Tartarus war auch sein Aufenthaltsort niemandem bekannt. Und wenn Tartarus fort war, dann hätte sie wenigstens in der Lage sein müssen, das Metall zu verbiegen. Sie konnte es nicht; sie hatte es bereits versucht.

„Könntest du dich verdammt noch mal hinsetzen?“, knurrte Erebos aus einer der Schlafnischen.

Nike streifte ihn mit einem Blick. Von seinem dunklen Haar bis zu seiner dunklen Haut, von seinem attraktiven Gesicht bis zu seinem muskulösen Körper war er der Inbegriff eines unglücklichen Mannes, und dieses Gefühl war ausschließlich auf sie gerichtet.

„Nein“, gab sie zurück. „Kann ich nicht.“

„Wir versuchen hier, eine Flucht zu planen.“

Sie planten immer eine Flucht.

„Außerdem“, setzte er nach, „krieg ich Kopfschmerzen von deinem hässlichen Gesicht.“

„Verzieh dich, und mach’s dir selbst“, erwiderte sie. Auch wenn sie diejenige gewesen war, die ihn vor all den Jahrhunderten verletzt hatte – unabsichtlich –, hatte er es ihr seither tausendfach zurückgezahlt. Absichtlich. Nicht emotional, sondern körperlich. Nichts tat er lieber, als ihr „aus Versehen“ ein Bein zu stellen, sie anzurempeln und zu Boden zu werfen oder sie auszuhungern, indem er das bisschen Essen, das für sie gedacht war, hinunterschaufelte, bevor sie sich bis zum Anfang der Schlange durchkämpfen konnte.

Hätte sie nicht die Halsfessel tragen müssen, hätte er ihr all das niemals antun können. Sie wäre zu stark gewesen. Und er zu ängstlich. Noch ein Grund, ihre Gefangenschaft zu verabscheuen.

„Wenn ich’s mir selbst mache, würde mir das mit Sicherheit mehr geben als damals mit dir“, warf er ihr an den Kopf.

Die Handvoll Götter um sie herum kicherte gehässig.

„Wie du meinst“, sagte sie und tat, als würde ihr der Seitenhieb nichts ausmachen. Doch ihre Wangen wurden rot. Sie war der Inbegriff von Stärke – so sollte es jedenfalls sein –, und immer hatte sie eher kerlig als feminin gewirkt. Deshalb hatten Atlas’ Annäherungsversuche sie so überrascht und entzückt. Dieser umwerfende Mann hätte jedes Herz gewinnen können, und doch hatte er sie ausgewählt. Hatte sie jedenfalls gedacht. Und sie war auf ihn hereingefallen, weil er ihr irgendwie das Gefühl gegeben hatte, eine zarte, schöne Frau zu sein.

Dämlich. Ich war so dämlich.

Aus dem Augenwinkel sah sie einen schwarz gekleideten Mann in das Wachhaus hineinmarschieren. Sie musste nicht genauer hinsehen, um zu wissen, wer es war. Atlas. Sie spürte ihn. Jedes Mal fühlte sie seine Hitze.

Als sie den Blick auf ihm ruhen ließ, bemerkte sie, dass er den Arm um eine langbeinige Blondine gelegt hatte. Eine Blondine, die sich an seine Seite schmiegte, als gehörte sie dorthin – und hätte es sich schon viele Male dort gemütlich gemacht.

Bei diesem Gedanken stieg Zorn in Nike auf. Dabei gab es keinen Grund dazu, schließlich verabscheute sie Atlas mit jeder Faser ihres Seins und interessierte sich nicht im Geringsten dafür, mit wem er schlief. Wen er verwöhnte. Und ja, garantiert hatte er die Blondine verwöhnt, mit seinen talentierten Händen und den suchenden Lippen. Er war ein unglaublicher Liebhaber, und seine Berührungen verfolgten Nike noch heute in ihre Träumen. Und da war er: Zorn.

Gegen ihren Willen ging sie auf die Gitterstäbe zu und schloss die Hände darum, um einen besseren Blick auf Atlas zu haben. Um ihn herum standen drei weitere Wachen, redend und lachend. Im Gegensatz zum Weiß der Gefangenenkleidung trugen die Wachen Schwarz, und ihm stand es hervorragend. Es harmonierte perfekt mit seinem dunklen, kurz geschnittenen Haar und den meergrünen Augen.

Sein Gesicht war ein Kunstwerk, alles daran perfekt proportioniert. Seine Augen hatten den perfekten Abstand, seine Nase die perfekte Länge, seine Wangenknochen den perfekten Schwung, seine Lippen die perfekte Form und Farbe und sein stures Kinn den perfekten Schnitt.

Er war perfekt, während sie aus nichts als Makel bestand.

Sie hätte wissen müssen, dass er sie benutzen würde, sobald er diese gefährlichen Augen auf sie gerichtet und „Interesse“ darin aufgeleuchtet hatte. Männer sahen sie einfach nicht auf diese Weise an. Nicht einmal Erebos, und der hatte sie geliebt.

„Bastard“, murmelte sie und meinte damit beide Männer aus ihrer Vergangenheit.

Als hätte er sie gehört, hob Atlas den Blick. Sobald sich ihre Blicke trafen, wollte sie sich von den Gitterstäben lösen. Zurücktreten, aus seinem Sichtfeld fliehen. Doch diesen Luxus gestattete sie sich nicht. Das wäre feige gewesen, und dieser Mann hatte sie einmal zu oft Schwäche zeigen sehen.

Nur um ihn zu ärgern – und hoffentlich dasselbe Gefühl der Machtlosigkeit in ihm hervorzurufen, das sie in seiner Nähe immer verspürte –, ließ sie den Blick zu seiner Brust wandern: genau dorthin, wo ihr Name geschrieben stand. Sie lächelte selbstgefällig, bevor sie ihm wieder ins Gesicht sah und eine Augenbraue hob.

Treffer. An seinem Kiefer zuckte ein Muskel.

Was hält dein Liebchen von deinem Brandzeichen? wollte sie rufen. Was denkt die Blondine über meinen Namen auf deinem Körper?

Mit einer unsanften Bewegung presste er das dumme Blondchen enger an sich und drückte ihr, ohne den Blickkontakt zu Nike zu unterbrechen, einen ausgiebigen, feuchten Kuss auf den Mund. Natürlich reagierte die Schlampe genauso, wie es jede andere an ihrer Stelle getan hätte. Sie schlang die Arme um ihn und klammerte sich fest wie eine Ertrinkende. Dieser Mann, wie Nike sehr gut wusste, konnte eine Frau allein durch seine meisterhaften Küsse zum Höhepunkt bringen.

Nikes Zorn wuchs. Hätte sie gekonnt, sie wäre zu ihm hinuntergestürmt und hätte das Flittchen von ihm losgerissen. Dann hätte sie beide umgebracht. Nicht, weil sie Atlas für sich selbst wollte – das wollte sie nicht –, sondern weil er offensichtlich eine weitere Frau ausnutzte. In seinem Gesichtsausdruck glomm keine Spur von Leidenschaft. Nur Entschlossenheit.

Nike würde der weiblichen Bevölkerung einen Gefallen tun, wenn sie ihn beseitigte.

„Erebos“, rief sie. „Komm her. Ich will dich küssen.“

„Was?“, keuchte dieser, sichtlich geschockt.

„Willst du einen Kuss oder nicht? Beweg deinen Hintern hierher. Aber zügig.“

Hinter ihr ertönte das Rascheln von Kleidung, und dann war ihr früherer Geliebter neben ihr. Er war ein Gefangener, und Sex war schwer zu kriegen. Also würde er nehmen, was er kriegen konnte, selbst von jemandem, den er hasste. So viel wusste sie.

Nike drehte sich zu ihm um; das Gesicht hatte er schon zu ihr gebeugt. Wie die Blondine schlang sie die Arme um den Hals ihres Gegenübers und klammerte sich fest. Bloß, dass sie den Kuss nicht genoss, so vertraut er auch war. Erebos schmeckte zu … was? Anders als Atlas, begriff sie, und ihr Zorn kochte noch höher. Kein Mann sollte so viel Macht über sie haben.

Trotzdem. Sie ließ Erebos weitermachen. Atlas musste erkennen, dass sie keinerlei Verlangen mehr nach ihm verspürte. Musste kapieren, dass er nie, niemals wieder ihre Gefühle gegen sie würde benutzen können. Sie war kein idealistisches kleines Mädchen mehr.

Dafür hatte er gesorgt.

3. KAPITEL

Wut, nichts als rasende Wut erfüllte Atlas. Abrupt löste er sich von seiner Begleiterin – er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern –, und sie schnaubte empört. Er machte sich nicht die Mühe, ihr zu erklären, was er vorhatte, als er davonstapfte. Die Wut brodelte immer stärker in ihm, während er die Stufen zu den Käfigen und zu Nikes Zelle hinaufstieg.

Sein Name stand auf ihrem Rücken. Wie konnte sie es wagen, einem anderen Mann ihre Lippen darzubieten?

Als er sein Ziel erreicht hatte, hob er den Arm, und der Sensor, den er sich ins Handgelenk hatte einpflanzen lassen, ließ die Gitterstäbe beiseitegleiten. Mehrere Gefangene saßen an der Rückwand der Zelle. Gierig betrachteten sie den niederen Gott der Dunkelheit und die Göttin der Stärke, wie sie sich gegenseitig mit der Zunge die Mandeln massierten. Sie waren so versunken in den Anblick, dass sie nicht einmal versuchten, Atlas anzugreifen und zu fliehen. Vielleicht hatte das aber auch mit den Schmerzen zu tun, die sie zu spüren bekämen, wenn sie es wagten. Er musste nur einen Knopf drücken, und ihre Halsbänder würden ihnen das Hirn grillen.

Nike stöhnte, als würde ihr tatsächlich gefallen, was Erebos mit ihr machte. Rote Blitze zuckten vor Atlas’ Augen. Wie. Konnte. Sie. Es. Wagen. Zähneknirschend packte er Nike am Kragen ihrer Tunika und riss sie an seinen harten Körper, fort von Erebos.

Ihr entfuhr ein Keuchen. Anders als bei der Blondine ließ ihn das ganz und gar nicht kalt. Der Laut ging ihm durch und durch, und er hätte alles getan, damit Nike ihn noch einmal machte.

Was ist los mit mir?

„Hey“, blaffte Erebos und streckte unklugerweise die Hand nach Nike aus, um zu Ende zu führen, was er begonnen hatte. „Wir waren gerade beschäftigt.“

Das Gesicht zu einer wütenden Grimasse verzerrt, trat Atlas ihn vor die Brust. Der kleinere Mann flog nach hinten und krachte in die Reihe seiner Mitgefangenen hinein. Bereit zum Angriff sprang der niedere Gott wieder auf die Füße, sah, wer ihn attackiert hatte, und erstarrte. Seine Nasenflügel bebten, seine Hände waren zu Fäusten geballt.

„Berühr sie noch mal“, erklärte Atlas mit ruhiger Stimme, obwohl er die Worte nur unter Mühen herausbrachte, „und ich nehm dir das Halsband ab. Zusammen mit deinem unwürdigen Schädel.“

Der Grieche erblasste. Vielleicht entfuhr ihm sogar ein Wimmern. „Ich rühr sie nicht mehr an. Die war’s eh nicht wert.“

Vielleicht würde Atlas ihn allein für diese Beleidigung töten. Ihre Küsse waren himmlisch, verdammt.

„Was zur Hölle glaubst du, machst du da?“, fuhr Nike ihn an, die plötzlich aus ihrer Schreckstarre zum Leben erwachte und Erebos aus Atlas’ Gedanken löschte. Sie wirbelte herum und funkelte ihn wütend an. „Ich kann schlafen, mit wem ich will. Und hey, weißt du was? Vielleicht such ich mir sogar einen von deinen Freunden aus. Was hältst du davon?“

Trotz ihrer hitzigen Reaktion war sie nicht so außer Atem, wie sie es nach einem Kuss von ihm gewesen wäre, und ihre Wangen waren nicht gerötet. Nicht einmal ihre Brustwarzen waren hart.

Endlich kühlte seine Wut etwas ab.

„Halt einfach bloß die Klappe.“ Entschlossen packte er Nike beim Oberarm und zerrte sie hinter sich her aus der Zelle hinaus. Automatisch schlossen die Gitterstäbe sich wieder hinter ihm.

„Was zur Hölle soll das?“, wiederholte sie und wehrte sich gegen seinen Griff. Sie war noch nie eine gewesen, die ihm gehorcht hatte.

„Was zur Hölle soll das, was du da gemacht hast?“, gab er zurück. Als er am unteren Ende der Treppe angelangt war, hielt er inne. Die Blondine, die zufälligerweise die Göttin der Erinnerung war – verdammt, wie hieß sie noch mal? Nena? Nein, aber dicht dran. Nemo? Besser. Mnemosyne. Genau, das war ihr Name. Mnemosyne also und die drei anderen Krieger, die heute Wache im Tartarus schoben, starrten ihn mit offenen Mündern an.

„Was?“, knurrte er. Wenigstens hörte Nike auf, sich gegen ihn zu wehren. Sie wurde ganz still an seiner Seite, während ihre Aufmerksamkeit unaufhörlich zwischen ihm und den anderen hin- und herwanderte.

„Du kannst nicht einfach eine Gefangene rausholen“, sagte Hyperion, Gott des Lichts. Er war ein gut aussehender Mann, auch wenn er so blass war, wie sein Name vermuten ließ, und Nike betrachtete ihn besser nicht als möglichen Bettgefährten.

„Ich hole sie nicht raus“, gab Atlas steif zurück. „Ich verlege sie.“ In eine eigene Zelle, in der niemand seine dreckigen, widerlichen Lippen auf sie legen konnte. Und an dieser Entscheidung war rein gar nichts … Besitzergreifendes. Er wollte einfach nur nicht, dass sie irgendeine Art von Genuss empfand. Den hatte sie nicht verdient.

„Warum?“ Mnemosyne blickte ihn neugierig an, nicht das winzigste Zeichen von Ärger oder Eifersucht in ihrem Gesicht.

Warum? fragte er sich selbst. Mnemosyne war seit Monaten hinter ihm her, rief ihn ständig zu sich. Letzte Nacht war sie sogar nackt bei ihm zu Hause aufgetaucht. Sie war schön, ja, und fast hätte er nachgegeben und mit ihr geschlafen. Nach allem, was an jenem Tag mit Nike geschehen war, war sein Körper aufgeputscht gewesen bis an die Grenzen. Der Wunsch nach Erlösung war fast unerträglich gewesen. Doch bevor er Nägel mit Köpfen machen konnte, hatte er die willige Göttin weggeschickt. Er hatte sich zu schuldig gefühlt, um weiterzumachen. Als würde er Nike betrügen. Was lächerlich war. Das Einzige, was ihn mit Nike verband, war Hass.

Außerdem – wer wollte Zeit mit einer Frau verbringen, die seine Fehler niemals vergessen würde? Einer Frau, die jeden Vertrauensbruch in Erinnerung behalten würde? Die neue, falsche Erinnerungen in seinem Kopf spinnen konnte, sodass er irgendwann genau das glaubte, was sie wollte? Er ganz sicher nicht. Trotzdem hatte er sich heute früh zu Mnemosynes Haus gebeamt und sie gebeten, den Tag mit ihm zu verbringen. Bloß, damit er sie an diesem Tag mit ins Gefängnis nehmen konnte. Der Gedanke, sich mit ihr vor Nike zu profilieren, hatte ihn in eine seltsame Hochstimmung versetzt.

Erneut fragte er sich also, warum Nike für Mnemosyne keine Bedrohung zu sein schien. Die meisten Frauen empfanden es so, das wusste er. Er hatte sie reden hören. Nike war zu groß, zu muskulös, behaupteten sie. Zu hart, zu rau. Doch genau das waren die Dinge, die überhaupt erst sein Interesse geweckt hatten. Sie konnte mit seiner Stärke umgehen. Sie konnte genauso gut austeilen wie einstecken. Unter seinem Blick würde sie niemals verschüchtert in sich zusammensinken. Niemals vor seinem Zorn flüchten. Nike würde ihm immer geradeheraus entgegentreten. Und das gefiel ihm. Sehr sogar. Keine andere Frau, die er je getroffen hatte, war so mutig gewesen.

Und sie ist ja auch hübsch, dachte er. Na gut, erst gestern hatte er gedacht, sie sei vielleicht nicht einmal das, doch in diesem Moment schien der Gedanke auf jeder Ebene falsch. Erst gerade eben, beim Betreten des Gefängnisses, hatte er ihren Blick auf seiner Haut gespürt und aufgeblickt. Für eine Sekunde, eine einzige Sekunde hatte sie ihren Schutzschild fallen lassen. Sie hatte nicht gewusst, dass er sie beobachtete, also hatte sie nicht auf ihren Gesichtsausdruck geachtet. Einen Ausdruck, der sanft gewesen war, sehnsüchtig, ihre Augen strahlend.

Ihr Anblick hatte sein Blut zum Kochen gebracht, heiß war es durch seinen Körper geschossen.

Das bedeutete trotzdem nicht, dass er sie, seine Feindin, begehrte. Es war bloß die Tatsache, dass sein Name auf ihrem Rücken geschrieben stand, die diesen Unsinn mit seinem Kopf anstellte – da war er sich vollkommen sicher.

„Also?“, rief Mnemosyne sich in Erinnerung.

„Ja“, fiel Nike ein. „Wir warten auf eine Antwort.“

„Halt die Klappe, Gefangene“, keifte Mnemosyne. Sie war die Schwester von Rhea, der Götterkönigin, und ein Snob. Schon immer gewesen. Nichts liebte sie mehr als Macht und Kraft, und den Großteil aller Leute betrachtete sie als unter ihrer Würde.

Am liebsten hätte er sie dafür zusammengefaltet, dass sie so mit Nike redete, doch er hielt sich zurück. Sie erwarten auf eine Antwort auf … was? fragte er sich und versuchte, die Unterhaltung zu rekapitulieren. Ach ja. Warum verlegte er Nike? Störrisch hob er das Kinn und weigerte sich, zu ihr hinabzusehen. Nicht, dass er besonders weit nach unten hätte blicken müssen. Mit ihren eins achtzig war sie fast so groß wie er.

„Ich brauche keinen Grund. Dieses Gefängnis und jeder der Insassen unterstehen meinem Befehl. Wenn ich dich also verlegen will, kann ich das auch.“

Der letzte Satz galt den Titanen. Sie taten gut daran, nicht weiter nachzubohren.

Ohne ein weiteres Wort zog er Nike fort.

„Aber Atlas!“, rief Mnemosyne.

Er ignorierte sie. Wohin sollte er Nike bringen? In diesem verfluchten Bau gab es nicht viele Orte, an denen man Privatsphäre hatte. Alle Zellen waren bis zum Anschlag belegt. Damit blieb nur – sein Büro, entschied er.

„Du kannst von Glück reden, dass ich den Bastard nicht zu Tode prügeln lasse“, grollte er, als sie in einen neuen Gang einbogen und er sich sicher war, dass die anderen ihn nicht mehr hören konnten.

Nike musste nicht nachfragen, wer der „Bastard“ war. „Wofür denn? Er hat nichts getan.“

Nichts? Er hat berührt, was mir gehört. „Er hatte keine Erlaubnis, sich dir zu nähern.“ So. Mit dieser Antwort würde sie sich hoffentlich zufriedengeben. Und er hatte zwar wahrheitsgemäß geantwortet, aber doch nicht den eigentlichen Grund preisgegeben. Wieder bog Atlas um eine Ecke und erblickte am Ende des Gangs endlich die Tür zu seinem Büro.

„Sich mir zu nähern?“ Ein freudloses Lachen brach aus ihr hervor. „Oh, warte. Hab’s schon kapiert. Du kannst jede vögeln, die du willst, aber ich umgekehrt nicht.“

Hervorragend. Da waren sie schon mal einer Meinung. „Ganz genau.“ Mit großen Schritten stürmte er mit Nike in sein Büro, trat die Tür hinter sich zu und ließ sie schließlich los. Seine Hände zuckten sehnsüchtig in ihre Richtung, doch er zwang sich, die Finger bei sich zu behalten. Statt sich hinter seinen Schreibtisch zu setzen, stellte er sich direkt vor sie, Nase an Nase. „Du sollst deine Strafe in Einsamkeit erleiden.“ Götter, roch sie gut. Nach Leidenschaft. Reiner, weißglühender Leidenschaft.

„Von wegen. Mit mir selbst hab ich sowieso viel mehr Spaß.“

Bei dem Bild, das diese Worte vor seinem geistigen Auge wachriefen, brach er beinah in die Knie. Er sollte Abstand von ihr halten, sollte zurücktreten. Bevor er irgendetwas Dummes tat.

Ihre Augen wurden schmal. „Du hast dich kein Stück verändert. Bist heute genauso ein Arsch wie schon vor Jahren.“

„Wie auch immer“, fuhr er fort, als hätte sie ihn nicht soeben beleidigt. Geschissen auf Dummheiten. Sie war hier, und sie waren allein. „Wenn du jemanden zum Küssen brauchst, kümmere ich mich darum.“

Und götterverdammt, das war die absolute Wahrheit.

4. KAPITEL

Ihr blieb keine Zeit, zu protestieren. Bevor sie auch nur blinzeln konnte, spürte sie, wie sie gegen die Wand gepresst wurde. Atlas drängte sich an sie, harte Brustmuskeln gegen weiche Brüste, seine Hände stählern an ihren Schläfen, sein Mund auf ihrem – Widerstand zwecklos. Ohne Vorwarnung stieß er mit der Zunge in ihren Mund, zwang ihre Zähne auseinander.

Sie hätte ihn beißen können. Nein, sie wollte ihn beißen, und zwar nicht auf die zärtliche Art. Sie wollte sein Blut schmecken, ihm Schmerzen zufügen. Stattdessen wurde ihr Körper augenblicklich zu seinem Sklaven, als wären nicht Jahrhunderte des Hasses verstrichen, und hieß ihn freudig willkommen. Willenlos schlang sie ihm die Arme um den Hals und rieb sich an seiner Erektion. Erektion? Oh ja. Er war hart. Hart und lang und dick. Genau wie in ihrer Erinnerung.

Mit aller Wucht traf sein Geschmack sie, wild und brennend wie geheimnisvolle Gewürze. Unter ihren Handflächen spürte sie, wie er die Muskeln anspannte. Langsam ließ sie die Hände nach oben gleiten, bis sie die Finger in sein Haar wühlen konnte. Die kurzen Stacheln rieben köstlich an ihrer Haut, und ein Schauer überlief Nike.

Berühr mich! wollte sie schreien. Es war so lange her, so verdammt lang, dass sie das hier erlebt hatte. Oh, sie war durchaus mit anderen Männern zusammen gewesen, seit sie sich Atlas so unbedacht hingegeben hatte. Immer wieder hatte sie nach etwas so Intensivem gesucht, wie sie es mit ihm erlebt hatte. Etwas, um sie zu trösten, vielleicht sogar zu heilen. Doch nach jedem dieser Erlebnisse war sie leer und unbefriedigt zurückgeblieben. Hatte sich sogar noch schlechter gefühlt. Und dann war sie von Atlas persönlich gefangen genommen worden, und man hatte sie ohne großes Federlesen in dieses Gefängnis verfrachtet.

Und wie hätte sie sich ohne einen Hauch von Privatsphäre auf weitere Abenteuer einlassen sollen? Nicht, dass sie das gewollt oder auch nur versucht hätte. Für sie war niemand mehr anziehend. Niemand außer Atlas, mochten ihn die Götter verfluchen.

Ja, ihn verfluchen. Den Mann, der sie erst gestern zu Boden gedrückt und ihr seinen Namen ins Fleisch geätzt hatte. Was tat sie hier eigentlich? Warum ließ sie das zu? Er würde sich bloß einbilden, sie habe immer noch etwas für ihn übrig. Dass sie ihm immer noch nachweinte, von ihm träumte … sich nach ihm sehnte. Das mochte wahr sein, zur Hölle damit, aber sie würde niemals zulassen, dass er davon erfuhr.

Keuchend riss sie die Lippen von ihm los. Wie kannst du es wagen aufzuhören! schrie ihr Körper mit jeder Faser auf. „Ich will dich nicht“, log sie. „Lass mich los. Jetzt.“ Halt mich für immer fest.

Ein dumpfes Grollen entwich seiner Kehle. „Ich will dich genauso wenig.“ Einmal, zweimal rieb er seinen Schaft an ihr. „Aber ich lass dich nicht los.“

Danke.

Dämlicher Körper.

Ein heißes Pulsieren breitete sich von ihrer Mitte ausgehend in ihrem ganzen Körper aus. Süßer Himmel. Er hatte ihren empfindlichsten Punkt getroffen, und die Empfindungen überkamen sie, schlugen über ihr zusammen. Dann senkte er eine seiner Hände und schloss sie um ihre Brust. Die Knie drohten unter ihr nachzugeben.

„Warum?“ Ein bloßes Wimmern. Und warum überließ sie ihm die Entscheidung? Warum riss sie sich nicht von ihm los? Du bist Stärke. Jetzt benimm dich auch so.

„Warum ich dich nicht loslasse?“ Er reizte ihre harte Brustwarze zwischen den Fingern.

Genau darum bleibe ich, wo ich bin, dachte sie benommen. Die Lust wuchs, strömte durch ihre Adern, verbrannte sie von innen heraus, machte sie zu einem ganz neuen Wesen. Zu einer Frau, die allein für die Befriedigung lebte. Die es nicht interessierte, dass das Objekt ihrer Begierde ihr Feind war.

„Ja.“

„Ich will bloß … Ich …“ Seine Finger verspannten sich, und kleine Schmerzblitze jagten durch ihre Brustwarze. „Halt einfach die Klappe, und küss mich weiter.“

„Ja“, antwortete sie, bevor sie sich daran hindern konnte.

Wieder trafen sich ihre Lippen, und diesmal stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihm entgegenzukommen. Während sich ihre Zungen trafen und wütend kämpften, legte er die Hände auf ihren Po und hob sie hoch, bis ihre Füße den Boden nicht mehr berührten. Er war so unglaublich stark. Was für eine lustige Vorstellung, dass sie ihn zwingen könnte, ihr Gewicht zu tragen. Allerdings wäre das nicht annähernd so lustvoll, wie die Beine um seine Hüften zu schlingen und ihre pulsierende Mitte an seinen Schaft zu pressen.

So, wie sie an die Wand gepresst war, konnte er mit beiden Händen unter ihr Gewand fahren. Ihre Körper waren zu eng aneinandergedrängt, als dass er ihre feuchte Mitte hätte erreichen können, wo sie ihn am begierigsten spüren wollte. Doch seine Hände auf ihren Pobacken, flammende Haut auf lechzender Haut – das war fast genauso gut. Er war noch heißer als in ihrer Erinnerung.

In diesem Moment löste er die Lippen von ihren, doch bevor sie enttäuscht aufstöhnen konnte, küsste und leckte er seinen Weg ihren Hals hinab.

„Ja“, keuchte sie. „Ja. Genau so.“

„Mehr?“ Mit der Nasenspitze schob er das goldene Sklavenhalsband beiseite, als wäre es ein Schmuckstück und kein tödliches Gerät. In diesem Augenblick mochte sogar sie die Halsfessel.

„Ja.“ Mehr. Zu diesem Zeitpunkt war das das einzige Wort, das sie noch beherrschte. Außer … Wollte er sie betteln lassen?

Wut mischte sich plötzlich unter ihre Begierde. Ha, sie würde es ihm zeigen. Sie würde um gar nichts betteln. Nicht einmal um das. Vor allem nicht um das. Nicht bei ihm.

„Dann sollst du mehr bekommen“, erwiderte er und überrumpelte sie damit. Sie hatte nicht gebettelt, und trotzdem gab er ihr, was sie wollte. Grob zog er den Stoff ihres Gewands herunter, enthüllte ihre Brüste. Geräuschvoll sog er Luft durch die Zähne. „So reizend. So perfekt.“ Er ließ die Zungenspitze hervorschnellen und umkreiste damit die Brustwarze, die er vor kurzer Zeit noch mit den Fingern gezwickt hatte. „So meins.“

Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen und zerkratzte seinen Rücken mit den Fingernägeln. So gut. Die Hitze … die Feuchtigkeit … und dieses … „Ja!“ Dieses Saugen. Er saugte so heftig an ihr, dass ihre Bauchmuskeln zitterten. Niemand sonst war bisher körperlich stark genug gewesen, um es mit ihr aufnehmen zu können. Für Nike hatten sich die Zärtlichkeiten der anderen angefühlt wie ein Flüstern, kaum vorhanden und zutiefst unbefriedigend. „Atlas“, stöhnte sie. „Hör nicht auf.“ Ein Befehl, keine Bitte.

„Werd ich nicht. Kann ich nicht.“ Er richtete sich auf, und der Blick aus seinen verengten Augen hielt sie sogar noch wirkungsvoller an Ort und Stelle als sein Körper. „Ich will dich. Ganz.“

Mühsam rang sie nach Luft. Versuchte, zur Besinnung zu kommen. „Du meinst Sex?“ Ja, ja, ja. Hier, jetzt.

Ein knappes Nicken war die einzige Antwort. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch dann fand sie irgendwo in sich die Stärke, es nicht zu tun. Gierig sog sie seinen Anblick in sich auf – einen Anblick, der sie fast so sehr erfreute, wie er sie zur Weißglut trieb. Zur Weißglut? Warum eigentlich? Seine Nasenflügel bebten, seine Lippen waren angespannt. Er sah aus, als hätte er sich kaum unter Kontrolle.

Er will mich wirklich.

Aber … warum? fragte sie sich. Oder war er einfach ein unglaublich guter Schauspieler?

Ja, erinnerte sie sich düster. Er war ein unglaublich guter Schauspieler. Und daher stammte ihr Zorn. Schon einmal hatte er sie auf diese Weise angesehen: als sie das letzte Mal Sex gehabt hatten. Dieser Blick war das treibende Element gewesen bei ihrer Entscheidung, ihn zu befreien – ohne einen Gedanken an die Konsequenzen, die das für sie nach sich ziehen konnte. Konsequenzen, die bis zu einer Todesstrafe hätten reichen können. Aber, hatte sie gedacht, er liebt mich wahrhaftig, mit derselben Intensität wie ich ihn. Ihr wäre es absolut jedes Risiko wert gewesen, ihn zu befreien. Und möglicherweise die Ewigkeit mit ihm zu verbringen.

Wie sie das schaffen sollten, hatte sie nicht gewusst. Aber sie war entschlossen gewesen, es zu versuchen. Er nicht.

Den Göttern sei Dank, dass sie – Minuten, nachdem sie ihn aus dem Gebäude in die umgebenden Wolken geführt hatte – einem Mitglied seiner Schlampenparade begegnet waren. Von dort aus hätte er sich fortbeamen können, doch zum Glück hatte sie sein Halsband noch nicht entfernt. Das hatte sie erst tun wollen, wenn auch die letzte Wache außer Sichtweite war. So musste jeder, der sie zusammen herumlaufen sah, annehmen, dass sie einfach einen Gefangenen verlegte.

Doch draußen waren sie entdeckt worden. Niemand konnte sich aus dem Gefängnis heraus- oder in das Gebäude hineinbeamen, jeder musste die Haupttore passieren. Und Aergia, Göttin der Faulheit, hatte sich allen Ernstes entschlossen, früher zur Arbeit zu kommen, um sich – welch Überraschung – wieder mit Atlas zu treffen. Sie hatte Nike angehalten und gefragt, wohin er gebracht werden sollte.

„Ich quäle ihn, indem ich ihm zeige, was er nie wieder haben wird“, hatte Nike behauptet.

Die andere Göttin hatte die Stirn gerunzelt. „Na gut, bring ihn danach in mein Büro.“

„Warum?“

Das Stirnrunzeln hatte sich in ein träges, sinnliches Lächeln verwandelt. „Damit ich ihm … meine Art der Bestrafung zukommen lassen kann.“

In Nike war leise Furcht aufgestiegen. „Und wie bestrafst du ihn?“

„Was denkst du denn? Aber keine Sorge. Er wird danach um mehr betteln. Das tut er jedes Mal.“

In diesem Moment hatte Atlas versucht zu fliehen – hatte sie beide förmlich umgerannt. Doch mit der Halsfessel war er nicht weit gekommen. Nike hatte ihn wieder eingesperrt und, misstrauisch geworden, alle weiblichen Wachen befragt. Fast jede von ihnen hatte etwas mit ihm gehabt. Und ihnen allen hatte er dasselbe erzählt: Du bist wunderschön. Ich will mein Leben mit dir verbringen. Alles, was ich brauche, ist meine Freiheit, dann werde ich bis in alle Ewigkeit dein Sklave sein.

Also, noch mal mit ihm schlafen? „Hölle, nein.“

„Du willst mich“, sagte er schroff. Sein Griff auf ihrer Haut wurde fester, die Finger bohrten sich in ihr Fleisch, mussten ihr blaue Flecken zufügen. „Ich weiß, dass du mich willst.“

Und plötzlich wusste sie, worum es bei dieser kleinen Fummelorgie ging. Er wollte mit ihr schlafen, sie dazu bringen, sich wieder bis über beide Ohren in ihn zu verlieben, und sie dann fallen lassen. Er würde ihren Stolz zum Frühstück verspeisen, wieder ausspucken und die Reste zu Brei zertrampeln. Noch einmal. Alles, da war sie sich sicher, um sie dafür zu bestrafen, dass sie gewagt hatte, ihn so zu tätowieren, wie sie es getan hatte. Sie mit seinem Namen zu zeichnen war offenbar nicht genug.

„Dich wollen und dich tot sehen wollen sind zwei unterschiedliche Dinge.“ Mit einem zuckersüßen Lächeln tätschelte sie ihm die Wange. „Und ich kann dir versprechen, dass ich das Zweite unbedingt will. Was hingegen das Erste angeht … Das darfst du nicht so ernst nehmen.“ Na, wer spielte jetzt mit wem? „Also … sind wir hier fertig …? Ich meine mich zu erinnern, dass da ein niederer Gott auf meine Rückkehr wartet.“

Atlas fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Dann machte er sich von ihr los, ließ die Arme fallen und trat zurück. Fast wäre sie zu Boden gesunken, doch mit etwas Glück erlangte sie wieder das Gleichgewicht und hielt sich auf den Beinen. Ungerührt. So musste sie wirken.

„Wir sind fertig“, antwortete er knapp. „Wir sind so was von fertig.“

Gut, dachte sie. Warum also wollte sie plötzlich in Tränen ausbrechen?

5. KAPITEL

Um eine Einzelzelle für Nike zu schaffen, musste Atlas sieben Insassen auf andere Zellen verteilen – die auch ohne diese Verlegung bereits überfüllt waren. Doch es war die Zeit und Mühe wert. Er konnte den Gedanken an sie mit diesem Erebos einfach nicht ertragen. Wie sie mit diesem Bastard dieselben Dinge tat, die sie einst mit ihm, Atlas, getan hatte.

Nie. Im. Leben.

Niemals.

Und möglicherweise, ganz vielleicht, gab es da eine winzige Chance, dass er all das gar nicht tat, um sie zu bestrafen – sondern vielmehr wegen der Lust, die in ihm erwacht war. In ihren Armen war er zum Leben erwacht. Beim letzten Mal war es genauso gewesen, doch damals hatte er es noch als Gefängniskoller abgetan. Jetzt konnte er es nicht mehr abtun. Er war kein Gefangener, er war ein Wärter. Er war zum Leben erwacht, und er brauchte mehr. Mehr von ihr, einzig und allein von ihr. Doch sie behauptete, sie habe bloß mit ihm gespielt.

Mit ihm gespielt, verflucht noch mal! Das als Lüge zu entlarven war für ihn wichtiger als der nächste Atemzug. Der ihm ziemlich wichtig war. Er verstand das nicht. Schließlich war sie eine Verdammte, die auf ewig weggesperrt war, sie würden niemals ein gemeinsames Leben führen können! Nicht einmal, wenn er sie befreite. Denn dann würde er eingesperrt oder hingerichtet werden. Anders als sie war er nicht bereit, das zu riskieren.

Doch dass sie vor Jahrhunderten alles riskiert hatte … weckte tiefe Demut in ihm. Dieses Gefühl hatte er noch immer nicht verwunden.

Sie musste ihn immer noch wollen.

Eine Woche lang bemitleidete sich Atlas für seine Misere und fragte sich, was er tun sollte. Und während der ganzen Zeit blieb er Nikes neuer Zelle fern. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, an sie zu denken. Was tat sie gerade? Dachte sie an ihn? Träumte sie von ihm und diesem unglaublichen Kuss?

Jedenfalls tat er das. Sobald er die Augen schloss, sah er ihr vor Erregung glühendes Gesicht. Ein Gesicht, das bezaubernd war. Von „keine schöne Frau“ zu „hübsch“ zu „bezaubernd“ in nicht einmal einer Woche. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Aber das Lob ihrer Schönheit war berechtigt. Ihre Wimpern waren lang und dicht wie schwarzer Samt. Samt, der sinnliche schokoladenfarbene Augen umrahmte. Ihre Wangen waren seidig, zarte Haut, die dazu einlud darüberzustreichen – und ihre vollen roten Lippen schmeckten süßer als Ambrosia. Und all diese Kraft … Allein bei der Erinnerung daran spürte er seinen Schaft härter und länger werden. Mit wilder Hemmungslosigkeit hatte sie ihm den Rücken zerkratzt. Die Spuren waren noch immer zu sehen.

Na gut. Dann hatte er eben nicht die Wahrheit gesagt. Sie waren definitiv noch nicht miteinander fertig. Diesen Rausch musste er unbedingt noch einmal erleben.

Schließlich ertrug er es nicht länger, sie nicht zu sehen. Zum Glück war seine Schicht vorbei. Eine Schicht, die daraus bestanden hatte, durch die Korridore zu patrouillieren, die Gefangenen in ihren Zellen zu überwachen und dafür zu sorgen, dass alle ruhig blieben.

Das hätte ihn langweilen sollen. Schließlich war er ein Krieger. Doch das tat es nicht. Und das wiederum hätte ihn ärgern sollen. Immerhin hatte er ungezählte Jahrhunderte an diesem Ort verbracht – und sich geschworen, niemals zurückzukehren, wenn er erst einmal entkommen war. Doch Ärger verspürte er ebenso wenig. Er hatte diesen Job gewollt, um in Nikes Nähe zu sein. Um seine Rache zu bekommen, hatte er sich damals gesagt. Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher. Heute, und eigentlich schon die ganze Woche über, war er voller Elan durch die Gänge geschritten – das Wissen im Hinterkopf, dass er einfach nur um eine Ecke biegen musste, um sie zu erblicken.

Was er sich natürlich nicht gestattet hatte. Bis jetzt. Endlich würde er sie sehen.

Sobald sie in sein Blickfeld kam, erhitzte sich sein Blut, und die Luft in seinen Lungen fühlte sich an, als würde sie ihn von innen heraus verbrennen. Nike saß auf ihrer Pritsche, die Finger um das metallenen Bettende geschlossen, den Oberkörper leicht vorgebeugt und die Knie an die Brust gezogen. Ihr Haar lag perfekt, und ihre verengten Lider verbargen ihre braunen Augen vor ihm – und die Gefühle, die sich darin spiegeln mussten. Dafür sah er die Schatten, die ihre Wimpern auf ihre Wangen warfen. Schatten, die er mit dem Finger nachfahren könnte. Oder mit der Zunge.

Oh ja. Sie war bezaubernd.

„Wo ist deine Freundin?“, hörte er ihre seidige Stimme. Doch unter dieser Seide meinte er eine Spur Wut zu entdecken.

War sie wütend, dass er hergekommen war? Oder dass er so lange weggeblieben war?

„Ich hab keine Freundin.“ Auch wenn Mnemosyne weiterhin versuchte, das zu ändern.

Obwohl er sie jedes verdammte Mal abwies.

Nike zuckte mit den Schultern. „Schade für dich, dass sich Huren nie auf jemanden festlegen.“

Er wusste, dass in ihren Augen er die Hure war, und knackte mit dem Kiefer. Doch das hatte er wohl verdient. „Ich hab getan, was ich tun musste, um zu entkommen, Nike. Das bedeutet nicht, dass ich nichts für dich …“ Nein. Oh nein. Dieses Thema würde er nicht anschneiden. Er hatte nichts für sie empfinden wollen, und doch war es passiert. Doch da ihn das nicht davon abgehalten hatte, sie zu benutzen, würde ihr nichts von dem gefallen, was er dazu zu sagen hatte. „Ich bin mir sicher, auch du würdest alles tun, um hier rauszukommen.“

Ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich, doch sie widersprach ihm nicht. „Und, bist du gekommen, um mich zu befreien?“

„Wohl kaum.“

„Warum bist du dann hier? Wir haben einander nichts mehr zu sagen.“

Weil du alles bist, woran ich noch denken kann. Er hätte sie niemals tätowieren dürfen. Das hier hätte vermieden werden können. Oder auch nicht. Er mochte mit anderen geschlafen haben, vor vielen Jahren und in der verzweifelten Hoffnung, von diesem Ort zu fliehen. Doch es war ihr Gesicht gewesen, das er sich dabei vorgestellt hatte.

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, lehnte er sich mit dem Rücken an die Gitterstäbe und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es gibt so einiges zu sagen. Über den Kuss.“

Sie gähnte und klopfte sich mit der Hand auf den wunderschönen Mund. Einen Mund, den er überall auf seinem Körper spüren wollte. „Ich würde jetzt lieber schlafen.“

Soso. Sie wollte ihn also immer noch glauben machen, der Kuss hätte sie ungerührt gelassen. Und ein Teil von ihm glaubte ihr wirklich. Ein unsicherer Teil seiner selbst, der nie gewusst hatte, wie er mit ihr umgehen sollte – ihr, die ihm in jeder Hinsicht gewachsen war. Ja, selbst was ihre körperliche Kraft anging, auch wenn er das gern bestritt. Ein andere Teil in ihm, der männliche, wusste, dass sie alles genossen hatte, was er getan hatte. Sie hatte seinen Namen geschrien, Himmel noch eins, und dabei hatte er sie noch nicht einmal zum Höhepunkt gebracht.

„Du behauptest also, du willst mich nicht?“, fragte er in ebenso seidigem Ton wie sie.

„Nicht mal ein bisschen.“

„Wirklich?“ Wie zufällig ließ er eine Hand zu seinem Hosenbund sinken, drehte den Knopf hin und her, und ihre Augen folgten der Bewegung.

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