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Schreie Verstummen

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Ich widme dieses Buch meinen Kindern Christiana und Claudian sowie meinem Schwiegersohn Michael. Ihr habt mich ermutigt, meine Erinnerungen an Chongqing/China aufzuschreiben.

Ich schenke dieses Buch meinen wunderbaren Enkelkindern Konstantin, Klara-Marie und John-Edwin zum Andenken.

Das Gedicht der Jugend, das ich speziell für euch geschrieben habe, soll euer Leben begleiten.

*

Ich habe dieses Buch für alle Menschen geschrieben, die erfahren möchten, wie das Leben für die Menschen in Chongqing zwischen 1942 und 1952 während der Regierungszeit von Chiang Kai-shek und den Anfangsjahren nach der Volksrevolution unter Mao Tsetung war.

*

Ich wünsche allen jungen Menschen auf dieser Erde eine glückliche Zukunft, ohne Hass und Krieg, dass sie in Liebe und Frieden auf unserem wundervollen Planeten leben.

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Inhalt

Gedicht für die Jugend

Prolog

Chongqing gestern und heute

Mein Vater

Meine Mutter

Das Haus mit dem schönen Garten

Das europäische Haus

Vaters Erzählungen

Die Bauersfamilie

Verbotene Freunde

Glückliche Traumwelt

Mitgift der Braut und Vorbereitung zur Hochzeit

Chinesische Hochzeit

Europäische Hochzeit

Schulanfang

Dorothy

Versetzung gefährdet

Ferien mit Dorothy

Die Ärztin

Huang Liming

Die Geburt

Eifersucht

Eine Dauerpatientin

Beerdigung

Wiedersehen mit Dorothy

Herr Amann

Ein Schneemann

Zu spät zum Unterricht

Krieg

In der Stadt

Die genesene Patientin

Bei Herrn Amann

Die Erdnussfabrik

Die Missionsschule

Abschied

Auszug der Ärztin

Raubüberfall

Abschied von zu Hause

Im Hause Shan Nian

Aufnahmeprüfung

Die Einschulung

Im Internat

Ferien zu Hause

Im Hause Min Chau Ling

Vaters Heimkehr

Geheimnisvolle Entdeckung

Ende der Schulzeit

Ein ernstes Gespräch

Zwischen Land und Stadt

Jugendinstitut des Umdenkens

Konfiszierung

Wieder in der Stadt

Öffentlicher Schauprozess

Zwischen Land und Stadt

Die Verteilung

Ausweisung

Verhaftung

Abschied von Mutter

Mit Didi in Chongqing

Erstes Wiedersehen

Überraschender Besuch

Hungertage

Rettung

Ein letztes Wiedersehen

Vorbereitungen

Herbst 1952

Auf dem Jangtse

Zugfahrt nach Kanton (Guangzhou)

Grenzkontrolle

Hongkong

Good bye

An Bord

Nachwort

Danksagung

Gedicht für die Jugend

Lasst euch nicht vom Hass verleiten,

auch nicht in verwirrten Zeiten.

Nur mit Herzblut und Verstand

rettet ihr euer Land.

Nicht mit lärmender Gewalt,

alles Laute stürzt schon bald.

Sei es Hetze, Zank und Streit,

in den Schaum vergang’ner Zeit.

Glaube, fest mit Lieb’ verbunden,

spendet Trost in schweren Stunden.

Geister, verwirrt in törichtem Wahn,

glauben zu töten nach göttlichem Plan.

Verkünde Frieden, statt Zorn und Groll,

meide das Töten um jeden Zoll.

Die Schreie aus dem Feuerdunst,

rettet sie, bevor sie verstummt.

Träufelt Liebe auf die Wunden,

die mit Torheit, Hass verbunden,

dass die Seelen wieder heilen,

voller Schönheit hier verweilen.

Gemeinsam gegen Gewalt mit Waffen,

durch das alte Rechteschaffen.

Wüst in Schutt und Asche fällt,

nur noch Elend in der Welt.

Himmlische Melodien vom zarten Klang,

beflügelt eure Seele in Liebenstrank.

Schafft das Neue, junge Geister,

Seid des Schöngeists neue Meister,

macht der neuen Technik Platz,

hebt der Weisen goldnen Schatz.

Wenn zum Wandel ihr bereit,

leuchtet euch die neue Zeit.

Prolog

Meine Jugend in Chongqing liegt schon weit über 65 Jahre zurück. Die emotionsvollen und träumerischen Kindheitserlebnisse auf dem Lande, sowie meine dramatischen, traumatisierenden Jugenderlebnisse verfolgten mich jahrelang und sind auch heute noch in meinen Erinnerungen gegenwärtig. Ich konnte lange Zeit nicht darüber sprechen, als würde eine unsichtbare Hand mich zurückhalten.

Damals erhob sich die Stadt Chongqing steil aus den felsigen Flusstälern zwischen den beiden großen Strömen, dem Jangtse und dem Jialing. Die Stadt auf dem Hügel erreicht man nur durch die vielen steilen Treppenaufgänge. Dank ihrer Lage war die Stadt eine nicht so leicht zu erobernde natürliche Bastion und zurzeit vor Christie bereits eine Festungsstadt. Aus diesem Grund zog Chiang Kai-shek mit seinem Militär Ende 1937 nach Chongqing, um gegen die Japaner zu kämpfen. Er erklärte Chongqing zur provisorischen Hauptstadt Chinas. In der Zeit von 1938-1945 wurde die Stadt ständig von den Japanern bombardiert. Nur der dichte Nebel schützte die Einwohner im Herbst gegen die Bombenangriffe der Japaner. Um 1945, nach der Kapitulation Japans, entfaltete sich in der Stadt eine enorme Bautätigkeit.

Neue Regierungsgebäude und Beamtenwohnungen sowie Geschäfte und Kinos füllten die schwarzen Ruinenlöcher. Frachtschiffe legten an und fuhren voll beladen wieder ab. Auf den reißenden Strömen herrschte ein reger Schiffsverkehr. Chongqing war wieder der große Handelsplatz Chinas. Im Hafenbecken tummelten sich unzählige Sampans und Boote, auf denen ganze Familien lebten.

Die Friedens-Vermittlungsversuche der USA Ende 1945 zwischen der Nationalpartei und der Kommunistischen Partei scheiterten. Der Bürgerkrieg entflammte erneut zwischen den Anhängern der beiden Machthaber Chiang Kai-shek und Mao Tse-tung.

Trotz Amerikas großer finanzieller Unterstützung verschuldete sich der Staatshaushalt nicht nur durch die hohen Militärausgaben, sondern auch durch die Korruptionsprobleme und die damit verbundenen Inflationsraten. Das Salär der akademischen Berufe sank auf niedrigstes Niveau. Die Lastenträger schufteten für einen Hungerlohn und konnten ihre Familie kaum noch ernähren. Es herrschte allgemeine Unzufriedenheit.

Mao Tse-tung hat es verstanden, das Volk auf seine Seite zu ziehen. Mit Begeisterung kämpfte das verarmte Bauernvolk an seiner Seite. So siegte die Volksrevolution um 1949 unter der Führung Mao Tse-tung in China. Chiang Kai-shek flüchtete mit seiner Regierung samt Militär aus Chongqing. Mao Tse-tungs Volksarmee hielt Einzug in der Stadt.

Die Zeit der Bodenreform begann. Das Bauernvolk wurde aufgefordert, gegen ihre Herren, die Großgrundbesitzer, zu richten. Die Schulen wurden wegen Umstrukturierung geschlossen. Viele Jugendlichen, darunter auch ich, wurden der politischen Umerziehung unterzogen. Die Jugend wurde hochgepriesen, sie sollte mit China gegen alle Kontrarevolutionäre, vor allem gegen westliche Mächte, wie Amerika, kämpfen. Die Jugendlichen marschierten mit ihrem Banner durch die Stadt, riefen Lobpreisungen und sangen Hymnen auf ihren Vorsitzenden Mao Tse-tung. Zu dieser Zeit war ich von Mao Tse-tungs Ideen begeistert.

Die Zeit der Bodenreform begann. Auf dem Lande erlebte ich, wie das manipulierte, unwissende Volk gegen die Großgrundbesitzer grausam vorging, deren markerschütternden Schmerzensschreie mich bis in meine Träume verfolgten. Ich musste, um mich und meine Eltern nicht zu gefährden, meine Verzweiflung und Wut unterdrücken. Angst wurde zu meinem ständigen Begleiter.

Alle Ausländer, außer meinem Vater, hatten Chongqing bereits verlassen. Die Menschen trugen in dieser Zeit nur noch Mao Tse-tung-Anzüge. Trotz allem liebte ich meine Heimat und konnte damals nicht verstehen, dass ich sie für immer verlassen musste.

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Blick auf den Jangtse (ca. 1950)

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Landkarte China (um 1900)

Chongqing gestern und heute

Die Stadt Chongqing, die ich von 1942-1952 schildere, kannte zu dieser Zeit kaum jemand in Europa. Damals zählte die auf einem Hügel gelegene Stadt zwischen 550.000 und 1.100.000 Einwohner.

Chongqing bedeutet doppeltes Glück. Die alte Stadt thronte auf einem hohen Hügel über felsigen Klippen. Die Flüsse Jangtse und Jialing formten die Stadt zu einer mondsichelförmigen Halbinsel.

Chongqing liegt im roten Becken, eine vom Jangtse durchflossene Beckenlandschaft, vorwiegend aus roten Sandsteinen. Das rote Becken ist reich an Bodenschätzen (Kohlenlager, Erze, Salz, Erdöl und Phosphor).

Die beiden mächtigen Flüsse vereinen sich an der Spitze der Insel, wo auch der Hafen liegt. Die gegenüberliegende Uferseite des Jialing war von bewaldeten Hügeln gesäumt, während auf der Seite des Jangtse die Bergketten bis zu einer Höhe von 3 000 Metern aufragen.

Chongqing ist von drei Gebirgszügen umgeben, Daba Shan im Norden, im Süden auf hügeligem Gelände Dalon Shan und Wu Shan im Osten.

Die Stadt liegt 243 Meter über dem Meeresspiegel und hatte wenig ebene Strecken. Die meisten Straßen verliefen bergig, deshalb wurde die Stadt Shancheng (Stadt der Berge) genannt. An vielen Stellen führten steile, alte Steinstufen (manche bis zu 300 Jahre alt) zur Stadt hinauf.

Chongqing hat eine mehr als 3 000 Jahre alte Geschichte und hieß erst Jiangshou, später Gongzhou und Yuzhou. Um 1000 vor Christi war Chongqing bereits Hauptstadt des Staates Ba. Ausgrabungen in Chengdu belegen, dass die Ba-Chu-Herrschaft Sklavenhaltung betrieb und eine hohe Entwicklungsstufe in der Metallproduktion hatte. Deren Arbeiten waren von außergewöhnlicher ästhetischer Schönheit.

Während der südlichen Song-Dynastie (1127-1279) wurde die Stadt zu Ehren des dort geborenen Kaisers Zhao Du in Chongqing umbenannt. 320 vor Christi wurde die erste Stadtmauer gebaut. Mächtige Mauern mit Toren umschlossen die Stadt, die durch Kriege im Laufe der Zeit teils zerstört wurden und teils verfallen sind. Heute stehen die noch existierenden Mauerreste unter Denkmalschutz zur Besichtigung.

Am Chiaotianmenufer lagen zu meiner Zeit die ersten breiten Stufen im schlammigen Sandsteingeröll, ein Stück oberhalb standen auf beiden Seiten kleine Buden auf Stelzen. Erst nach oben hin wurden die Häuser ansehnlicher und hatten sogar Stockwerke. Von einigen Treppenabsätzen zweigten seitlich am Hang steile, enge Nebengassen ab, die von Häuserbuden gesäumt wurden. Hier verströmten einfache Garküchen ihren Duft. Es gab dort auch kleine Gemischtwarenhändler, die abends ihre Verkaufsräume in Wohnbuden umfunktionierten.

In Chongqing herrschte ein reger Schiffsverkehr. Die Stadt war zu allen Zeiten durch den 6380 Kilometer langen Jangtse mit der Außenwelt verbunden und seit Jahrhunderten der größte Hafenumschlagsplatz Westchinas. 1890 wurde China durch das Qufu-Abkommen gezwungen, Chongqing als ersten Inlandshafen für den Westen zu öffnen. Zu Beginn der Kriegsjahre zwischen Japan und China, um 1938, waren viele ausländische Firmen, vor allem auch die deutsche Auto- und Rüstungsindustrie in Chongqing vertreten.

Von 1938 bis 1945 wurde Chongqing zur Hauptstadt Chinas erklärt. In dieser Zeit bekam Chongqing als Kriegshauptstadt nationale Bedeutung. Während dieser Zeit haben die Japaner die Stadt immer wieder bombardiert. Durch die immer wiederkehrenden Luftangriffe wurde die alte Stadt total zerstört.

Ein kleiner Bezirk mit alten Häusern und einigen Denkmälern, die damals zum Glück außerhalb der Stadt lagen und nur zum Teil zerstört worden waren, wurden für die Nachwelt restauriert oder rekonstruiert.

Nach Kriegsende zwischen Japan und China wurde die zerstörte Stadt mit ihrem Hafen und Flughafen neu aufgebaut. Straßenzüge von Häusern im westlichen Stil mit zwei oder auch mit mehreren Stockwerken entstanden.

Das heutige Chongqing ist die Megastadt mit ihren Skylines. In hohem Tempo wurde vor 30 Jahren die ursprüngliche Bebauung vollständig abgerissen und durch Hochhäuser aus Beton und Glas ersetzt. Im Jahre 1954 wurde Chongqing mit der Provinz Sichuan vereint und erhielt den Status einer bezirksfreien Stadt.

Chongqing erlebte ein rasantes Bevölkerungswachstum, bedingt durch die 13 Jahre dauernde Bauzeit des Drei-Schluchten-Damms. Seine Turbinen produzieren eine Leistung von 18,2 Gigawatt, entsprechend der Leistung von 12 Atomkraftwerken. Die Stadt profitiert von der vom Staudamm produzierten Energie.

Die drei Talsperren stauten den Oberlauf des Jangtse zu einem 600 Kilometer langen See, der bis nach Chongqing reichte. Dadurch wurde der Wasserstand auf 176 m über dem Meeresspiegel angehoben.

Das alte Chongqing, dessen unterer Hang mit den vielen Stufen und kleinen Häusern auf Stelzen in den Felsen gebaut war, verschwand durch die Überflutung. Aus dem durch die Stauung verbreiterten Jangtse ragte der Hügel aus dem Flussbett, der von Wolkenkratzern bedeckt wurde und wie Manhattan aussieht.

Von 1985 bis 1992 wurden viele Millionen Menschen nach Chongqing zwangsumgesiedelt. Die ländliche, hügelige Umgebung der Stadt wurde begradigt und mit mehrstöckigen Häusern bebaut, in denen die umgesiedelten Menschen untergebracht wurden. Die neuen Vorstädte umschließen die Kernstadt in allen Richtungen.

In Chongqing ist die Bevölkerungszahl enorm gestiegen. Im Stadtkerngebiet von Chongqing zählt die Bevölkerung heute ca. 8,5 Millionen Einwohner, das gesamte Stadtgebiet umfasst etwa 18,4 Millionen und das Gemeindegebiet ungefähr 32 Millionen Einwohner. Die Fläche des Verwaltungsgebietes der Stadt umfasst eine Fläche von 82 403 Quadratkilometer.

Das neue Chongqing ist ein Hightech-Zentrum Chinas und mit dynamischer Wirtschaftsentwicklung und mit Autobahnen, Hochbahnstraßen, Eisenbahnlinien und einem Überlandbusbahnhof ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die Stadt beherbergt Chinas größte und wichtigste Binnenschifffahrt sowie Fährterminal und internationalen Flughafen. Mit vielen Universitäten, Hochschulen sowie Theater, Museen und Galerien ist sie ein kultureller Mittelpunkt. Unzählige ausländische Firmen, vor allem Hochtechnologiefirmen, sind dort vertreten. Konsulate aus aller Welt haben ihren Sitz im Zentrum der Stadt.

Leider sind mir die damaligen Straßen und Ortsnamen entfallen. Es war eine aufwühlende Periode zwischen Krieg und Volksrevolution.

Meine Geschichte beginnt mit einer glücklichen Kindheit auf dem Lande und endet im Teenager Alter mit vielen schmerzlichen Erlebnissen zwischen Stadt und Land.

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Chongqing in meiner Erinnerung um ca. 1950

Welch friedliche Stille! Die Ähren der Reisfelder wogten sacht im leichten Abendwind, hier und dort zirpten Zikaden im Dämmerlicht. Der matte Mondschein umhüllte sanft die Hügelkonturen von Chiangbe Qu. Schweigen herrschte über Haus und Feld.

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Die Stufen über Chiautianmenhafen um 19381

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Auf dem Bild unten zeigt sich die heutige Metropole Chongqings mit ihrer Skyline2

Mein Vater

Vater hatte seine Buchhandlung in Breslau verkauft und war vor dem 2. Weltkrieg nach Tibet ausgewandert, um mit einer Gruppe von jungen Männern, die aus einigen Einheimischen und Chinesen bestand, eine Expedition in das Himalaja-Gebirge zu unternehmen. Mithilfe von Kontakten konnte er als Fremder die Expedition in Tibet durchführen. Er blieb mehrere Jahre dort.

Da er auch China kennenlernen wollte, brauchte er jemanden, der ihm Chinesisch beibrachte. Ein junger Mann aus seiner Expeditionsgruppe war der Halbbruder meiner Mutter, die damals als Lehrerin in Chengdu eine Schule leitete. Der Halbbruder arrangierte ein Treffen zwischen den beiden.

So lernten sie sich kennen – und lieben.

Vater gab seine Expedition in Tibet auf und heiratete meine Mutter in Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan. Er verhandelte mit diversen Museen im In- und Ausland über seine seltenen Funde aus seinen wissenschaftlichen Forschungen während der Zeit in Tibet.

Durch meine Mutter konnte er sehr gut Chinesisch sprechen und schreiben. Er verkehrte oft in der deutschen Botschaft in Chengdu und lernte dort Herrn Schenk kennen, der in der Stadt dienstlich zu tun hatte. Dieser berichtete ihm, dass die deutsche Botschaft in Chongqing jemanden mit guten Chinesisch-Kenntnissen benötigte. So bewarb er sich und wurde angenommen. Er zog mit Mutter in das Botschaftsviertel von Chongqing.

Hier wurde ich ein Jahr später geboren.

Ende 1938, tobte der japanisch-chinesische Krieg. Um den Luftangriffen der Japaner zu entgehen, mietete mein Vater ein Haus auf dem Land.

Vor Beendigung des Krieges leitete er die Deutsche Botschaft. Selbst als diese geschlossen wurde, führte er sie auf eigene Verantwortung weiter.

Um 1946, nach der Kapitulation der Japaner, führten die amerikanischen Offiziere in Shanghai ein Kriegsgericht gegen die vielen in China lebenden Deutschen – natürlich auch gegen meinen Vater. Er wurde zu drei Jahren Internierung verurteilt.

Mein Vater war groß, schlank und hatte blaue Augen. Für mich hatte er die gütigsten Augen der Welt. Sein hellbraunes Haar war stets glatt nach hinten gekämmt und unter seinem schmalen Oberlippenbart steckte oft ein verschmitztes Lächeln. Während der ersten Jahre in Chongqing war er elegant gekleidet. Meistens trug er helle oder dunkle Anzüge, manchmal auch einen Cut mit Krawatte, dazu setzte er einen passenden Hut auf.

Sein Gehstock sowie Zigarre und Aktentasche durften nie fehlen. Die Schuhe, manchmal auch von Gamaschen bedeckt, polierte er stets eigenhändig auf Hochglanz. Oft zündete er sich eine Zigarre oder Pfeife an, rauchte ein Weilchen und ließ sie anschließend im Aschenbecher verglühen.

Er war mir ein liebevoller und fürsorglicher Vater, zu dem ich aufsah und den ich bewunderte, bis die politischen Verhältnisse ihn in die innere Immigration trieben und damit auch unsere Vater-Tochter Beziehung zerstörten.

Wegen der Luftangriffe der Japaner auf Chongqing blieb er die meiste Zeit in der Stadt und hatte eine Wohnung im Botschaftsviertel, die von den Japanern aufgrund des Kriegsbündnisses zwischen Deutschland und Japan zunächst nicht angegriffen wurde.

Zur Sicherheit wurde im Botschaftsviertel nicht nur die deutsche Fahne gehisst, sondern auch riesige Reichsfahnen auf Dächern und Boden ausgebreitet, als Zeichen für die japanischen Flugzeuge, damit sie dort nicht ihre Bomben abwarfen.

Am Wochenende, wenn er zu Hause war und keine Gäste mitbrachte, zeigte und erklärte er mir seine interessanten Bücher, oder erzählte von seiner wissenschaftlichen Forschung während der Expedition in den Himalaja Gebirgen.

Am aufregendsten fand ich, wenn er mir den chinesisch-japanischen Krieg in Chongqing schilderte. Ich war von seiner Erzählung geschockt und fasziniert zugleich.

Da er nur tageweise zu Hause war, hatte er selten Gelegenheit, mir Deutsch beizubringen. Aber er erzählte mir auf Chinesisch deutsche Märchen, oder wir hörten am Grammophon deutsche Musik. Manchmal brachte er mir deutsche Volkslieder bei, die wir gemeinsam sangen.

Oft brachte er aus der Stadt ausländische Gäste mit. Dann mussten alle Bediensteten und Köche bereitstehen, um die Gäste zu bewirten. Es wurde in der Halle gedeckt. Viele köstliche Gerichte wurden hereingetragen, nacheinander den einzelnen Gästen gereicht und nach dem Probieren wieder abgetragen. Danach wurden neue Gerichte aufgetischt, währenddessen wurde Reiswein eingeschenkt. Nach der üppigen Mahlzeit gab es kein Dessert, nur Reisschnäpse für die Männer.

Zu der damaligen Zeit galten in China Fremde allgemein als feindliche Eindringlinge. In der breiten Bevölkerungsschicht wurden sie als „fremde Teufel“ bezeichnet. Dies führte auf die beiden Opiumkriege gegen die Europäer in China im 19. Jahrhundert zurück. Aus dem um 1900 erfolgten Boxeraufstand resultierte die gewaltsame Kolonisation der Europäer in China.

Die damals modern denkenden jungen Menschen, vor allem die intellektuelle Schicht, waren westlich ausgerichtet und den Europäern wohlgesonnen.