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Schuldacker

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. In dieser Reihe sind bisher Erschienen
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Prolog
    1. 1
    2. 2
      1. Zwei Monate später
  9. Erster Teil
  10. Sonntag
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
  11. Zweiter Teil
  12. Montag
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
  13. Dritter Teil
  14. Dienstag
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
  15. Vierter Teil
  16. Mittwoch
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
  17. Fünfter Teil
  18. Donnerstag
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
  19. Epilog
    1. 1
    2. 2

Über dieses Buch

Der westfälische Sturkopf Heinrich Tenbrink und sein Partner Maik Bertram in ihrem dritten Fall!

Nachts in einem Wäldchen am Dorfrand: Ein betrunkener Jugendlicher stolpert - im wahrsten Sinne des Wortes - über eine Leiche. Der Tote starb durch einen Stich ins Herz. Und er ist kein Unbekannter: Paul Winterpacht stand vor zwei Monaten vor Gericht, weil er einen jungen Mann totgeschlagen hatte. Das milde Urteil gegen ihn sorgte für einen Skandal.

Für Tenbrink und Bertram sieht zunächst alles nach einem Rachemord aus. Den Täter vermuten sie im Umfeld der Familie des damaligen Opfers. Doch dann tritt der Lokalreporter Gerd Nollmann auf den Plan, der mit seiner Landwehrgruppe für Recht und Ordnung im Münsterland sorgen will. Zur Not auch mit Selbstjustiz? Ein Rätsel bleibt für die Kommissare auch der Zettel, den sie bei dem Toten gefunden haben. Darauf befinden sich handschriftliche, kaum lesbare Zeichen und Zahlen. Hat ihnen der Täter damit eine Nachricht hinterlassen, die sie zur Lösung des Falls führen soll?

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!

In dieser Reihe sind bisher Erschienen:

Galgenhügel

Totenbauer

Über den Autor

Tom Finnek wurde 1965 im Münsterland geboren und arbeitet als Filmjournalist, Drehbuchlektor und Schriftsteller. Er ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt mit seiner Familie in Berlin. Sowohl unter dem Pseudonym Tom Finnek als auch unter seinem richtigen Namen, Mani Beckmann, hat er bereits zahlreiche Krimis veröffentlicht. Zu seinen größten Erfolgen gehören neben der historischen Moor-Trilogie die London-Romane »Unter der Asche«, »Gegen alle Zeit« und »Vor dem Abgrund«.

Tom Finnek

Schuldacker

Münsterland-Krimi

»Denn wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann nie ganz zugrunde gehen.«

Annette von Droste-Hülshoff, »Die Judenbuche«

Prolog

1

Gerd Nollmann war entsetzt, obwohl er im Grunde nichts anderes erwartet hatte. Allein schon durch die Entscheidung, den Prozess vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Coesfeld und nicht vor dem Landgericht in Münster stattfinden zu lassen, hatte man vorweggenommen, in welche Richtung das Urteil gehen würde. Wegen der angeblich »fehlenden geistigen Reife des Heranwachsenden« kam das Jugendstrafrecht zur Anwendung, und der Richter und die beiden Schöffen hatten während des Hauptverfahrens mehrmals durchblicken lassen, dass sie beabsichtigten, nach dem Prinzip »Erziehung statt Strafe« zu urteilen. Dabei war Paul Winterpacht zum Tatzeitpunkt bereits neunzehn Jahre alt und somit kein Jugendlicher mehr gewesen. Und von einer »fehlenden geistigen Reife« des Täters konnte auch keine Rede sein, fand Nollmann – jedenfalls glaubte er nicht, dass der Angeklagte so unbedarft und unreif war, wie er sich vor Gericht präsentiert hatte. Obendrein war er nicht wegen Totschlags, sondern lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt worden. Lachhaft, wenn es nicht so traurig und bitter gewesen wäre.

Als Lokalreporter der »Westfälischen Zeitung« hatte Nollmann bereits über zahlreiche Strafprozesse berichtet und dabei die traurige Erfahrung gemacht, dass junge Straftäter, selbst bei Gewaltverbrechen, viel zu oft mit allzu milden Urteilen davonkamen. Eine Kapitulation der Justiz vor der Verrohung der heutigen Jugend, wie er fand. Was Nollmann allerdings heute im Saal 104 des Amtsgerichts miterleben musste, war auch für den erfahrenen Reporter ein Novum. Und ein Skandal! Achtzehn Monate Jugendstrafe, so lautete der Urteilsspruch. Und was dem Ganzen die Krone aufsetzte: Die Strafe wurde wegen der vermeintlich »günstigen Sozialprognose« des Täters vollständig zur Bewährung ausgesetzt. In seiner Urteilsbegründung erdreistete sich der Richter sogar, von einem »Denkzettel« für den Angeklagten zu sprechen. Als hätte der Täter lediglich eine Jugendsünde begangen und niemandem ernstlich wehgetan.

Doch Paul Winterpacht hatte einen Menschen getötet – nein, totgeschlagen! Und trotzdem würde er das Gerichtsgebäude als freier Mann verlassen, ohne einen einzigen Tag hinter Gittern sitzen zu müssen. Unfassbar!

Nollmanns Blick ging zu den Eltern des getöteten Jungen, die wie versteinert in der ersten Reihe des Zuschauerraums saßen und zunächst keine Regung zeigten. Josef und Eva Aukema schienen überhaupt nicht zu begreifen, was der Richter gerade verkündet hatte und was das für sie bedeutete. Ihr Sohn Stefan war aus einem nichtigen Anlass getötet worden, und niemand würde dafür in einer auch nur halbwegs angemessenen Weise zur Rechenschaft gezogen. Nach einigen Momenten der totalen Fassungslosigkeit schauten sich die beiden traurig und zugleich hilflos an. Der hünenhafte Josef Aukema mit seiner ausufernden Art-Garfunkel-Frisur und seine schmächtige Frau Eva mit den seltsam geflochtenen Zöpfen wirkten ebenso irritiert wie deplatziert. Nicht von dieser Welt.

»So eine Schweinerei!«, zischte David Aukema, der neben seinen Eltern gesessen hatte und nun aufsprang, als wollte er im nächsten Moment über die kaum hüfthohe Brüstung springen. Der ältere Bruder des getöteten Stefan schickte wütende Blicke in Richtung des Richters und der Schöffen und biss sich auf die Unterlippe. Er hatte sichtlich Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seine verzweifelte Mutter legte ihm besänftigend die Hand auf den Unterarm, doch er wischte sie ärgerlich beiseite. Er deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den unentwegt zu Boden schauenden Paul Winterpacht, wedelte aufgeregt mit der Hand herum und schien etwas sagen zu wollen. Dann besann er sich aber, schüttelte wütend den Kopf und ging hastig in Richtung Ausgang.

Als er an Nollmann vorbeikam, der in der letzten Reihe direkt neben dem Mittelgang saß, blieb David Aukema kurz stehen, schaute ihn zunächst herausfordernd an, nickte dann, als hätte er plötzlich etwas begriffen, und verließ mit stampfenden Schritten den Raum.

Gerd Nollmann hatte ihn vorgewarnt. Er hatte dem jungen Mann schon zu Beginn des Prozesses vorhergesagt, dass es vermutlich zu einem empörend milden Urteil kommen würde. Dass wahre Gerechtigkeit vor einem Jugendschöffengericht nicht zu erwarten war. Schon gar nicht bei einem Tötungsdelikt! Auch wenn er niemals gedacht hätte, dass der Täter derart ungeschoren davonkommen würde. Mit einem Denkzettel!

Nollmann überlegte, ob er David Aukema folgen und mit ihm noch einmal über das reden sollte, was er bereits vor Wochen mit ihm besprochen hatte, doch dann blieb sein Blick an Paul Winterpacht hängen, dessen Anwalt ihm gerade jovial auf die Schulter klopfte. Der junge Mann schien sich überhaupt nicht über das Urteil zu freuen und wirkte noch nicht einmal erleichtert. Er reagierte nicht auf die Glückwünsche seines Verteidigers und beachtete auch nicht seine winkenden und freudestrahlenden Eltern, die in ihren billigen und schlecht sitzenden Sonntagsklamotten wie verkleidet aussahen. Paul Winterpacht starrte stoisch ins Nichts und wirkte beinahe, als ginge ihn das alles gar nichts an. Als wäre er im falschen Film.

Vermutlich würde er sein wahres Gesicht erst zeigen, wenn er das Gerichtsgebäude verlassen hatte. Die Inszenierung des geistig Unreifen und aufrichtig Reumütigen mochte den gutgläubigen Richter hinters Licht geführt haben, doch Gerd Nollmann schaute hinter die aufgesetzte Fassade. Er kannte solche Typen nur allzu gut und wusste aus eigener, bitterer Erfahrung, dass sie sich nicht änderten. Dass ihnen mit wohlmeinender Erziehung und mahnenden Worten allein nicht beizukommen war. »Strafe statt Erziehung« war alles, was brutale Schläger und asoziale Kriminelle wie Paul Winterpacht verstanden.

Das hätte Nollmann in seinem Artikel über das heutige Urteil auch am liebsten geschrieben. Doch er würde seine Sichtweise der Dinge nur in verklausulierter Form andeuten, denn die ungeschönte Wahrheit wollte sein Redakteur nicht hören. Noch nicht! Gerd Nollmann war zuversichtlich, dass sich auch das in absehbarer Zukunft ändern dürfte. Er würde jedenfalls seinen Teil dazu beitragen.

2

Zwei Monate später

Die schwülwarme Luft, die Benedikt entgegenprallte, empfand er wie einen Hammerschlag gegen den Kopf. Als er die klimatisierten Räume von »Hubi's Pinte« verließ und mit geschulterter Sporttasche auf die Straße hinaustrat, konnte er kaum glauben, dass es bereits nach Mitternacht war. Die Temperaturen waren seit dem frühen Abend kaum gesunken, die Hitze staute sich wie unter einer Käseglocke, und es stank auch so ähnlich, weil kein Wind ging, der die seltsame Mischung aus Kneipenmuff, Küchenabluft und Kanalisationsausdünstungen vertrieb. Vielleicht war es aber auch Benedikt selbst, der so unangenehm roch. Bier, Pommes, Zigaretten und Achselschweiß. Ehrlich verdienter Männerduft, dachte er und grinste.

Vier zu eins! Sie hatten den arroganten Arschlöchern vom Altwicker »Kiepenkerl« eine ordentliche Abreibung verpasst und den Triumph anschließend standesgemäß gefeiert. Das war eben das Schöne an einer Thekenmannschaft: Das Fußballspiel war kein sportlicher Selbstzweck, sondern immer nur Anlass zum anschließenden Besäufnis. Entweder, um den Sieg zu feiern, oder um den Frust über die Niederlage runterzuspülen. Wie letzte Woche nach der peinlichen Klatsche gegen das Oldenhooker »Jägerhaus«.

Der heutige Sieg war tatsächlich hart erkämpft gewesen. Weniger wegen der Gegenwehr der »Kiepenkerle«, sondern wegen der drückenden Bullenhitze, die dafür gesorgt hatte, dass Manni und Kalle, zwei der etwas älteren Mannschaftskollegen, das Spiel wegen Kreislaufproblemen vorzeitig hatten abbrechen müssen. Eigentlich war für den Abend ein heftiges Gewitter angekündigt gewesen, doch die Meteorologen hatten sich mit ihrer Unwetterwarnung mal wieder geirrt, und der Regen ließ auch jetzt noch auf sich warten. Allerdings zuckten inzwischen die ersten Blitze im Westen über den Himmel, und weder Mond noch Sterne waren zu sehen. Außerdem bemerkte Benedikt nach einigen Schritten, dass es doch nicht völlig windstill war, eine erste kleine Böe blies ihm ins Gesicht.

Er befestigte die Tasche auf dem Gepäckträger, stieg auf sein Fahrrad und beeilte sich, um vor dem sich ankündigenden Regenguss zu Hause zu sein. Statt auf der Kirchstraße bis zum Kreisverkehr und von dort auf der Hauptstraße bis zum Ortsrand zu fahren, wollte er die Abkürzung über den alten Busbahnhof und durch das angrenzende Wäldchen nehmen. »Knutschallee« nannten die Dorfbewohner den schmalen und unbeleuchteten Weg, der sich entlang der Westerwicker Beek durchs Gehölz schlängelte. Auch Benedikt hatte auf einer der Holzbänke, die am Ufer zum Verweilen einluden, seine ersten Zungenküsse ausgetauscht und Mädchenbrüste ertastet. Mit Marie Holtmann, die inzwischen nicht nur verheiratet und zweifache Mutter war, sondern auch ihre einst gertenschlanke Figur verloren hatte. Glück gehabt, dachte er und schmunzelte. Dieser Kelch war an ihm vorbeigegangen.

Während er den schönen Erinnerungen aus seiner Teenagerzeit nachhing, kam plötzlich eine dunkle Gestalt aus dem Wäldchen gelaufen und sprang ihm quasi direkt vor das Fahrrad. Im allerletzten Moment konnte Benedikt ihr ausweichen. Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt und schwarze Mütze, wie Benedikt zu erkennen glaubte, als ein gleißender Blitz vom Himmel zuckte und nur kurz darauf ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgte.

»Pass doch auf!«, schnauzte er dem Schwarzgekleideten hinterher, der überhaupt nicht reagierte und mit gesenktem Kopf über den gepflasterten Bahnhofsplatz rannte.

Mittlerweile hatte es zu regnen angefangen, und dicke Tropfen klatschten aufs Pflaster. Benedikt trat in die Pedale, um unter den dicht beieinander stehenden Bäumen etwas Schutz vor dem Regen zu finden. Erst als er in den düsteren Hohlweg einbog, bemerkte er, dass sein Vorderlicht nicht funktionierte und er beinahe blind fahren musste. Was in seinem angetrunkenen Zustand nicht ganz so leicht zu bewerkstelligen war. Zu allem Überfluss meldete sich auch noch seine Blase und verlangte, sich augenblicklich entleeren zu dürfen.

Er hatte inzwischen die erste Bank erreicht, die rechter Hand auf einer kleinen Lichtung am Ufer stand, bremste und schwang sich rasch vom Fahrrad. Dabei stürzte er fast zu Boden, weil er mit dem rechten Bein an seiner Sporttasche hängen blieb. Er ließ das Fahrrad kurzerhand fallen und stolperte in Richtung Parkbank. Der Regen prasselte mittlerweile zu Boden und verwandelte den sandigen Untergrund binnen kürzester Zeit in matschigen Schlamm. Keine gute Idee, bei Starkregen auf einer Lichtung zu pinkeln, dachte Benedikt – und legte sich im nächsten Moment auf die Nase, weil er über irgendetwas gestolpert war. Er drehte den Kopf: Etwas Großes und Schweres, das wie ein Müllsack oder Koffer aussah, lag neben der Bank auf dem Boden. Doch als er sich aufgerappelt hatte und in der Dunkelheit nach dem Gegenstand tastete, erkannte er, dass es sich um einen Menschen handelte. Vermutlich ein Penner, der auf der Bank geschlafen und im Vollrausch heruntergerollt war. Oder einer der Flüchtlinge oder Asylanten, die derzeit im alten Gerätehaus der Feuerwehr untergebracht waren und oft am Busbahnhof herumlungerten. Benedikt holte sein Handy aus der Hosentasche, leuchtete mit der eingebauten Lampe die Gestalt an – und erschrak. Der Mann, der dort auf dem Rücken lag, war weder ein Obdachloser noch ein Flüchtling, und er schlief auch nicht, denn er hatte die Augen geöffnet und starrte Benedikt an. Ohne ihn jedoch wahrzunehmen.

»Paul?« Benedikt schüttelte die leblose Gestalt. »Was ist mit dir?« Er kannte Paul Winterpacht nur flüchtig. Sie waren früher in der Grundschule in dieselbe Klasse gegangen, hatten aber anschließend kaum noch etwas miteinander zu tun gehabt. Allerdings wusste Benedikt von der Geschichte mit Stefan Aukema; das hatte ja in allen Zeitungen gestanden und war monatelang das große Gesprächsthema im Dorf gewesen. Drüben am Busbahnhof war das damals geschehen, nur einen Steinwurf entfernt.

»He, Paul, mach keinen Scheiß!« Benedikt ahnte, dass Paul nicht ohnmächtig oder volltrunken war, und diese Vermutung wurde zur Gewissheit, als er den Fleck auf dem durchnässten T-Shirt sah. Ein großer dunkelroter Fleck auf dem weißen Stoff, ungefähr dort, wo Pauls Herz war.

»Scheiße!«, rief er, schaltete die Handylampe aus und wählte den Notruf.

Erster Teil

Sonntag

1

Heinrich Tenbrink wachte mit einem fürchterlichen Brummschädel auf, der Schmerz hämmerte an den Schläfen und sägte am Hinterkopf. Er rieb seine Narbe neben dem linken Ohr, doch es war nicht die längst verheilte und kaum noch sichtbare Wunde, die für seine Kopppiene verantwortlich war. Sie hatten am gestrigen Samstag im Kreuzviertel seine Beförderung zum Kriminalrat und die Rückkehr ins Kriminalkommissariat 11 gefeiert und dabei mit allzu viel Altbier angestoßen. Tenbrink war eigentlich gar nicht nach Feiern zumute gewesen, schließlich wusste er, dass die Beförderung eher eine Wegbelobigung und die erneute Leitung des Kommissariats nur von kurzer Dauer war. Sozusagen kommissarisch. Bis Arno Bremer aus dem Krankenhaus entlassen wurde und wieder vollständig genesen war. Dann würde Tenbrink seinen neuen Posten im Leitungsstab antreten und den Rest seiner Beamtenlaufbahn auf dem Abstellgleis verbringen. »Sachgebiet 1: Behördenstrategie und Behördencontrolling.« Herzlichen Glückwunsch!

Doch Maik Bertram und Heide Feldkamp hatten darauf bestanden, dass ihr neuer Kriminalrat nach seiner ersten Arbeitswoche an alter Wirkungsstätte mit seinen Kollegen in der urigen Altbierkneipe in der Kreuzstraße anstieß, und sogar der dicke Bernd Hölscher, der sonst nie an irgendwelchen Feierlichkeiten teilnahm, hatte sich dem Umtrunk angeschlossen. Nur Reinhard Gehling, der in Tenbrinks Abwesenheit vom Kommissaranwärter zum Kommissar auf Probe aufgestiegen war, hatte sich entschuldigt, weil er mit seiner Freundin im Wolfgang-Borchert-Theater verabredet war. »Draußen vor der Tür.« Vermutlich.

Tenbrink brauchte eine Weile, bis er begriff, dass ihn das Klingeln seines Handys geweckt hatte. Auch wenn er im Augenblick noch keine Ahnung hatte, wo es sich befand. Der Wecker zeigte sechs Uhr, und es war bereits hell im Zimmer. Die Morgensonne schien durchs Fenster, weil er in der Nacht vergessen hatte, die Vorhänge zuzuziehen. Trotz der frühen Stunde war es bereits unangenehm warm, und Tenbrink stellte fest, dass sein Kopfkissen klitschnass war. In der Nacht hatte es ein Gewitter gegeben, aber das hatte keine Abkühlung gebracht. Wieder klingelte sein Handy, irgendwo neben seinem Bett. Vermutlich steckte es noch in seiner Hose, die auf links gezogen war und sich samt Hemd und Socken auf dem Bettvorleger befand. All das war von Locke als Nachtlager zweckentfremdet worden, wie Tenbrink nun feststellte. Als er den Pudel verscheucht und schließlich den Apparat am Ohr hatte, meldete er sich mit krächzender Stimme und hörte anschließend ganz erstaunt zu, was ihm der Kollege vom Kriminaldauerdienst im Telegrammstil mitteilte: nächtlicher Leichenfund in Westerwick, junger Mann mit Stichverletzungen, vermutlich Fremdverschulden, Bildung einer Mordkommission von der Staatsanwaltschaft angeordnet, Rechtsmedizin und Spurensicherung bereits vor Ort.

Sofort war er hellwach. Er beendete das Gespräch, schlüpfte der Einfachheit halber in die Sachen vom Vortag, unterzog sich einer Katzenwäsche im Bad und stieß anschließend im Flur beinahe mit Maik Bertram zusammen, der offenbar vor der Tür auf ihn gewartet hatte.

»Mensch, Maik, musst du mir so auflauern?«, rief Tenbrink und erschrak über seine Reibeisenstimme. »Haben sie dich auch aus dem Bett geklingelt?«

»Dein Wagen oder meiner?« Bertram nickte und grinste. Er wirkte taufrisch und ausgeschlafen.

»Mein Wagen, aber du fährst«, brummte Tenbrink, räusperte sich mehrmals und nahm die Jacke von der Garderobe.

Seit einigen Wochen wohnte Bertram nun schon in Tenbrinks Haus in Schöppingen, aber für den frischgebackenen Kriminalrat war es immer noch ungewohnt, den Kollegen als Nachbarn, Mieter oder Mitbewohner unter demselben Dach zu haben. So genau war das nicht zu unterscheiden, auch weil die beiden Wohnungen baulich nicht eindeutig voneinander getrennt waren. Bertram bewohnte das Obergeschoss, in dem sich zwar vier Zimmer und ein Balkon, aber weder Küche noch Bad befanden. Das Gästeklo war im Erdgeschoss neben der Treppe, und die Küche teilten sie sich halbwegs brüderlich, nur wegen des Badezimmers gab es immer wieder Abstimmungsschwierigkeiten. Nie hätte Tenbrink gedacht, dass ein Mann so lange und ausgiebig mit der Körperpflege beschäftigt sein konnte.

»Baker Street«: so nannten die Kollegen im Präsidium das Haus in der Von-Galen-Straße, und Hölscher hatte scherzhaft gefragt, ob Tenbrink denn seit Neuestem auch Geige spiele und Pfeife rauche. Bereits vor einigen Monaten, kurz nach dem Autounfall, durch den sowohl Maik Bertram als auch Arno Bremer außer Gefecht gesetzt worden waren, hatte Bertram eine Zeit lang bei Tenbrink gewohnt. Damals jedoch im ebenerdigen Gästezimmer, das Tenbrink mittlerweile als Schlafzimmer nutzte, und das auch nur so lange, bis er nicht mehr auf Gehhilfen oder Tenbrinks Fahrdienste angewiesen war. Inzwischen hatte Bertram jedoch seine Wohnung in Billerbeck gekündigt und war dauerhaft bei ihm eingezogen. Tenbrink war froh darüber, einen Mitbewohner zu haben, weil das Haus für ihn allein viel zu groß war; und er kannte natürlich den Grund, warum auch Bertram derzeit nicht gern allein wohnen wollte. Doch die beiden sprachen nie darüber. Natürlich nicht. Warum auch? Das Zusammenwohnen war praktisch, es war günstig, es war naheliegend, und es war manchmal sogar gemütlich. Alles Weitere war nicht der Rede wert. Vorerst jedenfalls.

»Locke!«, rief Tenbrink nach dem Hund, der im nächsten Moment aus dem Schlafzimmer geschossen kam. »Auf geht's!«

»Du willst den Pudel doch nicht etwa mitnehmen?«, wunderte sich Bertram und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Wieso denn nicht?« Tenbrink legte dem Hund, der aufgeregt mit dem Schwanz wedelte, die Leine an und tätschelte seinen Kopf. »Du weißt doch, dass er die ganze Zeit jault und kläfft, wenn ich ihn in der Wohnung allein lasse. Locke ist eben gern in Gesellschaft.«

»Wir fahren zu einem Tatort, Heinrich!«

»Das weiß ich auch. Aber ich kann ihn vorher nicht nach Münster bringen, damit Bernd auf ihn aufpasst. Das dauert zu lange.«

In der vergangenen Woche hatte Tenbrink den Hund stets mit ins Büro genommen, und wenn er außerhalb des Präsidiums im Einsatz gewesen war, hatte sich Bernd Hölscher, der Aktenführer des KK11, um Locke gekümmert. Vermutlich mit der Hilfe von allerlei Leckerlis und Süßigkeiten.

»Außerdem ist die SpuSi schon seit Stunden vor Ort«, setzte Tenbrink hinzu, ließ Bertram und Locke vorgehen und zog die Haustür hinter sich zu. »Bis wir da sind, ist der Tatort längst gesichert und freigegeben.«

»Na gut, du bist der Chef«, antwortete Bertram achselzuckend, aber es klang wie: Sei froh, dass Arno das nicht mitbekommt!

»Warst du schon mal in Westerwick?« Tenbrink reichte Bertram den Autoschlüssel.

Sein Kollege schüttelte den Kopf.

»Ein kleines Dorf in der Nähe von Coesfeld«, sagte Tenbrink und blinzelte, weil ihm die Morgensonne ins Gesicht schien. Trotz der frühen Stunde war es bereits drückend warm und so schwül wie am Vorabend. Als hätte es gar kein Gewitter gegeben. Tenbrinks Hemd klebte unter den Achseln, und er bedauerte, dass er kein frisches angezogen hatte.

»Das Kaff mit dem Flüchtlingsheim?«, fragte Bertram und öffnete die Zentralverriegelung des Audis, der direkt vor dem Haus stand. »Gab's da nicht letztens erst Ärger mit den Anwohnern? Stand in der Zeitung, glaub ich.«

»Hoffentlich ist bei der Geschichte nicht Fremdenfeindlichkeit mit im Spiel«, brummte Tenbrink, öffnete die Beifahrertür, stieg mit einem Ächzen ein und nahm den Hund auf den Schoß. »Dann haben wir bald keine ruhige Minute mehr.«

»Der Tote heißt Winterpacht«, antwortete Bertram und setzte sich hinters Steuer. »Klingt nicht gerade nach einem syrischen Flüchtling.«

»Winterpacht?« Tenbrink stutzte. Irgendwie kam ihm der Name bekannt vor. Aber er hatte keine Ahnung wieso.

2

Tenbrink konnte den Anblick von Leichen nicht ertragen. Nicht mehr.

Früher hatte ihm das nur wenig ausgemacht, aber inzwischen schlug es ihm regelrecht auf den Magen. Er wusste, dass das mit dem Tod seiner Frau Karin und dem Anblick ihrer Leiche zu tun hatte, aber dieses Wissen änderte nichts an der Tatsache und machte es nicht besser. Ganz im Gegenteil. Er war also nicht traurig darüber, dass der »Erste Angriff« bereits durch die Schutzpolizei und den Kriminaldauerdienst erfolgt war. Als Tenbrink und Bertram um kurz vor sieben an der Westerwicker Beek eintrafen, war der Auffindeort gesichert, der Tatbefund dokumentiert und auch die erste Leichenschau erfolgt. Den Toten hatte man inzwischen schon zur Rechtsmedizin nach Münster gebracht. Die Kollegen vom Erkennungsdienst waren ebenfalls weitgehend mit ihrer Arbeit fertig und hatten Spurengassen und Korridore für die Ermittler angelegt. Über dem eigentlichen Tatort, der sich direkt am Bach und inmitten eines schmalen Wäldchens befand, hatte man zum Schutz gegen den Regen einen Faltpavillon aufgestellt. Vor diesem Zelt wartete bereits Heide Feldkamp im weißen Einwegoverall der Spurensicherung auf sie. Die Tatortspezialistin begrüßte die beiden mit Handschlag.

»Habt ihr auch so 'n Schädel?«, fragte sie und nickte dem uniformierten Beamten neben dem Eingang zu, der die Plane beiseitezog, um die Kollegen hineinzulassen. »Morgen, Locke!« Heide schien sich überhaupt nicht über die Anwesenheit des Pudels zu wundern, der wie ein Bluthund den dampfenden Waldboden beschnupperte.

»Verfluchtes Altbier«, brummte Tenbrink, nahm den Hund auf den Arm und betrat den Pavillon, in dem es so feucht und heiß wie in einer Sauna war. Das dumpfe Dröhnen in seinem Kopf wurde schlagartig zu einem lauten Hämmern, und er hatte Mühe, Luft zu bekommen. »Lassen Sie bitte den Eingang offen«, wandte er sich an den Kollegen von der Schutzpolizei, »hier drin erstickt man ja.«

»Paul Winterpacht wurde erstochen«, sagte Heide, ließ aber nicht erkennen, ob sie es als witzige Entgegnung auf Tenbrinks Bemerkung gemeint hatte. »Zwei Stiche von vorne, unter die Rippen, mindestens einer davon direkt ins Herz, sagt Dr. Kemper. Keine sonstigen Hinweise auf Gewalteinwirkung.«

»Gibt es irgendwelche Anzeichen dafür, dass er versucht hat, sich zu verteidigen?«, fragte Tenbrink.

»Er scheint sich nicht gewehrt zu haben«, erwiderte Heide. »Die genaueren Obduktionsergebnisse werden wir aber erst im Lauf des Tages oder morgen erhalten.«

»Habt ihr die Tatwaffe gefunden?«, fragte Bertram, der am Eingang stehen geblieben war und sich mit der Hand Luft zufächelte.

»Negativ«, antwortete Heide, der die Hitze trotz des Overalls nichts auszumachen schien. »Allerdings waren die Wunden laut Dr. Kemper ungewöhnlich.«

»Inwiefern?«, hakte Tenbrink nach, der sich über die markierte Stelle beugte, an der die Leiche gelegen hatte.

»Sehr klein und außerdem dreieckig.«

»Also kein Messer?«

»Dr. Kemper tippt auf ein Stilett oder etwas Ähnliches. Vielleicht auch eine Art Werkzeug mit dreieckiger Spitze. Wenig Wunde, viel Wirkung.«

»Das ist allerdings ungewöhnlich.« Tenbrink setzte sich auf die Bank, die direkt neben dem Auffindeort stand. Hinter der Zeltwand hörte er den Bach plätschern, und ringsum zwitscherten die Vögel. Amseln, vermutete Tenbrink. »Todeszeitpunkt?«

»Gegen Mitternacht. Vielleicht etwas später.«

»Was wissen wir über den Toten?«

»Noch nicht sehr viel. Bernd ist bereits im Büro und kümmert sich darum. Der Tote heißt Paul Winterpacht, zwanzig Jahre alt, wohnt bei den Eltern hier in Westerwick. Im sogenannten Nöttenkamp. Die Familie ist bereits verständigt.«

Tenbrink atmete erleichtert auf. Das Überbringen von Todesnachrichten war ihm ein ebensolches Gräuel wie der Anblick von Leichen. »Habt ihr sein Handy?«, fragte er.

Heide nickte. »Handy, Bankkarten, Ausweis, Bargeld. Alles da.« Sie deutete auf einen beschrifteten Pappkarton neben dem Eingang, in dem sich die Asservatentaschen und die Beutel für Beweismittel befanden. »Einen Raubmord können wir höchstwahrscheinlich ausschließen.«

»Was hat er hier mitten in der Nacht gemacht?« Tenbrink schaute zu der markierten und mit nummerierten Schildchen versehenen Stelle auf dem Boden und beugte sich weit zur Seite. Locke nutzte die günstige Position und leckte ihm übers Kinn. »Aus!«, befahl Tenbrink.

»Benedikt Niemeyer, der Auffindezeuge, hat ausgesagt, dass dieses Wäldchen ein beliebter Treffpunkt für jugendliche Liebespaare ist«, berichtete Heide und ging hinüber zum Beweismittelkarton. »Im Dorf nennt man diesen Weg am Bach deshalb ›Knutschallee‹.«

»Ein tödliches Rendezvous nach Mitternacht?«, mutmaßte Bertram, der immer noch ein wenig abseits stand. »Klingt ziemlich melodramatisch.«

»Der Zeuge hat eine schwarz gekleidete Person gesehen, die hastig aus dem Wäldchen gelaufen kam, als er gerade mit dem Fahrrad in den Weg einbog. Leider konnte er keine genaueren Angaben über die Person machen. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Mütze. Vielleicht kann dieser Niemeyer etwas mehr berichten, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat. Die Kollegen vom KDD meinten, dass der junge Mann ziemlich betrunken war.« Heide zuckte mit den Schultern, suchte vorsichtig in dem Karton herum und zog schließlich einen durchsichtigen Kunststoffbeutel heraus, in dem sich ein Stück Papier befand. »Das wird dich interessieren, Heinrich«, sagte sie und reichte Tenbrink den Beutel. »Haben wir unter der Leiche gefunden.«

Irgendwo bellte ein Hund, und Locke antwortete mit einem Knurren. Wieder befahl Tenbrink: »Aus!« Locke antwortete mit einem erneuten Knurren, nur etwas leiser als zuvor. Als wollte er das letzte Wort haben.

Tenbrink begutachtete das Stück Papier im Beutel. Es war schmal und länglich und erinnerte ihn an die abreißbaren Zettel von Kellnerblöcken – aus der Zeit, als Bestellungen noch handschriftlich notiert und nicht gleich digital eingetippt wurden. Allerdings befand sich kein Logo einer Brauerei am oberen Rand des Zettels. Auf dem Papier standen einige Buchstaben und Zahlen, die jedoch mit Tinte geschrieben und daher wegen des Regens größtenteils verwischt und unleserlich waren. »EX« oder »EY« konnte Tenbrink entziffern, dahinter eine »2« oder ein Fragezeichen, und danach kamen einige Ziffern oder Buchstaben, von denen nur verlaufene Rudimente übrig waren. Tenbrink reichte Bertram, der näher gekommen war und ihm über die Schulter geschaut hatte, das Fundstück, doch der zuckte nur achtlos mit den Schultern und gab ihm den Beutel zurück.

»Das habt ihr unter der Leiche gefunden?«, wunderte sich Tenbrink. »Wo genau?«

»Am Unterarm. Die ersten Buchstaben sind nur deshalb noch zu lesen, weil der Ärmel darauf lag und den Regen abgehalten hat.«

»Wie lag Winterpacht? In welcher Position?«

»Auf dem Rücken.«

»Hat der Auffindezeuge den Toten bewegt?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Seltsam«, brummte Tenbrink und schüttelte nachdenklich den Kopf. Locke gab erneut ein Knurren von sich, doch diesmal reagierte Tenbrink mit einem barschen Befehl: »Halts Maul, Locke!« Der Hund schaute erstaunt und verstummte augenblicklich.

»Dieses Stück Papier könnte auch vorher schon dort gelegen haben«, gab Bertram zu bedenken. »Hat vielleicht gar nichts zu bedeuten. Womöglich nur die Überreste eines Einkaufszettels. Hat auch ungefähr die Form.«

»Möglich«, antwortete Heide. »Das Gleiche gilt für die Zigarettenstummel, Bustickets und Kaugummis, die wir neben und unter der Leiche gefunden haben. Hier wimmelt es von Scheinspuren. Gleich neben der Bank …« – sie deutete auf das Beweismittelschildchen mit der Nummer 9 – »… lag ein gebrauchtes Kondom.«

«Mahlzeit«, brummte Tenbrink und gab Heide den Beweismittelbeutel zurück. »Irgendwelche Anzeichen für Geschlechtsverkehr? Gab es Spermaspuren am Toten?«

Heide schüttelte den Kopf. »Wir sollten den Obduktionsbericht abwarten. Dann wissen wir auch mehr über die Tatwaffe. Kann am Sonntag natürlich etwas dauern.«

Tenbrink nickte, hob seinen Hund hoch und stand auf. »Die Waffe wurde ihm frontal, aus nächster Nähe und von unten ins Herz gestoßen?«

»Unter die Rippen«, bestätigte Heide.

»Hier, halt mal!«, wandte er sich an Bertram und drückte ihm unvermittelt den Pudel in die Arme. Dann sagte er zu Heide: »Erstech mich!«

Heide verstand nicht.

Bertram grinste breit und erklärte: »Er meint: ›Erstich mich!‹«

»Klugscheißer!«, maulte Tenbrink und wandte sich abermals an Heide: »Wie würdest du zustechen, wenn du mich mit einem Messer oder Stilett angreifen wolltest?«

»Keine Ahnung«, antwortete sie, zuckte mit den Schultern und machte eine Ausholbewegung mit dem rechten Arm. »So wahrscheinlich. Von schräg oben. Oder so.« Eine waagerechte Bewegung des Unterarms. »Von vorne.«

»Aber nicht von unten am Brustbein vorbei ins Herz«, folgerte Bertram und setzte den unruhig zappelnden Locke auf den Boden. »Außer man weiß genau, wie man die Waffe benutzen sollte und wo man hinstechen muss.«

»Blitzschnell und nur mit einer kurzen Stoßbewegung«, fügte Tenbrink hinzu und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch unter den Achseln und auf der Brust hatte sich die Körperflüssigkeit gesammelt und verursachte verräterische Flecken auf dem Hemd.

»Ein Profi?«, fragte Heide, deren Gesicht trotz des Plastikoveralls nur ganz wenig gerötet war. Transpiration schien für sie ein Fremdwort zu sein.

»Profis benutzen normalerweise keine Stichwaffen, jedenfalls nicht mehr seit dem Mittelalter«, meinte Bertram und hatte Mühe, den an der Leine zerrenden Pudel bei Fuß zu halten. »Aber der Täter war geübt darin, mit einem Messer oder Stilett umzugehen.«

»Kampfsportler?«, vermutete Heide.

»Oder Metzger«, erwiderte Bertram und grinste.

»Lasst uns bitte hinausgehen«, bat Tenbrink und fuhr sich mit der Handfläche über den klitschnassen Nacken. »Hier drin geht man ja ein. Ich krieg keine Luft mehr.« Er erlöste Bertram, indem er ihm die Hundeleine aus der Hand nahm, und stapfte zum Ausgang. Noch bevor er nach draußen kam, sprang Locke nach vorn und nutzte die Gelegenheit, um sein Bein zu heben und gegen die Plane des Pavillons zu pinkeln. Hinter sich hörte Tenbrink die beiden Kollegen verächtlich schnaufen.

»Heide?«, fragte er, ohne sich umzudrehen. »Du fährst doch jetzt nach Münster. Könntest du Locke mitnehmen und im Präsidium in Bernds Obhut geben?«

»Muss das sein?« Heide Feldkamp war nicht gerade als Tierfreundin verschrien. Das einzige Tierische, das sie wirklich liebte, war ihre abgewetzte Wildlederjacke, die sie so gut wie nie ablegte und womöglich auch jetzt unter ihrem Einwegoverall trug.

»Bernd wird sich bestimmt freuen«, bekam Tenbrink Unterstützung von Bertram. »Dann hat er endlich jemanden bei sich, der genauso wild auf Süßkram ist wie er selbst.«

»Maik und ich fahren zur Familie des Toten. Da kann ich den Pudel nun wirklich nicht mitnehmen.« Tenbrink räusperte sich und schaute zu Boden, um Bertrams Besserwisser-Blick auszuweichen. »Wo ist dieser Nöppenkamp eigentlich?«, fragte er, als er den Pavillon verließ und enttäuscht feststellte, dass es draußen beinahe genau so heiß und stickig war wie unter der Plane.

»Nöttenkamp«, verbesserte der uniformierte Kollege der Schutzpolizei, der in strammer Haltung neben dem Zelt stand, als bewachte er den Eingang zu einer Schatzkammer. »Das ist an der Straße nach Coesfeld. Gar nicht weit von hier. Direkt am Ortsausgang.«

»Danke, Herr Kollege.«

»War früher mal eine Eisenbahnersiedlung.« Der Polizeiobermeister lächelte geschmeichelt. »Einen Bahnhof gibt's ja in Westerwick schon lange nicht mehr. Später sind dann die Flüchtlinge dort untergekommen.«

»Das Flüchtlingsheim heißt Nöttenkamp?«, wunderte sich Bertram, der nun ebenfalls vors Zelt trat. »Ich dachte, die Flüchtlinge sind in der ehemaligen Feuerwache untergebracht. So stand's jedenfalls in der Zeitung.«

»Nein, nicht die Flüchtlinge«, antwortete der Schutzpolizist und schaute ein wenig verlegen drein. »Ich meine die Vertriebenen aus dem Osten. Also nicht die Ossis, sondern die aus den ehemaligen Ostgebieten. Sudeten und Schlesier und so. Nach dem Krieg sind viele von denen in Westerwick gelandet. Im Nöttenkamp eben.«

»Sind die Winterpachts Vertriebene?«, fragte Tenbrink und zog an der Leine, damit Locke das dunkelblaue Hosenbein des Polizeiobermeisters nicht neugierig beschnupperte.

»Das weiß ich nicht.« Der Kollege hob bedauernd die Schultern. »Aber wenn Sie mich fragen – das war Rache. Deswegen wurde Paul Winterpacht ermordet. Aus Rache.«

»Wie bitte?«

Der Polizeiobermeister deutete mit einer Kopfbewegung ins Innere des Schutzzelts und machte eine vielsagende Miene. »Wegen der Sache mit Stefan Aukema.«

Tenbrink wusste, dass ihm der ungewöhnliche, vermutlich friesische Name etwas sagen sollte, aber er kam einfach nicht darauf. Genauso wie ihm der Name Winterpacht bekannt vorgekommen war, ohne ihn jedoch einordnen zu können.

»Welche Sache meinen Sie?«, fragte Bertram.

»Paul Winterpacht hat den jungen Aukema totgeschlagen. Drüben am Busbahnhof. Letzten Herbst oder Winter war das. Aber er hat nur 'ne läppische Bewährungsstrafe dafür bekommen. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge.« Der SchuPo lachte gallig und setzte hinzu: »Ein schlechter Witz, wenn Sie mich fragen.«

Richtig, jetzt erinnerte sich Tenbrink. In der »Westfälischen Zeitung« hatte er vor einigen Wochen einen wütenden Kommentar über das angebliche Fehlurteil und den vermeintlichen Justizskandal gelesen. Er wandte sich an Heide, die sich gerade aus ihrem Overall schälte. »Bernd soll sich mit den Kollegen in Verbindung setzen, die den Fall damals behandelt haben, und uns die Akten besorgen.«

»Rache, ganz klar«, sagte der Polizeiobermeister abermals und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn Sie mich fragen.«

3

Der Nöttenkamp bestand aus zwei parallelen Straßen und einem Dutzend winziger, weiß verputzter und leicht versetzt stehender Einfamilienhäuser mit spitzem Satteldach, schmalen Fenstern und Miniatur-Vorgarten. Ein Haus sah aus wie das andere, nur die hölzernen, zweiflügeligen Fensterläden unterschieden sich in der Farbe und dem Verwitterungszustand. Eisenbahnersiedlung, hatte der POM gesagt, und Tenbrink vermutete, dass die betont schlicht und schmucklos gehaltenen Häuschen irgendwann zwischen den Weltkriegen errichtet worden waren. Vielleicht sogar früher. Das Haus der Winterpachts befand sich am hinteren Ende der Siedlung und hätte einen frischen Anstrich vertragen können. Die Farbe des ehemals weißen Spritzputzes war zu einem marmorierten, dreckigen Grau geworden, und der blaue Lack an den Fensterläden blätterte großflächig ab. Auch der winzige Vorgarten wirkte etwas vernachlässigt. Die Blumen und Sträucher waren verdorrt, der Weg zum Haus war mit Unkraut übersät, und die einzigen grünen Flecken auf dem Rasen bestanden aus Klee und Löwenzahn, die sich überall ausgebreitet hatten.

»Na, das ist ja ein Schmuckstück«, lautete Bertrams Kommentar, als er den Blick über Haus und Garten schweifen ließ. »Scheint sich niemand drum zu kümmern.«

Tenbrink zuckte mit den Schultern und klingelte an der ebenfalls blau lackierten Tür, auf der ein »S04«-Aufkleber prangte. Darunter war ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift »Keine Werbung« angebracht.

Ein großgewachsener, recht schlanker Mittfünfziger mit Bürstenhaarschnitt und Schnauzbart öffnete die Tür. Er trug ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift »New York Mets« und eine kurze Hose im Camouflage-Design. »Sie sind von der Kripo, oder?«, fragte er und trat zur Seite. »Wir haben schon auf Sie gewartet.«

Tenbrink stellte sich und Bertram vor. Beide zeigten ihre Dienstausweise und bekundeten ihr Beileid.

»Norbert Winterpacht. Ich bin der Vater«, antwortete der Hausherr mit schleppender Stimme. »Kommen Sie rein. Meine Frau ist in der Küche. Der Arzt hat ihr eine Spritze gegeben, aber sie weint trotzdem die ganze Zeit.«

Das Erste, was Tenbrink im Inneren des Hauses auffiel, war der Gestank. Es roch sehr penetrant nach Zigarettenrauch und ranzigem Körperschweiß. Eine äußerst unangenehme Mischung, die in der Küche noch aufdringlicher wurde, wo Frau Winterpacht im hellblauen Freizeitanzug am Tisch saß und sich gerade eine neue Zigarette mit der alten anzündete.

»Bettina, die Herren sind von der Mordkommission«, sagte Winterpacht und legte seiner Frau in einer unbeholfenen Geste die Hand auf die Schulter. »Wollen Sie sich nicht setzen?«, wandte er sich an die Kommissare. »Möchten Sie Kaffee? Ich kann welchen kochen, wenn Sie wollen.«

»Danke, nicht nötig«, erwiderte Bertram rasch, der damit Tenbrink die Worte förmlich aus dem Mund nahm. »Es tut uns sehr leid, was mit Ihrem Sohn geschehen ist, und wir können verstehen, dass Ihnen im Moment nicht nach Reden zumute ist. Aber wir würden gern …«

»Fragen Sie nur!«, unterbrach ihn Frau Winterpacht, ohne dabei aufzuschauen, und drückte den alten Zigarettenstummel im überquellenden Aschenbecher aus. »Obwohl wir ja alle die Antwort kennen.«

Bertram wollte darauf etwas entgegnen, doch Tenbrink schüttelte unmerklich den Kopf und hob leicht die Hand. Später würden sie darauf zurückkommen. Manchmal war es sinnvoll, nicht nach jedem Knochen sofort zu schnappen. Bertram nickte und fragte: »Ihr Sohn wohnte noch bei Ihnen?«

»Warum noch?«, entfuhr es dem Vater, der sich inzwischen neben seine Frau gesetzt und ebenfalls eine Zigarette angezündet hatte. »Warum sollte er nicht hier wohnen?«

»Natürlich, sicher«, murmelte Bertram, zückte seinen Notizblock und räusperte sich. »Wann haben Sie Paul zuletzt gesehen?«

»Gestern Abend«, antwortete Bettina Winterpacht und hob zum ersten Mal den Kopf. Ihr Gesicht wirkte aufgedunsen und hatte eine ungesunde Farbe. Gelblich und blutleer. Nur ihre Nase war gerötet, vermutlich vom Weinen und Schnauben. Vielleicht auch nicht, dachte Tenbrink, als ihm die Batterie von leeren Bier- und Weinflaschen auf der Anrichte neben dem mit Stickern und Magneten gepflasterten Kühlschrank ins Auge sprang.

»Wann genau?«, wollte Bertram wissen, der sich direkt neben das Fenster gestellt hatte. Es stand auf Kipp; offenbar brauchte er frische Luft.

»Er wollte noch mal raus, hat er gesagt. Kurz ins Dorf. Das war so gegen halb elf oder elf.«

»Hatte er vor, sich mit jemandem zu treffen?« Tenbrink schaute sich in der Küche um. Es sah ein wenig aus wie im Vorgarten: alles etwas verlottert und vernachlässigt. Die billig furnierten Einbaumöbel waren fettfleckig und abgegriffen, in der Spüle stapelte sich das dreckige Geschirr, neben dem Mülleimer standen mehrere prall gefüllte Mülltüten, und auf dem Schirm der Deckenlampe sammelte sich der Staub. Eine Herkulesaufgabe für einen Reinigungstrupp. Wie dieser Stall, den der griechische Held ausmisten sollte. Tenbrink kam gerade nicht auf den Namen.

»Glaub nicht, dass er jemand Bestimmten treffen wollte«, antwortete Norbert Winterpacht und hob die Achseln. »Jedenfalls hat er nichts davon gesagt.«

»Hatte er eine Freundin?«

»Im Moment nicht.« Winterpacht schaute unsicher zu seiner Frau. »Oder?«

Bettina Winterpacht schüttelte den Kopf und fuhr sich abwesend mit der Hand durch die schulterlangen, mit blonden Strähnen durchsetzten Haare. Ihr Blick war leer. In Gedanken war sie meilenweit entfernt.

»Hat er sich vielleicht mit Freunden getroffen?«, fragte Bertram, der sich ausgiebig Notizen machte. Das hatten sie vorher so besprochen. Zwar war Tenbrinks Vergesslichkeit nicht schlimmer geworden, aber er hatte Bertram gebeten, sich alles zu notieren. Vor allem die Namen. Und die Nebensachen. Weil man nie wusste, ob sie noch mal wichtig werden könnten. In gewisser Weise war Bertram nun ein Teil von Tenbrinks spezieller Zettelwirtschaft geworden.

»Kann schon sein«, antwortete Norbert Winterpacht. »Das müssten sie Ralf Ellerkamp fragen. Er wohnt im Dorf, gleich neben der alten Feuerwache. Er und Paul waren Schulfreunde und Arbeitskollegen.«

»Wo arbeitete Ihr Sohn?«

»Drüben bei Wermer. In der Holzfabrik. Bis letzte Woche.«

»Wurde er entlassen?«, hakte Bertram sogleich nach. »Gab es Ärger auf der Arbeit?«

»Nein, wie kommen Sie darauf?«, antwortete Winterpacht, und eine tiefe Falte bildete sich über seiner Nase. »Paul hat sich Anfang des Jahres beim Berufskolleg in Coesfeld angemeldet. Er wollte seinen Schulabschluss nachholen.«

»Nächste Woche sollte es losgehen«, fügte seine Frau hinzu, zog an ihrer Zigarette und atmete tief aus. »Er wollte bei Wermer auf dem Büro arbeiten und eine Kaufmannslehre beginnen, aber dafür brauchte er den Hauptschulabschluss.«

»Verstehe«, sagte Tenbrink und betrachtete einige der Fotos, die mit Magneten am Kühlschrank angebracht waren. Eines davon war ein älteres, verblasstes Familienfoto: Vater, Mutter, zwei Jungs, ein Mädchen. Alle im Sonntagsstaat und vor einer Fototapete mit Mauerstruktur. »Sie haben noch weitere Kinder?«, fragte er und deutete auf das Foto. »Wohnen die auch hier im Haus?«

»Angelika hat Anfang des Jahres geheiratet«, antwortete Norbert Winterpacht, und seine Miene hellte sich für einen kurzen Moment auf. »Sie wohnt mit ihrem Mann und dem Knirps in Bottrop.«

»Knirps?«, wiederholte Bertram.

»Leon.« Wieder das Lächeln in Winterpachts Gesicht. »Wird nächste Woche vier Monate alt. Leon ist ein echter Wonneproppen.« Ein stolzer Opa, das war unverkennbar.

»Und Ihr zweiter Sohn?«, wollte Tenbrink wissen.

»Es gibt keinen zweiten Sohn!« Schlagartig verfinsterte sich Winterpachts Miene. »Nicht mehr!«

»Norbert!«, rief seine Frau entrüstet. Asche fiel von ihrer Zigarette, als sie mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. »Untersteh dich!« Sie drückte die Zigarette aus und wandte sich an Tenbrink. »Marvin ist im Gefängnis. JVA Münster. Seit letztem Sommer.«

»Weswegen?«

»Bewaffneter Raubüberfall«, knurrte der Vater. »Hat mit 'nem Kumpel eine Tankstelle in Coesfeld überfallen. Drei Jahre hat er dafür bekommen. Von mir aus hätten sie ihm auch lebenslänglich geben können.«

Wieder rief Bettina Winterpacht: »Norbert!« Dann fuhr sie herum und schaute Tenbrink herausfordernd an. »Warum wollen Sie das alles wissen? Es geht hier doch nicht um Marvin, sondern um Paul. Es geht darum, dass die verrückten Aukemas ihn getötet haben. Nur darum geht es – und sonst nichts. Zu denen hätten sie als Erstes gehen sollen. Stattdessen stehen Sie hier rum und stellen Fragen, als hätten wir etwas verbrochen.«

»Ihr Sohn hat vor etwa einem Dreivierteljahr Stefan Aukema totgeschlagen«, stellte Bertram fest und setzte vorsorglich hinzu: »Ist das richtig?«

»Totgeschlagen! Was soll das denn heißen?«, empörte sich Norbert Winterpacht und stieß den Zigarettenrauch durch die Nase aus. »Er hat ihm eine gelangt, weil er einen dummen Spruch gemacht hat, und Stefan ist unglücklich gefallen. Das war doch keine Absicht.«

Tenbrink schluckte und dachte an Karin. An die gehässige Bemerkung seiner todkranken Frau, an das verärgerte, wenn auch nur leichte Schubsen am Treppenabsatz, an den tödlichen Sturz. Unglücklich gefallen! Keine Absicht!

»Paul ist ein guter Junge«, murmelte Bettina Winterpacht und schaute Tenbrink beinahe flehentlich an. »Ich meine … also er …« Sie brachte die Worte nicht über die Lippen, und Tränen liefen ihr über die Wangen. »Ein guter Junge!«

Tenbrink nickte, setzte sich nun doch an den Tisch und legte seine Hand auf ihren Unterarm. Sie ließ es geschehen und sah ihn dankbar an.

»Warum nennen Sie die Aukemas verrückt?«, fragte er und streichelte ihren Handrücken.

»Weil sie es sind!«, entgegnete sie schroff und zog ihre Hand weg. »Die mit ihrer bescheuerten Sekte. Man weiß doch, wie das in der Bibel zugeht: Auge um Auge. Und darum haben sie ihn erstochen. Weil bei denen die verdammte Bibel über dem Gesetz steht. Die konnten es nicht ertragen, dass der Richter ihn nicht eingesperrt hat.«

»Welche Sekte meinen Sie?«, fragte Bertram und schaute von seinem Notizblock auf. »Zeugen Jehovas oder Scientology?«

»Nein, nicht so was Bekanntes«, antwortete Norbert Winterpacht und drückte seine Zigarette auf einer Untertasse aus, weil im Aschenbecher kein Platz mehr war. »Keine Ahnung, wie die Spinner sich nennen. Irgendwas Christliches. Wo alle immer in Sack und Asche gehen, den ganzen Tag beten und so tun, als sei der Herr Jesus nur für sie persönlich am Kreuz gestorben.«

»Wie in diesem amerikanischen Krimi«, murmelte seine Frau.

»Wie bitte?«, fragte Bertram.

»Na, dieser Film mit dem kleinen Jungen, der einen Mord gesehen hat und sich dann auf einem Bauernhof verstecken muss.« Bettina Winterpacht fuhr sich mit der Hand über die feuchten Wangen. »Lief letztens erst im Fernsehen. Da spielte dieser berühmte Schauspieler mit, der auch bei ›Star Wars‹ dabei war.«

Bertram wollte etwas erwidern, doch erneut hielt ihn Tenbrink mit einem Kopfschütteln zurück. Bloß jetzt kein Filmquiz! Er wandte sich an den Vater: »Haben die Aukemas gedroht, Ihrem Sohn etwas anzutun? Oder haben sie angekündigt, dass sie sich rächen werden? Gab es irgendwelche Vorfälle?«

»So dämlich sind die auch wieder nicht.« Winterpacht schob die Unterlippe vor. »Verrückt ja, aber nicht dämlich. Die tun immer so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Aber jetzt wissen wir ja, wozu die fähig sind. Mörder sind das!«

»Ist Aukema nicht eigentlich ein holländischer Name?«, meinte Tenbrink und gab Bertram ein Zeichen, indem er mit dem Kopf in Richtung Tür wies. »Kommen die Aukemas aus Friesland?«

»Nä, das sind keine Pattjacken«, blaffte Bettina Winterpacht und griff nach ihrer Zigarettenschachtel, auf der das Foto einer aufgebahrten Männerleiche zu sehen war. »Die Familie kommt aus Ostpreußen, glaub ich.«

»Und Sie?«, fragte Bertram, kam näher und griff nach dem Feuerzeug, das auf dem Tisch lag. »Woher kommen Sie?«

Sie starrte ihn verständnislos an, die kalte Zigarette zwischen den Lippen. »Westerwick«, antwortete sie schließlich, ließ sich von Bertram Feuer geben und stieß eine bläuliche Rauchwolke zur Decke. »Wieso fragen Sie?«

Bertram gab ihr keine Antwort, sondern blickte zu seinem Kollegen.

»Vielen Dank«, sagte Tenbrink und stand auf. »Wir würden jetzt gern noch einen Blick in Pauls Zimmer werfen.«

»Wir haben nichts angefasst«, beteuerte Norbert Winterpacht sofort und hob wie entschuldigend die Hände.

Tenbrink schaute ihn verwundert an.

»Ihre Kollegen von der Streife haben das gesagt«, erklärte Winterpacht und machte eine Miene, als wäre er beim Griff in die Kirchenkollekte erwischt worden. »Dass wir nichts anfassen sollen. Wegen den Spuren. Haben wir auch nicht gemacht.«

Tenbrink nickte und sah, dass Bertram kaum wahrnehmbar grinste. Vermutlich hatten die Winterpachts trotz dieser Beteuerung noch ein wenig »aufgeräumt«: zerfledderte Pornos beiseite geschafft, dreckige Unterwäsche und löchrige Socken entfernt.

»Die Kinderzimmer sind oben«, murmelte Bettina Winterpacht und erhob sich schwerfällig von ihrem Stuhl.

Tenbrink wunderte sich über die Bezeichnung, doch als er das winzige Zimmer von Paul Winterpacht am Ende des oberen Flurs betreten hatte, erkannte er, dass sie sehr treffend gewesen war. Ein Kinderzimmer! Mit schlichtem Jugendbett aus Kiefernholz unter der Dachschräge, passendem Kleiderschrank neben der Tür und winzigem Schreibtisch unter dem Fenster an der Dachgiebelseite, auf dem ein großer Flachbildschirm, eine Art TV-Receiver und irgendeine Spielkonsole mit einem futuristisch anmutenden Controller standen.

»PS4«, sagte Bertram mit Kennerblick.

»Ständig hat er vor dem Ding gehockt«, knurrte Norbert Winterpacht, der vor der Tür geblieben war, weil es im Zimmer zu eng war. »Zocken, Glotze oder Internet.«

»In letzter Zeit weniger«, meinte seine Frau, die mit glasigen Augen auf das ungemachte Bett starrte, als hoffte sie, ihr Sohn würde gleich unter der königsblauen Bettdecke hervorlugen.

»Ja, das stimmt«, bestätigte Winterpacht nickend. »Zuletzt weniger. Manchmal kam es mir so vor, als wär er in den letzten Monaten endlich erwachsen geworden.«

Die Mutter zuckte merklich zusammen. Sie brach in Tränen aus, hielt sich die Hand vor den Mund und rannte aus dem Zimmer, wobei sie ihren Mann wie unabsichtlich zur Seite stieß.

»Besaß Ihr Sohn einen Computer?«, fragte Bertram, der eine Sammlung von DVDs oder Spiele-Discs neben dem Schreibtisch inspizierte. »Oder ein Tablet?«

»Nur das, was auf dem Tisch steht«, antwortete Winterpacht und schaute besorgt seiner Frau hinterher, die mit polternden Schritten die schmale Holztreppe hinunterlief. »Ansonsten hat er alles mit dem Handy gemacht. Facebook und WhatsApp und wie das alles heißt.«

»Sie sollten sich um Ihre Frau kümmern«, meinte Tenbrink, nickte ihm aufmunternd zu und wartete, bis Winterpacht nach unten gegangen war. Dann wandte er sich an Bertram: »Und, was sagst du?«

»Ein typisches Teenie-Zimmer.« Bertram deutete auf die Poster an der Schräge über dem Bett. »Deutscher Hip-Hop und Gangster-Rap. Aggressive Musik für Möchtegern-Macker. Aber geschlafen hat er in Fußball-Bettwäsche.«

»Was kein Widerspruch sein muss«, entgegnete Tenbrink und betrachtete den Inhalt eines Hängeregals neben dem Kleiderschrank. Es war von oben bis unten mit Action- und Superhelden-Comics gefüllt, als einzelne Hefte oder gebundene Sammelbände: Hulk, Spider-Man, Avengers, X-Men.

»Eine ganz passable Sammlung«, befand Bertram und nickte anerkennend. »Und sie passt zu den DVDs dort drüben. Action, Autos, Helden und Monster. Typischer Jungs-Kram. Aber in dem ganzen Zimmer kein einziges richtiges Buch.«

»Das stimmt nicht ganz«, widersprach Tenbrink und deutete zum Nachtschränkchen, auf dem unter einem Stapel Comics zwei Bücher lagen. Gebunden, in Folie eingeschlagen und mit der Signatur einer Bücherei. Es hatte beinahe den Anschein, als hätte er die Bücher unter den Comics versteckt.

Bertram zog die Bücher unter dem Stapel hervor und las die Titel. »›Tschick‹ und ›Die Abenteuer des Huckleberry Finn‹. Das ist Schullektüre, oder?«

»Aber er ging nicht mehr zur Schule. Und ich bin mir nicht sicher, ob solche Bücher in der Hauptschule gelesen werden.«

»Endlich erwachsen geworden?«, wiederholte Bertram die Worte von Norbert Winterpacht. »Vielleicht wollte er was nachholen.«

Tenbrink zuckte mit den Schultern und öffnete die Schublade des Nachtschränkchens. Darin fand er eine Schachtel mit Kondomen, eine Packung Taschentücher, eine Tüte Gummibärchen, ein bisschen Münzgeld und ein weiteres Buch. Diesmal jedoch keine gebundene Büchereiausgabe, sondern eines dieser gelben Reclam-Hefte, die für wenig Geld zu haben waren. »›Die Judenbuche‹ von Droste-Hülshoff«, las Tenbrink und blätterte in dem dünnen Büchlein. »Sieht abgegriffen aus. Er hat einige Textstellen markiert und Notizen an den Rand geschrieben.«

»Eure Heimatdichterin, oder?« Bertram verzog den Mund. »Ich fand's ziemlich schwülstig und langweilig.«

»Hab's nie gelesen«, gab Tenbrink zu und überflog die Titelseite. »›Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen.‹ Seltsame Lektüre für einen Zwanzigjährigen. Passt irgendwie nicht zu den Superhelden-Comics.«

»Schuld und Sühne«, sagte Bertram.

»Was?«

»Darum geht's doch in dem Buch. Um einen Mord und eine späte Strafe. Passt vielleicht nicht zu den Marvel-Comics, wohl aber zu Paul Winterpachts Lebensgeschichte.«

Tenbrink nickte unsicher. »Auf jeden Fall soll die SpuSi dieses Zimmer gründlich untersuchen. Könnte sein, dass hier noch ein paar Überraschungen auf uns warten.«

Sie verließen das Zimmer, versiegelten die Tür und gingen nach unten, wo die Winterpachts am Fuß der Treppe auf sie warteten. Mit bangem Blick.

»Wir lassen Sie jetzt in Ruhe«, sagte Tenbrink und musste sich regelrecht an den beiden vorbeizwängen. »Wenn Sie Hilfe benötigen, dann …«

»Ja, ja«, wehrte Norbert Winterpacht ab und schüttelte den Kopf. »Das haben Ihre Kollegen vorhin bereits angeboten, aber wir brauchen keinen Seelenklempner. Und erst recht keinen Beistand von der Kirche.«

»Sie wissen, wie Sie uns helfen können«, setzte seine Frau hinzu und schaute Tenbrink eindringlich an. »Lassen Sie die Mörder nicht damit durchkommen.« Wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen. »Unser Paul war ein guter Junge, egal was die anderen sagen oder was in den Zeitungen stand. Ein guter Junge!«

4

Bertram hatte Tenbrink nichts von dem gestrigen Anruf erzählt. Warum auch? Ronny Kruse war nicht Tenbrinks Problem. Und es war nicht das erste Mal, dass Kruse sich bei ihm gemeldet hatte. Immer mit unterdrückter Nummer, immer so, als wollte er nur mal kurz »Hallo!« sagen oder einen kleinen Plausch halten, und immer mit demselben Schlusssatz: »Mer sin no nich fertsch, mei Lieber.«

Ronny Kruse! Der Zuhälter und Drogendealer, der ihm vor Jahren in Magdeburg mit Hilfe seiner Freundin Michaela, alias Candy Candice, eine Falle gestellt und so dafür gesorgt hatte, dass er seinen Job bei der Drogenfahndung verloren hatte. Derselbe Ronny Kruse, der später seine inzwischen ehemalige Freundin Michaela und den eigenen Bruder Raiko mit einer injizierten Überdosis umgebracht hatte, weil sie ihn verraten und in den Knast gebracht hatten. In beiden Fällen war allerdings keine Fremdeinwirkung nachweisbar gewesen: Kruse hatte keinerlei verwertbare Spuren an den Tatorten hinterlassen, und beide Morde waren von den ermittelnden Kollegen in Münster und Enschede als Todesfälle aufgrund versehentlicher Überdosen zu den Akten gelegt worden. Trotz Bertrams Aussage und konkretem Verdacht!

Reines Heroin mit einer ordentlichen Beigabe des hochpotenten Narkotikums Carfentanyl: Da konnten auch langjährige Junkies mal überdosieren, wie die Schlussfolgerung der Kollegen lautete. Wenn es wenigstens Kampfspuren gegeben hätte oder Hämatome oder Fremd-DNA an den Leichen. Es deutete einfach nichts auf einen gewaltsamen Tod hin. Doch Bertram wusste es besser, und Kruse war sich natürlich darüber im Klaren, dass er Bescheid wusste. Das wollte er sogar. Um ihn einzuschüchtern, ihm Angst zu machen. Nur deshalb hatte er gestern angerufen: Er wollte ihm mitteilen, dass er von Bertrams Umzug nach Schöppingen wusste.

»Biste bei Papi eingezogen, no?«, hatte Kruse am Telefon in seinem thüringischen Singsang gesagt und abfällig gelacht. »Nützt nur nüscht. Mer sin no nich fertsch, mei Lieber.«

Kruse war ein gefährlicher Psychopath, ein krankes Hirn! Eigentlich gab es überhaupt keinen logischen Grund, Bertram nachzustellen. Weder hatte er etwas mit Kruses Verhaftung in Magdeburg zu tun gehabt, noch hatte er mit Raiko oder Michaela in irgendeiner Weise gemeinsame Sache gemacht. Doch mit Logik hatte das Ganze längst nichts mehr zu tun. Kruse schien eine Art perfides Spiel mit ihm spielen zu wollen, und auch für Bertram war die Sache inzwischen zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Spätestens seitdem er Michaela tot in seiner Badewanne gefunden hatte, war Bertram klar gewesen, dass er Ronny Kruse den Garaus machen musste. Nicht nach dem offiziellen Handbuch für Polizisten, sondern wie bei einem Duell in einem dieser alten Western. Mit Showdown auf offener Straße, wenn es sein musste.

Die ganze Geschichte mit Michaela, Ronny und dessen Bruder Raiko war Bertram immer noch ein Rätsel. Michaela hatte im Prozess gegen Ronny Kruse als Hauptbelastungszeugin ausgesagt und so dafür gesorgt, dass er wegen Totschlags verurteilt worden war. Gleichzeitig oder kurz danach hatte sie eine Beziehung mit Ronnys jüngerem Bruder Raiko begonnen und war mit ihm – nach Ronnys Flucht aus der JVA – ins deutsch-holländische Grenzgebiet gefahren, um sich ausgerechnet bei Bertram zu verstecken, dem sie zuvor so übel mitgespielt hatte. Das hatte für Bertram keinen rechten Sinn ergeben, und es war Tenbrink gewesen, der es schließlich auf den Punkt gebracht hatte.

»Warum ist Michaela ausgerechnet zu dir gekommen?«, hatte er gefragt, als sie beim Bier in Tenbrinks Küche beisammen gesessen hatten.

»Sie war auf der Flucht vor Ronny.«

»Mag sein. Aber das war Raiko auch, und der stand nicht vor deiner Tür. Wenn sie ein Paar waren, warum sind sie dann nicht zusammen geblieben?«

»Worauf willst du hinaus?«

»Cui bono.&

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