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Schön wie Marilyn

1. KAPITEL

Gibson Walker sah sechs nackte Frauen vor sich. Sie waren alle rank und schlank, hatten lange Beine, sanft geschwungene Hüften und hübsche Brüste.

Und woran dachte er bei diesem Anblick? Warum es nicht sieben waren.

Ungeduldig wippte er mit dem Fuß. “Wo steckt sie nur?”, fragte er schroff. Nun warteten sie schon seit einer halben Stunde!

Wie sollte er die Fotoserie für den brandneuen Duft Seven schießen, wenn er nur sechs Models hatte? Das Parfüm hieß ja nicht Six, sondern Seven.

“Können wir endlich anfangen?”, jammerte eine der nackten Frauen.

“Mir ist kalt”, sagte die nächste und fröstelte.

“Mir ist heiß.” Die dritte klimperte Gibson verführerisch mit den Wimpern zu und versuchte, ihn auch heißzumachen.

Auf die habe ich gerade gewartet, dachte er und wies sie mit einem unmissverständlichen Blick in ihre Schranken. Sie versteckte sich sofort hinter einem Scheinwerfer.

“Meine Nase glänzt, Gibson”, sagte eine andere Frau, betrachtete sich im Spiegel und schnitt komische Grimassen.

Auf deine Nase achtet sowieso keiner, Süße, hätte er beinah gesagt, riss sich jedoch zusammen. Immerhin ging es hier um Kunst, das jedenfalls bildeten sich die Mitarbeiter der Marketingabteilung ein. Also wandte er sich an die Maskenbildnerin: “Puder ihre Nase, Judi.”

Judi machte sich beflissen ans Werk und puderte auch die Wangen eines anderen Models ab, während Sierra, die Friseurin, zum tausendsten Mal die Frisuren richtete.

Gibson wurde immer ungeduldiger und rief Edith, seiner rechten Hand, zu, sie solle herausfinden, wo um alles in der Welt Nummer sieben geblieben war.

Am liebsten suchte er sich seine Models selbst aus. Wenigstens konnte er sich dann darauf verlassen, dass sie zuverlässig und professionell arbeiteten und pünktlich waren.

Dieses Mal hatte sein Kunde allerdings darauf bestanden, die Mädchen selbst auszusuchen.

“Wir möchten einen repräsentativen Querschnitt”, hatte der Chef der Werbeabteilung erklärt. “Natürlich müssen die Frauen alle bildhübsch sein, aber nicht im üblichen Sinne.”

Obwohl das sehr schwammig ausgedrückt war, hatte Gibson sofort gewusst, was der Mann wollte. Der Duft Seven sollte jeder Frau gefallen. Daher musste ‘jedefrau’ auch in der Anzeige abgebildet sein – selbstverständlich nur schöne Frauen, aber nicht der Typ, den man gemeinhin mit leerem Gesichtsausdruck über die Laufstege stöckeln sah.

“Wir sehen unsere Kartei durch”, hatte der Werbechef versprochen. “Wir suchen große und kleine Frauen mit lockigem oder glattem Haar und natürlich von unterschiedlicher ethnischer Herkunft heraus. Wir schicken sie dann vorbei.”

Er, Gibson, hatte nichts dagegen. Solange die Damen pünktlich waren.

Und eine war es nicht!

Gibson trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. Er ging ungeduldig im Atelier hin und her und wurde immer wütender. Die Mädchen wurden des Wartens auch langsam überdrüssig. Wie sollte er sie bei Laune halten?

Plötzlich hörte er Edith sagen: “Ja, er wartet schon auf Sie. Sie können gleich durchgehen.”

Langsam öffnete sich die Tür zum Atelier.

“Das wird aber auch langsam Zeit”, rief er der jungen Frau, die hereinkam, missmutig zu. “Wir warten seit eins auf Sie.”

Sie blinzelte verwirrt. Ihre Augen waren von einem tiefen Veilchenblau. Gibson schüttelte den Kopf, als er es bemerkte. Welch eine Verschwendung, denn er sollte ja Schwarz-Weiß-Fotos machen.

“Mein … mein Flugzeug hatte Verspätung.”

“Ihr Flugzeug?” Hatte man sie etwa extra eingeflogen? Womöglich war sie ein aufgehender Stern an der Westküste – der neueste Superstar von Los Angeles.

Gibson betrachtete sie genauer, um herauszufinden, was an ihr so besonders war. Immerhin stand er im Ruf eines Frauenkenners. Das brachte sein Beruf mit sich. Er fotografierte Frauen – schöne Frauen. Er war berühmt dafür, Frauen von ihrer besten Seite darzustellen und dem Betrachter der Fotos ihre Schönheit zu vermitteln.

Diese junge Frau mit den veilchenblauen Augen wirkte wie ein typisch amerikanisches Mädchen aus den Fünfzigerjahren. Sie mochte Mitte zwanzig sein, also älter als die anderen Models, war mittelgroß und besaß Kurven, von denen die anderen sechs Frauen nur träumen konnten. Genaueres konnte man erst sagen, wenn sie ihr Hemdblusenkleid ausgezogen hatte. Wer trug heutzutage in New York eigentlich noch Hemdblusenkleider? Mit dem welligen blonden Haar und dem sinnlichen Mund wirkte sie wie eine zugeknöpfte Marilyn Monroe.

Das war natürlich ein Widerspruch in sich!

Vielleicht hatte der Werbechef sie gerade deshalb ausgewählt, weil er hoffte, die Frauen würden dazu verleitet werden, den neuen Duft zu kaufen, weil sie sich einbildeten, damit eine neue Marilyn Monroe zu sein. Keine schlechte Idee, wie Gibson neidlos zugeben musste.

“Wie heißen Sie?”, fragte er.

“Chloe”, sagte sie und schien sich zu wundern, dass er ihren Namen nicht kannte.

Gibson zog die Augenbrauen hoch. Ob sie zu den arroganten Models gehörte, die erwarteten, nach zwei oder drei Aufträgen von jedermann erkannt zu werden? Hoffentlich nicht! Mit Primadonnen konnte er nichts anfangen.

“Okay, Chloe, nun sind Sie ja endlich hier. Ziehen Sie sich aus, und dann können wir anfangen.”

Chloe sah ihn völlig verblüfft an und wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort heraus. Und sie war errötet.

“Was ist los?”, fragte Gibson ungerührt. “Hat Ihnen keiner gesagt, was Sie heute hier zu tun haben?”

“Das … das haben sie mir jedenfalls nicht gesagt.” Sie schluckte und sah sich um. Dabei entdeckte sie die sechs nackten Frauen, die sie eine nach der anderen musterte.

Normalerweise waren die Models es gewohnt, ohne einen Faden am Leib herumzulaufen, wenn es von ihnen verlangt wurde. Es machte ihnen überhaupt nichts aus. Doch unter Chloes betroffenem Blick wurden sie unruhig. Wenn ich jetzt nicht einschreite, ziehen sie sich womöglich wieder an, dachte Gibson und schüttelte den Kopf, bevor er sich Chloe zuwandte und zuckersüß sagte: “Okay, dann verschwinden Sie eben wieder dorthin, wo Sie hergekommen sind. Oder Sie tun jetzt, was von Ihnen verlangt wird.”

Schweigen. Sie schien sogar vergessen zu atmen. Schließlich schien sie wieder zu sich zu kommen und befeuchtete sich die Lippen.

Gibson spürte, wie unentschlossen die junge Frau war. Fast meinte er, Panik in ihrem Blick zu lesen.

Was um alles in der Welt hatten diese Narren sich dabei gedacht, ausgerechnet dieses Mädchen zu engagieren?

Doch dann atmete sie tief durch und nickte. “Okay, wo kann ich mich ausziehen?”

“Ich zeige es Ihnen.” Sierra, die Friseurin mit dem violetten Haarschopf, lächelte ihr aufmunternd zu und ging voraus. “Hier entlang.”

Unsicher folgte Chloe ihr zu den Umkleidekabinen an einer Wand des Ateliers.

Gibson hätte schwören können, dass Chloe zitterte, als sie an ihm vorbeiging.

Während der vergangenen zwölf Jahre hatte Gibson viele Frauen fotografiert. Er schmeichelte ihnen mit seiner Kamera und erhob sie dadurch zu Kunstobjekten. Dadurch war er zu einem der meistgefragten Fotografen der Branche geworden. Vom professionellen Standpunkt aus freute er sich darüber, privat hätte ihm der Ruhm nicht gleichgültiger sein können.

Auch aus den Frauen, die er abbildete, machte er sich nichts. Er hatte es sich zur Regel gemacht, sich nie mit einer Frau einzulassen, die er fotografierte. Den Fehler hatte er einmal gemacht – und nie wieder.

Er konzentrierte sich ganz auf seine Arbeit, auf die richtige Beleuchtung, die am besten geeignete Belichtung und Pose. Frauen waren für ihn austauschbare Objekte.

Bis zu dem Moment, als Chloe an diesem Nachmittag aus der Umkleidekabine kam. Chloe war kein Objekt. Sie war ein Mensch, ein lebendiger Mensch, der atmete – und zitterte.

Es machte ihn verrückt.

“Okay, an die Arbeit, Mädels”, sagte Gibson und wagte kaum hinzusehen, als Chloe sich zu den anderen Models stellte. “Bildet einen Kreis. Ich brauche Silhouetten. Streckt die Arme hoch über den Kopf. Höher. Sehr gut.”

Und sieben Frauen streckten die Arme in die Höhe – sechs mit geschmeidigen Bewegungen, die siebte zitterte.

Gibson ließ die Kamera sinken. “Das gilt auch für Sie, Chloe. Strecken Sie die Arme hoch über den Kopf!”

Als Chloe gehorchte, wippte ihr Haar. Und ihre Brüste wippten auch.

Gibson bekam einen trockenen Mund und feuchte Hände. Und er war erregt. Wie ein Teenager, dachte er ärgerlich. Während seiner mittlerweile zwölfjährigen Laufbahn hatte er schon Hunderte, ja Tausende Brüste gesehen, jedenfalls wahrscheinlich mehr als ein Durchschnittsmann in seinem ganzen Leben. Doch die meisten Brüste hatten nicht gewippt. Er befeuchtete sich die Lippen.

Die anderen waren alle fest, klein und fast künstlich gewesen, während Chloes eher … üppig waren.

Ohne das Hemdblusenkleid hätte man sie wirklich mit Marilyn verwechseln können.

Gibson machte die Augen zu und versuchte, sich zu konzentrieren. Doch sobald er wieder hinsah, hatte er sie sofort im Blickfeld.

“Streck die Arme aus!”, rief er ihr wütend zu. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er sie plötzlich duzte. “Doch nicht ruckartig nach vorn, Süße! Bilde dir ein, du würdest die Arme nach deinem Geliebten ausstrecken!”

Chloe errötete am ganzen Körper.

Gibson ließ die Kamera erneut sinken und blinzelte. Dann sah er wieder hindurch. Das war ja unglaublich! Geradezu faszinierend. Noch nie hatte er gesehen, wie jemand am ganzen Körper errötete. Wie bezaubernd!

Nein, ‘bezaubernd’ war wohl doch übertrieben. Ihn hatte keine Frau mehr bezaubert seit … Gibson riss sich zusammen. “Hör auf zu zittern!”, befahl er. “Oder ich habe sechs hübsche Ladys und einen verwackelten Schatten.”

“Entschuldigung.” Chloe konnte einfach nicht aufhören zu zittern.

Gibson schüttelte den Kopf und sah wieder durch die Kamera. Dann begann er, die ersten Aufnahmen zu machen. “So, und nun schwimmt. Fließende, elegante Bewegungen, als würdet ihr waten.”

Sie schwammen, stellten sich auf Zehenspitzen und machten fließende Armbewegungen. Nur Chloe fiel aus dem Rahmen.

Gibson biss sich auf die Lippe und konzentrierte sich auf die anderen Mädchen. Sie wateten voran, und wieder kam Chloe in sein Blickfeld. Er räusperte sich und versuchte, einen Arbeitsrhythmus zu finden. “Zeigt mir eure Lippen. Tut so, als würdet ihr küssen. Prima!”

Und natürlich musste Chloe direkt in die Kamera sehen. Wieder war sie am ganzen Körper errötet, und sie bot ihm die Lippen zum Kuss!

Gibson fluchte unterdrückt. “Du sollst nicht mich ansehen, Süße. Ich brauche Profile”, sagte er heiser. “Küss deinen Freund. Du hast doch einen Freund?”

Jetzt errötete sie noch tiefer! Schade, dass die Fotoserie nur schwarz-weiß war. Die rosige Farbe hätte sich gut gemacht. Er atmete tief durch, trocknete die feuchten Hände an seinen Jeans und befeuchtete sich die Lippen. Nun konzentrier dich endlich, ermahnte er sich ärgerlich.

Aber genau das tat er ja. Allerdings nur auf eine Person, sosehr er sich auch bemühte. Und er wurde immer erregter. Verzweifelt überlegte er, wie die Models sich bewegen sollten, doch ihm fiel absolut nichts ein. In seinem Kopf herrschte gähnende Leere. Er konnte immer nur diesen unglaublich verführerischen Körper ansehen. Im Gegensatz zu den anderen sechs Mädchen schien Chloe die Sache mit viel Herz anzugehen. Wenn er ‘dein Freund’ sagte, errötete sie. Wenn er sie bat zu küssen, spiegelte sich Sehnsucht in ihrem Gesichtsausdruck.

“Ja”, sagte er. “Genau. Mehr. Weiter so. Gib mir mehr, Süße.”

Sie sahen ihn alle an.

“Ich meine, ihr Süßen.” Gibson lächelte ihnen entschuldigend zu und sah wieder Chloe an.

Sie zitterte. Sie errötete. Ihre Brüste wippten.

Plötzlich gab es vor der Tür Unruhe. “Du kannst da jetzt nicht hinein”, rief jemand. “Kann ich doch. Ich bin sowieso schon spät dran”, sagte eine andere Frauenstimme.

Im nächsten Moment wurde die Ateliertür aufgerissen, und Tasha, ein Topmodel, mit dem er schon oft zusammengearbeitet hatte, stürzte herein.

“Oh Gibson! Entschuldige bitte. Das Taxi ist liegen geblieben. Und derr Fahrrer! Er sagt, Sie können nicht gehen, ohne zu bezahlen. Ich sage, ich bezahle nicht. Sie haben mich nicht am rrichtigen Orrt abgesetzt. Dann hat err mich festgehalten, und ich habe geschrrien: Kidnapping! Err sagt, ich bin Betrrügerin. Unglaublich!” Als sie aufgebracht den Kopf schüttelte, wehte das lange, flammend rote Haar nur so. “Und dann die Polizei! Man sollte meinen, sie glauben hübschem Mädchen, oderr? Aberr was tun sie? Sie glauben diesem schrrecklichen Taxifahrrer.”

Während Tasha ihre Verspätung erklärte, zog sie sich temperamentvoll aus – erst das bauchfreie Top, dann den winzigen BH, die Sandaletten und den Minirock. “Ich sage dirr, diese Polizisten haben ja keine Ahnung!” Sie schleuderte ihren Slip durch die Luft. Dann breitete sie die Arme aus und strahlte Gibson an. “Ich bin ferrtig. Jetzt können wirr anfangen, ja?”

Gibson machte den Mund wieder zu. Mitten im Atelier stand die wunderschöne nackte Tasha, und an ihr wippte gar nichts. Die anderen Models umringten sie. Langsam ließ er den Blick über die Mädchen gleiten. Sie sahen ihn an, dann betrachteten sie einander. Alle schienen das Gleiche zu denken. Sie zählten: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.

Gibson wandte sich Chloe zu. Der zitternden, errötenden Chloe mit den wippenden Brüsten. Sieben.

Und mit Tasha waren es …

Acht.

Acht?

“Einen Moment mal”, sagte Gibson. “Irgendwas stimmt hier nicht. Wenn Tasha für die Aufnahmen vorgesehen ist, dann …”

“Natürrlich bin ich vorrgesehen!”

“Dann ist eine von euch nicht vorgesehen.”

Alle richteten den Blick auf Chloe, die schützend die Arme vor der Brust verschränkte und sich hinter einem Tisch verschanzte. Sie war von Kopf bis Fuß so rot wie Tashas Haar.

“Du bist gar kein Model.” Gibson musterte sie vorwurfsvoll.

“Natürlich bin ich kein Model!”

Mit der Antwort hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Wenigstens hätte sie sich doch herausreden, die Gelegenheit beim Schopf packen können! So etwas wäre ja nicht zum ersten Mal passiert.

Gibson sah sie wütend an. Wenn sie kein Model war, was um alles in der Welt tat sie dann nackt in seinem Atelier?

“Wer sind Sie?”

“Das habe ich Ihnen doch gesagt!” Ihr Tonfall klang fast verzweifelt. “Ich bin Chloe. Chloe Madsen. Ihre Schwester hat mich geschickt.”

“Meine Schwester? Gina hat Sie hergeschickt?”

Sie nickte. Und ihre Brüste wippten. Gibson machte die Augen zu.

Als er sie wieder öffnete, sah er, dass Chloe in einen Bademantel schlüpfte, der auf einem Tisch gelegen hatte. Dann verschränkte sie wieder die Arme. “Ja, Gina hat mich geschickt, damit ich bei Ihnen arbeite. Den Sommer über. Als Ihre Assistentin.”

“Als meine Assistentin?” Er musterte sie ungläubig.

“Ja. Sie hat gesagt, Sie seien einverstanden. Stimmt das vielleicht nicht?”

Ach du liebe Zeit! Gibson biss sich auf die Lippe. “Doch, wahrscheinlich”, antwortete er schließlich.

“Wahrscheinlich?”, fragte Chloe nach.

“Also gut. Ich muss wohl Ja gesagt haben.”

Aber nur, weil er immer Ja sagte, wenn Gina ihn um etwas bat. Das war er ihr schuldig. Sie hatten ihre Eltern verloren, als er dreizehn und Gina zwanzig Jahre alt gewesen war. Gina hatte für ihn gesorgt. Seinetwegen hatte sie sogar ihr Studium abgebrochen. Später hatte sie dann darauf bestanden, dass er die Universität besuchte. Sie hatte ihn immer unterstützt und an ihn geglaubt.

Wenn sie ihn hin und wieder um einen Gefallen bat, konnte er also schlecht Nein sagen, so gern er es manchmal auch getan hätte. Immerhin ließ er es sie wissen, wenn es ihm nicht passte. Meistens hatte sie dann auch nicht mehr darauf bestanden. Bis jetzt.

Wütend schrie er Chloe an: “Wenn Sie meine Assistentin sind, warum um alles in der Welt haben Sie sich dann ausgezogen?”

“Weil Sie es mir gesagt haben.”

So einfach war das? Gibson sah sie verblüfft an. “Wenn ich Sie mitten auf der Straße darum bitten würde, sich auszuziehen, dann würden Sie das tun?”

“Natürlich nicht!” Chloe errötete wieder. “Aber Gina hat mir eingeschärft, ich müsste alles tun, was Sie von mir verlangen. Beruflich, meine ich.”

Sie hielt seinem Blick stand. Chloe Madsen hatte Mut, das musste man ihr lassen.

Chloe atmete tief ein und aus, wobei ihre Brüste sich unter dem dünnen Frotteemantel hoben und senkten. Er hatte sie schon nackt gesehen. Und die dunkelrosa Knospen.

Wahrscheinlich werde ich sie nie wiedersehen, dachte er. Wenn man bedachte, wie die nackte Chloe ihn fast um den Verstand gebracht hätte, war das wohl auch besser so.

“Warrum arrbeitest du mit dem Mädchen?”, fragte Tasha vorwurfsvoll. “Das darrfst du nicht! Ich bin das Seven-Mädchen!” Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn wütend an.

“Tasha …” Gibson lächelte ihr beruhigend zu.

Sie umfasste sein Gesicht und küsste ihn auf den Mund. “Wirr fangen noch einmal von vorrn an, ja? Verrzeihst du Tasha die Verrspätung?”

“Ja.” Gibson brachte sich schnell in Sicherheit und ließ den Blick zu Chloe gleiten, die ihn noch immer ansah. Er machte keine Anstalten, die Arbeit wieder aufzunehmen.

“Gibson?”, fragte Tasha ungeduldig.

Er wandte den Blick ab. “Ja?”

“Fangen wirr jetzt endlich an?”

“Ach so, ja, natürrlich, ich meine, natürlich.” Das würde ihn wenigstens von Chloe Madsen ablenken. Er hob die Kamera. “Okay, Mädels, auf ein Neues. Ihr wisst, was ihr zu tun habt.”

Sie bildeten wieder einen Kreis, Tasha fand ihren Platz. Sie zitterte nicht, und bei ihr wippte auch nichts, wie Gibson erleichtert feststellte.

“Und was ist mit mir?”, fragte Chloe. “Was soll ich jetzt tun?”

Er wandte sich ihr wieder zu. Vor seinem inneren Auge sah er sie nackt. Allein der Gedanke erregte ihn, doch Gibson riss sich zusammen und antwortete: “Gehen Sie wieder nach Hause.”

Sie sollte nach Hause gehen? Das hatte ihr gerade noch gefehlt! In Collierville in Iowa konnte sie sich nicht mehr blicken lassen, nachdem sie sich in New York entblößt hatte!

Chloe war in eine der kleinen Umkleidekabinen geflüchtet und hörte zu, wie Gibson Walker den Models mit seiner rauen, verführerischen Baritonstimme Anweisungen gab. Arme ausstrecken und schwimmen. Genau wie er es vorhin auch von ihr verlangt hatte.

Bei der Erinnerung daran barg sie das Gesicht in den Händen. Sie schämte sich furchtbar.

Schließlich begann sie nervös, sich wieder anzuziehen. Ihre Hände zitterten so sehr, dass es doppelt so lange wie sonst dauerte, bis das Hemdblusenkleid zugeknöpft war. Endlich war es geschafft. Eigentlich hätte sie die Umkleidekabine jetzt verlassen können, doch sie traute sich nicht, Gibson Walker wieder unter die Augen zu treten.

Er war so wütend auf sie gewesen. Aber wieso eigentlich? Immerhin hatte sie sich gehorsam ausgezogen, als er sie darum gebeten hatte. Den Grund dafür würde sie wohl nie begreifen. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Für sie gab es nur eine Ausrede: Gina hatte ihr erklärt, Gibson könnte sie durchaus als Model einsetzen, wenn er das Atelier ausleuchtete und die richtigen Kameraeinstellungen vornahm. Sie, Chloe, hatte offensichtlich nicht richtig zugehört und gedacht, Gibson wollte sie als Ersatzmodel.

Sie lachte auf. Was Dave wohl dazu sagen würde?

Gar nichts, denn er würde es nie erfahren. Es hatte Dave Shelton, ihrem Verlobten, sowieso nicht gepasst, dass sie den Sommer über in der Großstadt mit dem schlechten Ruf jobben wollte.

“Was willst du denn ausgerechnet in New York?”, hatte er gefragt. “Dort kommst du nur auf dumme Gedanken.”

“New York ist eine wundervolle, faszinierende Stadt, die unglaublich viel zu bieten hat. Ich möchte mich einfach mal umsehen. Du brauchst keine Angst zu haben, ich lasse mich schon nicht manipulieren”, hatte sie geantwortet.

Wenn Dave allerdings erfahren würde, dass sie splitterfasernackt vor ihrem Arbeitgeber hin und her stolziert war, kaum dass sie in New York eingetroffen war, würden seine schlimmsten Befürchtungen sich natürlich bestätigen. Doch niemand würde es ihm erzählen. Es sei denn, Gibson Walker würde es ihm verraten. Aber das würde er nicht tun, oder?

“Küssen, Ladys. Ich will sehen, wie ihr küsst. Prima, sehr gut, ausgezeichnet”, hörte sie Gibson sagen.

Wieder barg Chloe das Gesicht in den Händen. Sie hatte ihm direkt in die Augen gesehen und die Lippen zum Kuss geformt. Allein bei der Vorstellung daran hätte sie vor Scham im Erdboden versinken können.

Und dann sagte er schließlich: “Das war’s. Vielen Dank. Ich glaube, wir haben eine prima Serie gemacht.”

Die Models begannen, alle durcheinanderzureden. Am lautesten war die sexy Rothaarige, die zu spät gekommen war und sie, Chloe, verdrängt hatte. Es hieß “Gibson dies, Gibson das”, und er antwortete ganz gelassen, als würde er jeden Tag mit nackten Schönheiten arbeiten. Wahrscheinlich tat er es sogar.

Jetzt kamen die Mädchen zu den Umkleidekabinen. Jemand klopfte an ihre Tür.

“Ich bin noch nicht so weit”, behauptete Chloe leise.

Das würde sie wohl nie sein. Am liebsten wäre sie für den Rest ihres Lebens in der Kabine geblieben. Sie atmete mehrere Male tief durch und versuchte, ruhig und gelassen zu werden.

Die Mädchen hatten sich inzwischen wieder angezogen und verließen das Atelier. “Bye, Gibson”, riefen sie zum Abschied.

“Wiedersehen, Mädels.”

“Du bist der Größte, Gibson. Bis zum nächsten Mal.”

Dann herrschte Stille.

Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Chloe wusste, dass sie sich nicht länger verstecken konnte. Sie hatte zwei Möglichkeiten. Entweder versuchte sie, ungesehen zu verschwinden und den nächsten Flug nach Iowa zu nehmen, oder sie trat dem Mann im Atelier mutig entgegen und versprach, ihm eine gute Assistentin zu sein.

Eigentlich hatte sie keine Wahl, denn sofort nach Hause zu fliegen kam überhaupt nicht infrage. Sie hatte sich so sehr auf den Sommer in New York gefreut. Um sich diesen Traum zu erfüllen, hatte sie einiges aufs Spiel gesetzt. Dave hatte sie erklärt, sie wollte die Zeit nutzen, um sich über einiges klar zu werden. Natürlich hatte er sie nicht verstanden. Aber das wäre wohl auch zu viel erwartet gewesen. Jedenfalls konnte sie nicht unverrichteter Dinge wieder zurückkehren, das stand immerhin fest.

Chloe atmete tief durch und machte die Tür auf.

“Ich habe einen Flug für Sie gebucht”, sagte Gibson kurz angebunden, sowie die Tür sich öffnete. “Er geht um sechs Uhr, dann sind Sie um neun in Chicago. Dort haben Sie eine Stunde Aufenthalt. Dann geht es mit dem letzten Flug nach Dubuque, wo Sie Viertel nach elf landen werden. Sie können jemanden anrufen, der Sie vom Flughafen abholen soll.”

Er ließ flüchtig den Blick über sie gleiten – nicht nur, um sich davon zu überzeugen, dass sie sich angezogen hatte und ihre Brüste noch wippten. Dann widmete er sich entschlossen einem Stapel unerledigter Sachen, die sich während der vergangenen zwölf Jahre auf seinem Schreibtisch gestapelt hatten. Es war wirklich äußerst wichtig, sich jetzt sofort darum zu kümmern!

Als Chloe nicht reagierte, sah er auf, wobei er sorgfältig darauf achtete, ihr nur ins Gesicht zu blicken. Dieses Gesicht hatte sehr verführerische Lippen. Verflixt!

Chloe betrachtete ihn besorgt.

“Die Flugkosten übernehme ich natürlich”, erklärte er ungeduldig. Wahrscheinlich machte sie sich wegen des Geldes Sorgen.

“Darum … darum geht es gar nicht. Ich … ich kann nicht nach Hause zurück.”

“Wie bitte?” Gibson musterte sie verblüfft. “Wieso können Sie nicht nach Hause? So ein Unsinn!”

Doch Chloe schüttelte energisch den Kopf. “Nein, das geht nicht. Jedenfalls nicht vor dem 15. August.”

“Hat man Sie bis dahin aus Iowa ...

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