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Schuldlos tot

Für Dajana und ihre Freundin

»Tempus fugit, amor manet«

(Die Zeit vergeht, die Liebe bleibt)

Prolog

Ein Tag zuvor

»Am Wochenende soll es aufhören zu regnen.«

Tierarzt Volker Carlsen nickte. Ihm ging Anderes durch den Kopf. In drei Tagen war Freitag.

»Und sieh zu, dass du rechtzeitig Feierabend machst.«

Regines Finger streichelten burgunderroten Samt.

»Na, wie werd’ ich den guten alten Faust vergessen? Und da wir schon dabei sind, Wien übers Wochenende ist gestrichen. Ich bin zum Notdienst verdonnert.«

»Notdienst? Du warst erst letzte Woche dran. Wie kann das sein? Du glaubst doch nicht, dass …«

»Liebling, fängst du wieder damit an? Immer wenn ich länger arbeiten muss, denkst du, dass ich mich mit anderen Frauen rumtreibe. Du solltest mir endlich glauben, dass es für mich nur dich gibt.« Bügel klapperten, die Kleiderschranktür knarrte.

»Wie könnte ich denken, dass du mich betrügst? Bitte entschuldige, Volker. Das sind lediglich meine psychotischen Illusionen.«

»Hör zu«, Volker griff um Regines Taille und küsste sie auf den Mund. Sie ließ es geschehen. Dabei sollte sie ihm die Lippen blutig beißen, ihr Knie zwischen seine Beine rammen und ihm, wenn er auf dem Boden lag, ins Gesicht treten, bis ihm die Augen rausquollen. Das, und noch mehr, hatte er verdient. ›W. Kroll. Die Detektei für alle Fälle‹. Vor zwei Wochen bekam sie Gewissheit.

Seine Hände fuhren durch ihre langen dunklen Locken. Wie sie sich vor seinen Berührungen ekelte.

»Nicht jetzt, Volker. Ich bin nicht in Stimmung. Die Kinder müssen in die Schule und Mutter …« Sie wusste, was er wollte. Und sie wusste, was zu tun war. Sie musste sich ein Weilchen gedulden.

»Okay«, sagte er und hob die Hände in die Luft. »Ich merke schon, du hast Besseres vor. Aber deine Eifersüchteleien sind echt abstoßend.«

»Oh, das tut mir leid, Volker. Wie kann ich dir nur etwas unterstellen, das du niemals tun würdest, stimmt’s?«

»Hör auf mit dem Mist, Regine. Ein für alle Mal. Ich habe Notdienst. Und entweder du glaubst mir oder du lässt es.«

»Tja«, sagte sie, »da kann man nichts machen. Ich frage mich nur, wofür du die Made eingestellt hast, wenn sie dich nicht vertreten kann, wenn wir gemeinsam mit den Kindern wegfahren wollen.«

Volker schnaufte und eine steile Falte zog sich senkrecht von seiner Nasenwurzel bis mittig der Stirn zwischen rotbraune Brauen. »Verdammt, Regine. Wenn du Langeweile hast, frage Mutter, ob sie euch Gesellschaft leistet.«

»Keinen Fuß setzt sie in unser Haus, das weißt du genau«, antwortete Regine.

»Ja, weil sie denkt …«, er hielt inne und sah auf zwei Jungen, die ins Schlafzimmer stürmten.

»Sie ist, wie sie ist.« Regine drehte ihrem Mann den Rücken.

Als Erstes würde sie die Jungen in die Schule bringen, eine Zartbitterschokolade mit Orangenstückchen kaufen, ihre Mutter im Stift besuchen und mit ihr eine Tasse Darjeelingtee trinken. Hinterher würde sie, wie jeden Dienstag, zum Friseur gehen.

Alles geschah, wie es jeden Tag, jede Woche, jeden Dienstag geschah. Alles, außer der Veränderung, die Regines Leben für sie in den nächsten Stunden bereithielt.

1

Am Mittwoch, den 10. März 2010, Viertel vor sieben am Morgen, riss das Telefonklingeln Hauptkommissar Richard Winter aus dem Schlaf. Er richtete sich auf, warf einen Blick auf seine Frau und schlurfte die Treppen nach unten in die Diele.

›Das Revier ruft an‹, blinkte im Display. Selber schuld, dachte er. Warum musste er auch freiwillig den Bereitschaftsdienst übernehmen? Aber Ingeborg war mit ihrer Schwester in der Stadt verabredet, und Lisa, seine Tochter, tobte bis Ende nächster Woche als kunstbesessene Touristin mit ihrem Freund durch Florenz. Wobei sie selbst bei Anwesenheit mit ihren zweiundzwanzig Jahren nicht erpicht gewesen wäre, mit ihrem Vater den Tag zu vertrödeln. Was sollte er also den ganzen Tag alleine anstellen? Er würde nur grübeln. Und dafür gab es in sechs Tagen mehr Gelegenheit, als er vertragen konnte.

»Ja«, warf er müde ins Telefon.

»Richard, ich bin es, Axel. Tut mir leid, dass ich so früh anrufe.«

Axel Berger war Oberkommissar der Wache 45 in Harburg-Wilstorf und wie sein Chef Richard Winter zuständig für Gewaltkriminalität. »Schneider hat mich informiert. Eine Leiche. Tierarztpraxis Carlsen. Eißendorf. Bin vor Ort. Nils ist im Bilde«, erklärte der, wie es seine Art war, im gewohnten Telegrammstil.

»Wo?«

»Eißendorf. Tierarztpraxis. Das ist oben …«

»Ich weiß, wo das ist«, raunte Richard. Schweiß trieb ihm auf die Stirn. »Ich komme.«

»War das Lisa?« Ingeborg war Richard die Treppen nach unten gefolgt. Schlief ihre Tochter auswärts, klebten ihre Ohren ständig am Telefon. Obwohl Lisa erwachsen und in Begleitung ihres Freundes Alexander war, beschlich sie diese mütterliche Unruhe, die sie immer überfiel, flog Unausweichliches ins Haus. Dreimal rief sie die letzten Tage auf Lisas Handy an, immer bekam sie zu hören: »Alles in Ordnung, Mutsch.« Doch ihr mulmiges Gefühl blieb.

»Nein«, sagte Richard, »das war das Revier. Eine Leiche liegt bei Carlsen in der Praxis.«

»Du meinst …?«

»Genau da«, sagte er und küsste Ingeborg auf die erröteten Wangen.

Eine Viertelstunde später quetschte er sich hinter das Steuer von Ingeborgs Golf und rief seine neue Kollegin Petra Taler auf ihrem Handy an. Er ließ durchklingeln. Die Mailbox sprang an. Er legte auf und wählte erneut.

2

7 Uhr 10 Minuten.

»Herrschaftszeiten!«, fluchte Petra. Sie ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Leer. Sie hatte vergessen einzukaufen. In München hatte sich Klaus um diese und andere unliebsamen Aufgaben gekümmert. Aber Klaus gab es nicht mehr, hier nicht mehr. Sie griff nach dem Glas Johannisbeermarmelade und der Erdnussbuttercreme, rutschte hinter den Küchentisch und schmierte sich einen Toast. Wieder sah sie auf die Uhr und fluchte. Sie griff nach dem Handy. Als sie die ersten zwei Ziffern der Tischlerei eintippte, leuchtete das Display auf. ›Chef ruft an‹. »Morgen, Richard«, murmelte sie, ging auf die Knie und angelte mit der freien Hand unter dem Kommodenschränkchen, »was gibt’s?«

»Morgen, Petra. Wo stecken Sie? Das ist das dritte Mal, dass ich versuche, Sie zu erreichen.« Richard fuhr den Golf aus seiner Garage am Langenberg in Marmstorf und lenkte links in die Bremer Straße. Auf der zweispurigen Zufahrtsstraße staute sich der Verkehr. Er bremste. Stop and go. Der Rauch der kleinen Aalräucherbude auf dem Gelände des griechischen Restaurants ›La Granja‹ zwängte sich beißend durch den Spalt der Fensteröffnung, verfolgte ihn. Er klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, hielt eine Hand am Lenkrad und kuppelte mit der anderen vom ersten in den zweiten Gang.

»Ich stecke nicht, ich suche«, erwiderte Petra.

»Was sagten Sie? Das rauscht.« Für zwei Sekunden überließ er das Lenkrad göttlicher Führung, setzte den Blinker und fuhr links auf die Abbiegespur hinter die Autoschlange, die in die Friedhofstraße einbiegen wollte.

»Unwichtig. Was gibt’s, dass Sie mich an meinem freien Tag anrufen?«

»Arbeit.« Richard warf einen Blick nach rechts zur ›Bruzzelhütte‹ auf der anderen Straßenseite: ›Donnerstag After-work-Wurst bis 22 Uhr. Handwerkerfrühstück ab 6 Uhr‹. Er sah in den Rückspiegel. Noch wäre Zeit, die Spur zu wechseln. Ein Becher Kaffee, ein Schinkenbrötchen, den Tag in Ruhe beginnen.

»Oh nein! Wir haben den Dienst getauscht, schon vergessen?«, sagte Petra, während sie weiter auf Knien rutschend mit der freien Hand ein paar Turnschuhe unter dem Schränkchen hervorzottelte.

»Aber wir …«

»Warten Sie, Richard. Es klingelt an der Tür, ich muss kurz …«

Barfuß rannte Petra in die Diele. Die kalten Fliesen verwandelten ihre Füße in Eisklumpen. Einen Fuß über den anderen reibend, eisige Kälte und spitze Krümel beseitigend, polterte sie los: »Es wird auch Zeit, dass Sie …« Sie brach ab, als sie Elli Finkemann vor der Haustür stehen sah. »Entschuldigung, ich dachte, Sie sind der Tischler.«

»Heute ist Mittwoch, Frau Taler. Das Wohnzimmer ist dran.«

Mit Boxermädchen Bonny an kurzer Leine drückte sich Elli in die Diele. Elli Finkemann trug Bluejeans, Turnschuhe und Windblouson. Das kurze aschblonde Haar lockte sich in frischer Welle und grüngraue Augen vermittelten Elan und Tatkraft. Ihre achtundsechzig Jahre nahm man der agilen Rentnerin nur schwer ab. »Und wenn Sie auf den Tischler warten …« Stirnrunzelnd fuhr Elli mit dem Zeigefinger in der Luft vor Petras grünblau gestreiften MännerBoxershorts bis zum Büstenhalter auf- und abwärts. An ihrem Tattoo hielt sie inne. Eine fünfzehn Jahre alte Mutprobe, mit Nähnadel und Füllertinte, oberhalb des linken Schulterblattes, im Koksrausch gestochen, die langsam verblasste. Die Trotzphase und Zeit der Ringelstrümpfe war vorbei. »Dann ziehen Sie sich was an. Das ist keine Aufmachung, um Handwerkern die Tür zu öffnen«, bemerkte sie tadelnd. Ihr Blick klebte an Petras Schulter, dem zerrissenen Herzen und dem durchgezogenen Schriftzug ›Love kills‹. Ihre Gehirnzellen ratterten.

»Ja, das wollte …«, begann Petra, als ihr einfiel, dass der Chef noch in der Leitung hing. »Hallo, Richard. Sind Sie noch da?«

»Ja.« Sein Magen warnte lauter. Er hasste es, ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen.

»Also, was ist los?«

»Eine Leiche in der Tierarztpraxis Carlsen in Eißendorf. Finden Sie den Weg?«

»Nein. Ja. Herrschaftszeiten!« Petra fluchte leiser. »Und was mache ich bei dem Regen mit meinen Fenstern? Wissen Sie, wie schwer es ist, hier auf dem Dorf Handwerker an Land zu kriegen?«

»Versuchen Sie’s mit beten.« Richard grinste, trat das Gas durch und rutschte bei Gelb hinter einem fetten BMW über die Ampel in die Friedhofstraße.

»Hilft nicht. Der da oben hat letzte Nacht zu viel Tequila gesoffen und kotzt sich die Seele aus dem Leib.« Auf einem Bein hüpfte Petra zurück in die Küche, pulte ein halb getrocknetes und hartnäckig klebendes Stück Spaghetti von der Unterseite ihres großen Zehs, schleuderte es mit spitzen Fingern in die Spüle und schlüpfte in Jeans, Socken, Bluse und Schuhe.

»Wer hat gesoffen?«

»Unwichtig«, murmelte Petra. »Bin unterwegs.« Sie klappte das Handy zusammen und schnappte sich den Toast, der noch auf dem Holz des Küchentisches neben Marmeladen- und Erdnussbutterglas lag, wo sie ihn geschmiert hatte.

»Vor Jahren hat ein Herr Böttger das Porzellan erfunden. Wie kann jemand wie Sie, mit dem Hang zum Perfektionismus, so schluderig sein? Wo soll ich denn nun anfangen zu putzen?« Ellis gängiges Gewetter tönte noch, als Petra über die regennasse Rasenfläche zu ihrem Käfer, den sie ›den Blauen‹ nannte, glitschte. Die Höflichkeitsblume kam später.

3

Nach der Königreicher Straße lenkte sie den Blauen auf die zweispurige Hauptstraße und hielt sich östlich Richtung Neugraben. Der Wettergott hatte sich ausgekotzt und die Sonne schenkte dem Morgen ein paar ihrer Strahlen. Kurz hinter der Este, einem schmalen Fluss, dessen nicht hochgezogene Fahrbahnbrücke sich wie eine Wand vor ihr aufbäumte und Petra zwanzig Minuten zum Warten zwang, drückte sie den Fuß aufs Gas. Erst kurz vor Neuenfelde verlangsamte sie die Fahrt. Der Starenkasten an der Dorfeinfahrt hatte seinen Obolus diese Woche. Sie drosselte das Tempo auf fünfzig und gleich weiter auf zwanzig, als sie die Menschenmassen auf der Straße entdeckte.

Dutzende Teenies tauchten auf der linken Deichseite auf und entrollten meterlange Transparente. Andere trugen Schautafeln, die sie jedem Autofahrer gestikulierend und schimpfend vor die Windschutzscheibe hielten. Petra trat die Bremse durch und kurbelte das Fenster runter, um das Gekreische auf der Straße besser zu hören.

»Hey, Sie da in Ihrem alten Kasten. Wissen Sie, dass Sie die Umwelt verpesten?« Ein Teenager, der siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein mochte, mit dunklen Locken und pickligem Gesicht, das mit glatter Haut hübsch gewirkt hätte, hielt ihr sein glotzendes Augenpaar vor die Nase.

»Ja«, sagte sie. Sie zog sich aus dem Pfefferminzatem, beugte sich vor und versuchte, die in schwarzer Schrift besprayte Papptafel, die ihr ein rothaariges Mädchen an die Windschutzscheibe klatschte, zu entziffern. ›ENTEIGNUNG IST ENTWÜRDIGUNG!‹ las sie und begriff, dass es keine Protestaktion um Verkehrsteilnehmer war, sondern um die Planung der Autobahnzusammenführung der A 20 und A 26 ging.

»Alles wird zerstört. Die Bonzen vergewaltigen die Flora und Fauna. Wir müssen im Lärm leben, von der Schadstoffbelastung des Obstes im Alten Land ganz zu schweigen. Die Bauern verarmen und das Obst vergammelt. Wollen Sie das verantworten?« Energisch riss der Teenie am Gürtel seiner Skaterhose, die ihn aussehen ließ, als hätte er einen Schwergewichtler aus dem Beinkleid geprügelt.

»Was?«, fragte Petra mit gewissem Abstand zum Glotzauge. Ihre Gedanken hingen bei ihren undichten Fenstern, ihrem freien Tag und der Leiche, zu der sie Richard beordert hatte. »Tut mir leid, …« Weiter kam sie nicht.

»Ja, allen tut es leid. Und aufwachen tun sie erst, wenn sie selbst betroffen sind.« Der rote Strubbelkopf mit der Schautafel schob sich neben den pickeligen Teenie.

Zwei Gesichter, ein Bild. Das Sams.

4

»Meine Urgroßeltern lebten hier schon von der Landwirtschaft. Doch was mit mir ist, daran denkt keiner«, wetterte der Rotkopf weiter. »Wer kauft mein Obst, wenn ich mit dem Studium fertig bin und auf dem Hof meiner Eltern arbeite? Wenn es dann noch der Hof meiner Eltern ist. Viele Pachtverträge hat die Stadt gekündigt. Friedrichsen, Kreuter, Hinrichsen, der junge Quast, alles Nachbarn, die zusahen, wie der Bagger mit der Abrissbirne ihre Häuser plattmachte. Und vor drei Jahren setzten uns die Hamburger Pfeffersäcke die verlängerte und verbreiterte Airbus-Landebahn vor die Nase. Das Mühlenberger Loch ist teilweise zugeschüttet. Viele Vogelarten sind gewichen. Und verdammt: Bäume wachsen nicht auf Beton.«

»Kinder, ihr habt recht«, sagte Petra und kam sich schrecklich selbstgefällig vor.

Sie kannte die Proteste, die mehr und weniger lautstark aufflackerten. Und sie kannte die unübersehbaren Protesttransparente der Ökonomen, gebunden wie Hängematten flatternd in den Apfelplantagen. Schwarze Schrift auf weißer Plane. ›GEBT UNSEREN KINDERN EINE CHANCE! DIE NATUR MUSS BLEIBEN! BLÜHENDE LANDSCHAFTEN – KEIN TEER‹ oder Totenkreuze, dick, groß und schwarz gemalt, von denen jeder wusste, wovor dieses Fleckchen Erde sich fürchtete.

»Aber ich habe jetzt keine Zeit für euch.«

Ohne auf Antwort zu warten, die sie erneut in einen Wortwechsel verstrickten, kurbelte Petra das Fenster hoch und gab langsam Gas.

Sie hätte aussteigen und den beiden enthusiastischen Teenies klarmachen müssen, dass ihr nicht egal war, was mit dem Alten Land geschah. Sie hätte ihnen sagen müssen, dass sie selbst im Alten Land lebte, das Land von Kindheit an kannte und liebte und die Arbeit der Bauern schätzte. Und dass sie nie anderes behauptete, waren auch ihre Vorfahren mit diesem Land, dieser Erde, verwachsen. Doch alles im Leben hatte Vor- und Nachteile. Und dazu gehörte das Für und Wider des geplanten Trassenausbaus. Die Teenies schlugen ihrem Blauen aufs Hinterteil wie einem sturen Klepper und pöbelten hinter ihr her.

Petra drehte am Radioknopf.

Als sie an der Stellmacherstraße vorbei in den Nincoper Deich Richtung Neu Wulmstorf einbog, drückte sie erneut den Fuß aufs Gaspedal.

5

Eißendorf, in Harburg, gehörte zum ausgesuchten, wenn nicht nobelsten Örtchen der Hamburger Süderelbe. Vereinzelte Mehrfamilienhäuser aus den 60er Jahren, einheitliche Thujahecken, gemähter Rasen und akkurat bepflanzte Rabatten prägten die Gegend ebenso wie imposante Jugendstilvillen, viele übernommen von Rechtsanwälten, Bankern, Ärzten und Kinderheimen.

Am Anfang des Lichtenauerwegs war alles dicht. Jeder, der sich fortbewegen konnte, schwirrte in der Straße umher. Petra kurbelte die Scheibe runter, hielt den Arm zum Fenster raus und schwenkte den Dienstausweis wie eine Fahne in der Hand. Im Schritttempo und mit einem Hupkonzert verschaffte sie sich den nötigen Platz. Hinter einem Golf mit dem Aufkleber ›Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinder-schänder!‹ scherte sie ein, parkte die eine Hälfte des Blauen auf dem Bürgersteig, die andere Hälfte zur Straße raus.

Auf gegenüberliegender Straßenseite, neben dem Schild einer tierärztlichen Praxisgemeinschaft, parkten zwei Streifenwagen mit zuckendem Blaulicht, der RTW und Notarztwagen. Passanten drängten sich auf dem Bürgersteig und steckten die Köpfe zusammen wie alte Bekannte. Dass es junge Hunde regnete, schien keinen zu stören. Minütlich füllte sich die Straße vor der Tierarztpraxis. Immer mehr Menschen trieben aus benachbarten Häusern herbei, um der inzwischen herrschenden Volksfeststimmung beizuwohnen. Auf den Balkonen der gegenüberliegenden sechs Parteienhäuser versammelten sich neugierige Zuschauer. Mit Ferngläsern ausgerüstet, hingen sie unter ausgedrehten Markisen, als bestaunten sie eine Weltmeisterschaft. Aus der Seniorenwohnanlage, einem rot geklinkerten Winkelgebäude, am Ende der Sackgasse, strömten Rentner mit Stöcken, Rollstühlen und Gehhilfen. Eingehakt zu Pärchen, meist gleichgeschlechtlich, dicht aneinandergedrückt unter bunten Regenschirmen, entrannen sie der häuslichen Tagesordnung. Autofahrer hupten und schimpften aus Autofenstern. Ein Schäferhund und zwei Westentaschentölen kläfften um die Wette. Eine Frau brüllte in ihr Handy, ein Rentner tippte sich an die Stirn und eine Gruppe junger Männer lachte über einen Witz, den sie gerade gehört hatten.

Petra schnürte die Turnschuhe, zog den Kopf ein und rannte über die Straße. Der Wind peitschte ihr den Regen wie Nadelstiche ins Gesicht. Unter ihren Sohlen knirschte Rollsplitt, Regenwasser spritzte an ihre Hosenbeine und versickerte in den Strümpfen. Funkgeräte knarzten. Uniformierte versuchten, Informationen umstehender Personen in Notizheftchen zu schreiben, bevor diese regennass verwischten wie die Spuren der letzten Nacht. Andere Kollegen beruhigten aufgebrachte Anwohner, die mit ihrem Auto zur Arbeit mussten und auf der Straße, versperrt von Einsatzfahrzeugen, nicht vorankamen.

Mit Ellenbogeneinsatz zwängte sie sich durch die Menge der Schaulustigen. Vor einer jungen Streifenpolizistin, die käsig um die Nase war, zückte sie den Dienstausweis und duckte sich, um hinter das Absperrband zu kommen. Richard Winter stand unter dem gläsernen Eingangsvordach des rot geklinkerten Praxis-Flachbaus. Petra fand, er sah übernächtigt aus, blass, mit eingefallenen Wangen und breiten bläulichen Augenringen unter den Brillengläsern; so, als schlüge er sich die Nächte um die Ohren.

»Da sind Sie ja«, brummte der. »Es regnet noch.«

»Der kotzt wieder«, sagte sie. Mit den Handflächen strich sie sich den Regen aus dem Gesicht.

6

Mittwoch, 10. März, 8 Uhr 32 Minuten.

Der Weg zum Tatort führte am Anmeldetresen vorbei. Oberkommissar Axel Berger, mit blauen Plastikstulpen über den Schuhen, stand am Ende des Ganges. Als er Petra und Winter kommen sah, schlurfte er ihnen entgegen.

Berger war vierunddreißig Jahre und seine athletische Figur machte ihn zu einer unverschämt gut aussehenden Erscheinung. Frauen klebten an seinem offenen Lachen wie Fliegen im Netz. Und wirkte er manchmal etwas mundfaul und passte mit seinem verwegenen Äußeren eher in eine Rockergang, so besaß er doch alle Voraussetzungen, die ein Kommissar haben musste. Er war ein gewissenhafter und selbstständiger Kollege mit gutem Gespür.

»Sie waren der erste Beamte am Tatort?«, fragte sie.

Er nickte. Eine blonde glänzende Strähne fiel ihm in die Stirn.

»Was haben wir?«

»Eine Frau, circa zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahre. Regine Carlsen, die Frau des Arztes. Ein Volker Carlsen mit Kollegin Brigitte Made. Beide zusammengeschlagen. Sind drinnen.« Er wies zum Ende des Ganges, wo eine Zwischentür zwei Operationsräume trennte. »Leben noch.«

»Und Sie haben …«

»Den RTW gerufen. Ja«, sagte er und sah Petra aus meerblauen Augen an.

»Und die Rechtsmedizin?«

Er nickte ein zweites Mal. Die Strähne über der Stirn wippte. »Jensen ist da. Spurensicherung unterwegs.«

»Wer hat uns verständigt?«

»Eine Arzthelferin. Sitzt im RTW. Gesehen hat sie niemanden, sagt sie.«

»Danke«, sagte Petra und ging den zehn Meter langen Gang entlang. Winter folgte ihr. Als sie sich dem Tisch näherte, der in der Mitte des Raumes stand und für Operationen an Tieren vorgesehen war, hielt sie den Atem an.

Burgunderroter Samt umschlang weiße Haut. Lange dunkle Locken lagen abrasiert auf dem Fliesenboden. Ein Collier feuriger Rubine, gelegt in ein Dekolleté, funkelnd im Neonlicht. Ein graues vierfingerbreites Gewebeband schnürte den Hals der Frau. Sie hatte die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet. Ein Sisalseil band ihre Arme und Beine an den Tisch. Petra schätzte, sie war drei, vier Jahre älter als sie selbst. Wie Berger vermutete, zweiunddreißig, dreiunddreißig. Neben ihrem Kopf lag eine weiße Rose.

Als Rechtsmediziner Heiner Jensen Petra sah, hob er den Blick. »Moin«, sagte er, »schön Sie kennenzulernen.«

Sie nickte. »Gleichfalls«, sagte sie und verzog die Mundwinkel zu einem knappen Lächeln.

7

Mit Anfang vierzig war Jensen mittelgroß, kräftig, aber nicht dick. Seine Bewegungen fanden flink und sicher ihr Ziel, seinen Blick leitete er geradlinig. Wie sie hörte, war er ein Kollege, der seinen Beruf ernst nahm und keinen Feierabend kannte. In ihrer bisherigen dreimonatigen Amtszeit in Harburg-Wilstorf, war dies ihre erste Zusammenkunft.

»Schöne Schweinerei, was?« Er lächelte ein sympathisches Lächeln. Mit einem medizinischen Gerät, das einer Sandschaufel für Kinder ähnelte, wies er zur Zwischentür, die beide Räume trennte, und wo ein kleiner, dicker, rothaariger Mann auf einem Plastikstuhl saß. Er trug einen schwarzen Anzug und eine schwarz glänzende Fliege baumelte geöffnet über dem blutverschmierten ehemals weißen Hemd. Entgegen der Frauenleiche hatten Schläge sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Knochenspitzen stachen durch zertrümmerte Hände, sein Mund war krampfhaft verzerrt. Langsam schlug er die Augen auf, gelber Schleim trübte ihm den Blick. Tränen strömten aus den Winkeln seiner Lider, liefen ihm über die Wangen, tropften auf sein Hemd. Er öffnete den Mund. Seine Kehle pfiff. Ein vergeblicher Versuch zu reden. Blutiger Schaum quoll ihm durch die Lippen und sein Kehlkopf verriet letzte Lebenszeichen.

Im hinteren Operationssaal, in Jeans und Pulli, lag rücklings gefesselt auf einem zweiten Metalltisch ebenfalls eine Frau. Wie auch beim männlichen Opfer, hatten zielsichere Schläge ihren Körper übersät.

»Das sieht mir eher nach einer Hinrichtung aus«, antwortete Petra.

Jensen grinste wortlos und beugte sich wieder über Regine. Berger hob den Arm und machte Petra auf die Trennglasscheibe der Operationsräume aufmerksam: ›S. Sine Culpa‹. ›S. Ohne Schuld‹. Sie starrte die grellen roten Buchstaben an und dachte an einen lang zurückliegenden Fall aus München, von dem ihr Christoph berichtet hatte. Ein irrer Psychopath, der fünfzehn Greise auf dem Gewissen hatte, und den gleichen Schriftzug auf deren nackten Bäuchen hinterlassen hatte. Unschuldige Menschen, ein unaufgeklärter Fall. Doch wofür stand das ›S.‹ vor ›Sine Culpa‹? War es die Signatur des Täters? Warum wurde die Praxis überfallen? Warum wurde Regine ermordet? Wurde sie überhaupt ermordet?

»Wie sieht’s mit einem biblischen Rächer aus?« Oberkommissar Nils Seefeld stand, eine silberne Tube in der Linken, mitten im Türrahmen. »Vielleicht ein Ritual- oder Sektenmord. Die weiße Rose neben dem Kopf der Toten, das ›S. Sine Culpa‹. Ich meine, wer schreibt: ›S. Ohne Schuld‹? Das ist ein gesetztes Zeichen.« Er öffnete die Kappe der Tube und verteilte einen Strang Paste auf ein rot gekratztes Halsstück. Einen Kopf kleiner als Berger, besaß Seefeld eine kräftige Figur und hellbraunes, streng nach hinten gekämmtes Haar. Seine Stoffhosen in dunklen Farbtönen, mit denen Hemd und Krawatte in konservativen Mustern konvenierten, komplettierten das Bild des undurchsichtig scheinenden Mittdreißigers. Mit seiner leicht introvertierten Art war er der Ruhepol im Team. Er hatte eine zähe Beharrlichkeit, wenn es darum ging, in verborgenen Dingen herumzuwühlen, die Petra ein wenig an sich selbst erinnerte.

»Sag, Heiner«, fragte er, die Handgriffe Jensens begierig beobachtend, »ist das da oben mit Blut geschrieben?«

Heiner Jensen hob den Blick zum Schriftzug. »Ich bin Rechtsmediziner, Nils. Frage Irma, wenn er kommt«, sagte er.

Petra legte erneut den Kopf in den Nacken. »›S. Sine Culpa‹. S. ist ohne Schuld. Unschuldig«, sagte sie laut. »Meine Herren, ich glaube eher, dass hier ein Einbruchdiebstahl aus dem Ruder gelaufen ist. Was meinen Sie, Richard?«

Richard zuckte mit den Schultern. »Und was wollte der Täter stehlen? Kranke Tiere? Die Portokasse? Medikamente?«

»Also gut, aber ein Raubmord war es auf keinen Fall. Regines Klunker wären einem Blinden aufgefallen.« Petra spürte, wie ihre Haarwurzeln ihr ins Gehirn stachen. Und sie wusste, was das bedeutete: »Ich muss die Arzthelferin sprechen«, sagte sie.

»Vergiss es, Mädchen.« Ein Sanitäter neben dem männlichen Opfer sah auf und verfolgte sie mit musternden Blicken.

Sein schiefes Grinsen, wie ein krakeliger Strich von Kinderhand gezeichnet, gab ihm das aufgeblasene Arschloch-Grinsen zum Reinhauen. Du bist ein Scheißtyp, wenn ich will, verschling’ ich dich zum Frühstück, dachte Petra. Sie biss sich auf die Zunge.

»Richard«, sagte sie und gab der Hintertür der Praxis, die einen Spalt offen stand, einen kräftigen Tritt, »ich muss an die Luft.«

8

Der Regen war müde geworden, der Wind wisperte leise und ein paar Sonnenstrahlen blinzelten durch vorbeiziehende Wolkenberge.

»Was für’n Schlachtfeld.« Winter lehnte den Rücken an die Mauerwand und kreuzte die Füße wie zu einem Sonnenbad.

»Schlachtfeld? Das ist ein Kriegsschauplatz. So eine Schweinerei sah ich zuletzt beim Hoki«, antwortete Petra, fuhr sich mit geöffneten Fingern durch die Haare und massierte ihre Kopfhaut.

Winter schmunzelte. »Die Geschichte müssen Sie mir erzählen, bevor ich verschwinde. Die Zeitungen pflückten euch da unten ja tüchtig auseinander.«

»Da oben.«

»Oben?«

»München liegt im Süden und das ist oben, nicht unten«, sagte sie, während sie eine ihrer selbstgedrehten Zigarette aus der Tabaktasche fischte.

»Das kommt darauf an, aus welcher Ecke man das sieht.« Richard grinste. »Aber dieser Hoki, Petra, dieser Horoskopkiller, ich hörte das soll einer aus …«

»Andermal, Richard.« Sie winkte ab. Sie wollte nichts hören von ihrem letzten Fall, der sie fast das Leben gekostet hatte. Zurzeit reichten ihr die Dämonen, die um sie herumschlichen und um die letzten Fetzen ihrer ausgefransten Seele stritten. Manche Dinge kann man nicht in eine Schachtel packen und sagen, es wird schon wieder. Dennoch wusste sie, wie wichtig es war, einen Schritt vor den anderen zu setzen und weiterzumachen, egal was passiert war und wie der Weg, der vor einem lag, aussah.

Sie genehmigte ihrer Lunge vier tiefe Züge, pulte einen Tabakkrümel von den Lippen und schnippte den Stummel mit Daumen und Zeigefinger in das flirrende Farbenspiel einer Regenpfütze, die sich mit einer Schlierspur Motoröl mischte. Dann sah sie auf die Armbanduhr.

Siebzehn Minuten nach neun. Die Sonne verschwand hinter dunklen Wolkenkarawanen, während dutzende Journalisten der hiesigen Presse um das Gebäude streunten wie ein Rudel hungriger Wölfe und alles und jeden ablichteten, was ihnen vor die Linse kam und irgendwie verwertbar schien.

»Woher diese Provinzschreiberlinge alles erfahren, ist mir ein Rätsel. Irgendwann sind die die Ersten am Tatort«, sagte Petra. Ihr Handy vibrierte stumm in ihrer Jackentasche. Petra beachtete es nicht. Wahrscheinlich war es ihr Bruder Günther, der zum hundertsten oder tausendsten Mal einen Teil des Erbes forderte, das ihr Oma Johanna hinterlassen hatte. Oder es war Klaus, ihr Ex-Verlobter, der sie anbettelte, seinen Fetisch zu verstehen.

»Das fehlte noch«, zischte Winter. »Lassen Sie uns reingehen. Sehen wir, was Medizinmann Jensen zu sagen hat. Mit der blutrünstigen Bande dürfen sich Nils und Axel rumschlagen. Ach, und bevor ich’s vergesse: Das ist Ihr Fall. Zeigen Sie mir, was Sie können, aber übertreiben Sie’s nicht. Ich will mir nicht sechs Tage vor der Pensionierung eine Kugel einfangen.«

Petra wollte gerade auf Winters Worte antworten, als eine schrille Stimme hinter ihrem Rücken aufheulte: »He! Sie da! Was tun Sie da an der Tür? Wer sind Sie?« Eine Dame Ende sechzig stürmte auf die Kommissare zu. Mit ihrem Stockschirm stocherte sie in der Luft, als spieße sie Äpfel vom Baum. Sie trug ein Kostüm aus graubrauner dicker Wolle unter dessen Revers eine pinkgrelle Bluse hervorblickte. Ihr rundes Gesicht durchzogen an den Wangen ein paar geplatzte Äderchen und ein Doppelkinn quoll über den hochgeschlossenen Kragenrand des transparenten Regenmantels, der ihre Figur wie ein rundes Fruchtbonbon einhüllte.

9

»Kommt drauf an, wer das wissen will«, begann Petra.

»Wie? Was? Ich verstehe nicht«, antwortete die Dame in der durchsichtigen Hülle und sah Petra misstrauisch an. Ihr weißes Haar, kuscheldicht um ihr Gesicht, wies für ihr burschikoses Auftreten recht weiche Züge auf.

»Petra Taler, Kollege Richard, Kripo Harburg.« Sie trat zwei Steinstufen hinunter auf das unebene Pflaster des Parkplatzes. »Und wie ist Ihr Name?«

»Annegret Kröger.« Sie schien verwirrt.

»Gehören Sie zur Praxis?«

»Nein. Ja. Ich bin die Haushälterin des Doktors. Aber was ist passiert? Warum stehen vorne am Eingang so viele Leute? Eine Polizistin hat mich weggeschickt. Wie soll ich zum Doktor?«, fragte sie mit weit aufgerissenen Augen.

»Die Tierarztpraxis wurde überfallen«, erklärte Winter. Sein Tonfall klang so desinteressiert, als spräche er von einer Horde Giraffen, die auf Hawaii Schlittschuh fuhren.

Annegret stützte die Hände in die Seite ihres Körpers, wo sich ihre Hüften befanden. »Überfallen? Was ein Pack! Diese Banausen! Die Finger sollen denen abfaulen.« Drohend schwang sie erneut den Stockschirm, der, mit der Metallspitze voran durch die Luft sauste und vier Schritte vor Petras Füßen in einer vermoosten Rille des Kopfsteinpflasters steckenblieb. »Und das in dieser Gegend. Diese Schweinebande. Früher gab’s das nicht.« Sie riss am Holzknauf des Schirmes und hämmerte mit der Regenschirmspitze auf Stein, bis das hängen gebliebene Pflanzengeflecht sich löste. Als sie den ersten Fuß auf den Steinabsatz setzte, um durch den Hintereingang zu marschieren, versperrte Petra ihr den Weg.

»Sie können nicht zum Doktor«, sagte sie, verschweigend, dass sich hinter der Tür ein Tatort auftat. Für heute gab es genug Opfer.

»Und der Schlüssel fürs Haus?« Annegret nahm den Fuß von der Treppe und trat zwei Schritte zurück.

»Für welches Haus?«, fragte Petra.

»Na, das des Doktors.«

Petras Arm schwenkte auf das rot geklinkerte Flachdachgebäude.

»Nein«, widersprach Annegret, »das ist die Praxis. Ich meine den Schlüssel für das Privathaus des Doktors.«

»Und den holen Sie jeden Morgen aus der Praxis?«

»Grundgütiger! Sehe ich aus wie zwanzig?« Sie schnaufte. »Ich habe meinen Eigenen, er liegt auf der Kommode … und als es mir einfiel, weil ich nach einem Eukalyptusbonbon …«, ihre Rechte griff an den Kragensaum, »… mein Hals. Dieses Wetter fährt einem durch Mark und Bein. Und ich dachte, der Doktor hat auch einen Schlüssel und …«

Raschelnd bewegte ihre Fülle sich auf Petra zu. »Wissen Sie, normalerweise fahr ich nicht um diese Uhrzeit, darf ich mit meiner Fahrkarte nicht.« Sie sprach leiser, fast flüsternd. »Meine Seniorenkarte ist erst ab 9 Uhr gültig. Zum Glück kam kein Kontrolleur. Ich sage Ihnen, jeden Morgen das Gleiche: Diese Angst; dieses Herzklopfen. Aber wenn ich noch draufzahle, weil ich eine halbe Stunde früher losfahre, lohnt sich das Schuhe anziehen ja gar nicht mehr.« Ihre Stimme brach im Stöhnen auf. »Fünfzig Jahre gebuckelt. Und zum Leben zu wenig und zum Sterben …«, sie winkte ab. »Dafür reicht heutzutage nichts mehr. Aber ich muss jetzt weiter.«

10

Annegrets Unruhe erinnerte Petra an ihre Perle Elli. »Frau Kröger, der Doktor ist nicht da«, setzte Petra nach, als Annegret wirbelnd mit dem Schirm in der Hand Richtung Vordereingang marschieren wollte.

»Wieso? Er ist immer um diese Uhrzeit in der Praxis.«

»Heute ist er auf dem Weg ins Krankenhaus.«

»Er ist ins Krankenhaus gefahren? Was will er da?« Sie starrte Petra aus graugrünen Augen ungläubig an.

»Wie gesagt, die Praxis … Der Doktor und seine Kollegin sind schwer verletzt.«

»Oh Gott«, sagte sie fassungslos. Annegret mit zuvor blassem Gesicht wurde kalkweiß. Die Metallspitze des Schirmes suchte einen Haltepunkt für ihren Körper. Zu spät. Ihre Beine gaben nach. Gerade rechtzeitig schlang Winter seine Arme um Annegrets Hüfte, setzte sie auf den Treppenabsatz und lehnte ihren Rücken an die Mauerwand.

»Ist die Frau Doktor verständigt?« Annegrets Stimme bebte.

»Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen«, Petra verpackte ihre Worte behutsam, »aber Regine Carlsen ist ermordet worden.«

Für einen Moment schien Annegret verwirrt, als galt es abzuschätzen, ob sich ein erneuter Schwächeanfall lohnte. Dann prasselte ein hymnischer Satz nach dem anderen über die Tote und ihren Ehemann einher: »Die gute Frau, so jung, sauber und anständig. Liebevoll und treu an der Seite ihres Mannes. Wie er sie verehrte. Den Boden unter ihren Füßen hat er angebetet. Sie wie eine Königin behandelt. Ach, der arme Mann.«

»Den Boden angebetet«, wiederholte Petra.

»Ja«, sagte Annegret und nickte bedeutungsvoll. »Sie hätten sie sehen sollen.«

Bei dem bildlichen Gedanken an die Frauenleiche schlug Petras Magen erneut Kapriolen. Der Anblick eines toten Menschen, der Gestank nach Verwesung und Blut, verdrehten Gelenken, durchlöcherten Schädeldecken und zerstochenen Leibern, war nach sechsmonatiger Auszeit gewöhnungsbedürftig.

»Ach, wie ist …, war sie verständnisvoll und geduldig. Kein böses Wort, weder zu ihrem Mann noch zu den Buben. Eine hübsche und liebe Frau, wie ein Engel. Vorgestern, da ist mir die Vase von der Anrichte, eine alte …« Annegret schluchzte und zupfte aus ihrer Handtasche ein weißes Stofftaschentuch mit fliederfarbenem Häkelrand. »Nichts hat sie gesagt, hat noch versucht, mich zu beruhigen, da ich wegen des teuren Stückes völlig aufgelöst war. Eine wirklich liebe Frau, die Frau Doktor. Warum hat man ihr das nur angetan?« Das Taschentuch wedelte durch die Luft, dann an Annegrets gerötete Nase. »Da, da steht ihr Auto«, schniefte sie. Mit einem Handtaschenschlenker wies sie auf einen schwarzen S-Klasse-Mercedes, der vor dem Ärzteschild auf dem Parkplatz stand.

»Sie erwähnten Kinder«, sagte Petra.

Annegret nickte. »Ja. Zwei Jungen. Frau Doktor bringt die beiden morgens in die Schule, bevor sie ihre Mutter im Seniorenstift besucht.« Annegret sprach, als sei die Tote weiter unter den Lebenden zu finden. Ein Widersinn, der abwechselnd in Gegenwart und Vergangenheit erfolgte und Zeit des Verstehens benötigte. »Nur heute …! Du meine Güte! Ich muss sofort zu den Kleinen.«

»Wir fahren Sie.« Petra griff Annegret, die wie ein Häufchen zerknülltes Zellophanpapier in ihrem Regenmantel auf der Treppe saß, helfend unter den Arm. Sie setzte sie auf die Rückbank von Ingeborgs Golf und half ihr beim Anschnallen. »Und Sie, Seefeld, Sie treiben die Schaulustigen von der Absperrung weg und kümmern sich um die Kollegen der Spurensicherung, damit die ihre Arbeit in Ruhe erledigen. Und an die Autos der Ärzte denken!«, rief sie ihrem Kollegen zu und wies auf den Mercedes. »Ach, und löchern Sie Jensen, ich will wissen, was er über die Carlsen raus hat«, fügte sie hinzu, dann: »Richard, wir können.«

Winter nickte und Petra rutschte in den Beifahrersitz. Begleitet von einem Hupkonzert trieb er den Golf durch die Menge von Blitzlichtgewittern und Menschengruppen.

11

Das Haus von Regine und Volker Carlsen war das letzte Haus am Ende des Sandgrubenweges in Dohren, nordwestlich der Lüneburger Heide. Hinter dem Haus prägten Wiesen, Äcker, Wald und kleine Teiche das Landschaftsbild des kaum 1000 Einwohner starken Teils der Tostedter Samtgemeinde.

Frisch abgebrochene Zweige, vom Sturmwind der Nacht aus den Bäumen gerissen und auf die Auffahrt geschleudert, knackten unter den Reifen wie Knochen eines Skeletts, als Winter durch das schmiedeeiserne Rundbogentor einfuhr. Auf der Seite der Garagentür, die ausreichend Platz für zwei Autos bot, stoppte er den Golf. Die Wolken rissen auf, der Regen spielte ›Fang den Hut‹ und suchte sich ein anderes Örtchen der Region.

In der Stille der Morgenstunde, abseits der Stadt, dampfte das feuchte Laub und das frische Harz der großen Fichten verbreitete einen würzigen Odem. Ein Eichhörnchen, irritiert durch die Eindringlinge, hielt am Stamm inne und beobachtete neugierig die Umgebung, bevor es mit flinken Sprüngen im Gehölz verschwand.

Winters Klingelsturm durchbrach die Friedlichkeit und scheuchte einen Rotschopf im Mickey-Mouse-Schlafanzug an die Haustür.

»Anne, wo ist Mama?«, fragte er. »Sie hat uns nicht in die Schule gebracht. Und ich hab’ Hunger. Ich komme nicht an die Cornflakes. Stefan hat sie nach oben auf den Schrank gestellt. Der will mich ärgern. Und Mama sagt, ich darf nicht auf den Stuhl klettern. Ich falle sonst runter und Stefan lacht dann wieder. Er ist soooo doooof.«

»Wo ist dein Bruder?«, fragte Annegret, den Wortschwall des Kindes unterbrechend.

»Spielt Nintendo. Mich lässt er nicht. Bin zu klein, sagt er. Weißt du, Anne, er ist echt gemein. Und …«

»Mark, darüber reden wir später. Jetzt geh und hol deinen Bruder, ich möchte euch etwas sagen.«

»Was?« Neugierig legte der Kleine den Kopf auf die rechte Schulter.

»Hol deinen Bruder«, wiederholte Annegret. Mit einem Taschentuch in hellblauer Häkelumrandung wischte sie sich eine Träne von der Wange.

»Weinst du, Anne?« Nicht im Entferntesten dachte der Kleine daran, das zu tun, was Annegret ihm auftrug.

»Nein, Mark, meine Augen schwitzen und jetzt ab mit dir.«

Nach einem gedehnten »Aha« machte der Rotschopf sich auf den Weg. Am anderen Ende des Wohnzimmers, an einer Treppe aus beigefarbenem Marmor blieb er stehen und rief mit kindlich piepsiger Stimme nach seinem Bruder.

»Bitte, nehmen Sie Platz.« Annegret zeigte auf eine elfenbeinfarbene Ledercouch und zwei gegenüberstehende Sessel. »Ich werde Kaffee kochen.« Ihr Lächeln wirkte erschöpft.

»Nicht für mich«, warf Winter hinterher.

Annegret Kröger nickte. »Nur ein Tässchen, weil …« Den Rest der Worte verschlang die Küchentür, die ins Schloss fiel.

Mark, den Lockenkopf, hörte man am Ende der Treppe immer angestrengter, lauter und energischer nach seinem älteren Bruder rufen. Es dauerte, bis der Junge, den messingfarbenen Handlauf der Treppe hinunterrutschend, im Wohnzimmer landete.

»Hallo«, sagte er kurz und blinzelte in die Runde. »Wo ist Mama?«

Annegret schob drei Tassen und eine Schale Haselnusskekse auf den Wohnzimmertisch und setzte sich Petra gegenüber in einen Sessel. Sie nahm jeden Jungen an eine Seite und drückte sie in ihre weichen Rundungen. Winter verharrte stehend. Er wirkte unruhig und angespannt. Petra fiel erneut auf, wie schlecht er aussah. Winter arbeitete seit fünfunddreißig Jahren bei der Mordkommission. Seine Aufklärungsquote lag hoch. Der Carlsen Fall war eine Kleinigkeit, die er im Schlaf löste. Was war es, das ihm seit Tagen diese Düsterkeit bescherte? Warum übergab er ihr, sechs Tage vor seiner Pensionierung, Handlungsfreiheit? Wo war sein Polizistenstolz, seinen letzten Fall abzuschließen?

12

»Mama und Papa hatten einen Unfall und bleiben im Krankenhaus, bis sie gesund sind.« Annegret holte Petra aus nebulösen Fragen.

»Wann habt ihr zwei eure Mama zuletzt gesehen?«, fragte sie mit halblauter Stimme. Sie war froh über Annegrets kindgerechte Erklärung. Angehörige, vor allem Kinder, über den Tod eines geliebten Menschen zu informieren, gehörte nicht zu ihren Lieblingsaufgaben. Und auch die psychologischen Fortbildungen und klugen Ratschläge älterer Kollegen machten es nicht leichter.

»Weiß nicht«, sagte der Kleinere. Nackte Füße schoben sich über den Sesselrand.

»Klar, weißt du das, du vergisst nur alles«, stänkerte der Große.

»Gar nicht wahr, Blödi!«, kam als Antwort zurück.

»Schluss mit der Streiterei. Jetzt seid lieb und beantwortet die Fragen der Kommissarin«, fiel Annegret beherzt ein.

»Ui, Sie sind die Polizei?«, kam interessiert vom Großen. »Haben Sie eine Pistole?« Sich windend versuchte er, Annegrets Griff zu entkommen.

»Ja«, Petra lachte, »und sagst du uns jetzt, wann du deine Mama gestern zuletzt gesehen hast?«

»Klar, ich bin bald zehn. Wo ist sie?«

»Wer ist wo?«, fragte sie, obwohl sie wusste, nach was der Junge fragte.

»Na, Ihre … peng, peng«, sagte der, reckte den Daumen in die Höhe und zielte mit dem Zeigefinger der Rechten auf die Schale Haselnusskekse.

Gewichtig klopfte Petra auf ihre Jackentasche.

»Und ich bin fünf, muss noch vier Mal schlafen«, wandte das kleine Sommersprossengesicht ein. Eine Handvoll Finger postierte sich in Reihenfolge.

»Das will keiner wissen, du Teppichhopser«, spottete der Große. Er formte gruselige Grimassen, untermalte diese mit rudernden Armen und Beinen und tat dem Ansinnen genüge, den Kleinen zu ängstigen.

»Stefan Carlsen, hör auf, deinem Bruder Bange zu machen. Sei lieb und antworte auf die Fragen der Kommissarin. Hast du verstanden?« Annegrets erneute Ermahnung erzeugte ein wortloses Nicken. Wütend fixierte er seinen kleinen Bruder, der überlegen grinste, und den nach dem kolossalem Erfolg jegliche weitere Fragerei langweilte. Zappelig wippte er mit nackten Füßen und bohrte abwechselnd mit dem rechten Zeigefinger in jedem Nasenloch, während er die Haselnusskekse eindringlich ins Visier nahm.

»Wann gestern Abend, kannst du mir das sagen?«, wiederholte Petra geduldig.

»Klar. Ich bin bald zehn.«

»Stimmt, das habe ich vergessen«, sagte sie.

»Pah! Sie wollen die Polizei sein und vergessen alles?«, begehrte der Rotschopf auf. Worauf er die nächste Rüge Annegrets erntete, die ihn kleinlaut murmeln ließ: »Gestern Abend, als Mama uns noch eine Geschichte vorgelesen hat. Sie hat gesagt, wir sollen schlafen. Sie holt Papa und dann fahren sie ins Theater. Und dass Christine bald kommt.«

»Ist Christine euer Babysitter?«

Eifriges Nicken. »Ja, aber wir können alles alleine. Wir sind keine Babys. Kann ich sie sehen?« Der Neunjährige glühte vor ungebremster Lebhaftigkeit.

»Wen willst du sehen?«, fragte Petra. Sie hatte die Frage erwartet.

»Na, Ihre …« Sein Zeigefinger deutete auf ihre Jacke, während aus seinem Mund Töne wie aus Al Capones Maschinenpistole knatterten.

»Vielleicht ein andermal.« Petra grinste. »Jetzt sag mir, Stefan, wann kam die Christine?«

»Weiß nicht. Ich glaube, ich bin gleich eingeschlafen.« Ihr ›andermal‹ hatte ihn verstimmt.

»Hast du Christine gesehen, Mark?«

»Nööö, hab’ geschlafen«, plapperte der Kleine nach, während er seinen glitschigen Fund aus der Nase begutachtete.

Petra schälte sich aus dem Sessel. »Frau Kröger, gibt es Verwandte, die sich der Kinder annehmen können?«

Annegret nickte: »Eine Tante und einen Onkel in Bielefeld.«

Petra reichte der Haushälterin die Hand und strich den Kindern übers Haar, ahnend, dass die glücklichen Momente ihrer Kindheit einer traurigen Zukunft entgegengingen.

13

Hinter Winter zog sie die Tür ins Schloss und trat über die Steinplattenbegrenzung auf den Rasenboden. Federnd sanken ihre Turnschuhe ins nasse Gras. Für ein paar Sekunden blieb sie stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach feuchten Blättern und Tanne. Sie liebte diesen Geruch, der sie an ihre Joggingrunden am Isarufer bei Sendling erinnerten. An die Stille, die Ruhe, das Alleinsein.

»Was für ein Haus!«, sagte Winter. »Allein das Wohnzimmer. Größer als eine Vierzimmerwohnung. Und die Einrichtung! Marmorboden und die Antiquitäten, Vasen, Skulpturen und was da alles rumstand.«

Petra zuckte mit den Schultern. Sie kannte die Häuser richtig reicher Leute. In ihrem Geburtsort Grünwald, in München, waren die Häuser überfüllt mit italienischen Marmorböden und angehäuftem Nippeskram. Carlsens Haus hielt im Vergleich dazu nur spärlich stand. »Sie kommen ja richtig ins Schwärmen.«

Winter zog eine Grimasse. »Mal abgesehen davon, dass andere in ihrem Leben nie so viel verdienen, was alleine die Einrichtung gekostet hat. Und so einer …«

Petra schob die Ellenbogen aufs Autodach des Golfs, das mit kleinen, vom starken Wind eingetrockneten Wasserflecken übersät war. »Was meinen Sie mit ›so einem‹?«, fragte sie gerade, als ihr Handy-klingeln Winter einer Antwort entließ. Sie sah auf das Display. ›Frau Finkemann ruft an‹, blinkte auf. »Hallo, Frau Finkemann. Ist der Tischler …? Schön. Und hat er gesagt, warum er heute Morgen … Es ist was passiert?« Den Rücken an die Beifahrertür gelehnt holte sie tief Luft. »Nein, ich kann nicht. Ich habe …« Petra warf einen Blick auf Winter, der mit der Hand abwinkte. »Ja, Frau Finkemann. Beruhigen Sie sich. Ich komme. Sofort.«

14

Eine Dreiviertelstunde später bog Petra auf die Auffahrt vor ihrem Bauernhaus ein. Auf der eingefahrenen Rasenfläche neben dem Haupthaus stoppte sie den Blauen. Ein massiger, großer Mann in grauer Latzcordhose, dessen Hosenbeine liederlich in schwarze Gummistiefel gestopft waren, dunkelblau kariertem Handwerkerhemd mit ausgerissener Brusttasche und weit aus der Stirn geschobener Prinz-Heinrich-Mütze, lehnte am ersten von drei ramponierten Lieferwagen. Er telefonierte.

»Moin«, sagte er und warf das Handy durchs geöffnete Beifahrerfenster auf graues Polster. Sein Gesicht glänzte rosig und seine Augen zwinkerten Petra listig zu. »Se sünd de Kleene vun de Johanna, dat süht man. Hübsch. En Ei dat annere, disse Petersenschen Deerns. Mannomann.«

»Taler«, sagte Petra. Sie hatte keine Lust, über etwaige Familienähnlichkeiten ihrer Urahnen zu plaudern. »Also, was ist los?«

»Gans scheun Schiet, wa?«

»Was?«, fragte sie und kniff die Brauen zusammen.

»Na, dat.« Mit abgebrochenem Zollstock wies er auf den ehemaligen Schweinestall und den grünen, mit abmontierten Rädern in Rente gegangenen Traktor, der zwischen Geräteschuppen und Kastanie von Grasbüscheln und stinkender Hundskamille umarmt wurde.

»Ich seh’ nichts«, sagte Petra.

»Na, dat«, wiederholte der Handwerker mit einer Langeweile in der Stimme, die Petra noch unruhiger machte. »Wie hebbt, wull wi affmokt …« Inmitten einer hüfthohen Wand aus Brennnesseln hielt er inne und sagte: »Ich schnack lieber Hochdeutsch, mien Deern, sonst versteist mi nich. Kommst aus’m ›Weißwurschtland‹. Wir wollten, wie abgemacht, zwei Fenster einsetzen.« Er schlurfte weiter um die linke Hausecke durch Efeuschlingen, Wurmfarn mit langen Wedeln und den letzten schuppigen zimtbraunen Blättern und stapfte über die Quecke mit ihren langen kriechenden Ausläufern. Würde nichts getan, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Natur sich ihr Reich zurückeroberte. Vorgearbeitet bis zu einem Schutthaufen aus weißem und rotem Backstein auf der Rückseite des Haupthauses blieb der Tischler stehen, krümmte den Zeigefinger und lockte Petra wie eine Hexe zu sich. Die stopfte die Hände in die Taschen, zog den Kopf zwischen die Schultern und folgte dem Trampelpfad. Nach fünfzehn Metern stand sie neben dem Tischler.

»Aber ist alles eingefallen. Ich glaub’, Deern, musst abreißen und neu hochziehen«, sagte der und präsentierte ihr die eingerissene Mauer des Winkelzimmers samt Loch im Dach.

»Abreißen? Von wegen. Hier wird nichts abgerissen. Du Haderlump, du damischer! Dir hams ins Hirn gschissa und a schleng durch’n Zaun zogn. I glaubs net.« Petra fuhr auf wie ein Dampfkochtopf kurz vor der Explosion und ruderte mit den Armen, als wollte sie angebrannte Linsensuppe retten.

»Das habe ich auch gesagt«, sagte Elli. Sie war hinter Petra aufgetaucht und trat von einem Bein auf das andere, als stampfte sie Fasskraut. Eines war Petra klar: Kein Wort hatte Elli von den bajuwarischen Schimpfwörtern verstanden, die sie dem Tischler an den Kopf gedonnert hatte. Vielleicht noch, er sei ein dahergelaufener Verrückter, dem man ins Gehirn geschissen hatte. Der Fluch rückwärts durch den Zaun gezogen zu werden, der bedeutete, nicht mehr bei Sinnen zu sein, war selbst für manchen Bayern zu speziell.

15

»Wo ist Ihr Chef?«, keuchte Petra.

Der Zweimetermann in der Latzhose tippte sich auf die Brust.

»Also gut, Chef, hören Sie zu.« Sie drückte den Rücken durch, was ihr aber auch keine zwei Meter Länge brachte. »Wird das«, ihr rechter Arm wies Richtung Dach, »nicht bis heute Abend erledigt, hänge ich Ihnen eine Klage an den Hals, die sich gewaschen hat.«

»Gnädigste, heute is’ Mittwoch und da …«

»Mir ist wurscht«, sagte sie, »welcher Wochentag heute ist! Ich will, dass Sie das da oben in Ordnung bringen! Und zwar auf der Stelle!« Ihr Zeigefinger fegte durch die Luft, wie der Taktstock des Orchesterleiters bei ekstatischer Schlussstretta.

»Mensch, Deern, dat Temperament hast von Grotmudder Petersen. Drink ’nen ornlichen Plum, de Welt süht glick anners ut.«

»Ich will nichts trinken, ich will …«, sie zögerte, Pflaumenschnaps und Brocken Plattdeutsch aus Kindertagen fielen ihr ein, »dass Sie mein Haus in den Originalzustand zurückversetzen.«

»Deern, was soll ich machen? Ich bin Tischler, aber wo keine Mauer, da kein Fenster.« Er schob die Schiffermütze in die Stirn und kratzte sich am Hinterkopf. »Ach, und noch was, ich würd’ was für den Blitzschutz tun.« Sein Nicken galt dem metallenen dreißig Meter Drahtseil, das sich über einen Berg Schutt und losgerissenes Reet schlängelte wie eine hungrige Anakonda in den Tiefen des Amazonas. »Denn knallt’s«, seine Augen blickten gen Himmel, »brennt dir der Rest Hut auch von de’ Birne.« Er drehte sich zum Gehen und schlurfte durch die Brennnesselbüsche davon.

»Halt, stehen bleiben!«, schrie Petra. »Sie reißen die Mauer ein und lassen alles stehen und liegen. Das geht nicht!«

Der Mittfünfziger drehte sich gemächlich, wie die Worte sich aus seinem Mund quälten, um und sagte: »Ich hab’ nichts eingerissen. Das marode Ding«, erneut wies er mit dem Zollstock aufs Mauerwerk, »is’ zusammengefallen wie’n Kartenhaus.«

»Okay. Reparieren Sie das Kartenhaus.«

»Klar. Wir machen Termin, is’ dat hier«, sein Kinn wippte Richtung Stein- und Reetberg, »erledigt.«

»Nein, jetzt, ich hoffe …«

Der Tischler schüttelte den Kopf und murmelte: »Tja, gehofft, gehofft. Was du hoffst, kriegste nicht oft, Deern. Und ich sach doch, ich bin Tischler. Und heut’ geh’ ich mit meiner Waltraud essen. Ham den Zweiundzwanzigjährigen. Inner Gastube ›Königreich‹ bei Cousin Albert. Bratkartoffeln, Hausmacher Sülze und Remouladensoße, ist zu empfehlen«, schmatzte er in Vorfreude auf das Hochzeitsmenü. »Ich spendier ne Portion. Geh hin, kleine Petersen, und sach, kommst von mir. Albert weiß dann Bescheid. Nur nicht heut’, heut’ ist Mittwoch. Geschlossene Gesellschaft.«

»Behalten Sie Ihre Weisheiten für sich«, zischte Petra. »Ich will wissen, was der Spaß kostet?«

»Bratkartoffeln? Ach was, Mädchen. Ich mach dat schon.«

»Nein!« Petra pustete wie eine Schwangere in den Wehen. »Ich rede von der Mauer und dem Dach.«

Schulterzucken. »Ich bin Tischler.«

»Und auch die sollten wissen, was die Reparatur kostet.«

»Nee, Deern, frag’ mien Bruder, der ist der Maurer. Nur Zeit hat der heute keine. Der ist auf’m Bau vom Schwager.«

»Und Ihr Schwager ist der Dachdecker, stimmt’s?«

»Richtig, der Bruno is’ der Mann von de’ Mathilde, unserer Schwester, und der ist Dachdecker. Kennst ihn, mien Deern?«

»Nein, aber ich denke, das wird sich bald ändern«, sagte Petra. »Und was ist, wenn ich wieder Klempner und Elektriker brauche? Wer weiß, was Sie da oben rausgerissen haben!« Ihr Blick klebte am Reetdach.

Der Tischler fuchtelte mit dem Zollstock in der Luft. »Is’ nix rausgerissen, was nich’ zum Rausreißen gehört. Dass wir uns da verstehen. Und Klempner und Elektriker gehören zu den Lembke Brüdern, brauchst von denen was …«

»Ich weiß, zu welcher Truppe die gehören. Die irren seit zwei Jahren durch mein Haus.«

»Na, wenn Bescheid weißt, treck ich af mit mien Mannslüd. Die Rechnung stecke ich bei Gelegenheit in den Briefkasten. Moin, gnädigste Petersen.« Er schob die Träger der Latzhose über die Schultern, tippte mit zwei Fingern salutierend an die Stirn, machte kehrt und latschte um die Ecke auf einen Streifen Ziegelsteinpflaster zu, der zum Innenhof führte.

»Rechnung? Was für eine Rechnung? Ich bin doch keine zu melkende Kuh.« Mit storchenartigen Schritten und erhobenen Armen stiefelte sie dem Tischler hinterher. »Und meine Großmutter hieß Taler, T…a…l…e…r. Und ich heiße auch Taler. Verstanden!«

Der Tischler grinste, winkte einer Runde an der Hauswand lehnender Männer und stieg in den Lieferwagen mit Aufschrift, ›Tischlerei Hinke und Gebrüder, Jork Ladekop, Tel. 04162-2759‹.

16

Ihr Handy dudelte Elise. ›Unbekannter Teilnehmer‹. Sie hob ab. »Ja«, sagte sie, ohne ihren Namen zu nennen. Ein Ritus, ordnete sie dem Anrufer keine Rufnummer zu.

»›Der regionale Weitblick‹, Kai Keltenberg. Frau Taler?«

»Woher haben Sie diese Nummer?«, fragte Petra.

»Pressegeheimnis«, hörte sie den Mann am Ende der anderen Leitung sagen. Er schien belustigt. »Können Sie mir sagen, Frau Taler, ich nehme an, dass ich mit Oberkommissarin Petra Taler spreche, oder?« Er wartete auf Antwort.

»Was wollen Sie?«, fragte Petra genervt.

»Können Sie mir sagen«, begann er neu, »was in der Tierarztpraxis Carlsen und Made abgelaufen ist?«

»Ja«, sagte sie und sah ihn schon den Schreiber spitzen: »Polizeigeheimnis«, dann legte sie auf. Es dauerte fünf Sekunden, bis ihr Display erneut einen unbekannten Teilnehmer meldete.

17

Mittwoch, 11 Uhr, 32 Minuten.

Zurück zur Praxis nahm Petra von der B 73 den Abbieger über den Ehestorfer Heuweg. Die Fahrt durch das Waldgebiet und The dark side of the moon von Pink Floyd taten ihr gut.

In der Praxis warf sie einen letzten Blick auf die Tote und nickte den Fahrern neben dem Metallsarg zu. Rechtsmediziner Heiner Jensen war aus seinem Overall gestiegen, packte die letzten Utensilien in seinen silbernen Koffer und winkte ab, als er sah, dass Petra auf Antworten hoffend auf ihn zusteuerte. Er musste Regine erst aufschnippeln. Geduld war angesagt. Eine Eigenschaft, mit der sich Petra ungern arrangierte. Den letzten Mann der Spurensicherung holte sie gerade rechtzeitig ein, bevor der im Sturmschritt durch die Praxistür ins Freie entkam. »Was ist mit Ihnen?«, fragte sie. »Wann können wir den Bericht erwarten?«

»Ach, da haben wir ja das neue, vom Oberboss angepriesene Münchner Schätzchen.« Er grinste schief, ein Backenzahn glänzte golden.

»Wann?«, fragte Petra. Ihre Geduldsreserve war erschöpft.

»Machen Sie schön ›Bitte, Bitte‹, plaudere ich aus dem Nähkästchen, sonst gibt’s den Bericht frühestens heute Nachmittag.« Die Papierhülle grinste, noch schiefer, noch breiter.

Petra holte tief Luft, schlug die Schultern zurück und ging einen Schritt vor. »Es liegt an Ihnen, zu entscheiden, wann sie mir den Bericht schicken. Doch ich versichere Ihnen, halten Sie Beweise zurück, fangen Sie besser gleich an zu beten«, sagte sie, sich erinnernd an sonntägliche Kindergottesdienste, zu denen ihr Vater sie verdonnert hatte. Mit den Jahren schüttelte sie alle religiösen Versprechen von Männern in langen schwarzen Kleidern ab und bildete sich ihre eigene Meinung. Jeder ist für sein Schicksal verantwortlich, zumindest ab einem gewissen Alter. Worte des Münchner Psychologen, der ein halbes Jahr in ihrem Inneren gegraben hatte wie ein Ruhrpottarbeiter unter Tage und versucht hatte, das schreiende Biest aus ihrem Brustkorb hervorzuzerren. Es gibt nicht nur den linken, den rechten Weg oder den Weg geradeaus. Auch ein Umweg führt ans Ziel, man muss ihn nur gehen. Was wusste dieser Seelendetektiv schon? Hatte er jemals Todesangst erlebt? Glaubte er, sie nach zweiundfünfzig Stunden besser zu kennen, als sie sich selbst? Petra hatte sich entschieden, wie ihr Leben aussehen sollte, was sie wollte und was nicht. Sie ging ihren eigenen Weg und dabei trennte sie zwischen der panischen und der normalen Petra. Und eines war klar, die Zeit heilt keine Wunden.

Das Papiermännchen verzog keine Miene. »War nur ein Scherz.

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