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Schosch 4

Die Wollzeile in Wien. Es ist Mittag. Herr Grotschy und Herr Smaragd sitzen mal wieder beim Österreichisch – Ungarisch - Böhmischen „Plachuta“, der original K.u.K. Küche anbietet, wie nur noch wenige.

Herr Grotschy hat sich, ebenfalls wie immer, wenn er dort einkehrt, Brühe mit Markknochen und danach Gemüse der Saison und Beinfleisch bestellt. Herr Grotschy mag die Bodenständigkeit. Herr Smaragd auch, weswegen er heute von seiner Liebe für Tafelspitz abweicht und Schwammerl mit Klößen favorisiert.

Gerade kommen die beiden Kollegen auf einen Bekannten des Herrn Grotschy zu sprechen, mit dem sie vor einigen Jahren hier im Österreichisch - Ungarisch-Böhmischen „Plachuta“ gesessen haben. Der hatte es nach eigenen Angaben geschafft, unter Aufbietung einiger Überzeugungskünste mit den Ausweispapieren seines erwachsenen Sohnes zu reisen. Ob er, der Herr Grotschy inzwischen etwas dazu sagen könne, fragt Herr Smaragd.

„Na“, sagt Herr Grotschy, „das ist mir immer noch neu, aber verrückte Sachen gemacht hat er schon.“

„Wenn ich mich recht erinnere, hatte … eine nicht ganz unauffällige Nase“, sagt Herr Smaragd. Das Riechorgan an sich sei eines der prominentesten und am meisten in Verruf stehenden, behördlich anerkannten Wiedererkennungsmerkmale. Es stehe in Verdacht, radikal nationalistisches Gedanken- und Bemessungsgut, sowie seit Jahrhunderten Vorurteile zu befördern, weswegen die Anwendung von Nasenschablonen mit äußerster Vorsicht betrieben werden sollte.

Herr Grotschy nickt zu den Ausführungen von Herrn Smaragd und schält vorsichtig Mark aus einem Rinderknochen.

„Eine Schablone – nie und nimmer. Der Sohn war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur frühzeitig gealtert“, gibt er zu Protokoll.

„Eben“, sagt Herr Smaragd. Er zerteilt seinen Serviettenknödel und lässt ihn ein wenig ausdampfen, bevor er ein Stück auf die Gabel spießt.

„Die Nase wird am häufigsten Veränderungsoperationen unterzogen. Oft nur mit Modelliermassen aus der Werkstatt von Maskenbildnern oder Visagisten in sehr guten Kosmetiksalons, die aber organischen Verpflanzungen durch Operateure der Medizinischen Berufsevolution aus der Abteilung Ästhetik täuschend ähnlich sehen. Der Nachteil bei Hühnerfleisch als Ersatzteillager für schadhafte Stellen am menschlichen Körper, wie es früher üblicherweise verwendet wurde, ist der gelegentliche Nachwuchs von Federchen, die hin und wieder gerupft werden mussten.“

„Es ist ja tröstlich, dass nicht überall Ratten oder Schimpansen im Spiel sind, dennoch ist dieses Prozedere bei Brustimplantaten beinahe unvorstellbar!“

In den Augenwinkeln von Herrn Grotschy ist ein Aufblitzen von Amüsiertheit zu beobachten.

Herr Smaragd scheint seinen Gedankengang noch weiter zu entwickeln und bestellt sich eine Portion Apfelkren, obwohl der zu Serviettenknödel und Schwammerl nicht vorgesehen ist.

„An den Beinen hätt‘ ich es auch nicht gerne“, näselt Herr Grotschy über seinem Rindermarkknochen. „Federschmuck, als ob man auf dem Kriegspfad wäre!“

Herr Grotschy und Herr Smaragd werfen sich einen Blick zu, der besagt, dass beide sich gerade Ähnliches vorstellen, was zum Lachen wäre, wenn es sich nicht um die Darstellung von Inka- und anderen Priestern bei Opferriten handelte, was gut dazu passt, wie Herr Grotschy jetzt dem Rindermark mit einem chirurgischen Spezialinstrument, Gabel und auch Löffel zu Leibe rückt.

Herr Smaragd nimmt es zur Kenntnis, geht aber nicht weiter darauf ein, sondern vertieft seine allgemeinen Betrachtungen über Nasen, die er gedenkt, zum Exempel in der Musik- und Kunstgeschichte zu machen, wenn er und sein Kollege Grotschy entweder beim „Plachuta“, der – obwohl Österreichisch – Ungarisch - Böhmisch – nicht hundertprozentig auf Kaffee spezialisiert ist, aber doch wohl einen Fingerhut voll, einen Espressino, servieren könnte.