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Schwarze Brandung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. 37
  42. 38
  43. 39
  44. 40
  45. 41
  46. 42
  47. 43
  48. 44
  49. 45
  50. 46
  51. 47
  52. 48
  53. 49
  54. 50
  55. 51
  56. 52
  57. 53
  58. ANMERKUNG UND DANK

Über die Autorin

Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. Seit 2007 veröffentlicht sie erfolgreich Historische Romane und liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen, um direkt an den Schauplätzen zu recherchieren. Der Sylt-Krimi Schwarze Brandung ist ihr erster Kriminalroman. Sabine Weiß lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Hamburg.

1

Westerland, Nacht von Freitag auf Samstag,
29. auf 30. April 2016, 1.30 Uhr

Eine Windböe bläst Graupelschauer unter ihren kurzen Rock. Die junge Frau schlüpft aus ihren High Heels. Der Sand ist eiskalt und klamm. Den ganzen Tag über hat es geregnet. Kein Wunder, dass ihr Husten nicht nachlässt. Es war ein Regen, wie sie ihn noch nie erlebt hatte: Er schien von unten nach oben zu sprühen. Sie blinzelt in die Nachtschwärze. Gischtkronen leuchten in der Ferne auf. Strandkorb 313 steht in der SMS. Neben dem Bagger und den langen Rohren entdeckt sie ihn. Ihr Herz rast, als sie darauf zueilt. Diese Nacht wird ihr Leben verändern. Nach dieser Nacht werden ihre Träume endlich wahr. Ein neues Leben wird anfangen.

Der Schlag reißt sie von den Füßen.

Sie knallt hart auf den Sand. Bevor sie einen klaren Gedanken fassen kann, wird etwas über ihren Kopf gezogen. Finsternis. Rauer Stoff auf ihrer Haut, der ihren Schrei erstickt.

Jemand drischt wie mit Eisenfäusten auf ihren Körper ein. Der Geschmack von Blut auf der Zunge. Panik treibt ihre Finger durch den Sand, auf der Suche nach etwas, womit sie sich verteidigen kann. Da, ihre Tasche. Wo ist das Pfefferspray? Verschwunden. Stattdessen ertastet sie das Skizzenbuch und den daran befestigten Bleistift. Sie holt aus – und die Bleistiftspitze trifft auf Fleisch. Ein Aufheulen erklingt, gefolgt von einem harten Tritt in ihre Rippen. Weißer, stechender Schmerz – dann nichts mehr.

Als die junge Frau wieder zu sich kommt, peitschen Orkanböen über den Sand. Der Wind trägt alle Gedanken mit sich fort, keinen kann sie festhalten. Etwas bewegt sich. Kurz flackert die Hoffnung auf, dass ihr jemand zu Hilfe gekommen ist. Ihr wird klar, dass sie ihren Körper nicht spürt. Der Sack wird von ihrem Kopf gerissen, aber sie ist in der Dunkelheit wie blind. Dann erkennt sie einen Schatten – ein maskierter Mann. Es ist noch nicht vorbei. Über ihr der Sternenhimmel, unbeeindruckt von ihrer Todesangst. Neben ihr eine Grube im Strand. Die Angst presst die Luft aus ihrer Brust. Es ist ein Grab, ihr Grab! Unsanft wird sie in die Grube gestoßen. Sand klatscht auf sie. Salzig und eiskalt. Überall Sand.

Ich lebe noch! Du kannst mich nicht lebendig begraben! Sie will rufen, bringt aber nur ein Wimmern hervor. Die Erde umklammert sie wie ein besitzergreifender Liebhaber. Sie atmet Sand ein. Klumpig füllt er Mund und Nase. Verstopft ihre Atemwege. Ihr Körper krampft. Sie würgt. Die Last drückt sie tiefer in die Erde hinein. Macht sie taub und stumm. Alles, was sie noch wahrnehmen kann, ist das Dröhnen in ihrem Kopf.

In ihren letzten Sekunden die Erkenntnis, dass ihre Brüder nie erfahren werden, was ihr zugestoßen ist. Dass sie glauben werden, sie hätte sie verlassen, so wie ihre Eltern sie verlassen haben, ohne ein Wort. Ein grausamer Verrat, unverzeihlich, quälender als jeder körperliche Schmerz. Alle ihre Träume und Hoffnungen werden begraben unter feinem Nordseesand. Wie hatte sie nur glauben können, dass zum ersten Mal in ihrem Leben alles gut werden würde?

2

Flensburg, Montag, 2. Mai 2016, 6.05 Uhr

Das T-Shirt klebte an ihrem Rücken. Livs Hände waren heiß und rot, und ihr Körper schien zu vibrieren. Ein Schweißtropfen löste sich unter dem Kopfhörer und rann ihren Hals hinunter, doch sie merkte es kaum. Wie in Trance ließ sie die Sticks über Snares und Toms tanzen. Mancher Schlagzeuger mochte ein elektronisches Schlagzeug für unsexy halten, aber für sie war es perfekt. Technisch waren Sound und Spielgefühl der E-Drums ohnehin ausgereift.

Bis fünf Uhr morgens war sie in der Polizeidirektion gewesen. Gestern am späten Nachmittag waren sie in eine Kneipe in der Neustadt gerufen worden: tätliche Auseinandersetzung mit Todesfolge. Der Täter war nach der Messerstecherei geflüchtet. In einem gestohlenen Auto lieferte er sich mit ihnen eine Verfolgungsjagd bis nach Handewitt. Liv war in dem Team, das ihn schließlich festnahm. Stundenlang hatten sie die Zeugen vernommen, und inzwischen konnte die Beweislage als gesichert gelten.

Jetzt schaltete Liv ihr Metronom ein und begann auf »Klick« zu spielen, was eine fast meditative Übung war. Präzision und Kontrolle waren nach dem Auspowern beim wilden Trommeln genau das Richtige. Nachdenklich strich sie mit den Sticks über die Felle.

Erst im Winter war sie zur Bezirkskriminalinspektion K1, wie die Mordkommission in Flensburg offiziell hieß, gekommen. Im letzten Jahr hatte sie das K1-Team bei einem Fall von häuslicher Gewalt unterstützt, und nach Abschluss des Falls war sie von der K1-Leiterin Hilke Hasselbrecht eingeladen worden, sich auf eine frei werdende Stelle zu bewerben. Liv hatte der Teamgeist im K1 gefallen, und sie mochte die resolute und unkonventionelle Leiterin. Hasselbrecht hatte sich von Anfang an hinter Liv gestellt, auch als einige Kommissare kritisierten, dass sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zu jung sei; bei der Mordkommission seien Lebenserfahrung und Menschenkenntnis gefordert. Liv spornte die Kritik nur noch mehr an. Die Berufung in die Mordkommission war eine Chance, mit der sie nie gerechnet hatte, und sie würde sie nutzen. Sie würde beweisen, dass sie der Aufgabe gewachsen war.

Als Einstimmung auf den neuen Tag spielte sie ihr Lieblings-Reggae-Stück, danach schaltete sie die E-Drums aus. Erst jetzt nahm sie das Knurren ihres Magens und die Schwere ihrer Glieder wahr. Die Nacht saß ihr in den Knochen.

Liv nahm die Kopfhörer ab und rieb sich die Ohrmuscheln. Aus dem Obergeschoss drangen Stimmen und das Klappern von Tellern zu ihr. Eilig stieg sie die schmale Kellertreppe des Kapitänshauses, in dem sie zur Miete wohnten, hoch. Jetzt freute sie sich auf Sanna und Elise.

Sie war sehr früh, bereits mit sechzehn, Mutter geworden, und die ersten Jahre waren damals hart gewesen. Als Jugendliche, die Baby, Schule und Ausbildung unter einen Hut bekommen musste, waren Müdigkeit und Zeitdruck ihre ständigen Begleiter gewesen. Ihr Perfektionismus machte ihr das Leben ebenfalls nicht gerade leicht. Und dennoch hatte sie nie daran gezweifelt, dass sie alles schaffen würde. Denn sie war nicht allein. Sie hatte Sanna, ihre Tochter, und sie hatte ihre Großmutter Elise, die damals als Einzige zu ihr gehalten und sie unterstützt hatte. Mit den beiden an ihrer Seite erschien nichts unerreichbar. Ihre Familie war ihr Kraftzentrum.

Als Liv ins Wohnzimmer trat, deckte Sanna gerade den Frühstückstisch. Durch die breite Fensterfront wirkte der Raum mit der offenen Küche hell und freundlich. An den Wänden reihten sich Kinderzeichnungen an Konzertplakate, neben dem Sofa gesellte sich Elises Strickzeug zu Livs CD-Sammlung, Sannas Mangas und ihrer gemeinsamen Büchersammlung.

Sanna drehte sich um, entdeckte ihre Mutter und umarmte sie. Die Vierzehnjährige war nur noch einen Kopf kleiner als Liv. Sie hatten beide rötlich blonde Haare, Sommersprossen und ein energisches Kinn. Als Jugendliche hatte man Liv wegen ihrer schlanken hochgewachsenen Statur Giraffe genannt, aber inzwischen galt sie eher als elfenhaft. Sie bemühte sich, die Einflüsse von Sannas Erzeuger zu ignorieren. Als Sanna vor einigen Jahren nach ihrem Vater gefragt hatte, hatte Liv versprochen, ihr den Namen zu nennen, sobald sie sechzehn wurde. Daher würde Sanna in zwei Jahren selbst entscheiden können, ob sie Kontakt zu ihm aufnehmen wollte.

Sanna hatte pinkfarbene Haarsträhnchen, die Fingernägel waren marineblau. Sie hatte Wimperntusche aufgelegt, obgleich Schminken in ihrer Klassenstufe verboten und auch Liv dagegen war. Kein Diskussionspunkt für heute Morgen – so müde, wie Liv war, würde sie nur den falschen Ton treffen.

»Alles in Ordnung, Mam?«, fragte Sanna besorgt.

Statt einer Antwort drückte Liv ihre Tochter fest an sich. In diesem Augenblick kam Elise aus dem Hauswirtschaftsraum, eine Packung Hundeflocken in den Händen. Zorro, der kniehohe Mischling, den Sanna bei einem Campingurlaub am Strand aufgelesen hatte, tänzelte um die Füße der alten Dame. Elise war Mitte siebzig. Die grauen Haare trug sie flott gestuft, die gepflegte Kleidung wurde von einer Schürze geschützt, auf der »Flensburg ist wie Payback – ab acht Punkte gibt’s ein Fahrrad« stand – ein Gewinn beim Bingo. Elise war das, was man eine Seele von Mensch nannte. Sie hatte nicht nur Liv in ihrer schwierigsten Zeit beigestanden, sondern sich auch um Sanna gekümmert, während Liv die Schule beendet und ihre Ausbildung angetreten hatte. Für Liv war Elise dadurch ein Mutterersatz und eine Freundin geworden, für Sanna war sie »Ticktack-Oma« und Zweitmutter zugleich.

»Ohaueha, war wohl eine heftige Nacht«, meinte Elise bei Livs Anblick.

»Sieht man mir das etwa an?«

Elise wies zum Tisch, auf dem die Tageszeitung lag. »Das nicht, aber die Schreiberlinge machen einen ganz schönen Stahoi …«

Die Schlagzeile sprang Liv schon von Weitem an: Messerstecherei in der Neustadt. In der beinahe genauso fett gedruckten Unterzeile hieß es: Polizei verhaftet Täter nach spektakulärer Verfolgungsjagd. Auch das Foto war dramatisch. Es zeigte, wie Livs Kollege Andreas die Waffe im Anschlag hielt und sie selbst beruhigend auf den Messerstecher einredete. Liv hatte keinen Fotografen gesehen. Ein Anwohner musste das Bild aus seiner Wohnung heraus geschossen haben, denn die Qualität war schlecht. Ihre Namen wurden im Text genannt, was vermutlich zu einigem Wirbel auf der Wache führen würde. Bei der Mordkommission wurde erwartet, dass man sich bedeckt hielt. Gespräche mit Journalisten überließ man dem Pressesprecher. An die Öffentlichkeit trat man höchstens nach der Pensionierung, um in einem Buch über die spektakulärsten Fälle zu berichten. Wer ausscherte, musste mit Unannehmlichkeiten rechnen; Spott war das Geringste, der Vertrauensverlust wog schwerer.

Gespannt sahen Elise und Sanna sie an.

»Lasst uns erst mal frühstücken. Ich will hören, was bei euch so los war«, lenkte Liv ab.

Als Sanna eine halbe Stunde später zur Schule wollte, klingelte im Flur das Telefon. Im Vorbeigehen nahm sie ab.

»Moinsen, Sanna Lammers«, meldete Sanna sich und lauschte ernst. Dann hielt sie den Hörer an ihre Brust, sodass die Sprechmuschel zugedeckt war, und wandte sich Liv zu. In ihrem Gesicht zeichneten sich Überraschung und Entrüstung ab.

»Da ist ein Jan. Er ruft von Sylt an und will seine Tante Liv sprechen.« Empört fragte Sanna: »Ich habe einen Cousin? Warum erfahre ich erst jetzt davon?!«

Liv war zu verblüfft, um etwas zu erwidern. Seit vierzehn Jahren hatte sie nichts von ihrer Familie auf Sylt gehört. Der Bruch war unvermeidbar und endgültig gewesen – jedenfalls hatte sie das damals gedacht. Mit einem Mal überrollten sie Erinnerungen und Gefühle – eine Slideshow im Schnelldurchlauf. Ihre Familie. Ihre Freunde. Sylt. Ihre Heimat und gleichzeitig verbotenes Land.

Elise sah vom Esstisch auf, ebenso überrumpelt. Auch für sie war der Bruch mit der Familie schwer gewesen. Sanna stürmte hinaus; heute Abend war wohl eine Erklärung fällig.

Liv lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Ihr Körper war starr vor Abwehr. Dann holte sie tief Luft und nahm den Hörer.

»Liv hier.«

»War das da eben meine Cousine? Wieso hat mir niemand gesagt, dass ich eine Cousine habe?« Die Stimme klang angenehm tief, der Tonfall ein wenig unsicher. Ein Jugendlicher, in Sannas Alter, und er klang genauso vorwurfsvoll.

»Das bin ich eben schon gefragt worden.«

»Wie heißt sie? Meine Cousine.«

»Sanna.«

»Krass.«

Was war daran krass?

»Hallo, Jan«, sagte Liv in dem Versuch, ein normales Gespräch zu beginnen. »Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du noch ein Baby …«

Elise erhob sich und deckte den Tisch ab. Ihre Hände zitterten.

Der Junge stieß die Luft aus. War das ein Lachen? »Ich kann mich nicht daran erinnern.«

»Natürlich nicht.«

Stille. Wind rauschte am anderen Ende der Leitung – Jan schien irgendwo draußen zu sein. Unwillkürlich weitete sich Livs Herz. Der Nordseewind war anders als die schwachen Brisen an der Ostsee. Sie mochte Flensburg und diesen äußersten Zipfel Deutschlands. Die sanfte, hügelige Landschaft mit ihren vielfarbigen Knicken. Das türkis schimmernde Wasser der Förde im Sommer. Den Blick über die hellgelben Rapsfelder bis nach Dänemark. Aber die Nordsee gehörte zu den Dingen, die sie wirklich vermisste. Sie trug sie in ihren Genen, in ihrem Herzen.

Doch warum rief Jan an? Was war geschehen? Und warum jetzt?

»Ich habe Ihr … dein Bild in der Zeitung gesehen. Mutter hat so was gesagt wie: ›Typisch meine Schwester, muss sich immer in den Vordergrund drängen.‹ Dann hat sie die Zeitung ungelesen in den Feuerkorb neben dem Kamin geworfen. Ich hab sie echt genervt, aber sie wollte einfach nicht mit der Sprache rausrücken. Da bin ich zu Frau Mönck gegangen. Die hat sich erweichen lassen und mir von dir erzählt.«

Frau Mönck, die gluckenhafte Hausmamsell, arbeitete also noch immer für ihre Familie. Auch sie hatte sich damals gegen Liv gestellt. Ihre Familie auf Sylt hatte sie verstoßen, als sie schwanger wurde. Und sie hatte sich von ihrer Familie losgesagt. Es klang wie ein Widerspruch, aber beides stimmte. Liv wollte nichts mehr mit ihren Sylter Verwandten zu tun haben, vor allem nicht mit ihrem Vater und ihrer Schwester. Ihr Neffe jedoch hatte mit diesem Bruch eigentlich nichts zu tun.

»Und da dachtest du dir, ich sage einfach mal Hallo«, setzte Liv das Gespräch schließlich fort.

Heulende Böen. Metallisches Schlagen von Seilen an Segelmasten, ein chaotischer Rhythmus, wie improvisiert – Jazz. Jan war offensichtlich an einem Hafen. Dann hörte Liv das Geräusch von Schritten, und schließlich ließ das Rauschen nach.

»Nein … Ich … ich rufe an, weil …« Plötzlich klang Jan sehr ernst. »… weil meine Freundin verschwunden ist. Milena. Milena Karmovic. Ich bin sicher, dass ihr etwas zugestoßen ist. Wir waren am Samstag verabredet, aber sie ist nicht gekommen. Sie geht auch nicht an ihr Handy. Niemand hat sie gesehen. Ich mache mir mega Sorgen. Du bist Kommissarin – du kannst doch bestimmt helfen!«

Der kindliche Klang seiner Stimme brach Livs Panzer auf. Gleichzeitig verspürte sie Ernüchterung: Ein Mitglied der Sylter Familie Lammers tat niemals etwas, wenn es ihm nicht nützte. Aus reiner Gewohnheit übertrug Liv die Nummer vom Display auf einen Notizblock und schrieb den Namen des Mädchens dazu.

»Bist du sicher, dass sie nicht einfach weggefahren ist? Vielleicht hatte sie etwas vor, hat es dir aber nicht erzählt.«

»Milena schaltet ihr Handy nie aus. Sie will für ihre Brüder erreichbar sein.«

»Bist du schon bei der Polizei gewesen?«

»Du bist doch die Polizei. Kannst du nicht kommen und Milena suchen?«

Livs Herz machte bei dem Gedanken einen Sprung. Schnell sagte sie: »Wende dich an die Schutzpolizei in Westerland, die sind näher dran und werden sich darum kümmern. Du, ich muss jetzt leider Schluss machen …«

Elise sah Liv still an und streckte die Hand nach dem Hörer aus. Die Zärtlichkeit in ihrem Blick traf Liv. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.

»Warte, Jan. Hier ist noch jemand, der dich sprechen möchte. Deine Urgroßmutter.«

Eine Gänsehaut zog über Livs Rücken, als sie Elises Worte hörte.

»Jan, min Lütter …«

Vier Stunden später raste Livs Hollandrad klappernd die abschüssige St.-Jürgen-Straße hinunter zum Hafenrand. Die bunten Fassaden der Kapitänshäuser leuchteten im Sonnenlicht. Liv genoss die Wärme auf ihrer Haut; für Mai war es bisher noch viel zu feucht und kalt. Den Wolkengebirgen am Horizont nach zu urteilen, würde es auch heute nicht lange trocken bleiben.

Flensburg lag am südlichen Ende der Förde, von den Dänen Flensborg fjord genannt, was sich nach der gewaltigen Landschaft Norwegens anhörte. Die Hügel westlich und östlich der Stadt waren allerdings sanft, und statt schroffer Felsen erhoben sich hier Kirchen und Bürgerhäuser. Von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont, ließ sich die Stadtgeschichte genau an den Gebäuden ablesen: vom mittelalterlichen Kaak über Fachwerkhäuser, Kaufmannsspeicher aus Backstein bis zu den Kontoren der Rumhändler, die im achtzehnten Jahrhundert einen Hauch Südsee an die Förde gebracht hatten. Liv hielt noch schnell bei der dänischen Bäckerei und kaufte ein paar Plunderstücke für sich und die Kollegen; das zuckrige Gebäck war im Kommissariat zu jeder Tageszeit beliebt. Im Laufe der Geschichte war Flensburg mal dänisch, mal deutsch gewesen. Heute war es eine Grenzstadt durch und durch: Es gab zweisprachige Bedienung in den Geschäften, ein dänisches Kulturzentrum, die dänische Bibliothek und ein Theater. Die Deutschen profitierten von der lockereren Lebensart der Nachbarn, dem skandinavischen Design und auch von den leckeren dänischen Spezialitäten, die es in vielen Läden gab.

Die kühle Brise machte Livs Kopf klar und vertrieb die Müdigkeit ein wenig. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Ereignissen des Morgens. Elise hatte lange mit Jan gesprochen. Anschließend hatte sie sich auf das Sofa fallen lassen. Livs Schuldgefühle waren explodiert, denn schließlich hatte es zu einem Großteil an ihr gelegen, dass es damals zum Bruch mit der Familie gekommen war. Davon aber hatte Elise nichts hören wollen, und sie hatte sich mehr aufgeregt, als es gut für eine Frau in ihrem Alter war. Wütend war Elise vor allem auf Livs Schwester Annika, die Jan ihre Briefe vorenthalten hatte, wie sie in dem Telefonat erfuhr. Aber hatten Liv und ihre Großmutter sich nicht genauso geheimniskrämerisch verhalten? Das Gespräch mit Sanna würde nicht einfach werden. Sanna wollte immer alles genau wissen, wie Liv selbst. Aber ihre Tochter durfte die Wahrheit nicht erfahren, noch nicht.

Was den Grund von Jans Anruf anging, würde Liv ihrem Neffen helfen und einige Suchanfragen in internen Systemen laufen lassen. Allerdings stellten sich fünfundneunzig Prozent aller Vermisstenfälle als harmlos heraus. Gerade bei Jugendlichen kam es häufig vor, dass sie für ein paar Tage abtauchten; oft war nicht einmal der beste Freund eingeweiht. Dass die Ausreißer nicht erreichbar waren, hatte meist einfache Gründe: kaputtes oder gestohlenes Smartphone, leerer Akku oder einfach das, was man auf Sylt vermutlich hochgestochen digital detox nennen würde, digitale Enthaltsamkeit.

Schließlich hatte Elise sich mit Zorro auf zum Agilitytraining gemacht, was die alte Dame und den Hund gleichermaßen fit hielt, und Liv hatte sich hingelegt. Sie wurde erst mittags im K1 erwartet. Trotz der Aufregung war sie so übernächtigt, dass sie sofort einschlief. Als Sanna klein gewesen war, hatte Liv oft bis spät in die Nacht lernen müssen. Sie wollte für ihre Tochter da sein, gleichzeitig wollte sie einen guten Abschluss. Seitdem konnte Liv sich auch in völligem Chaos auf ihre Arbeit konzentrieren, zu jeder Gelegenheit ein Nickerchen machen und selbst in der Einöde Kaffee und Schokolade auftreiben. Aber drei Stunden Schlaf waren selbst für ihre Verhältnisse wenig.

Jetzt radelte Liv unter der Eisenbahnbrücke hindurch. Wie stets wanderte ihr Blick zur Hafenspitze. An der Schiffbrücke dümpelten der Salondampfer Alexandra und andere historische Schiffe im Dunst. Erste Segler für die Rumregatta am kommenden Wochenende waren bereits eingetroffen. Vom Parkplatz Norderhofende fuhr ein Einsatzwagen mit Blaulicht los. Das Polizeigebäude hatte eine Traumlage an der Hafenspitze – kein Wunder, war es doch früher ein Hotel gewesen. 1889 hatte hier das Hotel Flensburger Hof seine Pforten geöffnet. Das Gebäude war viergeschossig und mit einer pompösen neubarocken Putzfassade versehen. Heute war es hellblau gestrichen, Ton in Ton mit den Polizeiwagen quasi, und Liv fragte sich, ob jemand diese scheinbare Harmonie geplant hatte. Blau galt ja als beruhigend, was bei einer Polizeistation sicher nicht schaden konnte. Als sie jetzt dort ankam, herrschte in den Straßen rund um die Wache bereits Mittagspausengewimmel.

Liv schloss ihr Fahrrad ab und wollte gerade ihr Privathandy ausschalten, als sie die Nachrichten bemerkte. Ein Gruß ihrer Freundin Maja und ein Leadsheet für die nächste Bandprobe – einen anspruchsvollen Song schlug ihr Sänger wieder einmal vor.

Beim Eintreten grüßte sie den Pförtner. Die Bänke im Flur waren leer, auf der Wache schien nicht viel los zu sein. Linoleum quietschte unter ihren Sohlen, als sie durch das großzügige, marmorausgekleidete Treppenhaus nach oben ging.

Lautes Niesen drang ihr aus den Büroräumen entgegen. Etliche Kollegen laborierten mit verschleppten Erkältungen herum, auch jetzt war nur ein Teil ihres Teams da.

»Da ist ja auch schon die Heldin der Arbeit. Wusste gar nicht, dass Ramboallüren und Titelbildqualitäten neuerdings Einstellungskriterien sind«, stichelte ihr Kollege Hennes und machte eine abfällige Geste in Richtung der Tageszeitung, die auf einem Schreibtisch lag.

Liv konnte gut verstehen, warum manche Kollegen Hennes als konfliktfreudig schätzten, während andere ihn hinter vorgehaltener Hand einfach nur als Stinkstiefel bezeichneten.

»Einer der Schaulustigen muss das Handyfoto geschossen und an die Zeitung verkauft haben. Bürgerreporter nennt sich das wohl«, entschuldigte Liv sich halb und legte die Plunderstücke auf den Tisch.

Ihr Kollege Andreas, gegen den sich die Spitze ebenfalls richtete, war offenbar noch nicht zum Dienst angetreten.

»Du hast es gar nicht mitgekriegt, willst du damit sagen? Noch schlimmer …«

Ihre Kollegin Wanda warf Liv ein solidarisches Lächeln zu. Wanda war etwa zehn Jahre älter als Liv und schien oft mehr mit ihrem Privatleben beschäftigt als mit dem Beruf. Aziz, ihr Computerexperte, starrte konzentriert auf den Bildschirm; er hatte den Wortwechsel gar nicht mitbekommen. Seine Augen waren rot gerändert. Er hatte mit Liv die Nachtschicht übernommen und war noch vor ihr wieder im Büro gewesen.

Nun mischte sich Bente ein. Er reichte Liv einen Becher Kaffee und schnappte sich im Gegenzug ein Plunderstück. Dann erklärte er: »Nun lass sie mal in Ruhe. Ohne Livs beherztes und beruhigendes Eingreifen hätte die Lage leicht eskalieren können.«

Bente war ein bulliger Mittvierziger mit zotteligen Augenbrauen. Er wirkte immer etwas zerknautscht, ganz so, als wäre er gerade aufgestanden. Ursprünglich kam Bente aus Padborg. Wie viele andere Dänen auch lebte er aber nun in der Nachbarstadt. Bentes Aussehen kontrastierte mit seinem Charme, der durch sein weich klingendes Deutsch verstärkt wurde, was auf manche Frauen geradezu unwiderstehlich wirkte, wie Liv festgestellt hatte. Nicht umsonst hatte er vier Kinder von drei Frauen, um die er sich rührend zu kümmern versuchte, auch wenn es ihn fast zu zerreißen schien. Schon allein dafür mochte sie ihn. Liv dankte ihm für den Kaffee und, wenn sie es auch nicht ausdrücklich sagte, für das Lob.

Als sie sich gerade an ihren Computer setzte, um sich auf den neuesten Stand zu bringen, stieß Andreas die Tür auf. Breitbeinig stand er da, hielt die Zeitungsschlagzeile hoch und grinste stolz: »Schon cool, oder?«

Die Kollegen sahen sich an und rollten mit den Augen. Liv sparte sich einen Kommentar und wandte sich den Stellwänden im Besprechungsraum zu, an die sie nachts die ersten Informationen gepinnt hatte. Etliche Fotos, Zettel und Notizen waren seitdem hinzugekommen. Es gab ihr ein gutes Gefühl, dass sie Hand in Hand arbeiteten.

»Wie ist die Lage?«, fragte Liv endlich.

3

Tinnum, Sylt, Dienstag, 3. Mai 2016, 5.59 Uhr

Mit dem Zipfel des Handtuchs polierte Tatia die Spüle. Sie rieb und kratzte, doch die grauen Schleier wollten einfach nicht weichen. Tatia schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Neulich hatte sie wieder ein graues Haar entdeckt und es sofort herausgerissen. Manchmal kam es ihr vor, als kämpfe sie ihr ganzes Leben gegen Grautöne an. Von morgens bis nachts putzte sie. In dieser Unterkunft, im Hotel und später in Restaurants und Bars. Selbst in ihren Träumen tauchten immer wieder Wischeimer und Fettecken auf. Sie durfte ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren: ihrer Familie ein Auskommen und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Bis es so weit war, betreute ihr Mann die zwei. Seit Stepan bei einem Fabrikunfall im letzten Jahr die rechte Hand verloren hatte, musste sie allein das Geld verdienen; ihre Kinder sah Tatia nur einmal im Jahr und vermisste sie furchtbar.

Das Wischwasser kippte sie in die Toilette. Gleich würde sie abgeholt werden. Sie öffnete den Hahn und klatschte Wasser in ihr Gesicht. Als sie sich abtrocknete, sah sie in den Spiegel: ein rötliches müdes Gesicht, die braunen Haare stumpf. Ihre Hände waren rau, die Haut aufgesprungen und wund. Sie war mollig geworden. Selbst der ausgeleierte Pulli spannte über Bauch und Hüften. Stepan gefiel es so, aber sie war unzufrieden mit sich. Mehr Schlaf, ein paar Strähnchen und weniger Dosenmahlzeiten würden sie bestimmt wieder zu einer attraktiven Frau machen, so aber sah sie viel älter als fünfundzwanzig aus.

Sorgfältig wischte Tatia das Waschbecken trocken und steckte den Lappen in die Kittelschürze. Oleg achtete penibel darauf, dass sie sauber arbeitete.

Ein Türklappen lockte sie auf den Flur hinaus. War das Milena? Sie teilten sich morgens oft einen Schokoriegel und einen Kaffee. Gestern allerdings hatte sie Milena gar nicht gesehen. Tatia öffnete die Tür zum Schlafsaal, um dort nach ihr zu suchen.

Die schmalen Etagenbetten aus Metall standen eng beieinander. Es roch muffig nach durchgeschwitzter Kleidung und dem Schimmel, der in den Zimmerecken blühte. Von außen wirkte das Hostel, an dessen Tür ständig das »Belegt«-Schild hing, damit sich kein Tourist hineinverirrte, solide, doch es pfiff durch Dach und Fenster, und die Leitungen waren undicht. Trotzdem war das Haus bis unters Dach voll. Diejenigen, die hier schliefen, waren froh, überhaupt ein sicheres Nachtlager zu haben. Sie waren unsichtbar. Niemandem durften sie auffallen. Die Sylter sahen nur zu gerne an ihnen vorbei. Aber sogar zwischen den Unsichtbaren gab es eine Hackordnung: Die Kellnerinnen und Bauarbeiter sahen auf die Hilfsarbeiter, Putzleute und Küchenhilfen herab, und die wiederum wollten nichts mit den bemitleidenswerten Frauen zu tun haben, die im Keller mit ihren Körpern die Mietschulden abarbeiteten.

Milena hingegen hatte, obgleich sie zu den besserverdienenden Kellnerinnen gehörte, Tatia geholfen. Nach Monaten, die Tatia mit abgelaufenem Visum in Deutschland herumgereist war – immer in Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden –, war sie für Milenas Hilfe umso dankbarer gewesen. Auch hatte ihr Milenas Entschlossenheit imponiert und ihr Pflichtgefühl. Gleichzeitig hatte Tatia sie ins Herz geschlossen, weil Milena trotz ihres harten Lebens nie die Fröhlichkeit verloren hatte. Unermüdlich schuftete sie für ihre Brüder, ihre Träume. Milena hatte Tatia auch getröstet, wenn sie kurz davor gewesen war aufzugeben.

Doch Milenas Lager wirkte unbenutzt. Wo steckte sie nur? Das Geld für den Rollstuhl, den ihr jüngster Bruder bekommen sollte, hatte sie noch lange nicht zusammen. Oft hatten Tatia und sie gemeinsam ausgerechnet, wie lange sie noch durchhalten mussten, bis sie ihre Ziele erreicht hatten. Es war sehr lange gewesen …

»Was hast du hier zu suchen?«

Olegs Stimme ließ Tatia zusammenfahren. Es war nicht Olegs Aussehen, das sie einschüchterte, denn der Hostelmanager war klein, breit und drahtig. Es war die Aggressivität, die er ausstrahlte. Oleg hatte den wiegenden Gang eines Boxers und verfügte über eine Fähigkeit, für die seine Kumpel ihn lobten und die Frauen ihn fürchteten: Er konnte so zuschlagen, dass es keine blauen Flecken gab. Gewalt anzuwenden hatte er jedoch kaum nötig. Oleg war der Herrscher dieses Hostels. Er verteilte die Arbeit nach Gutdünken, konnte einem helfen oder einen fallen lassen. Selbst bärenstarke Bauarbeiter fürchteten ihn. Es war lebenswichtig, sich mit ihm gutzustellen. Milena hatte sich über Oleg lustig gemacht und gleichzeitig Angst gehabt, mit ihm allein zu sein.

»Was schnüffelst du herum? Hier gibt es nichts zu klauen!«

Gekränkt zog Tatia ihren Putzlappen aus der Kittelschürze. »Ich will die Rahmen der Betten abwischen. Keime, weißt du?« Dafür würde Oleg Verständnis haben. Das Hostel war zwar heruntergekommen, aber auf Sauberkeit legte er Wert. In seinem persönlichen Bereich war er sogar pingelig. Sein flächiges Gesicht war stets frisch rasiert, seine Kleidung roch nach Weichspüler – sogar T-Shirts und Socken ließ er bügeln. Seine Wohnung hinter dem Büro war blitzblank; manchmal musste seine derzeitige Favoritin dreimal am Tag dort für ihn putzen. Olegs ganzer Stolz aber war sein Wagen: ein mattschwarzer Ford Mustang, der im Hinterhof stand und in dem kein Krümelchen Staub liegen durfte. »Nicht, dass noch mehr krank werden. Bei dem Wetter.«

Fast alle Bewohner des Hauses schleppten sich krank zur Arbeit. Sie hatten kein Recht, hier zu sein, also auch kein Recht auf medizinische Versorgung. Außerdem summierten sich die Kosten für Verpflegung und Unterkunft weiter, wenn man krank im Bett lag. Für manche arrangierte Oleg allerdings auch Besuche bei einem Arzt, den ihre Papiere nicht interessierten.

Oleg kam näher. Sie konnte sein aufdringliches Aftershave riechen und wäre am liebsten geflohen, doch sie beherrschte sich.

»Wo ist Milena? Ich habe sie seit Sonntag nicht gesehen«, sagte sie.

»Nicht mehr hier.«

Tatia verstand nicht. Milena hatte keinen Grund zu gehen. Sie war hier zufrieden, konnte regelmäßig Geld nach Hause schicken. Außerdem hätte sie sich bestimmt verabschiedet. »Aber wieso …?«

Der Hostelmanager legte die Hand auf ihre Hüftpolster. Auch ihm schienen ihre Rundungen zu gefallen. Die Haut an Tatias Hals begann wie verrückt zu jucken, wie immer, wenn sie gestresst war.

»Hat sich einfach aus dem Staub gemacht«, sagte er und zog sie an sich.

Sie wollte zurückweichen – doch hinter ihr stand das Etagenbett.

4

Westerland, Sylt, 7.00 Uhr

»Ark Drööp helpt«, sair di Müürk en peset ön Heef. – »Jeder Tropfen hilft«, sagte die Ameise und pinkelte ins Wattenmeer.

Bernd Heitmann schmunzelte, als er an das alte Sprichwort dachte, während er der Sandaufspülung zusah. In hohem Bogen sprudelte das Sand-Wasser-Gemisch aus dem Rohr, und die Sonne ließ einen Regenbogen in dem Sprühregen funkeln. Möwen hackten gierig Krabben und kleine Fische auf, die sich mit auf den Strand ergossen. Dunkelgrau und glänzend breitete sich die Masse aus. Noch sah man dem Sand an, dass er aus der Tiefe des Meeres stammte. Aber bald würde niemand mehr den Unterschied bemerken. Der Sylter Strand würde wie eh und je in einem perfekten Weiß erstrahlen.

Bernd Heitmann trank seinen Tee aus und drehte den Becher, damit die letzten Tropfen in den Sand fielen. Der Dieselmotor sprang an, schien sich zu schütteln und ging dann in ein sanftes Schnurren über.

Ein Sandhügel in der Nähe der Strandkorbplätze störte Bernds Ordnungsempfinden. Der Steuerhebel bewegte sich geschmeidig in seiner Hand. Ruckelnd fuhr der Bulldozer los. Ein paar Möwen stoben laut schimpfend auf und schossen über die ersten Jogger hinweg, die im festen Spülsaum trabten. Bernd senkte die Schaufel, bis sie in die oberste Sandschicht des Hügels gefahren war, und gab Gas. Langsam hob er die Sandschicht ab und machte dieses Gebilde, das vermutlich eine Sandburg gewesen war, dem Erdboden gleich. Die Vögel umflatterten seine Fahrerkabine, ließen sich auf dem eben planierten Strandstück nieder, hackten und zeterten. Was war denn heute nur los mit ihnen, hier war doch noch gar kein Meeresgetier hingespült worden! Bernd schaute in den Rückspiegel. Etwas Rotes ragte im Sand auf. Hatte etwa irgend so ein Schwein seinen Müll am Strand vergraben? Er sprang vom Fahrersessel und ging über den frisch geglätteten Sand auf das Etwas zu. Ekelerregender Gestank stieg ihm in die Nase. Was immer das auch war, es hatte hier nichts zu suchen. Doch dann zögerte er.

War das …? Bernd schreckte zurück. Ein Arm, zerfetzt vom Kettenantrieb seines Baggers! Die Möwen rissen an blutroten Wundrändern. Dunkle Haare schauten aus dem Sand, struppig wie Strandhafer.

Bernds Magen krampfte sich zusammen, und in einem Schwall ergoss sich der Tee in den Sand. Dann schreckten seine Schreie die Jogger auf.

5

Flensburg, 8.35 Uhr

Sie waren am Ende ihrer morgendlichen Dienstbesprechung angekommen, als das Telefon klingelte. Wanda nahm ab und leitete das Gespräch in Hilke Hasselbrechts Büro, das sich auf der anderen Seite des Flurs befand. Während die K1-Leiterin ihrem Gesprächspartner konzentriert zuhörte, informierte Wanda die Kollegen: »Frauenleiche am Westerländer Strand. Hat wohl ein paar Tage im Sand gelegen. Offenbar Fremdeinwirkung.«

Die Info elektrisierte das K1-Team. Ein Mord auf Sylt? So selten wie brisant. Im ländlichen Nordfriesland war das K1 so oft unterwegs, dass die altgedienten Kommissare schon witzelten, man müsse die Mordkommission dorthin verlegen. Auf Sylt passierte hingegen wenig. Wen würde die Chefin nach Sylt schicken? Wer würde hier bleiben und den Fall des Messerstechers weiter bearbeiten müssen, der Kreise gezogen hatte und möglicherweise in Verbindung mit dem Krieg verfeindeter Rockerbanden stand? Außerdem nahte die Rumregatta. Bei der Regatta enterten nicht nur etwa hundert Gaffelsegler die Stadt, sondern auch Tausende Touristen. Da wurde jeder Polizist gebraucht.

Livs Gedanken rasten. Frauenleiche auf Sylt. Der Anruf ihres Neffen. Seine vermisste Freundin. Handelte es sich etwa um diese Milena? War sie in Gefahr gewesen, in tödlicher Gefahr? Und: Hätte Liv sie retten können? Retten müssen? Sie war Polizistin geworden, um Menschen zu helfen – doch die Sorge ihres eigenen Neffen hatte sie nicht ernst genommen. Über die Arbeit an dem Messerstecher-Fall hatte sie sogar vergessen, sich bei den Sylter Kollegen nach der Vermissten zu erkundigen.

Liv fühlte sich nicht nur, als hätte sie ihre Ideale verraten, sondern wurde auch von einem schrecklich schlechten Gewissen ihrem Neffen gegenüber geplagt. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät? Vielleicht handelte es sich bei der Toten gar nicht um Jans Freundin, und sie konnte ihm noch helfen … Verdammt! Sie wollte nicht nach Sylt, wollte die Insel nie wieder betreten, das hatte sie sich geschworen!

Erst als sie Hennes’ entnervten Blick auffing, bemerkte Liv, dass sie mit Händen und Füßen unbewusst einen Rhythmus geschlagen hatte.

Hasselbrechts Stimme verstummte, und ehe Liv den Gedanken zu Ende gedacht hatte, ging sie auf ihre Chefin zu.

»Ich stamme von Sylt. Ich würde gern zum Ermittlungsteam gehören, vielleicht sind meine Kenntnisse der Örtlichkeiten und Strukturen nützlich.«

Abwägend musterte die K1-Leiterin sie. »Könnte sein. Die Sylter Kollegen sind ja immer am Limit.«

Die Polizei auf Sylt musste mit einem ungeheuren Druck klarkommen, das war allseits bekannt. Nicht, dass die Insel eine Kriminalitätshochburg war, im Gegenteil: Dafür, dass auf Sylt so viel Geld und so viele Menschen zusammenkamen, war es erstaunlich ruhig. Allerdings wollte die Prominenz ihre Privatsphäre gesichert wissen. Die Unternehmer wollten ihren Geschäften ungestört nachgehen. Dazu kam das Interesse der Öffentlichkeit: Jeder Blechschaden auf Sylt rief die bundesweite Presse auf den Plan und musste deshalb von der Polizei lupenrein untersucht werden. Was einer kleinen Zeitung wie dem Schlei-Boten nur eine Meldung wert war, lieferte der Sylter Rundschau schon eine Titelgeschichte und wurde bis Bayern nachgedruckt. Diese Mischung aus Wichtigtuerei und Mediengeilheit hasste Liv.

Sie gingen hinüber zu den anderen Kommissaren. »Die Leiche einer jungen Frau wurde heute Morgen von einem Baggerfahrer am Strand von Westerland entdeckt. Die Kollegen der Sylter Kripo übernehmen den ersten Angriff, bis das K6 und wir vor Ort sind«, eröffnete die K1-Chefin den Kommissaren. Letzteres war keine Überraschung. Da eine Mordermittlung nicht ruhen konnte, bis die Mordkommission aus Flensburg eingetroffen war, mussten die Kommissare in Sylt die ersten Maßnahmen ergreifen. »Dem Zustand der Leiche nach zu urteilen, hat die Tote mindestens einen Tag im Sand gelegen. Ich werde die Ermittlungen nicht übernehmen können, da ich nicht abkömmlich bin. Hennes fungiert als Ermittlungsführer, Liv begleitet ihn«, bestimmte Hasselbrecht und lächelte schmallippig. »Machen Sie mir keine Schande. Wir haben eine vorbildliche Aufklärungsquote von neunundneunzig Prozent – ich will, dass das auch so bleibt!«

Liv glaubte die Blicke ihrer Kollegen auf sich zu spüren. Ein Mord auf Sylt – und der Frischling durfte mit? »Wir fahren nur zu zweit? Wird keine SOKO eingerichtet? Wäre Bente nicht besser als Liv?«, warf Hennes ein.

Hasselbrecht ignorierte seinen Einwand. »Bei dem Krankenstand brauche ich die anderen hier. Es gibt zu viele Fälle, die wir nicht schleifen lassen können. Wir haben alle mal angefangen. Liv hat sich in den ersten Monaten beim K1 bereits bewährt«, begründete Hasselbrecht ihre Entscheidung. »Ich spreche mit der Staatsanwaltschaft und dem Polizeichef über die Einrichtung einer SOKO, Verstärkung und die weiteren Maßnahmen. Wir kommen so schnell wie möglich hinterher.«

Es war ihr eigener Vorschlag gewesen. Aber bei der Aussicht, nach Sylt zu fahren, wurde Liv nun doch mulmig. Verrückt eigentlich: Der Deutschen liebste Insel, und sie bekam schon Bauchschmerzen, wenn sie nur daran dachte … Entschlossen verbarrikadierte sie ihre Gefühle in ihrem Inneren. Sie würde mit frischem Blick auf Sylt schauen müssen. Unvoreingenommenheit war in ihrem Beruf unerlässlich.

Eineinhalb Stunden später warteten Liv und Hennes in Niebüll auf die Abfahrt des Autozugs. Stoßstange an Stoßstange reihten sich die Wagen, auch die Park-and-Ride-Plätze waren voll.

Seit ihrer Abfahrt vom Präsidium hatte Liv immer wieder überlegt, Jan eine SMS zu schicken – doch sie wollte ihn auch nicht unnötig beunruhigen. Es war ja sehr gut möglich, dass es sich bei der Frauenleiche nicht um seine Freundin handelte. Sie hoffte es.

Ein unwilliges Schnauben von Hennes riss sie aus ihren Gedanken.

»Sieh dir nur die Kutschen an. Großstadtmuttis in Geländewagen, als ob sie täglich auf Safari gehen würden. Blondiert und in Weiß gekleidet. Bei einer Gegenüberstellung würde ich jämmerlich versagen – eine sieht wie die andere aus. Ich dachte immer, das wäre nur eins dieser Sylt-Klischees«, sagte er und schob sich Kautabak unter die Oberlippe.

Liv musste grinsen. Mit seinem schulterlangen Haar und dem Jeans-Ensemble, das vor etlichen Jahren modern gewesen sein musste, passte der Endfünfziger nun wirklich nicht nach Sylt. Hennes’ Brusttasche war durch eine Tabakpackung ausgebeult. Liv konnte froh sein, dass er im Wagen nicht rauchte.

»Ganz Sylt ist ein Klischee«, gab Liv trocken zurück. Gleichzeitig war ganz Sylt einzigartig, zumindest für den, der die Insel aus eigener Anschauung kannte. Hennes brauchte nichts von der Hassliebe zu wissen, die sie mit Sylt verband.

Der Zug fuhr an. Auf beiden Seiten der Strecke zogen Schilder vorbei, die meisten warben für Sylter Immobilienmakler und Baufirmen. Dahinter weitere Parkplätze, knallvoll. Doch je näher sie dem Hindenburgdamm kamen, umso spärlicher wurde die Bebauung. Gelb leuchteten die Rapsfelder gegen das Grau des Himmels an. Im ersten Schwemmland vermischten sich Wasser und Erde. Zugvögel durchschnitten den Horizont. Liv drückte den Fensterheber. Die Luft schmeckte salzig. Sie konnte die Nordsee schon riechen. Bald tauchte zu beiden Seiten das Watt auf, und sie ratterten über den Hindenburgdamm, die einzige Verbindung zum Festland. In ihrer Kindheit war Sylt eine in sich geschlossene Welt für Liv gewesen, ein Miniaturland, wie in einer Schneekugel. Auf der Insel hatte es alles gegeben, was sie brauchte. Doch irgendwann war ihr diese Welt zu eng geworden. Sie wusste noch genau, wie es gewesen war, als Jugendliche auszubrechen: Ein Ausflug nach Hamburg, vom Vater verboten natürlich. Noch auf dem Hindenburgdamm hatten ihre Freundin Katharina und sie befürchtet, aufgehalten zu werden. Als sie Bekannte der Eltern auf dem Gang des Zuges sahen, hatten sie sich kichernd in der Toilette eingeschlossen, bis sie außer Sicht waren.

»Wusstest du, dass etliche Kollegen von der Sylter Polizei gar nicht auf Sylt wohnen? Zu teuer! Jeden Tag pendeln fünftausend Menschen vom Festland auf die Insel, das muss man sich mal vorstellen. Dabei stehen außerhalb der Saison auf Sylt halbe Dörfer leer, weil die Zweitwohnungsbesitzer nicht da sind. Die Einwohnerzahl sinkt ständig, fünfzehntausend sind es angeblich nur noch – dagegen stehen eine Million Touristen jährlich«, echauffierte Hennes sich weiter. »Die Feuerwehren auf Sylt sind nicht einsatzfähig, weil es nicht genügend Freiwillige gibt. Kindergärten müssen schließen. Nicht mal eine Entbindungsstation gibt es mehr. Das ist doch abartig!« Er spuckte aus dem Fenster.

Aber die Sylter waren selbst schuld, fand Liv. Zu viele vergoldeten sich ihren Ruhestand, indem sie Häuser und Grundstücke verkauften. Von einem Tag auf den anderen waren etliche von ihnen Millionäre geworden. Gerade nach Todesfällen kamen Häuser unter den Hammer, weil sich die Erbengemeinschaft nicht einigen konnte oder einer von ihnen ausgezahlt werden wollte. Davon hatte ihr Vater oft genug profitiert. Ocke Lammers hatte beim Ausverkauf der Insel kräftig mitgemischt und war damit reich geworden. Seine Immobilienspekulationen waren ein Grund für Livs Rebellion gewesen. Sie hatte ihn dafür gehasst, wie er die Insel zerstörte und vom Pech anderer profitierte. Als Jugendliche hatte sie in Westerlands Fußgängerzone Flugblätter gegen seine Bauprojekte verteilt und an Demonstrationen teilgenommen. Sie hatte Familien geholfen, die wegen der steigenden Kosten ihr Haus verlieren sollten. Gemeinsam mit Katharina und anderen Naturschützern hatte sie Wiesen besetzt, um eine Bebauung zu verhindern. Einmal waren die Demonstranten sogar in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Ironischerweise war Liv schnell wieder freigekommen, als ihr Vater seinen Anwalt in die Wache schickte – für sie die größte Schmach überhaupt.

Das alles musste sie Hennes aber nicht auf die Nase binden. Und sie hoffte inständig, dass sich keiner der Sylter Kollegen an sie erinnerte.

Sylt hüllte sich in einen dichten Regenschleier. Hennes zog mürrisch seine Schultern hoch und die Jacke zusammen, als wäre das schlechte Wetter ein persönlicher Angriff. Eine vergebliche Anstrengung, der Wind trieb die Nässe in jede Ritze. Die Zigarette in Hennes’ Mund wurde feucht und bog sich durch. Liv machte der Regen nichts aus. Mit der nordischen Weisheit aufgewachsen, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung gab, hatte sie ihre Belstaff-Jacke, Jeans, einen von Sanna gestrickten Loop und Halbstiefel angezogen.

Am Strandaufgang von Westerland nahm sie der Sylter Kommissar Momke Nebber in Empfang. Er war um die dreißig und sah aus, wie man sich einen Nordfriesen vorstellte: blond, mit hellblauen Augen und rötlicher Gesichtsfarbe. Das Designerjackett sollte offenbar den leichten Bauchansatz kaschieren, hing jetzt aber klamm herunter. Die Sonnenbrille in der Brusttasche und die Seglerschuhe wirkten bei dem Wetter mehr als unpassend. Grübchen kerbten seine Wangen, halb bedeckt von einem Bart, der unnatürlich, beinahe wie aufgeklebt wirkte. Ein Typ, der gerne smart gewesen wäre, es aber nicht war. Er kam Liv vage bekannt vor.

Als er Liv die Hand schüttelte, musterte er sie. »Lammers? Gymnasium Sylt, oder? Zwei Klassen unter mir, wenn ich mich recht erinnere.« Er grinste. »Was hat dich denn nach Flensburg zum K1 verschlagen? Die Familie lebt doch in Morsum, ernsthaft arbeiten musst du wohl kaum, denk ich mir.«

Liv hatte es ja befürchtet: Sylt war ein Dorf. Sie spürte Hennes’ Blick auf sich.

»Ich liebe meinen Beruf, genau wie du es tust, nehme ich an«, lenkte sie ab.

»Und mich lässt du über Sylt schwadronieren – dabei gehörst du selbst zu diesen Schnöseln«, unterbrach Hennes harsch ihren Wortwechsel. »Nun fangt bloß nicht noch an, Jugenderinnerungen auszutauschen! Zum Lagebericht. Was hat der erste Angriff ergeben? Haben wir schon erste Erkenntnisse? Wo ist der Fundort?«

Momke ging, den Lagebericht herunterratternd, voraus. Hinter dem Gästekarten-Kontrollhäuschen tat sich die Aussicht auf den Küstensaum auf. Der Anblick des aufgewühlten Meeres versetzte Liv einen Energieschub. Sie konnte ihn gebrauchen. Der erste Eindruck von einem Fundort oder Tatort war immens wichtig, sie musste ganz bei der Sache sein.

Rechts war der Strand durch Markierungsbänder abgesperrt. Polizisten, zwei mit Polizeihunden, suchten den Abschnitt bahnenweise systematisch ab. In der Mitte der Fläche stand ein Bulldozer, bereits mit Spurenziffern versehen. Daneben ein weißes Zelt zum Schutz des Fundorts. Rotbraune Rohre, um die herum der Sand ungewohnt glatt und grau aussah. Schutzpolizisten versuchten die Schaulustigen unter ihren bunten Schirmen zum Weitergehen zu bewegen. Am Rand der Dünen drängten sich Strandkörbe, weggerückt, um Platz für die Sandaufspülung zu schaffen. Draußen im Meer sprangen Windsurfer über die Wellenkämme. Für sie gab es ebenfalls kein schlechtes Wetter, manche von ihnen gingen sogar bei Frost hinaus. Wieder spürte Liv das sehnsüchtige Ziehen in ihrer Brust.

»Der Fundort ist eingefroren, nichts ist verändert worden. Die Frau ist zwischen fünfzehn und zwanzig. Die Identität konnte noch nicht festgestellt werden. Der Rechtsmediziner ist auf dem Weg, deshalb haben wir uns zurückgehalten. Die Einwirkung stumpfer Gewalt ist nicht zu übersehen, ebenso wenig wie die Würgemale, während die Schürfwunden wohl eher auf den Bulldozer zurückzuführen sind.«

»Habt ihr den Bulldozerfahrer schon befragt?«, meldete sich Liv zu Wort.

»Er steht unter Schock, wir hoffen, dass er bald vernehmungsfähig ist. Ein Jogger ist ihm zu Hilfe gekommen, mit dem wir schon gesprochen haben.«

Sie liefen über den markierten Trampelpfad zum Fundort. Der feuchte Sand klebte unter ihren Sohlen. Ohne den Schutz der Dünen stach der Wind wie Nadelspitzen in die Wangen, und der Regen peitschte ihnen ins Gesicht. Trotz des widerlichen Wetters genoss Liv die Kraft der Elemente.

»Lässt sich schon sagen, wie lange die Leiche dort liegt?«, wollte Hennes wissen.

»In den letzten Tagen herrschte Schietwetter, alle Fußspuren sind verwischt. Und was vielleicht noch übrig gewesen wäre, haben die Bauleute zerstört. Wir haben die Spuren, soweit vorhanden, aber natürlich gesichert.«

Sie schlüpften in unförmige weiße Schutzanzüge, die, wie so oft, nur in Herrengrößen vorhanden waren. Flappernd riss der Wind an den viel zu weiten Schutzhosen. Latexhandschuhe und Mundschutz passten zum Glück besser.

Vor dem Zelt, das den Fundort schützte, sah Liv sich noch einmal um. Der Fundort war von allen Seiten gut einsehbar. War die Frau aus eigener Kraft an den Strand gekommen? Hatte jemand sie hierhergeschleppt? Im Mai begann die Hauptsaison, die Insel war dann voll. Wenn jemand zufällig am Strand gewesen war, musste er etwas gesehen haben. Aber vermutlich war die Leiche in tiefster Nacht vergraben worden.

Momke hatte keinen Schutzanzug übergezogen, sondern war auf die Schaulustigen konzentriert. Dort versuchte ein junger Polizist eine Dame zurückzudrängen, die erregt mit ihrem Smartphone wedelte.

»Überwachungskameras oder Funkdaten?«, fragte Liv ihn jetzt.

»Die nächstgelegenen Überwachungskameras sind in der Stadt, wir stellen die Aufnahmen gerade sicher. Die Funkdaten sind sichergestellt. Zwei Kollegen befragen Taxifahrer und Anwohner. Flughafen und Bahnhof werden auf Auffälligkeiten überprüft. Die komplette Sylter Polizei ist im Einsatz. Zur Not holen wir die Kollegen von der Bundespolizei hinzu. Denkst du denn, wir wissen nicht, was zu tun ist?« Kopfschüttelnd ließ Momke sie stehen, um zu der Smartphonedame zu gehen.

Hennes ging an ihr vorbei ins Zelt. »Hoffentlich ist deine Herkunft nicht der einzige Grund, aus dem die Chefin dich mitgeschickt hat.«

Liv konnte nicht fassen, dass die wenigen Sätze über ihre Familie ausgereicht haben sollten, sie zu diskreditieren. Aber sie musste ihren Ärger wegschieben. Für einen Moment schloss sie die Augen. Sie hatte erst wenige Tote gesehen und erinnerte sich noch an jedes Gesicht. Der Anblick eines Ermordeten war das Furchtbarste an ihrem Beruf. Schon bei der Lektüre des Standardwerks »Todesermittlung« während ihrer Ausbildung hatte sie sich zum Anschauen der Fotos zwingen müssen. Vielleicht ging es ihrem Kollegen ebenso, und Hennes war deshalb so patzig.

Schließlich trat auch Liv in das Zelt ein. Der Regen trommelte gegen die Planen, doch das Flattern und Pfeifen des Windes verebbte in dem abgeschirmten Raum. Die Zeit schien stillzustehen.

Der Anblick war schockierend. Was sie sah, prägte sich tief in Livs Seele ein. Sie schwor sich, alles zu tun, um dieser geschundenen jungen Frau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Als die Spurensicherer des K6 aus Flensburg eintrafen und sie draußen mit Momke das weitere Vorgehen absprechen wollten, kam ein schwer bepackter Mann mit dunklen Locken herangestolpert. Er war vielleicht Mitte zwanzig, wobei seine Sommersprossen und die John-Lennon-Brille es schwer machten, sein Alter zu schätzen. Momke wollte ihn gerade abwimmeln, doch es stellte sich heraus, dass er vom Institut für Rechtsmedizin in Kiel kam.

»Haben die keinen richtigen Arzt für uns? Müssen sie schon Medizinstudenten oder Referendare schicken?«, beschwerte sich Hennes.

Der junge Mann zückte seinen Dienstausweis. »Doktor Sebastian Gerlich. Hat die Polizei keinen freundlichen Kollegen für mich? Müssen sie einen Stinkstiefel schicken?«, gab er gelassen zurück, wobei seine feuchten Locken wippten.

Liv unterdrückte ein Grinsen. Recht so, man durfte sich nicht alles gefallen lassen.

»Abitur mit sechzehn. Eins Komma null. Medizinstudium summa cum laude. Fortbildung zum Gerichtsmediziner. Abschlussnote gefällig? Oder das Thema meiner Habilitationsschrift?«

Momke zupfte an seinem Bart. »Schon gut, der Kollege hat es bestimmt nicht so …«

Sebastian Gerlich steckte den Ausweis ein. »Wenn ich dann an den Fundort dürfte?«

Hennes gab ihm den Weg frei. »Der ist wohl geflogen, so schnell war der von Kiel hier«, knurrte er.

»Ich bin froh, dass er schon auf der Insel ist. Die Herrschaften von Rathaus und Tourismusbehörde fordern, dass wir den Strand so schnell wie möglich wieder freigeben. Die Absperrung schadet dem Tourismus.«

»Der Mord aber nicht?«, fragte Liv.

»Natürlich auch. Am besten wollen sie von beidem nichts mehr hören.«

»Das kann ich mir vorstellen. Ist aber deren Problem, nicht unseres«, sagte Hennes. »Können wir jetzt mit dem Bulldozerfahrer sprechen? Haben die weiteren Ermittlungen inzwischen etwas ergeben?«

»Der Bulldozerfahrer wartet im Mannschaftswagen. Wir haben mehrere Taxifahrer ausfindig gemacht, die in den letzten Tagen nachts Frauen nach Westerland transportiert haben. Sie wurden aufs Revier bestellt. Die Funkdaten und die Aufzeichnungen der Überwachungskameras haben noch nichts ergeben.«

Sie legten die Schutzkleidung ab und machten sich auf den Weg zum Parkplatz, um den Bulldozerfahrer zu befragen. Dem Mann war der Leichenfund jedoch derart auf den Magen geschlagen, dass er schon wieder auf die Toilette verschwunden war.

Im Mannschaftswagen wartete stattdessen ein Obdachloser, der oft im Hauseingang eines Hochhauses am Strandaufgang schlief. Er stellte sich als Dieter Platner vor, »a

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