Logo weiterlesen.de
Liebessommer in Frankreich

Image

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Ein Team war nach Neapel geflogen, um Andreo über Venstar, seine jüngste Neuerwerbung, zu informieren.

Die Atmosphäre war angespannt, denn unter den Venstar-Managern befand sich kein Einziger, der nicht das Gefühl hatte, sein Job könne auf dem Spiel stehen. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Andreo D’Alessio sich in der Geschäftswelt einen Namen gemacht hatte, war legendär.

“Dies sollte Ihnen helfen, die einzelnen Mitglieder der Unternehmensleitung einzuordnen, wenn Sie uns in England besuchen.” Einer der Direktoren reichte ihm mit einem nervösen Lachen eine Firmenzeitschrift, die ein Foto der Führungsriege zeigte.

Andreo D’Alessio studierte kritisch das Titelbild. In der Reihe stand nur eine Frau, und er bemerkte sie nur deshalb auf den ersten Blick, weil sie die Aufnahme störte. Sie war sehr groß, und ihre gebeugte, unscheinbare Haltung erinnerte stark an ein scheues, mageres Giraffenjunges, das sich vergeblich bemühte, seine überlangen Beine zu verbergen. Dicke Brillengläser in einer schweren Fassung beherrschten ihr schmales, ernstes Gesicht. Was jedoch Andreos Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war ihr ungepflegtes Äußeres. Die wilde, ungebändigte Lockenmähne verlangte, dringend gebürstet zu werden. Stirnrunzelnd registrierte er, dass an ihrer schlecht sitzenden Jacke ein Knopf fehlte und der Saum an einem Bein ihrer formlosen Hose aufgerissen war. Er unterdrückte ein Schaudern. Da er selbst der Inbegriff kühler Eleganz war, brachte er wenig Toleranz für Menschen auf, die seinen hohen Ansprüchen nicht genügten.

“Wer ist diese Frau?”, erkundigte er sich.

“Frau?” wurde er ratlos gefragt.

Er musste auf das Foto deuten, bevor seine Begleiter begriffen, von wem er sprach.

“Ach, Sie meinen Pippa!”, rief schließlich ein Venstar-Manager, als hätte er erst jetzt erkannt, dass sich in ihren Reihen tatsächlich ein weibliches Wesen befand. “Pippa ist die Assistentin des Leiters unserer Finanzabteilung.”

“Wir betrachten sie nicht als Frau. Sie hat ein Gehirn wie ein Taschenrechner. Ein akademisches Wunderkind, das an nichts anderes denkt als an seine Arbeit”, warf ein zweiter Direktor bewundernd ein. “Sie geht völlig in ihrem Job auf und hat seit drei Jahren keinen freien Tag genommen.”

“Das ist ungesund”, erklärte Andreo missbilligend. “Gestresste und erschöpfte Angestellte bringen nicht die volle Leistung und machen Fehler. Die Dame braucht Urlaub. Der Personalchef sollte außerdem mit ihr ein Wort über ihr schlampiges Äußeres reden.”

Fassungsloses Schweigen. Bäuche wurden eingezogen und Jacketts geglättet, denn keiner der Männer war sicher, welcher Makel die gefährliche Bezeichnung “schlampig” ausgelöst hatte. Schlampig? War Pippa schlampig? Niemand hatte Pippa je lange genug angeschaut, um sie richtig wahrzunehmen. Sie war ein Zahlengenie und überaus tüchtig, und mehr wusste man nicht über sie.

Aber auch an manchen männlichen Führungskräften fand Andreo etwas auszusetzen. “Ich halte nichts von falscher Bescheidenheit bei der Garderobe, denn damit beeindruckt man keinen Kunden. Ich wünsche keine Jeans im Büro. Modisch dezente Kleidung zeugt von Disziplin und erweckt Respekt. Dieser Mann hier braucht einen Haarschnitt und ein neues Hemd.” Er tippte ungeduldig mit dem Finger auf einen der Abgebildeten. “Zeit, die man auf sein Erscheinungsbild verwendet, ist nie vergeudet.”

Fast alle Männer im Raum beschlossen, eine Diät zu machen, zum Friseur zu gehen und sich einen neuen Anzug zu kaufen. Andreo, mit seinen knapp einsfünfundneunzig, lebte schließlich vor, was er predigte. Schlank, athletisch und unleugbar souverän in einem Designeranzug von Armani, bot er einen so eindrucksvollen Anblick, dass die jüngeren Männer von dem Wunsch beseelt wurden, ihm nachzueifern. Ricky Brownlow allerdings war von seinem eigenen attraktiven Äußeren so überzeugt, dass er ein selbstzufriedenes Lächeln nicht verhehlen konnte. Er hatte gerade eine Möglichkeit gefunden, seine derzeitige Geliebte über Pippas Kopf hinweg zu befördern, ohne unnötige Kritik dafür zu ernten.

“Die Personalabteilung muss außerdem neue Prioritäten setzen. Ich erwarte eine rasante Verbesserung, was die Vergabe von Führungspositionen an Frauen betrifft”, fügte Andreo hinzu.

Als ihr direkter Vorgesetzter Ricky Brownlow Pippa in sein Büro bat und ihr die schlechte Nachricht überbrachte, traute sie ihren Ohren kaum. “Cheryl soll die neue Leiterin der Finanzabteilung werden?”, rief sie ungläubig.

Ricky nickte lässig, als gäbe es an dieser Entwicklung überhaupt nichts Sonderbares.

Cheryl Long? Die kichernde Brünette, die ihr derzeit zuarbeitete, sollte ihre Chefin werden? Pippa war wie betäubt. Immerhin hatte sie selbst seit fast drei Monaten das Ressort verantwortlich geleitet und die begründete Hoffnung gehabt, die Stellung auf Dauer zu behalten. Bis zu diesem Moment hatte sie nicht einmal geahnt, dass Cheryl sich um den Job beworben hatte.

“Ich dachte, ich sage Ihnen das, bevor die Personalabteilung es Ihnen offiziell mitteilt”, fuhr Ricky im Tonfall eines Mannes fort, der unendliche Gewissensqualen auf sich genommen hatte, um ihr einen Gefallen zu erweisen.

“Aber Cheryl hat keinerlei Qualifikationen und nur wenige Monate Erfahrung auf diesem Gebiet”, wandte Pippa verwirrt ein.

“Frisches Blut bringt Schwung und neue Impulse in die Firma.” Ricky sah sie so vorwurfsvoll an, dass sie errötete.

Pippa kehrte an ihren Schreibtisch zurück – eine schlanke junge Frau mit traurigen blauen Augen und widerspenstigen kastanienroten Locken, die streng aus dem Gesicht gekämmt am Hinterkopf von einem Clip zusammengehalten wurden. Ich könnte es verkraften, gegen einen besseren Bewerber den Kürzeren zu ziehen, sagte sie sich nachdrücklich. Oder bin ich bloß eine schlechte Verliererin? Da ihr Gewissen ausgeprägter war als das der meisten Menschen, schämte sie sich zutiefst, weil sie fürchtete, der Neid könnte an ihr nagen. Offenbar verfügt Cheryl Long über Talente, die mir nicht aufgefallen sind, tröstete sie sich.

Das angeregte Stimmengewirr um sie her erinnerte Pippa an die Party, die an diesem Abend zu Ehren von Andreo D’Alessio veranstaltet wurde. Sie unterdrückte ein Seufzen. Sie machte sich nichts aus Partys, und noch weniger mochte sie Betriebsfeste. Doch nun, da man ihr den Job verweigert hatte, von dem sie naiverweise geglaubt hatte, sie hätte ihn bereits in der Tasche, musste sie sich auf dem Fest zeigen, sonst dachten die Kollegen womöglich, sie würde Cheryl das Glück missgönnen.

Cheryl würde ihre Chefin werden. Pippa schluckte trocken. Gütiger Himmel, hatte sie irgendwo so gründlich gepatzt, dass sie ihre Aufstiegschancen ruiniert hatte? Falls dem so war, warum hatte man ihr nichts gesagt oder sie zumindest auf ihren Fehler hingewiesen? Cheryl würde ihre Chefin werden. Cheryl, die Pippa mehrmals wegen ihrer übertrieben langen Mittagspausen und schlechten Arbeit hatte tadeln müssen? Cheryl, die den halben Tag mit Schwatzen zu verbringen schien und den Rest der Zeit mit jedem verfügbaren Mann flirtete? Cheryl, die glücklicherweise heute frei hatte …

Pippa versank immer tiefer in einem Schockzustand. Sie war von der Vorschule bis zum Universitätsabschluss streng kontrolliert worden, und stets hatte man von ihr überragende Ergebnisse verlangt. Rückschläge oder Versagen jeglicher Art stürzten sie daher in schreckliche Selbstvorwürfe und Zweifel. Irgendwie, irgendwo hatte sie die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt, davon war sie überzeugt …

“Ich wünschte, er würde sich viel häufiger in der Öffentlichkeit zeigen und wir hätten ein besseres Foto von ihm.” Jonelle, eine der Sachbearbeiterinnen, seufzte verzückt auf. “Wir werden ja sehen, ob er seinem außergewöhnlichen Ruf gerecht wird, wenn er heute Abend leibhaftig auf der Party erscheint.”

Ihre Kollegin kicherte. “Es heißt, er habe seiner letzten Freundin diamantenbesetzte Handschellen gekauft …”

Pippa brauchte nicht zu fragen, um wen sich die Diskussion drehte. Andreo D’Alessios Eskapaden als internationaler Playboy, Finanzgenie und Frauenheld waren allesamt ausführlich dokumentiert, obwohl er sich redlich bemühte, nicht fotografiert zu werden. Sie lächelte verächtlich. Der Mann, der ihr mit Diamanten besetzte Handschellen schenkte, würde sich gleich darauf beim Fallschirmspringen wiederfinden – allerdings ohne Fallschirm. Allerdings würde ihr wohl nie ein Mann irgendein wie auch immer geartetes Sexspielzeug mit Diamanten verehren, und sie war zum Glück nicht der Typ, der das andere Geschlecht zu solch perversen Präsenten inspirierte. Es bereitete ihr bereits Übelkeit, mit anhören zu müssen, wenn andere Frauen von einem Mann schwärmten, für den sie nichts anderes waren als ein amüsanter Zeitvertreib.

“Ich wette, er ist ein absoluter Schatz.” Jonelles hübsches Gesicht wirkte plötzlich verträumt. “Ein Wahnsinnsmann …”

“Und ich wette, er ist klein und dick wie sein verstorbener Vater”, warf Pippa ironisch ein. “Die Publicity meidet er nur, weil es ihm gefällt, wenn man ihn für größer und attraktiver hält, als er tatsächlich ist.”

“Vielleicht ist der arme Kerl es einfach leid, ständig wegen seiner Millionen gejagt zu werden”, erwiderte Jonelle missbilligend.

“Und vielleicht würde man ihn gar nicht jagen, wenn er keine hätte”, spottete Pippa.

Am späten Vormittag wurde sie zu einem Personalgespräch gerufen. Zum zweiten Mal wurde ihr mitgeteilt, dass ihre Bewerbung um die Position des Finanzmanagers abgelehnt worden war. Obwohl sie Ricky Brownlow für die Vorwarnung insgeheim dankbar war, wunderte sie sich über seine Geste. Als sie sich erkundigte, ob es irgendwelche Beschwerden über ihre Arbeit gegeben habe, beeilte sich der ältere Mann, sie zu beruhigen.

“Und das spricht für Sie, wenn man die Ereignisse der letzten Monate bedenkt”, fuhr der Personalchef mitfühlend fort.

Bei dieser Anspielung auf den Tod ihres Vaters im Frühjahr senkte Pippa den Kopf. “Zum Glück hatte ich meine Arbeit, um mich abzulenken.”

“Ist Ihnen klar, dass Sie seit mehreren Jahren keinen Urlaub mehr hatten?”

Sie zuckte die Schultern. “Ja.”

“Ich wurde gebeten, dafür zu sorgen, dass Sie vom Ende des Monats an mindestens drei Wochen im Stück nehmen.”

“Drei Wochen?”, wiederholte sie fassungslos.

“Ich wurde außerdem ermächtigt, Ihnen eine Auszeit von sechs oder zwölf Monaten anzubieten.”

“Eine Auszeit? Ist das Ihr Ernst?”, rief sie entsetzt.

Unbeeindruckt von Pippas schockierter Reaktion, begann er, fast lyrisch von den Vorzügen einer längeren Arbeitspause zu schwärmen. Er erinnerte sie daran, dass sie unmittelbar nach dem Schulabschluss das Studium begonnen und wenige Tage nach dem Examen ihren Job bei Venstar angetreten hatte.

“Sie sind noch lange nach Feierabend im Büro …”

“Aber ich arbeite gern spät.”

“Trotzdem bin ich sicher, dass Sie den Stressabbau während Ihres Urlaubs genießen und die Möglichkeit in Betracht ziehen werden, die Ferien zu verlängern. Bedenken Sie nur, wie erfrischt Sie dann an Ihren Arbeitsplatz zurückkehren würden.”

Stressabbau? Pippa überlegte, ob sie deshalb die Beförderung nicht bekommen hatte. Wirkte sie gestresst auf die Kollegen? Reizbar? Oder mangelte es ihr an Führungsqualitäten? Es musste doch einen Grund für ihr Scheitern geben. Wie auch immer, man ließ ihr nicht einmal die Wahl, ob sie Urlaub nahm oder nicht, und das machte sie nervös. Warum jetzt und nicht vorher? Befürchtete man, sie würde sich vielleicht den veränderten Verhältnissen in der Finanzabteilung nicht so gut anpassen?

Zutiefst verunsichert über den Verlust jeglichen Selbstvertrauens, arbeitete sie die Mittagspause durch, und als sie gegen drei aufblickte, bemerkte sie verwundert, dass die Tische ringsum leer waren.

“Wo sind die anderen?”, fragte sie Ricky Brownlow, der an der Tür zu seinem Büro auftauchte.

“Sie sind früher gegangen, um sich für die Party zurechtzumachen. Sie sollten auch nach Hause fahren.”

Pippa unterbrach nur ungern ein Projekt, aber dann dachte sie an die Ereignisse des Tages und den Urlaub, den man ihr aufgedrängt hatte. Es war eine schmerzliche Lektion über die Tatsache gewesen, dass sie nicht unentbehrlich war. Sie stand auf und nahm ihre Tasche. Erst als sie unten in der Halle war, merkte sie, dass es draußen in Strömen regnete und sie bei ihrem überstürzten Aufbruch ihren Mantel vergessen hatte.

Da sie keine Lust hatte, auf den Lift zu warten, lief sie die Treppe hinauf. In der Finanzabteilung war es still. Sie wollte gerade ihren Mantel aus dem Schrank holen, als Ricky Brownlows Stimme aus seinem Büro drang.

“Als ich in Neapel war, hat Andreo D’Alessio sehr deutlich gemacht, dass er schöne und sinnliche Frauen in seiner Umgebung wünscht”, erklärte Ricky scheinbar betrübt. “Er warf einen entsetzten Blick auf das Foto unserer Pippa Platt, und es war klar, dass sie seinen Ansprüchen an eine Führungskraft niemals genügen würde. Deshalb habe ich Cheryls Bewerbung unterstützt. Okay, Cheryl ist nicht so qualifiziert, aber sie ist wesentlich ansehnlicher …”

Pippa war wie gelähmt. Pippa … Pippa Platt?

“Pippa Stevenson ist eine ausgezeichnete Angestellte”, entgegnete eine andere Männerstimme kalt. Sie gehörte einem der älteren Manager.

“Sie ist in einem Hinterzimmer zweifellos gut aufgehoben, aber selbst ihre beste Freundin würde sie nicht als Augenweide bezeichnen. Außerdem hat sie die Persönlichkeit einer toten Katze.” Ricky Brownlows boshafter Unterton erschreckte Pippa bis ins Mark. “Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass wir uns einen Gefallen tun würden, wenn wir D’Alessios sexistische Vorlieben ignorieren und ihm an seinem ersten Tag bei uns Pippa Platt präsentieren würden.”

Erschüttert über das soeben Gehörte und von der Angst beseelt, man könne sie beim Lauschen ertappen, huschte Pippa hinaus auf den Flur und floh ohne ihren Mantel. Durch diesen kurzen Dialog hatte sie erfahren, warum Cheryl statt ihrer Venstars neue Finanzmanagerin wurde. Pippa Platt? Übelkeit befiel sie. Ricky Brownlow hatte es auf den Punkt gebracht: Im Gegensatz zu ihr, Pippa, war Cheryl äußerst attraktiv und beliebt bei Männern. Die üppigen Kurven der Brünetten hatten die Entscheidung stärker beeinflusst als ihre Fähigkeiten.

Die Demütigung schlug Pippa auf den Magen, sie kämpfte mit den aufsteigenden Tränen. Es war unfair. Der Job war wie geschaffen für sie, und sie hatte verdammt hart für den Aufstieg gearbeitet. Niemand hatte das Recht, einen anderen Menschen nach seinem Äußeren zu beurteilen. Es war im höchsten Maß falsch, verstieß gegen sämtliche Grundsätze des Personalwesens, und eigentlich verdiente Venstar es, für diese schäbige Behandlung verklagt zu werden.

Selbst ihre beste Freundin würde sie nicht als Augenweide bezeichnen … Pippa Platt? War das eine Tatsache? Ricky würde bestimmt niemals glauben, dass ihr als Fünfzehnjähriger ein lukrativer Vertrag von einer Modelagentur angeboten worden war. Natürlich war ihr Vater bei der bloßen Vorstellung außer sich geraten, seine Tochter könnte eine, wie er es nannte, geistig anspruchslose Karriere anstreben. In den folgenden acht Jahren hatte Pippa jedoch die Erinnerung an jenen Tag gehütet, an dem sie gegen Martin Stevensons strenge Befehle rebelliert hatte. Sie war heimlich zu der Agentur gegangen und hatte sich schminken und frisieren lassen. Fasziniert hatte sie miterlebt, wie Kosmetik und geschickt gewählte Garderobe sie aus einer blassen, mageren Bohnenstange in eine strahlende, langbeinige Schönheit verwandelt hatten. Dann hatte jedoch der alte, lüsterne Fotograf sie belästigt, und sie war nach Hause geflohen, fest davon überzeugt, dass ihr Vater über die gefährliche Verderbtheit der Modebranche die Wahrheit gesagt hatte.

Warum sollte sie nicht versuchen, zumindest einen Teil dieser wundersamen Verwandlung zu ihrem Vorteil zu wiederholen? Sie könnte perfekt gestylt auf der Party erscheinen, um Ricky Brownlow und den versnobten Macho Andreo D’Alessio eines Besseren zu belehren. Wie konnte ein Mann nur so dumm sein, selbst im geschäftlichen Bereich Schönheit höher zu bewerten als Intelligenz?

Obwohl der Regen sie bis auf die Haut durchnässte, blieb Pippa auf der Straße stehen und rief mit dem Handy ihre Freundin Hilary an. Hilary Ross war Friseurin, und auf die Frage hin, ob sie Pippa in letzter Minute zu einer Haarrettungsaktion einplanen könne, schnappte sie empört nach Luft.

“Wirst du endlich eitel? Oder ist schon Weihnachten oder so?”

“Oder so”, erwiderte Pippa unbehaglich. “Ich gehe heute Abend aus – es ist wirklich wichtig.”

Hilary hatte ein Herz in der Größe des Erdballs und forderte sie auf, sofort vorbeizukommen. Dann schalt sie Pippa, weil diese es für nötig befunden hatte, ihre älteste Freundin um einen Termin zu bitten. “Zumal du nur ein Mal im Jahr etwas für dein Haar tust”, fügte sie scherzhaft hinzu.

Pippa fuhr mit der U-Bahn nach Hounslow, einem Vorort westlich von London, in dem Hilary ihren Salon hatte. Eingezwängt zwischen anderen Passagieren, gestand sie sich ihre Erleichterung darüber ein, dass ihr Vater nicht mehr lebte und sich wegen der gescheiterten Bewerbung schämen konnte. Aber wann ist es mir je gelungen, seine Erwartungen zu erfüllen und ihn stolz auf mich zu machen? fragte sie sich bekümmert.

Sie dachte an jenen Sommer vor sechs Jahren, der das Leben ihrer Familie zerstört hatte. Sie war erst siebzehn gewesen, als ihre Eltern und drei andere Familien zum letzten gemeinsamen Urlaub in die Dordogne gereist waren. Ihre Freundschaft mit Hilary Ross reichte bis in die Kindheit zurück. Die Ross’ hatten zur Gruppe gehört, die nach Frankreich gefahren war, und da der Urlaub ein jährlich wiederkehrendes Ereignis war, bestand kein Grund zu der Annahme, dass der diesjährige sich vom vorherigen unterscheiden würde. Aber in diesem besonderen Sommer war alles schief gegangen, was nur hatte schief gehen können. Es war eine für alle Beteiligten schreckliche Zeit gewesen, doch niemand hatte den Mut gehabt, es laut auszusprechen, und so hatten die Spannungen fast sechs Wochen angedauert.

Kurz nach ihrer Ankunft in Frankreich hatte ihre damals beste Freundin Tabby einen heftigen Flirt mit einem Franzosen aus der Gegend begonnen und in ihrer Verliebtheit Pippas Existenz während des restlichen Aufenthaltes kaum noch wahrgenommen. Während dieser Wochen war Pippas Herz gebrochen und ihr Selbstvertrauen endgültig untergraben worden, ohne dass die anderen etwas bemerkt hätten.

Doch das entscheidende, alles auf den Kopf stellende Ereignis jener fatalen Ferien war der furchtbare Autounfall, durch den Pippas Mutter ums Leben gekommen und ihr Vater im Rollstuhl gelandet waren. Tabbys Vater, Gerry Burnside, hatte sich betrunken ans Steuer gesetzt und das Unglück verursacht, bei dem die Leben all seiner Freunde ruiniert worden waren. Pippa hatte ihrer Mutter stets näher gestanden als ihrem strengen, anspruchsvollen Vater, und sie war über den plötzlichen Tod ihrer Mutter völlig verzweifelt gewesen. Vor dem Unfall hatte ihr Vater Naturwissenschaften unterrichtet und viel Sport getrieben, er hatte sich mit seiner Behinderung nie abgefunden.

Hinzu kam, dass Martin Stevenson als junger Mann davon geträumt hatte, Arzt zu werden, doch leider war er bei den Prüfungen knapp gescheitert. Schon in Pippas Geburtsstunde hatte ihr Vater beschlossen, dass seine Tochter seinen Traum verwirklichen und Ärztin werden sollte. Von klein auf war sie zu schulischen Höchstleistungen angespornt worden. Doch durch die Folgen des grauenhaften Autounfalls, der auch das Leben von Tabbys Vater, Hilarys Eltern und Jens sowie Pippas Müttern gefordert hatte, war Pippa so traumatisiert, dass sie ihrem Vater mitteilte, eine Karriere in der Medizin sie ihr zuwider.

Die bittere und unerschütterliche Enttäuschung ihres Vaters war fast mehr gewesen, als Pippas Gewissen ertragen konnte, und seine Sticheleien hatten ihr das Leben schwer gemacht. Trotzdem hatte sie ihn fast sechs Jahre lang allein gepflegt. Aber sosehr sie sich auch angestrengt hatte, ihn mit guten Noten in den Wirtschaftskursen zu besänftigen, die sie belegt hatte, und trotz der liebevollen Fürsorge, mit der sie ihn zu Hause umhegte, hatte er ihr nie verziehen, dass sie die Chance, Ärztin zu werden, ausgeschlagen hatte.

Wenn sie daran dachte, wie sehr sie früher Frankreich geliebt hatte, konnte sie kaum fassen, dass sie das Geburtsland ihrer Mutter nach deren Tod nicht mehr besucht hatte. Sie war sogar Tabbys Hochzeit unter einem Vorwand fern geblieben. Glücklicherweise brachte Tabbys Mann Christien seine Frau regelmäßig nach London, sodass Pippa den Kontakt mit ihrer Freundin hatte aufrechterhalten können. War es nicht höchste Zeit, dass sie endlich den Tod ihrer Mutter verarbeitete und Tabby und Christien auf Duvernay besuchte, dem herrlichen Familiensitz in der Bretagne? Wie oft hatte ihre Freundin sie schon eingeladen? Pippas Gewissen regte sich. Sollte sie nicht wenigstens einen Teil des ihr aufgezwungenen Urlaubs bei Tabby in Frankreich verleben?

“Oh nein, heute ist der Tag, an dem du schon mittags schließt – das habe ich völlig vergessen.” Pippa stöhnte bedauernd, als Hilary sie an der Tür zu ihrem winzigen Apartment empfing und über den Flur in den Frisiersalon begleitete, der leer und still war. “Warum hast du mich nicht daran erinnert?”

Hilary war klein und zierlich, mit großen grauen Augen und stacheligem blondem Haar, dessen leicht bläulicher Schimmer perfekt zu ihrem T-Shirt passte. Obwohl sie nur ein Jahr jünger war als Pippa, wirkte sie keinen Tag älter als achtzehn. Sie lächelte. “Machst du Witze? Sehe ich so geduldig aus? Du hast endlich eine Verabredung, und ich will wissen, wer der Glückliche ist.”

“Es gibt keinen Glücklichen. Heute Abend findet die große Party für den neuen Geschäftsführer statt.”

“Aber du hast am Telefon so atemlos geklungen, dass ich dachte, du wärst aufgeregt …”

“Nicht aufgeregt, sondern durcheinander”, erwiderte Pippa gereizt. “Ich hatte Ärger im Job und bin auf die Nase gefallen.”

“Was, um alles in der Welt …?”

“Ich habe den Job nicht bekommen”, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme, und dann brach die ganze traurige Geschichte aus ihr heraus.

Hilary hörte schweigend zu, dann ging sie in die kleine Teeküche und holte eine Flasche Brandy heraus, die ihr jemand zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie goss einen großzügigen Schuss in ein Glas und reichte es Pippa.

“Nein, danke, du weißt, ich trinke nicht”, lehnte Pippa ab.

“Du bist weiß wie die Wand und brauchst eine Stärkung.” Hilary schob sie zu einem Stuhl vor einem Waschbecken. “Du willst ihnen also heute Abend bei Venstar den Atem rauben.”

“Schön wär’s.” Pippa rümpfte die Nase und nahm einen tiefen Schluck. Der Alkohol rann ihr wie flüssiges Feuer durch die Kehle. Gleich darauf breitete sich wohlige Wärme in ihr aus.

Wärmend und tröstlich wie das Mitgefühl ihrer Freundin. Plötzlich war sie unbeschreiblich froh, dass sie vor einigen Monaten die bissigen Kommentare ihres Vaters ignoriert und zum ersten Mal ein Klassentreffen besucht hatte. Da Tabby endgültig nach Frankreich übergesiedelt war, hatte Pippa sich gefreut, Hilary wiederzusehen, die ebenfalls in London wohnte. Nach dem tragischen Unfall hatten ihre Wege sich getrennt, und Pippa und Tabby hatten den Kontakt zu Hilary und Jen Tarbert verloren, der vierten Freundin aus Teenagerzeiten.

“Du würdest ihnen sogar mit verbundenen Augen die Sprache verschlagen”, versicherte Hilary nachdrücklich und verdrängte die unfreundlichen Gedanken über Pippas verstorbenen Vater. Es ließ sich jedoch nicht leugnen, dass Pippa bereits als Kind unter der scharfen Zunge ihres Vaters hatte leiden müssen, und er hatte ganze Arbeit geleistet, was das Selbstvertrauen seiner Tochter betraf.

Während Hilary ihr das Haar wusch, erkundigte Pippa sich nach Emma, der jüngeren Schwester ihrer Freundin. “Wie geht es ihr?”

Hilary berichtete unbefangen über ihre geliebte Schwester, dann fragte sie: “Möchtest du, dass ich mich auch um dein Make-up kümmere?”

“Wenn du nichts dagegen hast …”

“Im Gegenteil. Ich liebe es, meine Kundinnen zu schminken.”

“Nun, dann tu dein Bestes.”

“Bei einem so ebenmäßigen Gesicht wie deinem ist es nicht schwer.” Als Pippa zusammenzuckte, drückte Hilary ihr einen weiteren Drink in die Hand, bevor sie sie nach oben in ihr enges Apartment scheuchte.

“Ich muss schnell nach Hause, um mich umzuziehen”, protestierte Pippa.

“Dazu ist keine Zeit mehr. Du wirst ohnehin zu spät kommen.” Hilary eilte ins Zimmer ihrer Schwester, durchstöberte deren Schrank und kehrte mit einem engen türkisfarbenen Kleid zurück.

“Ich kann mir doch nichts von deiner Schwester borgen”, wandte Pippa ein.

“E

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Schöner als jeder Traum" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen