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Schnitzel schmeckt doch auch gut: Ein Sommerkrimi ohne Mord

Prolog

Die junge Frau schob den verschlissenen Kinderwagen an der Uferpromenade entlang und genoss das sanfte Licht der langsam im Meer versinkenden Abendsonne. Ihr kleiner Sohn war jetzt endlich friedlich eingeschlafen, nachdem er den halben Nachmittag mehr oder weniger vor Hunger durchgeweint hatte. Sie war dem einzigen Lebensmittelhändler im Ort sehr dankbar, dass wenigstens er Mitleid gezeigt hatte und sowohl dem Kleinen als auch ihr ein paar Kleinigkeiten in die Hand gedrückt hatte, womit sie beide ihren Hunger hatten stillen können. Mit einigen Münzen, die sie noch in der Hosentasche hatte, konnte sie noch Wasser und Saft besorgen, sodass sie für diese Nacht gegen aufkommenden Durst gerüstet war.

Morgen würde mit den ersten Sonnenstrahlen wieder ein neuer Tag beginnen und sie würde sich von neuem den Anforderungen stellen, für ihren Sohn zu sorgen.

Für Maria und ihrem fast einjährigen Sohn war das Leben in diesen Tagen kein Zuckerschlecken.

Seit sie kurz nach der Geburt von ihrem Lebensgefährten und Kindsvater verlassen worden war, hatte sie kein richtiges festes Zuhause mehr. Sie schlug sich so durch, übernachtete mal bei Freunden, mal bei Verwandten und manchmal auch - so wie heute - am Strand auf den Touristenliegen.

Der Vater war vor der Verantwortung geflüchtet, für die Familie aufkommen zu müssen. Er selbst war finanziell immer knapp gewesen, hatte sich mehr oder weniger mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und war eines Tages Hals über Kopf einfach abgehauen. Ausgesprochen hatten sie sich nie. Jetzt war Maria auf sich alleine gestellt, aber mit dem Kleinstkind auf dem Arm, konnte sie auch keiner geregelten Arbeit nachgehen, um das Geld zu verdienen, das sie so dringend benötigt hätte.

Die Ämter in Kroatien, die offiziell für sie als Mittel- und Obdachlose zuständig waren, arbeiten oft nur auf Grund von Schmiergeldzahlungen und hatten ihr bisher kaum Unterstützung geleistet. Ende der Woche hatte sie nochmals einen Termin bei der Behörde. Sie würde sich wieder in die Warteschlange stellen, wieder die gleichen Fragen beantworten und dieselben Formulare ausfüllen. Schließlich hatte sie ja Zeit.

Aber sie hatte vor allem eins ….. den Willen zu überleben ….. für sich und für ihren Sohn!

 

 

 

 

 

 

© Erika S. 2018

Aufbruchstimmung

„Gäähn!“ Für Davids Geschmack konnte es jetzt endlich losgehen. Er saß in der mittleren Reihe des Renaultbusses, den sein Vater und Tina extra für die Urlaubsfahrt gemietet hatten und irgendwie war er noch ziemlich zerknittert. Das lag zweifelsfrei daran, dass er bis vor wenigen Minuten noch in seinem Bett im Tiefschlaf gelegen und sein Wecker ihn - zum letztmöglichen Zeitpunkt – aus den Träumen gerissen hatte. Das obligatorische Prozedere des üblichen morgendlichen Badbesuches hatte er notgedrungen aus Zeitmangel ausfallen lassen müssen. Seines Erachtens wurde diesen zeitraubenden Tätigkeiten wie „Gesicht waschen“ oder „Zähne putzen“ in der Erwachsenenwelt sowieso viel zu viel Bedeutung beigemessen. An einem Morgen wie heute hätte ihn zu viel kaltes Wasser auch zu unsanft zu wach gemacht und das Gefühl der Restgemütlichkeit seines Bettes, welches er sich möglichst lange bewahren wollte, viel zu schnell vertrieben.

Zwei Wochen Kroatien lagen vor ihnen. Zwei Wochen in einem gemieteten Haus in der Nähe von Rijeka, etwa 10 Minuten bis zum Mittelmeer. Sie hatten mehrere Schlafzimmer, mehrere Bäder und einen tollen Pool. So war es auf der Internetseite beschrieben worden, über die seine „Stiefmutter“ Tina die Unterkunft gebucht hatte, zumindest hatte man ihm das so gesagt. Viel mehr wusste er über das anvisierte Urlaubsziel nicht………wozu auch……es würde dort schon gut sein und wenn nicht, würde es reichen, sich dort vor Ort darüber zu ärgern.

Für ihn bedeutete das jetzt nach einem schier endlosen, stressigen, nervigen zehnten Schuljahr am Gymnasium endlich Ferien, endlich Sommer, Sonne, faulenzen, Computer daddeln, baden gehen oder einfach gar nichts machen. Also einfach alles das, was alle 15-jährigen pubertierenden Teenager cool finden, um einen Tag abzuchillen. Oder, wie sein Vater immer sagte: „Rumhängen und dummes Zeug babbeln und seine kleine Schwester ärgern.“

Vor allem bedeuteten diese zwei Wochen für David aber eines: Zeit mit seiner anderen Familie, bei der er nicht das ganze Jahr über wohnte, zu verbringen.

Diese andere Familie bestand aus seinem bereits erwähnten Vater Wolfgang, seiner ebenfalls schon erwähnten Stiefmutter Tina und seiner Schwester, genauer gesagt seiner Halbschwester, Charlotte.

Sein Schwesterchen, von den meisten Lotti gerufen, war sechs Jahre alt und eine Mischung aus süßem Mädchen und bedrohlichem Gewitter. David hatte sie gerne, eigentlich sehr gerne, auch wenn der Altersunterschied von achteinhalb Jahren durchaus manchmal zwischen ihnen stand. Er hatte sie gern, auch wenn Charlotte ihre Emotionen manchmal nicht im Griff hatte, was zu einer ihrer gefürchteten Kreischattacken führen konnte. Er hatte sie einfach gerne um sich, schließlich konnte er sich so als beschützender großer Bruder fühlen.

Jetzt saß sie schräg hinter ihm in der hinteren Sitzreihe, vor Reisefieber ganz aufgeregt und bepackt mit Kuscheltieren, Kopfkissen, Kuscheldecke und natürlich dem überlebenswichtigen „Heia-Tuch“. Ohne das könnte eine solche Urlaubsfahrt niemals starten, zumindest würde sich das wissentlich niemand der Verantwortlichen trauen.

David musste schmunzeln, wie er sie so in ihrem Kindersitz eingekuschelt sah. In diesem Moment hatte sie so etwas niedliches, verletzliches, dass er sie am liebsten fest an sich gedrückt hätte.

Neben ihr, nur durch eine rote Klappbox mit Spielen und Malutensilien getrennt, hatte der eine Grund, warum sie dieses Jahr mit einem Neunsitzer-Bus in Urlaub fuhren, Platz genommen: Rike!!!

Rike war nicht nur das Nachbarmädchen aus der Doppelhaushälfte nebenan, sondern sie war zufällig auch Charlottes beste Freundin. Rike gehörte im Übrigen zu den wenigen Personen, welche Lotti nicht Lotti nannten, sondern seit jeher Lotte. Bei Rike hörte sich das dann eher wie „Loddee“ an, aber das war egal. Rike durfte Charlotte so nennen, da gab es keine Beanstandungen. Unter besten Freundinnen war das korrekt.

Der andere Grund für das diesjährige Renault-Riesenschiff war Rikes Mutter Caro, die sich für den Start der Reise erst mal den Platz am Steuer gesichert hatte. Neben Caro, auf dem Beifahrersitz, sollte Tina Platz nehmen. Davids Vater würde dann erst mal neben ihm sitzen, also fast neben ihm. Lediglich die gemeinsame Verpflegungskühltasche, ein Kopfkissen für ihn selbst, seine Elektro-Equipmenttasche und ein kleiner Korb mit Reisemedikamenten, Notfall-Wechselklamotten für die Mädels und sonstigem Kleinkram, den Tina für die lange Fahrt als wichtig erachtete, trennten sie. Man war für die Reise eben gut vorbereitet!

Ja, wenn es nach David ginge , hätte es jetzt losgehen können, zumindest er war startklar und mit seinem Laptop auf den Knien gut gerüstet, um in den nächsten zehn bis vierzehn Stunden Autofahrt alle sechs Teile der Star-Wars-Filme anzuschauen, die sein Vater für ihn auf DVD gebrannt hatte.

Aber es ging ja nicht nach ihm, zumindest war das manchmal sein Eindruck. Tina stand noch an der Haustür, den Schlüssel in der Hand und rief ins Haus „Schatzi, wo bleibst du denn wieder, alle warten nur noch auf dich!“ Von drinnen konnten dann alle hören, warum es noch nicht losging und auf was bzw. auf wen alle noch warten durften.

„Das gibt‘s doch gar nicht!“ schimpfte sein Vater lautstark mit sich selbst. „Da könnt' ich echt verrückt werden, wo liegt denn meine verdammte Sonnenbrille jetzt wieder? Ich weiß genau, dass ich sie hier auf den Tisch gelegt hab'. Tina, hast du ‘ne Ahnung, wo die sein könnte?“

Nein, Tina hatte offensichtlich keine Ahnung, wo die Sonnenbrille ihres Mannes sein könnte. Sie wollte wohl auch gar keine Ahnung haben, sie machte deutlich, dass sie jetzt endlich losfahren wollte. Um drei Uhr hatten sie sich den Wecker gestellt, weil es sein Vater so wollte, spätestens um vier Uhr wollte er starten. Jetzt war es vier Uhr und es war eigentlich wie immer. Auf den letzten Drücker war ihm eingefallen, dass er noch etwas benötigte. David sah, dass sich Tina, obwohl sie das sicherlich gewohnt war, dennoch darüber ärgerte.

„Dann lege dir deine Sachen doch dort hin, wo du sie immer findest, dann musst du sie nicht ständig suchen.“ David war klar, dass Tinas Supertipp bei der jetzigen Suche weder besonders hilfreich war, noch die Situation wesentlich entschärfte. In dem Moment war sie eher vom erzieherischen Element begeistert, in der Hoffnung, dass sein Vater sich doch irgendwann etwas von ihrem eigenen Ordnungssystem antrainieren würde, was ihr selbst wohl in die Wiege gelegt worden war. David selbst bezweifelte das.

Sein Daddy selbst ärgerte sich hingegen über die Spitzen seiner Frau. Er wusste ja selbst, dass er zu gedankenverloren war, um sich solche Banalitäten wie die Liegeorte verschiedener Kleinigkeiten wie Handy, Portemonnaie, Schlüssel oder eben auch seiner Sonnenbrille zu merken. Er war dann am allermeisten sauer auf sich selbst und polterte herum wie ein Rohrspatz. David kannte das Gefühl nur zu gut.

„Mhmm, Scheißtipp, danke! Ohne meine Brille brauche ich gar nicht erst losfahren, ich hatte die doch auch eben gerade noch ……. ach, hier ist sie, hab' sie ……. ich hab' sie hier in die Tasche meines Kapuzenpullovers gesteckt.“

Tina verdrehte die Augen, zumindest innerlich. David schüttelte leicht den Kopf, wobei er froh war, nicht selbst in der Schusslinie zu stehen, denn in diesem Bereich war er seinem Vater doch sehr ähnlich und so eine Brillensuchaktion hätte auch ihm leicht passieren können.

Caro schmunzelte, sie kannte Davids Vater und die emotionalen Ausbrüche bei seinen Suchaktionen jetzt auch seit Jahren. Sie wusste, dass er seine Stärken eher in anderen Bereichen hatte.

Als Nachbarin und Freundin amüsierte sie sich über die beiden und ihre regelmäßigen Kappeleien, denn diese waren zumindest für Außenstehende sehr unterhaltsam, aber nie verletzend und im Regelfall schnell wieder verraucht und vergessen.

„Okay, kommst du dann endlich“ ermutigte Tina seinen Vater zur Eile. „Wir sind schon zu spät!“

„Ja, klar, jetzt bin ich wieder der Trottel, auf den alle warten müssen, oder was? Schließlich hab’ ich eben noch schnell unser Uno-Spiel eingepackt, das wir abends alle zusammen spielen können“, rechtfertigte er sich.

„Mhmm, ja, unbedingt!“, konnte es Tina auch nicht gut sein lassen.

„Wir haben auch ein Uno-Spiel dabei.“ quäkte Rike von der Rückbank.

„Ooch, ihr könnt mich alle mal gern' haben!“ rotzte Wolfgang noch raus, wuchtete sich auf den freien Platz der mittleren Sitzreihe neben David und rummste die Schiebetür auf seiner Seite endlich zu.

Tina kletterte vorne mit einem freundlichen „alter Motzkopf“ auf den Beifahrersitz und schloss ihre Tür.

David zwinkerte seinem Papa zu und der rollte mit einem Grinsen im Gesicht die Augen.

Für David war die Welt jetzt in Ordnung. Zu sechst saßen sie im Renaultbus und auch wenn es für Außenstehende schwer erkennbar war: Sein Vater und Tina hatten sich viel lieber, als sie es nach außen zeigten. Jetzt konnte er endlich mit der erste DVD beginnen.

Caro startete den Motor und manövrierte den Renault aus der Einfahrt.

Auf dem Weg

„Ich müsste dann bei der nächsten Raststätte mal auf die Toilette.“

Wolfgang hörte die Bitte seiner Frau im Unterbewusstsein und antwortete automatisch mit einem routinierten „Yep, alles klar!“. Ansonsten hatte er inzwischen, seit weit über einer Stunde die Position des Fahrzeugführers übernommen, also genau genommen seit der letzten Haltepause. Nicht, dass er gerade besonders energiegeladen gewesen wäre oder er nicht in Caros Fahrkünste vertraut hätte oder vielleicht sogar in einem plötzlichen Anfall von übergroßer Sozialkompetenz die arme alleinerziehende Mutti am Steuer hätte ablösen wollen. Nein, ihm war sein Platz in der mittleren Sitzreihe, also sozusagen der zentralen Versorgungs- und Kümmerer-Station einfach zu stressig geworden. Die Theorie der friedlich schlafenden Kinder war – erwartungsgemäß – nicht aufgegangen.

Und so störte ihn bei jedem „Nach hinten Umdrehen“ sein über die Jahre fleißig gewachsener Frontspoiler. Der hatte ihn für filigrane Bewegungen auf engstem Raum insoweit ungeeigneter werden lassen, dass er sich inzwischen einfach schlecht in der Lage fühlte, den hinteren Passagieren fortlaufend alle Wünsche zu erfüllen. Früher hatte er immer gewitzelt, dass er für sein Gewicht einfach nur zu klein wäre, aber in letzter Zeit ließ er solche Sprüche aber bleiben. Er wusste selbst, dass er bei dieser Theorie inzwischen etwa 2,20 Meter groß sein müsste.

Genau zwanzig Minuten, nachdem sie vom Hof gerollt waren, also exakt um 4:22 Uhr – sie waren ja seinetwegen mit zwei Minuten Verspätung gestartet - hatten dafür jetzt aber zwei Uno-Spiele dabei – waren von den hinteren Plätzen die ersten Wortmeldungen gekommen.

„Mama, ich hab’ Hunger!“ hatte Charlotte kundgetan. „Sag's dem Papa, Schatz! Der sitzt direkt neben der Kühltasche mit den Brötchen und dem Korb.“ hatte Tina die Anfrage direkt weiter delegieren können. „Kannst DU mir nicht ein Brötchen geben, Mama?“ „Nein, Charlotte, ich als dein Papa bin auch befähigt, dir ein Brötchen zu geben, mein Kind.“ hatte Wolfgang gekontert „Was für ein Brötchen magst du denn haben? Eins mit Schinken, eins mit Käse oder eins mit Salami?“ „Haben wir Brezeln dabei, mit Butter?“ Da hatte er kurz überlegen müssen, denn für die Zusammenstellung des Verpflegungssortiments war er hauptverantwortlich gewesen. Er hatte jetzt nicht zu barsch reagieren wollen. „Nein, Lottti! Brezeln haben wir zwar dabei, aber nur ohne Butter! Weißt du, wir hatten heute Morgen keine Zeit mehr, die auch noch aufzuschneiden und mit Butter zu beschmieren …. und außerdem wäre die Butter bis heute Mittag bestimmt verlaufen. Aber wir haben gestern Abend extra für die Fahrt sechs Brezeln frisch aufgebacken. Möchtest du jetzt davon eine haben?“ Besser konnte er die Butterbrezelsituation nicht erklären. Wolfgang war schon ein wenig stolz auf sich, dass er so souverän ´über kam.

„Dann mag ich ein Brötchen mit Salami haben.“ Er hatte gewusst, dass das keine bösartige Schikane seiner Tochter war, aber es war ihm auch bewusst geworden, dass er die Salamibrötchen zuerst, also ganz unten in der Kühltasche, verstaut hatte und dass das Ganze jetzt eine ziemliche Wühlerei bedeutete. Aber egal, letztlich kam es ja darauf an, dass seine Tochter glücklich und zufrieden war. Davon hatten schließlich alle im Bus etwas. Ganz brav hatte er dann auch begonnen, in der Kühltasche das Unterste nach oben zu mischen.

„Mama, ich hab' auch Hunger!“ mischte sich jetzt auch Rike ins Geschehen ein. „Oh Rike, ich bin eben am Auto fahren und kann gerade schlecht. Frag' doch mal den Wolfgang, ob der dir was geben kann“ war Caros Antwort gewesen.

„Klar, können würde er schon, aber wollen vielleicht nicht!“ hatte Wolfgang gerade so für sich gedacht, als Rikes Mädchencharme seine aufkeimende Unlust wie eine Keule umnietete.

„Wolli, würdest du mir bitte eine Brezel geben?“

„Was war denn das gerade gewesen? Eine neue fiese Taktik des Nachbarmädchens mit der hellblonden Wuschelfrisur, ihn zu umgarnen?“ schoss ihm durch den Kopf. „Wollte man hier schamlos sein überproportional ausgeprägtes Kümmerergen ausnutzen?“ Rechtzeitig, bevor er sich selbst noch in weitere Verschwörungstheorien verstricken konnte, war ihm wieder eingefallen, dass es sich bei Rike lediglich um ein siebenjähriges Mädchen handelte, das einfach nur überraschend höflich fragte, ob er ihm etwas Essbares organisieren könne. Dass es sich hierbei ausgerechnet um eine der sechs Brezeln handelte, die inzwischen anstelle der Salamibrötchen in den Tiefen der Kühltasche angekommen waren, war dann eben sein persönliches Schicksal!

„Klar Rike, der Wolli macht sich auf die Suche nach den Brezeln, schließlich müssen die ja auch gegessen werden. Ich werd' sie schon finden“ „Lotti, meine Liebe, hier ist erst mal dein Salamibrötchen. Lotti, nimmst du's bitte!“ „Papa, gleich, ich muss nur noch meinen Schnürsenkel hier an der Kopfstütze verknoten.“ „Charlotte, jetzt sei so gut und nimm deine Füße von meiner Rückenlehne herunter und iss dein sch… ääh, dein schönes Salamibrötchen!“ „Aber Papa ……!“ Papa Wolfgang hatte das in Alufolie eingepackte Salamibrötchen seiner Tochter direkt in den Schoss geworfen, das ersparte erst mal weitere Grabenkämpfe am frühen Morgen.

Schon oft hatte er gedacht, dass man seiner eher zierlichen Tochter mit ihren langen braunen Haaren und dem lieben Gesicht überhaupt nicht ansah, welche Energie sie in sich trug und welch starken Willen sie an den Tag legen konnte.

„So, Rike, und jetzt zu dir wo haben wir sie denn ….. wo ist die Tüte denn jetzt hin gerutscht? Aah, hier haben wir sie, eine Spezial-Rike-Brezel! Bitte schön!“

„Dankee!“

„Na also, geht doch …… der Wolli im Haus erspart den Babysitter!“ hatte er so bei sich gedacht, wobei er sich der günstigen Gelegenheit wegen auch gleich eine Brezel genehmigt hatte. Jetzt versuchte er erneut, eine möglichst gemütliche Dämmerposition auf seinem Sitzplatz zu finden. Kurz darauf hatte er aber das Gefühl, es träfe ihn der Schlag.

Sein Sohn David räkelte sich, streckte als Dehnungsübung, so weit das überhaupt ging, seine Arme und Beine von sich und meinte dann: „Papa, haben wir was zu essen dabei?“

Zuerst dachte Wolfgang, er müsse in das leere Papiertaschentuchtütchen, welches er neben sich in einem Ablagefach wahrgenommen hatte hinein atmen, um nicht zu hyperventilieren, aber dann war es ihm doch gelungen, sich in einen Zustand von Selbsthypnose zu versetzen. Damit konnte er die ihm drohende Supernova wegatmen.

Ein wenig war er dabei in Selbstmitleid verfallen und hatte sich gefragt, wie ihm dieser taktische Fehler hatte unterlaufen können, nicht selbst am Lenkrad zu sitzen oder zumindest auf einen Platz in der vordersten Sitzreihe bestanden zu haben. Er war gerade zu der festen Überzeugung gekommen, dass die beiden Frauen aus der logistisch günstiger gelegenen Vorderreihe gar nicht mitbekommen hatten, welchen Anforderungen er sich hier hinten auf der Versorgungsposition zu stellen hatte, als Tina ihm zur Hilfe kam und die Situation rettete.

„Du David schau mal, die Verpflegung steht rechts neben dir. Brötchen und Brezeln sind in der Kühltasche, Sonstiges wie Obst, Kekse und Süßigkeiten müssten im Korb zu finden sein. Nimm dir einfach, worauf du Lust hast!“

„Mhmm, prima gelöst, so ging’s natürlich auch“, musste sich Papa Wolli eingestehen „warum war er da nicht so souverän und warum war seine Zündschnur inzwischen so kurz geworden?“ Im beruflichen Bereich war er irgendwie gelassener und seinen Mitarbeitern gegenüber nicht so aufbrausend. Vielleicht, weil dort klar war, dass im Zweifelsfall er das letzte Wort hatte. Zuhause war es alles andere als klar, welche Bedeutung sein Wort eigentlich hatte. Manchmal hatte er das Gefühl, dass selbst Anton, der Familien-Hauskater, mehr Stimmrechte als er hatte.

Na ja, oder er war mittlerweile einfach urlaubsreif?

David hatte auf Tinas Vorschlag brav geantwortet: „Yep danke, ich schau dann mal!“ und dann leider noch gefragt: „Tina, haben wir auch Gummibärchen dabei?“

„Mama, ich will auch Gummibärchen!“ Charlotte entging einfach nichts.

„Oh ja, Gummibärchen!“ hatte daraufhin auch Rike gefordert.

„Gummibärchen,

GUMMIBÄRCHEN,

GUMMIBÄRCHEN“

Wolfgang hatte handeln müssen, denn – soviel wusste er – niemals hätten die beiden Mädels von alleine ihre Forderungen eingestellt. David vielleicht, der wäre ruhig geblieben, wahrscheinlich hätte er die Gummibären im Fortgang des Star-Wars-Filmes sogar vergessen. Nicht aber die beiden Terrormädels von der Rückbank! Die würden niemals aufgeben! Und nach den Gummibärchen würden Kekse gefordert werden und danach vielleicht Kaubonbons und und und …… es würde niemals enden! Naja, und weil es in dem trotz seiner Größe begrenzten Raumangebot des Renaults auch keine wirkliche Fluchtmöglichkeit gab, war Wolfgang sozusagen zu der Nothandlung gezwungen gewesen. Zumindest sah er das so. Zuerst hatte er die Kühltasche vom mittleren Sitz genommen und in den darunter gelegenen Fußraum gequetscht, um danach mit einem energischen Schwung den gesamten Inhalt des Proviant- und Utensilienkorbes über der frei gewordenen Sitzfläche zu entleeren.

„So Kin’ners, jetzt seht ihr wunderbar, was wir so alles dabei haben und wenn ihr irgendetwas braucht, dann schnallt euch einfach ab, klettert vor und holt euch soviel ihr wollt!“

„Au ja!“ die Begeisterung der Kinder war ihm zumindest sicher gewesen.

„Sag mal, geht's noch?“ die seiner Frau dagegen eher nicht!

„Na, das muss ja jetzt nicht sein ….“ Caro hatte jetzt schon zumindest mal reagiert. Die Entscheidung, ob sein Plan aufgehen würde, stand auf des Messers Schneide „…..ich denke wir fahren da vorne am Rastplatz mal kurz raus, da können wir den Kram wieder in den Korb sortieren und einen Fahrerwechsel machen. Ich setze mich dann hinter zu den Kindern.“

„Ja, Caro, yes, das isses!“ hatte Wolfgang innerlich gejubelt, sein genialer Plan war aufgegangen. FAHRERWECHSEL, welch eine Erlösung!

Auf der Raststätte hatte man doch mehr Mühe gehabt, den gesamten Korbinhalt wieder aufzusammeln, als Wolfgang das für sich so kalkuliert hatte. Mehr als die Hälfte der Sachen hatte seinen Platz weniger auf der Sitzfläche als eher im Fußraum gefunden. Um den Unmut der Frauen nicht all zu arg auf sich zu ziehen, hatte er sich äußerst hilfsbereit zeigen müssen.

Caro stellte da jetzt weniger das Problem dar, aber Tina hatte sich verdächtig still verhalten und ihr Blick zeugte eher von keiner allzu guten Stimmung.

„Ja äähm, die Geschichte mit dem Korb, das war vorhin vielleicht doch ein wenig unüberlegt …….“ versuchte er vorsichtig einzulenken.

„Das glaube ich aber auch!“ hatte seine Frau ihn direkt abgegrätscht. „Lass´ uns einsteigen, damit wir weiter kommen!“

Wolfgang nahm vorm Einsteigen seinen Sohn noch geschwind in einen freundschaftlichen Schwitzkasten und half ihm danach bei der Suche nach der zweiten DVD, als er von seiner Tochter gerufen wurde, um ihr beim Anschnallen behilflich zu sein.

„Papa kommt, Charlotte …. kein Problem ….. klick ….. fertig!“

„Kannst du mir auch helfen, Wolli?“ „Klar doch, Rike!“

Ja freiwillig hatte er schon immer viel lieber geholfen, als unter Zwang. ….

Er bugsierte sich daraufhin auf den Fahrersitz, verschaffte sich schnell noch einen kurzen Überblick über die Anzeigen, Schalter, Rädchen und Hebel des Renaultcockpits, holte die allgemeine Starterlaubnis ein und setzte danach den Kleinbus wieder Richtung Süden in Bewegung.

Nun war er in seiner Funktion als Fahrer von sämtlichen die Kinder unterstützenden Maßnahmen vorerst entbunden, was ihm ein gewisses Gefühl der Befreiung bescherte und er dachte darüber nach, wie sie in den Genuss des Renaultbusses gekommen waren.

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