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Schockgefroren

SASCHA BUZMANN

In Zusammenarbeit mit Daniel Oliver Bachmann

SCHOCK
GEFROREN

Wie ich 86 Tage in der Gewalt meines Entführers überlebte

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Buch der Psalmen, Psalm 23

1. Entführung

Die Zeitungen werden später schreiben, dass an diesem 9. Januar 1986 ein Schneesturm tobte. Aber es ist nur für die Erwachsenen ein Schneesturm; für mich, einen kleinen Jungen von neun Jahren, ist es ein Wintermärchen. Schneeflocken, groß wie mein Handteller, fallen vom Himmel. Sie bedecken mich, bedecken die Straße, die Bäume, die Häuser, sie bedecken die ganze Welt. Eben bin ich aus dem Bus ausgestiegen. Von der Haltestelle bis zu meinem Elternhaus sind es keine 200 Meter. Als ich losstapfe, denke ich daran, dass meine Fußstapfen in kurzer Zeit nicht mehr da sein werden. Sie werden vom Schnee bedeckt sein, der alle Spuren beseitigt und alle Geräusche dämpft und die ganze Erde in eine Zauberwelt verwandelt.

Ein Schneemann bleibt, denke ich. Ich sollte einen Schneemann bauen.

Ich knie nieder und sehe meinen Händen zu, wie sie weit ausholen, um genug Schnee für eine große Kugel einzufangen. Mein Schneemann soll so groß sein wie ich, nein, größer will ich ihn, mindestens doppelt so groß. Ich bin 1,33 Meter, und ich überlege mir, wie ich einen Schneemann bauen kann, der doppelt so groß ist. Vielleicht mit einem Stuhl, vielleicht, wenn ich einen Stuhl hole und darauf stehe? Ich bin gefangen in meinem Spiel, bin in einer anderen Welt, in einer unschuldigen Kinderwelt. Ich denke an meinen Schneemann und dass ich eine Möhre für seine Nase möchte und zwei Kohlenstücke für die Augen. Und einen Hut; natürlich, mein Schneemann braucht einen Hut, und in der Hand hält er einen Besen, so wie es sich gehört. Ich denke daran, wie sich meine Schwester freuen wird, wenn sie heimkommt, und meine Eltern und alle Leute, die bei uns im Haus wohnen, sobald sie aus der Tür treten und mein Schneemann sie begrüßt. Ich forme die Schneekugel noch größer und überlege mir, dass ich zwei weitere brauche …

Ich sehe den Mann nicht kommen. Ich höre ihn auch nicht, der Schnee dämpft seine Geräusche. Er packt mich brutal, sein Arm legt sich um meinen Hals. Er würgt mich, ich schnappe nach Luft. Er sagt etwas, aber ich verstehe ihn nicht. Er zerrt mich mit sich. Wie einen Sack zerrt er mich mit sich. Meine Beine sind frei, ich strample, ich wehre mich, aber er ist stärker, er ist so viel stärker als ich. Er schleppt mich zum Gebüsch neben unserm Haus. Schnee dringt unter meine Jacke, während der Mann mich ins Gebüsch schleift, und dann ist er auf mir. Sein Atem stinkt, sein Gesicht ist ganz nahe, zu einer Fratze verzerrt, er versucht, seinen Mund auf meinen zu drücken. Wieder strample ich und schlage nach ihm, aber er legt sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich. Es ist, als wolle er mich erdrücken. Ich bekomme keine Luft und öffne panisch den Mund, und da drückt er seinen darauf, und alles, was man von mir hören kann, ist ein ersticktes Gurgeln.

Niemand kann das hören. Niemand kann uns sehen. Es schneit in dicken Winterzauberflocken, und die Erwachsenen sind zuhause, auch meine Eltern sind zuhause, keine zwanzig Meter von mir entfernt, getrennt durch die Hauswand, ein Gebüsch und einen Fremden, der mich jetzt packt und hinter sich herschleppt.

Ich muss sterben, denke ich. Der bringt dich um.

Panik überkommt mich. Meine Beine versagen ihren Dienst, und ich stolpere, aber der Mann reißt mich hoch. Er beschleunigt seine Schritte, sein Griff um meinen Arm ist wie ein kaltes Stück Eisen. Verzweifelt drehe ich den Kopf. Da sehe ich das helle Licht aus dem Küchenfenster unserer Wohnung scheinen, und in dem Lichtkegel steht mein Vater. Ich will schreien, will ihn auf mich aufmerksam machen, aber der Mann zischt: »Kein Wort, oder du bist tot.« Der Schrei erstickt in meiner Kehle. Jetzt sind wir schon dreißig Meter vom Haus entfernt, vierzig Meter, fünfzig Meter, hundert Meter. Vor uns liegt ein weites, schneebedecktes Feld. Es verliert sich am Horizont, wo Erde und Himmel im Schneesturm zu einem unbestimmten Etwas verschmelzen. Darauf läuft der Fremde zu. Mich schleift er mit sich, als sei ich eine leblose Puppe.

Das alles dauert keine fünf Minuten. Es ist der Beginn eines Martyriums, das 86 Tage dauern soll. Es ist der Beginn meines Martyriums. Noch nie musste ein Kind in Deutschland so lange in der Gewalt eines Sexualtäters ausharren. Und auch nach meiner Befreiung ist das Martyrium für mich nicht vorbei. Es dauert bis heute an, auch wenn ich vieles vergessen habe.

Nein, das stimmt nicht. Ich habe nichts vergessen. Es muss heißen: Das Martyrium dauert bis heute an, aber ich habe die Erinnerungen daran, so weit es mir möglich war, verdrängt.

25 Jahre später klingelt es an meiner Tür. Wieder ist Januar, wieder tobt draußen ein Schneesturm. Den Winter von 2010 werden die Menschen so schnell nicht vergessen. Schneereich ist er und eiskalt, und einige sprechen vom Jahrhundertwinter. In meiner gemütlichen Zweizimmerwohnung ist es mollig warm. Mein Blick geht aus dem Fenster hinüber zu den Höhen des Taunus. Dahinter liegen Wiesbaden und Mainz und, keine zehn Kilometer von mir entfernt, der Ort des Verbrechens. Doch daran denke ich nicht. Daran denke ich so gut wie nie. Und wenn ich es doch einmal tue, bringe ich mich ganz schnell auf andere Gedanken. Im Moment beschäftige ich mich mit einem neuen Job. Schon geraume Zeit arbeite ich als Kellner in der gehobenen Gastronomie, und vor mir liegt ein Angebot eines Mehrsternehotels in einem österreichischen Ferienort. Ich denke darüber nach, ob ich es annehmen soll. Die Bezahlung kann sich sehen lassen, sie ist deutlich besser als in vergleichbaren Häusern in Deutschland. Dafür werden die Arbeitsbedingungen hart sein wie immer. Der Beruf eines Kellners ist kein Zuckerschlecken, wir arbeiten, wenn andere ihre Freizeit genießen. In dem Wintersportort werde ich noch mehr Schnee sehen als hier, und eigentlich bin ich kein großer Freund der weißen Pracht. Also, soll ich, soll ich nicht? Ich kann mich nicht entscheiden und überlege mir, ob ich eine Münze werfen oder die Sache einfach ein paar Tage ruhen lassen soll. Es gibt viele Dinge, die ich ruhen lasse, selten entscheide ich mich schnell. In diesem Augenblick klingelt es. Ich blicke auf meine Uhr. Es ist 9:20 Uhr, das ist keine Zeit für meine Freunde. Von meinen Eltern oder meinen vier Geschwistern, die ganz in der Nähe wohnen, hat sich auch niemand angesagt. Dann wird es wohl der Postbote sein. Ein Päckchen vielleicht, obwohl ich mich nicht erinnern kann, etwas bestellt zu haben. Ich gehe zur Gegensprechanlage und melde mich.

»Spreche ich mit Sascha Buzmann?«, klingt eine männliche Stimme blechern aus dem Lautsprecher.

»Ja«, antworte ich und denke, das steht doch an der Klingel. Mit wem außer Sascha Buzmann sollst du sonst sprechen?

Der Mann sagt: »Ich bin Journalist.« Er nennt den Namen eines bekannten deutschen Nachrichtenmagazins. »Ich würde mich gerne mit Ihnen über Ihre Entführung unterhalten.«

Mir stockt der Atem. Alles habe ich erwartet an diesem Morgen, aber nicht das. Auf gar keinen Fall, schießt es mir durch den Kopf, ganz gewiss werde ich mich nicht mit irgendeinem Fremden über meine Entführung unterhalten. Ich unterhalte mich mit überhaupt niemand über meine Entführung. Ich weiß nichts über meine Entführung, ich kann mich nicht erinnern, ich will mich nicht erinnern, lassen Sie mich in Ruhe!

Ich stehe in einer gebückten, unbequemen Haltung vor der Gegensprechanlage. Jetzt drehe ich mich um. Mein Blick schweift durch meine Wohnung. Sie ist mein kleiner, sicherer Hafen. Schön habe ich es hier, das sagt jeder, der mich besuchen kommt. Ich bin nicht reich, aber habe mir mein Zuhause gut eingerichtet. Es ist sauber. Manche sagen sogar, bei dir ist es peinlich sauber, aber so mag ich es. Sehe ich irgendwo Schmutz, greife ich zum Lappen und putze ihn weg. Leistet er Widerstand, höre ich nicht auf, bis das letzte Fleckchen verschwunden ist. Schmutz ist das Allerletzte, was ich brauchen kann, weil es damals so schmutzig war, weil dieser Mann so schmutzig war, weil ich so schmutzig war …

»Herr Buzmann? Sind Sie noch da?« Ich zucke zusammen. Für einen Augenblick hatte ich mich im Wohnwagen befunden, der 86 Tage lang mein Verlies gewesen war. Der Wohnwagen des Entführers. »Herr Buzmann?«

Nein, ich antworte nicht. Irgendwann geht der Störenfried bestimmt wieder. Er hat mich für heute schon genug aus der Bahn geworfen. Ich habe mir mein Leben mühsam aufgebaut und muss alles davon fernhalten, was mich aus dem Gleichgewicht bringt. Es gibt vieles, das mich aus dem Gleichgewicht bringen kann. Also, nicht antworten. Doch da ist auch eine Stimme, die etwas anderes sagt. Es ist 25 Jahre her, sagt sie. Ein Vierteljahrhundert. Vielleicht ist es an der Zeit, sich zu erinnern. Vielleicht ist es an der Zeit, sich den Dämonen zu stellen.

Nein! Ganz gewiss werde ich das nicht tun! Ich werde an den Tisch zurückgehen, ich werde den Arbeitsvertrag des österreichischen Hotels unterzeichnen, ich werde meinen Koffer packen, und ich werde sofort abreisen. Ich werde gar nicht erst abwarten, bis meine Arbeit beginnt, ich werde sie gleich antreten. Von mir aus unentgeltlich. Dort wird keiner an meiner Tür klingeln, dort will niemand mit mir über etwas sprechen, das so lange zurückliegt, aber mich noch immer nicht in Ruhe lässt.

Aber ich gehe nicht zurück zum Tisch. Stattdessen drehe ich mich um. Ich beuge mich hinab zur Gegensprechanlage. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrichen ist. Vielleicht ist der Mann an der Haustür bereits verschwunden. Dann soll es mir auch recht sein.

»Sind Sie noch da?« Meine Stimme klingt belegt. Als ob ich auf einmal erkältet bin, als ob ich ein Reibeisen verschluckt habe.

»Ja«, antwortet er. »Kann ich raufkommen?«

»Nein«, sage ich. »Werfen Sie Ihre Visitenkarte in den Briefkasten. Ich melde mich.«

Später sitze ich lange am Tisch und starre auf den Arbeitsvertrag. Ich spiele mit einem Kugelschreiber in der Hand, aber setze nicht meinen Namen aufs Papier. Ich gehe auch nicht zum Briefkasten, um die Visitenkarte zu holen. Ich bleibe einfach sitzen, wie ich es oft tue. Ich kann stundenlang sitzen und vor mich hin träumen. Ich zünde mir eine Zigarette an, und als ich sie fast aufgeraucht habe, zünde ich an ihrer Glut eine neue an. Irgendwann dämmert es. Es wird Abend, und als ich zur Packung greife, ist sie leer. Ich stehe auf, öffne das Fenster. Aus der Küche hole ich einen feuchten Lappen und wische die Zigarettenkrümel weg. Dann nehme ich den Briefkastenschlüssel. Langsam steige ich die Treppen hinab, jeder Schritt fällt mir schwer. Zwischen Rechnungen und Prospekten finde ich die Visitenkarte. Darauf das Logo des Nachrichtenmagazins, darunter ein Name und eine Telefonnummer. Ich drehe die Karte um. »Bitte rufen Sie mich an«, hat der Mann hinten draufgekritzelt.

Nein, das tue ich nicht.

Ich habe schon jetzt zu viel getan.

Dann greift meine Hand trotzdem zum Telefon. Das macht sie einfach so, ohne mein Mittun. Meine Finger wählen die Nummer auf der Karte, auch das machen sie ohne mein Mittun. Irgendwie hat sich mein Denken verabschiedet, diese Kontrollinstanz, die seit ewiger Zeit dafür sorgt, dass mich die Vergangenheit nicht ständig aufs Neue quält. Als ich heute Morgen aufstand, gab es keinerlei Anzeichen, dass sich das heute ändern soll. Aber so ist es. Ab heute wird alles anders sein.

»Hallo«, sagt der Reporter.

»Hier ist Sascha Buzmann. Wollen Sie mich noch immer sprechen?«

Für einen Augenblick herrscht verblüffte Stille. Dann sagt er: »Ich freue mich, dass Sie es sich anders überlegt haben.«

Habe ich das? Ich weiß es nicht. Ich habe nur einen ersten Schritt getan, der mich aus der Isolierung führen soll. Er wird mich mit meiner Vergangenheit konfrontieren. Hätte ich gewusst, wie schmerzhaft das Erinnern ist, hätte ich es vielleicht nicht getan. Aber davon weiß ich in diesem Augenblick nichts. So wenig, wie ich vor 25 Jahren nichts von der kranken Welt der Erwachsenen wusste.

Er bringt dich zum See, schießt es mir durch den Kopf. Er wird dich ersäufen!

Im Schneesturm kann ich nicht genau erkennen, wo wir sind. Dort hinten muss der Golfplatz liegen, da gibt es einen kleinen See. Er will mich hinbringen und mich ins Wasser werfen und meinen Kopf runterdrücken, so lange, bis meine Beine und Arme aufhören zu zappeln, bis ich still bin. Das wird er tun, weil ich jetzt nicht still gewesen bin, weil ich etwas gesagt habe, weil ich gesagt habe: »Ich bin doch ein Junge!«

»Ich bin kein Mädchen! Ich bin ein Junge!« Das sagte ich im Gebüsch. Als er seinen Mund auf meinen presste. Als er mich küssen wollte. Dort im Gebüsch wurde mir auf einmal klar, dass ich den Mann schon einmal gesehen habe. Vorhin im Bus. Da hat er mir Blicke zugeworfen. Oder vielleicht auch Katrin. Katrin sitzt neben mir in der Linie 25, weil meine Schwester Jenny es so will. Wir haben die letzten Stunden mit Rollschuhfahren verbracht, in der Rollschuhdisko »Roll On« in Wiesbaden-Biebrich. Da treffen sich Leute, die Hip-Hop machen oder Breakdance oder Graffiti sprühen. Aber auch wir Kleinen dürfen zur Musik unsere Runden drehen. Weil ich ganz vernarrt ins Rollschuhlaufen bin, muss Jenny ein Auge auf mich haben. Obwohl sie mit ihren sechzehn Jahren auch andere Dinge im Kopf hat, tut sie das ganz gewissenhaft. Aber sie darf länger bleiben, während ich nach Hause muss, wenn es am Schönsten ist. Mit Mama und Papa hat Jenny ausgemacht, dass sie mich zu ihrer Freundin Katrin in den Bus setzt. Das haben wir schon häufig so gemacht, daher weiß ich, wenn Katrin in Wallau aussteigt, muss ich noch fünf Stationen weiterfahren. Als wir in den Bus steigen, bemerken wir den Mann. Er sieht verwahrlost aus, wie einer der Bettler, die ich bei einem Ausflug in Wiesbaden am Bahnhof sah. Sein Bart ist lang und struppig, seine Haare fallen in fettigen Strähnen herab. Katrin und ich suchen uns eine freie Sitzbank ein paar Meter von ihm entfernt.

»Guck nur, wie der aussieht«, flüstert Katrin. Dann vergessen wir den Mann. Katrin fragt mich, was ich zu Weihnachten gekriegt habe, und ich schwärme ihr von meinen Geschenken vor. »Masters-of-the-Universe-Figuren«, erzähle ich stolz. »He-Man und Skeletor. Und die Burg.« Katrin lacht. Ich mag sie, weil sie immer fröhlich ist. »Hast du den Typen beim Rollschuhlaufen gesehen?«, fragt sie. »Der sah auch aus wie He-Man.«

Wir überlegen uns, wann wir das nächste Mal ins »Roll On« können. Ich übe Sprünge und Rückwärtsfahren und bin begierig darauf, Fortschritte zu machen. Mit dem Finger zeichne ich He-Man mit Rollschuhen auf die angelaufene Fensterscheibe. Dahinter sehe ich das Wirbeln der Schneeflocken. »Heute schneit es nur einmal«, sagt Katrin. »Ich muss jetzt aussteigen. Mach’s gut, Sascha.«

Wir sind in Wallau angekommen. Der Bus hält, Katrin steht auf, und mit ihr steigt eine Handvoll Menschen aus. Als ich mich noch einmal nach ihr umdrehe, sehe ich wieder den Mann mit dem wilden Bart. Er starrt mich an, aber ich achte nicht darauf. Viel mehr denke ich darüber nach, was Mama wohl zum Abendessen macht. Nach dem Rollschuhlaufen komme ich immer mit einem Bärenhunger nach Hause. Die nächsten fünf Haltestellen nehme ich gar nichts mehr wahr. Dann hält der Bus, und ich steige aus, wo ich schon so oft ausgestiegen bin: in Wiesbaden-Delkenheim. Ich gehe vor zum Busfahrer. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass der verwahrloste Mann im Mittelausgang den Bus verlässt, aber mache mir keine Gedanken darüber. Die bunten Lichter des Supermarktes neben der Haltestelle fallen mir auf, weil darin die Schneeflocken so schön tanzen.

Am Laden vorbei führt mein Weg zum Spielplatz. Von dort sind es nur noch ein paar Schritte nach Hause. Als ich losmarschiere, habe ich auf einmal ein seltsames Gefühl. Es ist, als sei ich … als wäre etwas … nein, ich kann es nicht einordnen. Aber das Gefühl zwingt mich, stehen zu bleiben und mich umzudrehen. Da sehe ich den Mann mit dem wirren Bart, wie er ebenfalls stehen bleibt und sich umdreht. Der Busfahrer schließt die Türen und fährt los. Die Leute, die mit uns ausgestiegen sind, sind schon in Richtung Supermarkt verschwunden oder gehen über die Straße in die andere Richtung. Bei diesem Wetter hat es jeder eilig, nach Hause zu kommen. Nur der Mann und ich sind noch in der Nähe der Haltestelle. Ich bücke mich, forme einen Schneeball und werfe ihn in die Luft. Das bringt mich auf andere Gedanken. Kann ich einen Schneeball so hoch werfen, dass er im Himmel verschwindet? Wenn er das tut, wird er dann irgendwann wieder herabfallen? Ich mache den nächsten Schneeball, und während ich loslaufe, werfe ich ihn, so weit ich kann. Schon ist der nächste Schneeball dran. Und der nächste. Als ich den Spielplatz erreiche, habe ich den Fremden vergessen. Rund um den Platz stehen Laternen. Als ich sie erreiche, nehme ich seitlich von mir einen Schatten wahr. Er bewegt sich ganz langsam. Wieder kommt das seltsame Gefühl auf. Auf einmal höre ich eine Stimme in meinem Kopf. Es ist die Stimme meines besten Freundes Thorsten. Er sagt: »Das hat dich!« Ich wirble herum. Der Schatten ist verschwunden.

»Das hat dich!«, höre ich Thorsten noch einmal sagen, und jetzt ist es, als sei er neben mir. Dabei ist es ein halbes Jahr her, als er diese seltsamen Worte sprach. Es war mitten im schönsten Sommer gewesen, wir streunten mit seiner Schwester durch den Sauerkirschhain in der Nähe unserer Siedlung und schwärmten von den Kirschen, die wir uns einverleiben wollten.

»Schau doch, dort!«, sagte Thorsten plötzlich. Vor uns lag ein Kadaver. Er war halb verwest, und es war nicht mehr auszumachen, um was für ein Tier es sich gehandelt hatte. Es könnte ein kleiner Fuchs gewesen sein, einer von denen, die sich immer über die Mülltonnen hermachten. Oder ein Wiesel oder ein Siebenschläfer. Oder eine große Ratte. Das Fell war von Maden überzogen. Die Augen starrten leblos vor sich hin. Ein Fliegenschwarm hockte auf dem Kadaver und stob davon, als wir näher traten.

»Wie eklig!« Thorstens Schwester wandte sich ab, doch wir waren neugierig und kamen noch einen Schritt näher. Auf einmal hob Thorsten den Fuß und trat mit Wucht in den Kadaver. Es gab ein unheimliches Geräusch, als er aufplatzte und überall Gedärm herausspritzte. Es stank fürchterlich. In mir stieg ein Würgereiz auf.

»Das hat dich!«, sagte Thorsten.

Ich bekam es mit der Angst zu tun. »Was meinst du damit?«, fragte ich. »Was hat mich?«

»Das da. Das hat dich!«, wiederholte er. Seine Stimme zitterte. Wir sahen uns an, und dann sagte er: »Ich muss nach Hause.«

Bevor ich antworten konnte, rief er seine Schwester, und die beiden liefen davon. Ich warf einen Blick auf den zerquetschten Kadaver. Die Fliegen ließen sich auf den Innereien nieder, der Gestank wurde immer schlimmer.

»Warum hast du das getan?«, fragte ich leise, aber da war keiner mehr, der die Frage beantworten konnte. Plötzlich hatte ich ebenfalls das Gefühl, weglaufen zu müssen. So schnell ich konnte, rannte ich nach Hause, aber der Satz »Das hat dich!« lief mit. Und jetzt ist er wieder in meinem Kopf. Ich schaue nach links, ich schaue nach rechts, aber der Schatten ist verschwunden. Ich lache über mich. Du bist einfach immer zu ängstlich, sage ich zu mir. Da sehe ich auch schon unser Haus und weiß, dass Mama und Papa auf mich warten. Mein Hunger treibt mich darauf zu. Die Flocken tanzen noch immer so schön, und für einen Moment vergesse ich meinen Mordshunger wieder. Ich vergesse auch den Schatten, vergesse den fremden Mann. Der Schnee fällt jetzt so dicht, dass er meine Fußstapfen in Windeseile verdeckt.

Ein Schneemann bleibt, denke ich. Ich sollte einen Schneemann bauen.

Ich bücke mich, um eine Kugel zu formen. Auf einmal spüre ich einen Arm, der sich fest um meinen Hals legt.

»Schrei nicht!«, droht der Mann, der mich mit sich zieht. »Oder dir passiert was.«

Tränen rinnen mir über das Gesicht, ich kann sie nicht zurückhalten. Ein heißer Sturzbach im eisigen Wintersturm.

»Ich schreie nicht«, presse ich hervor. Wir haben den Golfplatz erreicht, ich kann den See vor mir sehen. Ich muss mich befreien, fährt es mir durch den Kopf, ich muss abhauen, ich muss nach Hause! Die Hand des Mannes umklammert mein Handgelenk. Ungestüm rennt er weiter. Ich stolpere immer wieder, aber er lässt mich nicht los. Er lässt mich niemals los.

»Bitte, lieber Gott«, flüstere ich, »ich will nicht sterben!« Ich versuche meinen Arm zu drehen, vielleicht gelingt es mir so, mich aus der Umklammerung zu befreien. Ich könnte über das Feld davonrennen, im Schneegestöber sieht mich der fremde Mann vielleicht nicht. Wenn ich dorthin zurücklaufe, wo wir hergekommen sind, kann ich in fünf Minuten unser Haus erreichen. Mein Papa wird herauskommen und den fremden Mann davonjagen. Wenn es mir nur gelingt, den Griff zu lösen, diese Finger, die sich in meinen Arm bohren. Ich stolpere wieder, und der Mann reißt mich brutal auf die Beine. »Weiterlaufen! Los!«, zischt er mich an. »Wehe du schreist, dann …«

Sein Mund ist ganz nah, sein schlechter Atem bereitet mir Übelkeit. »Hör auf zu heulen«, herrscht er mich an, aber das schaffe ich nicht, das kann ich nicht. Ich kann mitlaufen, ich kann mich auf den Beinen halten, aber ich kann die Tränen nicht stoppen, die mir über die Wangen laufen und im kalten Wind gefrieren. Noch einmal drehe ich meinen Arm, will mich aus dem Klammergriff befreien. Den Schlag sehe ich nicht kommen. Er trifft mich am Kopf, genau überm Ohr. Ein stechender Schmerz durchfährt mich.

»Keine Mätzchen«, sagt der Mann. »Oder es setzt was. Du wirst jetzt schön weiterlaufen.« Der Weg führt hinab zum See. Ich kann sehen, wie der Uferbereich zugefroren ist.

»Das hat dich«, durchfährt mich die Stimme von Thorsten. »Das hat dich, und es wird dich töten!« Wieder bete ich zu Gott. »Bitte, bitte! Ich will nicht sterben!« Auf einmal ist da eine andere Stimme, und sie ist direkt in meinem Kopf. »Er wirft dich nicht in den See«, sagt sie. »Aber wenn du wegläufst, fängt er dich und erschlägt dich mit einem Stein.«

Im selben Augenblick weiß ich, dass es Gott ist, der mit mir spricht. Ich bin neun Jahre alt, ich habe keine Ahnung, wer Gott ist und wo er wohnt, und all die Geschichten aus dem Religionsunterricht waren bisher nur Geschichten. Doch auf einmal weiß ich, dass es ihn gibt, und ich weiß, dass er mit mir spricht. Er kann das tun, ohne die Stimme zu erheben. Sie ist in meinem Kopf, und sie ist klar und deutlich. »Wenn du wegläufst«, sagt sie nochmals, »fängt er dich und erschlägt dich mit einem Stein.«

Ich muss nicht sprechen, um mich mit der Stimme zu verständigen. Ich muss nicht sprechen, um mit Gott zu reden. »Wenn ich nicht abhaue«, fragen meine Gedanken, »komme ich dann wieder nach Hause?« Ich lausche, aber erhalte keine Antwort. »Komme ich wieder nach Hause???« Jetzt schreie ich innerlich, aber erhalte noch immer keine Antwort.

»Bitte, lieber Gott!!! Gib mir ein Zeichen!!!«

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine solche Verzweiflung gespürt. Sie lässt sogar meine Tränen versiegen. Wir sind jetzt am See, der Mann bleibt stehen. Ich schaue zu ihm auf, aber etwas über ihm lenkt mich ab. Über ihm wird es hell, und dann sehe ich es: Eine Sternschnuppe saust über den Himmel. Nie zuvor habe ich ein helleres Licht mitten in der Nacht gesehen. Auch der Mann hebt den Kopf. Für einen Augenblick lockert sich sein Griff. Da kommt die Stimme wieder: »Nicht weglaufen! Er kriegt dich und erschlägt dich mit einem Stein.«

Die Sternschnuppe verglüht am Horizont. Es wird wieder dunkel, und es ist, als sei sie nie da gewesen. Doch für mich ist die Schnuppe ein Zeichen. Ein Zeichen, das sagt: »Vertraue mir.«

»Wo geht es nach Hochheim?«, fragt der Mann unvermittelt. »Weißt du es?«

»Ja«, antworte ich. »Ich kenne den Weg.«

Die Welt ist ein seltsamer Ort. Während ich in meiner kleinen Wohnung lebe, meiner Arbeit nachgehe und versuche, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, gibt es da draußen Menschen, die das Gegenteil tun. Sie suchen Geschichten fremder Leute, und wenn sie etwas gefunden haben, machen sie sich auf den Weg. Sie legen weite Strecken zurück und klingeln an fremden Türen. Sie sagen: »Ich würde mich gerne mit Ihnen über Ihre Entführung unterhalten.« Ich weiß nicht, ob sich diese Menschen darüber im Klaren sind, was sie damit auslösen. Sie sagen: »Ihre Geschichte darf man nicht vergessen.« Und wahrscheinlich haben sie recht. Dabei habe ich immer wieder versucht, meine Geschichte zu vergessen, und vielleicht wäre es mir eines Tages auch gelungen. Doch es soll anders kommen. Wie es in meinem Leben immer anders kommt.

Der Reporter des Nachrichtenmagazins schlägt vor, sich zu treffen. Unverbindlich, sagt er, und das müsste mich eigentlich stutzig machen, denn aus welchem Grund sollte etwas für mich verbindlich sein? Wir verabreden uns in einem Café in Wiesbaden. Ich habe kein Auto mehr – auch aus Gründen, weil in meinem Leben immer alles anders kommt, als ich es plane – und fahre seither Zug und Bus. Der Busbahnhof liegt nicht weit von meiner Wohnung entfernt, und während ich dorthin spaziere, sieht man mir nicht an, dass hier einer unterwegs ist, an dessen Geschichte die Leute eines bekannten Nachrichtenmagazins interessiert sind. Keiner kann das sehen. So wie auch ich nicht sehe, wie es um die Menschen steht, die mir auf meinem Weg begegnen. Die mit mir in den Bus steigen und durch den Taunus nach Wiesbaden fahren. Vielleicht haben sie eine ähnliche Geschichte? Vielleicht sind auch sie mit einem Redakteur verabredet? Ich merke, je näher die Verabredung rückt, umso schneller kreiseln die Gedanken in meinem Kopf. Jemand will mit mir über meine Vergangenheit sprechen, und ich habe »Ja« gesagt. Warum um alles in der Welt habe ich das getan? Muss ich jetzt über alles sprechen? Ich könnte doch an der nächsten Haltestelle aussteigen und wieder nach Hause fahren. Dort wartet ein Arbeitsvertrag auf mich. In ein paar Stunden kann ich Richtung Österreich unterwegs sein, weit weg von neugierigen Menschen, die sich für meine Entführung interessieren.

Während ich diese Sätze niederschreibe, wird mir klar, dass dieses Treffen einen Wendepunkt in meinem Leben darstellt. Eine Herausforderung, der ich mich gestellt habe. An diesem Tag bin ich nicht weggelaufen, sondern habe damit begonnen, meinem Schicksal ins Gesicht zu sehen. Dem fremden Reporter, der in alten Archiven wühlte und darin auf meine Geschichte stieß, verdanke ich es, dass sich mein Leben nun in eine andere Richtung bewegt. Weil er sich auf den Weg machte und an einer fremden Tür klingelte und es mir gelang, die Herausforderung anzunehmen und mich selbst zu überwinden. Ich stieg nicht aus dem Bus. Ich fuhr nicht nach Hause zurück.

In Wiesbaden treffen wir uns bei Starbucks in der Nähe des Hauptbahnhofs. Der Reporter trägt einen beigen Anorak und bestellt Kaffee. Ob ich Gebäck möchte? Nein, möchte ich nicht. Ich bin zurückhaltend, weiß noch immer nicht, was er von mir will. Es ist schon seltsam. Da lese ich wie Millionen anderer Menschen täglich Zeitungen und Zeitschriften, aber mache mir nie Gedanken darüber, wie diese Artikel zustande kommen. Dass sie erst gemacht werden müssen, wird mir heute klar. Denn das ist der Plan des Reporters. Er will einen Artikel schreiben, in dem es um mich geht. Um mich und meine Vergangenheit.

»Es ist schließlich genau 25 Jahre her«, sagt er. Daran habe ich keinen Gedanken verschwendet. Ein Fremder muss kommen und mir berichten, dass vor einem Vierteljahrhundert ein Verbrechen verübt wurde und ich in seinem Mittelpunkt stand.

»Ihr Fall ist einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte«, fährt der Reporter fort. »Nie davor und nie danach war ein Kind in Deutschland so lange in der Gewalt …« Jetzt stockt er, dann spricht er das Wort aus: »… eines Sexualtäters.«

Wieder wirbeln die Gedanken durch meinen Kopf. Na und, denke ich. Macht mich das zu einer Jahrmarktsattraktion? Wie der Mann mit den zwei Köpfen, der Liliputaner oder der lange Lulatsch? Nein. Es macht mich wieder zu dem kleinen Jungen, der an einem eisigen Wintertag erfährt, dass die Welt gefährlich ist.

Ich nippe am Kaffee und versuche, meiner Gedanken Herr zu werden. »Was wollen Sie denn schreiben?«, frage ich. »Ist doch alles vergangen. Da gibt’s nichts mehr.«

Der Mann lächelt. »Nun, es gibt Fotos und Filmaufnahmen. Vor allem aber gibt es Sie.«

»Aufnahmen? Was denn für Aufnahmen?« Plötzlich bin ich aufgeregt.

»RTL hat damals über Ihren Fall berichtet. Während der Suche wurde gefilmt. Die Sonderkommission, die im Einsatz war, die amerikanischen Soldaten, die halfen. Es gibt sogar Aufnahmen vom Wohnwagen. Die hat ein Polizist gemacht.«

Der Wohnwagen. Der dreckige, stinkende Wohnwagen. Überall lag Müll und Schmutz. Ich habe ihn nicht vergessen, aber möchte mich nicht an ihn erinnern. Doch auf einmal ist es, wie wenn man einen Garten umgräbt und darin auf alte Wurzeln stößt.

»Könnten Sie sich vorstellen, an diesem Artikel mitzuarbeiten?«, fragt der Reporter.

Ich sehe ihn an. Er hat ein ehrliches Gesicht. Er sieht nicht aus wie einer, der mir schaden will. »Ich weiß nicht«, antworte ich. »Ich muss darüber nachdenken.«

»Natürlich. Darf ich Sie in den nächsten Tagen anrufen?«

Ich erwähne, dass ich vielleicht nach Österreich fahre. Wir tauschen Handynummern aus. Dann mache ich mich auf den Rückweg. Im Bus denke ich daran, dass ich vor einem Vierteljahrhundert auch in einem Bus gesessen bin. In der Linie 25, die es heute nicht mehr gibt.

Warum, stelle ich mir die Frage, soll es ausgerechnet darüber einen Artikel geben? Warum soll ich dazu »Ja« sagen? Das geht doch keinen was an. Es gibt eine Antwort, und ich kenne sie. Die Welt ist gefährlich, und ich war nicht darauf vorbereitet. Auch meine Eltern waren nicht darauf vorbereitet und die vielen Helfer, die sich an der Suche beteiligten, ebenfalls nicht. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Halb Deutschland suchte kürzlich nach einem vermissten Jungen. Die Schlagzeilen am Zeitungskiosk brannten sich in mein Gedächtnis:

»Die Suche nach dem vermissten Mirco aus Grefrath wird vorerst beendet. Die Polizei geht davon aus, dass ein Nachbar der Täter ist.« (Hamburger Abendblatt, 16. 9. 2010)

»Polizei findet Mircos Leiche. Nun ist es traurige Gewissheit: Mirco aus Grefrath ist tot.« (Stern, 27. 1. 2011)

»Entführer tötete Mirco noch am selben Abend. Fast fünf Monate lang hat die Sonderkommission nach ihm gesucht.« (Westdeutsche Zeitung, 28. 1. 2011)

Vor Mirco gab es die Entführungen von Felix Wille, von Levke Straßheim, von Natascha Kampusch, von Elizabeth Smart, von Madeleine McCann und, und, und. Kindesentführungen gibt es leider sehr viele, und nur wenige der Opfer überleben die Tortur der Gefangenschaft und die krankhaften Neigungen ihrer Entführer. Zu diesen Wenigen gehöre ich. Darf ich da länger schweigen? Habe ich nicht die Pflicht, dafür zu sorgen, dass wir alle aufmerksamer werden? Damit Erwachsene genauer hinschauen, wenn ein Mann sich anschickt, ein Kind zu verfolgen? Dass sie ihre Kinder noch besser schulen? Damit diese nicht in das fremde Auto steigen, weil der Mann sagt, komm mit, ich bringe dich zu deinen Eltern, die hatten einen Unfall. So, wie der Mörder Marc Hoffmann den achtjährigen Felix in seinen Wagen lockte. Wir denken ja oft, was können wir schon tun? All die schrecklichen Ereignisse auf der Welt – für ein paar Tage machen sie Schlagzeilen, dann dreht sich die Welt weiter, und keiner erinnert sich mehr. Das habe auch ich gedacht. Doch heute erfahre ich, dass es nicht stimmt. Dass es Menschen gibt, die sich selbst nach 25 Jahren noch erinnern. Vielleicht kann ein Artikel in dem Nachrichtenmagazin nicht viel ausrichten, denke ich, aber verdammt nochmal, ich sollte es wenigstens versuchen!

Als ich in meine Wohnung zurückkehre, kontrolliere ich, ob alles in Ordnung ist. Ich lebe unterm Dach und habe ständig Angst, dass jemand durchs Fenster steigt. Diese Angst kann ich nicht ablegen, daher habe ich alles mit Ketten verriegelt. Doch niemand ist eingebrochen, die Wohnung ist so, wie ich sie vor wenigen Stunden verlassen habe. Und doch ist alles anders. Ich bin anders. Ich habe einen Entschluss gefasst. Ich greife zum Telefon und wähle die Nummer des Reporters. Als er sich meldet, sage ich: »Ich habe es mir überlegt. Ich mache mit.«

Wir reden einige Minuten miteinander. Er fragt, ob er mit meinen Eltern sprechen darf. Vorausgesetzt natürlich, sie wollen mit ihm sprechen. Ich gebe mein Okay, bitte ihn aber zu warten, bis ich mit ihnen geredet habe. Es wird mir klar, der kleine Satz »Ich mache mit« bedeutet mehr, als sich einmal mit einem Reporter zu unterhalten.

Ich habe jedes Gefühl für die Zeit verloren. Der Mann umklammert mein Handgelenk, ich kann kaum Schritt halten, aber ich gebe mir alle Mühe. Denn ich habe furchtbare Angst davor, dass er mich wieder schlägt, wenn ich stolpere oder erneut weinen muss. Manchmal schluchze und schniefe ich, das kann ich nicht unterdrücken, und dann ziehe ich schnell den Kopf ein. Ich habe den Eindruck, der Mann hat keine Ahnung, wo wir sind und wo er hin will. Hier gibt es endlose Felder, Kiesgruben, kleine Seen, Golfplätze und Auen. Ich weiß, dass irgendwo in der Gegend der Main in den Rhein mündet.

Dort wechseln sich Industrieanlagen mit kleineren und größeren Siedlungen ab, dazwischen liegen Gleisanlagen, Kleingärtnerkolonien und Brachflächen. Die Städte Mainz, Wiesbaden, Rüsselsheim und Hofheim bilden die Eckpunkte eines Quadrats, in dem wir in dieser Nacht herumirren. Immer wieder höre ich Verkehrslärm, immer wieder fliegen Flugzeuge über uns hinweg. Der Frankfurter Flughafen ist nicht weit entfernt, im Norden liegt das Wiesbaden Army Airfield. Manchmal tauchen Straßen auf, doch der Mann vermeidet es, gesehen zu werden. Immer warten wir, bis sich weit und breit kein Autolicht mehr zeigt, erst dann überqueren wir die Straße. Kommen Häuser in unser Blickfeld, schlagen wir uns um sie herum. Wie der kurvenreiche Verlauf eines Baches mäandern wir über die Felder. Meist ist die Erde tief verschneit und gefroren, in der Nähe von Gewässern bleiben wir fast im Matsch stecken.

Ich bin müde und kann mich kaum mehr auf den Beinen halten. Wo mich der Schlag getroffen hat, brennt die Haut wie Feuer. Seit der Frage »Wo geht es nach Hochheim? Weißt du es?« hat der Mann kein Wort mehr gesagt. Ich zermartere mir den Kopf, was er von mir will. Die Gedanken an Flucht habe ich aufgegeben. Ich weiß, er wird mich einholen und mit einem Stein erschlagen. Aber wohin laufen wir? Und wenn wir dort sind, an diesem unbekannten Ort, was wird dann passieren?

Ständig denke ich an meine Mama, meinen Papa, an Jenny. Ich frage mich, ob sie nach mir suchen. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, wie zuhause bereits alles in heller Aufregung ist. Ich weiß nicht, dass mein Papa die ganze Zeit auf dem Balkon gestanden hat, bis ihn der Schneesturm kurz vor Ankunft des Busses ins Haus trieb. Ich weiß nicht, dass Jenny um halb elf nach Hause kommt, im Glauben, dass ich schon lange im Bett liege. Ich weiß nicht, dass Papa sie fragt: »Wo um alles in der Welt ist Sascha?« Ich weiß nicht, wie allen der Schreck in die Glieder fährt. Und sie sich aufmachen, um die Nachbarn abzuklappern. Von diesen Dingen weiß ich nichts, während ich mit dem fremden Mann über die Felder haste, als würden wir von einer Armee verfolgt. Auf einmal schießt mir ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Was ist, wenn ich meine Eltern und meine Geschwister nie wiedersehe? Dieses »nie wieder« breitet sich in meinem Kopf aus wie ein schwarzes Loch. Es verdrängt alle anderen Gedanken. Es wird so übermächtig, dass ich nicht mehr weitergehen kann. Ich stolpere und falle auf die Knie. Der fremde Mann bleibt stehen.

»Weiter!«, drängt er. Ich schüttle den Kopf. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Er soll mich gehen lassen. Ich möchte nach Hause. Das kann ich aber nicht sagen, denn ich kriege kein Wort über die Lippen. Ich sehe, wie der Mann sich umdreht. Lässt er mich jetzt in Ruhe? Kapiert er, dass ich nicht zu ihm gehöre, dass ich nichts, aber auch gar nichts, mit ihm zu tun haben will? Geht er seines Weges und lässt mich hier zurück? Auch das macht mir Angst, denn mittlerweile weiß ich überhaupt nicht mehr, wo wir sind. Bis Hochheim kannte ich mich aus, doch auch diesen Ort haben wir in großem Bogen umgangen. Hier war ich noch nie. Aber egal. Alles ist besser, als mit diesem schrecklichen Kerl mitgehen zu müssen. Irgendwie finde ich schon nach Hause. Wenn es hell wird, werde ich einen Weg finden, der mich zu einer Straße führt, und dort sind dann Leute, die Papa anrufen. An das denke ich, und so etwas wie Hoffnung keimt in mir auf. Noch immer starrt der Mann in die entgegengesetzte Richtung. Dann packt er mich am Arm.

»Da geht’s lang«, sagt er. Er reißt mich hoch, und ich stehe wackelig auf den Beinen. »Wenn du schreist, passiert was«, droht er.

Wieder durchzuckt mich der Gedanke, dass ich sterben muss. Vielleicht hier auf dem Feld, vielleicht in den nächsten Minuten? Oh Gott, was habe ich bloß getan? Ich habe doch gar nichts getan! Fieberhaft denke ich darüber nach, ob ich in letzter Zeit etwas ausgefressen habe. Habe ich jemand einen schlimmen Streich gespielt, und das ist jetzt die Strafe dafür? Aber ich kann mich an nichts erinnern. Da war nichts, da war wirklich nichts, das musst du mir glauben, lieber Gott! Auf einmal muss ich wieder weinen, auch wenn ich weiß, dass der fremde Mann das nicht leiden kann. Aber es geht nicht anders. Tränen strömen aus mir heraus. Auch als er mich anherrscht, ich soll endlich aufhören damit, schaffe ich es nicht. Auch wenn er mich schlägt, auch wenn er mich mit einem Stein erschlägt, auch wenn ich jetzt sterben muss, ich kann einfach nicht aufhören.

Doch dieses Mal schlägt der Mann nicht zu. Er fängt an zu laufen. Er umklammert meinen Arm und marschiert mit großen Schritten los. Er ist stark, und wenn ich nicht will, dass er mich wie einen Sack hinter sich herschleift, muss ich mich auf den Beinen halten. Ich muss vier Schritte machen, wenn er bloß einen macht, und ich weiß nicht, ob ihm aufgefallen ist, dass ich ein Kind bin! Ein Kind! Auf einmal merke ich, wie ein trotziges Gefühl in mir aufsteigt und ich ihn anschreien will: Ich bin ein Kind! Lass mich nach Hause gehen, du hässliches, stinkendes Ungetüm! Wieder bleibt er stehen, und ich stoße gegen ihn. Mit beiden Händen packt er mich. Hat er meine Gedanken erraten? Er beugt sich zu mir hinab, und sein struppiger Bart kratzt über mein Gesicht.

»Geh weiter«, sagt er. »Oder es setzt was.« Das sagt er ganz leise. Ich habe auf einmal furchtbare Angst. Diese Angst ist eiskalt und macht sich in meinem Körper breit. Ich fange an zu zittern. »Es setzt was«, wiederholt der Mann. »Ist das klar?«

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