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Schneeverhältnisse

Über den Autor

Alexander Sever, geboren 1973, studierte Sportwissenschaften und Informatik und arbeitet seit seiner Studienzeit nebenberufl ich als Skilehrer. Hauptberufl ich ist er seit 2005 Lehrer im Bereich Sportgerätetechnik und -design.

1

Das Telefon läutete, als ich die Berner Würstel aus der verschweißten Folie zog.

»Ich geh schon«, rief Manuel, dessen Schreibtisch in der Nähe des Telefons stand.

Das Fett in der Pfanne brutzelte und zischte. Zwei Würstel für Manuel, zwei für mich.

»Joe lässt fragen, ob wir heute ins Weberknecht kommen«, rief Manuel.

Ich holte gerade zwei Teller aus dem Mini-Kasten, der sich über unserem Mini-Herd befand.

»Warum, glaubst du, hab ich die Würstel mit der Extra-Speckschicht genommen?«

»Du denkst einfach mit.«

Zum Essen musste vor der Party noch Zeit sein. In dem Dreißig-Quadratmeter-Zimmer samt Kochnische, das Manuel und ich uns teilten, waren Berner Würstel eine exklusive Mahlzeit.

Das Weberknecht war ein Wirtshaus mit Party-Gewölbe nahe dem Wiener Zentrum. Die Sportstudenten veranstalteten dort schon seit langer Zeit ihre Semesterabschluss-Partys.

Ich studierte Sportwissenschaft, mein Zimmerkollege Manuel Literaturwissenschaft. Uns verband die Liebe zum Skifahren. Wir waren beide staatlich geprüfte Skilehrer. Besser während des Studiums die Skilehrerausbildung machen als danach die Taxifahrer-Prüfung, hatten wir uns gedacht.

»Ich brauche sofort ein Bier«, sagte Manuel im Weberknecht. Dort hatte es mindestens siebenundzwanzig Grad.

»Hey, Joe!« Nach längerer Suche fand ich meinen Studien­kollegen Joe im Gedränge. Joe bildete beruflich am Uni­versitäts-Sportinstitut, kurz USI, Skilehrer aus. Am USI können Studenten aller Fakultäten günstig verschiedenste Sport­kurse machen, so auch die Ausbildung zum Skilehrer.

»Komm mit an die Bar, dort wartet schon mein Bier.«

»Wo ist Eva?«, fragte Joe.

»Ich bin heute solo. Sie muss arbeiten. Du kennst sie doch.«

Joe grinste.

»Deshalb unterrichtet sie jetzt in einem noblen Gymna­sium Sport und Englisch, während wir noch im ersten Stu­dien­abschnitt hängen.«

Als wir an der Bar ankamen, knallte die Barfrau gerade unsere Biere auf die Theke. Perfektes Timing.

»Auf die Semesterferien.«

»Was habt ihr vor?«, fragte Joe.

»Keine Ahnung«, sagte Manuel.

»Ich hätte da eine Idee.« Joe grinste. »Ihr seid doch Ski­lehrer …«

»Ich habe gerade keine Lust auf Skifahren mit hysterischen fünfzehnjährigen Gymnasiastinnen und ihren pubertierenden männlichen Kollegen«, sagte Manuel.

Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

»Das meine ich ja gar nicht«, sagte Joe. »Ihr könntet Ski­lehrer-Ausbildner werden wie ich. Die Prüfung schafft ihr mit links. Dann unterrichtet ihr künftig keine pubertierenden Fünfzehnjährigen mehr, sondern erwachsene Studenten.«

»Du meinst sicher auch Studentinnen?«, fragte Manuel.

»Ganz genau, und jeden Abend Party.«

Manuel und ich sahen uns an. Warum waren wir selbst noch nicht auf diese Idee gekommen?

»Das USI braucht noch Lehrer«, sagte Joe. »Der Kurs, den ihr machen müsst, findet in Dienten statt, und ich bin als Lehrer dort.«

»Ich bin dabei«, sagte ich.

»Ich auch«, rief Manuel.

Wir kippten noch einige Gläser Bier, dann gingen wir tanzen. Um drei Uhr morgens landeten wir mit einigen Mädels wieder an der Bar.

»Wann fängt dieser Kurs eigentlich an?«, fragte ich.

Joe grinste.

»Morgen.«

»Was? Da bist du noch hier?«

»Daran könnt ihr euch gleich gewöhnen. Zeit zum Medi­tieren habt ihr als USI-Skilehrer nicht. Entweder wir fahren Ski oder wir feiern. Ihr werdet schnell lernen, eine Woche lang mit zwei Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen. Ich hole euch morgen um elf ab.«

Dienten liegt in Salzburg, direkt am Hochkönig. Es ist ein verschlafenes Kaff mit nicht einmal tausend Einwohnern. Obwohl Dienten zum Tourismusgebiet Skiwelt Amadé gehört, fahren in erster Linie Studenten hin. Das USI-Heim ist das Ortszentrum.

Am Nachmittag fand die Gruppeneinteilung statt. Danach stellten sich alle Skilehrer vor. Manuel und ich kamen zu Joe in die Gruppe und hatten einen herrlichen ersten Tag auf der Piste.

Nach dem Abendessen gingen wir drei zur Kennenlernparty in den Keller des Heims.

»Hier passen doch nie und nimmer alle achtzig Leute hinein«, sagte ich.

»Hat ja niemand etwas dagegen, wenn es eng und kuschelig ist«, sagte Joe.

Die Musikanlage war von simpler Machart, gab aber eine Menge her. Die Party ging bis drei, und als Manuel und ich am nächsten Morgen um halb neun zum Frühstück erschienen, stand Joe schon wieder vom Tisch auf.

»Später könnt ihr euch das nicht mehr leisten«, sagte er. »Der Ausbildnertisch muss pünktlich ab acht Uhr voll besetzt sein. Egal, ob ihr um zwei, drei, vier oder gar nicht ins Bett gegangen seid.«

»Wieso?«, fragte Manuel.

»Anordnung vom Chef. Wer Party machen kann, kann in der Früh auch aufstehen. Was hätten denn die Skilehrer für eine Autorität, wenn sie irgendwann nach ihren Schülern oder sogar gar nicht beim Frühstück aufkreuzten?«

»Auch wieder wahr«, sagte Manuel.

Der Speiseplan im Skiheim war ein gutgemeinter Versuch sogenannter »traditioneller österreichischer Küche«, beginnend bei Schinkenfleckerln über Grenadiermarsch bis hin zum Tafelspitz.

»Wollen wir lieber Pizza essen gehen?«, fragte Joe einmal, als wir genug davon hatten.

»Wo willst du hier eine Pizza herkriegen? Per Hubschrauber von der Bergrettung einfliegen lassen?«, fragte Manuel.

Wider Erwarten gab es tatsächlich eine Pizzeria in Dienten.

»Was sagt eigentlich Eva dazu, dass du USI-Skilehrer wirst«, fragte mich Joe dort.

»Sie weiß es noch gar nicht«, sagte ich. »Ich schätze, ich sollte sie mal anrufen.«

Eva war ganz schön sauer.

»Mike, was ist los? Ich hab dich gestern und heute schon hundertmal angerufen. Wo bist du? Es ist so laut, ich höre dich kaum.«

»Sorry, Schatz. Ich bin in Dienten.«

»In Dienten?«

»Ja, auf einem Kurs. Mit Manuel und Joe.«

»Du hast die Skipraktika für den ersten Studienabschnitt doch schon gemacht.«

»Das hier ist etwas anderes. Manuel und ich machen die Ausbildung zum USI-Lehrer.«

»Was?«

»Joe hat gemeint, wir könnten schon am übernächsten Kurs als Lehrer dabei sein. Ist doch super, oder?«

»Das erzählst du mir erst jetzt?«

»Es war eine ganz spontane Entscheidung. Ein Vorschlag von Joe. Samstag auf der Party.«

»Danke, dass ich es wenigstens jetzt erfahre.«

Als ich zurück an den Tisch kam, stand die dampfende Pizza schon da.

»Ärger?« Joe grinste.

»Das bekomme ich schon wieder hin.«

Die Abschlussprüfung war eine Formalität. Manuel und ich bestanden sie bravourös.

»Wisst ihr, was euer neuer Status bedeutet?«, fragte Joe am letzten Abend.

»Dass wir jetzt zur Skilehrer-Elite gehören«, sagte ich.

»Nicht nur. Es gibt da eine lange Tradition, ein ungeschriebenes Gesetz quasi.«

»Das da lautet?«

»Neue Lehrer müssen am Abschlussabend nackt eine Run­de durch Dienten laufen.« Er sah uns an. »Das wäre dann heute. Ihr dürft eine Haube und Schuhe tragen.«

»Was?« Ich konnte es nicht glauben. »Gilt das für Männer und Frauen?«

Joe nickte.

»Die anderen stellen sich gerade zum Spalier auf. Ihr lauft die Hauptstraße hinauf, dreht um, lauft wieder hinunter und dann treffen sich alle in der Bar im Ort. Euren Glühwein danach zahlen wir.«

Was blieb uns anderes übrig? Wir zogen uns aus, liefen aus dem Heim und vorbei an achtzig grölenden Kursteilnehmern, bis wir endlich in der besagten Wirtsstube ankamen.

»Wer hat meine Hose und meinen Pullover?«, fragte ich.

»Die brauchst du heute nicht mehr. Hier hast du Shorts.« Joe grinste. »Schön habt ihr das gemacht. Echt USI-würdig. Jetzt wird gefeiert.«

Gleich nach meiner Rückkehr nach Wien sprach ich mich mit Eva aus. Ich war sehr zerknirscht und sie war sehr groß­zügig. Sie war selbst Skilehrerin, begleitete allerdings nur Schulskikurse. Trotzdem wusste sie, wie es auf USI-Ski­kursen zuging.

Doch der Friede hielt nicht lange. Nach meinem ersten Einsatz als USI-Skilehrer in den Osterferien war sie endgültig sauer. Ich war begierig, ihr von dem Kurs zu erzählen. Von den Tagen auf der Piste, meinen Schülern und davon, dass wir abends Vorträge zu anspruchsvollen Themen wie Methodik, Bio­mechanik, Lawinenkunde, allgemeiner Sicherheit und Material­kunde halten hatten müssen. Ich dachte, dass ihr das gefallen würde. Dass wir uns den Spaß erlaubt hatten, auch einen Vortrag über Sexualkunde zu halten, wollte ich ihr lieber verschweigen.

Eva wohnte in einem Villenviertel am Stadtrand. Mein halbes Studentenheimzimmer war nichts im Vergleich zu ihrer Wohnung. Sie arbeitete schon als Lehrerin in einem Gymna­sium und ihre Eltern unterstützten sie immer noch. So konnte sie sich das leisten. Wir saßen in der Küche und tranken Tee.

Ich wollte sie damit beeindrucken, wie ernst ich den Kurs ge­­nommen hatte und wie viel meine Schüler gelernt hatten, doch sie gab mir keine Chance.

»Hast du dich gut amüsiert? Mit wie vielen Frauen hast du etwas gehabt in dieser Woche? Wer war die Blonde?«

»Was?«

»Glaubst du, ich weiß nicht, was bei euch abgeht? Auf den USI-Skikursen hat doch jeder etwas mit jedem.«

»Du weißt, dass ich dir treu bin. Immer schon war. Zu hundert Prozent. Also hör auf damit.«

»Was war mit der Blonden?«

Sie wollte hektisch den Teebeutel um den Löffel wickeln. Dabei entglitt er ihr und klatschte genau vor mir auf die Tisch­platte. Eva zuckte mit keiner Wimper.

»Von welcher Blonden redest du überhaupt? Dein Problem ist, dass der sogenannte Ernst des Lebens für dich schon begonnen hat.«

»Muss ich mich jetzt dafür rechtfertigen, dass ich einer ge­regelten Arbeit nachgehe?«

»Wirf du mir nicht vor, dass ich zu langsam studiere.«

»Du sagst mir jetzt sofort, was mit dieser Blonden los war!«

Ich hatte Eva noch nie so brüllen gehört. Ich wusste genau, wen sie meinte. Ich hatte besagter Blondine, Daniela, auf der Piste technische Tipps gegeben, und am Abend hatten wir ein paar Cola-Rum miteinander getrunken. Ende der Geschichte. Trotzdem wollte ich nicht klein beigeben.

»Rudi hat mir alles erzählt und dem hat es dein Chef erzählt.«

Rudi war Evas Exfreund. Dass diese Geschichte also kaum ernst zu nehmen war, hätte Eva klar sein müssen. Ich wurde wütend.

»Wenn du deinem Ex mehr glaubst als mir, dann geh doch zu ihm zurück!«

Ich fuhr heim und schlief vierzehn Stunden durch. Als ich wieder einigermaßen klar im Kopf war, ließ ich das Gespräch mit Eva Revue passieren. Wir hatten eben verschiedene Auf­fas­sun­gen vom Ernst und vom Spaß des Lebens. Ich war noch nicht bereit für traute Zweisamkeit im Villenviertel. Das war mir eine Nummer zu groß. Ich wollte Action, ich wollte Ski­fahren, ich wollte abends Party machen.

Es fiel mir nicht besonders schwer, mit der Trennung fertigzuwerden, denn ich hatte kaum Zeit, an Eva zu denken. Ich hackte in einer Woche zwei längst überfällige Seminararbeiten in den Computer, fuhr auf den nächsten Skikurs, machte eine Woche Pause und dann stand auch schon der nächste Kurs an, wieder in Dienten.

Drei Tage vor der Abfahrt dorthin aß ich in der Mensa zu Mittag. Ich war geschlaucht und musste meine Batterien dringend auffüllen. Also war es Zeit für Spezialtoast. Mit Spiegelei, Mayo und ganz viel Ketchup.

Ich aß allein, als sich zwei hübsche Mädchen am anderen Ende meines Tisches niederließen. Ich kannte sie nur vom Sehen. Sie redeten laut über den anstehenden USI-Skikurs und ich konnte nicht anders, als mitzuhören. Dabei merkte ich, dass die beiden über mich redeten, ohne mich zu erkennen.

»Ich bin sicher nicht so blöd und fall auf so einen rein«, sagte eines der Mädchen. »Solche Typen wie diesen Mike kenne ich schon. Ich hab schon Stress mit Wolfgang, weil ich auf diesen Kurs fahren will. Er braucht sich aber keine Sorgen zu machen.«

»Wer ist dieser Mike?«

»Der Flirtmeister unter den Skilehrern. Zumindest glaubt er, dass er jede bekommt.«

Ich saß mit weit aufgesperrten Ohren da, aß meinen Toast und amüsierte mich. Offensichtlich hatte ich mir in kürzester Zeit einen eigentlich unverdienten Ruf erarbeitet. Ich prägte mir das Gesicht des Mädchens ein, das sich über mich entrüstet hatte. Sie war groß, hatte brünette lange Haare und sah extrem gut aus. Ein richtiger Modeltyp. Sie war das Must-have eines jeden Skilehrers.

Am ersten Kurstag erkannte ich sie sofort wieder. Ich sorgte dafür, dass sie nicht in meine Gruppe kam. Joe kannte sie von der Uni und erzählte mir, dass sie Claudia hieß. Ihr Freund Wolfgang studierte auch Sport, aber er hatte es nicht in unser USI-Team geschafft. Diesen Ärger projizierte er auf mich. Er hatte Claudia vom »argen Mike« und seiner »argen Clique« erzählt.

Sie glaubte natürlich alle Geschichten über mich. Grund genug für mich, ihr eins auszuwischen.

Ich erzählte Manuel und Joe davon. Wir erledigten gerade die letzten Vorbereitungen für die Kennenlernparty.

»Da gibt’s nur eine Möglichkeit«, sagte Manuel. »Du musst sie total ignorieren.«

»Bis es wehtut«, sagte Joe.

»Kann sie gerne haben. Ich fange gleich heute damit an.«

Damit war Claudia in dieser Woche auch für Manuel und Joe tabu.

Claudia versuchte schon am ersten Abend, mit mir zu flirten. Ich ahnte ihren Plan. Im entscheidenden Moment würde sie mich zurückweisen. Wenn das der liebe Wolfgang wüsste, dachte ich, denn Claudia gab wirklich Gas. Irgendwann hörte ich auf, ihre Drinks zu zählen.

»Mike, bitte noch ein Cola-Rum«, rief Claudia mir zu und sah mich mit großen Augen an.

Ich sah zu Manuel.

»Manuel, bist du so nett und mixt der Lady ein Cola-Rum?«

»Cola-Rum für die fesche Dame. Kommt sofort.«

Das saß. Einigermaßen irritiert sah Claudia zwischen Manuel und mir hin und her. Ich flirtete mit den anderen Mädels an der Bar, allerdings eher freundschaftlich zurückhaltend. Es ging ja darum, dass Claudia ihr Bild von mir korrigierte.

»Ist es wirklich so wichtig, was die Tussi über dich denkt?«, fragte Manuel. »Die Woche ist doch bald vorbei.«

Es war mir wichtig. Was Claudia in der Mensa über mich gesagt hatte, war überheblich und unfair gewesen. Trotzdem fiel es mir schwer, an dem Abend und auch an allen folgenden, nicht mit ihr zu flirten. Dabei wäre mein Dienst hinter der Bar dafür perfekt gewesen. Gewöhnlich ging ich so vor:

1. Schritt: Kontakt herstellen. Dazu brauchte ich einige leere Gläser vor mir, von denen ich zwei ein wenig abseits stellte. Ich schenkte alle Gläser der Reihe nach ein, sah der betreffenden Frau in die Augen und schenkte anschließend bei den beiden Gläsern, die ich auf die Seite gestellt hatte, ein wenig nach. Sie sollte das Gefühl haben, dass sie etwas Besonderes ist. Natürlich ahnte die Frau dann, dass das zweite Glas für mich selbst war und dass ich es anschließend mit ihr gemeinsam trinken wollte.

2. Schritt: Sympathie aufbauen. Die anderen Gläser verteilte ich an all jene, die bei mir bestellt hatten. Meistens verdrückten sich die Leute, sobald sie ihre Drinks in der Hand hatten, sehr schnell. Umso schneller natürlich, je länger ich sie vorher warten ließ. Die beiden restlichen Gläser, die ein wenig voller als die anderen waren, ließ ich vorerst stehen. Ich ging zum DJ, wählte einen neuen Song aus, der gut passte, und kam dann zurück zur Bar. Dort drückte ich der Frau das eine Glas in die Hand, das andere nahm ich selbst.

3. Schritt: Durch Zuprosten ins Gespräch kommen. Was ich jetzt auf gar keinen Fall sagte, war so etwas Abgedroschenes wie »Prost«. Das ist auf einem Skikurs und bei einer hübschen Frau ein echtes No-go. »Prost« sagte ich allerhöchstens, wenn ich unter Männern war. Keiner Frau der Welt kann ein Mann mit »Prost« das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Ich sagte also entweder »Die nächste Runde geht aber auf dich« oder »Auf eine nette Woche« oder »Was machst du eigentlich so?« und dann war ich quasi schon mitten im Gespräch.

Als ich Claudia dieses Flirt-Ritual verweigerte, indem ich sie an Manuel verwies, verstieß ich gegen alle USI-Party-Rituale, die es gab. Claudia wusste das und war offensichtlich beleidigt.

Ich ignorierte sie auch für den Rest der Woche. Wenn sie sich mit skitechnischen Fragen an mich wandte, gab ich nüchterne und objektive Antworten. Ich merkte, dass sie an mir interessiert war, Freund Wolfgang hin oder her. Nicht mit ihr zu flirten, fiel mir daher sehr schwer. Doch diese Bestrafung war für mich ein Spiel. Ein Spiel, das mich umso mehr reizte, weil mir Claudia in Wirklichkeit wahnsinnig gut gefiel.

2

Hoch motiviert traf ich mich schon zwei Wochen später mit Manuel und Joe zur gemeinsamen Abreise nach Kaprun. Meine Gruppe war diesmal eine echte Herausforderung. Acht Personen, deren technisches Können sich zwischen »sehr schlecht« und »sehr gut« bewegte. Je weniger homogen eine Gruppe ist, desto schwieriger ist es für den Lehrer. Ich wollte aus allen das Beste herausholen. Die Schlechten sollten sehr gut und die sehr Guten sollten exzellent werden. Ich nahm den Job so ernst, dass ich es auf der Kennenlernparty am ersten Abend bei ein, zwei Bier beließ und stattdessen lieber die Kanten meiner Ski schleifen ging.

Mit den Sorgenkindern fuhr ich Extrastunde um Extra­stunde. Keiner sollte umsonst auf dem Kurs gewesen sein. Tatsächlich bestanden am Ende alle die Prüfung. Ich war ziemlich stolz des­wegen. Jene, bei denen es knapp gewesen war, umarmten mich lachend. Auch alle anderen waren mit den Noten, die ich austeilte, zufrieden. Bis auf eine. Patrizia, eine einundzwanzigjährige Philosophie-Studentin. Sie stürmte wie eine Furie auf mich zu.

»Wie inkompetent bist du denn, pädagogisch und fachlich? Wie kannst du mir so eine miserable Note geben?«

»Kann es sein, dass du etwas verwechselst? Du hast ein Gut bekommen.«

Patrizia hielt sich allerdings für »sehr gut«.

»All diesen Unfähigen schenkst du eine Vier und ich bekomme nur eine Zwei?«

»Sei mir nicht böse, aber für eine Eins hat es nicht gereicht. Die gebe ich nur dann, wenn die Leistung wirklich sehr gut ist.«

»Was ist mit Marie? Dass die wirklich ›sehr gut‹ ist, glaubst du ja wohl selbst nicht. Sehr gut findest du wohl nur ihren Arsch!«

»Hier gibt es weder einen Arschbonus noch sonst irgendeine Art von Bonus«, sagte ich. Selbst wenn es einen Arschbonus gäbe, bei der Größe ihres Arsches hätte Patrizia ihn sicher nicht bekommen, dachte ich.

»Du bist so ein Arschloch«, schrie Patrizia und rannte davon.

Ihre Vorwürfe verunsicherten mich. Machte ich meinen Job gut genug? Ich ging auf mein Zimmer, setzte mich aufs Bett und dachte nach.

Wenn das jetzt schon so anfängt, was passiert auf dem nächsten Kurs? Wird sich Patrizia beim Verband über mich beschweren? Ich habe doch nach bestem Wissen und Gewissen benotet. Wie soll ich das erklären?

Ich fühlte mich wie ein Versager. Die Lust auf die Ab­schluss­party war mir gründlich vergangen, aber sehen lassen musste ich mich trotzdem. Außerdem konnte ich Manuel und Joe die Party-Arbeit nicht allein machen lassen.

Für die Party stand uns die Paletti-Bar zur Verfügung, da wir  mit den Besitzern befreundet waren. Ich hatte mich für den ganzen Abend zum DJ-Dienst eingeteilt, um keinen Smalltalk mit den Leuten machen zu müssen. Die Musik dröhnte und auf Screens der Trend-Bar liefen Surf- und Snowboardvideos. Ich verkroch mich hinter dem DJ-Pult, von Selbstzweifeln und Selbstmitleid geplagt.

Kurz vor Mitternacht knallte mir Joe eine Wodka-Spezial-Skimischung vor die Nase. Dreifacher Wodka, ein ordentlicher Schuss Limettensaft und ganz viel Zucker, das fährt ordentlich ein. Dem Glanz von Joes Augen nach zu schließen, hatte er sich auch selbst schon einige Gläser davon genehmigt.

»Mit einem herzlichen Gruß von der Bar an den Herrn DJ. Konzentrier dich besser auf die Musik, da haben sich schon einige beschwert. Seit einer Stunde legst du nichts anderes auf als Rockklassiker aus den Siebzigerjahren.«

»Ja, ja, gleich.«

»Was ist überhaupt los mit dir? Das ist eine Abschlussparty und du hängst den ganzen Abend schon so unmotiviert herum.«

»Die Alte macht mich wahnsinnig.«

»Wer?«

»Patrizia. Meine Gruppe. Intersport-Outfit. Riesenarsch.«

»Was?«

»Da bemühe ich mich, gebe alles, fahre mit den Leuten auch noch Extrastunden, und dann kommt so eine Tussi daher und sagt, dass ich Scheiße bin.«

»Es haben doch alle die Prüfung geschafft.«

»Die Lady wollte eine Eins und ich darf das jetzt ausbaden. Ich schenke aber keine Noten her. Wenn ich jetzt schon scheitere mit solchen …«

»Grüble nicht herum, wir feiern eine Party. Ist doch ihr Problem.«

»Sie findet mich inkompetent.«

»Gefällt sie dir?«

»Die? Die ist ein totales Anti-Weib.«

»Dann nimm ihr Feedback genauso ernst, wie sie dir gefällt.«

Ein simpler, im Rausch dahingesagter Satz, aber es waren genau die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt.

»Geh für die Zukunft einfach davon aus, dass du es niemals allen recht machen wirst können«, sagte Joe. »Du hast nur deinen Job gemacht, und das übrigens sehr gut. Prost.«

»Ich hab trotz aller Bemühungen nur Mittelmaß geschafft.«

»Weißt du was, in Wirklichkeit wollte sie bloß mit dir ins Bett, und jetzt ist sie beleidigt, weil du dich nicht für sie interessiert hast.«

»Danke, netter Versuch. Trotzdem ärgert mich die Sache.«

»Lass es nicht an dich heran.«

»Wie meinst du das jetzt?«

»Nicht du als Mensch, als Mike, hast ihr die Note gegeben, sondern du als Skilehrer. Davon gibt es hunderte. Fühl dich nicht als Mensch von ihr beschimpft, sondern als einer von hunderten Skilehrern. Das war bloß die Rolle, die du diese Woche gespielt hast. Jetzt ist die Woche vorbei. Aus. Basta. Du, ich muss wieder auf die Tanzfläche.«

Weg war er.

Rolle, das war das Stichwort. Die Lösung. Rolle, so wie die Rolle eines Schauspielers im Film oder im Theater. Oder auch wie der Clown im Zirkus. Im Skizirkus. Wir alle waren nur Rollenspieler in diesem Zirkus. Joe hatte völlig recht.

In dieser Nacht in Kaprun hörte ich auf, als Skilehrer ich selbst zu sein. Eine Erniedrigung wie die durch Patrizia erlittene durfte mir nicht noch einmal widerfahren. Wie kam ich dazu, mich von den Leuten anschnauzen zu lassen, bloß weil sie mit ihrer eigenen Leistung unzufrieden waren? Wie war ich dazu gekommen, mich von Eva beschimpfen zu lassen, obwohl ich nicht einmal ansatzweise getan hatte, weswegen sie mich beschuldigte?

In Zukunft würde das anders werden. Ich würde endlich die Sau rauslassen. Ich würde mein Skilehrerleben richtig genießen. Endlich die Dinge tun, die mir Mädchen wie Claudia schon lange andichteten. Ich legte eine Zwölf-Minuten-Maxi­single von irgendeinem Achtzigerjahre-Superhit auf und marschierte zu Joe.

»Trinken wir noch eine Spezialmischung?«

»Gute Idee.«

»Ich sage dir etwas. Ab heute wird alles anders. Mich wird nichts mehr berühren, was hier passiert. Egal, ob auf der Piste oder im Hotel. Wenn die Patrizias dieser Welt mich wollen, dann sollen sie mich haben. Ist mir doch scheißegal. Bin ja nicht ich, ist ja bloß meine Rolle.«

»So gefällst du mir schon besser. Am Anfang der Woche schlüpfst du in die Rolle und am Ende der Woche ziehst du das Kostüm wieder aus. Weißt du, was das Beste ist?«

»Nein.«

»Die Rolle kann auf jedem Kurs eine neue sein.«

»Jawohl!« Ich knallte das Glas auf die Theke. »Ab sofort ist es mir völlig egal, wenn mich eine blöde Tussi als Arschloch be­schimpft. Oder wenn irgendeine Tussi glaubt, ich bin ein Arsch­loch, nur weil die Mädchen auf mich fliegen.«

»Genau.«

»Es gibt ja schließlich auch keine Eva mehr, der ich jetzt noch Rechenschaft schuldig wäre. Sie wollen mich haben, die Weiber? Sie sollen mich bekommen. Mit Freuden. Sie sollen sich aber nicht beschweren, wenn es nach dem Kurs keine Liebes­briefe gibt.«

»Dein Ruf ist ja schon ruiniert, also was soll’s.«

Joe grinste.

»Pass bloß auf, dass Claudia das nicht mitbekommt. Die wolltest du doch überzeugen, dass du eben nicht so bist.«

»Bin ja auch nicht ich, ist ja nur meine Rolle. Das muss ich trennen, das wird ja wohl zu machen sein.« Schwankend bestellte ich noch eine Wodka-Spezial-Skimischung.

3

Joe, Manuel und ich wurden zu einer Art Skilehrer-Kleeblatt. Wir waren Anfang bis Mitte zwanzig, also in einem Alter, in dem der Mensch viel Alkohol und Schlafentzug gut verkraftet. Wir konnten eine Nacht lang auf Achse und am nächsten Tag trotzdem voll leistungsfähig sein, und das eine Woche lang. Heute, mit knapp vierzig, wäre ich zu so etwas nicht mehr in der Lage. Damals aber war es keine Frage von Können oder Nichtkönnen. Wir taten es ganz einfach. Wir waren fit, unsere Körper bauten den Alkohol in Rekordzeit ab. Wir konnten auch komplexe Probleme in Windeseile lösen. Probleme ergaben sich natürlich vor allem auf der Flirt-, Sex- und Liebesebene.

Wir drei waren die Motiviertesten auf den USI-Partys, die wir als Skilehrer mitorganisierten und betreuten. Wir hätten es mit jedem Animateur in einem tropischen Fünf-Sterne-Ferien­club aufnehmen können. Manuel, Joe und ich waren bald ein eingespieltes Team. Wegen der abendlichen Theorie-Referate begannen unsere Partys selten vor 22.00 Uhr. Es war daher wichtig, in relativ kurzer Zeit für gute Stimmung zu sorgen.

Wir hatten dafür eine bestens funktionierende Arbeits­teilung. Einer übernahm die Musik, einer schenkte die Ge­tränke aus und der dritte bewegte sich in der Menge. Um keine wertvolle Zeit mit langwierigem Animieren zu vergeuden, setzten wir ein paar Akzente. Zum Beispiel unseren Auftritt. Wir kamen nicht einfach bloß auf die Party, wir erschienen dort.

Irgendein Skilehrer-Kollege machte den Anfang und arbeitete bereits hinter der Bar. Zu diesem Zeitpunkt war der Partykeller noch hell erleuchtet. Der Kollege hinter der Bar wartete, bis etwa vierzig Leute da waren, und gab uns dann ein Zeichen. Jetzt kamen Manuel, Joe und ich die Stiegen hinunter, mit einer extremen Lässigkeit, die dennoch einen enormen Tatendrang versprühte. Gleichzeitig lief der Kollege von der Bar schnell zur Musik, legte einen Superhit auf und drehte die Musik bis zum Anschlag auf. Genau in dem Moment, in dem die Musik lauter wurde, wurde es fast ganz dunkel. Das musste perfekt getimt sein und dann konnte die Party richtig beginnen.

Für solche Inszenierungen war es natürlich notwendig, ein paar »Hymnen«

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