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Schneller als der Tod erlaubt

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Ein Rückblick
  8. Mein erster Tag in der Rettungswache
  9. Ein Lächeln wie aus einer anderen Zeit
  10. Kommen und Gehen
  11. Am Ende der Welt
  12. Conny
  13. Ein verregneter erster Mai
  14. Advent im August
  15. Irgendwo in der Welt plötzlich allein
  16. Was ist eigentlich Liebe?
  17. Schneller als der Tod erlaubt
  18. Die letzten Hilferufe
  19. Gott und die Welt
  20. Zwei Blinde und ein schwerer VU
  21. Epistaxis
  22. Alte Freunde
  23. Der Mann an der Wand
  24. In einer Nacht im Advent
  25. Nur so ein Bauchgefühl
  26. Jede Sekunde zählt
  27. In einer anderen Welt
  28. Vielen Dank

Über den Autor

Georg Lehmacher, geboren 1962 in Stuttgart, ist seit dreißig Jahren im Krankentransport und Rettungsdienst des Roten Kreuzes tätig. Als Zivildienstleistender ist er zur Rettung gekommen, heute übt er sein Amt ehrenamtlich aus. In seinem eigentlichen Berufsleben arbeitet er als KommunikationsDesigner und ist Dozent an der Hochschule Augsburg. Georg Lehmacher ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Für all die Menschen,

die anderen helfen:

im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, der Polizei,

einem Hilfsdienst, in einer Klinik oder einem Altenheim.

Oder einfach da,

wo Hilfe gebraucht wird und es niemand bemerkt.

Die sich manchmal auch überwinden müssen,

die sich allen Absicherungen zum Trotz

in Gefahr begeben

oder in ungezählten Nachtschichten

ihre Gesundheit ruinieren;

ohne Bezahlung – oder für einen Lohn, der das,

was sie tun, niemals ausgleichen kann.

Für all die,

von denen ich so viel lernen durfte,

sei es bei der Bewältigung von Konflikten

oder in Freundschaft:

Ich bin sehr dankbar dafür,

sie alle kennengelernt zu haben.

Und für die, die mir Halt geben:

meine Freunde und Familie.

Vor allem für

Hans, Thomas und Rosi.

Ein Rückblick

Es ist unglaublich, wie viel sich in den letzten dreißig Jahren im Rettungsdienst geändert hat. Medizingerätetechnik, Medikamente, Diagnosemöglichkeiten. Nicht einmal eine Trage von heute hat noch Ähnlichkeit mit diesen einfachen Tragen, die wir zu Beginn der Achtzigerjahre hatten: Sie hatte zwei Gurte und kein Fahrgestell mit Rollen. Ein einfaches EKG-Gerät und ein Defi auf dem RTW waren etwas ganz Besonderes. Als ich begann, bekam ich nur ein paar Wochen Ausbildung, dann wurde ich als verantwortlicher Sanitäter am Patienten eingesetzt, im Krankentransport und wenige Monate später auf dem Rettungswagen. Für ein riesengroßes Gebiet rund um Augsburg gab es nur einen einzigen Notarztwagen, wenn man ihn am dringendsten brauchte, war er oft belegt. Ging es einem persönlich nach einem Einsatz schlecht, dann hatte man zufällig einen guten Kollegen, zufällig einen Wachleiter, dem das auffiel – oder einfach Pech.

Heute muss man dazu Rettungsassistent sein: mit einer Ausbildung von zwei Jahren. Es gibt ein Vielfaches an Notarztstandorten. Frühdefibrillation, standardisierte Abläufe, psychische Betreuung für Patienten, Angehörige und das Personal sind Beispiele für die Professionalität, die Einzug gehalten hat.

Wichtiger als der fachliche ist aber der persönliche Rückblick, den ich teilen möchte: Ich habe viele Erfahrungen sammeln dürfen. Ich habe Dinge erlebt, die ich nicht noch einmal erleben möchte und die mich doch »geformt« haben. Ich habe erlebt, wie es ist, wenn man aufeinander angewiesen ist, empfinde den Rettungsdienst vor allem als Teamarbeit, und sie läuft dann am besten, wenn der Patient, so gut es möglich ist, Teil des Teams wird. Ich habe hektische Einsatzabläufe erlebt und Konflikte – nicht nur mit anderen, sondern auch die wesentlich schlimmeren, die man in sich selbst austrägt.

Ich durfte viele ganz besondere Menschen kennenlernen. Ärzte. Kollegen. Patienten. Manchmal ganz einfache, aber unvergessliche Persönlichkeiten. Ich bin an Grenzen gestoßen. An Grenzen, die mich, in der Stille nach dem Einsatz, dazu gebracht haben, über das nachzudenken, was jenseits dieser Grenzen liegen könnte.

Die wichtigsten Lektionen für das Leben lernt man wohl vom Leben selbst. Und Leid, wo es uns begegnet, verpflichtet uns besonders – zu einem guten Umgang miteinander und der Suche nach Glück, für uns selbst und die Menschen um uns herum. Ein Glück ist es auch, »dabei« zu sein, ein kleines Rädchen in einem guten Ganzen.

Georg Lehmacher, im Sommer 2012

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Mein erster Tag in der Rettungswache

Drei weiße Hosen, drei weiße Hemden, eine Allwetterjacke in leuchtendem Orange. »Hier ist der Leihschein«, sagt Frank, ein schlaksiger Typ mit Schnauzbart, der mich in die Kleiderkammer im Untergeschoss der Wache begleitet hatte. »Zieh dich am besten gleich hier um, und dann kommst du wieder hinauf, Christian will dich einweisen.«

Christian war der Wachleiter, so viel wusste ich schon. Und dass man sich hier duzt.

Ich stecke den Leihschein in mein Portemonnaie und tausche Jeans und Pullover gegen eine Garnitur Dienstkleidung. Mit einem flauen Gefühl im Magen trete ich vor den großen Spiegel, der an einer Wand hängt … So übel sieht das gar nicht aus … Ich ziehe den Gürtel fest, stecke die restliche Kleidung in meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zurück nach oben. So schnell geht der Wechsel vom Designstudenten zum Zivi einer Rettungswache, zumindest rein äußerlich …

Die helle Deckenbeleuchtung in den Fluren lässt die ohnehin glänzenden Parkett- und roten Steinfußböden der Rettungswache noch mehr erstrahlen, der Neubau war erst vor wenigen Monaten eingeweiht worden.

»Hallo Georg, ich bin Christian.« Der Leiter der Wachstelle, ein markanter Typ, winkt mich in den großen Aufenthaltsraum, in dem außer einer großen Couchgarnitur mit Tisch und mehreren Sesseln und Bürostühlen auch eine hellgraue Schrankwand, ein Regal und ein Sideboard stehen.

»Frank hast du ja schon kennengelernt. Diese Woche fährst du bei uns auf dem KTW mit.«

»KTW?«, frage ich nach.

»Krankentransportwagen.«

»Ja, klar.« Hätte ich auch so drauf kommen können, denke ich und spüre plötzlich ein Kribbeln wie vor einer Prüfung.

Doch dann kommen immer mehr Kollegen in den großen Raum, beinahe jeder hat eine Kleinigkeit mit Christian zu besprechen. Nachdem er mich ihnen vorgestellt hat, gerate ich erst einmal wieder aus seinem Fokus. Die Kollegen von der Nachtschicht berichten ihrer Ablöse von den Einsätzen. Ich lausche gespannt. Ein Obdachloser, der für die Nacht in einem Heim untergebracht werden konnte, ein Fehlalarm und ein Herzinfarkt-Patient, der im Klinikum sofort auf die »Intensiv« kam.

»Dienstbeginn der Frühschicht ist um sechs Uhr, also solltest du allerspätestens um zwanzig vor sechs da sein«, führt Christian seine Einweisung fort.

Ich rechne: Die Bus- und Straßenbahnfahrt eingerechnet, muss ich um kurz nach vier aufstehen. Und das im Winter bei Schnee und Eis. Puhhh …

Als hätte er meine Gedanken erraten, sagt er: »An das frühe Aufstehen gewöhnst du dich schon. Dienstschluss der Frühschicht ist um vierzehn Uhr, wenn kein Notfall dazwischenkommt. Warte kurz, ich frag mal nach, wann du für die Schulung eingeplant bist.« Die weiße Dienstkleidung lässt ihn wie einen Arzt aussehen. Wie einen gut aussehenden Arzt … Jetzt fällt mir auch ein, wem Christian ähnelt. Cary Grant, dem US-Schauspieler, der in Filmen wie Über den Dächern von Nizza gespielt hat. Ein gepflegter Typ, dem man den Chef gleich ansieht.

»Mitte Februar.« Christian schüttelt verärgert den Kopf, als er zurückkommt. »Das geht natürlich überhaupt nicht. Wir müssen sehen, dass wir dich vorher irgendwo unterbringen, notfalls in einer Schule, die weiter weg ist. Maximal solltest du zwei Wochen als dritter Mann ohne Schulung mitfahren, wenn es vier sind, okay. Aber zweieinhalb Monate, das können wir uns nicht leisten.« Seine Augenbrauen heben sich, so als wäre ihm gerade eine Idee gekommen. »Verstehst du was von Autos? Kannst du in der Werkstatt aushelfen?«

»Eher nicht. Aber vielleicht kann ich es ja lernen?«, höre ich mich sagen.

Christians Augenbrauen ziehen sich zusammen. Dann winkt er verständnisvoll ab.

»Frank«, ruft er dem Schnauzbart zu, »erklärst du dem Neuen den KTW und alles, was so für den Anfang wichtig ist? Ich hab hier noch eine Stunde zu tun, dann fahren wir in die Stadt und holen ihm ein paar Bücher.«

Frank lotst mich durch einen langen Gang und eine schwere Metalltür in die Fahrzeughalle. »Hier steht der große Rettungswagen und die Krankentransportwagen. Am Wochenende ist nur der RTW in Betrieb, der hat mehr medizinische Geräte an Bord, unter der Woche fahren auch die KTWs.«

»RTW, KTW …«, wiederhole ich.

»Und NAW«, sagt Frank. »Der Notarztwagen. Ein Rettungswagen mit Notarzt an Bord. Aber davon haben wir hier draußen keinen. Es gibt überhaupt nur einen hier in der ganzen Gegend, der fährt in der Stadtmitte. Die haben aber nicht nur den Notarzt, sondern auch ein paar Medikamente mehr dabei. Zum Beispiel Opiate, die dürfen Rettungssanitäter ohnehin nicht verabreichen. Und ein EKG. Aber«, jetzt strahlt er über das ganze Gesicht, »das haben wir in unserem RTW auch. Als einziger RTW in der ganzen Gegend.«

Ich lasse meinen Blick durch die Halle schweifen. Kaum vorzustellen, dass jetzt plötzlich Hektik ausbrechen könnte, weil ein Notfall ruft.

Frank nickt mir zu, der Rundgang geht weiter. »Wir haben außerdem dieses Wasserrettungsfahrzeug … Und die beiden Autos dahinten gehören zum Katastrophenschutz. Die sind aber zum Glück länger nicht im Einsatz gewesen.«

Die Fahrzeuge, wie auch die Wache insgesamt, alles sieht nagelneu aus, überhaupt scheint hier alles in einem Topzustand und wie geleckt, doch als mich Frank zu »unserem« Krankentransportwagen für den heutigen Tag führt, entdecke ich beim Einsteigen leichte Rostspuren.

»Der kommt bald weg. Hat schon 430.000 Kilometer drauf«, sagt Frank.

Ich schaue ungläubig.

»Ein Diesel …«

Im Wagen liegt ein Hauch von einem alkoholischen Desinfektionsmittel in der Luft, und als ich meine Nase genauer befrage, meine ich auch ganz leicht kalten Tabakduft zu riechen.

Frank sieht sich im Wagen fachmännisch um. »Wir prüfen jeden Morgen, ob alles an seinem Platz ist. Und ob alles hygienisch einwandfrei ist. Dafür muss am Ende jeder Schicht gesorgt werden. Und freitags wird der Wagen komplett ausgeräumt und gesäubert.«

Franks Ton ist mir zu kasernenhaft, dennoch nicke ich wie zur Bestätigung seiner Worte freundlich.

Jetzt zieht er einige Seitenfächer der Reihe nach auf.

»Beatmungsbeutel …, die Brechschale, die braucht man manchmal sehr schnell …, Verbandsmaterial …, Medikamente … und alles für einen venösen Zugang …«

Ich schaue ihn groß an.

Er hält eine kleine Blisterpackung in die Höhe. »Die Nadel wird mit einem dünnen Plastikschlauch in die Vene gelegt. Dann wird sie wieder herausgezogen, der Schlauch bleibt liegen. – Darüber geben wir dann Medikamente und unsere Infusionen …« Jetzt klingt er wie ein Mediziner.

Er legt die Nadel zurück und öffnet die unterste Schublade. »… und hier ist das Zeug für die Intubation. Schon mal gehört?«

Ich schüttele den Kopf.

»Bei der Intubation schiebt man einen Schlauch in die Luftröhre. Dann kann man den Patienten während des Transportes sicherer beatmen. Selbst wenn er erbricht. Aber keine Sorge, das bleibt für dich Theorie. Das Zuganglegen und das Intubieren sind ärztliche Maßnahmen. Für uns Sanis ist beides streng verboten. Wenn du so was selbst machst und wenn dabei auch noch etwas schiefgeht, bekommst du es mit dem Staatsanwalt zu tun! Du musst nur lernen, was man dazu braucht, damit du dem Arzt assistieren kannst.«

Er schaut auf meine Hand, mit der ich mir unwillkürlich an den Hals gefasst habe. Die Vorstellung, einen Schlauch in den Atemwegen zu haben, hatte mir kurz den Atem stocken lassen. »Muss man da nicht erst recht erbrechen?«

»Das macht man natürlich nur, wenn der Patient nicht mehr bei Bewusstsein ist …« Frank grinst. »Oder man macht ihn eben vorher ›flach‹. Medikamentös.«

»Flach … – Aha«, sage ich. Meine Stimme ist brüchig. Frank hat die Bemerkung wahrscheinlich gar nicht gehört, er räumt alles zurück in die Schublade.

Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich das flaue Gefühl in meinem Magen den Tag über verflüchtigen würde, doch jetzt ist es eher meine Neugierde, die nachlässt.

Frank öffnet eine Klappe, die sich weiter oben im Fahrzeug befindet. »Da sind noch Laken, um die Trage frisch zu beziehen, Ersatzmaterial und eine kleine Sauerstoffflasche. Die gehört …« Er schließt die Klappe wieder und zeigt auf ein Gerät an der Wand des Fahrzeugs. »… zu diesem Beatmungsgerät.«

Ich hätte gern mal eine Zwischenfrage gestellt, auch um diese Lehrstunde ein wenig aufzulockern, aber mein Kopf ist in dieser Hinsicht wie leer. Die vielen Details lassen keinen Platz mehr für Fragen.

»Wenn das Beatmungsgerät in der Halterung ist, erhält es den Sauerstoff aus der großen Flasche an der Seite links im Wagen. Und hier ist noch das Absauggerät und der Notfallkoffer.« Frank zieht ihn aus der Halterung und steigt damit aus. »Den zeig ich dir draußen, und dann holen wir die Trage.« Er stellt den Notfallkoffer auf einen Tisch, von denen es einige in der Halle gibt. »Hier ist noch einmal alles Wichtige drin, was man an einem Unfallort eventuell braucht.«

In meinem Schädel rauscht es. Hoffentlich benennt er nicht jeden einzelnen Gegenstand, das kann ich mir sowieso nicht alles auf einmal merken.

Doch er schließt den Koffer wieder und beendet seinen Vortrag mit den Worten: »Vor ein paar Jahren noch hat man die Patienten schnellstmöglich in die nächste Klinik gefahren, aber wir versorgen sie nach Möglichkeit schon vor Ort so weit, dass sie stabilisiert transportiert werden können. Das kostet zwar ein paar Minuten. Aber was nutzt es, wenn du schnell in der Klinik bist, und der Patient ist tot?«

Frank holt hinter dem Wagen ein Gestell mit Rollen hervor, dann zieht er die Trage hinten aus dem Auto und schiebt sie auf das Gestell. Es quietscht.

Jeder von Franks Handgriffen sitzt. Auch das Zurückbefördern der Trage ins Auto sieht ganz einfach aus.

»So«, sagt er. »Das übst du jetzt ein paarmal. Und schau dir an, wie man die Gurte der Trage auf- und zumacht.«

Die Freude über eine praktische Aufgabe währt nicht lange. Mist, warum rutscht das blöde Gestell nur ständig weg … Na, jetzt aber! Beim dritten Mal endlich habe ich es heraus, das Gestell mit dem richtigen Knieeinsatz zu halten, während ich zugleich an der Trage ziehe.

»Für den Anfang gut«, sagt Frank.

Wie ein Lob klingt es nicht.

»Und jetzt komm ins Führerhaus, dann erkläre ich dir, wie man die Fahrtenschreiberblätter wechselt. Wenn du Frühdienst hast, prüfst du als Erstes, dass die Blätter bei allen Fahrzeugen gewechselt sind. Wenn du damit fertig bist, kochst du Kaffee, wenn das bis dahin noch kein anderer gemacht hat.«

Frank nimmt auf der Fahrerseite Platz, ich auf dem Beifahrersitz. Er zieht eine Tachoscheibe aus dem Seitenfach der Tür, um mir die Beschriftung zu erklären. »Die Türen bleiben auf, wenn wir rauchen«, sagt er und zieht eine Schachtel aus seiner Hemdtasche. »Bei der Fahrt öffnen wir die Fenster. Im Patientenraum soll es nicht nach Rauch riechen, sonst wird den Patienten schlecht.« Er bietet mir eine Zigarette an.

»Danke, ich rauche nicht.«

»Nein?«

»Nein.«

»Na ja. Bald wirst du rauchen, du wirst schon sehen. Hier rauchen alle.«

Auf dem Weg zurück ins »Wohnzimmer«, wie Frank den Aufenthaltsraum nennt, erhalte ich auch schon die nächste Lektion. »Wenn ein Patient schwierig ist, bleibst du freundlich«, erklärt Frank. »Verstehst du?«

»Ja klar.«

»Auch wenn er aggressiv ist.«

»Okay …« Ich versuche mir vorzustellen, welche Art Situation er meinen könnte.

»Du hältst dann angemessenen Abstand, gehst dem Patienten notfalls sogar aus dem Weg – und bleibst freundlich. Auch wenn es an einem Einsatzort Konflikte zwischen Dritten gibt, hältst du dich raus, so weit es eben möglich ist. So etwas geht uns nichts an.«

Ich nicke. Aber das scheint Frank mal wieder zu wenig zu sein.

»Du bist Sani, nicht Polizist. Kapiert?«

»Ja, kapiert.«

»Und noch etwas, was du niemals vergessen darfst: Bevor du an einem Einsatzort den Wagen verlässt, achte genau auf den Verkehr. Du machst die Tür nur auf, wenn du sicher bist, dass niemand dicht am Auto vorbeifährt. Und du steigst nur aus, wenn klar ist, dass es für dich ungefährlich ist.«

»Ja«, sage ich deutlich.

»Nicht einfach ›Ja‹. Das ist wichtig! Also was hab ich gesagt?«

Oh Mann, das nervt jetzt aber langsam … Ich bin ja nicht blöd.

»Dass ich beim Aussteigen aufpassen soll«, antworte ich etwas verkürzt, aber bestimmt.

»Ja, ja …«, sagt Frank. »Ihr Neuen seid immer sehr schlau.«

»Seit wann bist du denn dabei?«, frage ich, um das Gespräch von mir abzulenken.

»Ich bin von Beruf Krankenpfleger und mache das ehrenamtlich schon länger. Aber das letzte Jahr war ich in Südamerika. Und im Januar habe ich eine neue Anstellung, dann mache ich erst mal keine Dienste mehr.«

Okay, denke ich, dann müssen wir ja nicht beste Freunde werden.

In der Wache ist die Stimmung gelöst, ein älterer Kollege, Peter, ein Ehrenamtler, hat Geburtstag. Auf einem großen Tisch liegen »Brezen«, und Weißwürste wird es geben.

Gegen ein deftiges Frühstück habe ich nichts einzuwenden. »Mit Kartoffelsalat?«, frage ich, nachdem ich Peter gratuliert habe.

Mit einem Mal ist es still im Raum. Warum schauen mich alle so ungläubig an?

»Weißwürste und Kartoffelsalat? Wo kommst du denn her?«, fragt Peter.

»Aus der Stuttgarter Gegend«, antworte ich und halte mich jetzt erst mal mit weiteren Bemerkungen zurück.

Als der Topf mit den Würsten auf dem Tisch steht, setze ich mich auf einen Bürostuhl in zweiter Reihe.

Ich habe noch nicht mal die Hälfte meiner Wurst verdrückt, da klingelt ein Telefon, das grüne. Es ist das Leitstellentelefon, das nur Verbindungen zur Leitstelle, zur Polizei und zum Krankenhaus bereitstellt.

»Notfall«, sagt Frank, der aufgestanden ist, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Für uns?«, frage ich aufgeregt und lege den Rest der Weißwurst auf den Teller zurück.

»Nein. Für den RTW

Die beiden Kollegen eilen auch schon zur Tür hinaus.

»Wir räumen euer Zeug weg …«, ruft Frank ihnen hinterher.

Aber da klingelt das Telefon noch einmal.

»Jetzt ist es für uns«, sagt er nach dem Auflegen, und ich springe hastig auf.

»Ganz ruhig, Junge.« Er lacht. »Ist nur eine Rückfahrt vom Krankenhaus in ein Altenheim. Du kannst noch schnell aufessen und die Teller wegräumen, ich geh schon mal ›auf Empfang‹.«

Ein paar Minuten später hallt das Nageln des Dieselmotors an den Wänden der Halle, und Christian lenkt den KTW über den beleuchteten, mit einer leichten Schneedecke überzogenen Hof. Auf der Straße vor der Wache fädeln wir uns in den fließenden Verkehr ein. Ich sitze hinten im Patientenraum, sehe, wie sich das große Rolltor mit den Halteverbotsschildern hinter mir schließt, und lasse meinen Blick dann über die fliehende Straße schweifen. Schilder, Straßenlaternen, Häuser und Felder und andere Autos tauchen auf und verschwinden wieder. Das Schwarz der Nacht hat sich inzwischen in ein dunkles Wintermorgengrau verwandelt.

Ich reibe die Hände, um sie ein wenig zu wärmen.

»Wir rauchen mal eine«, sagt Frank und zieht die Scheibe, die den Patientenraum vom Fahrerbereich abtrennt, zu.

Während wir durch die nächste Ortschaft fahren, fliegen meine Gedanken zurück. Im Sommer hatte man mir telefonisch mitgeteilt, dass sich meine Einberufung zum Zivildienst noch hinziehen würde, und ich hatte mich daraufhin an der Fachhochschule eingeschrieben. Ich wollte Grafik-Designer werden und freute mich auf das Studium und das Miteinander mit anderen Studenten. Doch kaum hatte das Semester begonnen, lag ein graues Amtsschreiben in meinem Briefkasten. Die Einberufung. Und wieder umdenken und Pläne ändern … All die schönen Zukunftsentwürfe zurückstellen und erst einmal Rettungsdiensthelfer werden. Immerhin fühle ich mich als Zivildienstleistender bei einer Rettungswache nicht als »Drückeberger«, wie Zivis gern mal bezeichnet werden. Ein Mitarbeiter im Rettungsdienst trägt Verantwortung …

Die letzten Wochen war ich ein paarmal aus dem Schlaf aufgeschreckt, als ein Martinshorn die Stille der Nacht durchschnitten hatte. Ob ich den Anforderungen gewachsen sein würde?, hatte ich mich dann immer gefragt.

Und jetzt saß ich in solch einem Krankentransportwagen, der im Notfall auch mit Blaulicht und Sirene unterwegs wäre.

Das Langsamerwerden des Wagens holt mich aus meinen Gedanken zurück. »Bayern 33/39, Stadtkrankenhaus an«, höre ich Frank am Funk sagen, die Scheibe ist wieder aufgeschoben. Es klingt lässig, wenn für mich auch noch irgendwie kryptisch. »33 steht für den Leitstellenbereich, 39 ist unsere Wagennummer«, erklärt mir Christian. Im Patientenraum riecht es jetzt doch nach Rauch.

Als wir aus dem Wagen gestiegen sind und nun auf die Pforte des Krankenhauses zugehen, reicht Christian mir ein paar Formulare. »Wie das mit dem Ausfüllen geht, kannst du dir später in der Wache genauer anschauen«, sagt er. »Nur den Namen, die Adresse und das Geburtsdatum des Patienten trage bitte jetzt gleich ein. Hier links.« Er deutet auf den obersten Zettel.

»Na, da seid ihr ja!«, ruft uns eine Krankenhausmitarbeiterin zu. »Euer Patient wartet schon. Da vorn im Rollstuhl.«

»Papiere?«, fragt Christian.

»Hat er bei sich. Und die braune Tasche müsst ihr mitnehmen.«

Frank ist schon zu dem älteren Herrn vorgegangen, dem die fehlende Morgensonne an diesem kalten Wintertag aus dem Gesicht zu strahlen scheint. Ob er sich so sehr auf die Rückkehr ins Heim freut?

»Na, Opa?«, höre ich Frank sagen.

Trotz dieser respektlosen Begrüßung strahlt der ältere Mann Frank weiter an. Der bemerkt kurz darauf meinen irritierten Blick.

»Das ist Herr Huber. Wir kennen uns.«

Frank und Herr Huber lachen.

»Franks Familie wohnte neben uns«, beginnt der alte Mann zu erzählen. »Frank hat oft bei uns im Garten mit den Hasen gespielt.«

»Ja, ja, schon gut, Opa.« Frank winkt lachend ab, nimmt die Tasche des alten Herrn mit der einen Hand und lenkt mit der anderen den Rollstuhl gekonnt zum Ausgang.

»Wenn es wahr ist, wird man es wohl sagen dürfen? Oder?« Herr Huber klingt vergnügt.

Am KTW angekommen, helfen ihm Frank und Christian auf den Rücksitz, Frank klappt den Notsitz runter und setzt sich dazu. Ich nehme vorn neben Christian Platz, und wir starten. Christian redet nicht viel. Ich schaue auf den Tacho und den Fahrtenschreiber, die fast zehn Kilometer pro Stunde unterschiedlich anzeigen. Weiter oben am Armaturenbrett, da wo normalerweise das Radio ist, sind einige schwarze Schalter eingebaut. Ich schaue auf die unterschiedlichen Symbole, Zeichen für Martinshörner, ein Lautsprechersymbol, eines für ein Mikrofon. Links davon ist ein länglicher Knopf, auf dem in senkrecht untereinander geschriebenen Buchstaben »ALARM« steht, daneben drei Leuchtdioden, die aber dunkel sind.

»Was hast du bisher gemacht?«, fragt Christian unterwegs.

»Ich habe studiert. Kommunikationsdesign. Aber dann kam gleich im ersten Semester die Einberufung.«

»Kommunikationsdesign?«, fragt er.

»Ja … Ich werde Grafiker.«

»Ach so. So einen hatten wir schon mal als ZDL. War ein ziemlich fauler Hund.«

Ich frage mich, ob er nun meint, alle Grafiker oder Designer seien …

»Dann kannst du vielleicht ein paar Schilder für die Wache machen. Und eine Kopiervorlage für die Einladung zu unserer Weihnachtsfeier?«

»Klar. Gern.«

»Nachher fahren wir dann zur Buchhandlung und holen dir den ›Leitfaden für den Sanitätsdienst‹. Dann kannst du schon mal das ein oder andere nachlesen. Das Buch bekommst du bei dem Lehrgang zwar auch, aber bis dahin dauert es ja viel zu lang. Wenn die dir den Leitfaden dann geben, stellst du ihn in der Wache in den Schrank. Für alle. Dann können wir das Uraltexemplar, das bei uns rumsteht, entsorgen.«

Es ist bereits nach zwölf Uhr, als wir auf der Rückfahrt zur Wache sind. Frank hatte den alten Mann allein auf sein Zimmer im Altenheim gebracht. Ich sitze nun wieder hinten und halte den »Leitfaden für den Sanitätsdienst« in der Hand, ein Buch mit schlecht gemachten zweifarbigen Abbildungen in Rot und Schwarz. Ich erkenne auf manchen Abbildungen überhaupt nicht, um was es geht. Nicht nur grafisch könnte man das sicher besser machen, denke ich mir. Frank fährt diesmal, er entsorgt gerade seine Zigarette durch das Fenster, Christian hat den Funkhörer in der Hand. Vermutlich will er durchgeben, dass wir in Kürze zurück sind. Er notiert etwas. Nach einer Weile sehe ich vorn die Fensterfront der grauweißen Wache und lege mich kurz davor instinktiv in die Kurve. Doch im nächsten Moment beschleunigt Frank den Wagen, und wir rauschen an der Einfahrt vorbei. Was ist los? Ein Einsatz? Das Martinshorn dringt laut ins Fahrzeuginnere.

Ich würde am liebsten das Fenster aufschieben und nachfragen, stattdessen beuge ich mich im Sitz vor. Der schwerfällig wirkende Wagen zieht erstaunlich gut weg. Frank lenkt ihn auf die Gegenspur, um die Personenwagen vor uns zu überholen. Die Ortschaft ist zu Ende, mein Blick sucht die Tachoscheibe des Fahrtenschreibers … 60. 70. 80. 90 … Die entgegenkommenden Fahrzeuge pressen sich dicht an den Straßenrand. Der Hebel mit der Aufschrift »ALARM« steht schräg, die drei Leuchtdioden daneben sind hell: Okay, jetzt ist es wohl so weit. Doch noch ein »richtiger« Einsatz. Und ich habe nicht mal eine Ahnung, wo es hingeht.

Endlich schiebt Christian die Trennscheibe zur Seite. Er sagt etwas zu mir, aber das Martinshorn verschluckt seine Worte. Plötzlich bremst der Wagen unerwartet stark ab, ich werde in meinem Sitz nach vorn geworfen. Im Schritttempo rollen wir weiter. Vor uns leuchten rote Ampeln.

Wir passieren die Kreuzung. Danach setzt das Martinshorn für einen Moment aus. »Wir haben einen Notfall, ein Verkehrsunfall mit Fußgänger, irgendwo bei Derching«, klärt mich Christian auf. Und dann ruft er laut über das wieder heulende Martinshorn hinweg: »Bleib sitzen und schnall dich an!«

Ich tue, was er sagt. Trotzdem kann ich sehen, dass uns in der nächsten Kurve, auf die wir mit hohem Tempo zusteuern, ein Lkw entgegenkommt. Und die Kurve führt auch noch über einen Hügel … Meine Finger krallen sich fest in die Armlehnen, ich presse mich so tief wie möglich in meinem Sitz. Dann sind wir auch schon an dem Lkw vorbei. Hinter der Kurve haben wir eine lange Strecke freie Fahrt. Bis wir uns der Unfallstelle nähern.

Bedächtig rollt der Gegenverkehr über die Landstraße, manche Fahrzeuge haben die Warnblinker eingeschaltet. Neben einer Weggabelung steht ein Fahrradfahrer, der uns nach links winkt. Ein entgegenkommender Traktor hält an, und die blonde Fahrerin deutet ebenfalls aufgeregt in die Richtung. Ihr Gesicht ist wie erstarrt. Es wird nicht an der Winterkälte liegen. Ihr schreckerfüllter Blick lässt nichts Gutes erahnen.

Kurz darauf taucht hinter einer Kurve ein Lkw am Straßenrand auf. Ein Polizist und ein etwa fünfzig Jahre alter Mann in Arbeitskleidung stehen daneben. Der Lkw-Fahrer – wie ich vermute – schüttelt immer wieder den Kopf. Dann fällt mein Blick auf ein altes graues Moped ein paar Meter weiter. Den Oberkörper eines alten Mannes neben dem Zweirad nehme ich im ersten Moment gar nicht wahr. Doch als wir nah heranfahren, erkenne ich auch die Beine des Mannes, die seltsam verbogen scheinen. »Abnorme Lage«, nennt Christian es.

»39 Einsatz an. Schicken Sie uns den NAW!«, gibt Frank noch während der letzten Meter Fahrt durch. »33/39 mit Lagemeldung …?!«, höre ich den Funklautsprecher. Im nächsten Moment stoppt Frank am linken Straßenrand, und ich springe sofort heraus. Frank steigt ebenfalls aus, seine Augen funkeln. Und schon packt er mich am Kragen und brüllt: »Du Idiot, du hast beim Aussteigen überhaupt nicht auf den Verkehr geachtet, wenn du das noch mal machst, hau ich dir eine runter, verstanden? Du bleibst jetzt erst mal hier an der Seite stehen.«

Das sitzt. Sicher, er hat recht, aber ich wollte doch nur …

Zitternd stehe ich da, während die beiden mit dem Notfallkoffer bereits keine fünf Meter weiter vorn beim Patienten sind. Doch dann ruft Frank in meine Richtung: »Weißt du, wo der Absauger ist?«

Absauger, Absauger … Ja klar, er hat mir das Ding heute früh gezeigt. Nach ein, zwei Versuchen schaffe ich es, das Teil im Wagen abzustecken und aus der Halterung zu lösen. Als ich damit zu den beiden hinüberlaufe, bin ich so achtsam wie nur möglich.

»Und jetzt hol die Trage.« Frank hat mir das Gerät aus den Händen genommen. Ich verspüre trotz des ganzen Stresses Erleichterung, dass ich nicht am Patienten helfen muss. Und die Trage, das hatte ich schon geübt. Am Wagen zurück, ziehe ich sie mit einem Mal heraus.

Ein Passant und ein Polizist, inzwischen ist ein weiterer Streifenwagen am Unfallort angekommen, helfen mir, das Ding zu dem Verletzten hinzubugsieren.

»Mist!«, entfährt es Frank, der mit dem Beatmungsbeutel in der Hand am Kopfende des Patienten kniet.

Der alte Mann wird so um die sechzig sein. Sein Gesicht hat eine graublaue Farbe.

»Ich bring nichts rein.« Frank flucht noch einmal.

»Lass mich mal.« Christian schiebt ihn beiseite, schüttelt kurz darauf aber den Kopf.

Frank tastet seitlich vom deutlich sichtbaren Kehlkopf des Patienten. »Nichts!«, ruft er. Kein Puls! Er drückt mir eine Infusion in die Hand. »Hochhalten!«

Ich habe keine Ahnung, was die beiden jetzt vorhaben.

»Los.« Christian dreht die Infusion zu und legt sie auf den Körper des Mannes. »Du nimmst die Beine. Vorsichtig …«

Ich will sie ergreifen, aber ich traue mich nicht zuzupacken. Frank hat den Patienten schon am Kopf und den Schultern genommen, Christian hält die Körpermitte. Ich kann das schreckliche Gefühl, allein bei dem Gedanken, diesen leblosen Körper anzufassen, nicht abschütteln.

»Greif die Hose«, kommt mir Frank zu Hilfe, dann dreht er sich zu einem der Polizisten um, die in der Nähe stehen.

»Los, komm näher, nimm du die Füße.«

»Auf drei …« Frank gibt das Kommando. Zu viert heben wir den alten Mann auf die Trage.

Während ich noch dastehe, haben Christian und Frank die Trage schon geschnappt und laufen damit zum Auto.

»Bring uns den Koffer!«, ruft mir Frank beim Einladen des Patienten zu. »Steck den Beatmungsbeutel rein, klapp das Ding zu und mach schnell – lass den Rest erst mal liegen.«

Ich tue, was er sagt, aber dann bekomme ich den Koffer nicht zu, irgendetwas klemmt, ich versuche es wieder und wieder, endlich schaffe ich es, ihn wenigstens auf einer Seite zu schließen und laufe damit zum KTW. In dem engen Patientenraum ist jedoch kein Platz für mich, und dann schließt Christian auch schon die Tür.

Was haben die beiden vor?

Ich stelle den Notfallkoffer auf den Beifahrersitz, von wo aus ich durch die offene Trennscheibe einen guten Blick auf das Geschehen im Wageninneren habe. Frank hält das silberne Intubationsbesteck in der Hand.

Wollen die selbst intubieren? Warum ist denn kein Notarzt da? Das ist doch verboten … Die Gedanken wirbeln nur so durch meinen Kopf. Kurz darauf greift Frank nach dem Beatmungsbeutel, Christian, der Wachleiter, reicht ihm das Stethoskop.

Hastig ruft er mir zu: »Nimm einen Zettel und versuche, den Namen des Patienten und sein Geburtsdatum herauszubekommen. Und dann sammle unseren Müll ein. Aber pass auf, da ist eine Nadel dabei.«

Ich höre ein Martinshorn, das Heulen kommt näher. Ich meine sogar, dass ich irgendwo in der Ferne ein Blaulicht gesehen habe. Eine Frau steht blass neben ihrem Pkw am Straßenrand. Ich frage sie, ob sie den Verletzten kennt, aber sie verneint. »Geht es Ihnen nicht gut?«, frage ich sie noch, sie tritt einen Schritt zurück und schüttelt den Kopf, dann steigt sie in ihren Wagen und fährt davon. Ein älteres Paar, das ebenfalls in der Nähe der Unfallstelle steht, hat den Unfall mitbekommen, aber auch sie kennen den Mann nicht mit Namen, der an diesem Wintertag wohl sein Moped an der Straße entlang geschoben hatte. Die Frau meint, er sei vielleicht aus der Ortschaft am Ende der Landstraße.

Ich bekomme nicht viel heraus, was den Patienten angeht.

Um wenigstens irgendetwas zu notieren, schreibe ich das Versicherungskennzeichen des Mopeds auf, das noch unverändert am Straßenrand liegt. Besser als nichts, denke ich.

Hinter dem Hügel tauchen endlich weitere Blaulichter auf. Mir kommt es vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen. Ein großes Rettungsfahrzeug mit der Aufschrift NOTARZT rollt heran. Das Martinshorn ertönt plötzlich noch einmal, ein fast schmerzhaft lautes Scheppern dröhnt mir ins Ohr, ein Gefühl wie eine Ohrfeige.

Ein Mann springt aus dem Rettungswagen. Offenbar der Notarzt: Er trägt einen langen weißen Kittel, aus dem ein Stethoskop und ein Reflexhammer schauen. Er zieht die Tür unseres Wagens auf. Christian steigt aus, macht ihm Platz.

Er guckt mich an, sagt aber erst mal nichts. Ich auch nicht. Dann halte ich ihm den Zettel mit dem Versicherungskennzeichen hin.

»Das hilft uns nicht, aber er hat einen Ausweis dabei, passt schon.« Christian nickt mir zu. »Schau, dass du den Müll da vorn noch ein wenig zusammenräumst. Wir werden den Patienten noch in den RTW umladen und dann fahren.«

Während ich mit steifgefrorenen Fingern die aufgerissenen Materialverpackungen vom Boden aufsammle, kommt der Lkw-Fahrer und bringt mir einen verbeulten Hut. »Der gehört dem Verletzten«, sagt er. Und dann sagt er noch: »Ich weiß wirklich nicht, wo der hergekommen ist. Plötzlich war er vor mir.«

»Fehlt Ihnen denn auch etwas?«, frage ich.

»Nein, nein.«

»Sollen meine Kollegen Sie später untersuchen?«

»Nein, nein, mir fehlt nichts. Ist nur der Schreck«, sagt er schon im Gehen.

Als ich alles aufgesammelt habe, stehen plötzlich zwei Polizisten neben mir, der eine hat einen Schreibblock in der Hand. »Kann man schon was sagen?«, fragt er mich. »Wie sieht es aus?«

»Ich weiß nicht«, sage ich unsicher. »Ich bin heute den ersten Tag dabei, ich kann gar nichts sagen, aber ich glaube, es sieht nicht gut aus.«

»Habt ihr denn schon einen Namen?«, hakt er nach. Dann geht er einen Schritt auf mich zu: »Was ist los mit dir? Du bist ja komplett weiß im Gesicht. Geht es dir nicht gut?«

»Alles okay«, antworte ich und setze schnell nach: »Meine Kollegen haben einen Ausweis gefunden.« Ich deute auf den Krankentransportwagen, der sich zu meiner Überraschung gerade in Bewegung setzt.

Anscheinend mit Patient. Und ohne mich. Ich rufe den Polizisten ein »’tschuldigung« über die Schulter zu und haste zu dem Notarztwagen. Also muss der mich eben zum Krankenhaus mitnehmen. Aber kurz bevor ich die Beifahrertür erreicht habe, fährt er los.

Fassungslos stehe ich am Straßenrand dieser Landstraße irgendwo in der Pampa, eine Gegend, in der ich zuvor noch nie gewesen bin.

»Die haben dich wohl stehen lassen«, ruft der ältere der beiden Polizisten.

Ich schaue immer noch ein wenig ratlos in die Ferne, wo ich den NAW als kleinen hellen Punkt verschwinden sehe.

»Können Sie mich in die Klinik mitnehmen?«, frage ich, auf die beiden zugehend. Auch wenn mich die Polizisten duzen, wage ich es nicht, die beiden Uniformierten mit »Du« anzusprechen. »Oder können Sie mich zur Rettungswache in Friedberg bringen?«

»Im Prinzip geht beides, aber wir brauchen noch eine halbe oder Dreiviertelstunde. Es dauert also noch etwas.«

Ich zucke mit den Schultern. Habe ich eine Wahl?

Zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle und mit einem öffentlichen Verkehrsmittel bin ich sicher nicht schneller. Während ich am Straßenrand auf die Abfahrt warte, stellt sich ein Passant neben mich. Er erzählt immer wieder von Neuem, wie er den Unfall beobachtet hat. »Ich denk noch, sieht der den Mann denn gar nicht? Ich hab keine Ahnung, wo dieser Lkw-Fahrer mit seinem Kopf und den Augen war. Man muss doch auf die Straße gucken. Muss doch schauen, wo man hinfährt.« Immer mal wieder fährt ein Auto langsam an der Unfallstelle vorbei. Dann lässt mich das Geräusch eines Dieselmotors aufhorchen. Ich drehe mich um, hinter mir hält der Notarztwagen. Ob dem die Polizisten Bescheid gegeben haben? Ich komme nicht dazu nachzufragen, denn der Fahrer hat schon schimpfend das Fenster runtergelassen. Sein Gesicht sieht aus wie ein roter Luftballon kurz vor dem Platzen. »Jetzt steig gefälligst ein. Hinten. Wir haben schon genug Zeit verloren!«, keift er. Bevor ich noch richtig im Auto bin und die Tür schließen kann, tritt er aufs Gas, und wir fahren los. Auch im Auto setzt er seine Schimpftiraden fort. Sein Kollege auf dem Beifahrersitz sieht ungerührt aus dem Fenster. »Stellen die denn jetzt nur noch Idioten ein?« Ich sei ein »Rohrkrepierer« und müsse wohl blind sein oder total bescheuert. »Wenn wir jetzt einen Folgeeinsatz bekommen, verzögert sich wegen dir alles.« Ich stelle irgendwann auf Durchzug. Für den ersten Tag sind das mehr als genug Eindrücke.

Nachdem wir in der Fahrzeughalle der Klinik geparkt haben, machen sich die beiden »Kollegen« wortlos auf den Weg und verschwinden durch eine große Schiebetür. Ich bin auch ausgestiegen, bleibe aber erst einmal am Auto stehen. Schmelzender Schnee tropft aus den Radkästen. Immer noch habe ich den Hut des Patienten in der Hand. Ich sehe ein paar Plätze weiter »unser« Auto, aber von Frank und Christian keine Spur.

Eine junge Frau in hellblauer Schwesternkleidung lehnt rauchend an einer Wand. Ich nicke ihr zum Gruß zu. »Hallo«, ruft sie zurück. »Wo bist du her, ich hab dich hier noch nie gesehen?«

Ich gehe zu ihr und sage, dass ich Zivi bin und heute meinen ersten Tag habe.

»Willst du?«, fragt sie und hält mir ihre Zigarettenschachtel hin.

Ich lehne dankend ab, woraufhin sie fragt: »Bist du etwa so einer von diesen Öko-Müsli-Fuzzis?«

»Nö«, sage ich, »ich rauche eben nur nicht. Hab es einmal versucht, aber mir ist kotzübel geworden.«

»Du Glücklicher.« Sie erzählt mir, dass sie eine Lernschwester ist, also noch in der Ausbildung. »Und wie wirst du im Rettungsdienst ausgebildet?«, will sie wissen.

»Ich muss zwei Wochen als dritter Mann mitfahren und habe sechs Wochen Schule«, sage ich.

»He? … Und dann? Dann schicken die dich raus?« Sie schaut mich ungläubig an.

»Ja.«

»Aber du bist dann nur Fahrer, oder?«

»Nö.«

»Ja, was denn dann?«

»Sanitäter. Ich bin hinten beim Patienten.«

»Im Krankentransport? Oder auch bei Notfällen?«

»Auch auf dem Rettungswagen, je nach Dienstplan.«

»Oh Mann! Und ich muss drei Jahre in der Klinik lernen, obwohl ich jederzeit jede Menge Ärzte und Schwestern um mich herum habe und vorher weiß, was für Patienten ich bekomme. Und alles Wichtige entscheidet dann doch nur der Arzt.«

Ich zucke mit den Schultern. »Ist eben so.«

Sie bläst den Rauch geräuschvoll nach oben und schüttelt immer wieder den Kopf. »Na, hoffentlich passiert mir nie irgendwas, dass ich einen Rettungswagen benötige.«

Ich lasse das ohne Widerrede so stehen, schließlich weiß ich noch gar nicht, wie die Ausbildung und alles Weitere tatsächlich ablaufen, und sehe zu, wie sie die Zigarette am Boden austritt, obwohl hier mehrere solcher Eternit-Aschenbecher in Sanduhrenform stehen. Mit einem »Tschüss« geht sie in Richtung Schiebetür, die sich im selben Moment öffnet.

Christian und Frank kommen mit unserer Trage in die Halle. Sie nicken mir schon von weitem zu, stellen die Trage erst einmal neben den KTW und zünden sich beide eine Zigarette an. »Der gehört dem Patienten«, sage ich und wedele mit dem Hut, während ich auf die beiden zusteuere.

Christians Blick senkt sich. »Den braucht er jetzt nicht mehr.«

Stille.

»Leider.«

Stille.

Bis auf das dumpfe Rauschen in meinem Kopf.

Ich hatte es geahnt, aber es gesagt zu bekommen, das ist etwas ganz anderes.

Die beiden werfen ihre halb heruntergebrannten Zigaretten in einen der Aschenbecher und laden die Trage ins Auto. Ich lege den Hut auf den Beifahrersitz und helfe Christian, die Trage und das Kissen neu zu beziehen. Frank wechselt die Sauerstoffflasche am Beatmungsgerät. »Nie, nie, nie die Anschlüsse fetten, wenn du das mal machst, verstanden!?«, ruft er mir zu. »Sonst fliegt dir das Zeug um die Ohren.«

Obwohl er wieder diesen Kasernenton hat, ärgere ich mich diesmal gar nicht.

Er nimmt den Hut und bringt ihn in die Klinik. »Vielleicht holt ja jemand seine Sachen ab«, sagt er leise.

Wer dieser Jemand wohl sein wird? Eine ältere Frau? Die Kinder des Mannes? Die Enkelkinder? Sie könnten in meinem Alter sein.

»Richtung« hat die Stimme am Funk gesagt. Das bedeutet, wir sollen Richtung Wache fahren. »Also kein neuer Einsatz«, erklärt Frank zu mir nach hinten gewandt.

Ob er auch erleichtert ist?

Ich beuge mich vor und stecke meinen Kopf, so gut es geht, durch die Luke.

»Tut mir leid, wegen vorhin«, sage ich. »Dass ich draußen stehen geblieben bin. Der NAW musste extra noch mal zurückkommen.«

»Was?«, fragt Christian überrascht, der am Steuer sitzt. »Da hätten die Kollegen vom NAW sich aber besser kümmern müssen. Die sehen doch, wenn einer als dritter Mann unterwegs ist. Und du bist doch neu, und nicht die.«

»Na ja«, sage ich.

Er geht vom Gas.

»Haben die sich etwa beschwert?«

»Schon.«

»Was genau haben die gesagt?«

»Na ja …«

»Also was? Haben die dich blöd angemacht?«

»Mh, ja, ein wenig vielleicht.« Mir ist mulmig zumute. Ich überschaue die Konsequenzen noch nicht und will keinen Ärger lostreten.

Christian tritt auf die Bremse, dann nimmt er den Hörer.

»Leitstelle von 39, wir drehen noch einmal um, wir haben etwas in der Klinik vergessen.«

Dann schimpft er laut: »Das ist jetzt schon das zweite Mal, jetzt reicht’s. Wer war es? Der kleine Dicke mit dem roten Gesicht oder der Große mit den kurzen Haaren?«

»Der – der Kleine.«

»Ortmann. Diese Kollegensau.« Frank schüttelt den Kopf.

»Das lassen wir so nicht stehen, das geht nicht. So was muss man gleich regeln.«

Ich wage nicht zu widersprechen.

Kurz darauf stehen wir wieder in der Fahrzeughalle.

Christian und Frank springen geradezu aus dem Wagen und eilen auch schon durch die Schiebetür. Ich bleibe im Auto. Als sich die Tür weit öffnet, sehe ich diesen Ortmann mit seinem Kollegen vor einem Schalter stehen. Obwohl ich nur ihre Rücken im Blick habe, bin ich sicher, dass sie es sind. Dann schließt sich die Schiebetür.

Ein paar Minuten später geht sie wieder auf, Christian winkt mich zu sich.

Oh nein … Jeder Schritt fällt mir schwer. Was kommt jetzt?

Als ich neben Christian und vor diesem Ortmann stehe, fuchtelt der wild mit den Armen in der Luft herum. Dass sein Gesicht noch stärker erröten könnte als vorhin, hätte ich nicht gedacht. Er ist völlig außer Atem: »War doch gar nicht so gemeint. Was hast du denn da verstanden? Das ging doch nicht gegen dich, also wenn das so rüberkam – dann entschuldige. Ich konnte ja auch nicht wissen, dass es dein erster Tag ist.«

Ich nicke lediglich perplex.

»Ja, und?« Christian ist noch einen Schritt näher auf Ortmann zugegangen.

»Entschuldigung«, sagt der leise.

»Ist das so okay für dich?«, hakt Christian nach.

»Ja, klar, schon in Ordnung«, sage ich schnell. Mir ist das Ganze unangenehm.

Zurück in der Wache sitzen wir noch mit den Kollegen, die uns ablösen, in einer Runde zusammen, essen etwas und trinken Kaffee. Dann macht die Frühschicht Feierabend. Als ich in Jeans, Pullover und Winteranorak auf die Straße treten will, ruft mich Christian noch mal kurz zurück.

»So einen Scheiß wie vorhin, als du aus dem Auto gestiegen bist, ohne dich richtig umzusehen, das kannst du bei uns vergessen. Da kriegst du mit mir so einen Stress, das glaubst du gar nicht. Verstanden?« Er sagt das mit gedämpfter Stimme.

»Ich dachte, wenn wir da an der Unfallstelle mit Blaulicht einlaufen, überholt uns sicher keiner – die Leute sehen uns doch.«

»Darüber diskutieren wir nicht.« Jetzt wird er lauter. »Was weiß ich, wo die Leute hinschauen, wenn sie eine Unfallstelle passieren. Der Job ›draußen‹ ist gefährlich genug. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Sani plötzlich Patient wird oder sogar für immer dort bleibt. Wenn du das nicht kapierst, gibt’s Druck, und notfalls bleibst du ›drinnen‹ im Innendienst und kannst für den Rest deiner Zivildienstzeit die Wache putzen, verstanden? Du hast hier achtzehn Monate. Wenn die vorbei sind, dann kannst du machen, was du willst – aber solange du hier bei uns arbeitest, verhältst du dich so, dass du genau so gesund den Dienst beendest, wie du ihn begonnen hast.«

Er blickt mir fest in die Augen.

»Damit das klar ist.«

An diesem Abend telefoniere ich lange mit meiner Freundin Renate. Nur stockend kann ich von dem alten Mann auf der winterlichen Straße erzählen. Ich habe sein Bild immer wieder vor mir. Er war auf dem Weg, vielleicht von zu Hause irgendwohin, und jetzt kehrt er nicht mehr zurück. Obwohl es schon fast Mitternacht ist und ich in nicht mal fünf Stunden wieder aufstehen muss, fällt es mir schwer, das Licht zu löschen. Dann irgendwann falle ich in einen unruhigen Schlaf. Ich träume, dass ich jemandem einen verbeulten Hut bringen muss. Jemandem, den ich aber nirgendwo finden kann. Ich laufe durch ein weiß getünchtes Haus, in dem sich lauter schwarze Gestalten befinden. Ich will in ihre Gesichter gucken, aber sie haben keine. Stumm wenden sie sich von mir ab. Dann schrecke ich hoch. War da nicht ein Martinshorn zu hören? Ich lausche. Aber draußen ist alles still. Als ich die Augen wieder schließe, sehe ich den alten Mann noch einmal vor mir. Diese Farbe des Todes in seinem Gesicht: Sie wird mir im Gedächtnis bleiben.

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