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Schöne Khadija

Über die Autorin

Gillian Cross schreibt seit mehr als zwanzig Jahren Bücher für Kinder und Jugendliche. Bevor sie das Schreiben zu ihrem Beruf gemacht hat, arbeitete sie unter anderem als Lehrerin und als Assistentin eines Parlamentsabgeordneten. Als Autorin wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter die Carnegie Medal, der Smarties Prize und der Whitbread Children’s Novel Award. Schöne Khadija ist der erste Roman der Autorin im Boje Verlag.

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch ist den Großmüttern auf der ganzen Welt gewidmet, und besonders Winnie Arthur, die weiß, wie sie ihre Leseleidenschaft weitervermitteln kann.

Jeden Samstagnachmittag ist sie mit ihrer Enkelin Sharon in die Harris-Museum-Library in Preston gegangen. Die Welt der Bücher und Geschichten, die Sharon dort kennengelernt hat, bereichern ihr Leben bis heute.

In dieser Geschichte kommen Waffen und Gangster vor. Und Supermodels. Dürre und Hungersnot gibt es auch.

Macht euch das Kopfzerbrechen? Fragt ihr euch, wie das alles zusammenpasst? Nun, so ist das Leben heutzutage eben. Es passiert nicht alles schön geordnet nacheinander an verschiedenen Orten. Durch E-Mail, Telefon und das große Spinnennetz der Medien, das die ganze Welt umspannt, sind wir alle miteinander verbunden.

Und genau dort spielt diese Geschichte auch: auf der ganzen Welt. Es ist die Geschichte von Abdi und Khadija und Freya (das bin ich) und was uns in Somalia passiert ist …

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»Dreh den Globus, mein Junge«, pflegte mein Vater zu sagen. »Gut. Und jetzt gib mir deinen Finger.«

Er hielt ihn in die Luft und als der Globus sich langsamer drehte und die verschwommenen Konturen der einzelnen Länder deutlicher wurden – stach er plötzlich zu.

Und er traf nie daneben. Jedes Mal, wenn die Welt mit einem Knirschen zum Stillstand kam, saß mein Finger genau am Horn von Afrika, genau an der Stelle, wo die Buchstaben um die Küste liefen.

SOMALIA.

»Da!«, rief mein Vater. »Da gehörst du hin!«

Und ich betrachtete die zerrissene, schartige Form und dachte an Kriegsherren und Piraten. An Kinder, die mit Kalaschnikows über der Schulter die Straßen entlangliefen. Gepanzerte Wagen mit Maschinenpistolen und Männer, die auf dem Waffenmarkt von Mogadischu um Munition feilschten.

Um an einem solchen Ort zu überleben, muss man stark sein. Man braucht eine starke Familie, die einen unterstützt, und man muss stolz sein auf seine eigene Identität. Genau dafür sind wir Somalis bekannt – sogar hier. Die Leute sehen, dass wir an der Schule füreinander einstehen und sagen: Ärgere ihn nicht, das ist eines von den Somalia-Kindern.

Das sitzt ganz tief in mir drin. Jedes Mal, wenn ich einen Globus sehe, jedes Mal, wenn ich den Namen meines Heimatlandes lese oder es auf einer Karte sehe, steigt ein unbeschreibliches Gefühl in mir hoch. Ich denke dann immer: Das bin ich. Da komme ich her.

Mein Vater hat mir den Weg dorthin gezeigt; Dutzende Male, mit dem Finger über dem Globus. Du fliegst nach Dubai oder Dschibuti. Und dann nimmst du ein Flugzeug geradewegs nach Somalia. Ganz einfach. Das macht man ständig, trotz der Gefahr und der Waffen. Somalis aus der ganzen Welt kehren zurück, um ihre Familien zu Hause zu besuchen.

Nur ich nicht. Ich bin noch nie dort gewesen.

Ich wurde in den Niederlanden geboren. Meine Mutter war dorthin geflüchtet, als die Lage in Somalia brenzlig wurde. Und es wurde ganz schön brenzlig, das kann man mir glauben.

Zuerst gab es einen Diktator, der seinen eigenen Clan begünstigte, sagt Maamo. Er unterdrückte alle anderen – bis die westlichen Länder begannen, am Horn von Afrika mitzumischen. Da brach alles auseinander.

Und die Kriegsherren übernahmen die Macht.

Wie es damals war? Nun, man muss sich das so vorstellen, als ob man mitten in einem Computerspiel lebt, nur dass alles echt ist. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Alle Gebäude sind zerbombt; wenn man die Straße entlangläuft, explodieren die Granaten, und die Kugeln aus den Maschinengewehren mähen alles nieder, was ihnen in die Quere kommt. Maamo sagt, überall herrschte Gewalt. Und Korruption. Und Chaos.

Sie war damals mit mir schwanger und mein Vater versuchte verzweifelt, sie irgendwo in Sicherheit zu bringen, aber seine Eltern waren alt und krank und er konnte sie nicht verlassen. Also ging Maamo allein ins Ausland, als Flüchtling. Und mein Vater versprach, zu kommen und sie zu holen, wenn sich das Land wieder beruhigt hatte.

Aber es beruhigte sich nicht.

Während ich aufwuchs, wohnte mein Vater nie bei uns. Solange ich klein war, kam er uns besuchen und erfüllte das ganze Haus mit Leben und Energie. Er spielte sehr gerne und er liebte es, Geschichten zu erzählen – vor allem über die Streiche, die er und sein bester Freund Suliman anderen als Jungen gespielt hatten.

Wir wussten nie, wann er zu uns kommen würde. Ich wachte einfach morgens auf und da war er und grinste mich an, wenn ich die Augen aufschlug. Wenn ich heute versuche, mich an diese Besuche zu erinnern, verschmelzen sie alle zu einem einzigen Mal. Ich sehe sein Gesicht und schreie vor Freude auf, wenn er mich aus dem Bett hebt. Dann wirft er mich in die Luft, drei, vier, fünf Mal, und fängt mich mit seinen großen, starken Händen wieder auf.

»Und ich dachte, du wärst gewachsen!«, sagte er dann. Er neckte mich. »Ich dachte, du seist jetzt groß genug, um dich um Maamo zu kümmern, aber du bist ja immer noch so ein Winzling!«

»Bin ich nicht!«, quiekte ich. »Miss nach! Miss mich, Abbo!«

Ich zappelte mich frei und glitt zu Boden, um ihn an die Wand gegenüber zu ziehen, wo wir mich immer gemessen und mein Wachstum mit Strichen angezeigt haben. Die Bleistiftstriche kletterten nach oben wie die Sprossen einer Leiter, eine für jeden seiner Besuche.

Erst gab es nur Markierungen für mich, aber jetzt stehen drei weitere Leitern neben meiner, je eine für meine drei kleinen Schwestern. Erst Fowsia, dann Maryan, dann Sahra. Aber meine Leiter ist die längste und sie wächst sehr schnell. Das macht mich richtig froh, denn ich kann es gar nicht abwarten, so groß zu sein wie mein Vater. Er hat bei seiner eigenen Größe ebenfalls eine Markierung gesetzt, damit ich mein Ziel immer vor Augen habe.

Wie nah bin ich an ihm dran?

Ich werde es nie erfahren, denn wir wohnen dort nicht mehr. Ich war zehn, als wir nach England zogen – und mein Vater aufhörte, uns zu besuchen.

Aber er blieb mit uns in Kontakt. Er schickte uns an den Ort, wo neben vielen anderen Somalis Suliman Osman und seine Familie wohnten. Das ist ein Teil von London, den man Battle Hill nennt. Dort hatte Suliman eine Reihe von Internetcafés eröffnet. Ich ging jede Woche zu einem, das ganz bei uns in der Nähe war. Und immer erwartete mich dort eine E-Mail: Hi Abdi! Wie geht es? Das waren ja gute Neuigkeiten von dem Fußballspiel … Mein Vater erinnerte sich immer daran, was ich gerade tat und was ich gerne mochte. Und seine Mails endeten immer gleich. Kümmere dich um Maamo und deine Schwestern, bis ich wiederkomme. Ich bin stolz auf dich. Abbo.

Aber er kam nie.

»Er hat uns immer noch lieb«, erklärte uns Maamo. »Aber es ist jetzt schwieriger. Er kann nicht mehr so einfach wie früher hin- und herreisen. Wir müssen eine Menge Geld sparen, damit er hierherkommen und für immer bei uns bleiben kann – bis wir wieder nach Hause nach Somalia gehen können.«

Dass wir sparen mussten, war auch der Grund dafür, dass ich meine E-Mails in Suliman Osmans Café lesen musste. Wir konnten uns keinen eigenen Computer leisten, weil wir jeden Penny brauchten, um Abbo nach England zu holen.

Sonntags setzten Maamo und ich uns hin, zählten, was wir in der Woche gespart hatten, und bauten kleine Münzstapel auf dem Küchentisch. Am Montag brachte Maamo das Geld dann zu Onkel Osman Hersi, damit er es für uns aufbewahrte. So machten wir es jeden Sonntag, drei Jahre lang. Als ich dreizehn war, hatten wir endlich genügend Geld zusammen und Onkel Osman kam und sagte uns, dass es zu meinem Vater geschickt worden sei. Als er ging, tanzte Maamo in der Küche herum und sang Lieder aus Somalia.

Wir dachten natürlich, dass Abbo uns eine E-Mail schicken würde, um uns zu sagen, wann er kommen würde. Aber wir hörten nichts von ihm. Es kamen überhaupt keine Mails mehr von ihm. Einmal war noch die übliche Nachricht gekommen, voller Neuigkeiten und Fragen, mit lustigen Geschichten und Scherzen. Und dann … nichts mehr.

Jeden Tag sah ich in meinen Posteingang, in der Schule und abends im Café noch einmal. Suliman musste erraten haben, warum ich immer wiederkam. Eine Zeit lang sagte er seinem Angestellten, dass ich zehn Minuten am Tag kostenlos ins Internet dürfte. Mehr brauchte ich nicht – es sei denn, ich musste Hausaufgaben machen – denn die Nachricht, auf die ich wartete, kam nie. Zuerst versuchte Maamo herauszufinden, was passiert war. Sie schickte ihre Frage um die ganze Welt, von einem Somali zum nächsten. Wo ist Ahmed Mussa Ali? Aber niemand schien eine Antwort zu haben.

Eines Tages, als ich von der Schule nach Hause kam, erzählte sie mir, er sei tot.

Sie versuchte nicht einmal, es mir schonend beizubringen. Sie sagte einfach nur: »Dein Vater ist tot.«

Als ich die natürliche Frage stellte, wann und wo das passiert sei, und wer schuld sei – da wurde ihr Gesicht abweisend, als sei die Geschichte zu schmerzhaft, um sie zu erzählen. Sie weigerte sich, darüber zu reden.

Wenn ich mir danach das Gesicht meines Vaters vorzustellen versuchte, dann sagte er immer dasselbe. Pass auf Maamo und deine Schwestern auf, bis ich wiederkomme. Ich bin stolz auf dich … Ich spürte die Last auf meinen Schultern wie ein schweres Gewicht.

Es war etwa sechs Monate später, als ich bei meiner Rückkehr aus der Schule sah, dass wir Besuch hatten. Es war Sulimans Vater, Onkel Osman, mit seiner Frau, Tante Safia. Sie saßen im Wohnzimmer und tranken Tee mit Maamo. Die Wohnung war sehr ruhig und aufgeräumt und von meinen Schwestern war nichts zu sehen.

Maamo goss mir eine Tasse Tee ein und bedeutete mir mit einem Kopfnicken Richtung Sofa, dass ich mich zu Onkel Osman setzen sollte. Dann unterhielt sie sich weiter mit Tante Safia, während Onkel Osman mich anlächelte.

»Du machst dich sehr gut«, stellte er fest. »Und deine Schwestern werden gute, vernünftige Mädchen.« Als ich mich umsah und mich fragte, wo sie wohl waren, lächelte er wieder und sagte: »Sie besuchen meine Töchter.«

Er und Tante Safia hatten nur einen Sohn – Suliman –, aber drei Töchter, die alle älter waren als ich. Früher hatten wir die Töchter häufig gesehen, als sie noch in Tante Safias Laden ausgeholfen hatten, aber dort waren sie jetzt nicht mehr. Sie lernten eifrig für ihre Prüfungen. Wenn sie sich freigenommen hatten, um auf meine kleinen Schwestern aufzupassen, dann konnte das nur eines bedeuten.

Onkel Osman war gekommen, um uns etwas Wichtiges zu sagen.

Er sah mich an, während ich darüber nachdachte. Dann meinte er leise: »Wenn du allerdings eine ältere Schwester hättest, dann könnte sie sich um Fowsia, Maryan und Sahra kümmern. Mädchen brauchen eine ältere Schwester, wenn sie aufwachsen.«

Maamo und Tante Safia hielten in ihrer Unterhaltung inne. Als sie weitersprachen, war mir klar, dass sie sich gegenseitig nicht wirklich zuhörten. Sie wollten wissen, was ich Onkel Osman antworten würde. Das war also der Grund seines Besuches.

»Ältere Schwestern tauchen nicht aus dem Nichts auf«, sagte ich.

Onkel Osman sah mich prüfend an. Dann sagte er sehr vorsichtig: »Da ist ein Mann in Somalia – ein guter, schwer arbeitender Mann –, der möchte, dass seine Tochter hier in Großbritannien zur Schule geht. Aber sie hat hier keine Verwandten, die sie aufnehmen könnten. Er hat mich gebeten, eine gute Familie für sie zu finden, in der sie wie eine Tochter behandelt wird … oder wie eine Schwester.«

Jetzt starrten sie mich alle an. Sie mussten das bereits alleine, ohne mich, besprochen haben, aber ich hatte das Gefühl, als läge die Entscheidung bei mir. Als ob sie auf meine Erlaubnis warteten.

»Wie alt ist das Mädchen denn?«, fragte ich.

Onkel Osman zuckte mit den Schultern. »Vielleicht … vierzehn?«

Das hieß, dass sie wahrscheinlich älter war. Ich weiß nicht viel darüber, wie diese Dinge laufen, aber ich weiß, dass jünger besser ist, denn dann hat man mehr Zeit für die Ausbildung. Und man bekommt länger Geld.

»Wer ist sie?«, wollte ich wissen. »Aus was für einer Familie kommt sie?«

Onkel Osman runzelte ganz leicht die Stirn. »Es ist nicht gut, solche Unterscheidungen zu machen. Sie heißt Khadija und sie ist deine Schwester. Wir sind jetzt alle eine Familie. Dein Vater hat das verstanden.«

Wie konnte ich da ablehnen? Er hatte uns nicht des Geldes wegen gewählt, sondern weil er wusste, dass wir die Richtigen waren. Die Frau und die Kinder von Ahmed Mussa Ali.

»Und? Wie lautet deine Antwort?«, fragte Onkel Osman.

Ich hob den Kopf und sah ihm in die Augen.

»Sie kann kommen«, sagte ich. »Sag ihrem Vater, dass wir uns um sie kümmern werden.«

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Wenn man zu mir »Somalia« sagt, dann denke ich an den Regen in der roten Wüste, an Staub, der mir an den Beinen hochspritzt, und an Kinder, die vor Freude kreischen, wenn die ersten dicken Tropfen auf den Boden fallen. Ich denke an Kamele, die mit geweiteten Nüstern den Kopf heben. Und an den Geruch der Erde, in der die Samen aufplatzen und aufgehen.

Wenn der Gu-Regen kommt, verändert sich die Welt über Nacht von Rot in Grün, vom Hungerland in frisches, reiches Weideland. Die Bäume breiten ihre Blätter aus und die Tiere werden wieder fett. Es ist, als hätte alles den Atem angehalten. Und plötzlich wird dieser Atem in einem großen, lebensfrohen Seufzer wieder ausgestoßen.

Ich hätte nie geglaubt, dass ich Regen einmal hassen würde.

Mein richtiger Name ist nicht Khadija. Das müsst ihr wissen, bevor ihr meine Geschichte hört. Jetzt, wo ich berühmt bin, glaubt ihr vielleicht, alles über mich zu wissen, aber da irrt ihr euch. Ich bin vor euch verborgen und alles, was ihr gehört habt, ist falsch.

Mein kleiner Bruder Mahmoud nennt mich Geri – Giraffe –, weil ich große Augen und lange Beine habe, aber auch das ist nicht mein Name. Mein wirklicher Name zählt meine Vorfahren auf und reicht dreizehn Generationen zurück. Wenn ihr ihn hören würdet, wüsstet ihr genau, wer ich bin – wenn ihr aus Somalia seid.

Aber es ist vielleicht nicht klug, es euch zu sagen, also verschwendet keine Zeit damit, danach zu fragen. Hört mir einfach zu.

Als ich ein noch ein kleines Mädchen war, galt mein Vater als reicher Mann, mit einer großen Kamelherde, Schafen und Ziegen. Außerdem besaß er Häuser und Geschäfte in Mogadischu und Beledweyne und er reiste von einem Ort zum anderen bis in den Ogaden. Seine zweite Frau wohnte in Mogadischu, aber wir sahen sie kaum. Ich wuchs zusammen mit meinen Schwestern und meinem Bruder Mahmoud auf und wir zogen mit meiner Mutter und unseren Verwandten von einer Weide zur nächsten. Es war ein schönes Leben.

Aber plötzlich änderte sich alles, ohne Vorwarnung. Im Grunde hatte es schon gewisse Anzeichen gegeben, aber ich war zu unschuldig gewesen, um sie richtig zu deuten. Zu vertrauensvoll.

Zuerst kam mein Vater aus Mogadischu und nahm drei der Kamele mit. Wir wussten, dass er sie verkaufen würde, aber er sagte uns nicht, was er mit dem Geld vorhatte. Schließlich waren es seine Kamele. Und da der Regen ausgeblieben war, dachte ich, er verkauft sie wegen der Dürre.

Als er das nächste Mal kam, hatte er eine Kamera dabei. Meiner Mutter gefiel das nicht. Ich sah, wie sie sich heftig mit ihm stritt, aber sie waren zu weit weg, als dass ich hätte verstehen können, worum es ging. Als er mich rief, ging sie allein fort.

Er hängte ein Laken über die Seite seines Autos und befahl mir, mich davorzusetzen, während er Fotos von meinem Gesicht machte. Als er die erste Aufnahme machte, lächelte ich und winkte, aber er schüttelte den Kopf.

»Sieh gerade in die Kamera«, sagte er. »Ich brauche nur dein Gesicht.«

Vielleicht sucht er einen Ehemann für dich, hatte Mahmoud später gesagt. Dann lachte er über meinen Gesichtsausdruck und da wusste ich, dass er nur gescherzt hatte. Er ist zu jung, um so etwas wie die Ehe ernst zu nehmen. Aber ich fragte mich, ob er wohl recht hatte.

An Passbilder hatte ich nie im Leben gedacht.

Als mein Vater das dritte Mal kam, war es fast schon dunkel. Er saß mit meiner Mutter am Feuer und unterhielt sich lange mit ihr. Mahmoud sagte nichts, aber er sah mich von der Seite her an und wackelte mit den Augenbrauen, um mich zum Lachen zu bringen. Als wir schlafen gingen, konnten wir unsere Eltern immer noch reden hören.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, stellte ich fest, dass meine Mutter all meine Sachen in einem Tuch zusammengepackt hatte. Es war nicht allzu viel. Wenn man sein Leben damit verbringt, herumzuziehen, nimmt man nur die Dinge mit, die wirklich wichtig sind.

»Du ziehst ins Haus deines Vaters nach Mogadischu«, erklärte meine Mutter. »Sei ein gutes Mädchen und tu, was man dir sagt.«

»Was ist denn los? Warum soll ich weggehen?«

Sie tätschelte mir den Arm und schenkte mir ein leises Lächeln. »Das wirst du schon bald erfahren. Es ist eine wundervolle Gelegenheit.«

Warum wollte sie mir nicht mehr verraten? Ich wollte noch mehr Fragen stellen, aber es war keine Zeit dafür. Mein Vater rief mich und alle standen um sein Auto herum und warteten darauf, dass ich einstieg. Mahmoud saß am Steuer und tat so, als würde er fahren, und Zainab und Sagal sahen mich neidisch an. Mahmoud hatte auch mit ihnen gesprochen und sie glaubten, dass eine Hochzeit anstand.

Alle umarmten mich. Dann scheuchte mein Vater Mahmoud aus dem Wagen und hielt mir die Tür auf.

»Fertig?«, fragte er.

Ich hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Fertig!«, antwortete ich und stieg ein.

Unterwegs versuchte ich herauszufinden, was los war. Zuerst ließ ich einige Hinweise fallen, und da mein Vater nicht darauf reagierte, fragte ich ihn schließlich ganz direkt: »Abbo, bringst du mich weg, um mich zu verheiraten?«

Erstaunt sah er mich an. »Wer hat dir denn das erzählt?«

»Niemand hat es mir erzählt. Aber Mahmoud hat gedacht …«

»Mahmoud?« Mein Vater begann zu lachen. »Was für ein geschickter Geschichtenerzähler! Erinnerst du dich noch an sein Lied über die Ziege? Hey, kleine Ziege, du bist die schönste aller Ziegen! Du bist so hübsch wie ein Kamel, kleine Ziege! Alle Kamelmännchen sind in dich verliebt, kleine Ziege!«

Er war ein guter Imitator und sang mit hoher, dünner Stimme, wie Mahmoud. Es war unmöglich, nicht zu lachen – aber ich hatte meine Frage noch nicht vergessen. »Also wenn ich nicht verheiratet werde, warum bringst du mich dann nach Mogadischu?«

Mein Vater schwieg einen Moment. Dann sagte er: »Du gehst nicht nach Mogadischu. Du gehst auf eine viel längere Reise.« Er sah weg. »Ich habe einen Platz für dich in England gefunden.«

»England?«, stieß ich krächzend hervor, als ob mich jemand würgte. »Warum schickst du mich fort? Was habe ich getan?«

»Du hast gar nichts getan. Wenn du ein böses Mädchen wärst, würde ich nicht wagen, dich dorthin zu schicken. Es ist eine wunderbare Gelegenheit. Du bekommst eine gute Ausbildung …«

»Ich bin zu alt für die Schule! Und wie soll ich die Leute da verstehen?«

»Dir bieten sich Möglichkeiten …«

»Ich will keine Möglichkeiten. Ich will hierbleiben, bei euch!«

Wir stritten uns während der ganzen Fahrt durch die Wüste und auch noch auf der Autobahn. Das ist das Einzige, woran ich mich bei dieser Reise erinnere, an unsere Stimmen, die hin- und hergingen, und die Verzweiflung, die mich umfing wie der Dornenzaun die Tiere in der Nacht.

Wenn ich jetzt zurückdenke, wünschte ich mir, ich hätte geschwiegen und mir stattdessen die Landschaft angesehen. Ich werde nie wieder so durch die Wüste reisen – als jemand, der dorthin gehört. Diese Reise bedeutete das Ende von allem, was ich bis dahin gekannt hatte. Aber das war mir nicht klar und daher schimpfte und zeterte ich weiter.

Schließlich hielt mein Vater den Wagen an. Er drehte sich zu mir um und unterbrach mich. »Es reicht!« Seine Stimme klang gebieterisch. »Wir werden gleich jemanden treffen und ich will mich nicht für dich schämen müssen. Du wirst dich ruhig verhalten und genau das tun, was man dir sagt. Das ist der Mann, der dich nach England bringen wird.«

Er fuhr wieder an und setzte die Fahrt schweigend fort, die Lippen fest zusammengepresst und den Blick auf die Straße gerichtet. Da bekam ich zum ersten Mal Angst. Mir wurde klar, dass er fest entschlossen war. Es würde wirklich so kommen.

Kurz vor der Stadt trafen wir uns mit dem Schlepper. Er saß geduldig am Straßenrand und rauchte eine Zigarette. Als wir anhielten, machte er sie aus und stand auf. Mein Vater befahl mir auszusteigen.

»Das ist also Khadija«, meinte der Schlepper.

Ich wollte schon den Mund aufmachen und ihm sagen, dass das nicht mein Name war, aber er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.

»Hier ist dein Pass.«

Er gab ihn mir nicht, sondern hielt ihn nur so aufgeklappt, dass ich mein Foto sehen konnte, das Foto, das mein Vater in der Wüste gemacht hatte, und den Namen deutlich lesen konnte. Khadija Ahmed Mussa.

»Das bist du«, sagte er. »Ich bin dein Onkel, Guleed Mussa Ali, und ich bringe dich zu deiner Familie in England.«

Was für eine Familie?

Mein Vater stieg aus und legte mir den Arm um die Schultern. »Hör auf deinen Onkel. Merke dir alles, was er dir erzählt. Wenn du es dir nicht richtig merkst, könntest du Schwierigkeiten bekommen.«

Der Schlepper blickte stirnrunzelnd auf das Bündel in meinen Händen. »Was ist das?«

Ich verstand die überflüssige Frage nicht. »Das sind die Sachen, die ich mitgenommen habe.«

Er sah meinen Vater finster an. »Das kann sie im Flugzeug nicht mitnehmen. Haben Sie die Sachen gekauft, die ich Ihnen genannt habe?«

Mein Vater nickte, ging zum Kofferraum des Wagens und holte eine billige Reisetasche aus Plastik heraus. Bevor ich noch ahnte, was er vorhatte, nahm er mir mein Bündel weg – in dem alles war, was ich besaß –, warf es ins Auto und stellte mir die Tasche vor die Füße.

»Mach sie auf«, verlangte der Schlepper ungeduldig. »Du musst wissen, was darin ist.«

Ich zog den Reißverschluss auf und sah hinein. Es war nicht viel. Ein paar Kleidungsstücke in gedeckten Farben, ein kleiner Beutel mit Toilettenartikeln und ein Kopftuch. Kein großes buntes Somali-Kopftuch wie ich es gerade trug, sondern nur ein Stück dünner schwarzer Stoff.

»Du brauchst nicht viel«, meinte mein Vater. »Du kommst in eine gute Familie. Sie werden sich um dich kümmern.«

Der Schlepper wedelte ungeduldig mit der Hand und befahl mir, die Tasche zu nehmen. Als ich danach griff, fragte er mich barsch: »Wie heißt du?«

Ich vermutete, dass er mich hereinlegen wollte, aber darauf war ich gefasst gewesen. »Ich bin Khadija«, antwortete ich. »Khadija Ahmed Mussa.« Der Name hatte sich mir bereits eingeprägt.

»Und wer bin ich?«

»Sie sind Guleed Mussa Ali.«

»Guleed Mussa Ali …?«

Zuerst verstand ich nicht, was er meinte, doch er und mein Vater beobachteten mich scharf, daher war mir klar, dass das ein Test war. »Guleed Mussa Ali …«, wiederholte ich langsam. Und dann fiel es mir plötzlich wieder ein. »Onkel. Ich muss Sie Onkel nennen.«

»Denk daran«, verlangte er. Er lächelte nicht. »Und jetzt nimm deine Tasche und komm. Wir müssen das Schiff finden.«

Er ging die Straße entlang und ich sah meinen Vater an, immer noch in der Hoffnung, dass es einen Ausweg gab. Aber es gab keinen. Mein Vater schüttelte den Kopf.

»Ich tue etwas wirklich Gutes für dich«, erklärte er mir. »Ich habe eine Menge Geld dafür bezahlt, dass du sicher nach England kommst. Verschwende es nicht.«

»Aber ich habe dich nicht darum gebeten …«

Er nahm mich an den Armen und sah mich fest an. »Hör zu«, verlangte er. »Hier kannst du nichts tun. Für Leute wie uns, die mit ihren Tieren herumziehen, wird es immer schwieriger. Bald werden wir nichts mehr haben. Wenn du nach England gehst, wirst du der ganzen Familie helfen können. Und vielleicht kannst du eines Tages zurückkommen und auch Somalia helfen.«

Noch vor einer Woche war ich nur ein ganz normales Mädchen gewesen, das die Ziegen hütete und erwartete, ihr Leben so zu leben wie ihre Mutter es getan hatte. Ich hatte geglaubt, dass ich eines Tages einen Ehemann haben würde und Kinder, um die ich mich kümmern und die ich erziehen musste. Und jetzt war ich plötzlich für meine ganze Familie verantwortlich  – und für das Schicksal meines Landes. Einen Moment lang war ich zu entsetzt, um meinem Vater zu antworten. Aber ich wusste, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Er hatte mich für diese Aufgabe ausgesucht und ich musste sie übernehmen. Also riss ich mich zusammen und sah ihm in die Augen.

»Ja«, sagte ich, »das werde ich.«

Für mehr blieb uns keine Zeit. Der Schlepper rief schon ungeduldig über die Schulter nach mir, weil er fürchtete, das Boot könnte ohne uns ablegen. Mein Vater tätschelte mir den Arm und sprang dann ins Auto, wendete schnell und fuhr mit eisernem Gesichtsausdruck davon.

Ich nahm die Plastiktasche und ging die Straße entlang zu dem Mann, der mich wegbringen sollte.

Zuerst brachte er mich nach Kenia, in einem Boot. Diese Reisen sind sehr gefährlich, denn die Boote sind stets überladen und das Meer ist voller Haie. Hunderte von Menschen sind bei dem Versuch, dasselbe zu tun wie ich, auf schreckliche Weise umgekommen. Aber das habe ich erst viel später erfahren. So lange wir auf See waren, hatte ich ganz andere Sorgen.

Es war ein kleines Boot und ich saß fest eingeklemmt zwischen Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich war zum ersten Mal auf einem Boot und niemand hatte mich gewarnt, dass es schaukeln und schwanken würde, wenn die Wellen dagegenschlugen. Ich hatte Angst und glaubte, mich jeden Moment übergeben zu müssen.

Um mich abzulenken, schloss ich die Augen und konzentrierte mich darauf, was mir der Mann beigebracht hatte. Das wiederholte ich immer und immer wieder.

Mein Name ist Khadija Ahmed Mussa. Ich bin dreizehn Jahre alt. Ich gehe nach England zu meiner Mutter und meinen Geschwistern. Die Namen meiner Schwestern sind Fowsia, Maryan und Sahra. Fowsia ist elf, Maryan ist sieben und Sahra ist vier. Und mein Bruder Abdi ist vierzehn.

Ich versuchte erst gar nicht, mir ihre Gesichter vorzustellen oder wie sie waren. Sie waren für mich keine Menschen, sondern nur Worte, die ich auswendig lernen musste. Wenn ich es falsch machte, würde man mich nicht nach England lassen und mein Vater hätte sein Geld umsonst ausgegeben.

Mein Name ist Khadija …

Diese Stunden im Boot waren die schlimmsten meines Lebens. Ich überlebte sie, indem ich mich von den Geschehnissen um mich herum abschottete. Und als wir in Kenia landeten, fühlte ich mich wirklich wie ein anderer Mensch.

Was mit mir geschah, nennt man Hambaar. Huckepack. Der Onkel nahm mich »Huckepack« mit nach England, für das Geld, das mein Vater ihm dafür bezahlt hatte. Das war sein Geschäft und er tat genau das, was er versprochen hatte. Nicht mehr und nicht weniger.

Nachdem wir von Bord gegangen waren, reisten wir erst auf der Straße und dann mit dem Flugzeug weiter und jedes Mal, wenn wir durch eine Kontrolle mussten, lächelte mich mein Begleiter freundlich an. Das gehörte zu seinem Job. Sobald wir durch waren, packte er das Lächeln zusammen mit meinem Pass wieder ein und ignorierte mich, selbst wenn wir nebeneinandersaßen.

Beim Umsteigen in Dubai hätte ich weglaufen können. Der Mann wies auf einen Stuhl am Flughafen und befahl mir, mich dorthin zu setzen und zu warten, bis er kam und mich holte. Aber wo hätte ich hinlaufen sollen? Ich kannte den Ort nicht und hatte nur den Pass, der sich in der Tasche des Onkels befand. Mein Vater hatte dafür bezahlt, dass ich nach England ging, also musste ich das auch tun. So saß ich da, zitterte in der klimatisierten Luft und wiederholte immer wieder dieselben Worte: Mein Name ist Khadija …

Als wir in England landeten, war der Himmel grau und es regnete. Kein sauberer, schwerer Regen wie der Gu, sondern ein gleichmäßiges, deprimierendes Nieseln. Ich wusste nicht, wie davon irgendetwas wachsen sollte. Aber überall, wo ich hinsah, war der Boden sowieso mit Beton bedeckt.

Ich fühlte mich so hart und kalt wie dieser Betonboden. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich mich anders verhalten hätte. Wenn ich mit klopfendem Herzen und schuldbewussten Blicken zur Passkontrolle gegangen wäre, hätten mich die Behörden vielleicht nicht nach England gelassen und mich wieder nach Hause geschickt. Aber ich war innerlich starr und still. Daher warfen sie nur einen Blick auf mein Gesicht und auf meinen Pass und ließen mich ins Land.

Im Zug saßen Menschen aus aller Welt – und alle achteten sorgfältig darauf, einander nicht anzusehen. Im Bus, den wir anschließend nahmen, war es ebenso. War die ganze Stadt so? Tausende von Menschen, die so taten, als existierten die anderen nicht?

Wir fuhren durch Straßen mit großen, graugelben Gebäuden und die ganze Zeit über fiel dieser nutzlose Regen. Als ich zum Himmel hinaufblickte, konnte ich keine Spur von Sonne entdecken. War sie hier immer unsichtbar?

Ich hatte geglaubt, dass der Mann mich zum Haus meiner neuen Familie bringen würde. Ich hatte geglaubt, er würde mich Abdi und seinen Schwestern und der Frau vorstellen, die meine Mutter darstellen sollte. Aber es geschah etwas völlig anderes.

Als wir aus dem Bus stiegen, nahm er ein paar Münzen aus der Hosentasche und gab sie mir. »Weißt du, wie ein Telefon funktioniert?«, fragte er.

Ich hob den Kopf. »Natürlich!«

»Siehst du das Telefon dort?« Er deutete über die Straße. »Steck das Geld in den Schlitz und ruf die Nummer an, die ich dir gebe. Dann bleibst du in der Telefonzelle. Der, der das Gespräch annimmt, kommt und holt dich ab.«

Ich war viel zu erstaunt, um etwas anderes tun zu können, als ihn anzustarren.

»Steh hier nicht rum!«, verlangte er ungeduldig. »Die Leute werden sonst auf dich aufmerksam. Geh!« Er drückte mir eine kleine weiße Karte in die Hand und gab mir einen Stoß.

Langsam nahm ich meine Tasche und ging die Straße entlang zu der Telefonzelle. Auf halbem Weg sah ich über die Schulter zurück. Der Mann war bereits verschwunden. Die Huckepackreise war vorbei und ich stand in dieser fremden Straße auf eigenen Füßen.

Das Telefon war anders als die, die ich bisher benutzt hatte, aber ich verstand schnell, wie es funktionierte. Ich steckte das Geld in den Schlitz, drückte sehr sorgfältig die Ziffern und überprüfte die Nummer dabei immer wieder. Wenn ich beim ersten Mal einen Fehler machte, hatte ich kein Geld mehr für einen zweiten Versuch.

Es klingelte nur zweimal, bevor abgenommen wurde. »Hallo?«, sagte eine Jungenstimme. Er sprach Somali, aber mit einem sehr merkwürdigen Akzent. »Bist du in der Telefonzelle?«

»Ja«, antwortete ich. »Aber ich weiß nicht, wo …«

»Warte einfach«, sagte er. »Ich komme.« Damit legte er auf.

Ich blieb mit dem Hörer in der Hand stehen, sah die Straße entlang und fragte mich, woran ich den Jungen erkennen sollte. Aber darüber hätte ich mir keine Sorgen zu machen brauchen, denn das war ganz leicht. Ich erkannte ihn, sobald er um die Ecke kam. Ein großer somalischer Junge, der direkt auf die Telefonzelle zukam.

Er machte die Tür auf und sah mich an. »Ich bin Abdi«, sagte er. Als ich zögerte, nannte er noch einmal seinen Namen, diesmal vollständig. »Ich bin Abdirahman Ahmed Mussa.«

Er war viel älter als Mahmoud und auch sehr groß, aber er war viel mehr – Junge. Da wusste ich, wie weit ich wirklich gereist war. Ich war weit weg von Somalia und weit weg von meinem eigentlichen Ich, an einem Ort, wo die Menschen anders waren. Und ich musste lernen, hier zu leben.

Ich hob den Kopf, sah Abdi in die Augen und erwiderte: »Und ich bin Khadija Ahmed Mussa.«

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Damals kannte ich Abdi und Khadija noch nicht. Und Somalia war nur ein Name auf einer Liste, die ich mein halbes Leben lang immer wieder runtergebetet hatte: Mein Vater ist Kriegsfotograf in Darfur und Afghanistan und Ruanda und Somalia …

Zu dieser Aufzählung gehörten natürlich auch Bilder, denn das ist es schließlich, was ein Fotograf produziert, aber das waren keine Bilder, die man kleinen Kindern zeigt. Und als ich alt genug war, sie zu sehen, gehörten Dads Reisen bereits der Vergangenheit an und die Orte verschwammen in meinem Kopf.

Es muss fünf oder sechs Monate nach Khadijas Ankunft in England gewesen sein, als ich herausfand, wo Somalia genau liegt. Ganz plötzlich sprang es von der Landkarte und drang in mein Leben ein. Ich erinnere mich noch so genau daran, weil Sandy und ich an diesem Morgen zusammen frühstückten.

Vielleicht klingt das für euch nicht so außergewöhnlich. Vielleicht frühstückt ihr ja jeden Tag zusammen mit eurer Mutter. Aber eure Mutter ist wahrscheinlich auch keine weltweit bekannte Marke. Wahrscheinlich arbeitet sie nicht vierzehn Stunden am Tag und kommt dann mit Kopfschmerzen und einem Haufen von Entwürfen aus dem Atelier zurück.

An normalen Tagen sehe ich Sandy erst abends und manchmal nicht einmal dann. Aber an diesem Morgen war es anders, weil sie gerade erst aus Paris gekommen war – von der dortigen Modewoche und der großen Stoffmesse – und sie saß mir mit einem großen Stapel Bücher gegenüber.

Paris macht sie immer ganz aufgeregt. Wenn sie nach Hause kommt, hat sie immer schon einen Haufen Ideen für ihre nächste Kollektion und breitet sie normalerweise auf dem Frühstückstisch aus. Aber meist sind es dann Fotos und Stoffmuster, keine Bücher. Ich war mir daher nicht sicher, was sie vorhatte.

Sie hatte mich am Abend zuvor auf dem Weg vom Flughafen bei Dad abgeholt. Dad hatte ihr etwas zu essen gemacht, aber das rührte sie kaum an, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt war, seine Bücherregale zu durchstöbern. Ohne ein Wort der Erklärung. Und diese Bücher lagen jetzt zwischen uns auf dem Tisch. Schwere graue Taschenbücher oder gebundene Secondhandbücher mit zerrissenen Einbänden. Während ich an meinem Bagel kaute, legte ich den Kopf schief und las ein paar der Titel.

Die Geschichte Somalias

Bruder gegen Bruder: Krieg in Somalia, Sudan und Ruanda. Was geschah in Somalia?

Nichts davon klang wie etwas, das Sandy lesen würde. Was um alles in der Welt hatte sie nur vor? Ich verrenkte mir noch ein wenig mehr den Hals und versuchte zu erkennen, was für ein Buch sie gerade in den Fingern hatte, aber noch bevor ich die Worte auf dem Buchrücken lesen konnte, sah sie plötzlich auf, ganz rot vor Aufregung.

»Wusstest du, dass es in Somalia Myrrhe gibt?«, fragte sie.

Ich blinzelte. »Tatsächlich? Und Gold und Weihrauch auch?«

»Sei nicht so religiös!«, meinte sie und verzog das Gesicht. Dann sah sie wieder ins Buch und zog die Augenbrauen hoch. »He! Bei Gold bin ich mir nicht so sicher, aber Weihrauch gibt es tatsächlich. Und sieh dir diese Stoffe an! Ich wusste doch, dass ich diese Muster schon einmal gesehen habe.« Sie neigte sich vor, betrachtete ein Bild und reichte mir das Buch dann herüber, um es mir zu zeigen.

Das Bild zeigte Ruin und Zerstörung.

Wie bist du denn drauf, Sandy Dexter? Gut, die Frau im Vordergrund hatte ein großes, bunt gemustertes Kopftuch um und trug ein Häufchen Myrrhe. Aber erwartete Sandy wirklich von mir, dass ich mich darauf konzentrierte? Was war mit den Gebäuden hinter ihr, die voller Einschusslöcher waren? Oder mit dem Jungen im Hintergrund, der ein Gewehr in der Hand hielt?

»Wen interessieren denn die verdammten Stoffe?«, fragte ich.

Sandy schüttelte ungeduldig den Kopf. »Sieh doch! Dieses Tuch ist der einzige Farbtupfer dort. Warum, glaubst du, hat sie so ein buntes Tuch gewählt? Weil es genau das ist, was die Menschen brauchen, wenn es ihnen schlecht geht. Farbe und Muster …« Sie wedelte mit der Hand in der Luft und begann eine ihrer typischen Sandy-Tiraden über die Wichtigkeit von Kleidung.

Ich hasse Mode. Ich hasse es, wie sie das Leben aussaugt und als T-Shirts und Schnittmuster und zehn verschiedene Handtaschen wieder ausspuckt. Wenn man mich fragt, ist der ganze Geschäftszweig überflüssig. Aber Sandy ist da anderer Meinung. Wenn sie über Kleider redet, wird ihr Gesicht ganz ernst und angespannt. Sie behauptet, Mode sei eine Möglichkeit, die Welt zu verstehen. Sie gehört zum menschlichen Leben dazu – und sie gehört genau hierher, an die vorderste Front der Kultur.

Na ja, wenn Mode eine Waffe ist, dann steht sie tatsächlich an vorderster Front und kämpft um alles, was aufgeblasen, selbstgefällig und etabliert ist. Und genau das macht sie zu einer Ikone. Selbst meine Freundin Ruby bekam große Augen, als sie unsere Verbindung erkannte.

»Das heißt, deine Mutter ist – Sandy Dexter

Ja, genau. Vielleicht bin ich nicht die Stilikone an unserer Schule, aber ich bin die Tochter von Sandy Shocking Dexter, der Modezarin par excellence, der Designerin, die Schlagzeilen zu Saumlängen macht und den Zeitgeist in Kleidern mit durchgehendem Reißverschluss einfängt. Und dabei versucht sie nicht einmal, besonders schlau zu sein. So etwas kommt einfach dabei heraus, wenn sie über etwas nachdenkt.

Und dieses Mal dachte sie über das Foto nach.

Sie starrte es an, bis ihr Kaffee kalt war. Dann stand sie auf und murmelte etwas davon, dass sie einen Zeichenblock brauche. »Wir können später noch weggehen, ja, Freya? Ich will mir nur erst noch ein paar Notizen machen …«

Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Wenn ich Glück hatte, sah ich sie vor dem Mittagessen noch einmal. Am Abend zuvor hatten wir geplant, den heutigen Tag zusammen zu verbringen und alberne Sachen zu machen, wie Schlittschuhlaufen zu gehen oder im Park Hühnchen und Erdbeeren zu essen. Aber mir war klar, dass es dazu nicht mehr kommen würde.

Als ich mit meinem Kaffee fertig war, ging ich los, um einzukaufen. Es hatte keinen Sinn, sich darauf zu verlassen, dass sich Sandy an irgendetwas erinnerte, also konnte ich wenigstens dafür sorgen, dass wir etwas zu Essen im Haus hatten.

Ich war länger weg, als ich geplant hatte. Auf dem Weg zum Supermarkt hatte mich Ruby angerufen und wir hatten uns zum Essen getroffen. Anschließend waren wir in unseren Lieblingsläden herumgeschlendert und ich hatte mir eine DVD von Ich tanz mich in dein Herz hinein gekauft. Ich liebe alte Filme  – nichts ist besser als ein schöner Fred-&-Ginger-Film, wenn man sich mies fühlt.

Als ich zurückkam, war das Haus leer und nur eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.

»Hi Freya. Sandy hat mich gebeten, dich anzurufen.« Die zögerliche Stimme mit estnischem Akzent war unverkennbar die von Stefan, ihrem Star-Lehrling. Er hüstelte entschuldigend. »Sie … äh … sie musste für ein paar Tage weg. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, bei deinem Dad zu bleiben. Wenn es Probleme gibt, ruf mich an.«

Eure Mutter ist nie einfach so abgehauen? Nun, mir passiert das ständig. Wenn Sandy eine Idee hat, kann sie es nicht ertragen, nicht daran zu denken. Entweder schließt sie sich die ganze Nacht in ihrem Atelier ein oder sie verreist.

Als ich noch klein war, wohnte immer ein Au-pair-Mädchen bei uns, um auf mich aufzupassen. Normalerweise wechselten die ziemlich häufig, denn die Neuen wussten nicht so recht, was vor sich ging. Es funktionierte ganz gut, aber es wurde wesentlich einfacher, als Dad aufhörte, als Fotojournalist zu arbeiten und stattdessen zu unterrichten begann. Er fotografiert immer noch gelegentlich – hauptsächlich Porträts –, aber er ist immer in England. Und er wohnt gleich um die Ecke.

Ich machte mir einen Kaffee und rief ihn auf dem Handy an.

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