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Schnelles Eingreifen bei Mobbing – Strategien für die Praxis

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1:
Mobbing – eine besondere Gewaltform

Drei Briefe von Mobbing-Opfern

Was Mobbing von anderer schulischer Gewalt unterscheidet

Was Mobbing nicht ist

Wie sich Mobbing auf die Klasse auswirkt

Mobbing als Täterproblem

Ursachen von Mobbing

Kapitel 2:
Erste Schritte gegen Mobbing

Zwei Mobbingfälle

Mobbing wahrnehmen

Klären, ob es sich um Mobbing handelt

Widerstände? Trotzdem eingreifen!

Vorgehensweisen gegen Mobbing

Exkurs: Der No Blame Approach

Kapitel 3:
Gezieltes Vorgehen gegen Mobbing

Sanktionen vorbereiten

Das Opfer schützen

Kapitel 4:
Sanktionen bei Mobbing

Wie ist zu sanktionieren?

Wie man Sanktionen eskalieren kann

Sanktionen im Fall Markus

Kapitel 5:
Arbeit mit den Beteiligten

Arbeit mit der Klasse

Kooperation im Kollegium

Arbeit mit den Eltern

Arbeit mit dem Opfer

Arbeit mit dem Täter/den Tätern

Kapitel 6:
Strukturen gegen Mobbing

Experten im Kollegium (Scarlett Brandt und Wolfgang Kindler)

Patenkonzept: Peergruppenarbeit gegen Mobbing (Lioba Pott und Wolfgang Kindler)

Neue Konferenzform

Weitere Präventionsmöglichkeiten in der Schule

Kapitel 7:
Verschiedene Mobbingfälle und Interventionsstrategien

Mobber bestimmen die Klasse

Ekelalarm in der 6. Klasse

Das schwere Los der Überspringerin

Mobbing, das sich gegen die Mobberin richtet

Kapitel 8:
Checklisten: Planvolles Vorgehen gegen Mobbing

Ziele der Antimobbingarbeit

Schrittfolge: Gegen das Mobbing

Literaturtipps

Vorwort

Mobbing ist eine Gewaltform, die Schulen Probleme bereitet. Oft wird Mobbing nicht erkannt, oft gelingt es nicht, adäquat zu reagieren. Aus Unsicherheit werden Mobbingprozesse dann von vielen Lehrern* ignoriert. Dieses Verhalten scheint die Regel zu sein.

So weist Françoise Alsaker ihn ihrem lesenswerten Buch darauf hin, dass über 80% der Kinder und Jugendlichen, die ihre Klasse wegen Mobbings verlassen, kein persönliches Gespräch über ihre Situation mit einem Lehrer hatten.

Dabei ist Nichtstun das Schlimmste, was ein Lehrer sich selbst, dem Opfer, den Tätern und den Unbeteiligten zufügen kann. Der Lehrer verliert die Achtung und Akzeptanz eines Großteils seiner Klasse. Vielleicht leidet der Kollege auch darunter, dass er hilflos zusieht, wie sich vor seinen Augen Gewalt abspielt, wie es ihm nicht gelingt, das Grundrecht jedes Schülers durchzusetzen, nämlich unbeschadet zu lernen. Das Opfer erfährt, dass seine Leiden unwichtig sind, dass es nicht auf Hilfe hoffen darf und dass es sich damit abfinden muss, weiter gequält zu werden. Und die Täter, also die Jugendlichen, die ungehindert einen Klassenkameraden mobben, lernen täglich neu, dass Regelbrüche in der Schule normal sind, dass ihre Übergriffe folgenlos hingenommen werden. Die Klasse gewöhnt sich an den alltäglichen Regelverfall, an die Hilflosigkeit und an die Angst.

Dieser Ratgeber soll in solchen Fällen Abhilfe schaffen, indem er Strategien aufzeigt, wie Mobbing zu erkennen und wie darauf zu reagieren ist.

*  Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir in diesem Buch durchgehend die männliche Form verwendet. Natürlich sind damit auch immer Frauen und Mädchen gemeint, also Lehrerinnen, Schülerinnen etc.

Mobbing – eine besondere Gewaltform

Drei Briefe von Mobbing-Opfern

Im Umgang mit Mobbing stehen Lehrer vor vielen Problemen: Oft wird Mobbing nicht erkannt, oft wird es verharmlost, oft nicht konsequent geahndet. Die folgenden Leserbriefe, die mir Jugendliche nach der Lektüre meiner Jugendbücher „Dich machen wir fertig!“ und „Ein Fußballer muss das aushalten“, die beide über Mobbing in der Schule handeln, geschrieben haben, veranschaulichen nicht nur den Leidensdruck der Opfer, sondern auch die Hilflosigkeit der Schulen. Sie dienen als erste Beispiele, um in die Thematik einzusteigen. Die Briefe wurden nur geringfügig stilistisch korrigiert und so verändert, dass die Verfasser nicht erkannt werden können.

Anna ist Schülerin der 6. Klasse eines Gymnasiums. Sie schreibt:

Lieber Herr Kindler,

in meiner Klasse geht es mir nicht gut. Immer wieder sagen mir die anderen: „Hoffentlich fliegst du bald von der Schule.“ – „Wir wünschen dir, dass du von der Schule fliegst.“ – „Du bist ja behindert.“ – „Du bist psychisch krank.“ Im Sportunterricht, in der Umkleide rufen sie, obwohl ich mich immer ganz gründlich wasche: „Du stinkst. Deine Füße stinken.“

Einmal musste ich, weil ich wütend während der Stunde auf eine Beleidigung reagiert habe, zu meinem Klassenlehrer. Als ich zurück in die Klasse kam, rief einer: „Na, hast du jetzt endlich einen Tadel?!“ Alles lachte, unser Englischlehrer auch.

Wenn ich im Unterricht was Falsches sage, werde ich ausgelacht.

Im Deutschunterricht habe ich einen Aufsatz vorgelesen, und der Lehrer hat mich sogar gelobt. Danach rief aber einer laut durch die Klasse:

„Das hat doch deine Mutter geschrieben!“ – „Das habe ich selbst geschrieben!“, antwortete ich. „Dann hast du das geschrieben, nachdem deine Mutter dir alles gesagt hat.“ Ich wurde so wütend, dass ich meinen Tisch weggeschoben habe und den anderen Tisch auch. Daraufhin sagte mein Deutschlehrer, der mich vorher doch gelobt hatte: „Du bist hyperaktiv dumm!“ […]

Ich habe dann beschlossen, mir nichts mehr gefallen zu lassen. Wenn mich einer in der Stunde ärgert, bin ich laut geworden, habe immer gefragt: „Findest du das komisch? Was soll das denn schon wieder?“ Mein Englischlehrer, der nie was sagt, wenn ich geärgert werde, sagte dann zu meiner Mutter am Elternsprechtag: „Anna nervt mich schon!“

Zu mir selbst hat er vorletzte Woche, als ich mich wieder beschwert habe, im Türrahmen gesagt: „Du kotzt mich an.“ Das war ganz leise. Das hat keiner sonst gehört. Aber nach der letzten Englischstunde rief er mich nach vorne, und sagte, dass es alle hören konnten: „Nerv mich nicht so. Du hast dich verändert! Ich kann die anderen verstehen!“ Bestimmt habe ich mich auch wirklich verändert. Aber ich kann das alles nicht mehr aushalten.

In der letzten Zeit haben die sich was Neues ausgedacht: Die ärgern mich, und weil mich das nervt, mach ich auch was. Und dann wird laut in die Klasse gerufen: „Anna, hör auf damit!“ Jetzt habe ich einen Verweis bekommen. Ich kann machen, was ich will, und bekomme immer einen drüber.

Mir ist inzwischen alles egal.

Gestern, auf dem Heimweg von der Schule, haben mich drei Mädchen und zwei Jungen aus meiner Klasse umringt. Ohne etwas zu sagen, schubsten sie mich von allen Seiten. Als ich mich wehrte, zerrte einer so fest an meiner Jacke, dass sie einriss. Verena lachte und sagte: „Ich hau dich jetzt gleich. Am liebsten würde ich dich mit dem Messer erstechen.“ Caro packte mich von hinten an den Hals und drückte zu. Zum Glück kam da ein Rentner und schimpfte. Die anderen rannten weg.

Meine Eltern beschweren sich andauernd – bei den anderen Eltern, in der Schule. Aber nichts passiert. Ich will nicht mehr dahin. Was soll ich tun? Bitte helfen Sie mir!

Ihre Anna

Oft gehen Unbeteiligte davon aus, dass Mobbing-Opfer durch ihre Schwäche oder durch eklatantes Fehlverhalten das gegen sie gerichtete Mobbing provoziert hätten. Diese Annahme ist falsch. Mobbing-Opfer kann jeder werden. Besonders oft trifft es sanfte und sensible Kinder. Schwer haben es in der Regel auch Jugendliche wie Luisa und Malte, die auf Grund ihrer besonderen Leistungsfähigkeit eine Klasse überspringen.

Hallo Herr Kindler,

in Ihrem Buch beschreiben Sie, wie ein „normales“ Mädchen gemobbt wird. Ich glaube, bei so genannten Hochbegabten geschieht das viel häufiger.

Ich möchte aber nicht von mir, sondern von meiner Schwester Luisa erzählen. Die ist klüger als ich und hat schon zwei Klassen übersprungen. Trotzdem gehört sie wieder zu den Besten. Sie ist kein Streber. Ihr fällt das Lernen einfach leicht. Wir treiben beide viel Sport, beide auch einen Kampfsport. Ich bin als Überspringer auch der Jüngste der Klasse, aber zumindest werde ich körperlich nicht bedroht. Meine Schwester und ich haben im Unterricht nicht das Problem, etwas nicht zu verstehen. Unser Problem ist es, so zu antworten, dass wir nicht als zu klug oder als Streber dastehen. Das geht uns bei jeder Meldung durch den Kopf. Manchmal sagen wir beide extra etwas Falsches, nur damit wir nicht immer das genervte Stöhnen der Mitschüler hören müssen, wenn wir wieder vom Lehrer gelobt werden. (Übrigens, nicht alle Lehrer können Hochbegabte aushalten. Viele versuchen, uns zu blamieren, und wollen damit demonstrieren, dass sie viel klüger sind als die „kleinen Geniusse“. Aber das halten wir aus.) Meine Schwester und ich haben uns daran gewöhnt, regelmäßig als Streber angemacht zu werden und in der Klasse isoliert zu sein. Aber was meiner Schwester jetzt passiert ist, finde ich widerwärtig:

Luisas beste Freundin ist gestorben. Die kennt sie von der Berufsschule, und Anna, so hieß die Freundin, und Luisa haben sich oft gegenseitig getröstet. Anna ging es in ihrer Schule auch nicht besonders gut. Anna war Gesamtschülerin, und sie spielte Cello. Deshalb haben sie die dauernd angemacht. Sie sei arrogant. War sie aber gar nicht. Anna war nur schüchtern. Wenn man sie kränkte, zog sie sich zurück, sagte aber nicht viel.

Also: Anna und meine Schwester waren enge Freundinnen, und je mehr der Druck auf beide zunahm, desto enger wurde ihre Freundschaft.

Und dann war Anna plötzlich tot. Die Eltern sprachen von einem Unfall, aber meine Schwester war sicher, dass Anna Selbstmord begangen hat.

Die war nämlich viel zu vorsichtig, um mit dem Fahrrad frontal gegen einen LKW zu fahren. Meine Schwester war vollkommen am Boden.

Sie fühlte sich jetzt nicht nur vollkommen allein, sondern sie gab sich sogar die Schuld am Tod ihrer Freundin, weil sie nicht genug auf sie eingegangen sei. Meine Eltern ließen Luisa eine Woche nicht in die Schule.

Als Luisa danach wieder an ihren Platz kam, lag Annas Todesanzeige auf ihrem Tisch. Allerdings hatten ihre lieben Mitschüler diese eingescannt, vergrößert und die Namen ausgetauscht. Statt Anna stand da Luisa, und statt „mit Trauer“ hatten sie formuliert: „Mit Freude nehmen wir Abschied von …“

Sehr geehrter Herr Kindler, ich schreibe Ihnen das nicht, weil ich glaube, dass Sie uns helfen können. Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie es besonders guten Schülern in Deutschland geht.

Viele Grüße, Malte

Der folgende Brief veranschaulicht, wie Mobbende die körperlichen Schwächen eines Opfers zum Anlass nehmen, um es zu quälen. Es ist falsch, in diesem Falle die Schuld bei dem Opfer zu suchen.

Hallo,

ich heiße Ludwig, ich bin 14 Jahre alt. Ich gehe seit zwei Jahren auf die Schule, die ein Schulzentrum ist, weil die Schule in unserem Dorf geschlossen worden ist. Jetzt muss ich immer mit dem Bus fahren. Und nach der Schule muss ich mich ganz doll beeilen. Wenn ich nämlich den Bus verpasse, muss ich 2 Stunden warten. In meiner alten Schule kannte ich die Kinder und hatte Freunde. Ich hatte auch nie richtigen Ärger. Das war in der neuen Schule ganz schnell ganz anders. Erst nannten sie mich „Fetti“, dann „fette Sau“. Immer öfter hauten sie mich auch. Ich habe mich erst gewehrt, aber dadurch wurde alles schlimmer. Aber jetzt ist es ganz schlimm: Die machen, dass ich den Bus verpasse.

Vor zwei Monaten konnte ich meine Schultasche nicht mehr finden.

Ich habe überall gesucht. In der Toilette habe ich sie dann gefunden.

Ich habe deshalb den Bus verpasst. Die haben dann gelacht. Acht Klassenkameraden haben an der Haltestelle gewartet. Als ich da stand und noch zwei Stunden warten musste, musste ich weinen. Und die haben gelacht. Zwei Tage danach konnte ich die Tasche wieder nicht finden. Ich wollte dann einfach ohne Tasche fahren. Aber sie haben mich einfach festgehalten, bis der Bus weg war. Ich konnte nichts machen. Ich habe sie angebettelt: „Lasst mich doch los.“ Aber das haben sie nicht gemacht. Das machten sie immer wieder. Einmal haben sie mir die Jacke zerrissen. Oft haben sie mich auch gehauen. Immer, wenn der Bus weg war, musste ich weinen.

Ich wollte das nicht. Und die haben gelacht.

Im Dezember kam ich mit einer neuen, warmen Jacke in die Schule. Erst haben sie die versteckt, aber ich habe sie gefunden. Als sie mich festhielten, wollten sie wohl die Jacke zerreißen. Das ging aber nicht. Sie hauten und schubsten mich. Dann zogen sie mir die Jacke aus und warfen sie in den Graben. Der Bus war weg. Die Jacke konnte ich nicht mehr anziehen, weil sie ganz nass war. Ich habe gefroren, bin aber nicht krank geworden. Auch sonst ärgern und schubsen sie mich immer wieder. Nur bei uns im Dorf ist es schön.

Sie hören nicht auf. Aber wahrscheinlich bin ich selbst schuld. Ich bin dick, und ich habe Epilepsie.

Viele Grüße von Ludwig

Was Mobbing von anderer schulischer Gewalt unterscheidet

Alle drei Briefe zeigen Gemeinsamkeiten, die ein Verständnis dessen, was Mobbing ausmacht, ermöglichen:

Mobbing basiert auf einem Machtgefälle

Ein Machtgefälle gibt es oft bei Schülern, die dieselbe Klasse besuchen. Es entsteht dann, wenn sich mehrere gegen einen Einzelnen verbünden:

  Luisa war zwar klüger als ihre Mitschüler, auch körperlich fitter als die meisten, und trotzdem stand sie der Klasse hilflos gegenüber. Sie wurde ausgeschlossen und gedemütigt.

  Gegen die Mehrheit in seiner Klasse war auch Ludwig hilflos. Hier bestanden die Übergriffe in der Regel aus platten Beschimpfungen, der Wegnahme von Sachen und körperlicher Gewalt.

Ein Machtgefälle in einer Klasse kann viele Ursachen haben:

  klug gegen weniger begabt,

  beliebt gegen unbeliebt,

  geschickt und skrupellos gegen sanft und unsicher,

  körperlich stark gegen schwach.

Mobbing geht im Regelfall von Jugendlichen aus, die in der Klasse ein gewisses Ansehen genießen, besonders wenn es auf Furcht basiert, die die anderen Schüler lähmt und daran hindert, für das Opfer Partei zu ergreifen.

Mobbing ist dauerhaft

Mobbing ist kein einmaliger Vorfall, sondern dauerhaft. Dadurch gewinnt es seine besonders schädigende Wirkung:

  Anna ist nicht nur einmal von Lehrern und Mitschülern gedemütigt und angegriffen worden, sondern immer wieder. Am Wochenende wusste sie schon: Montag geht es weiter. Während der ersten Stunde wusste sie: In der kleinen Pause ärgern sie mich wieder. In seinen Texten geht Leymann davon aus, dass Übergriffe erst dann als Mobbing definiert werden können, wenn sie über drei Monate andauern. In der Schule würde ich bereits nach einem Monat von Mobbing sprechen, einmal, weil die Übergriffe dort häufiger geschehen, als dies bei beruflichem Mobbing die Regel ist, aber auch, weil Mobbing in der Schule junge Persönlichkeiten trifft, die sich noch entwickeln. Die schädigende Wirkung trifft einen Heranwachsenden härter. Sein Selbstbild entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen.

  Ludwig hat sich bereits die negative Fremddefinition zueigen gemacht. Er sucht die Schuld bei sich („Ich bin dick, und ich habe Epilepsie.“), statt sich über die Ungerechtigkeiten seiner Mitschüler zu empören, die ihn grundlos attackieren.

Weil sich Mobbing auf Heranwachsende schneller und intensiver auswirkt, gehe ich davon aus, dass Übergriffe dann Mobbing genannt werden können, wenn sie mindestens einen Monat andauern. Das bedeutet im Rückschluss natürlich nicht, dass Sie als Lehrer bei Quälereien erst einmal beobachtend abwarten sollen, bevor Sie tätig werden.

Mobbing ist eine grundlegende Form aggressiven Verhaltens

In allen drei Beispielen war es den Tätern gleichgültig, welche Folgen ihr Mobbing bei dem Opfer auslöst. Wenn eine in der Schule alltägliche Hänselei dazu führt, dass ein Mitschüler sich wirklich verletzt zeigt, wird sie abgebrochen und der Ärgernde entschuldigt sich. Der Mobbende dagegen reagiert auf die Verletzungen und Leiden seines Opfers gleichgültig oder mit Freude. Man kann hier von einem grundlegenden Verhalten sprechen. In der Regel schreibt der Mobbende seinem Opfer eine bestimmte Eigenschaft zu: Der ist faul, er stinkt, sie ist eine Petze, er ist schwul usw. Aus dieser Zuschreibung zieht er die Berechtigung, nach Belieben mit seinem Mitschüler zu verfahren. Sie rechtfertigt für ihn jeden Übergriff.

  Im Fall von Anna waren die Mitschüler gegenüber den Folgen ihres Mobbings, nämlich dass Anna auf Grund von provozierten Reaktionen von der Schule fliegen könnte, nicht nur gleichgültig, sondern sie strebten sie an.

  Bei Luisa wollten die Mitschüler die neue Hochbegabte demütigen und isolieren und mit ihrem Vorgehen erreichen, dass sie die Klasse verlässt. Die Verletzungen, die Luisas hinnehmen musste, waren gewollt.

  Im Fall von Ludwig wollten die Mitschüler, dass er den Bus verpasste und so allein gelassen und weinend zurückbleibt.

In allen drei Fällen führten die Leiden der Opfer bei den Tätern nicht zum Einhalten.

Mobbing findet regelmäßig statt

Leymann definiert, dass die Übergriffe regelmäßig, also mindestens einmal wöchentlich erfolgen müssen, bevor sie als Mobbing zu definieren sind. Bei allen mir bekannten Fällen schulischen Mobbings ist dieser Tatbestand erfüllt.

  Christoph, der in der 9. Klasse als „schwule Sau“ beleidigt wurde, erlebte die Angriffe täglich. In der Turnstunde, wo die Angreifer sich unbeobachtet vom Sportlehrer wussten, musste sich Christoph regelmäßig dagegen wehren, dass ihm die Hose vom Körper gerissen wurde. Auf die Frage, wie oft er Angriffe erlebt habe, antwortete er: „Mindestens einmal am Tag, manchmal in jeder kleinen Pause und dann noch auf dem Schulweg.“

Mobbing basiert auf schädigenden Handlungen

Die bisherigen Beispiele machen deutlich, dass sich Mobbing nicht auf eine bestimmte Form der Gewalt reduzieren lässt. Mobbing kann in Ausdrücken, in Verleumdungen, Beschimpfungen direkter oder indirekter Art, in körperlicher Gewalt, in der Wegnahme und im Zerstören von Sachen, im Unterschlagen oder Verfälschen von Informationen, im Ausschließen, in sexuellen Übergriffen usw. bestehen. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass jede Form von Gewalt Ausdruck von Mobbing sein kann.

  Anna wurde von fast allen Schülern der Klasse gequält und provoziert, bis sie so heftig reagierte, dass ihre Schullaufbahn gefährdet wurde.

  Luisa und Malte, die hochbegabten Jugendlichen, werden nicht körperlich angegriffen, sondern mit Hilfe von Intrigen und gezielten Gemeinheiten isoliert.

  Bei Ludwig stehen scheinbar direkte körperliche Angriffe im Vordergrund.

In anderen Mobbingfällen werden die Opfer falsch informiert, ignoriert oder ausgeschwiegen.

Allerdings lässt sich nach herkömmlichem Gewaltverständnis darüber streiten, ob beispielsweise die Nichtweitergabe von Informationen Gewalt ist. Um dieser Diskussion zu entgehen, möchte ich definieren, dass alle schädigenden Handlungen die Basis für Mobbingprozesse bilden können.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Es lassen sich durchaus Unterschiede im Vorgehen von mobbenden Jungen und Mädchen feststellen:

  Jungen greifen ihre Opfer direkt an („Eh, du bist schwul!“), sie beschimpfen sie, schlagen sie, erniedrigen sie.

  Mädchen neigen dazu, indirekt anzugreifen und das Opfer sozial zu isolieren. Mädchen, die mobben, verbreiten häufig Gerüchte über das Opfer: „Die geht mit jedem ins Bett.“

Allerdings habe ich gerade in letzter Zeit auch von Mobbingfällen erfahren, in denen Mädchen direkt attackieren, auch körperlich, und Jungen Intrigen inszenieren.

DEFINITION

Mobbing basiert auf einem relativ stabilen Machtgefälle, es ist eine dauerhafte, grundlegende Gewaltform, die regelmäßig ausgeübt wird und sich in schädigenden Handlungen zeigt.

Was Mobbing nicht ist

BEISPIEL

Sebastian ist dick. Jeder aus der Klasse nennt ihn „unser Dicker“. Sebastian findet das nicht toll. Er schämt sich für seinen Bauchumfang. Allerdings war die Scham bisher noch nicht so groß, dass sie zu einer Diät führte. Sebastian stopft sich mit Essen aller Art voll und leidet, ein bisschen. Eigentlich ist er ein fröhlicher Junge. Wohl auch deshalb ist er in seiner Klasse beliebt. Die meisten Kinder aus seiner Klasse realisieren nicht, dass Sebastian nicht gerne „unser Dicker“ gerufen wird. Sie mögen ihn, wollen ihn nicht verletzen. Vermutlich würde ihn keiner mehr Dicker nennen, wenn Sebastians Mitschüler wüssten, dass ihn das kränkt.

Trotz dieser Hänselei ist Sebastian in der Klasse akzeptiert. Und das spürt er auch täglich. Er ist nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Niemand will ihn verletzen. Auch das Sozialgefüge der Klasse bleibt intakt. Und auch Sebastian selbst wird nicht tiefer geschädigt. Deshalb kann man in diesem Fall auch nicht von einem grundlegenden Übergriff sprechen, der Teil des Mobbings ist.

BEISPIEL

Friederike ist in Tränen aufgelöst. Ihre beiden besten Freundinnen, Johanna und Sophia haben sie verraten. Sie haben ihr Tagebuch aus ihrer Tasche gestohlen und an Jochen aus der 10 a weitergegeben. Friederike ist in Jochen verliebt. Schlimm ist nicht nur, dass Jochen nun ihre Schwärmereien brühwarm serviert bekommt, sondern auch, dass er nun lesen kann, dass sie in den Ferien nicht in Ibiza war, wie sie allen erzählt hat, sondern sich in einer Tagesklinik gegen Depressionen behandeln ließ.

Dies ist sicherlich ein schwerwiegender Übergriff, auf jeden Fall auch eine schädigende Handlung. Da dieser Vorfall bisher einmalig war, der erste Übergriff gegen Friederike, kann hier nicht von Mobbing gesprochen werden. Allerdings kann ein solcher Übergriff einen Mobbingprozess einleiten. In Friederikes Fall sah es anders aus. Als die Klasse von den Übergriffen erfuhr, solidarisierten sich die Schüler mit Friederike. Man war empört über den Verrat. Die Mitschüler schalteten auch den Klassenlehrer ein, der entsprechend aktiv wurde.

BEISPIEL

In der 7a stehen sich zwei Mädchencliquen gegenüber, die sich heftig bekämpfen. Die Jungen reden resigniert von Zickenkrieg. Die gegenseitigen Übergriffe sind zahlreich. Sie reichen von Internetattacken bis zu direkten körperlichen Übergriffen. Die Atmosphäre in der Klasse ist vergiftet. Aber die Mädchen werden von ihrer jeweiligen Clique gestützt. Und beide Cliquen begegnen sich in der Regel auf Augenhöhe.

Zwar zieht sich der geschilderte Konflikt schon über einen längeren Zeitraum hin, und schädigende Handlungen erfolgen regelmäßig. Dennoch kann man auch hier nicht von Mobbing sprechen. Das Gegeneinander basiert auf keinem Machtgefälle und führt so auch nicht zur sozialen Isolation Einzelner. Damit sind auch keine psychischen Folgen zu erwarten, die bei Mobbing die Regel sind (siehe Seite 33 f.). Die Betroffenen entwickeln kein defizitäres Selbstbild. Auch ist das Vorgehen hier ein anderes, denn diesen Konflikt können Sie schlichten. Mobbing dagegen ist zu beenden, nicht zu schlichten.

Wie sich Mobbing auf die Klasse auswirkt

Mobbing bedeutet, dass Übergriffe, Verletzungen von Regeln und Rücksichtslosigkeiten den Alltag einer Klasse über einen längeren Zeitraum bestimmen. Gleichzeitig erleben die Jugendlichen die Hilflosigkeit oder Ahnungslosigkeit der Schule. Die dauerhaften Übergriffe führen auch zu einer Gewöhnung. Das, was vorher als gemein und unfair empfunden wurde, wird nun zum Alltäglichen. Verhalten orientiert sich am Alltäglichen. So wird eine Klasse durch Mobbing verändert. Wertehaltungen sind nicht mehr etwas Selbstverständliches, aus dem man Sicherheiten gewinnen kann, sondern Worthülsen.

Wenn eine 5. Klasse erlebt, wie ein Mitschüler von drei Rädelsführern als homosexuell beschimpft wird und wie diese Beschimpfungen dazu führen, dass er isoliert wird, schafft das Angst, die realistisch ist. Jeder aus der Klasse weiß, dass die Vorhaltungen erlogen sind, aber alle erleben täglich, dass die Lügen den Jungen in die Isolation getrieben haben. Jeder realisiert, dass auch er Opfer werden kann.

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