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Schöne, rätselhafte Becca

1. KAPITEL

Trace Bowman liebte Pine Gulch über alles. Aber auch er musste zugeben, dass seine Stadt an einem kalt-grauen, verregneten Tag wie diesem, der alle Farben und Konturen verwischte, keinen guten Eindruck machte.

Sogar die Weihnachtsdekorationen, die selbst bei einem Zyniker wie ihm eine romantische Saite zum Klingen brachten, wirkten im bleichen Licht des tristen Novembermorgens nur abgedroschen und kitschig. Er parkte seinen SUV vor The Gulch, dem Lokal, in dem sich die ganze Stadt zu treffen pflegte.

Vermutlich würde der Graupelregen, der von Markisen und Dachrinnen tropfte, am späten Nachmittag oder früher in Schnee übergehen. Um diese Jahreszeit, eine Woche nach Thanksgiving, war Schnee in Pine Gulch, Idaho, östlich der Rocky Mountains gelegen, ohnehin die Regel und nicht die Ausnahme.

Gähnend bewegte er den Kopf hin und her, um die Verspannungen zu lockern und die Müdigkeit zu vertreiben. Nach drei Tagen Doppelschicht konnte er es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, ein dickes Holzscheit auf das Feuer zu legen, ins Bett zu kriechen – und am liebsten eine Woche lang zu schlafen.

Doch erst einmal musste er etwas essen. Gestern Abend hatte er sein letztes Sandwich verspeist. Jetzt, zwölf Stunden und einige wetterbedingte Verkehrsunfälle später, freute er sich auf eine von Lou Archuletas’ köstlichen Zimtrollen. Sein Bett konnte noch eine halbe Stunde warten.

Eine wohltuende Wärme und der Duft von gebratenem Speck sowie frisch gebrühtem Kaffee kamen ihm entgegen, als er das Lokal betrat, das von den Bildern an den Wänden bis zu den Drehstühlen an der altmodischen Theke exakt dem Klischee einer Kleinstadtkneipe entsprach. Ein Ort der Tradition und Beständigkeit. Würde er fortziehen und nach zwanzig Jahren zurückkehren, hätte sich im Gulch wahrscheinlich immer noch nichts verändert.

„Morgen, Chef!“ Jesse Redbear saß an einem der Tische, die für Stammgäste reserviert waren.

„Hallo, Jesse.

„Hi, Boss!“

„Morgen, Boss!“

Die Begrüßungen kamen von Mick Malone, Sal Martinez und Patsy Halliday, die am selben Tisch saßen. Er hätte sich zu ihnen quetschen können. Stattdessen entschied er sich für einen Platz an der Bar und winkte ihnen nur kurz zu.

Langsam ließ er seinen Blick durch das Lokal schweifen – eine Angewohnheit, die er aus seiner Zeit bei der Armee beibehalten hatte und die ihm oft zugutekam. Bis auf ein Paar, das wohl im Hotel wohnte, und ein Mädchen, das in einer Ecke in ein Buch vertieft war, kannte er jeden. Die Kleine schien so alt zu sein wie seine Nichte Destry, und er wunderte sich, was ein neunjähriges Mädchen um halb acht morgens an einem Schultag allein im Gulch machte.

Dann entdeckte er eine schlanke Frau, die mit einem Rechnungsblock an einem der weiter entfernten Tische stand. Seit wann gab es hier eine neue Bedienung? Er war zwar länger nicht mehr hier gewesen, weil er die Schichten für einen Kollegen übernommen hatte, der gerade Vater geworden war. Soweit er wusste, kam Donna Archuleta, die Frau des Besitzers, vormittags ganz gut allein zurecht. Gut möglich, dass sie ein bisschen kürzertreten wollte. Schließlich war sie mittlerweile auch schon siebzig.

„Hallo, Boss!“ Lou Archuleta, der Koch und Donnas Mann, stand am Herd und begrüßte ihn, ehe Trace sich bei Donna nach dem einsamen Mädchen und der neuen Kellnerin erkundigen konnte. „Lange Nacht gehabt?“

Woher wusste Lou, dass er die ganze Nacht gearbeitet hatte? Stand es auf seiner Stirn geschrieben? Vielleicht schloss er es auch nur aus seinen schmutzigen Stiefeln und seiner erschöpften Miene.

„Kann man wohl sagen. Der Eisregen hat für ein paar schwere Unfälle gesorgt. Ich musste die Kollegen von der Bundespolizei unterstützen.“

„Dann solltest du jetzt aber schleunigst ins Bett.“ Unaufgefordert schob Donna eine Tasse Kaffee vor ihn hin.

„Das hatte ich auch vor. Aber mit vollem Bauch schläft man besser.“

„Was darf’s denn sein?“ Von den vielen Zigaretten klang ihre Stimme ganz rau. Immerhin hatte sie sich das Rauchen inzwischen abgewöhnt. „Das Übliche – ein Kräuteromelett?“

Er schüttelte den Kopf. „Lieber was Süßes. Hat Lou noch ein paar Rosinenbrötchen übrig behalten?“

„Ich denke, für einen meiner Lieblingskunden lässt sich da bestimmt was machen.“

„Danke.“

Er ließ sich auf einen Barhocker fallen und nahm die neue Kellnerin genauer in Augenschein. Sie war schlank und hübsch und hatte ihr dunkles Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Ihre Bluse schien maßgeschneidert zu sein und sah recht teuer aus. Ebenso wie die Jeans, die ihre Rundungen vorteilhaft betonten. Die Hand, mit der sie die Kaffeekanne hielt, war zierlich, und ihre Fingernägel waren sehr gepflegt.

Wieso servierte jemand, der sich Designerjeans leisten konnte, Kaffee im Gulch?

Und nicht einmal besonders gut, wie er bemerkte, denn sie verschüttete einiges auf Ronny Haskells Untertasse. Ronny schien es nichts auszumachen. Er lächelte, die Augen in Höhe ihrer Brüste.

„Möchtest du lieber was anderes trinken?“ Donna bemerkte, dass Trace seine Tasse nicht anrührte.

„Ehrlich gesagt brauche ich eher Schlaf als Koffein. Gib mir einen kleinen Orangensaft.“

„Klar, daran hätte ich denken müssen. O-Saft kommt sofort.“

Sie ging zu der Durchreiche, um die Bestellung an ihren Mann weiterzugeben. Eine Minute später setzte sie das Glas mit leicht zitternder Hand auf die Theke. Einmal mehr wurde Trace bewusst, dass Donna und Lou älter wurden. Vielleicht hatten sie deshalb eine Kellnerin eingestellt.

„Viel zu tun heute Morgen“, sagte er zu Donna, als sie mit den Rosinenbrötchen zurückkehrte.

„Normalerweise verbringen die Leute Tage wie diese lieber gemütlich zu Hause vor dem Kamin. Heute dagegen scheinen sich alle hier zu versammeln.“

„Ist doch gut fürs Geschäft“, entgegnete er.

Die neue Kellnerin trat an die Durchreiche und gab eine Bestellung an Lou weiter, ehe sie zu den Tischen zurückeilte, um neue Wünsche entgegenzunehmen.

„Wer ist denn das frische Blut?“, fragte er mit einer Kopfbewegung in ihre Richtung.

Donna schmunzelte. „Sie heißt Parsons. Rebecca Parsons. Aber nenn sie bloß nicht Becky. Sie will Becca genannt werden. Sie hat das Haus von Wally Taylor geerbt. Ist wohl seine Enkelin.“

Deshalb war sie also hier. Auf einmal sah er die Frau mit anderen Augen an. Wally hatte nie von einer Enkelin gesprochen. Offenbar hatte ihr der alte Mann nicht viel bedeutet. In den letzten Jahren war Trace praktisch der Einzige gewesen, der Kontakt zu ihm gehabt hatte. Wenn er ihn nicht mehrmals in der Woche besucht hätte, hätte Wally wochenlang mit keiner Menschenseele geredet.

Trace war es auch, der ihn gefunden hatte. Da er ihn ein paar Tage lang nicht mit seiner kläffenden Promenadenmischung namens Grunt im Garten gesehen hatte, war er in sein Haus gegangen. Wally hatte tot im Schaukelstuhl gesessen, und Grunt saß winselnd zu seinen Füßen, während der Fernseher noch lief.

Offenbar war seine Enkelin zu beschäftigt gewesen, um sich um ihn zu kümmern. Doch sie hatte keine Sekunde gezögert, in sein Haus zu ziehen.

„Ist das ihre Tochter?“, wollte er von Donna wissen.

Sie warf einen kurzen Blick zu dem Tisch hinüber, an dem das Mädchen saß, noch immer in seine Lektüre vertieft. „Ja. Gabrielle. Ein französischer Name. Ziemlich ungewöhnlich, nicht? Ich habe Becca gesagt, wenn die Kleine brav ist, kann sie hier so lange warten, bis die Schule anfängt. Sie ist zum zweiten Mal hier, und sie hat nicht einmal von ihrem Buch aufgeschaut. Nicht einmal für die Schokolade hat sie sich bedankt, die ich ihr spendiert habe – mit extra viel Sahne.“ Offenbar betrachtete sie das als persönliche Beleidigung.

Trace musste grinsen. „So sind Kinder nun mal.“

Donna musterte ihn durchdringend. „Da stimmt was nicht.“

Sie ließ ihn mit ihrem Frühstück allein, um sich um neue Gäste zu kümmern. Im Spiegel über der Bar beobachtete er die neue Kellnerin. Besonders geschickt war sie nicht. Innerhalb kürzester Zeit brachte sie zwei Bestellungen durcheinander und schenkte dem alten Bob Whitley, dem der Arzt Koffein strengstens verboten hatte, normalen statt koffeinfreien Kaffee ein. Aber woher sollte sie das auch wissen?

Seltsamerweise vermied sie es, Trace in die Augen zu schauen, doch er wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn verstohlen beobachtete. Vielleicht sollte er sich vorstellen. Für ihn war es mehr als eine Geste der Höflichkeit. Neu Zugezogene sollten wissen, dass der Polizeichef ein wachsames Auge auf jeden hatte. Allerdings brachte er keine allzu freundlichen Gefühle gegenüber jemandem auf, der einen Verwandten einfach so sterben ließ – nur in der Gesellschaft eines Hundes.

Die Entscheidung wurde ihm wenige Minuten später abgenommen, als ihr das Geschirr, das sie von einem Tisch in seiner Nähe abgeräumt hatte, vom Tablett rutschte. Gläser und Tassen zerbrachen klirrend auf dem Fußboden.

„Oh, Mist“, fluchte die Kellnerin.

Unwillkürlich musste Trace grinsen. Er rutschte vom Barhocker. „Kann ich helfen?“, fragte er.

„Danke. Ich …“ Sie sah vom Boden auf, betrachtete seine Jeans und ließ den Blick höher wandern. Als sie ihn erkannte, wurde ihr freundlicher Blick abweisend, als hätte er ihr die Gläser persönlich vom Tablett gefegt.

Er glaubte, einen Anflug von Panik wahrzunehmen. Sofort war seine Neugier geweckt.

„Ich schaffe das allein. Danke, Officer.“ Ihre Stimme war genauso kalt wie der Schneeregen, der vor dem Fenster auf die Straße fiel.

Trotz ihres Protests hockte er sich neben sie und begann, die Glasscherben einzusammeln. „Kein Problem. Diese Tabletts können ganz schön rutschig sein.“

Er kam ihr so nahe, dass ihm ihr Duft in die Nase stieg – etwas Frisches und Blumiges, das ihn an eine Bergwiese an einem Julinachmittag erinnerte. Sie hatte einen geschwungenen Mund, und einen verrückten Moment lang verspürte er den Wunsch, eine Locke, die ihr in die Stirn gefallen war, beiseitezuschieben und diesen Mund zu küssen. Vermutlich sollte er weniger Zeit bei der Arbeit und mehr in Gesellschaft des anderen Geschlechts verbringen, wenn er schon auf solche Gedanken bei einer Frau kam, die ihm eigentlich unsympathisch war, egal, wie gut sie aussah. „Ich bin Trace Bowman. Sie sind wohl neu in der Stadt.“

Sie antwortete nicht sofort, und er konnte förmlich spüren, wie sich ihre Gedanken überstürzten. Warum zögerte sie? Und warum lag in ihrem Blick ein gewisses Unbehagen? Offenbar fühlte sie sich in seiner Gegenwart unwohl. „Ja. Wir sind erst ein paar Wochen hier“, antwortete sie schließlich.

„Ich habe gehört, dass Wally Taylor Ihr Großvater war.“

„Ja.“ Sie klang immer noch abweisend.

„Der alte Wally war ein komischer Kauz. Ein Einzelgänger, aber ich habe ihn gemocht. Er hat mit seiner Meinung nie hinterm Berg gehalten – und aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht.“

„Davon weiß ich nichts.“ Sie wich seinem Blick aus. Er legte den Kopf schräg. Sah sie auf einmal traurig aus? Was steckte dahinter? Vor Jahren hatte es einmal geheißen, dass Wally und sein einziger Sohn sich auseinandergelebt hatten. Falls das so war, wäre es unfair, der Tochter des Sohnes Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht um ihren Großvater gekümmert hatte.

Er sollte sich mit Urteilen zurückhalten, solange er die Frau nicht kannte. Daher beschloss er, sie genauso freundlich zu behandeln wie alle Menschen in Pine Gulch. „Na ja, ich arbeite ganz in der Nähe – in dem weißen Haus mit dem Schindeldach – falls Sie oder Ihre Tochter irgendwelche Hilfe brauchen.“

Sie schaute kurz zu dem Mädchen hinüber, das immer noch mit seinem Buch beschäftigt war. „Vielen Dank. Sehr freundlich von Ihnen, Officer. Ich werde daran denken. Und danke, dass Sie mir beim Aufsammeln der Scherben geholfen haben. Ich hoffe, dass ich mich bald nicht mehr so ungeschickt benehme.“

„Bestimmt nicht.“ Lächelnd legte er die letzte Glasscherbe auf das Tablett.

Sie erwiderte sein Lächeln nicht, doch er hatte den Eindruck, dass sie etwas von ihrem Misstrauen verloren hatte, als sie an die Durchreiche trat, um eine weitere Bestellung von Lou entgegenzunehmen.

Vielleicht sollte er ein paar Erkundigungen über sie einziehen. Warum musste eine Frau, die offensichtlich überhaupt keine Erfahrung als Kellnerin hatte, aber schicke Klamotten und teuren Schmuck trug, ihr Geld in einer Kneipe verdienen? War sie auf der Flucht? Vor einer kaputten Ehe? Einem gewalttätigen Ehemann?

Rund um die Feiertage gab es häufiger Familienstreitereien, zu denen er als Schlichter gerufen wurde. Darüber wollte er jetzt lieber nicht nachdenken. Das kleine Mädchen sah zu klug und unschuldig aus, um mit so hässlichen Dingen konfrontiert zu werden. Und die Mutter eigentlich auch.

Rebecca Parsons. Becca. Nicht Becky. Eine faszinierende Frau. So eine hatte er schon lange nicht mehr in Pine Gulch gesehen.

Er nippte an seinem Saft und beobachtete sie dabei, wie sie Jolene Marlow Eier und Speck servierte. Kurz darauf stand sie wieder an der Durchreiche und entschuldigte sich bei Lou. Die Kundin habe Würstchen verlangt, doch sie habe vergessen, es aufzuschreiben.

„Hat sie eigentlich schon mal gekellnert?“, wollte Trace von Donna wissen und deutete mit dem Kopf zu Becca, die gerade einem anderen Gast Kaffee nachschenkte.

Donna seufzte. „Ich glaube nicht. Sie wird bestimmt besser.“ Stirnrunzelnd fuhr sie fort: „Du solltest bei ihr nicht den Polizisten heraushängen lassen. Ich glaube, sie hat eine schwere Zeit durchgemacht.“

„Wie kommst du darauf?“

Donna vergewisserte sich, dass Becca und das Mädchen außer Hörweite waren, ehe sie mit unterdrückter Stimme fortfuhr: „Als sie vor drei Tagen hier angekommen ist, hat sie praktisch um einen Job gebettelt. Sie bräuchte etwas, um während der nächsten Wochen über die Runden zu kommen, und fragte, ob wir einen Ferienjob für sie hätten. Sie war klug genug, mit Lou anstatt mit mir zu reden. Hat wohl sofort erkannt, dass er der Weichere ist.“

Trace hütete sich, ihr seine Meinung zu diesem Thema zu verraten. Er musste Donna wohl kaum an die vielen kostenlosen Mahlzeiten erinnern, die sie allen Gästen spendierte, die eine Zeit lang knapp bei Kasse waren, oder an die Lebensmittel, die sie dem Altenheim zur Verfügung stellte, wenn es die Senioren der Stadt einmal wöchentlich zu einem kostenlosen Mittagessen einlud.

„Sei nett zu ihr, hörst du? Du warst ja auch so ziemlich als Einziger in der Stadt nett zu Wally.“

„Er ist ganz allein gestorben, nur in Gesellschaft dieser hässlichen Töle. Wo war da seine Enkelin?“

Beschwichtigend tätschelte Donna ihm die Schulter, während sie ein heiseres Husten ausstieß. „Wally und sein Sohn hatten vor Jahren einen furchtbaren Krach. Dafür kannst du aber seine Enkelin nicht verantwortlich machen. Wäre Wally sauer auf sie gewesen, weil sie ihn nie besucht hat, hätte er ihr wohl kaum sein Haus vermacht, oder?“

Donna hatte natürlich recht – wie so oft. Und wenn er der jungen Frau seine Unterstützung anbot, sollte es mehr als ein Lippenbekenntnis sein.

Lippen. Wieder musste er an ihre Lippen denken. Sie luden geradezu zum Küssen ein. Er unterdrückte einen Seufzer. Jetzt träumte er schon von einer Frau, die möglicherweise verheiratet war. Höchste Zeit, nach Hause zu fahren und sich ins Bett zu legen.

Ausgerechnet der Chef der Polizei! Genau das, was sie brauchte.

Becca eilte von Tisch zu Tisch, schenkte Kaffee und Wasser nach, räumte Teller ab und beschäftigte sich mit allem Möglichen, nur damit sie nicht Gefahr lief, sich mit dem gut aussehenden Mann unterhalten zu müssen, der in Pine Gulch den Arm des Gesetzes repräsentierte.

Irgendwie erschien es ihr unfair. Warum konnte Trace Bowman kein alter Knacker mit Bierbauch, lüsternem Blick und einem Zahnstocher zwischen den Lippen sein – das Klischee eines Kleinstadtpolizisten? War er nicht viel zu jung für einen Polizeichef? Höchstens Mitte dreißig. Braunes Haar und grüne Augen mit einem durchdringenden Blick – und einem Lächeln, das einem das Herz schmelzen ließ. Ausgesprochen männlich, sehr stark und sehr, sehr gefährlich – jedenfalls für sie.

Warum durchfuhr sie jedes Mal, wenn sie einen Blick in seine Richtung riskierte, ein lustvoller Schauer? Polizei. Chef. Waren das nicht genug Gründe, um sich von Trace Bowman fernzuhalten?

Sie war schon immer eine gute Beobachterin gewesen, und im Geiste fasste sie zusammen, was sie bei ihrer kurzen Begegnung über ihn erfahren hatte. Seinen geröteten Augen und den dunklen Ringen darunter nach zu urteilen, arbeitete er entweder sehr hart, oder er war ein leidenschaftlicher Spieler. Vor Müdigkeit ließ er die Schultern hängen. Es muss die Arbeit sein, entschied sie mit einem Blick auf die Uniform und die schmutzverkrusteten Stiefel.

Ob er verheiratet war? Einen Ehering trug er jedenfalls nicht. Wahrscheinlich war er Single. Hätte er eine Frau, würde er nach dem Dienst wahrscheinlich sofort nach Hause gehen, frühstücken und vielleicht ein bisschen Sex haben, anstatt in der Kneipe zu sitzen. Natürlich war es denkbar, dass seine Frau selbst zu beschäftigt war, um ihr Leben nach seinem Stundenplan ausrichten. Aber er sah definitiv unverheiratet aus.

Er schien sie nicht besonders sympathisch zu finden. Sie konnte sich den Grund ausmalen – jetzt, da sie wusste, dass er der Nachbar ihres Großvaters gewesen war. Wahrscheinlich dachte er, dass sie ihn öfter hätte besuchen sollen. Sie hätte ihm gern erzählt, dass das überhaupt nicht möglich war, denn sie hatte erst von seiner Existenz erfahren, als sie die Nachricht von seinem Tod erhielt. Und von ihrem Erbe. Das war wirklich ein Schock gewesen. Vor allem, da zu dieser Zeit ihr eigenes Leben in Arizona ein einziger Scherbenhaufen war.

Ein Kunde fragte sie nach dem Spezialfrühstück und riss sie aus ihren trüben Gedanken. Sie zwang sich zu einem freundlichen Lächeln und antwortete so ausführlich wie möglich. Dabei bemerkte sie aus den Augenwinkeln, dass Trace Bowman aufstand, ein paar Scheine neben seinen Teller legte, den Hut aufsetzte und in den kalten Regen hinaustrat.

Sie atmete zum ersten Mal tief auf, seit er das Lokal betreten hatte.

Dieser Mann mochte sie nicht besonders, und sie hatte das dumpfe Gefühl, dass er ihr gegenüber ziemlich misstrauisch war. Wieder etwas, das sie im Moment überhaupt nicht gebrauchen konnte.

Sie hatte nichts Unrechtes getan. Jedenfalls nicht wirklich, beruhigte sie sich. Na ja, sie war der Schule gegenüber nicht ganz aufrichtig gewesen, was ihre verwandtschaftliche Beziehung zu Gabi anging. Aber hatte sie eine Wahl gehabt?

Obwohl sie wusste, dass sie keinen Grund hatte, nervös zu sein, verursachte ihr der Anblick einer Polizeiuniform ein unangenehmes Gefühl. Eine alte Gewohnheit. Gesetzeshüter waren für ihre Mutter die letzten Menschen gewesen, mit denen sie freundschaftlich verkehren würde. Becca tat gut daran, dem Beispiel ihrer Mutter zu folgen und sich so weit wie möglich von Trace Bowman fernzuhalten.

Dummerweise wohnte er ganz in der Nähe.

Sie warf einen Blick auf die Uhr – eines der wenigen Stücke, die sie noch nicht ins Pfandhaus getragen hatte – und zuckte zusammen. Wieder zerrann ihr die Zeit zwischen den Fingern. Sie hatte das Gefühl, schon seit Tagen auf den Beinen zu sein. Dabei waren gerade erst eineinhalb Stunden vergangen.

Sie eilte zu Gabrielle, die in die Lektüre von Wer die Nachtigall stört vertieft war, ein Buch, für das das Mädchen noch gar nicht reif war. Sie selbst hatte es allerdings auch in dem Alter gelesen.

„Es ist gleich acht. Du musst in die Schule.“

Ihre Halbschwester schaute auf, ohne sie anzusehen. Mit einem tiefen Seufzer klappte sie das Buch zu. „Nur, dass du’s weißt. Ich finde es noch immer nicht fair.“

„Ja, ich weiß. Dir gefällt es hier nicht, und du hältst dich in der Schule für vollkommen unterfordert.“

„Es ist komplette Zeitverschwendung. Allein kann ich viel besser lernen. So habe ich es doch immer gemacht.“

Für ihr Alter war Gabi sehr klug. Becca hatte keine Ahnung, wie sie das bei dieser „Erziehung“ all die Jahre geschafft hatte. Ihre Ausbildung jedenfalls war mehr oder weniger dem Zufall überlassen worden. „Bis jetzt warst du toll in der Schule. In jedem Fach bist du deinen Mitschülern weit voraus. Aber im Moment ist diese Schule das Beste für dich. So lernst du Freunde kennen und Fächer wie Musik, Kunst, Mathematik … Außerdem bist du nicht allein, und ich muss niemanden bezahlen, der auf dich aufpasst, während ich arbeite.“

Diese Diskussion hatten sie schon oft gehabt. Gabi war noch immer nicht überzeugt. „Ich kann sie ausfindig machen. Das weißt du.“

Verstohlen sah Becca sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand sie hören konnte. „Und was dann? Wenn sie dich bei sich gewollt hätte, hätte sie dich nicht bei mir gelassen.“

„Sie wollte wiederkommen. Wie kann sie uns jetzt finden, wenn wir ans andere Ende des Landes gezogen sind?“

Der Umzug von Arizona in den Osten von Idaho führte nicht wirklich quer durchs ganze Land, aber für eine Neunjährige musste es eine enorme Entfernung sein. Welche Wahl hätte sie auch gehabt – nachdem Monica sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte?

„Gabi, ich habe jetzt keine Zeit, darüber zu diskutieren. Du musst in die Schule, und ich muss zurück zu meinen Kunden. Ich habe dir doch gesagt: Wenn wir bis zum Ende der Ferien nichts von ihr gehört haben, versuchen wir herauszufinden, wo sie ist, okay?“

„Du kannst mir viel erzählen.“

Becca verstand sie nur zu gut. Neun Jahre lang hatte man Gabrielle leere Versprechungen gemacht, und immer wieder war sie enttäuscht worden. Wie sollte Becca sie jetzt davon überzeugen, dass sie wirklich meinte, was sie sagte? „Es geht uns doch ganz gut, oder? Die Schule ist gar nicht so schlimm.“

Gabi rutschte vom Stuhl. „Klar. Sie ist toll, wenn man sich zu Tode langweilen will.“

„Leg den Roman einfach in das Schulbuch“, riet Becca ihr. Das hatte bei ihrer chaotischen Erziehung auch funktioniert.

Mit einem theatralischen Seufzer verstaute Gabi ihr Buch im Rucksack, schlüpfte in den Mantel und trottete hinaus in den Regen, wo sie den geblümten Regenschirm aufspannte, den Becca ihr gegeben hatte.

Sie hätte ihre Schwester gern zur Schule gefahren, aber um diese Zeit war zu viel zu tun, sodass sie die Archuletas’ nicht um eine Viertelstunde Pause bitten wollte. Immerhin hatten sie ihr einen Riesengefallen getan, als sie ihr den Job gegeben hatten.

Während sie einen Tisch am Fenster abräumte, behielt sie ihre Schwester im Auge. Im tristen Regen wirkte das Mädchen mit dem geblümten Regenschirm und den roten Stiefeln geradezu fröhlich.

Was sollte sie bloß mit Gabi anfangen? Erst seit zwei Monaten wusste sie, dass es überhaupt eine Schwester gab, nachdem sie jahrelang keinen Kontakt zu ihrer Mutter gehabt hatte. Die Kleine war ihr noch immer ein Rätsel. Manchmal war sie keck und rechthaberisch, manchmal deprimiert und in sich gekehrt. Statt sich verletzt und verraten zu fühlen, nachdem Monica sie bei Becca abgeliefert hatte, weigerte sie sich hartnäckig zu glauben, dass ihre Mutter nicht mehr zurückkehren würde.

Dafür war Becca doppelt wütend auf Monica. Vor zwei Monaten hatte sie noch geglaubt, ihr Leben im Griff zu haben. Sie hatte ein eigenes Haus in Scottsdale, liebte ihre Arbeit als Rechtsanwältin in einer Immobilienfirma, hatte einen großen Freundeskreis und seit mehreren Monaten eine Beziehung zu einem anderen Makler, die auf eine Verlobung hinauszulaufen schien.

Sie hatte hart daran gearbeitet, sich einen Platz im Leben und jene Sicherheit zu schaffen, von der sie, als sie in Gabis Alter gewesen war, nur hatte träumen können – bei dem unsteten Leben, das ihre Mutter als Trickbetrügerin geführt hatte.

Und dann war jener schicksalhafte Septembertag gekommen, an dem Monica erneut wie ein lästiges Insekt in ihrem Leben aufgetaucht war.

„Bestellung fertig!“, rief Lou aus der Küche und riss sie aus ihren Gedanken. Kein Geld, die Karriere im Eimer, kurz vor der Pleite. Ihr Freund hatte sie sitzenlassen, weil er befürchtete, ihre privaten Probleme könnten auch seine Karriere belasten. Sie hatte ihr Haus verkaufen müssen, um Monica aus der Patsche zu helfen.

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