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Schritt für Schritt nordwärts

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„Wenn wir zugeben, dass das menschliche Leben vom Verstand gelenkt werden kann, zerstören wir die Möglichkeit zu leben.“

Christopher McCandless / Into the wild

Martin Kettler

Schritt für Schritt nordwärts

3000 km durch Norwegen vom Südkap zum Nordkap

Inhalt:

Prolog

1 Der lange Weg zur Tour

2 Die Entscheidung

3 Die Frist

4 Höhen und Tiefen

5 Die Vorbereitung

Tour 2013

6 Start ins Ungewisse

7 Ein harziger Weg

8 Die tägliche Planänderung

9 Einmal mehr ein Umweg

10 Strasse zum Glück

11 Die Entscheidung

Tour 2015

12 Ein neues Kapitel 2015

13 Norge på langs zum zweiten

14 Wiedersehen mit Umbukta

15 Ein Schritt zuviel

16 Die nordische Herausforderung

17 Das Schicksal der Strasse

18 Der lange Abschied

Epilog

Dank

Prolog

Da sitze ich nun – mitten in Französisch-Polynesien auf Moorea, einer Insel, die zu Tahiti gehört und mit meiner Geschichte eigentlich nicht viel gemein hat.

Die Durchquerung Norwegens zu Fuss ist kaum in Verbindung zu bringen mit polynesischer Lebensweisheit. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob hier viele Menschen wissen, wo Norwegen liegt. Auf dieser Insel, die mit dem Auto in 40 Minuten umrundet werden kann, sind Distanzen von 2700 Kilometern keine relevante, vorstellbare Grösse.

In meinem Leben jedoch haben sie seit bald 4 Jahren einen grossen Stellenwert. Ist dieser persönliche Stellenwert Grund genug, ein Buch über meine Erfahrungen, meine Erlebnisse zu schreiben?

Es werden unzählige Geschichten erzählt, Bücher geschrieben, Auszeichnungen für Lebenswerke, die heroische Taten beschreiben, erteilt. Zugegeben, ich gehöre genau zu den Lesern, die die Geschichten von unerschrockenen Bergsteigern, Abenteurern, Forschern und immer öfter auch von eher lebensmüden als lebensfrohen Zeitgenossen, lesen. Warum? Ist es der heimlich Risikofreudige oder der Tagträumer, der diese Berichte verschlingt? Oder ist es nur die Unterhaltung, die zählt? Am Ende geht es in all den Geschichten eh immer um Leben oder Tod.

Meine Geschichte soll die Geschichte des gewöhnlich Ungewöhnlichen sein, die Geschichte von einem, der seinen Traum verwirklicht, einen Traum, den vielleicht viele träumen und doch nie Wirklichkeit werden lassen können, oder wollen.

“Es ist anstrengender, ein Leben lang den gleichen Traum zu träumen, als ihn eines Tages in Erfüllung gehen zu lassen”

Dieses Zitat von Antoine de Saint-Exupery, welches mir mein Hubschrauberfluglehrer ins Ohr gesetzt hatte, hatte sich in meinem Hinterkopf eingenistet.

Kaum ein Pilot kommt um Saint-Exupery, den begeisterten Flugpionier, herum. Sein Satz übte auf mich eine gewisse Magie aus. Recherchen nach dem Zusammenhang, in dem dieses Zitat steht, waren erfolglos. Die Faszination aber ist geblieben.

Mein Traum, 2700 Kilometer in einer vorwiegend einsamen, rauen Gegend zu Fuss zu bewältigen, entspricht wohl kaum dem Traum vieler Menschen.

Hier an der türkisblauen Lagune bei 30° im Schatten, inmitten der traumhaften Kulisse eines Sechs-Sterne-Ressorts auf Tahiti, wusste ich, dass ich meinen Traum verwirklichen wollte. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Über eins jedoch war ich mir sicher: es würde ein spannendes Abenteuer werden.

Ein paar grundsätzliche Fragen geisterten mir durch den Kopf: «Ist es gut, wenn sich mein Wunsch erfüllt? Bin ich danach zufrieden mit mir und der Welt? Oder wird die Sehnsucht nach mehr geweckt? Gelange ich schliesslich auch in den Strudel derer, die immer mehr wollen, noch einen draufsetzen um das Erreichte zu übertreffen? Die Antwort werde ich kennen, wenn die Reise zu Ende ist. Was im Augenblick zählt, ist meine Vorfreude darauf sie zu planen, und ich bin gespannt darauf, was mich alles erwartet, wenn mein Traum Wirklichkeit wird.»

1 Der lange Weg

Das Bedürfnis mich zu bewegen und die Lust am Laufen sind mir in die Wiege gelegt worden. Ob ich an Felsen rumgekraxelt bin oder eine aussichtslose Fussballkariere in Angriff genommen habe, egal: Bewegung gab mir die Befriedigung, die ich suchte. Es war ein gesunder Drang, keine Sucht, die mich vereinnahmte oder sogar auffrass. Mich draussen im Freien aufzuhalten, die Natur hautnah zu erleben, machte mir immer Freude.

Der jähe Unfalltod eines guten Freundes beim Klettern legte meinen bisher ungebremsten Natur- und Bewegungstrieb lahm. Schockiert musste ich feststellen, dass eine von mir geliebte Umgebung plötzlich zum tödlichen Feind, der mir einen Freund entrissen hat, geworden war.

Es dauerte einige Jahre und bedurfte einer grossen Portion Überwindung, diesen Bann, der sich zwischen mir und «meiner» Welt draussen aufgebaut hatte, zu durchbrechen.

Ich war nicht darauf vorbereitet, mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert zu werden.

Die Einsicht, dass eine Katastrophe sich jederzeit ereignen kann, dass sie das Leben in gewaltige Unruhe bringen kann, war zum einen erschütternd, zum anderen auch lehrreich. Ich lernte, mich auch auf das Schlimmste einzustellen.

Irgendwann fand ich zurück in mein Leben. Ende der 80er Jahre führte mich meine erste Reise in den Norden. Eine Inter-Rail Reise, deren Ziel festgelegt wurde durch einen Dartpfeil, der sich nach dem Zufallsprinzip in die Landkarte von Skandinavien eingebohrt hatte! Diese Reise war der Beginn meiner grossen Liebe zum hohen Norden.

Die Unbekümmertheit der nordischen Völkergruppen, die raue und doch liebliche Landschaft zogen mich und meinen besten Freund Rolf Jahr für Jahr in die hohen Breitengrade.

Dass man als «Interrailer» kaum einen Fuss vor den anderen setzt, ausser bei Stadtrundgängen und vom Wartsaal zum Zug, war sicher nicht die ideale Voraussetzung, um Land und Leute kennenzulernen. Erst Anfang der 90er Jahre unternahm ich einige Sologänge nach Schweden und Norwegen. Im Verlauf dieser Sologänge, und während eines dreimonatigen Arbeitsaufenthalts in Älmhult in Südschweden, spürte ich eine wachsende, intensive Verbindung zu Land und Leuten. Ebenso entdeckte ich, dass meine Laufleidenschaft neu erwachte. So kam es dann auch zu dem denkwürdigen Jahr, in dem ich mir zu Ferienbeginn Top-Trekkingschuhe leistete, die nach drei Wochen Gebrauch keinen Millimeter Profil mehr aufwiesen. Das «Ich lauf mal los und denk ein bisschen nach» - Schema entwickelte sich immer mehr. Hätte es Forrest Gump noch nicht gegeben, ich hätte ihn wohl erfunden.

Leider hielt diese Phase nicht lange an. Schon erlag ich wieder dem alten, bequemen Schema des «Ach es hat ja doch keinen Sinn, etwas zu ändern.» Die Monotonie des alltäglichen Zahnraddrehens ging weiter. Das Kuriose daran war, dass ich in diesem eintönigen Alltagstrott einigermassen zufrieden war, obwohl er nicht meinem Naturell entsprach.

Zahlreiche Versuche dem blauen Dunst zu entfliehen, oder frühmorgens joggen zu gehen, verliefen im Sand. Krampfhafte Versuche, einen gesünderen Menschen aus mir zu machen, gerieten ins Trudeln und stürzten jeweils ohne grosses Getöse ab. Warum klappte bei mir nicht, was bei andern so leicht zu klappen schien?

Die Versuchung, alle Bemühungen sofort einzustellen und weiterzumachen wie bisher, war gross.

Es war wohl um 2005 herum, da drängte sich die Frage auf: «War das wirklich alles? Reicht es mir, mit meiner Unzufriedenheit zufrieden zu sein? Soll alles bleiben, wie es ist? Will ich das?» – «Nein!» Als ob ich vom Blitz getroffen worden wäre wusste ich: jetzt muss ich etwas ändern!

Dieses klare «Nein» brachte den Stein ins Rollen! Ich wusste, was ich nicht mehr wollte. Ich war frei, mein Naturell wieder zu entdecken. Ich wollte laufen, wollte mich bewegen!

Die ersten Hochgebirgstouren verliefen noch harzig. Meine Lunge musste wieder lernen zu atmen, durchzuatmen. Meine Beine mussten wieder lernen, mich zu tragen, mich fortzubewegen. Dabei wurde mein Kopf endlich frei. Ich begriff, dass etwas Entscheidendes mit mir passierte. Innert kürzester Zeit war aus einem Phlegma ein Aktivist sondergleichen geworden. Stundenlanges Laufen über Stock und Stein im anspruchsvollen Hochgebirge und zehnstündige Hochtourentage waren neu an der Tagesordnung.

Die positive Wirkung, auch auf meine Psyche, liess nicht lange auf sich warten. Was war da nur passiert mit mir? Ich war wieder Ich...

Als Postbote hat man Arbeitszeiten, die es einem erlauben, ein Steckenpferd, wie das meine, ausgiebig zu reiten! Mit Begeisterung machte ich mich immer öfter auf zu langen Touren. Im Dorf gehörten sie bald zu meinem Erkennungsbild.

Bald tauchte der Gedanke an eine längere Tour auf, setzte sich fest in meinem Hinterkopf: Rucksack packen, Schuhe an und weg! Dann meldeten sich wieder die alten Störenfriede: «Ach, geht ja nicht, ist unmöglich!» etc…

Da war aber noch dieser andre Gedanke im Hinterkopf, die Erinnerung, die mich stark machte, mich nicht kapitulieren liess:

“Es ist anstrengender ein Leben lang den gleichen Traum zu träumen, als ihn eines Tages in Erfüllung gehen zu lassen”

Ich war wild entschlossen, mein Ding durchzuziehen. Wohin, Wann und Wie wurden zu meinen stetigen Begleitern.

Welchen Traum wollte ich träumen und Wirklichkeit werden lassen? Wozu war ich überhaupt bereit?

Als ich vor dreissig Jahren begann, Musik zu machen, auf Bühnen stand und meine eigenen Lieder spielte, träumte ich von grossen Musikhallen, Hitparaden, kreischenden Fans und der Verewigung im Himmel des Blues. Acht- bis neunhundert Konzerte und dreissig Jahre später ist der Traum noch nicht Wirklichkeit geworden, oder nur zum Teil. Ich habe jedoch Erfolge erlebt, habe Menschen mit meiner Musik fröhlich und glücklich gemacht, ihnen die Gelegenheit gegeben, in eine andere Welt abzutauchen und den Alltag vor dem Konzertlokal zu lassen.

Und der Traum des Fliegens? Ich habe den Flugschein auf Flächenflieger gemacht, später den Schein für Hubschrauber, viele Stunden, unzählige unvergessliche Momente in der Luft erlebt. Hatte ich nicht auch davon geträumt, Fliegen zu meinem Beruf zu machen, davon zu leben? Natürlich! Nur, die damalige wirtschaftliche Lage erlaubte es nicht, und die Nachfrage nach Piloten war zu dieser Zeit gleich Null. Noch ein Traum, der nur teilweise in Erfüllung gegangen ist!

Jetzt träumte ich erneut einen Traum. Was wollte ich? Mir und andern beweisen, was ich schaffen könnte? Dass ich mehr schaffen könnte, als alle anderen? Oder ging es um Selbstfindung? Die Antworten wollte ich mir eines Tages selber geben können.

Seit ich meinen ursprünglichen Bewegungsdrang wieder entdeckt hatte, hatten sich auch mein Denken, mein Rhythmus, eigentlich mein ganzes Leben verändert. Tag für Tag wollte ich draussen sein, wollte die Natur spüren, Tiere beobachten und mitverfolgen, wie sich die Umwelt veränderte. Ich wollte unzählige Kilometer laufen, oftmals abseits der gängigen Routen und Wege, weit weg von sichtbarer Zivilisation – in der Schweiz eine grosse Herausforderung! Es war jedoch möglich abzutauchen in diese einsame, oft unbarmherzig harte Welt. Ich hatte meinem Körper viel abverlangt! Das, was ich jahrelang vermisst hatte, nämlich Schmerzen zu verspüren, wenn die Tour mal wieder in den zweistelligen Stundenbereich ging und am Abend zufrieden ins Kissen zu fallen. Oft haute ich mir auf den Hinterkopf und nannte mich selbst einen Trottel, wenn ich zum fünften Mal in der gleichen Woche die gleichen zwölf Kilometer gelaufen war. Diese Stunden und Wegstrecken liessen mich jedoch jede Tour bewusst erleben und geniessen. Ich ertappte mich gar dabei, unterwegs Tieren, die ich am gleichen Ort wiedersah, Namen zu geben, mit ihnen zu sprechen.

Mitten in meinem Leben, geprägt von Muskelkater, abgelaufenen Fuss- und Schuhsohlen, Konversationen mit Murmeltieren und Mäusebussarden, fiel mir das Buch «Into the wild» von Jon Krakauer in die Hände.

Ich war bisher so belesen wie eine Kellerassel unter Tage, wusste wie die Seiten eines Buches umzublättern sind, aber ein Buch lesen? Kam bisher nicht in Frage! Ich las auf der Rückseite die Zusammenfassung des Inhalts und war fasziniert. Chris McCandless, so der Name der Hauptfigur, klinkte sich aus dieser Welt aus und wollte fortan ein eigenständiges, aufs Minimum ausgerichtete Leben leben, ohne die Konsequenzen von aussen zu fürchten, mal ein Job hier mal ein Job da, immer wieder nur vom Nötigsten leben und überleben, und trotzdem zufrieden mit sich und der Welt sein. Sein grösster Traum, ein Leben im tiefsten Alaska zu führen, mit nichts als einem Sack Reis und ein paar Büchern, endete schliesslich, wie es wohl enden musste. Chris McCandless oder wie er sich selber nannte, Alex Supertramp, hungerte und starb elendiglich an einer giftigen Pflanze in einem ausrangierten Schulbus aus Fairbanks, der von ein paar Jägern als «Jagdhütte», in die wildeste Wildnis Alaskas gekarrt worden war. War es das wert, ein Buch über diesen «Trottel», wie ihn die Welt nannte, zu schreiben? War McCandless nicht bloss einer dieser Deppen, die ihr Leben für irgendwelche Spinnereien aufs Spiel setzen, und schliesslich Familie und Freunde vor den Kopf stossen? Oder war da doch mehr? Jon Krakauer hatte versucht, in seinem Buch «Into the wild» genau diesen Spagat zwischen Naivität und Intelligenz des jungen Chris zu ergründen, und er hatte nicht nur mich mit tiefgründigen Argumenten davon überzeugt, dass Chris McCandless mehr Beachtung verdiente, als er bekommen hat. Ihn hatte es nicht mehr beschäftigt. Er starb bevor diese Diskussionen angefangen hatten. Sein Vermächtnis war, dass er viele Menschen zum Nachdenken angespornt hat, mich inbegriffen.

Nach diesem Buch las ich noch viele Bücher. Bücher, die sich alle mit existenziellen Fragen beschäftigten. Krakauers erstes Buch «In eisigen Höhen», in dem er seine Besteigung des Mount Everest beschreibt, die während und inmitten der Tragödie von 1996 stattgefunden hatte, bei der ein Dutzend Bergsteiger innerhalb kürzester Zeit den Tod fanden, brachten für mich noch weitere, tiefgehende Fragen hervor.

Was muss wohl in einem Menschen vorgehen, der bewusst sein Leben aufs Spiel setzt, um Träume in Erfüllung gehen zu lassen? Dieses Drama am Everest mit zwölf Toten und vielen körperlich und seelisch geschädigten Menschen, hinterliess bei mir einen bleibenden Eindruck. Ich las jede Biographie der beteiligten Bergsteiger, die die Katastrophe aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben hatten. Ich kam auf einen für mich doch erstaunlichen gemeinsamen Nenner: Obwohl jeder die Verantwortung für das Unglück anders gewichtete, waren sich alle dessen bewusst, dass es um mehr ging, als nur diesen «drögen» Berg zu besteigen. Es ging um die Erfüllung eines Traums, den Wunsch etwas zu tun, was dem innersten Verlangen entsprach. Das Leben an sich stand an zweiter Stelle. Warum?

Ich versuchte die Antwort in weniger reisserischen Abenteuern zu finden. Da waren Menschen, die ganz «normale» Abenteuer beschrieben. Sie lösten bei mir die gleichen Gefühle aus wie die Berichte der Everest-Besteiger, der Weltumrunder wie Mike Horn, oder Entdecker wie Scott und Amundsen. Was war also die Motivation, sich einen Traum zu erfüllen? Wohl die Sehnsucht, auszubrechen, Neues zu entdecken, an die eigenen Grenzen zu gehen, auch mit dem Risiko verbunden, das Leben zu verlieren! Nein, mein Leben gebe ich um keinen Preis her! Das war mir von Anfang an bewusst, und doch war da der Traum, etwas Abenteuerliches zu tun, und das sobald als möglich! Nun hatte ich auf all meinen Fragen Antworten gefunden. Ich musste sie nun wie Puzzleteile noch zusammensetzen, und ich würde wohl finden, wonach ich suchte.

Ich wollte laufen. Ich wollte nur mit mir allein unterwegs sein, wollte mich kennenlernen. Freundschaft, Partnerschaft, gemeinsam mit andern etwas zu unternehmen – das alles ist mir sehr wichtig. Ich bin kein Eigenbrötler. Nur eben diesen Traum wollte ich leben: Eine Reise, auf der ich monatelang zu Fuss in der Natur unterwegs sein würde. Nur mit mir allein. Die Frage war noch: Wann, wie, wohin?

2009, an einem Freitag im Mai, bereiteten meine Freundin und ich uns – wie einige Jahre zuvor auch schon – vor, nach Schweden in die Ferien abzureisen. Der Globetrotter und Individualist in mir hatte sich mittlerweile meinem Alter angepasst. Demgemäss reisen wir heute gut organisiert mit Reservationen und Terminplan. So wollten wir, wie schon die Jahre zuvor, mit dem Autozug im Schlafwagen, von Basel nach Hamburg reisen und ins dänische Hirtshals fahren, wo wir die Fähre nach Kristiansand in Norwegen nehmen würden. Wir wollten in Norwegen einen kurzen Abstecher nach Nissedal im Telemark machen, wo Monikas Vater und dessen Freundin während der Sommermonate leben und den schönsten Lebensabschnitt geniessen. Ein traditioneller Besuch, den wir beide immer gerne machen, ist doch die Gegend im Telemark einmalig schön und das Ferienhaus liegt oberhalb des Nissersee an perfekter Lage. Danach würde die Fahrt, wie alle Jahre zuvor, rüber in den Südwesten von Schweden führen, wo wir im Kanuland von Dalsland schon länger immer die gleiche Hütte am Lelangensee gemietet hatten. Die Grazie der schwedischen Seenlandschaft, die Schönheit und Stille faszinieren uns immer wieder von neuem und bringen unsre «Batterien» schnell wieder in den grünen Bereich.

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren reise ich in die skandinavischen Länder, vorwiegend nach Norwegen und Schweden. Ich fühle mich wohl da, die Menschen sind zuvorkommend und etwas weniger steif als bei uns in der Schweiz.

Die Zeit im Norden prägte sicher auch meinen Charakter. Kein Wunder, dass mich meine Freunde schon eher den Wikingern zuordnen, als den urstämmigen Alpenbewohnern. Ich denke, ich habe von beiden etwas. Die Berge, wie auch die unendlichen Weiten der nordischen Fjells und Tundren lassen mein Herz höher schlagen.

2 Die Entscheidung

Dieser Tag im Mai 2009 verlief wie jedes Jahr: Packen, das Auto beladen, Tickets checken, die Nachbarin umarmen – der Nachbar arbeitet meist bei unserer Abfahrt – unsere drei Katzen auf eine tolle, sturmfreie Bude einstimmen und warten.

Wie jedes Jahr hatte uns der zeitliche Ablauf eine Reserve eingebrockt, die es zu überbrücken galt, um nicht in den Pendlerstrom der Region Basel zu geraten. Das Verladen auf den Autozug beginnt meist um 20:00 Uhr, somit konnten wir es sehr gemütlich angehen. Wir rechneten zwei bis drei Stunden Fahrzeit ein. Da würde sogar ein Bergler wie ich noch rechtzeitig durch die Stadt kommen, selbst wenn ich die richtige Ausfahrt erst beim zweiten Anlauf erwischen sollte.

Nachdem die Katzen endlich derart liebkost waren, dass ihr Fell so elektrostatisch aufgeladen war, dass sie unser Haus die nächsten vierzehn Tage hätten beleuchten können, knallte ich mich auf die Couch, um rasch im Fernsehen die Nachrichtenlage zu überblicken. Da sah ich wohlbekannte Landschaften auf dem Bildschirm. Norwegen, Schweden? Bevor ich es ausmachen konnte, gelangte ein graumelierter Mittfünfziger mit einem Ungetüm von Rucksack ins Bild und verdeckte mir die Aussicht. Schnitt! Und schon sah ich den gleichen Typen an einem Leuchtturm stehen, vor dem ein Schild prangte, auf dem etwas von Nordkap stand. Schnitt! Und der Unbekannte passierte eine Schranke und stand unvermittelt am andern Ende des Landes, am Nordkap. Abspann, Schluss!

Zwanzig Sekunden Eindruck und ich war wie elektrisiert Wie, was war jetzt das? Die Nachrichten nahm ich nicht mehr wahr. Der kurze Film-Ausschnitt hatte etwas in mir ausgelöst, dass ich noch nicht nennen konnte. Ich sass immer noch da, vergass fast zu atmen.

Ist der Wandervogel tatsächlich durch Norwegen...?

«Hallo» tönte es von hinten, «Wenn mich nicht alles täuscht stehen Ferien auf dem Terminplan, kommst Du?». Natürlich, Ferien in Schweden standen an! Ich schaltete das Gerät aus und war wieder auf dem Teppich. Die TV Sendung versackte vorerst zwischen meinen Hirnwindungen.

Dieses Jahr war der Ferienablauf etwas anders, als all die anderen Jahre zuvor. Wir konnten uns eine Woche mehr Zeit freischaufeln und beschlossen, fünf Tage um den südlichsten Teil Norwegens herum nach Bergen zu fahren. Beide waren wir noch nie in dieser Ecke des Landes, hatten aber viel Positives von der Südküste Norwegens gehört. Wie und wo wir durchfahren wollten, wussten wir noch nicht, denn das Strassen-system in diesem Teil Norwegens ist etwas verwirrend. Besser, man plant nicht alles zu genau, es würde sich schon ergeben, dachten wir.

Und dann geschah es! Achtundvierzig Stunden nachdem ich die kurze TV-Episode gesehen hatte, stand ich am Kap Lindesnes unversehens genau vor diesem Wegweiser, mit der Aufschrift „Nordkap 2518 km“. Und wieder war ich wie elektrisiert. War die TV-Sendung ein kleiner Stupser, war die Tatsache, dass ich selbst jetzt genau an der Stelle stand, ein Wink mit dem Zaunpfahl! Ich musste wohl für einen Moment die Gestalt der Wegweiserstange angenommen haben, so perplex war ich. Ich schaute in die Richtung, in die das Schild “Nordkap 2518 km” weist, und spürte ein enormes Kribbeln im ganzen Körper. – Konnte dies der Weg sein, mir meinen Traum wahr zu machen?

«Norwegen zu Fuss durchqueren, wie schräg ist das denn, geht das überhaupt?» Selten war ich so konsterniert über meine eigenen Gedankengänge. Meine Gefühle schlugen Purzelbäume.

Dennoch, ich löste mich von dem Ort und blendete die «Erleuchtung» komplett aus. Während der ganzen Ferien liess ich die Sache ruhen. Wieder zu Hause packte mich die Neugier. Norwegen begann mich zu vereinnahmen. Ich war wie besessen von der Idee, Norwegen zu durchqueren. Mein Leben veränderte sich.

Die Google Suchmaschine wurde mir zum Freund. Ich wollte wissen, was es mit dieser Wanderung auf sich hatte. Die Suche endete allerdings vorerst im Niemandsland des World Wide Web.

Erst der logische Denkspagat Norwegen = lang oder Länge, führt mich auf eine unscheinbare Webseite mit dem Titel «Norge på langs lista». Tatsächlich, da fand ich eine Liste, auf der Leute aufgeführt waren, die Norwegen der Länge nach durchlaufen hatten. Der Autor der Seite, Odd Vinje, ein Norweger, hatte selber dieses Kunststück vollbracht. Laut der Liste, die seit 1955 geführt wird, sollen um die zweihundertfünfzig Leute dieses Unterfangen hinter sich gebracht haben. Norwegen der Länge nach durchwandern – verrückt, irr, oder etwa doch eine coole Idee? Sollte, könnte ich mich auf so ein Abenteuer einlassen?

Ich wollte mehr wissen über die Tour, über Menschen, die sich ein paar Monate freischaufeln, knapp 2700 Kilometer laufen und danach in mantramässigem Sermon davon schwärmen, nie etwas Besseres im Leben gemacht zu haben.

Hier wird es Zeit, eine Klammer aufzumachen, verständlich zu machen, worum es bei der Tour Norge på langs geht, wie eine solche Tour funktioniert, wie sie geplant und durchgeführt werden kann.

Norge på langs: Die deutsche Übersetzung für das norwegische Norge på langs bedeutet so viel wie «Norwegen der Länge nach» und bezieht sich auf die grosse Ausdehnung dieses Landes über viele Breitengrade.

Norwegen gilt als das längste Land Europas. Flächenmässig wird es von vielen anderen europäische Länder überflügelt. Es gibt eine ungeschriebene Tradition, dieses Land der Länge nach zu durchwandern. Heutzutage wird diese Langtour auch öfters mit dem Fahrrad im Sommer gemacht, wobei das etwa drei Wochen in Anspruch nimmt. Ganz Verwegene paddeln mit Kajaks der Küste entlang vom Nordkap bis zum südlichsten Punkt am Kap Lindesnes. Und wieder andere, bewältigen die Route mittlerweile mit dem Skatboard oder den Inline Skates entlang der Hauptstrasse E6, die durch das ganze Land führt. Die Königsdisziplin ist aber die Durchquerung zu Fuss. Bei einer mittleren Distanz von ca. 2700 km ergibt das eine ungefähre Laufzeit von insgesamt neunzig bis hundertzwanzig Tagen. Es gibt dutzende verschiedene Varianten und Ansichten, was denn eigentlich das einzig richtige Norge på langs sei. Der Wegverlauf ist jedem selbst überlassen. Meist wird aber die kürzest mögliche und die «komfortabelste» Route gewählt. Die Strecke, die am meisten gewählt wird, schlängelt sich quer durch das Land hoch, verläuft während ein paar Etappen durch Schweden und macht sogar einen kurzen Abstecher nach Finnland.

Wer die gesamte Strecke nur durch Norwegen laufen will, wird auf ein paar nicht ganz einfache, geographische Hindernisse treffen. Selten wird die Variante Norge på grensen begangen, die exakt an der norwegischen Grenze entlang verläuft. Diese Tour ist den Experten unter den Wanderern vorbehalten, da es kaum Wege gibt und man sich meist durch Dickicht und Moore kämpfen muss. Definitiv nichts für Mitvierziger wie mich!

Ob man von Norden nach Süden läuft oder von Süden nach Norden ist auch jedem selbst überlassen. Vielfach beeinflusst der Sonnenstand die Entscheidung: will man die Sonne im Rücken haben, oder der Sonne entgegen gehen. Das spielt allerdings im Sommer kaum eine Rolle, da sie ja eh nicht untergeht und von allen Seiten scheint.

Der gewichtigste Entscheidungsfaktor ist vielmehr die Jahreszeit. Man unterscheidet drei Möglichkeiten:

Image Die Wintervariante.

Sie gilt als die «einfachste» Tour, wobei das «einfach» im Vergleich zu den anderen Varianten zu verstehen ist! Der Weg wird mit einem Wanderski, einer Mischung aus Langlauf- und Tourenski, zurückgelegt. Zusätzlich führt man eine Pulka – einen Zugschlitten mit Haltestangen – mit, in welcher das meiste Gepäck mitgeführt wird. Die Etappen können willkürlich der Geographie angepasst werden. Flüsse und Seen sind zugefroren, Büsche, Dickicht und Moore unter einer dicken Schneedecke begraben. Wer im Norden startet, muss die Tour etwas früher beginnen, um die Pulka im Süden nicht über viele schneefreie Zonen tragen zu müssen. Von Süden her ist ein Start bis anfangs März ohne weiteres möglich. Anders als im Alpenraum setzt in Norwegen der Hauptschneefall erst anfangs März bis Mitte April ein. In dieser Zeit werden dann auch in den höher gelegenen Fjells die grössten Schneehöhen gemessen, die vier Meter und mehr betragen können.

Diese «leichte» Tour sollte nie solo gemacht werden. Selbst die Norweger, die die Gegebenheiten bestens kennen, brechen kaum alleine in die winterliche Einsamkeit auf. Jedes Jahr kommen Leute in Schneestürmen, weitab von jeder Zivilisation, ums Leben, weil sie grundlegende Sicherheitsmassnahmen ausser Acht gelassen haben. Sobald zwei oder mehrere Leute gemeinsam unterwegs sind, hat man wenigstens die Chance, Hilfe zu organisieren, oder zumindest Kameradenhilfe leisten zu können. Die Wintertour gilt als die Eindrücklichste, was die Beleuchtung angeht. Eine Skitour unter Nordlichtern gehört wohl zum Faszinierendsten, das man in der Natur erleben kann.

Image Die Vier-Jahreszeiten-Variante.

Diese Variante von Norge på langs wird am häufigsten gewählt. Wie der Name schon sagt, dauert die Reise über alle Jahreszeiten hinweg und fängt meist noch mit Winterausrüstung und Skiern an. Die Starttermine verschieben sich gegenüber der Wintervariante um ein bis zwei Monate nach hinten. Oft werden der 1. März oder der 1. April im Süden gewählt, im Norden dementsprechend etwas später bis ca. anfangs Mai. Der Vorteil dieser Tour ist, dass sie im Vergleich zu den andern Varianten, die grösstmögliche Zeitreserve bietet. Startet man noch in der Winterzeit, kann sehr viel Zeit bis in den Herbst eingeplant werden. Im Durchschnitt bewältigen die meisten Norge på langs Läufer diese Form der Tour in fünf bis sechs Monaten. Für Nichtnorweger hat die Vier-Jahreszeiten-Tour aber einen grossen logistischen Nachteil. Steht nach rund drei bis vier Wochen Wintertour der Frühling vor der Tür, muss praktisch die ganze Ausrüstung auf Frühling und Sommer ausgerichtet werden. Das heisst, die Skiausrüstung muss deponiert, Zelt, Schlafsack und Kleider müssen ausgetauscht werden. Alles muss aus leichterem, dünnerem Material sein, denn ab jetzt hat man keine bequeme Pulka mehr, sondern nur noch den Rucksack. Die ganze Ausrüstung muss auf dem Buckel getragen werden. Wann und wo genau findet dieser Wechsel statt, wo kann das Depot errichtet werden? Wer organisiert den Rücktransport, wenn man das ganze Material nicht liegen lassen will? Und ganz wichtig; hat man einen Partner für die ersten Wochen im Schnee?

Es sind vorwiegend Norweger oder Schweden, die diese Variante der Tour wählen. Für sie ist alles weniger problematisch, da sie auch ohne weiteres «schnell» nach Hause gehen können, um zu wechseln, oder über ein Familien- und Freundesnetz im ganzen Land verfügen.

Norwegen in allen vier Jahreszeiten zu erleben, muss eines der grossartigsten Naturerlebnisse sein. Nirgends sonst wechseln Fauna und Flora so gewaltig schnell ihr Aussehen und ihren Geruch.

Image Die Sommervariante

Von einer Sommervariante zu sprechen ist eigentlich etwas vermessen angesichts des kurzen Sommers in Norwegen. Ein Sami, ein Ureinwohner Lapplands, hat mir das sehr eindrücklich beschrieben: «Der Winter dauert Wochen, vielleicht sogar Monate. Der Frühling und der Herbst kann Tage oder Wochen dauern. Der Sommer findet an einem Tag vom Vormittag bis zum Nachmittag statt!» Die sogenannte Sommertour erstreckt sich vom Frühling bis in den Herbst, wobei die drei Jahreszeiten im äussersten Norden viel kürzer sind als in Mittel- oder Südeuropa. Darin liegt im Prinzip auch die Problematik der Sommervariante: die Zeit.

Ein Start im Süden macht wegen des Schnees vor dem 1. Mai kaum Sinn, meist wird ab Mitte Mai bis anfangs Juni gestartet. Von Norden kommend beginnt die Reise erst anfangs Juli, denn der Herbst im Süden bietet eine grössere Reserve, was das Wetter und die klimatischen Verhältnisse angeht. Trotz dieses kleinen Vorteils wählen die meisten Läufer die Tour von Süden nach Norden. Einmal unterwegs ist man in dauernder Sorge um ein erfolgreiches Abschliessen der Tour am Kap. Die Befürchtung am Nordkap vom Winter überrascht zu werden, lässt nicht viel Raum, um sich unterwegs irgendwo lange aufzuhalten. Ist man Ende Mai gestartet, befindet man sich nach etwa hundertzwanzig Tagen schon Ende September auf einer geographischen Breite in der Winterstürme keine Seltenheit sind. Zusätzlich erschwerend ist, dass man am Übergang Winter-Frühling startet und somit nicht die besten Verhältnisse auf den Fjells antreffen wird, sei es, dass viel Schnee liegt, oder Schmelzwasser ein Passieren der Bäche kaum möglich macht, da viele Brücken noch nicht für die Sommersaison montiert sind. Schneebrücken über reissende Bäche können lebensgefährlich sein, Sümpfe und Moore tückische Wegverhältnisse aufweisen. Allerdings bietet die Sommervariante einen nicht zu verachtenden Vorteil: es ist vierundzwanzig Stunden lang hell! So kann auch ohne weiteres während der Nacht gelaufen werden.

Kurz gesagt ist die Sommervariante wohl in jeder Beziehung die herausforderndste Version der Norge på langs Tour.

Alle Varianten werden von der speziellen Lage Norwegens beeinflusst. Ich erinnere mich an den Geografieunterricht, als der Lehrer fragte: «Warum ist es in Norwegen wärmer als überall sonst soweit nördlich auf der Welt?» Dank einer einfachen Eselsbrücke, wusste ich die Antwort: Norwegen verdankt sein mildes Klima dem vor der Küste fliessenden (VW)-Golf-Strom, der die durchschnittliche Temperatur deutlich über das in diesen Breitengraden übliche Mittel hebt. Der südlichste Punkt Norwegens, das Kap Lindesnes, liegt auf der Höhe Schottlands. Auf der Höhe des Nordkaps befinden sich nur noch die nördlichsten Ausläufer Sibiriens, das Polarmeer, sowie die Beaufortsee in Alaska. Das Klima Norwegens ist mit wenigen Ausnahmen den mitteleuropäischen Verhältnissen ähnlich. Eine grosse Ausnahme sind Wettersysteme oder Wetterfronten. Diese können mit ungeahnter Heftigkeit auf die norwegische Küste treffen und das Wetter dem entsprechenden Breitengrad anpassen. Schneestürme im August können in Mittelnorwegen ebenso plötzlich auftreten, wie eisige Temperaturen im Juni an der Südküste. Regenfronten bringen heftigste Niederschläge und Sturmböen wie man sie nur von Teilen Alaskas oder Sibiriens her kennt. Ein gutes Wetterverständnis, offene Augen und eine gehörige Portion Verstand sind unabdingbar. Nicht umsonst warnen die Tourismusorganisationen in Skandinavien vor diesen Gefahren im Fjell. Wer dort überrascht wird, wird sich noch lange – oder eben nicht mehr – daran erinnern können.

Wie schon erwähnt, ist die Sommervariante auf Grund des Lichts perfekt geeignet für eine Langtour. Wer nicht zu früh im Mai startet und zügig am Nordkap ankommt, kann ganz auf künstliche Beleuchtung verzichten und so schon mal das Gewicht der Taschenlampe einsparen. Fauna und Flora leben ihren eigenen Rhythmus. Die Menschen blühen nach den harten, langen und dunklen Wintertagen auf. Es liegt etwas ganz Spezielles, etwas Unbeschreibliches in der Luft.

Wenn ich hier die Klammer zu den Norge på langs-Infos schliesse, entspricht das ungefähr meinem Wissensstand drei Tage nach der Rückkehr aus den Ferien in Schweden. Das Internet hatte mir vorerst wenig Informationen geboten. Norge på langs schien praktisch nicht zu existieren. Ich hatte Kenntnis, dass es weltweit viele Ferndistanz-Touren gibt, sei es der Appalachian-Trail, der Pacific-Crest-Trail in den USA oder der West-Coast-Trail in Kanada, der G 20 auf Korsika, Pilgerwege wie der nach Santiago di Compostela, usw. Über Norge på langs fand ich vorerst nichts. Erst als ich auf die Liste von Odd Vinje stiess, gelangte ich endlich an eine Fülle von hilfreichen Informationen. Zu Beginn der Aufzeichnungen in den 50er Jahren wurden nur Name und Herkunft, Start- und Zielort, sowie die Dauer der Touren festgehalten. Erst als es möglich war, eigene Homepages einzurichten, konnten die Leute ihre Tourenberichte dort veröffentlichen. Später kamen die Reiseblogs dazu. In der Liste tauchten dann auch Internetadressen, E-Mail-Adressen, später Facebook- und Twitterlinks auf, die direkt zu den Absolventen der Touren führten. Und plötzlich ertrank ich fast in einer wahren Informationsflut. Ich fand spezifizierte Ausrüstungslisten, genau beschriebene Etappenabläufe, Karten und vieles mehr.

Eigentlich wollte ich doch nur einen Traum Wirklichkeit werden lassen, für längere Zeit aussteigen, Zeit nur für mich haben. Ich wollte einfach nur loslaufen.

Jetzt stellte ich fest, dass es ein Konzept brauchte, Vorbereitungen, die eher an eine Gross-Expedition erinnerten, als an eine einfache Tour. Musste das sein? Forrest Gump brauchte das doch auch nicht. Er lief und lief und lief, erzählte von Mamas Schokolade, fischte mit Baba zigtausend Shrimps, und lief und lief... Er hatte einen Traum, er lief und hatte eigentlich keine Erklärung dafür. Aber da war etwas, das ihn antrieb zu laufen. Es scheint, dass ein Traum so übermächtig sein kann, dass Menschen im Stande sind, zu Fuss um die ganze Welt zu laufen, sie mit dem Fahrrad zu umrunden, monatelang im Amazonasgebiet umher zu irren, nach einem Studium in China zu Fuss nach Deutschland zurückzulaufen, etc. Und ich hatte jetzt auch einen Traum! Er nahm immer mehr Raum ein. Und erneut fand ich mich einem Strudel von Fragen ausgesetzt. War es wirklich sinnvoll das Vorhaben umzusetzen? Auszubrechen? Es war doch alles bestens, ich hatte doch alles! Ich machte Musik, mit der ich viele Menschen erfreuen konnte, ich flog Hubschrauber, genoss die Freiheit der dritten Dimension. Ich hatte viele Freunde, genoss meine Arbeit als Postbote in einem Bergdorf mit all seinen einzigartigen Menschen, Ich lebte seit über fünfzehn Jahren in einer wunderbaren Beziehung mit Monika.

Sollte ich ausgerechnet jetzt durch die norwegische Pampa laufen?

Meine Gedanken fuhren Karussell. Mir wurde bewusst: So kann es nicht weitergehen. Vierzig Jahre Erfahrung mit mir selbst zeigten, ich musste das Ganze in Ruhe angehen, um zu einem Ziel zu kommen. Ich beschloss, zu meiner eigenen Überraschung, mir zwei Jahre Zeit zu nehmen. Ich wollte weitere Informationen sammeln und zu planen beginnen. Zuerst wollte ich mir grundsätzlich darüber klar werden, worum es mir wirklich ging. Ich wollte dem Unterfangen einen tieferen Sinn geben, wollte etwas entwickeln, sehen, wie es gedieh. Ich wollte mit der Vorfreude leben, sorgfältig planen und dann das Projekt ausführen. Ich wollte, dass ich danach noch Jahre davon zehren könnte, es als einen wichtigen Eckpunkt in meinem Leben in Erinnerung behalten.

Erst wenn die Planung fertig abgeschlossen war, wollte ich Monika, meine Familie und meine Freunde über «Norge på langs» informieren. Es Monika zu sagen, das lag mir schon auf dem Magen. Wie würde sie es aufnehmen? Ich für mich fand, dass man um drei Monate kein Aufhebens machen müsste. Allerdings waren wir während mehr als fünfzehn Jahren nie länger als eine Woche getrennt. Es würde auch mir nicht leicht fallen, Monika, mein tolles Zuhause, meine geliebten drei Stubentiger, die Nachbarn, Freunde, die Band, die Fliegerei, alles einfach so monatelang missen zu müssen. Eigentlich zweifelte ich nicht daran, dass Monika meine Pläne akzeptieren würde. Überrascht würde sie alleweil sein, und sich vielleicht fragen, ob ich noch ganz dicht sei. Sicher, sollte ich spüren, dass Monika nicht mit meinem Projekt einverstanden wäre, würde ich auf die Tour verzichten. Ich wollte nicht, dass sie zu Hause sitzen müsste und sich mit Ängsten quälen. Eigentlich hatte ich aber ein gutes Gefühl.

Ich war entschlossen, dieses Norge på langs intensiv zu erleben, nicht nur während des Laufens, sondern in allen Stufen vorher und nachher. Es sollte ein einschneidendes Erlebnis werden, kein typisch schweizerisches «Schrittchen für Schrittchen, nur nicht zu viel aufs Mal, es könnte vielleicht etwas danebengehen, man weiss ja nie, und was denken dann die andern». Ich wollte die Sache anpacken.

3 Die Frist

Zwei Jahre, rund 730 Tage, eine verdammt lange Zeit!

Zu Beginn befürchtete ich, irgendwann allzu kribbelig zu werden oder mich zuhause zu verplappern. Beides war nicht der Fall. Die Zeit flog nur so dahin. Das lag sicher auch daran, dass ich mich intensiv in das Thema Norge på langs vertieft hatte. Es war enorm faszinierend, all die Erlebnisberichte auf den Webseiten, den Blogs zu lesen, sie auf den Karten zu verfolgen. Es war wirklich eine der spannendsten Zeiten, die ich erlebte. Ich nahm Kontakt mit Menschen auf, die die Tour gemacht hatten, führte lange E-Mail-Konversationen und war erstaunt, wie alle, noch nach Jahren, von diesem Erlebnis vereinnahmt waren. Ich merkte bald: Norge på langs ist nicht nur ein weiterer dieser vielen Langdistanzwege, die man rund um den Globus findet. Norge på langs hat eine ganz eigene Philosophie, ein Eigenleben, das süchtig machen kann. Es ist wohl die spezielle Lage auf der Nordhalbkugel, die vielfältige Landschaft oder einfach die Tatsache, dass man oft tagelang keinen Menschen sieht.

Man muss sich unbedingt mit Navigation befassen, will man nicht kilometerweit auf Umwegen herumirren, sollte sich aber nicht allein auf diese technische Orientierungsmöglichkeit verlassen. Wer immer sein Smartphone zückt, ehe das Gehirn aufgeschaltet ist, wird irgendwann unerwartet in einem Funkloch hocken, das Smartphone in alle Richtungen drehen und wenden und verzweifelt feststellen, dass keiner der fünf Empfangsstriche auf dem Display zum Vorschein kommen will. Das ist dann jeweils der Moment, wo man sich bewusst wird, dass man sich nur noch auf das verlassen kann, was man im Kopf gespeichert hat. Selbst in den Alpen kann man immer noch ab und zu in einem Mobilfunkloch landen, wenn auch immer seltener. Tragisch sind die Momente, wenn man nach stundenlanger, mühsamer Plackerei endlich in einer der Schweizer Alpenclub-Hütten ankommt, und es gibt keine Verbindungsmöglichkeiten. Die Erfolgsmeldung nach Hause muss ausbleiben, und die Fussballresultate sind nicht in Erfahrung zu bringen.

Es sind Momente, die mich nachdenklich machen, umso mehr als ich mittlerweile genau die Macke an mir selber beobachte, dass ich öfter als notwendig und unbewusst, den Griff in die Tasche mache. Noch schlimmer ist, dass ich ab und an ein Vibrieren in meiner Brust- oder Beintasche spüre, obwohl mein Handy zuhause liegt. Phantomvibrieren nennt sich das laut Psychologie.

Der langen Rede kurzer Sinn: bei der Vorbereitung einer Tour, wo es um das Planen einer Strecke von über 2700 Kilometern geht, muss man damit rechnen, dass man nicht immer mobilen Empfang hat. Es reicht nicht, nur Apps herunterzuladen oder Websites zu speichern. Es braucht zwingend Alternativen.

Bei aller Theorie wollte ich endlich auch Taten folgen lassen. Enorm, was die ersten zwölf Monate mit mir abging! Laufen war schon die letzten Jahre wichtig für mich, jetzt wurde es zur Passion, ja beinahe zur Sucht. Der Bewegungsdrang, den ich als Kind hatte, der mir im Verlauf einiger Jahre abhandengekommen war, erwachte immer mehr.

Es ist heute natürlich nicht mehr der unkontrollierte kindliche Bewegungsdrang, es ist die pure Freude daran in die Berge zu gehen, Waldläufe zu machen, einfach draussen zu sein.

Doch eines durfte ich bei der ganzen Sache nicht vergessen, Langdistanzen waren für mich als Schweizer absolutes Neuland. Steht man in der Schweiz an der Grenze, läuft los und gibt etwas Gas, befindet man sich in Null Komma Nichts schon wieder an der Grenze. Was würde es bedeuten, statt sechs oder sieben Kilometer und dreitausend Höhenmeter in einem Tag, fünfundzwanzig oder dreissig Kilometer und dreihundert Höhenmeter zu überwinden, monatelang jeden Tag? Wäre ich fähig dazu, oder verrannte ich mich mit meinen Plänen?

Als erstes musste ich einen Zeitraum festlegen, in dem ich Norwegen durchlaufen wollte. Ich musste mir genau darüber im Klaren sein, worauf ich mich einlassen würde.

Nach erstaunlich kurzer Zeit stand für mich fest, dass ich den ganzen Trip in neunzig Tagen bewältigen wollte. Ich war davon überzeugt, dass es so richtig sei. Es war mir bewusst, dass Norge på langs nichts mit Sightseeing oder Ferien zu tun haben würde. Auch wenn ich «nur» wandern würde, würde ich Gewaltiges leisten müssen! Eine enorme Herausforderung! Und es würde für mich nur einen Versuch geben! Das schien mir ganz klar kein Ding zu sein, dass man beliebig oft beginnen und wiederholen könnte.

Es war eine einfache Divisionsrechnung, die mich veranlasste, mich auf neunzig Tage festzulegen: 2700 km : 30 km = 90 Tage. Sollte es wirklich so einfach sein? Sicher doch, die Rechnung ging ja schliesslich perfekt auf! Und nicht nur das! Es waren die Touren-Berichte über neunzig Tage, die mich begeisterten und meinen sportlichen Ehrgeiz anheizten. In neunzig Tagen – nicht um die Welt – aber durch Norwegen, dieser Gedanke faszinierte mich. Wenn nicht irgendetwas Gravierendes, Hinderliches passieren würde, musste es hinhauen! Optimistisch wie ich bin, hatte ich, was mein physisches Leistungsvermögen angeht, nie Bedenken. Ich war davon überzeugt, dass ich es schaffen würde. Um die psychische Belastung, die, wie ich im Nachhinein weiss, eine ebenso grosse Herausforderung sein kann, kümmerte ich mich schon gar nicht. Das liegt sicherlich an meinem Naturell, dass es mir sogar Spass macht, auch viel Zeit nur mit mir allein zu verbringen.

Schon früh in meiner Kindheit musste ich oft selbstständig wichtige Entscheidungen treffen.

Meine Mutter war schwer krank, mein Vater arbeitsbedingt tagsüber nicht zuhause, und mein Bruder war schon ausgezogen. Ich lernte sehr früh rational zu denken, mich nicht von diffusen Gefühlen beeinflussen zu lassen, Probleme nüchtern und rational anzugehen und zu Lösungen zu kommen. Manchmal klappte es, manchmal nicht. So lernte ich auch mit Misserfolgen umzugehen. Lehren daraus zu ziehen gehörte zwar dazu, sie fielen aber nicht immer auf fruchtbaren Boden, schliesslich war ich noch ein Kind. Meine schulischen Leistungen hinkten weit hinter meinen körperlichen hinterher.

Die sachliche Art der Lösungsfindung entwickelte sich in den späteren Jugendjahren immer mehr. Allerdings blieb auch ich zwischenzeitlich nicht von den wilden Teenager-Jahren verschont, und da war lösungsorientiertes Verhalten nicht angesagt, was mein Vater bestimmt bestätigen würde. Ich schlug mich aber trotzdem immer irgendwie durch. Ich war oft erstaunt, wie ich mich selbst in dumme Situationen brachte, dann jedoch auch selber wieder einen Weg herausfand, und zugleich nicht andere in Schwierigkeiten brachte, eine Gabe, für die ich auch heute noch dankbar bin. Die Zeit schritt voran, die Grobplanung war erledigt, meine Laufleistung pendelte sich um die zweitausend Kilometer pro Jahr ein, inklusive einigen zehntausend Höhenmetern zusätzlich, und mein Informationsstand war mittlerweile sehr hoch. Eigentlich stand dem Projekt Norge på langs nichts mehr im Wege.

Anfang 2011 bekam ich überraschend positiven Bescheid auf eine von mir gewünschte Arbeitsplatzversetzung in eine Poststelle im Berggebiet Hasliberg im Haslital. Dies veranlasste mich dazu, mein Projekt um ein Jahr hinauszuschieben.

Anfänglich fühlte sich dieser Entscheid schon etwas masochistisch an, bedeutete er doch ein weiteres Jahr auf die Realisierung meines Traums zu warten! Ich hatte jedoch in den zwei Jahren Vorbereitungszeit so viele gute Erfahrungen gemacht, dass es mir letztlich doch nicht so wichtig war, wann es losgehen würde.

Das zusätzliche Jahr verstrich wie die vorhergegangen sehr schnell. Mittlerweile war das Norwegenprojekt zu einem Teil von mir geworden. Kein Tag verging, ohne dass ich an Norge på langs dachte. 2011 verfolgte ich die Tour von Håvard Storås aus Norwegen, mit dem ich schon E-Mail-Kontakt hatte. Ich konnte quasi eins zu eins mitlaufen und auf seinem Blog mitverfolgen, was er erlebte. Håvard hatte echt nicht das tollste Wetterjahr für eine Sommertour erwischt. Wie viele der letzten Sommer in Norwegen, war auch 2011 ein sehr schlechtes Sommerhalbjahr mit viel Regen. Nach hundertzwanzig Tagen schaffte er es, im äussersten Norden anzukommen und die Tour abzuschliessen. So sah ich denn auch mal die etwas andere Seite einer solchen Langtour. Wie das so ist mit Reiseberichten: Es ist kaum mal etwas von Regen oder Nebel zu sehen, und von Kälte liest man nur, fühlt sie aber nicht…

Mir wurde klar, dass es auch mir blühen könnte, einen schlechten Sommer zu erwischen. Die letzten fünf Sommer liessen wenig Optimismus zu. Doch wie sagt das Sprichwort so schön? Es gibt kein schlechtes Wetter, nur ungeeignete Kleidung. Ich wollte mich nicht negativ beeinflussen lassen. Ich kenne Wetterkapriolen ja bestens aus den Bergen. Mein Vorteil ist, dass mich schlechtes Wetter kaum je negativ beeinflusst. Was nützt es, sauer über das Wetter zu sein? Man kann es eh nicht verändern, also ist das reine Energieverschwendung.

4 Höhen und Tiefen

Es war noch tiefer Winter in den ersten Monaten von 2012, als der definitive Durchführungstermin für mich feststand. Ich hatte mir einen Zeitplan zurechtgelegt, an dem ich festhalten wollte. Auch dieses Jahr war wieder ein Schwedenurlaub eingeplant. Zuvor musste ich mich – vorsorglicherweise für die Tour – kurzfristig einer notwendigen Leistenbruchoperation unterziehen. Dann würde es, nach drei langen Jahren, endlich an der Zeit sein, alle zu informieren, Monika als erste!

Danach sollten die eigentlichen Vorbereitungen anlaufen: Material beschaffen und austesten, und im Mai 2013 würde es dann endlich losgehen. Jetzt wurde es wirklich ernst! Ich bemerkte erst jetzt, welch enormer Druck sich in mir aufgestaut hatte. Ich war bis zum äussersten angespannt, und es keinen grossen Anlass gebraucht, um mich in tausend Stücke explodieren zu lassen.

Es war der 26. Mai 2012, als Monika und ich mit dem Auto unterwegs nach Basel zum Verlad auf den Autozug nach Hamburg waren. Dieses Jahr war geplant, direkt nach Schweden in «unser» Ferienhaus zu fahren, also ohne Umweg nach Norwegen zu Monikas Vater.

Zwei Tage zuvor hatten wir von einem Hubschrauberabsturz im Berner Oberland, bei welchem drei Menschen ums Leben gekommen waren, erfahren. Darüber, wer die Opfer waren, wer der Eigner des Hubschraubers war, gab es noch keine Informationen, nur haufenweise Spekulationen in den Medien.

Wenn es in meiner Charterfirma in Bern, in der ich schon über fünfzehn Jahre Mitglied der Flugsportgruppe bin, einen Zwischenfall gab, egal welchen Ausmasses, wurden wir umgehend vom Chef Flugoperation und der Einsatzleitung informiert. Alex, der Chef Flugoperation und gleichzeitig Cheffluglehrer und Geschäftsführer in Bern, war ein enger Freund von mir und seit über zehn Jahren mein Fluglehrer. Er nahm meine Checkflüge ab, und wir hatten ein sehr offenes und herzliches Verhältnis zueinander. Leider war es wohnortsbedingt nicht möglich, sich häufig zu treffen. Umso mehr genossen wir jeweils die gemeinsame Zeit im und neben dem Cockpit, in der wir oft gute Gespräche führen konnten. Als auch am Tag nach dem Unglück noch immer keine Nachricht aus Bern eingetroffen war, war ich, trotz der Erschütterung über den Unfall, irgendwie erleichtert, denn es schien keine unserer Maschinen zu betreffen. Die Ungewissheit blieb.

Als Monika und ich in Basel angekommen waren, klingelte das Mobiltelefon. Es war ein Freund aus der Flugsportgruppe, der mich anrief. Zutiefst erschüttert musste ich zur Kenntnis nehmen, dass Alex in diesem Hubschrauber ums Leben gekommen war, und mit ihm zwei meiner besten Fliegerfreunde, Wir waren fassungslos. Noch war nichts Genaues bekannt. Wie es schien, war die Heli-Crew im Verlauf eines abendlichen Gebirgs-Checkflugs hoch über einem Tal, mit einem Drahtseil kollidiert. Sie hatten keine Chance, diesen Absturz zu überleben. Ausgerechnet Alex, der uns bei jeder Sitzung, bei jedem Briefing, in dutzenden Mails immer wieder ausdrücklich vor der Gefahr der praktisch unsichtbaren Seile über den Tälern gewarnt hatte, kam durch so eins ums Leben. Ich war konsterniert, erschüttert und konnte die Welt nicht mehr verstehen. Es war für mich ein Segen, Monika an meiner Seite zu haben. Sie fing mich auf. Ihr Zuspruch war ein grosser Trost in diesem trostlosen Moment, dieser Bitternis des Lebens.

Es wurde eine stille Reise nach Schweden. Meine Gedanken kreisten um Alex, Catherine und Stefan, um ihr Familien. Ich dachte an die Charterfirma, die Einsatzleitung, die Piloten und Mechaniker. Welch ein Schock, wenn Hubschrauber und Besatzung nicht mehr zurückkehren!

Ich hatte leider schon mehrere Freunde und Bekannte verloren, durch Suizid, Verkehrsunfälle oder Krankheiten. Jedes Mal traf es mich wie ein Schlag aus dem Hinterhalt, unerwartet. Dieser Unfall riss mir einerseits den Boden unter den Füssen weg, andrerseits wurde mir glasklar bewusst, wie wichtig es war, das zu tun, wonach ich mich sehnte, und zwar jetzt! Denn irgendwann konnte es zu spät sein!

Die drei Wochen in Schweden waren ein Gemisch von «ich möchte zuhause sein, möchte mich verabschieden von meinen Freunden, möchte einfach da sein» und «ich bin froh hier zu sein, abzuschalten, in Gedanken bei meinen Freunden zu sein, Erinnerungen nachzuhängen».

Per Mail die Einladungen zu Gedenkgottesdiensten und Beerdigungen zu erhalten, am Gedenkabend die vielen Kerzen auf den Heli Landeplätzen auf der Basis-Webcam zu sehen, nicht dort zu sein, die Trauernden nicht in die Arme nehmen zu können, war hart.

Glücklicherweise hatte ich Monika zur Seite.

Am letzten Tag unsres Schwedenurlaubs sass ich auf einer kleinen vorgelagerten Landzunge, nahe unserem Ferienhaus, auf einem grossen Stein und machte ein Selbstportrait mit der Kamera. Dieses Bild sollte mich mein Leben lang daran erinnern, nicht stehen zu bleiben, immer weiterzugehen und mir jeglichen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Dieses Bild trage ich seither immer bei mir!

Nun war es an der Zeit, endlich die Karten auf den Tisch zu legen und über mein Projekt zu sprechen. Mittlerweile fühlte ich mich so, als wollte ich der Welt mitteilen, mindestens ein Jahr lang durch die Wüste zu kriechen und anschliessend noch die Arktis mit verbundenen Augen zu durchqueren. Dabei ging es doch nur um drei Monate Wandern! Ich war unheimlich darauf gespannt, wie Monika auf meine Pläne reagieren würde. Sie war sich ja schon einiges von mir gewöhnt, doch das würde sie mit Sicherheit mehr als alles andere überraschen.

Es war ein wunderschöner Abend. Wir sassen zusammen in unserem Garten. Ich nahm mir endlich ein Herz und eröffnete ihr, dass ich Ihr etwas zu erzählen hätte. Ich war, entgegen aller Erfahrungen mit Monika, auf Widerstand und Einwände gefasst. Kaum hatte ich jedoch angefangen und die Rede auf mein Projekt gebracht, vernahm ich: «Na klar, mach das, klingt sehr interessant! Wann möchtest Du denn losziehen?» Im Nachhinein bin ich nicht ganz sicher, wer von uns beiden die grössere Überraschung erlebt hatte. Ich war auf alle möglichen Fragen und Einwände bestens vorbereitet, und nun das? Vorbehaltslose Zustimmung!

Ich war natürlich sehr erleichtert über Monikas Reaktion. An diesem Abend fiel eine grosse Last von mir. Nicht allein deshalb, weil Monika endlich eingeweiht war in meine Pläne. Es war die Erleichterung, nach drei Jahren endlich darüber sprechen zu können, den Gefühlen Ausdruck geben zu können, die ich so lange für mich behalten hatte.

Ich war auch etwas stolz auf mich. Bis auf eine kleine Ausnahme, bei der ich mich gegenüber meinem besten Freund etwas verplappert hatte, hatte ich nie ein Sterbenswort über meine Pläne verloren. Ich brauchte noch zwei, drei Tage, bevor ich realisierte, dass nun definitiv der Start bevorstand. Die Warte- und theoretische Vorbereitungsfrist war vorbei. In knapp zehn Monaten würde ich am Kap Lindesnes stehen.

5 Die Vorbereitung

Eine gewichtige Frage ist zu dieser Zeit noch offen: Will ich diese Tour still und mehr oder weniger heimlich absolvieren, oder sollte sie öffentlich werden? Nicht ganz einfach zu beantworten! Einerseits will ich ja etwas für mich machen, andrerseits wäre vielleicht das öffentliche Interesse da, die Tour mitzuverfolgen. Vorerst informiere ich meine Familie, ein paar Verwandte und die engsten Freunde, sowie natürlich meine Arbeitskollegen. Ich habe kein Verlangen danach, mit meinem Projekt hausieren zu gehen. Meine Mitteilung löst Erstaunen und grosses Interesse aus. «Ja, ist das denn möglich? Wie lange? Wohin? Schaffst Du das denn?» Fragen über Fragen von einer Handvoll Menschen aus meinem engsten Umfeld. Und mir stellt sich jetzt die Frage: Wie kann ich dem hohen Interesse gerecht werden? Klar, auch ich besitze mittlerweile kein «Handy» mehr, sondern surfe via WiFi auf meinem Smartphone, kreiere Selfies auf meinen Touren und poste einen Thread um möglichst viele Likes zu erhalten. Die Möglichkeit, meine Norwegenwanderung praktisch Live in die Wohnzimmer zu bringen, ist keine Utopie mehr, auch wenn viele Orte in Norwegen noch kein Mobilnetz haben. Der Reiz, andere Menschen an meinem Abenteuer Anteil haben zu lassen, ist da. Doch wie weit soll das gehen, und was würde es bringen? Ohne Zweifel sind die Informationen, die ich von der Norge på langs-Liste im Internet bekommen habe für mich von grossem Nutzen. Sollte ich jetzt nicht dem guten Beispiel folgen und mein mittlerweile grosses Wissen weitergeben? Ohne angeben zu wollen, kann ich wohl behaupten, dass kaum jemand so viele Informationen gesammelt und verbreitet hat, wie ich in den letzten Jahren. Es wäre für die ganze Norge på langs-Geschichte schade, wenn ich diese Infos nicht weitergeben würde.

Könnte sein, dass es den einen oder anderen Menschen geben wird, der sich auf Grund meiner Infos irgendwann auf ein solches Abenteuer einlassen wird.

Nach dem Durchforsten einiger Norge på langs-Blogs, Rückfragen an zwei ehemalige Läufer, die unterwegs mit Blogs arbeiten, entscheide ich mich recht bald, auch diesen Weg zu gehen.

Ich finde es total interessant, was für Möglichkeiten vorhanden sind, und wie einfach zu handhaben. In all den Blogs, in denen ich las, war allerdings der Moloch Sponsoring deutlich erkennbar.

Kaum einer, der nicht eine ellenlange Liste aufzuweisen hat mit Outdoor Marken, Trockenfutterherstellern, Kartenherstellern, Vereinen usw. Es scheint, dass etwas zu holen ist bei manchen Firmen, wenn man die Tour quasi verkauft. Doch dies kommt für mich kaum in Frage. Ich fürchte, dass ein grosser Druck entstehen könnte, der die Entscheidungsfreiheit stark einschränken würde. Und was, wenn es nicht klappt, wenn ich nach drei Wochen aufgeben müsste, aus was für Gründen auch immer?

Allerdings geht es bei den meisten Firmen nicht um Verträge oder Verpflichtungen. Für ein Firmenlogo auf dem Blog, gibt es meistens Ausrüstungsgegenstände. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul! Kosten würde die Tour ohnehin sehr viel. Auch wenn ich zu Beginn das Gefühl hatte «ich lauf ja nur in der Natur rum und brauche nichts», so hat das mit der Realität nichts zu tun. Meine groben Berechnungen zeigen ein Budget, das sich zwischen zehn- und zwölftausend Schweizer Franken bewegt, und da ist der Lohnausfall für drei Monate noch nicht inbegriffen. Flug- und Bahntickets, Materialkosten, Verpflegung, Equipment, Übernachtungen in Hütten oder Herbergen etc., da würde einiges zusammenkommen! Wenn da also jemand einen Schlafsack sponsert, oder eine Jacke, vielleicht etwas an die Reisekosten spendiert – warum nicht? Eine Garantie für das Gelingen der Tour wird es ausdrücklich nicht geben, Verträge will ich keine machen und Ansprüche nach einer erfolgreichen Tour gibt es sowieso nicht.

Oberste Priorität für mich: Ich vertraue nur auf Material und Marken, die ich schon lange getragen oder gebraucht habe. Was sich bei mir bewährt hat darf mit. Es gibt nur ein Experiment: das Zelt. Damit habe ich, zum Glück, definitiv Glück! Innerhalb einer Woche habe ich, auch mit Hilfe meines Sportgeschäfts in Meiringen, die wichtigsten Sachen beisammen und kann sie sorgfältig testen. Das ist wichtig, denn die Materialbelastung wird hoch sein. Für die Materialwahl bleibt mir ja noch genügend Zeit.

Ich lebe in einem kleinen Tal. Neuigkeiten wie die, dass da einer der ihren durch Norwegen laufen will, verbreiten sich schneller als jede Influenza. So werde ich schon kurz nach meiner privaten Bekanntgabe regelmässig auf der Strasse angesprochen oder per E-Mail angefragt, um was es denn ginge. Die Mühle der Neugier hat sich in Bewegung gesetzt und mahlt mit ungeheurer Effizienz und Ausdauer.

Daher gurkt mir da so eine Idee durch den Kopf. Wenn ich schon den Aufwand mit dem Blog betreibe, könnte es doch eigentlich sinn- und reizvoll sein, die ganze Vorbereitung der Tour und die Wanderung wie eine Geschichte zu erzählen, und so einen ausgewählten Kreis von Menschen an meinem Abenteuer teilhaben zu lassen. Ich denke dabei an das hierzulande gängige Kilometersponsoring vieler Sportvereine.

Wer in den Kreis derer, die fortan von mir persönlich Details vor und während der Tour erfahren, gehören will, könnte Kilometer «kaufen». Ein Kilometer wäre einen Schweizer Franken wert. Was für eine ausgefallene Idee und ein «Riesen-Furz» denke ich mir dann. Wer sollte wohl Interesse daran haben, Kilometer zu kaufen, um von mir irgendwelche Informationen zu kriegen? Bin ich denn durchgedreht? Soll ich wirklich Briefe mit einem beigelegten Einzahlungsschein versenden und hoffen, dass mir jemand die Ferien finanziert? Wie sieht das denn aus!

Dennoch, mit so vier- oder fünfhundert Schweizer Fränkli, würde ich mindestens das Flugticket nach Norwegen berappen können. Das wäre schon ein Riesenerfolg!

Ich mache mir nichts vor. Mir ist nicht klar, ob eine derartige Aktion etwas einbringen wird. Brauchen kann ich einen Zustupf auf jeden Fall. Die Budgetplanung hat bis jetzt nicht zuoberst auf der Traktandenliste gestanden.

Also los: Brief aufsetzen, kurz erklären, worum es geht, Blogadresse www.norgepalangs2013.com, unter der erst wenig Inhalt zu finden ist, anfügen, das Schreiben mit meinem Konterfei versehen, Einzahlungsschein beilegen und ab die Post! 136 Briefe!

Was in den folgenden drei Tagen abgeht, ist schlicht unbeschreiblich! Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mit solch einer Resonanz gerechnet, es ist der absolute Hammer! Nach drei Wochen schon gehen mir die Kilometer aus. Damit habe ich niemals gerechnet. Es melden sich auch Leute, denen ich gar keinen Brief geschickt habe und fragen nach, ob es möglich wäre, mit dabei zu sein. Zum Teil melden sich sogar wildfremde Leute, die über -zig Stationen von diesem Projekt erfahren haben, und gewillt sind mich zu unterstützen. Das war nun wirklich nicht mein Plan! Ich merke jetzt, dass ich die Öffentlichkeit unter Kontrolle haben will, und ich ziehe die Notbremse.

Mein Produktesponsoring habe ich auf drei Firmen beschränkt. Zusätzlich unterstützen mich zwei Freunde mit ihren Firmen finanziell, und das Kilometersponsoring limitiere ich auf eine ausgewählte Anzahl Freunde, Bekannte, Familie und Verwandte. Im Sommer ist die «Kilometer-Truppe» beisammen, und hat nun eine übersichtliche, für mich jedoch immer noch immense Grösse von neunzig Mitgliedern! Hätte ich alle möglichen Sponsoren angenommen, wären schätzungsweise an die vierhundert Leute zusammengekommen. Unglaublich!

Ich bin höchst zufrieden mit dem Ergebnis, denn der anfänglich geschätzte Betrag fürs ...

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