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Schokolade für dich

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Sorge dafür, dass es in deinen Beziehungen gut läuft, dann läuft auch dein Geschäft. Denn ein Geschäft ist nichts anderes als eine Beziehung, an der ein paar Dollarnoten mit dranhängen.

Muriel Sterling, Die Verbindung von Arbeit und Vergnügen: Wie man Arbeit und Liebe erfolgreich miteinander verknüpft

Samantha Sterling saß neben ihrer Mutter in der ersten Reihe der Icicle-Falls-Gemeindekirche und kämpfte gegen den Wunsch an, aufzuspringen und nach vorn zum Altar zu laufen, um ihren Stiefvater Waldo am Kragen zu packen und zu erwürgen. Doch es gab zwei Gründe, die dagegensprachen: Zum einen tat ein braves Mädchen so etwas nicht in der Kirche. Trotzdem, vielleicht hätte sie ausnahmsweise ihre Skrupel über Bord geworfen, wenn es nicht den zweiten Grund gegeben hätte: Gott hatte Waldo bereits zu sich gerufen. Waldo war mausetot. Sein Foto stand vor der Messingurne, die seine Asche enthielt. Zurückgelassen hatte er nicht nur eine Tochter aus erster Ehe, sondern auch seine trauernde Witwe Muriel, seine drei Stieftöchter Samantha, Cecily und Bailey sowie einen Familienbetrieb, der genauso leblos war wie Waldo.

Als Samanthas Vater Stephen noch gelebt hatte, war Sweet Dreams Chocolates ein gesundes Unternehmen gewesen. Ihre Urgroßmutter Rose hatte es gegründet, und unter Stephens Leitung war es langsam, aber stetig gewachsen. Das Unternehmen glich einer großen, glücklichen Familie – ein Spiegelbild der Familie, die von den Firmenerlösen lebte. Alle drei Schwestern hatten ihre Sommerferien stets damit verbracht, für Sweet Dreams zu arbeiten. Allen drei war schon früh eingeimpft worden, dass dieses Geschäft die Familie nicht nur finanziell versorgte, sondern ihnen auch zur Ehre gereichte – abgesehen davon, dass es ihnen nie an Schokolade fehlte. Aber es war Samantha gewesen, die dem Betrieb mit Haut und Haaren verfallen war. Von den drei Mädchen war sie diejenige, die in ihrem Heimatort geblieben und zur rechtmäßigen Erbin auserkoren worden war.

Doch dann war ihr Vater gestorben, und auf einmal hatte alles stillgestanden. Samantha verlor den Mann, den sie und ihre Schwestern vergöttert hatten, und ihre Mutter verlor die Lust am Leben. Muriel überließ es Samantha und der Buchhalterin Lizzy, das Geschäft sozusagen per Autopilot am Laufen zu halten, während sie erst trauerte und sich danach auf die Suche nach einem neuen Ehemann machte.

Und da kam Waldo Wittman ins Spiel, ein großer grauhaariger Witwer, der erst kürzlich von seiner Firma ermuntert worden war, in Frührente zu gehen, weil man Personal abbauen musste. (Inzwischen überlegte Samantha, dass es vielleicht auch noch andere Gründe gegeben haben mochte, warum man Waldo freigesetzt hatte.) Er hatte damals behauptet, er habe aus dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf aussteigen wollen. Angesichts des herrlichen Blicks auf die Berge, der Nähe zu den Weinanbaugebieten im östlichen Washington, der freundlichen Kleinstadtatmosphäre und der attraktiven Witwe hatte Waldo entschieden, dass Icicle Falls ganz nach seinem Geschmack war. Und Muriel befand, dass Waldo genau nach ihrem Geschmack war. Also hatte sie, nach anderthalb Jahren Witwendasein, einen neuen Mann gehabt.

Und jetzt stand seine Urne vor dem Altar. Der nette, geliebte Waldo … der Geldvernichter. Oh Waldo, wie konnte nur alles so schnell den Bach runtergehen?

Es war Anfang Januar, der Beginn eines neuen Jahres. Leider versprach es, der reinste Albtraum zu werden, und das nur, weil Mom ihren neuen Ehemann zum Geschäftsführer des Familienbetriebs gemacht hatte. Samantha war als stellvertretende Geschäftsführerin fürs Marketing zuständig gewesen, was leider auch nichts genützt hatte. Jetzt war Samantha als Geschäftsführerin zuständig für das Desaster, das Waldo hinterlassen hatte, und wenn sie an das Chaos dachte, das sie im Büro erwartete, konnte sie kaum still sitzen.

„Du zappelst“, flüsterte ihre Schwester Cecily, die neben ihr saß.

Auf einer Trauerfeier zu zappeln war wahrscheinlich nicht besonders höflich, aber es war immer noch besser, als aufzuspringen, sich die Haare zu raufen und wie eine Verrückte zu schreien.

Warum nur hatten Mom und Dad nicht beizeiten getan, was hätte getan werden müssen, um sicherzustellen, dass – falls Dad etwas passierte – das Geschäft in kompetente Hände überging? Dann hätte Mom sich glücklich ihren neuen Ehefreuden widmen können, und es wäre nichts weiter passiert.

Niemand hatte erwartet, dass sie für immer allein bleiben würde. Sie war erst Anfang fünfzig gewesen, als Dad gestorben war, und sie war kein Mensch, der gut allein zurechtkam.

Als Waldo aufgetaucht war, hatte sie wieder Spaß am Leben gehabt, und Samantha hatte sich für sie gefreut. Er war lustig und charmant gewesen, und sie und ihre Schwestern hatten begeistert den Daumen gehoben. Was sprach dagegen? Mit ihm hatte Mom wieder Lachen gelernt. Anfangs verstanden sich alle wunderbar. Waldo war Hobbyfotograf gewesen, genauso wie Samantha, und sie hatten sich gern darüber ausgetauscht. Wann immer sie zu Hause vorbeigekommen war, um mit Mom übers Geschäft zu reden (oder es zumindest zu versuchen), hatte sie sofort gefragt: „Wo ist Waldo?“ Es war zu einer Art Running Gag geworden.

Aber nachdem Mom Waldo wie eine Bombe auf die Firma hatte fallen lassen, brauchte Samantha nicht länger zu fragen. Sie wusste, wo Waldo war: Er war im Büro, versunken in seine Arbeit, und trieb Samantha in den Wahnsinn.

Sie knirschte fast mit den Zähnen, als sie kurz überschlug, wie viel Geld er verschleudert hatte: die neuen Visitenkarten mit seinem Namen darauf, das neue Briefpapier, neue Ausstattung, die sie nicht gebraucht hatten, eine neumodische Telefonanlage, die sie sich nicht leisten konnten und die sich Waldo von einem ausgebufften Vertreter hatte andrehen lassen. Wie konnte ein Geschäftsmann so schlecht darin sein, Geschäfte zu machen? Natürlich hatte er sowohl sich als auch Mom davon überzeugt, dass all diese Anschaffungen absolut notwendig waren, und Samantha hatte leider nicht genügend Macht, um ein Veto einzulegen und ihn aufzuhalten.

Doch das war nur der Anfang gewesen. Vor sechs Monaten waren ihre Gewinne drastisch eingebrochen, und sie hatten Schwierigkeiten gehabt, ihre Zulieferer zu bezahlen. Daraufhin hatte Waldo die Produktion zurückgefahren, was zwangsläufig dazu geführt hatte, dass sie ihre Aufträge nicht mehr vollständig hatten ausführen können. Und Lizzy, die Buchhalterin, hatte angefangen auszusehen, als wäre sie zum Essen mit dem Sensenmann verabredet. „Wir sind schon mit den vierteljährlichen Steuervorauszahlungen im Verzug“, hatte sie Samantha berichtet. „Aber das ist noch nicht alles.“ Sie hatte Samantha Ausgaben auf den Auszügen des Geschäftskontos gezeigt, die keinen Sinn ergaben. Eine Waffe. Munition. Kistenweise Mineralwasser, genug, um die ganze Stadt vor dem Verdursten zu bewahren. Waldo glich einem Heuschreckenschwarm, der die gesamte Firma verschlang.

Wo ist Waldo? Fleißig damit beschäftigt, die Firma und damit sie alle den Bach runtergehen zu lassen. Und tschüss! Am liebsten hätte Samantha ihn mit hinuntertreiben sehen, am besten direkt auf einen Wasserfall zu und …

„Und ich glaube, wenn Waldo jetzt zu uns sprechen könnte, würde er sagen: ‚Ich danke Gott für ein gutes Leben‘“, sagte Pastor Jim.

Ihre Mutter schluchzte laut auf, und Samantha bekam ein schlechtes Gewissen. Sie sollte auch weinen, schließlich hatte sie Waldo gemocht. Er hatte ein großes Herz besessen und viel Freude am Leben gehabt.

„Wir wissen, dass ihn alle schmerzlich vermissen werden“, sagte Pastor Jim weiter. Cecily legte tröstend eine Hand auf Moms Arm, woraufhin diese erst richtig zu weinen begann.

„Arme Mom“, flüsterte Bailey, die auf der anderen Seite neben Samantha saß. „Erst Dad und jetzt Waldo.“

Zwei Ehemänner zu verlieren – das nannte man wohl einen doppelten Schicksalsschlag. Mom hatte nicht nur ihre beiden Männer geliebt, sondern sie war auch gern verheiratet gewesen. Sie war keine Geschäftsfrau (was vermutlich erklärte, warum Grandpa vollkommen glücklich und zufrieden damit gewesen war, Dad die Leitung von Sweet Dreams zu übertragen), aber sie besaß ein Händchen für Beziehungen. Sie hatte sogar schon ein paar Beziehungsratgeber in einem kleinen Verlag veröffentlicht, und bevor Waldo starb, hatte sie gerade ein neues Buch anfangen wollen: Geheimnisse einer glücklichen Wiederheirat.

Samantha hoffte, dass Mom jetzt ihre Aufmerksamkeit lieber darauf richtete, zu lernen, wie man ein glückliches Leben führte, ohne verheiratet zu sein. Jedenfalls sollte sie bitte, bitte nicht wieder heiraten, ehe sie nicht die Firma vor Schlimmerem bewahrt hatten und Samantha offiziell die Leitung übertragen worden war.

Je schneller, desto besser. Ihr erster Tagesordnungspunkt würde sein, Lizzy wieder einzustellen, die Waldo in einem missglückten Anflug von Sparwillen entlassen hatte. Sie hoffte nur, dass Lizzy zurückkehren würde, um ihr dabei zu helfen, das Chaos in den Griff zu bekommen.

Sie seufzte. Hier saß ihre Mutter und trauerte, während sie nichts anderes im Kopf hatte, als das Familienunternehmen zu retten. Was stimmte mit ihr nicht? Schlug in ihrer Brust ein Taschenrechner statt eines Herzens?

„Jetzt möchte ich Ihnen allen die Möglichkeit geben, ein paar Worte über Waldo zu sagen“, erklärte Pastor Jim.

Er hat mich in den Wahnsinn getrieben, wäre wohl nicht unbedingt der passende Kommentar. Samantha blieb sitzen.

Allerdings gab es genügend andere Leute, die der Bitte des Pastors gern folgten.

„Er war der großzügigste Mann, den ich je getroffen habe“, sagte Maria Gomez, die Kellnerin, die ihn bei Zelda’s immer bedient hatte. „Er hat mir zweihundert Dollar gegeben, damit ich mein Auto in der Werkstatt reparieren lassen konnte. Einfach so. Er meinte sogar, ich solle mir wegen der Rückzahlung keine Gedanken machen.“

Samantha presste die Lippen fest aufeinander und stellte sich vor, wie die Hundertdollarnoten Flügel bekamen und in Richtung Sleeping Lady Mountain, dem Berg, der vor ihrer Haustür lag, davonsegelten.

Du hast wirklich einen Taschenrechner als Herz. Die Leute sprachen darüber, wie nett Waldo gewesen war, und das Einzige, woran sie denken konnte, war Geld. Sie war ein schrecklicher Mensch, ein durch und durch schrecklicher Mensch. Sie war nicht immer so gewesen, oder? Eine Träne rann ihr über die Wange.

Ed York, der Eigentümer des Weingeschäfts D’Vine Wines, stand auf. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit Waldo auf seiner Veranda gesessen und mit ihm auf die Berge geschaut habe. Wir haben Wein getrunken, und er hat gesagt: ‚Weißt du was, Ed? Besser als jetzt kann es gar nicht mehr werden.‘ Ja, Waldo hat gewusst, wie man das Leben genießt.“

Während alle um ihn herum sich die Haare gerauft haben.

„Er war wirklich ein wunderbarer Mensch“, sagte die alte Mrs Nilsen. „Erst letzten Monat hat er in eisiger Kälte angehalten und meinen Reifen gewechselt, als ich auf dem Highway einen Platten hatte.“

So ging es immer weiter mit dem Lob auf Waldo. Der gute alte wunderbare Waldo. Alle hier würden ihn vermissen, außer seiner miesen kleinen undankbaren Taschenrechner-statt-Herz-Stieftochter, dem weiblichen Dagobert Duck. Wie jämmerlich. Samantha kullerte noch eine Träne über die Wange.

Schließlich beendete der Pastor die Feierlichkeiten, und die Gemeinde machte sich unter einem düsteren Himmel auf den Weg zur Festival Hall, wo man sich weiter unterhalten, noch einmal Lobgesänge auf Waldo halten und Schnittchen und Kartoffelsalat verputzen konnte. Die drei Schwestern lächelten tapfer und nahmen Beileidsbekundungen entgegen.

Wanda, Waldos Tochter, und auch sein Bruder waren von der Ostküste rübergeflogen. Als Wanda sich mit rot geweinten Augen näherte, gelang es Samantha trotz all ihrer Schuldgefühle, ihrer Verbitterung und dem Frust, ein Fünkchen Mitleid aufzubringen.

„Es tut mir leid, dass wir uns unter solchen Umständen wiedersehen“, sagte Wanda.

„Uns auch“, erklärte Cecily.

„Dich trifft der Verlust sicherlich am härtesten“, fügte Samantha hinzu. Und es tat ihr wirklich leid. Sie wusste, wie schmerzhaft es war, den Vater zu verlieren. Das war etwas, das sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind wünschte.

Wanda wischte sich die Augen mit einem durchnässten Taschentuch ab. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er nicht mehr da ist. Er war der beste Vater der Welt. Und er war immer so positiv, so fröhlich.“

So ahnungslos. „Ich wünschte, man könnte die Zeit zurückdrehen“, sagte Samantha.

Wanda schniefte und nickte. „Ihr wart alle so nett zu ihm.“ Dazu fiel Samantha nichts ein. Sie konnte ja wohl kaum gestehen, dass sie in den vergangenen Monaten alles andere als nett gewesen war.

Zum Glück sprang Cecily ein. „Er war ja auch ein sehr netter Mann.“

Richtig. Er war nur ein miserabler Geschäftsmann gewesen.

„Er hat Muriel wirklich geliebt“, fuhr Wanda fort. „Er war so einsam, nachdem meine Mutter gestorben war. Muriel hat ihm neuen Lebensmut gegeben.“

„Und ich weiß nicht, wie ihr Leben ohne ihn weitergegangen wäre“, betonte Samantha.

„Wanda, ich glaube, das würde sie gern hören“, murmelte Waldos Bruder Walter, während er ihre Stiefschwester davonführte.

„Ich brauche einen Drink“, befand Samantha.

„Gute Idee“, stimmte Bailey ihr zu, und sie machten sich gemeinsam auf den Weg zur Punschschüssel.

Samantha trank eigentlich selten Alkohol, aber im Film half ein kräftiger Schluck den Schauspielern anscheinend auch immer, stressige Situationen durchzustehen, also war sie durchaus willens, es zu versuchen. „Ich wünschte, hier wäre ein stärkerer Schuss drin“, murmelte sie.

Bailey blickte zu ihrer Mutter hinüber, die auf der anderen Seite des Raumes saß. „Mir tut Mom so leid.“

Muriel Sterling-Wittman saß auf einem Klappstuhl, eingerahmt vom fahlen Winterlicht, das durch das Fenster hinter ihr hineinschien. Sie wirkte wie eine schöne tragische Figur, die das neue Jahr allein beginnen musste. Ihr schlichtes schwarzes Kleid umhüllte ihre üppigen Kurven diskret, und ihr Haar hatte weiterhin den glänzenden Kastanienton wie damals, als Samantha noch ein Kind gewesen war – was vor allem den hervorragenden Friseuren im Sleeping Lady Salon zu verdanken war. Die grünen Augen, für die Waldo einst geschwärmt hatte, waren zwar vom vielen Weinen blutunterlaufen, aber immer noch schön dank der dichten langen mit wasserfester Mascara versehenen Wimpern. Mindestens die Hälfte der anwesenden Männer umschwirrte Muriel und hielt Taschentücher griffbereit, falls sie eines benötigen sollte.

„Na ja, zumindest brauchen wir keine Angst zu haben, dass sie einsam ist“, meinte Bailey. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und ihr auch vom Charakter her am ähnlichsten: genauso nett, positiv denkend und naiv.

Cecily stieß einen verächtlichen Laut aus. „Als wenn einer dieser Männer ihr irgendwie nutzen würde. Die sind doch alle verheiratet.“

„Ed nicht“, korrigierte Bailey sie.

„Der ist scharf auf Pat aus dem Buchladen“, informierte Samantha ihre Schwestern und fügte im Stillen hinzu: zum Glück.

„Arnie ist nicht verheiratet“, meinte Bailey. „Und Bürgermeister Stone auch nicht. Oder wie wäre es mit Waldos Bruder? Wäre es nicht toll, wenn …“

Samantha unterbrach sie. „Sprich das bitte gar nicht erst laut aus.“ Das war jetzt wirklich das Letzte, was sie gebrauchen konnten: einen Mann, der Mom schnell davon überzeugte, dass aller guten Dinge drei waren.

„Schaut euch das bloß an. Waldo ist erst ein paar Tage tot, und schon umschwärmen sie sie wie in einer Seniorenversion von Der Bachelor.“ Angewidert schüttelte Cecily den Kopf. „Männer.“

„Weißt du, dafür, dass du als Partnervermittlerin tätig bist, hast du eine ziemlich merkwürdige Haltung zu solchen Dingen“, stellte Bailey fest.

„Was meinst du wohl, woher ich meine Einstellung habe?“, konterte Cecily.

„Wie schaffst du es nur, im Geschäft zu bleiben?“, wollte Bailey wissen.

„Indem ich Oberflächlichkeit zur Kunst erhoben habe.“ Cecily schenkte ihnen ein böses Grinsen.

Cecily war die einzige Blondine in der Familie, und sie war die Hübscheste von ihnen allen – mit einer tollen Figur und unglaublich langen Beinen. Samantha war die Niedliche, mit den roten Haaren und den Sommersprossen, aber Cecily war diejenige, hinter der die Jungs schon immer her gewesen waren. Doch obwohl sie so gut aussah, hatte sie kein Glück in der Liebe. Bisher konnte sie schon auf zwei gelöste Verlobungen zurückblicken. Samantha verstand nicht, wie Cecily es schaffte, in Los Angeles Geld damit zu verdienen, dass sie gut aussehende Paare zusammenbrachte, während es ihr nicht gelang, ihrem eigenen Liebesleben auf die Sprünge zu helfen.

Im Gegensatz zu dir, die das so gut hinbekommt?

Eins zu null für dich, musste sie ihrem schnippischen Alter Ego zugestehen.

„Du kannst eine Frau tatsächlich dazu bringen, das Thema Liebe ganz aufzugeben“, murmelte Bailey, während sie höflich den alten Mr Nilsen anlächelte, der sie von der anderen Seite des Raumes anstarrte.

„Das wäre wahrscheinlich das Vernünftigste“, erwiderte Cecily.

„Wie auch immer, ich glaube nicht, dass Mom schon so weit ist, die Liebe aufzugeben. Vielleicht könntest du sie mit irgendjemandem verkuppeln?“, schlug Bailey vor.

„Nein!“ Mehrere Leute drehten sich um und starrten zu ihnen herüber, während Samantha hastig einen Schluck Punsch trank und hoffte, dass er die flammende Röte auf ihren Wangen vertreiben würde. Was war nur mit ihr los? Konnte man mit dreißig plötzlich am Tourettesyndrom erkranken?

Cecilys Grinsen wurde noch ein bisschen garstiger. „Ich weiß, was du meinst. Niemand wird Waldo ersetzen können.“

„Ich mochte Waldo, ehrlich“, rechtfertigte sich Samantha. „Aber Schluss mit Männern. Es gibt schon genug, womit ich mich abplagen muss.“

„Also ehrlich, Sammy.“ Bailey runzelte die Stirn.

Samantha erwiderte den bösen Blick. „Hey, Schwesterherz, ihr beiden könnt zurück ins sonnige Kalifornien fliegen und einsame Millionäre verkuppeln beziehungsweise das Catering für nette Events von Starlets organisieren. Ich bin diejenige, die sich um das Chaos hier kümmern muss.“

Cecily sah auf einmal betreten aus. „Es tut mir leid. Du hast ja recht. Wir lassen dich mit allem allein. Du musst nicht nur das Geschäft wieder auf Vordermann bringen, sondern dich auch noch um Moms Angelegenheiten kümmern.“

„Aber wenn es jemand schafft, dann du, Sammy“, erklärte Bailey und hakte sich bei Samantha unter.

Samantha seufzte. Als Älteste war es ihr Job, der Fels in der Brandung zu sein, obwohl sie sich im Moment überhaupt nicht wie ein Fels fühlte. Eher wie ein winziger Stein am Strand, der jeden Augenblick von einem Tsunami davongeschwemmt werden konnte.

Und ihre Mutter war diejenige gewesen, die sie unwissentlich dort hatte fallen lassen. Sie und Muriel mochten sich wirklich sehr, aber sie waren häufig unterschiedlicher Meinung. Und bevor Waldo gestorben war, hatten sie sich oft gestritten, vor allem als Samantha versucht hatte, ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie Waldo mal wieder zur Vernunft bringen sollte.

„Er fühlt sich nicht wohl“, hatte ihre Mutter dann immer gesagt, doch wenn man sie daraufhin nach Einzelheiten fragte, antwortete sie nur ausweichend.

Vielleicht hatte das Herz des Ärmsten schon die ganze Zeit Aussetzer gehabt. Vielleicht hatte er sich solche Sorgen um seinen Gesundheitszustand gemacht, dass er nicht in der Lage gewesen war, sich zu konzentrieren, und deshalb so absurde Entscheidungen getroffen hatte. Allerdings erklärte das auch nicht seine merkwürdigen Käufe. Oder die Antworten, die er Samantha gegeben hatte, als sie ihn darauf angesprochen hatte.

„Ein Mann muss in der Lage sein, das, was ihm gehört, zu beschützen“, hatte er erklärt, als sie ihn nach der Waffe gefragt hatte.

„In Icicle Falls?“, hatte sie erwidert. Das größte Verbrechen, das sie im letzten Jahr zu verzeichnen gehabt hatten, hatte Amanda Stevens begangen, als sie aus den Reifen von Jimmy Rodriguez’ Jeep die Luft herausgelassen hatte, weil er fremdgegangen war. Und Jimmy hatte nicht einmal Anzeige erstattet.

„Man weiß ja nie“, hatte Waldo ausweichend geantwortet. „Ich habe jemanden gesehen. Auf dem Parkplatz.“

„Und was hat er getan?“

„Er ist mir gefolgt. Und erzähl das bloß nicht deiner Mutter“, hatte er gesagt. „Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht.“

So wie sich jetzt seine Stieftochter Sorgen machte? Dann war die Sache mit dem Wasser passiert.

„Wir könnten von einem Lawinenunglück getroffen werden, und dann wären wir hier tagelang eingesperrt“, hatte er erklärt.

Auch das hatte sie noch durchgehen lassen. Doch danach war es richtig schlimm geworden. Und gerade als sie entschieden hatte, dass sie und ihre Mutter mal ein ernstes, vermutlich nicht gerade angenehmes, Gespräch führen müssten, war Waldo von ihrem Haus in Richtung Stadt marschiert und vor Lupine Floral, dem Blumenladen, tot umgefallen. Der arme Kevin hatte die Rosen fallen lassen, die er gerade in den Kühlraum bringen wollte, um Erste Hilfe zu leisten, während sein Partner Heinrich einen Notarzt gerufen hatte. Doch Waldo war innerhalb von Minuten gestorben.

Und jetzt war es an Samantha, das Chaos, das Waldo hinterlassen hatte, zu beseitigen. Ihre Schwestern würden am Montag wieder abreisen, und sie war diejenige, die sich um ihre Mutter kümmern und sich überlegen musste, wie sie die Arbeitsplätze der Angestellten von Sweet Dreams sichern konnte. Urgroßmutter Rose, die das Geschäft gegründet hatte, drehte sich vermutlich, angesichts dessen, was ihre Nachfahren dem Betrieb angetan hatten, im Grab um.

Samantha blickte stirnrunzelnd in ihr halb leeres Punschglas. Das Glas ist halb leer … das Glas ist halb voll. Wie auch immer. „In das Zeug muss mehr Alkohol rein.“

2. KAPITEL

Das größte Plus ist deine Familie

Muriel Sterling, Die Verbindung von Arbeit und Vergnügen: Wie man Arbeit und Liebe erfolgreich miteinander verknüpft

Zwei Stunden später hatten Freunde und Verwandte das Thema Waldo erschöpfend behandelt und den gesamten Kartoffelsalat sowie die Schnittchen aufgegessen. Die Party war vorüber. Olivia Wallace schickte die drei Schwestern und ihre Mutter mit einer letzten Umarmung und einem Pappteller voller Zitronenschnitten nach Hause. Sie traten hinaus in einen kalten wolkenlosen Abend.

Mom sah genauso ausgelaugt aus, wie Samantha sich fühlte. Nur dass Mom aus reiner Trauer erschöpft war, während Samantha von weit weniger reinen Gefühlen heimgesucht wurde.

„Ich fahre hinter euch her“, sagte sie und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto.

Es war jetzt Freitagnachmittag, halb sechs, und die altmodischen Laternenpfähle an der Center Street hielten Wache über die Stadt, die sich schon bald zur Ruhe begeben würde. Die Restaurants in der Nähe wie Zelda’s und Schwangau würden demnächst öffnen, doch die Geschäfte schlossen gleich, und nur noch wenige Autos waren unterwegs.

Samantha liebte ihre kleine Heimatstadt: den Park mit der Gartenlaube und den vielen Blumenbeeten, die Kopfsteinpflasterstraßen, an denen sich die unterschiedlichsten kleinen Läden aneinanderreihten. Und über allem wachten die Berge. Normalerweise wären sie um diese Jahreszeit mit einer dicken Schneeschicht bedeckt, und sowohl Alpin- als auch Langläufer sowie Snowboarder würden an den Wochenenden die Stadt bevölkern, um einzukaufen, in den Restaurants zu essen und sich auf der kleinen Eislaufbahn zu vergnügen, während sie die bayerische Architektur bewunderten. Aber in diesem Winder gab es leider wenige Besucher. Es gab wenig Schnee, was sich dramatisch auf die Wirtschaft von Icicle Falls ausgewirkt hatte. Mehrere Geschäfte, die früher floriert hatten, waren jetzt geschlossen.

Geschäfte, die pleitegegangen sind – denk bloß nicht darüber nach.

Zu spät. Es genügte, um wieder wütend darüber zu werden, dass ihre eigene Firma in solchen Schwierigkeiten steckte, und sie musste sich daran erinnern, dass ihre Welt, im Gegensatz zu der ihrer Mutter, gerade nicht eingestürzt war. Irgendwie würde es ihr gelingen, die Firma zu retten, aber Mom würde ihren Ehemann nicht wiederbekommen. Dies war nun schon der zweite Mann, den sie innerhalb von fünf Jahren verloren hatte. Wie es sich wohl anfühlte, verliebt und glücklich zu sein und dann nicht nur ein, sondern sogar zwei Mal alles zu verlieren? Samantha dachte an ihre eigenen romantischen Probleme und stellte fest, dass sie sich nicht in die Lage ihrer Mutter versetzen konnte. Sie konnte es sich nur vage vorstellen.

Wichtig war jetzt, dass sie sich als fürsorgliche Tochter zeigte, ihre Mutter unterstützte, all die negativen Gedanken in ihrem Kopf einschloss und einfach den Mund hielt. Mund halten, Mund halten, Mund halten. Sie bläute es sich immer wieder ein, bis sie die wenigen Schritte zu ihrem Wagen zurückgelegt hatte. Nachdem sie eingestiegen war, sagte sie es noch einmal laut: „Mund halten.“ Okay. Sie war bereit.

Als sie im Haus ankam, war Cecily gerade dabei, ein Feuer in dem großen Kamin zu entzünden, und das Knistern des Zedernholzes erfüllte bereits das Zimmer. Während Mom in der Küche Tee kochte, stellte Bailey die vielen Trauerkarten auf den Kaminsims, wo auch Waldos Asche in einer Messingurne einen Ehrenplatz gefunden hatte. Der Teller mit den Zitronenschnitten stand auf der Granitarbeitsplatte. Die übliche Szenerie nach einer Beerdigung.

Als Bailey sie die Tür klappen hörte, drehte sie sich um und stieß dabei gegen die Urne. Die geriet ins Wanken, und ihre Mutter schnappte entsetzt nach Luft. Zum Glück fing Cecily die Urne auf, ehe sie umfallen konnte.

„Entschuldigung“, sagte Bailey zerknirscht.

Mom sandte einen Blick gen Himmel. „Stell ihn auf den Kamin, Schätzchen.“

Cecily nickte ernst und brachte Waldo in Sicherheit.

Samantha zog ihren Mantel aus und hing ihn an die Garderobe, bevor sie sich dazu zwang, in die Küche zu gehen und ihre Mutter zu fragen, ob sie Hilfe brauchte.

Mom schüttelte den Kopf, den Blick auf die Becher gerichtet, die sie vor sich auf der Arbeitsplatte aufgereiht hatte. „Möchtest du Tee?“

Das Angebot klang nicht besonders freundlich, was nicht weiter überraschend war. So schlecht, wie sie in letzter Zeit miteinander ausgekommen waren, fürchtete Samantha schon fast, dass ihre Mutter ihr Arsen in den Tee tun könnte. „Nein danke.“

Plötzlich sehnte sie sich nach ihrer kleinen Wohnung am Rande der Stadt, wo es keine emotionalen Unterströmungen zu umschiffen galt und wo der neue Mann in ihrem Leben sie willkommen heißen würde – ihr Kater Nibs. Die anderen wären ohne sie sowieso viel glücklicher. Mom hatte Cecily und Bailey, die ihr Gesellschaft leisten und sich Geschichten über Waldo anhören würden. Und die beiden konnten das ohne schlechtes Gewissen tun.

„Ich glaube, ich mache mich mal wieder auf den Weg.“

„Bleib doch noch ein bisschen“, erwiderte Mom.

Dann wohl nicht. Samantha nickte und ließ sich auf die Couch plumpsen.

„Tee ist fertig“, verkündete Mom.

Cecily und Bailey holten ihre Becher ab und gesellten sich dann wieder zu ihrer Schwester. Cecily setzte sich zu Samantha auf die Couch, während Bailey sich am Kamin neben Waldo platzierte.

Mom folgte und nahm auf dem gelben Ledersessel Platz, in dem sie immer saß und las. Vorsichtig nippte sie an ihrem Tee, bevor sie den Becher auf den Couchtisch stellte, den Kopf zurücklehnte und tief seufzte. „Ich möchte euch Mädchen noch einmal sagen, wie sehr ich eure moralische Unterstützung zu schätzen weiß. Ich kann immer noch nicht fassen, dass Waldo tatsächlich nicht mehr da ist.“

„Wir werden ihn alle vermissen“, sagte Bailey.

„Ja, das werden wir“, stimmte Mom zu und warnte Samantha mit einem Blick, dass sie ja nicht wagen sollte, zu widersprechen.

Als ob Samantha sich das trauen würde. „Ich brauche eine Zitronenschnitte“, murmelte sie.

„Vergiss es. Lass uns lieber was Richtiges essen“, meinte Cecily. „Hol die Schokolade raus.“

Aber im ganzen Haus gab es nicht ein einziges Stück Schokolade. Mom hatte sich in ihrem Kummer einem wahren Schokogelage hingegeben. Also blieb Bailey bei ihr, während Samantha und Cecily zum Laden rüberliefen.

Die Firma Sweet Dreams Chocolate war in guter Geschäftslage, nur wenige Straßen von der Center Street entfernt, untergebracht. Die Einheimischen nannten den Block, in dem der Laden lag, Foodie Paradise, das Schlemmerparadies.

Gegenüber lag das Gingerbread-Haus, die von Cassandra Wilkes geführte Bäckerei, in der es köstliche Konditoreispezialitäten zu kaufen gab. Zu Weihnachten wurde sie von Bestellungen für ihre Lebkuchenhäuser überschwemmt, die sie in alle Welt verschickte. Daneben befand sich das Spice Rack, in dem es praktisch alle exotischen Gewürze zu kaufen gab. Jedes Mal wenn die Ladentür geöffnet wurde, lockte der verführerische Duft von Lavendel oder Salbei potenzielle Kunden in den Laden. Immer wenn Bailey in der Stadt war, lebte sie mehr oder weniger dort. Auf der anderen Seite neben dem Gingerbread-Haus war das Bavarian Brews, wo alle hingingen, um ein Schwätzchen zu halten und köstlichen Kaffee zu trinken – auch sehr praktisch, wenn Samantha auf die Schnelle eine Tasse zum Mitnehmen brauchte. Am Ende der Straße konnte man das Schwangau sehen, ein Fünfsternerestaurant und ein weiterer beliebter Treffpunkt. Der Eigentümer und Chefkoch Franz Reinholdt briet die besten Schnitzel überhaupt.

Die Sterlings besaßen das größte Grundstück – jedenfalls noch – und einen herrlichen Ausblick, denn das zweistöckige Bürogebäude überblickte die Stadt auf der einen und den Fluss Wenatchee auf der anderen Seite. Die Fabrik und der Laden bildeten einen großen Gebäudekomplex, und das Lagerhaus, das in der Zeit vor Waldo angebaut worden war, einen weiteren. Es sollte eigentlich viel mehr Vorräte und Bestände aufweisen, als es zurzeit tat. Seufz.

Samantha schloss den Laden auf und schaltete das Licht an und die Alarmanlage aus, während Cecily hineinschlenderte.

„Manchmal vermisse ich das alles hier“, sagte ihre Schwester mit einem Seufzer und schaute sich im Laden mit den vielen Regalen und Ausstellungstischen voller Köstlichkeiten um. Und es gab viel zu sehen – Geschenkpackungen mit getrocknetem Obst mit Schokoladenüberzug, Kartoffelchips und Kekse, Schachteln mit Pralinenmischungen, exotische Sachen wie gesalzene Karamellbonbons, Cognactrüffel, hergestellt nach Urgroßmutter Roses Geheimrezept, Buttertoffee und Buttertoffeesoßen unterschiedlichster Geschmacksrichtungen (Moms Beitrag zur Produktlinie), die von mexikanisch würzig bis hin zur Schokoladen-Pfefferminz-Variante reichten. Weiter hinten in der Ecke lief auf einem Bildschirm ein Video, in dem die Belegschaft in der Fabrik gezeigt wurde, die all die Köstlichkeiten herstellte, die die Käufer hier finden konnten. Neben dem Fernsehmonitor fanden die Kunden all die nicht essbaren Sachen wie zum Beispiel Schälchen für Süßigkeiten, Kerzen mit Schokoladenduft, kleine Küchenschilder mit netten Sprüchen wie „Die besten Küsse sind aus Schokolade“ und „Ich würde ja auf Schokolade verzichten, aber das hieße aufgeben, und das tue ich nie“.

„Man kann eine Frau aus der Schokoladenfirma treiben, aber man kann einer Frau nicht die Schokolade austreiben“, meinte Samantha neckend, schnappte sich eine Schachtel mit Trüffelpralinen und ging zur Kasse hinüber. „Hast du Geld dabei? Ich hab nur einen Fünfer.“ Und sie konnte froh sein, dass sie den überhaupt noch besaß.

Ihre Schwester sah sie schockiert an. „Seit wann müssen wir dafür bezahlen?“

„Seit wir pleite sind.“ Samantha streckte die geöffnete Hand aus.

Cecily runzelte die Stirn und holte ihr Portemonnaie heraus. „Ich muss für die Schokolade unserer eigenen Firma zahlen. Das ist doch pervers.“

„Willkommen in meiner Welt.“

„Behalt das Wechselgeld“, sagte Cecily und reichte ihr einen Zwanziger.

„Danke. Mach ich.“

„Es ist wirklich schlimm, oder?“

„Nein“, erwiderte Samantha fest. Wenn sie es nur oft genug wiederholte, konnte sie vielleicht selbst daran glauben.

Als kleines Mädchen hatte sie es geliebt, die Geschichten von der Gründung der Firma zu hören. Wie ihre Urgroßmutter Rose angefangen hatte, die Firma in ihrer Küche aufzubauen, wie ihr die Rezepte buchstäblich in ihren Träumen eingefallen waren, wie sie und ihr Mann Dusty all ihre Ersparnisse zusammengeklaubt hatten, um dieses Stück Land zu kaufen und einen kleinen Laden aufzubauen. Damals, als Icicle Falls nur ein bunt zusammengewürfelter Haufen kleiner Häuser gewesen war. Sweet Dreams war nicht einfach nur irgendeine Firma. Es war eine Familienlegende. Außerdem versorgte die Firma dreißig Familien mit einem Einkommen, und Samantha war fest entschlossen, hart daran zu arbeiten, dass es auch so blieb – koste es, was es wolle.

Cecily lehnte sich gegen den Verkaufstresen und musterte sie. „Lügst du mich an?“

„Ja, aber es könnte noch schlimmer sein. Wir haben immer noch unser Inventar.“ Samantha steckte das Geld ein, öffnete dann die Schachtel, nahm eine Praline heraus und steckte sie in den Mund. Wie eine Droge verwöhnte die Schokolade ihre Geschmacksnerven, und Samantha genoss die köstliche Süße, die sich auf ihrer Zunge ausbreitete. Es war fast so, als könnte sie die Glückshormone spüren, die ihren Körper in Aufruhr versetzten. Eine Frau konnte sich der größten Herausforderung stellen, solange sie nur in Schokolade gehüllt war.

„Also, was können wir tun, außer das Inventar aufzuessen?“, fragte Cecily besorgt ihre Schwester.

Cecily war diejenige gewesen, die Bedenken geäußert hatte, als sie damals überlegt hatten, einen Kredit aufzunehmen, um die Firma zu erweitern. Selbst Samanthas Kalkulationen und Dads Selbstvertrauen hatten sie nicht überzeugen können. Zu jener Zeit hatte Samantha ihr mangelnde Weitsicht vorgeworfen.

Wie sie jetzt zugeben musste, war das ein großer Fehler gewesen, denn Cecily besaß, was solche Dinge anging, einen außergewöhnlich sicheren Instinkt. Auf der Highschool hatte sie immer gewusst, wann ein Lehrer einen Überraschungstest schreiben lassen würde und auch wann ihre Schwestern mit ihren Freunden Schluss machen würden, lange bevor diese selbst das auch nur in Erwägung gezogen hatten. Nachdem Dad gestorben war, hatte sie vorausgesagt, dass Mom innerhalb eines Jahres wieder verheiratet sein würde. Sie hatte sich nur um wenige Monate geirrt.

Aber wenn es ums Geschäft ging, hatte Samantha sich ihres Fachwissens gerühmt und alle Einwände vom Tisch gefegt. Sie hatte große Träume gehegt und war bereit gewesen, aufs Ganze zu gehen. Und Dad hatte sie dabei unterstützt. Ihr Ehrgeiz und das Desaster, das Waldo angerichtet hatte, führten jetzt dazu, dass sie Gefahr lief, alles zu verlieren. Das Vertrauen, das ihr Vater in sie gesetzt hatte, war leider nicht begründet gewesen. Plötzlich sah die Pralinenschachtel so verschwommen aus, als befände sie sich unter Wasser. Sie blinzelte, und eine Träne fiel auf den Tresen.

Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter. „Hey, es ist okay“, sagte Cecily. „Du kriegst das schon wieder hin. Ich weiß, dass du es schaffst.“

Samantha verdrehte die Augen. „Glaubst du das wirklich, oder versuchst du nur, mich zu trösten?“

„Von beidem ein bisschen. Könntest du vielleicht in der Zwischenzeit mit Arnie von der Bank reden, um zu hören, was er so machen kann?“

„Arnie wird gerade geschasst.“

Cecily blinzelte. „Was?“

„Ich habe gehört, dass Cascade Mutual einen neuen Filialleiter engagiert hat. Ich habe keine Ahnung, was das für ein Mensch ist.“ Vielleicht würde er sich als genauso nett entpuppen wie Arnie. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt. Aber realistisch gesehen vermutete sie, dass die guten alten Zeiten, in denen eine Bank sich noch um die Kunden ihrer Gemeinde bemühte, vorbei waren. Arnie hatte sich ein wenig zu sehr um seine Kunden gekümmert, was wohl dazu geführt hatte, dass die Bank jetzt einen neuen Chef bekam.

Cecily wickelte sich eine Locke ihres blonden Haares um den Finger. „Vielleicht könnte ich einen Kredit aufnehmen.“

„Nein“, sagte Samantha sofort. „Womöglich befinden wir uns in der gleichen Situation wie die Titanic, und wenn wir sinken, möchte ich nicht, dass du mit uns untergehst.“

„Wir sind eine Familie, und dies ist ein Familienbetrieb. Wir halten zusammen. Schon vergessen?“

„Danke.“ Die Worte ihrer Schwester waren tröstlich, aber letztlich war Samantha sowohl Kapitän als auch Crew dieses Schiffes, und es lag allein in ihrer Verantwortung, den Eisberg zu umschiffen.

„Ich bin sicher, dass ich was auftreiben könnte“, beharrte Cecily.

L. A. war ein teueres Pflaster, und Samantha hatte nicht die Absicht, ihrer Schwester einen großen Kredit aufzubürden. Abgesehen davon würde Cecily sowieso niemals so viel Geld auftreiben können, wie sie hier brauchten. „Ich schaffe das schon.“

„Das tust du doch immer. Aber ich wollte dir nur noch mal versichern, dass du es nicht alleine wuppen musst. Schließlich hast du noch was bei mir gut, weil ich dein Tagebuch geklaut habe“, meinte Cecily lächelnd.

Auch Samantha musste lächeln, als sie daran dachte, wie sie Cecily dabei ertappt hatte, wie die ihren Freundinnen die geheimen Gedanken ihrer zwölfjährigen Schwester vorgelesen hatte. Inzwischen war es eine lustige Anekdote, doch damals war es ein halber Weltuntergang gewesen. „Du kannst froh sein, dass du die Grundschulzeit noch überlebt hast.“

Cecily wurde wieder ernst. „Ich möchte gern etwas tun, um mir den Anteil an den Gewinnen zu verdienen, sobald sie wieder fließen.“

„Wenn mir etwas einfällt, sage ich Bescheid“, erwiderte Samantha, doch sie wussten beide, dass sie es nicht wirklich ernst meinte. Sie hatte schon einen Menschen – nämlich Waldo – gehabt, der „geholfen“ hatte, und das reichte für ein ganzes Leben.

Cecily öffnete die Pralinenschachtel und nahm sich eine heraus, bevor sie auch Samantha noch eine anbot. „Ich weiß, dass sich das Blatt wieder wenden wird.“

„Ich hoffe, dass du so viel weißt, wie du zu wissen glaubst“, sagte Samantha. Sonst … Oh nein. Sie würde ihre Gedanken nicht wieder in diese Richtung treiben lassen. Jedenfalls noch nicht jetzt.

3. KAPITEL

Immer erst denken, dann handeln. Das ist die wichtigste Regel sowohl in einer guten Liebes- wie auch in einer guten Geschäftsbeziehung.

Muriel Sterling, Die Verbindung von Arbeit und Vergnügen: Wie man Arbeit und Liebe erfolgreich miteinander verknüpft

Es war Montag, und nachdem die Mädchen am Morgen abgereist waren, herrschte wieder Ruhe. In gewisser Weise genoss Muriel es, allein zu sein. Es gab ihr die Möglichkeit, sich ganz ihrer Trauer hinzugeben. Aber das Haus wirkte so leer, und sie fühlte sich so allein. Ihre Töchter hatten jedoch ihr eigenes Leben, in das sie zurückkehren mussten, und sie konnte ihnen nicht einmal verübeln, dass sie davongelaufen waren. Im Moment war es kein Vergnügen, mit ihr zusammen zu sein. Sie hatte ihnen nicht einmal Frühstück gemacht, bevor Samantha die beiden anderen zum Flughafen gebracht hatte.

Muriel goss sich eine Tasse Tee ein und tappte barfuß zum Fenster hinüber, um auf die winterliche Szenerie hinauszuschauen. An den Tannen tropfte der Schnee herab, der zu nass war, als dass er liegen blieb. Die Häuser in ihrem Viertel waren unbeleuchtet und wirkten verlassen. Die Besitzer waren allesamt mit ihrem Leben beschäftigt und würden erst am Abend zurückkehren. Ein Lieferwagen fuhr durch den Schneematsch. Nur für einen kurzen Augenblick brachte er etwas Abwechslung in diese bedrückende Stille.

Okay, sie hatte genug gesehen. Muriel nahm ihren Tee und ging wieder ins Bett. Die Tasse stellte sie in Reichweite auf den Nachttisch. Obwohl sie einen Pullover über ihrem Lieblingspyjama aus Seide trug, fühlte sich das Bett kalt an. Ihre beiden Ehemänner hatten das Bett immer ziemlich mit Beschlag belegt, vor allem Waldo. Er hatte nicht nur diagonal im Bett geschlafen, sondern auch die Decke jedes Mal, wenn er sich umgedreht hatte, wie eine große Ebbe mit sich gezogen. Es hatte sie immer unglaublich geärgert. Jetzt gab es keine Ebbe mehr.

Tränen schossen ihr in die Augen. Es war erstaunlich, dass nach all den Tränen, die sie in der letzten Woche schon vergossen hatte, überhaupt noch welche übrig waren. Sie wischte sie weg und griff entschlossen nach dem Teebecher, um einen Schluck zu trinken. „Du kannst nicht einfach den ganzen Tag im Bett bleiben“, ermahnte sie sich.

Nur um sofort zu argumentieren: „Warum nicht?“ Wen interessierte es, ob sie im Bett blieb oder aufstand?

Sie war wieder allein.

Oh, hör auf, schalt sie sich. Waldos plötzlicher Tod war eine Erlösung. Hättest du gewollt, dass er lange leidet?

Die Antwort lautete natürlich nein.

Nachdem sie sich damit wieder beruhigt hatte (zumindest für heute), trank sie noch einen Schluck Tee und schaute sich im Zimmer um wie ein Pionier, der neues Territorium erkundet. Was konnte man mit diesem neuen Territorium tun? Wo sollte sie anfangen?

Normalerweise würde sie um zehn Uhr morgens schon eifrig an ihrem nächsten Buch für Mountain Crest Publications arbeiten, einem kleinen Verlag an der pazifischen Nordwestküste. Sie hatte mit dem Schreiben nicht viel Geld verdient, aber es machte ihr Spaß. Im Moment hatte die Sache jedoch ihren Reiz verloren, jetzt, wo sie wieder in dieses tiefe Loch gefallen war.

Die Monate, nachdem Stephen gestorben war, waren ein einziger Albtraum gewesen, noch viel schlimmer als der Verlust ihrer Eltern, obwohl sie geglaubt hatte, dass nichts furchtbarer sein könnte. Verwitwet zu sein bedeutete nicht nur Einsamkeit. Man verlor damit im wahrsten Sinne des Wortes seine bessere Hälfte.

Das jetzt zum zweiten Mal zu erleben überstieg eindeutig ihre Kräfte. Das Einzige, wozu sie fähig war, war, wie ein Geist durchs Haus zu schleichen. Da es niemanden mehr gab, für den sie hätte kochen können, hatte sie kein Interesse an Essen, nicht einmal an Schokolade, dem Herzblut der Familie. Sich um Waldos Trauerfeier zu kümmern war eine einzige Qual gewesen.

An seinem Schreibtisch vorbeizugehen und all die Rechnungen dort zu sehen machte ihr entsetzliche Angst. Sie konnte nicht besonders gut mit Geld umgehen, und Mathe war ein Buch mit sieben Siegeln, das sie bisher nie hatte öffnen müssen. Schließlich hatte sie Stephen gehabt. Als er gestorben war, hatte nur die geduldige Hilfe von Arnie in der Cascade Mutual Bank sie davon abgehalten, sich (oder zumindest ihr Scheckbuch) vom Berg Sleeping Lady zu werfen.

Als Waldo wie ein Ritter auf einem weißen Pferd in ihrem Leben aufgetaucht war, hatte sie erleichtert aufgeseufzt. Aber er hatte sich als Don Quichotte entpuppt, und so war sie jetzt wieder hier, einsam und verloren. Warum ausgerechnet Waldo? Er war so süß gewesen, und alle – vor allem natürlich sie – hatten sein Lachen geliebt. Ohne ihn war dieses Haus wie eine Gruft, und sie fühlte sich wie betäubt. Und das Buch, an dem sie gearbeitet hatte, war genauso gestorben wie ihr Ehemann.

Muriels Lektorin hatte ihr vorgeschlagen, noch mehr als in ihren vorherigen Büchern Kapital aus den Verbindungen zur Schokoladenindustrie zu schlagen, und sie gedrängt, ein Kochbuch mit Schokoladenrezepten herauszubringen. Das hatte sie nicht gewollt. Weil sie mit Waldo so glücklich gewesen war, hatte sie angefangen, darüber zu schreiben, wie es war, wenn man noch einmal ganz von vorn begann. Doch darüber konnte sie jetzt nicht mehr schreiben. Sie konnte überhaupt nicht mehr schreiben. Punkt.

Sie stellte den Becher auf den Nachttisch und schlüpfte unter die Decke. In ihre Daunendecke gehüllt, schlief sie langsam ein und fand in ihren Träumen Waldo.

Aber er war nicht der Einzige, der ihr in ihren Träumen Gesellschaft leistete. Auch Stephen hatte seinen Auftritt, und auf einmal waren sie alle bei einer Tanzveranstaltung in der Festival Hall, in folkloristische deutsche Tracht gekleidet.

Sie hatte gerade mit Stephen getanzt, der in seinen Lederhosen umwerfend aussah, und jetzt entführte Waldo sie zu einer wunderbar wilden Polka. „Komm schon, Muriel, altes Mädchen, lass uns Spaß haben. Das Leben ist kurz.“

Plötzlich flogen die Türen zum Saal auf, und ein schwarzer Tornado kam hereingefegt, riss Muriel von den Füßen und trennte sie von Waldo. Karamellbonbons wirbelten um sie herum, und sie versuchte, nach ihnen zu greifen, doch sie schaffte es nicht, auch nur einen zu erwischen. Und jetzt wirbelte der Wind sie aus der Tür. „Nein, ich will noch nicht gehen!“

Muriel schlug die Augen auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie erkannte, dass sie zu Hause im Bett lag. Durch das Fenster drang fahles Licht. Anscheinend war es schon später Nachmittag. Das war unmöglich. Sie konnte doch nicht den ganzen Tag verschlafen haben! Sie schaute auf den Wecker. Es war fast vier Uhr. Sie hatte den ganzen Tag verschlafen.

Und was war das für ein merkwürdiger Traum gewesen? Was versuchte ihr Unterbewusstsein ihr damit zu sagen? Vielleicht, dass sie langsam verrückt wurde.

Bailey umarmte Samantha zum Abschied. Dann folgte sie Cecily in den Sea-Tac-Airport, um den Flug nach Los Angeles zu bekommen.

Nachdem sie durch die Glastüren verschwunden waren, drehten sich die beiden Schwestern noch einmal um und winkten ein letztes Mal. Samantha winkte zurück und schluckte. Auf einmal hatte sie einen Kloß im Hals. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, dass sie und ihre Schwestern näher beieinander wohnten, aber jeder musste seinen Träumen folgen. Nur schade, dass ihre Träume sie alle in verschiedene Richtungen geführt hatten.

Seufzend ging sie zu ihrem treuen Toyota und machte sich auf die zweistündige Heimfahrt auf die andere Seite der Bergkette. Sie würde es gerade rechtzeitig nach Hause schaffen, um noch Kekse zu backen, bevor sie sich mit ihren anderen Schwestern, den Schwestern des Herzens, treffen würde. Montag war normalerweise kein Partytag, aber heute gab es mal eine Ausnahme.

Wieder zu Hause, verarbeitete Samantha den Teig, den Bailey in ihrem Kühlschrank hinterlassen hatte, zu Keksen. Anschließend zog sie ihre Daunenjacke und Winterstiefel an und ging zu Fuß den kurzen Weg von ihrer Wohnung zu dem kleinen gemütlichen Haus ihrer Freundin Charley, das einen schönen Blick auf den Fluss Icicle Creek bot. Der Mond und die vielen Sterne leuchteten ihr den Weg, aber sie hätte das Haus auch so gefunden. Sie brauchte nämlich einfach nur dem Lärm zu folgen. Abgesehen von Gloria Gaynors Hit I Will Survive ertönte auch schallendes Gelächter durch die Nachbarschaft. Offenbar war die Party bereits in vollem Gang.

Samantha ging um das Haus herum nach hinten. Die Terrasse war mit Lichterketten – rosa Flamingos! – dekoriert. Überall standen Gartenstühle herum, und ein großer Tisch war mit Salaten und Desserts beladen. Aber das Geschehen spielte sich vor allem mitten auf dem Rasen ab, wo ein großes Feuer brannte, und im Zentrum des Interesses stand Charlene Albach. Charley, eine schlanke Frau Mitte dreißig mit dunklem Haar, das zu einem Bob geschnitten war, sah modisch chic aus in Jeans, Stiefeletten und einer mit Kunstfell besetzten Jacke. In der Hand hielt sie ein Weinglas im XXL-Format, während sie mit der anderen eine Handvoll Fotos in das knisternde Lagerfeuer warf.

„Komm her, Samantha“, rief sie. „Wir verkokeln gerade schlappe Würstchen.“

Samantha entging die Zweideutigkeit dieser Bemerkung nicht, deshalb musste sie lachen, als sie die Kekse auf den Tisch stellte. Nachdem sie sich einen davon geschnappt hatte, ging sie auf den Rasen hinunter, um sich zu der Gruppe von Frauen zu gesellen, die sich um das Feuer versammelt hatten. Sie erkannte Charleys ältere Schwester Amy, die extra zu dieser Gelegenheit aus Portland angereist war. Weitere Gäste waren Samanthas loyale Sekretärin Elena, Lauren, die Bankangestellte, ihre Freundin Cassandra Wilkes aus dem Gingerbread-Haus, Heidi Schwartz, die Teilzeit im Sweet Dreams Laden arbeitete sowie Rita Reyes und Maria Gomez, die für Charley in ihrem Restaurant Zelda’s arbeiteten – sie alle waren gekommen, um mit Charley ihren ersten offiziellen Tag der Freiheit zu feiern, denn seit dem Vormittag war Charley endlich geschieden.

Die Gastgeberin stellte ihr Glas beiseite und reichte Samantha einen Hotdog, der auf einem rostfreien Spieß steckte. „Willkommen auf meiner Scheidungsfeier. Hier, nimm dir einen Schwanz am Spieß.“

Auf der anderen Seite des Feuers brachen Rita und Maria in lautes Gelächter aus. „Ich brauche mehr Wein“, stellte Rita fest. „Soll ich dir auch welchen einschenken?“, fragte sie Samantha.

Samantha war keine große Weintrinkerin. Sie schüttelte den Kopf. „Nein danke.“

„Du musst irgendwas trinken. Wir wollen schließlich auf meine Zukunft anstoßen“, erklärte Charley. „Holt ihr was von dem Schokowein. Der schmeckt genauso wie Baileys. Den magst du bestimmt“, meinte sie zu Samantha. „Vertrau mir.“

„‚Vertrau mir‘ – hat das nicht auch der alte Taugenichts Richard zu dir gesagt?“, warf ihre Schwester ein.

Charley machte ein grimmiges Gesicht. „Ja, das hat er.“ Sie nahm weitere Fotos von ihrem Ex und verteilte sie im Feuer. „Hier, Baby, mach dich nützlich.“

Sämtliche Frauen – Samantha eingeschlossen – applaudierten und feuerten sie an. Doch Samantha musste gleichzeitig an ihre Mutter denken, die wahrscheinlich zu Hause in ihrem gelben Ledersessel saß und sich wünschte, dass Waldo noch am Leben wäre. Aber es gab Abschiede, und es gab Abschiede. Waldo war nicht freiwillig gegangen. Richard dagegen hatte sich auf eine ziemlich unehrenhafte Weise aus seiner Ehe verabschiedet, indem er mit einer Kellnerin aus Charleys Restaurant Zelda’s abgehauen war.

Wie auch immer, beide Frauen waren jetzt auf sich allein gestellt. Im Grunde konnte sich eine Frau nur auf sich selbst verlassen, überlegte Samantha.

„Also“, sagte Cass und hob ihr Glas, nachdem Rita zum Feuer zurückgekehrt war. „Auf eine neue und bessere Zukunft für unsere Freundin hier.“

„Auf eine neue und bessere Zukunft“, wiederholten alle und tranken einen Schluck.

„Und darauf, dass du nie wieder ein Footballspiel ansehen musst“, fügte Cass hinzu.

„Darauf trinke ich“, sagte Maria. „Mein Freund …“ Sie verdrehte die Augen. „Eines Tages wird er noch selbst zu einem Football.“

„Besser das, als dass er zu einem Ehebrecher wird.“ Charley warf weitere Fotos ins Feuer. „Ich bin so froh, dass ich herausgefunden habe, was für ein Mistkerl Richard ist, bevor ich noch mal zwölf Jahre an ihn vergeude.“

„Zwölf Jahre sind eine lange Zeit“, sagte Amy.

Einen Moment lang schimmerten Tränen in Charleys Augen, doch sie hob ihr Kinn und erklärte: „Eine viel zu lange Zeit, und ich werde nicht eine einzige Minute damit verschwenden, ihn zu vermissen. Er kann getrost bei seiner neuen Frau und in seinem neuen Restaurant in der Stadt bleiben. Seattles Verlust ist mein Gewinn. Und ich habe mein Bett endlich ganz für mich allein.“

„Ich werde direkt neidisch“, murmelte ihre Schwester.

„Außerdem kann ich jetzt so viele Folgen meiner Lieblingsserie gucken, wie ich will“, fuhr Charley fort, „die Teller in der Spüle stehen lassen und mein Geld so ausgeben, wie ich es für richtig halte. Und ich wette, ich habe mehr abgenommen als irgendjemand sonst hier.“

„Du siehst fantastisch aus“, stimmte Samantha zu.

„Kein Wunder. Das würdest du auch, wenn du hundertfünfzig Pfund totes Fleisch losgeworden wärst“, scherzte Charley, „Gott sei Dank, bin ich ihn los.“

„Weißt du, eigentlich mochte ich ihn nie so recht“, meinte Cass.

„Ich auch nicht“, warf Charleys Schwester ein.

„Warum hat keine von euch was gesagt?“, wollte Charley wissen. „Nein, vergesst es. Ihr braucht nicht zu antworten. Ich hätte wahrscheinlich sowieso nicht auf euch gehört.“

„Liebe macht blind“, erklärte Cass. „Und dumm.“

Im Laufe des Abends schwelgten die Freundinnen in Erinnerungen und sammelten Beweise dafür, dass Richard, der Ehebrecher, tatsächlich nichts anderes als eine miese Ratte war. Der Wein floss in Strömen, und die Party wurde immer lauter, vor allem als Charley den CD-Player aufdrehte und die Frauen anfingen, aus voller Kehle mitzusingen. Passend zum Anlass wurde Before He Cheats, Over It und I Can Do Better gespielt.

Irgendwann brüllte jedoch ein Nachbar ein paar Häuser weiter: „Ruhe dahinten“, und alle fingen an zu kichern.

Essen und Getränke waren verzehrt, und das Feuer war bis auf ein paar kleine glühende Scheite abgebrannt, als die Frauen sich daran erinnerten, dass sie alle am nächsten Tag arbeiten mussten. Charley lächelte in die Runde. „Danke, dass ihr alle gekommen seid und mir helft, positiv gestimmt in die Zukunft zu schauen.“

„Du siehst doch immer positiv in die Zukunft“, bemerkte Heidi. „Ich bin nicht sicher, ob ich das könnte, wenn ich an deiner Stelle wäre.“

Samantha bezweifelte, dass Heidi, die nicht nur einen Ehemann hatte, der sie vergötterte, sondern auch erst vor Kurzem ein süßes Baby bekommen hatte, sich jemals darüber Gedanken würde machen müssen.

Charley hob die Schultern. „Es gab den einen oder anderen Tag im vergangenen Jahr, wo ich alles andere als positiv gestimmt war. Aber wisst ihr was? Ich habe jetzt mein Leben zurück. Ich habe noch viele Jahre vor mir und bin wild entschlossen, jedes einzelne davon zu genießen.“

„Meinst du, dass du nie wieder heiratest?“, fragte Heidi.

Charley machte mit ihren Fingern ein Kreuz, als wollte sie einen Vampir abwehren. „Du weißt doch: Gebranntes Kind scheut das Feuer.“

„Und was ist mit dem Feuer, das ein Mann hin und wieder bei dir entzünden könnte?“, fragte Rita lachend.

„Für ein paar Sachen sind Männer doch ganz gut“, warf Elena ein. „Genau genommen sogar für eine ganze Reihe von Dingen. Nur weil du einmal einen schlechten Fang gemacht hast, solltest du nicht darauf verzichten.“

„Ja“, meinte auch Lauren, die mit Joe Coyote, dem nettesten Mann der Stadt, zusammen war.

„Na ja, wenn du ein Prachtexemplar an der Angel hast, sag Bescheid. Ich nehme ihn – um ihn auszunehmen.“ Charleys Bemerkung brachte die anderen zum Lachen. „Ernsthaft“, fügte sie hinzu, „Liebe ist ein Spiel, und ich habe genug vom Spielen.“

„Du meine Güte, das ganze Leben ist doch ein Spiel“, meinte Samantha.

Charley legte einen Arm um sie und drückte sie kurz. „Du hast recht. Aber ich sorge dafür, dass die Karten künftig zu meinen Gunsten gemischt werden. Also – Männer nur noch als gute Freunde.“

„Freunde mit gewissen Extras?“, neckte Rita sie, während sie die letzten Pappteller in die Glut warf.

„Vielleicht.“ Charley zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich bin offen für alles, außer einer Ehe.“

„Aber willst du denn keine Kinder?“, fragte Heidi. Samantha dachte an Elenas behinderte Tochter und das Baby, das Rita im letzten Jahr verloren hatte. Elternschaft konnte genauso riskant sein wie eine Ehe.

„Ich brauche keinen Mann, um Kinder zu bekommen“, behauptete Charley. „Man kann doch auch welche adoptieren. Und in der Zwischenzeit darf ich mir James immer mal ausleihen, oder? Ich bin seine Tante Charley und kann ihn nach Herzenslust verwöhnen.“

Baby-Sharing. Damit bewahrte sich eine Frau vor all diesen lästigen kleinen Komplikationen, wie zum Beispiel Männern. Und Geburten. Trotzdem, es war nicht dasselbe wie ein eigenes Kind.

Auf dem Weg nach Hause grübelte Samantha über eine Reihe von Dingen nach. Wollte sie jemals den Versuch starten, eine ernsthafte Beziehung einzugehen? Ihre Eltern hatten eine wunderbare Ehe geführt. Man konnte es schaffen. Nicht jeder Mann da draußen war ein Waldo oder ein Richard. Und nur weil sie einmal an den Falschen geraten war, hieß das nicht, dass sie nicht trotzdem ihren Mr Right finden konnte. Obwohl sie langsam daran zweifelte. Seit dem College hatte sie sich mit niemandem mehr verabredet, der auch nur als Mr Eventuell infrage kam. Grundgütiger!

Sieh es einfach so, redete sie sich ein. In deinem Leben kann es nur noch in eine Richtung gehen – aufwärts.

Oder auch nicht. Am nächsten Morgen saß Samantha zähneknirschend im Büro an Waldos altem Schreibtisch, der jetzt ihr gehören würde, und arbeitete sich durch die Papierberge, um sich auf ein Treffen mit Lizzy vorzubereiten, die Gott sei Dank zugestimmt hatte, wieder zurückzukehren. Da gab es ein Modell für ihren Frühlingskatalog, den Waldo vor drei Wochen unbedingt hatte ansehen wollen, nur um ihn dann zu ignorieren. Und wofür hatte er einen Stapel mit alten Zeitungen gebraucht? Auf einem anderen Stapel lagen verschiedene Drohbriefe von ihren Zulieferern, deren Rechnungen nicht beglichen worden waren. Sie würde heute Nachmittag anfangen müssen, sie anzurufen, um zu erklären, dass Waldo plötzlich verstorben war, und um Gnade zu bitten. Oh, und hier war eine Einladung von der Cascade Mutual Bank, die schon eine Woche alt war. Sie veranstalteten einen Tag der offenen Tür, um den neuen Manager, Blake Preston, vorzustellen, der – so die Einladung – ganz begierig darauf war, ihr in jeglicher Hinsicht behilflich zu sein.

Blake Preston? Der ehemalige Footballheld von Icicle Falls’ Highschoolteam? Er war vier Klassen über ihr und sie deshalb zu jung für seine Clique gewesen, aber es war eine kleine Schule, und jeder kannte jeden. Er hatte ihr ein paar Mal zugezwinkert, wenn er ihr im Flur begegnet war, und hatte vermutlich geglaubt, dass er sie damit glücklich machte. Hatte er.

Ja, der gute alte Blake war ein Spieler gewesen, nicht nur auf dem Spielfeld. Aber wie zum Teufel war aus ihm ein Banker geworden? Das Bankwesen und Football passten nun wirklich nicht zusammen.

Samantha runzelte die Stirn und dachte an die Sportfanatiker, mit denen sie zusammen Betriebswirtschaft studiert hatte, ganz zu schweigen von dem, den sie fast geheiratet hätte. Solche Typen verbrachten mehr Zeit damit, ihre Spielbücher zu studieren, als dem zu lauschen, was die Professoren zu sagen hatten. Einige dieser Idioten hätten niemals ihren Bachelor in Wirtschaft verdient, doch sie hatten ihn trotzdem nachgeschmissen bekommen. (Ihr damaliger Idiot hatte nicht nur seinen Titel bekommen, sondern sie auch noch sitzen lassen und sich stattdessen mit dem reichsten Mädchen ihrer Abschlussklasse zusammengetan. Obendrauf gab es noch einen netten, gut bezahlten Job in Daddys Firma.) Gott sei Dank hatte Samantha ihre Collegeausbildung in einem anderen Bundesstaat absolviert. Zumindest brauchte sie ihn und Mrs Idiot jetzt nie wiederzusehen. Welchen Beruf auch immer er inzwischen ausübte, vermutlich ignorierte er die Firma, um Golf zu spielen und mit seinen alten Kumpeln zum Lunch zu gehen.

Also, welcher alte Kumpel aus der Collegezeit hatte Blake Preston den Einstieg in die Welt der Banken verschafft? Wer auch immer es gewesen war, er hatte Icicle Falls damit definitiv keinen Gefallen getan. Samantha warf die Einladung in den Papierkorb und grub weiter.

In einem anderen Papierstapel fand sie eine tickende Zeitbombe – noch ein Schreiben von der Bank, das diesmal allerdings weit weniger freundlich klang. Ihr Herzschlag beschleunigte sich so sehr, dass sie in Waldos großem Chefsessel zusammensackte. Gleich würde sie einen Herzinfarkt haben. Da, unter dem Briefkopf von Cascade Mutual, stand eine kalte, wenn auch höfliche Botschaft, die ihren Stiefvater darüber informierte, dass Sweet Dreams mit der Kreditrückzahlung im Rückstand war. „Wie Sie sicherlich wissen“ – ach ja? – „hat Cascade Mutual Bank, was überfällige Kreditratenzahlungen betrifft, eine strikte NeunzigTage-Nachfristregelung. Diese Nachfrist für Ihren Kredit in Höhe von … ist abgelaufen.“

Oh nein! Die Zahlen tanzten vor ihren Augen wie kleine Dämonen. Nein, das durfte nicht wahr sein! Sie las weiter.

„Weil Sweet Dreams Chocolates und Cascade Mutual Bank eine langjährige Geschäftsbeziehung unterhalten, weiten wir die Nachfrist letztmalig bis zum 28. Februar aus. Bitte zahlen Sie den oben genannten Gesamtbetrag bis zu diesem Datum. Wir hoffen, dass diese Angelegenheit so schnell wie möglich geregelt werden kann.“

Nur wenn sie anfing, im Keller Geld zu drucken. Was um Himmels willen sollte sie jetzt tun?

Hyperventilieren! Eine Tüte, wo war eine Tüte? Sie bekam keine Luft mehr. Ihr wurde schlecht. Sie brauchte Schokolade! Als ihr Handy klingelte, erkannte sie am Klingelton – Gwen Stefanis Sweet Escape –, dass Cecily mit ihr sprechen wollte. Sie griff nach dem Handy wie nach einem Rettungsring. „Cec, wir … oh, ich werde gleich ohnmächtig. Wo finde ich eine Tüte?“ Sie wühlte in den Schreibtischschubladen herum, fand jedoch nur eine alte Zigarre, Büroklammern, Gummibänder und … was war das denn? Ach, ein Anti-Stress-Ball. Sie griff danach und erwürgte ihn.

„Was ist los?“

„Wir … die Bank. Oh Hilfe, ich fasse es nicht!“, jammerte Samantha und brach in Tränen aus.

Inzwischen hatte sie solchen Krach gemacht, dass Elena ins Büro gestürmt kam.

„Was ist los?“ Die Sekretärin warf einen Blick auf Samantha und wurde im nächsten Moment selbst ganz bleich. „Madre de Dios.“

„Hol mir Schokolade“, japste Samantha und zerquetschte den Ball noch einmal. Diese Dinger waren völlig nutzlos. Sie warf ihn durchs Zimmer und raufte sich die Haare, während Elena davoneilte, um eine Portion Frustschokolade zu holen.

„Sam, erzähl mir, was los ist“, forderte Cecily sie auf.

„Die Bank will, dass wir den Kredit zurückzahlen. Als wäre nicht alles schon schwierig genug. Als wenn wir nicht schon Gott und der Welt Geld schulden würden! Du meine Güte, was habe ich getan, um das zu verdienen? Liegt es daran, dass ich dich und Bailey immer rumgeschubst habe, als wir noch kleiner waren? Es tut mir leid. Und ich hätte Tony Barrone beim Ehemaligentreffen keinen Korb geben sollen. Nein, daran liegt es wohl nicht. Bestimmt, weil ich Waldo angeschrien habe.“

„Sam, bitte, du machst mir Angst.“

Fürchte dich. Fürchte dich sehr. Aus welchem alten Film war das? Wahrscheinlich aus einem, in dem am Ende alle tot waren.

Samantha legte den Kopf auf den Schreibtisch und zog eine Zeitung über sich. Jetzt verstand sie, warum das Murmeltier sofort wieder unter der Erde verschwand, wenn es seinen Schatten sah. Sie wünschte, sie könnte sich ein Loch buddeln, es hinter sich schließen und nie wieder zum Vorschein kommen.

Aus der Ferne hörte sie ihre Schwester rufen. „Sam? Sam!“

„Ich gebe auf“, stöhnte sie, zog das Handy unter ihr Papierzelt und hielt es sich wieder ans Ohr. „Ich ergebe mich. Verkuppel mich mit einem Millionär. Ich will einfach nur noch irgendwo im Mittelmeer auf einer Jacht liegen und Schokowein trinken.“

„Nein, das willst du nicht“, erklärte Cecily fest. „So bist du nicht gestrickt. Du würdest dich innerhalb von einer Woche zu Tode langweilen.“

„Für das hier bin ich aber auch nicht geschaffen“, jammerte Samantha.

„Es wird schon wieder.“

Elena kam ins Zimmer zurück und schob eine offene Schachtel mit Pralinen unter die Zeitung.

„Danke“, sagte Samantha, bevor sie sich eine Handvoll in den Mund schob.

Elena hob eine Ecke der Zeitung an und linste darunter. „Was brauchst du noch?“

„Ein neues Leben.“ Samantha zog die Zeitung wieder von ihrem Kopf und zwang sich dazu, sich aufzusetzen und das Haar aus den Augen zu streichen. „Alles okay“, versicherte sie sowohl Elena als auch sich selbst. „Nur ein kurzer Zusammenbruch.“

Ihre Sekretärin blieb unschlüssig und zweifelnd vor dem Schreibtisch stehen.

„Ehrlich. Es ist okay.“ Was für eine entsetzliche Lügnerin sie doch war.

Elena wirkte immer noch nicht überzeugt, doch sie verstand den Wink, verschwand und schloss die Tür hinter sich.

Samantha nahm ihr Telefon wieder in die Hand. „Alles okay. Es geht wieder.“ Nein, nichts war okay. Wem wollte sie hier eigentlich etwas vormachen? Wo sollten sie so viel Geld auftreiben?

„Vielleicht solltest du zur Bank rübergehen und den neuen Typen, der da jetzt das Sagen hat, bezirzen, damit er dir ein bisschen mehr Zeit einräumt“, schlug Cecily vor.

Sie hatten ihr schon ein bisschen mehr Zeit gegeben. Wenn auch nur ein sehr kleines bisschen. „Hier geht es ums Geschäft. Da nützt mein Charme auch nichts.“ Verdammt.

„Charme nützt auch im Geschäftsleben mehr, als du denkst“, klärte Cecily sie auf.

Samantha seufzte. „Du hast recht. Ich muss wohl rübergehen und mit dem neuen Filialleiter sprechen. Sweet Dreams ist ein wichtiger Bestandteil des Wirtschaftslebens in dieser Stadt. Es ist im Interesse aller, dass die Bank mit uns zusammenarbeitet, um uns durch diese Krise zu helfen.“ Das war genau das, was sie ihm sagen würde. Wenn auf lange Sicht alle davon profitierten, konnte man die Regeln zurechtbiegen.

Sie atmete noch einmal tief durch und redete sich ein, dass sie sich schon viel besser fühlte. Entsetzliche Lügnerin.

„Das klingt schon besser“, meinte Cecily aufmunternd.

„Und ich bringe ihm was aus dem Laden mit“, entschied Samantha. „Wer mag schließlich keine Schokolade?“

„Charme und Bestechung, die besten Freunde einer Geschäftsfrau.“

Das hoffte Samantha zumindest. Sie dankte ihrer Schwester für die Therapiestunde und rief dann über die Büroleitung Elena an.

„Geht es dir wieder besser?“, fragte die.

„Ja“, log Samantha. „Ruf unten bei Luke an und bitte ihn, den allerbesten Präsentkorb zusammenzustellen.“

Um zehn Uhr marschierte Samantha mit einem in Zellophan eingewickelten Präsentkorb, der bis zum Rand mit Köstlichkeiten aus Sweet Dreams Chocolates gefüllt war, in das Bankgebäude. Wenn das Blake Prestons Herz nicht zum Schmelzen brachte – na, dann besaß er kein Herz, das man zum Schmelzen bringen konnte.

Wenn man vom Teufel sprach … Da saß er, am Schreibtisch des Managers in der hintersten Ecke, ein Tackling Dummy mit sandfarbenen Haaren, eingezwängt in einen Anzug.

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