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Schneeflockenherzen

Inhalt

  1. Über dieses Buch
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1. Kapitel
  6. 2. Kapitel
  7. 3. Kapitel
  8. 4. Kapitel
  9. 5. Kapitel
  10. 6. Kapitel
  11. 7. Kapitel
  12. 8. Kapitel
  13. 9. Kapitel
  14. 10. Kapitel
  15. 11. Kapitel
  16. 12. Kapitel
  17. 13. Kapitel
  18. 14. Kapitel
  19. 15. Kapitel
  20. 16. Kapitel
  21. 17. Kapitel
  22. 18. Kapitel
  23. 19. Kapitel
  24. 20. Kapitel
  25. 21. Kapitel
  26. 22. Kapitel
  27. 23. Kapitel
  28. 24. Kapitel
  29. 25. Kapitel
  30. Epilog

Über dieses Buch

Nina ist aufgeregt: Zum ersten Mal wird ihr Freund Marco auf ihre Familie treffen – und das auch noch im gemeinsamen Winterurlaub. Denn in einem kleinen verschneiten Bergdorf nahe der Alpen feiern sie und ihre Familie jedes Jahr Weihnachten und Silvester. Mit Feuereifer stürzt sich die verliebte Nina in die Vorbereitungen, denn der Urlaub muss einfach perfekt werden.

Doch alles geht schief: Nina bricht sich bei der Jagd nach dem perfekten Weihnachtsbaum den Arm und ist bei den Festvorbereitungen auf die Hilfe ihres mürrischen Nachbarn Paul angewiesen. Dann steht auch noch Oma Karla vor der Tür und verkündet, sie habe die Nase voll von Opa. Ninas Schwester Katja führt erbitterte Grundsatzdebatten mit ihrem Mann. Und Marco meldet sich nur sehr sporadisch von seiner vorweihnachtlichen Geschäftsreise. Wird der Winterurlaub ein Reinfall?

Über die Autorin

Elaine Winter ist ein Pseudonym der Autorin Ira Severin, die schon als Kind gerne Geschichten erfunden hat. Sie studierte Germanistik und Anglistik, probierte sich in verschiedenen Jobs in der Medienbranche aus und kehrte bald zum Geschichten erfinden zurück. Inzwischen ist sie seit mehr als zwanzig Jahren Autorin und hat den Spaß am Erdenken schicksalhafter Wendungen und romantischer Begegnungen bis heute nicht verloren. »Schneeflockenherzen« ist ihr vierter Liebesroman bei beHEARTBEAT.

Elaine Winter

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1. Kapitel

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Nina

Die Melodie von Whams Megahit »Last Chistmas” füllte den Innenraum meines kleinen Autos bis unter das Dach. Nach der ersten Textzeile des Refrains stellte ich hastig einen anderen Sender ein. Hier weihnachtete es ebenfalls sehr. Ein paar muntere Sängerinnen kündigten Santa Claus’ baldige Ankunft in der Stadt an. Das gefiel mir deutlich besser. Wer wollte schon hören, dass ein zu Weihnachten verschenktes Herz am nächsten Tag weitergegeben wurde? Ich jedenfalls nicht. Ich schwebte auf Wolke sieben, denn vor mir lagen das wunderbarste Weihnachtsfest, die fröhlichste Silvesterfeier und überhaupt der schönste Winter meines Lebens. Vielleicht abgesehen von dem Jahr, in dem Katja und ich mit unseren Eltern zum allerersten Mal die Weihnachtsferien in unserem neu erstandenen Ferienhaus in Alptal verbracht haben.

Das einsam gelegene Haus im Alpenvorland war für uns Kinder damals so was wie ein verzauberter Ort. Der Schnee lag fast einen Meter hoch, funkelte in der Sonne und wurde nicht innerhalb kürzester Zeit von den Schuhen zahlloser Menschen in grauen Matsch verwandelt, wie wir es aus München gewohnt waren. Direkt vor unserer Haustür gab es einen Hang zum Rodeln, an dessen Fuß ein endloser Tannenwald begann, der sich über mehrere weitere Hügel erstreckte. Wir konnten Ski und Schlitten fahren, Schneeengel machen und Schneemänner bauen, und zwischendurch wärmten wir uns drinnen bei heißer Schokolade auf, die unsere Mutter immer literweise für uns kochte.

Jeden Tag standen meine Schwester und ich stundenlang auf unseren Skiern, die wir zu Weihnachten bekommen hatten, und erkundeten die Umgebung. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, was ich damals, mit acht Jahren, längst geahnt hatte: Katja war ohne jeden Zweifel die Sportliche von uns beiden. Sie glitt über den Schnee, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan. Ich dagegen umarmte kreischend jeden zweiten Baum, der mir begegnete. Zwischendurch kippte ich in regelmäßigen Abständen um und brauchte ewig, um mich wieder hochzurappeln. Trotzdem hatte ich Spaß am Skilaufen. Inzwischen konnte ich es natürlich besser, aber Katja würde ich in der Hinsicht nie das Wasser reichen können. Damit, dass ich beim Wintersport, so wie in fast allen Disziplinen des Alltags, immer noch die Tollpatschige war, musste ich mich eben abfinden.

Marco fand meine Ungeschicklichkeit süß. Bis auf das eine Mal, als ich ihm Kaffee über die nagelneuen Designerjeans geschüttet hatte. Der Kaffee war zwar nicht mehr heiß, und die Flecken bekam ich auch wieder raus, aber er musste einen halben Tag lang mit einem Riesenfleck auf dem rechten Hosenbein herumlaufen.

Selbst wenn ich kein Champion auf den Brettern war, konnte ich unbesorgt mit Marco Ski laufen. Er würde fröhlich lachen und mir wieder hochhelfen, wenn ich ab und zu im Schnee landete. Ich würde ihm die Landschaft zeigen, und zwischendurch würden wir immer wieder anhalten und uns küssen. Wenn wir wieder nach Hause kamen, könnten wir uns Tee machen oder heiße Schokolade mit Sahne.

»Mist!«, fluchte ich, als auf der Windschutzscheibe ein großer Wassertropfen zerplatzte. Dabei klingelten im Radio gerade musikalisch die Schlittenglöckchen. Und der Wetterbericht hatte Schnee angesagt. Was sollte das denn jetzt?

Zum Glück war bis Weihnachten noch eine ganze Woche Zeit. Bisher hatten wir in den knapp zwanzig Jahren, die unserer Familie das Haus in Alptal nun gehörte, nur ein einziges Mal keinen Schnee gehabt. Das durfte sich nicht ausgerechnet in diesem Jahr wiederholen. Schließlich hatte ich Marco wochenlang vom Schnee und vom Skilaufen und der klaren, eisigen Luft am Rand der Alpen vorgeschwärmt.

Während ich das Lied vom Winterwunderland mitsummte und mir dabei vorstellte, wie ich Hand in Hand mit Marco im Schnee spazieren gehen würde, schaltete ich die Scheibenwischer ein. Ich war wild entschlossen, das wunderbarste Weihnachtsfest aller Zeiten vorzubereiten. Und da gehörte Schnee einfach dazu. Also würden wir Schnee haben. Basta!

Als mein Handy sich meldete und ich ein Foto von Katjas fröhlichem Gesicht auf dem Display sah, drückte ich lächelnd auf die Annahmetaste der Freisprechanlage. »Hallo, Schwesterherz. Schön, dass du dich meldest. Ich bin schon unterwegs nach Alptal, und blöderweise regnet es in Strömen. Na ja, aber aus Regen kann ja auch ganz schnell Schnee werden, stimmt’s?«

»Nicht dass der Regen gefriert.« Katja klang alarmiert, und ich wusste sofort, woran sie in diesem Moment dachte, und beruhigte sie.

»Nein, nein! Es sind bestimmt fünf Grad über null oder so.« Falls es tatsächlich so war, machte das meine eigene Hoffnung zunichte, dass die Regentropfen sich quasi auf der Stelle in Schneeflocken verwandeln könnten. Aber ich kannte die Angst nur zu gut, die Katja wohl ihr Leben lang nicht loslassen würde. Wenn ich selbst im Auto saß, war es nicht schlimm. Sobald jemand unterwegs war, der mir am Herzen lag, löste jede Glatteismeldung eine mehr oder weniger heftige Panikattacke bei mir aus.

»Fahr trotzdem vorsichtig!«

»Ich passe auf und schicke dir eine Nachricht, wenn ich angekommen bin. Und gleich anschließend mache ich eine Einkaufsliste mit allen Sachen, die wir zum Plätzchenbacken brauchen. Morgen früh fahre ich zum Supermarkt, besorge alle Zutaten und fange schon mal mit dem Backen an.«

»Aber nicht alles allein machen!«

»Keine Sorge, das schaffe ich gar nicht ohne dich. Dieses Jahr brauchen wir mindestens zehn oder zwölf Sorten Plätzchen, und das Haus muss einfach bombastisch geschmückt werden. Also sieh zu, dass du so schnell wie möglich nachkommst. Am besten schon morgen.«

»Ich habe erst ab übermorgen Urlaub. Und dann muss ich ja noch packen. Aber übermorgen Abend könnte ich da sein. Dann haben wir immer noch fast eine Woche Zeit für die Vorbereitungen. Patrick kann aber leider erst am Vierundzwanzigsten kommen.«

Seit Katja im vergangenen Mai geheiratet hatte und mit ihrem Mann von München nach Düsseldorf gezogen war, fehlte sie mir schrecklich. Deshalb waren Weihnachten und der Jahreswechsel, die wir wie immer gemeinsam verbringen würden, dieses Mal besonders wichtig für mich. Und je eher diese Zeit begann, desto besser.

»Und wann kommt dein neuer Freund? Eigentlich brauchen wir ja keine Männer beim Backen, Schmücken und Planen. Oder?«

»Marco ist noch in London, wichtige Geschäfte«, berichtete ich. »Er kommt auch erst an Heiligabend. Ich freue mich so, dass du ihn endlich kennenlernst.«

»Ich bin schon sehr gespannt auf den Wunderknaben.«

»Das kannst du auch sein. Marco ist mein absoluter Mister Right. Endlich!« Ich stieß einen sehnsüchtigen Seufzer hervor und dachte an den Traummann, dem ich nach all den treulosen, unentschlossenen oder schlichtweg vollkommen unpassenden Typen schließlich begegnet war.

»Das hast du bei Thorsten auch geglaubt, und der war wirklich …«

»Thorsten ist Vergangenheit, und ich habe aus meinen Fehlern gelernt«, unterbrach ich Katja hastig.

Aus irgendeinem Grund war ich bisher ständig an Typen geraten, die mir das Blaue vom Himmel versprachen, um mich in ihr Bett zu bekommen, und so gut wie nichts von ihren Versprechungen hielten. Auch mein Ex Thorsten gehörte dazu.

Thorstens Vorgänger Andreas, der Banker, war nach ein paar traumhaften Wochen von jetzt auf gleich aus meinem Leben verschwunden. Plötzlich konnte ich ihn telefonisch nicht mehr erreichen, und als ich in meiner Not bei ihm im Büro auftauchte, ließ er sich von seiner Sekretärin verleugnen.

»Mit Marco bin ich schon seit vier Monaten zusammen, und er ist jedes Mal, wenn wir uns treffen, absolut aufmerksam und zärtlich und … eben einfach toll.«

Jetzt war es Katja, die seufzte. Und das klang kein bisschen sehnsüchtig wie bei mir, sondern wie einer ihrer typischen Große-Schwester-Seufzer. »Ich hoffe wirklich, dass es dieses Mal der Richtige für dich ist, Süße. Ein Kerl, der dich auf Händen trägt und nicht alle Rekorde im Kurzstreckenlauf bricht, sobald von Zukunftsplänen die Rede ist.«

»Marco würde doch wohl nicht mit meiner Familie Weihnachten feiern, wenn es ihm nicht ernst wäre!«

»Und was ist mit seiner Familie?« Katja war einfach zu misstrauisch.

»Seine Eltern leben irgendwo im Süden. In Spanien oder Italien oder so. Er hat kaum Kontakt mit ihnen.«

»Und seine Freunde? Wie verstehst du dich mit denen?«

»Das kann ich noch nicht beurteilen. Wir waren beide in den letzten Wochen beruflich sehr eingespannt. Wenn wir mal Zeit hatten, haben wir die am liebsten allein verbracht«, erklärte ich und hoffte, dass ich ihre Zweifel damit fürs Erste beseitigt hatte.

Dass Marco und ich bisher nicht mal eine Gelegenheit gefunden hatten, uns gegenseitig unsere Freunde vorzustellen, musste Katja nicht unbedingt wissen. Sie war einfach nicht davon abzubringen, mich vor den falschen Männern beschützen zu wollen. Obwohl sie inzwischen Hunderte von Kilometern entfernt wohnte, versuchte sie es immer noch.

»Ich werde die Zeit, bis du kommst, auf jeden Fall nutzen und schon mal mit den Vorbereitungen anfangen«, wechselte ich das Thema. »Es gibt so viel zu tun. Schließlich sollen es das schönste Weihnachtsfest und die tollste Silvesterparty aller Zeiten werden.«

»Du bist die Beste. Ich komme so bald wie möglich und helfe dir. Aber jetzt muss ich los. Meine Pause ist vorbei. Küsschen, Kleine.«

»Küsschen, Große.« Nachdem wir aufgelegt hatten, fuhr ich wieder etwas schneller.

Plötzlich konnte ich es kaum erwarten, unser Ferienhaus zu erreichen. Dort fühlte ich mich meinen Eltern, die seit fast zehn Jahren tot waren, immer noch sehr nahe. In dem urigen Haus hatten wir fast all unsere Schulferien und sämtliche Weihnachts- und Osterfeiertage verbracht. Immer war es eine intensive Zeit gewesen. Wir hatten Ausflüge unternommen, uns gegenseitig aus unseren Lieblingsbüchern vorgelesen, Mensch ärgere dich nicht und Monopoly gespielt, zusammen gekocht und gebacken, gemalt und gebastelt.

Inzwischen schaffte ich es meistens, die anderthalb Stunden von München nach Alptal zu fahren, ohne allzu traurig zu werden. Während der ersten Jahre hatte ich oft anhalten müssen, weil ich vor lauter Tränen nichts mehr sehen konnte.

Bis heute fuhren weder Katja noch ich jemals die Straße entlang, auf der es passiert war. Auch wenn der Weg mindestens zehn Minuten länger dauerte: Er führte dafür nicht an der alten Eiche vorbei, an deren knorrigem Stamm wahrscheinlich immer noch die tiefe Kerbe zu sehen war, die die Motorhaube des schweren Wagens hinterlassen hatte. Bei beginnendem Glatteis hatte unser Vater die Kontrolle über den Wagen verloren und war frontal gegen diesen Baum gekracht.

Katja und ich waren in dem Jahr schon vormittags in Katjas Wagen nach Alptal vorgefahren. Sie hatte seit ein paar Monaten den Führerschein und weigerte sich seitdem, ohne den kleinen italienischen Flitzer, den sie zum Abitur bekommen hatte, irgendwohin zu fahren. Sie musste mobil sein, betonte sie bei jeder Gelegenheit. Sonst hätten wir an jenem Abend im Dezember auch mit im Wagen gesessen.

So aber hängten wir schon überall im Ferienhaus Weihnachtsschmuck auf und scherzten dabei über unsere Eltern, die es mal wieder nicht geschafft hatten, pünktlich Feierabend zu machen. Bis es klingelte und zwei Polizisten uns die schreckliche Nachricht überbrachten, dass Mama und Papa nie wieder durch die Tür kommen würden, um hier mit uns Weihnachten zu feiern.

Ich drosselte die Geschwindigkeit und kniff die Augen zusammen, um im strömenden Regen besser sehen zu können. Die schmale Straße schlängelte sich durch die immer hügeliger werdende Landschaft. Zu meiner Linken schimmerte das Wasser des Tegernsees durch die Bäume, und ringsum erhoben sich die Berge, die in der beginnenden Dämmerung seltsam nah erschienen. Es ging hier steil aufwärts, und schon bald hatte ich den See hinter mir gelassen.

Plötzlich schimmerte an einigen Stellen der Asphalt wie mit Zuckerguss überzogen. Vor einer engen Kurve bremste ich vorsichtig und stellte fest, dass der Wagen schon bei diesem langsamen Tempo ins Rutschen geriet. Jetzt fuhr ich nur noch im Schritttempo. Meine Schultern und Arme schmerzten vor Anspannung, und die Angst kroch mir mit eisigen Fingern den Rücken hinauf.

Nach einer kleinen Ewigkeit – in Wahrheit war es höchstens eine halbe Stunde gewesen – erreichte ich die lang gezogene Senke, in der unser Haus lag. Offiziell gehörte es zu dem winzigen Dorf Alptal, welches aus genau fünf Gehöften bestand, die knapp zwei Kilometer weiter im nächsten Tal lagen. »Unsere« Senke teilten wir uns mit nur einem weiteren Haus, dem der Schneiders. Sie hatten dort schon gewohnt, als wir zum allerersten Mal hierhergekommen waren.

Im Gegensatz zu uns wohnten Magda und Klaus Schneider das ganze Jahr über hier. Sie hatten sich das Haus neben unserem als Altersruhesitz gekauft und sehr liebevoll hergerichtet. Inzwischen mussten sie beide über achtzig sein, waren aber immer noch erstaunlich fit.

Erleichtert, dass ich auf der spiegelglatten Straße heile angekommen war, parkte ich meinen Wagen in der Auffahrt seitlich von der kleinen Treppe, die zu unserem Haus hinaufführte. Die kahlen Äste der Büsche im Vorgarten auf der anderen Seite der Stufen funkelten im letzten Tageslicht. Auch sie waren von einer dünnen Eisschicht überzogen.

Wie versprochen schickte ich Katja eine kurze Nachricht, dass ich Alptal erreicht hatte. Während ich mein Smartphone in die Manteltasche steckte und die große Handtasche vom Beifahrersitz nahm, beschloss ich, als Erstes die Heizung bis zum Anschlag hochzudrehen, ein paar Kerzen anzuzünden und mir eine große Kanne Tee zu machen.

Wie immer, wenn ich unser Haus in den Bergen mit dem tiefgezogenen Dach, dem ringsum laufenden Balkon und den grün gestrichenen Fensterläden nach längerer Zeit wiedersah, machten sich gleichzeitig Freude und Wehmut in mir breit. Eine Weile starrte ich das Holzschild über der Haustür an und musste lächeln. Es war so groß, dass ich es selbst in der inzwischen hereingebrochenen Dämmerung gut erkennen konnte.

Schon während unseres ersten Urlaubs hier hatten Katja und ich in seltener Eintracht beschlossen, dass unser wunderbares Ferienhaus einen Namen bekommen musste. Unsere Eltern unterstützten diese Idee grundsätzlich und überließen uns Kindern die Wahl des Namens.

Ich schlug »Villa Kunterbunt« oder »Snoopy« vor, Katja wollte das Haus unbedingt nach Ricky Martin taufen, für den sie schwärmte. Wir stritten uns lange und lautstark. Schließlich sprach Papa ein Machtwort. Er würde dem Haus einen Namen geben, und es sollte eine Überraschung für uns sein. Nur Mama wurde eingeweiht.

Katja und ich widersprachen aus Prinzip und stritten eifrig weiter, ob nun »Ricky« oder »Snoopy«. Dann wurde eine große Holztafel geliefert, auf der mit geschwungenen Buchstaben Katina zu lesen war. Unsere Eltern hatten unsere beiden Namen zusammengefügt, und so hieß nun unser Ferienhaus.

Plötzlich konnte ich es kaum noch erwarten, ins Haus zu kommen. Ich stieß die Wagentür auf und schwang meine Beine nach draußen. Es war so glatt, dass ich um ein Haar hingefallen wäre, wenn ich mich nicht im letzten Moment am Auto festgeklammert hätte. Aber ich lachte nur, denn das bedeutete nichts anderes als Schnee zu Weihnachten.

Ächzend zerrte ich mein Gepäck aus dem Kofferraum und wuchtete die beiden großen Koffer die drei Stufen zur Haustür hinauf. Weil ich mich zu Haus wieder mal nicht hatte entscheiden können, schleppte ich meinen halben Kleiderschrank mit mir herum. Und natürlich eine großzügige Auswahl aus dem Schuhschrank. Ich wollte, dass Marco mich umwerfend fand. Er sollte mich tagsüber mit den Augen auffressen und es abends kaum erwarten können, mir meine wunderschönen Klamotten vom Leibe zu reißen.

Mit klammen Fingern zog ich den Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Tür und stieß sie weit auf. Höchst konzentriert schob ich mit dem Fuß erst den einen, dann den anderen Koffer über die Schwelle. Einem zufälligen Beobachter hätte ich mit meinen voluminösen Gepäckstücken eine tolle Show geboten. Erst recht, wenn er gewusst hätte, dass ich nur bis zum Tag nach Neujahr, also knapp zwei Wochen bleiben wollte. Aber ich hatte noch nie zu den Leuten gehört, die mit einem winzigen Täschchen auf Weltreise gehen konnten. Und schließlich ging es darum, für die Liebe meines Lebens eine Augenweide zu sein.

Die Luft im Flur war fast so eisig wie draußen. Nachdem ich die Deckenlampe angeknipst hatte, sah ich mich noch immer angestrengt nach Luft schnappend um. Ich liebte meine kleine Münchner Wohnung in der Nähe des Englischen Gartens. Und doch war es jedes Mal, als würde ich nach langer Zeit zurück nach Hause kommen, wenn ich Katina betrat.

Das Klirren, mit dem mein Schlüsselbund mit dem kleinen silbernen Schutzengel daran in die Keramikschale auf dem Dielenschränkchen fiel, klang wie eine Begrüßung. Der Schutzengel mit dem funkelnden roten Steinchen auf der Brust hatte meiner Mutter gehört. Als der Unfall passierte, hatte sie ihn nicht bei sich gehabt. Dafür trug ich ihn jetzt immer mit mir herum.

Noch im Mantel eilte ich zum Heizungsschalter und drehte die Temperatur von zwölf auf satte vierundzwanzig Grad hoch. Ich wollte es warm und kuschelig haben.

Abwartend stand ich vor dem kleinen Display und hoffte, dass die stilisierte Flamme erschien, die das Anspringen der Gasheizung anzeigte. Als nach einer guten Minute immer noch nichts passiert war, wurde ich unruhig. Bitte nicht! Die Heizungsanlage im Keller war fast zehn Jahre alt, hatte aber bisher nie gemuckst. Sie würde doch nicht ausgerechnet jetzt anfangen, Ärger zu machen?

Kurzfristig kam mir die Weihnachtsstimmung abhanden. Ich atmete tief durch, nahm die Taschenlampe aus der Schublade des Dielenschranks und machte mich entschlossen auf den Weg in den Keller. Dabei sang ich »Leise rieselt der Schnee«. Schließlich hatte ich mich eben noch darüber gefreut, dass es draußen fror, denn eisige Kälte war die Voraussetzung für eine weiße Weihnacht. Kuschelige Wärme im Haus brauchte ich aber auch, um mich über die funkelnde Pracht draußen zu freuen.

Wahrscheinlich musste ich einfach nur die Flamme des Gasbrenners wieder anzünden, und in einer halben Stunde würde es im ganzen Haus mollig warm sein.

Dreißig Minuten später saß ich immer noch nicht wie geplant mit einer heißen Tasse Tee gemütlich im Wohnzimmer. Stattdessen stand ich vollkommen teelos und halb erfroren im Keller, drückte zum x-ten Mal die Reset-Taste der Heizungsanlage und richtete anschließend den Lichtkegel der Taschenlampe auf die kleine quadratische Öffnung. Immer noch alles schwarz. Eigentlich sollte dort die Gasflamme brennen. Schließlich gab ich auf.

Ich musste versuchen, irgendeinen Installateur in der Nähe zu erreichen. Obwohl es inzwischen deutlich nach Feierabend war, konnte er mich ja schlecht erfrieren lassen.

In dem uralten Notizbüchlein im Wohnzimmer fand ich die Nummer eines Gas- und Wasserinstallateurs. Von Handwerkernummern über die Adresse der nächsten Apotheke bis hin zu Grillrezepten für den Sommer hatte Mama in dieser kleinen Kladde alles notiert, was mit unseren Ferien in diesem Haus zu tun hatte.

Katja und ich hüteten das Notizbuch wie einen Schatz, und wieder einmal zeigte sich, dass es tatsächlich einer war.

Ich wählte auf meinem Handy die Ziffern, die Mama in ihrer großzügigen Schrift notiert hatte, und wartete ziemlich lange, bis sich eine brummige Männerstimme meldete.

»Guten Abend«, grüßte ich höflich. »Hier ist Nina Martens. Ich bin gerade in unserem Ferienhaus angekommen, und die Heizung geht nicht.«

»Aha«, brummte der Mann nicht sonderlich interessiert am anderen Ende der Leitung.

»Könnten Sie bitte kommen?« Der Handwerker musste doch begreifen, dass bei diesen Temperaturen mein Schicksal vollkommen in seinen Händen lag.

»Wann haben Sie die Heizung zuletzt reinigen und warten lassen?«, erkundigte sich mein Gesprächspartner streng.

»Ich weiß nicht … Vorletztes Jahr oder so. Darum kümmert sich meistens meine Schwester, und die ist noch nicht da. Könnten Sie nicht schnell …«

»Ich kann weder schnell noch überhaupt.«

»Aber was soll ich denn tun? Die Flamme brennt nicht, und es ist schrecklich kalt im Haus. Sie müssen mir helfen!«

»Ich bin vor drei Jahren in Rente gegangen und habe den Betrieb aufgegeben«, teilte der Mann am Telefon mir mit. »Mein Werkzeug und alle Ersatzteile, die ich noch hatte, habe ich verschenkt oder verkauft.« Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich insgeheim freute, mir diese Mitteilung machen zu können. Immerhin musste er sich nicht ins Auto setzen und durch die eisige Nacht zu mir fahren.

»Könnten Sie mir dann bitte einen Ihrer Kollegen nennen, der …« Ein kurzes Tuten in der Leitung informierte mich darüber, dass mein Nicht-Retter-in-der-Not aufgelegt hatte.

Ein Installateur mit einem noch weiteren Anfahrtsweg würde sich garantiert heute Abend nicht mehr auf den Weg machen, falls ich überhaupt noch einen telefonisch erreichte. Mit Grausen erinnerte ich mich an meine kaputte Waschmaschine im Herbst. Es hatte mich zwei Urlaubstage und ein halbes Dutzend Anrufe gekostet, bis der mehrmals angekündigte Installateur dann auch tatsächlich vor meiner Tür stand. Und das in München, wo es Hunderte von Handwerksfirmen gab.

Die Schneiders! Sie kannten garantiert einen zuverlässigen Installateur, der morgen dann auch tatsächlich auftauchte und die Heizung zum Laufen brachte. Und heute würden sie mich einladen, die Nacht in ihrem kuschlig warmen, weihnachtlich geschmückten Haus zu verbringen.

Ich schnappte mir den kleineren meiner beiden Koffer, löschte das Licht, schloss die Haustür hinter mir ab und schlitterte – gehen konnte man das nicht nennen – die glatte Straße entlang zum Nachbarhaus. Zwischen unseren Grundstücken lag Brachland. Hier blühte im Sommer eine herrliche Bergwiese. Jetzt waren die Gräser von Raureif überzogen, bildeten bizarre Muster und funkelten im schwachen Licht.

Das sah zwar schön aus, aber ich hoffte trotzdem inständig, dass die Wiese morgen unter einer dicken Schneedecke lag. Positives Denken half ja angeblich. Vor lauter Wunschdenken vergaß ich das Glatteis unter meinen Füßen und landete mit einem unterdrückten Aufschrei direkt vor den Stufen zu Schneiders Haustür auf dem Po.

Wieso passierte das ständig mir! Schon als Kind war Katja neben mir wie eine Elfe über spiegelglatte Bürgersteige geschwebt, während ich mich bei jedem Schritt an Zäunen oder Laternenpfählen festklammerte und trotzdem dauernd hinfiel.

Mühsam rappelte ich mich hoch und sammelte meinen Koffer wieder ein, der sich selbstständig gemacht hatte und ein Stück zurückgerutscht war. Dabei rieb ich mein geschundenes Hinterteil und betrachtete das Haus der Schneiders.

Im Wintergarten, den Tante Magda und Onkel Klaus vor fünf Jahren hatten anbauen lassen, brannte Licht. Es war aber niemand zu sehen. Nicht mal die üppigen Kübelpflanzen, die Magdas ganzer Stolz waren. Und wieso war die Tanne vor dem Haus nicht wie sonst mit elektrischen Lämpchen und goldenen Kugeln geschmückt?

Ich stieg die Treppe zur Haustür hoch und klammerte mich dabei mit meiner freien Hand am Geländer fest. Als ich vor der Tür stand, sah ich, dass der schöne Adventskranz, der sonst immer dort hing, auch fehlte.

Durch das kleine Fenster neben der Tür konnte ich in die Diele sehen. Auch hier war kein Weihnachtsschmuck zu erkennen. Ob die arme Magda krank war? Seit Wochen ging eine schlimme Grippe um. Vielleicht hatte es sie erwischt.

Ich atmete tief durch. Aus welchem Grund auch immer die Schneiders ihr Haus in diesem Jahr nicht dekoriert hatten – ich würde ihnen helfen. Und außerdem natürlich Hühnersuppe und Tee kochen, damit die lieben alten Leute bis Weihnachten wieder auf den Beinen waren. Endlich konnte ich mich für all die wunderbaren Eisbecher und Schokoladenkuchen revanchieren, mit denen Tante Magda uns im Laufe der Jahre verwöhnt hatte.

Schon wieder im Weihnachtsmodus, drückte ich energisch auf die Klingel. Während ich wartete, summte ich »Let it snow« vor mich hin und sah dabei beschwörend hinauf zum Himmel. Es hatte aufgehört zu regnen, aber weit und breit war kein Schneeflöckchen zu sehen.

Als sich drinnen im Haus Schritte näherten, verzog sich mein Mund automatisch zu einem strahlenden Lächeln. Ich freute mich jedes Mal, wenn ich die Schneiders wiedersah. Wegen der alten Zeiten und weil ich sie wirklich gernhatte.

»Hallo! Da bin ich, Weihnachten kann kommen«, rief ich, während die Tür langsam aufschwang.

Als sie ganz offen war, starrte ich verblüfft in ein Männergesicht mit modischem Drei-Tage-Bart, dunklen Augen und mit Lippen, die wahrscheinlich fantastisch aussahen, wenn sie lächelten. Jetzt wirkten sie allerdings etwas verkniffen, als wäre ich kein willkommener Gast, sondern eine lästige Störung.

Ich legte den Kopf in den Nacken und erwiderte ungerührt den strengen Blick, mit dem der Fremde mich musterte.

»Hallo. Ich wollte zu Magda und Klaus. Sind Sie Ihr Neffe Lukas? Die beiden haben mir schon viel von Ihnen erzählt, aber bis jetzt sind wir uns leider nie begegnet. Ich bin Nina Martens und wohne nebenan. Das heißt, die meiste Zeit des Jahres lebe ich in München. Meiner Familie gehört das Ferienhaus auf der anderen Seite der Wiese und …«

Ich stockte, als mir bewusst wurde, dass ich einen meiner berüchtigten Monologe hielt. Das passierte mir oft, wenn ich unsicher war. Und der genervte Gesichtsausdruck des Mannes, der groß und breitschultrig in Magdas und Klaus’ Tür lehnte, verunsicherte mich ziemlich.

»Darf ich reinkommen?«, erkundigte ich mich nach einer kurzen Pause, weil der Fremde sich immer noch nicht an die elementarsten Regeln der Höflichkeit erinnerte und keine Anstalten machte, mich ins Haus zu bitten.

Ich griff nach meinem Koffer und setzte einen Fuß auf die Schwelle.

»Wollen Sie hier einziehen?«, fragte der Fremde mit unverhohlenem Entsetzen in der Stimme.

»Nur für eine Nacht«, beruhigte ich ihn.

»Und was ist in dem riesigen Koffer?«

»Hauptsächlich Schuhe. High Heels.«

»High Heels?« Der arme Mann klang ein wenig entsetzt.

»Ich weiß, es ist etwas verrückt, weil ich mit hohen Absätzen auf den holprigen Wegen hier in der Gegend nicht weit komme. Aber ich trage sie drinnen. Zu Weihnachten und zu Silvester und an den Tagen dazwischen auch.« Wieso musste ich mich eigentlich vor einem Fremden für meinen Schuhtick rechtfertigen? Ich konnte schließlich mit mir herumtragen, was ich wollte. Es gab Leute, die schleppten noch weitaus absurdere Dinge mit sich herum als zehn Paar Schuhe für einen gut zweiwöchigen Urlaub.

»Nicht in diesem Haus. Tut mir leid.«

»Ich lasse sie im Koffer«, erklärte ich verzweifelt. »Aber da sind auch meine Sachen für die Übernachtung drin, deshalb habe ich ihn mitgebracht.«

»Sie können hier nicht übernachten. Ich kenne Sie doch gar nicht.« Er machte immer noch keine Anstalten, mich endlich ins Haus zu lassen.

2. Kapitel

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Paul

Die sehr hübsche, aber ziemlich durchgeknallte Frau vor der Haustür machte den Mund auf und wieder zu, ohne einen Ton herauszubringen. Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, weil es mir tatsächlich gelungen war, sie zum Schweigen zu bringen.

Sie schnappte nach Luft, stellte sich auf die Zehenspitzen, versuchte, über meine linke Schulter hinweg einen Blick in die erleuchtete Diele zu werfen und rief dann mit lauter Stimme: »Magda? Klaus? Seid ihr da? Könnt ihr dem Mann hier sagen, dass wir uns schon sehr lange kennen? Er will mich nicht reinlassen.«

»Hören Sie …«, fing ich an, doch solange man keinen Klebestreifen zur Hand hatte, war es offenbar fast unmöglich, diese Frau ruhigzustellen.

»Was ist mit den beiden?« Ihre dunkelblauen Augen waren plötzlich fast schwarz. »Haben Sie etwas damit zu tun, dass hier zum ersten Mal seit … seit … immer kein Weihnachtsschmuck hängt?«

»Ich fürchte, ja. Weihnachtsklimbim ist nicht so mein Ding.« Mittlerweile hatte ich ein bisschen Mitleid mit meinem ungebetenen Gast. Nina Martens störte mich mitten in einer produktiven Phase. Solche Momente waren zurzeit nicht gerade häufig, und eigentlich konnte ich es mir nicht leisten, in der Kälte zu stehen und mir ihre Monologe anzuhören.

Sie schien noch nicht über die Schneiders Bescheid zu wissen. Offenbar hatte sie die alten Leute gern. Deshalb wäre es wohl nicht besonders freundlich gewesen, ihr die traurige Wahrheit vor der Haustür mitzuteilen.

Ich unterdrückte einen tiefen Seufzer, trat zur Seite und forderte sie mit einer Handbewegung zum Eintreten auf. Erstaunlicherweise sagte sie kein einziges Wort, während sie ihren Koffer in die Diele zerrte. Dort blieb sie stehen und sah sich mit zusammengekniffenen Augen um. »Was ist hier los?«

Ich schloss die Tür hinter ihr und betrachtete sie jetzt auch leicht verwirrt. An der Rückseite ihres hellen, knielangen Rocks prangte ein großer, nasser Fleck.

»Sind Sie hingefallen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Es ist glatt draußen.«

Ich sparte mir die Bemerkung, dass sie mit vernünftigen Schuhen wahrscheinlich kein Problem gehabt hätte. Die High Heels trug sie nicht nur im Koffer mit sich herum. Ihre hübschen Beine steckten in halbhohen Stiefeln mit Absätzen, die bestens als Waffen geeignet gewesen wären.

»Wo sind denn nun die Schneiders? Ich bin gerade aus München angekommen und möchte sie gerne begrüßen.« Sie schaute sich in der kleinen Diele um, als würde sie sich fragen, ob ich das alte Ehepaar in die große Holztruhe gesteckt oder hinter den Jacken an die Garderobe gehängt hatte.

»Nicht da. Und ich habe nicht sonderlich viel Zeit«, erklärte ich nach einem demonstrativen Blick auf meine Armbanduhr.

Allerdings war längst klar, dass der unerwartete Besuch dieser merkwürdigen Frau mich aus meiner Konzentration gerissen hatte. Und wie ich aus Erfahrung wusste, würde ich auch nicht so schnell wieder in die Stimmung hineinfinden, die ich brauchte, um vernünftig arbeiten zu können. Schon allein aus diesem Grund hätte ich meinen Gast gar nicht ins Haus lassen dürfen.

»Wir müssen uns kurz unterhalten«, sagte ich, als sie mich auch nach ungefähr einer Minute noch immer mit einem forschenden Blick anstarrte. Ihre plötzliche Schweigsamkeit irritierte mich. »Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?«

»Tee ist gut«, murmelte sie, ließ ihren Koffer einfach stehen und ging weiter in die Küche. Sie schien sich hier bestens auszukennen und vollkommen zu Hause zu fühlen, was mir nicht sonderlich gefiel. Sobald ich ihr gesagt hatte, was es zu sagen gab, würde ich ihr klarmachen, dass ich meine Ruhe brauchte. Schließlich war ich aus genau diesem Grund nach Alptal gekommen.

Bevor ich sie daran hindern konnte, übernahm Nina in der Küche das Kommando. Sie füllte den Wasserkocher, holte eine Teekanne, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, aus dem obersten Fach des Hängeschranks und fand sogar auf Anhieb die Teedose. Während das Wasser anfing zu kochen, verteilte sie vier Tassen mitsamt Untertellern und Teelöffeln auf dem Tisch.

»Für wen sind die alle?«, fragte ich vorsichtig.

»Mögen Sie keinen Tee? Ich kann auch Kaffee machen, falls welcher da ist. Magda und Klaus trinken nur Tee. Schon immer. Liegt das nicht in der Familie?«

»In welcher Familie?«

»Gehören Sie nicht zur Familie?« Verwundert legte sie den Kopf schief, und es juckte mir in den Fingern, die dunkle Locke, die ihr dabei ins linke Auge fiel, zurückzuschieben.

»Meine Familie ist in alle Welt verteilt, und meistens bin ich ganz froh darüber. Verwandte können ganz schön anstrengend sein.« Nachbarn auch. Ich nahm zwei der Tassen und räumte sie wieder in den Schrank.

»Sie haben keine Familie? Das ist traurig.« Sie kniff die Lider zusammen und beobachtete misstrauisch mein Tun. »Und was machen Sie dann hier?«

»Erstens: Ich finde es eher angenehm, die Verwandtschaft nicht in der Nähe zu haben, wenn ich sehe, was in anderen Familien so abgeht. Zweitens: Ich wohne hier.« Da sie sich nicht um das inzwischen blubbernde Wasser kümmerte, schüttete ich es auf den Filter, den sie mit Teeblättern gefüllt und in die Kanne gehängt hatte.

»Wie können Sie das sagen?« Plötzlich war ihr Gesicht ganz bleich.

»Was meinen Sie? Ich wohne tatsächlich hier.« Langsam bereute ich meinen menschenfreundlichen Entschluss, Nina möglichst schonend bei einer Tasse Tee die traurige Nachricht zu überbringen.

»Sie können nicht ernsthaft froh darüber sein, dass Sie keinen Kontakt zu Ihren Eltern haben.« Jetzt zitterte auch noch ihre Unterlippe. Was war nur los mit dieser Frau? Sie hatte wunderschöne, volle Lippen, wie geschaffen, zum Lachen und für andere Dinge, über die ich in diesem Zusammenhang nicht nachdenken wollte.

Leider war sie nicht nur sehr attraktiv, sondern besaß auch einen Hang zum Drama, so viel stand fest. Ich hatte in meinem Leben schon genug Frauen kennengelernt, um genau zu wissen, von welchen ich mich fernhalten musste, weil sie nur Ärger machten und jede Menge Nerven kosteten. Nina Martens gehörte definitiv dazu. Abgesehen davon waren Frauen zurzeit genau das, womit ich mich auf keinen Fall beschäftigen wollte.

»Das ist ja wohl meine Sache«, bemerkte ich streng.

Sie nickte langsam. »Natürlich. Ich meine nur. Weil ich …« Sie schluckte, presste ihre Lippen aufeinander und schwieg eine Weile. Dabei versenkte sie ihr Kinn in den dicken bunten Schal, den sie sich locker um den Hals gewunden hatte. Es wäre höflicher gewesen, ihr Jacke und Schal abzunehmen. Aber das bedeutete, sie zum Bleiben aufzufordern, was eigentlich nicht meine Absicht war.

»Und die Schneiders?« Sie löste ihren Blick von der gegenüberliegenden Wand und musterte mich misstrauisch. Was mochte wohl gerade in ihrem Kopf vorgehen? Vielleicht hielt sie mich für einen Schwerverbrecher, der die beiden alten Leutchen auf heimtückische Weise beiseitegeschafft hatte, um sich in ihrem Haus breitzumachen.

Um ihrem forschenden Blick auszuweichen, kümmerte ich mich um den Tee und goss eine der Tassen voll. Feinheiten wie die richtige Zeit, die das Gebräu ziehen musste, waren mir momentan ziemlich egal. Ich trank ausschließlich Kaffee. Aus irgendeinem Grund hatte ich meinem Gast Tee angeboten. In meiner laienhaften Vorstellung wirkte Tee beruhigend und würde sie hoffentlich ein bisschen über die traurige Botschaft hinwegtrösten.

Auffordernd rückte ich Nina einen Stuhl zurecht und schob ihr die dampfende Tasse hin. Sie ließ sich auf das karierte Kissen fallen, und ich setzte mich ihr gegenüber an den Tisch.

»Was die Schneiders betrifft«, begann ich zögernd. Ich wollte zurück an meine Arbeit und wenigstens versuchen, wieder in den Flow zu kommen. Da konnte ich eine schluchzende Frau in meiner Küche, der ich zur Beruhigung eine Tasse Tee nach der anderen einflößen musste, nicht gebrauchen. Vielleicht wurde es ja nicht so schlimm.

»Ja?« Sie nippte an ihrem Tee und verzog angeekelt den Mund.

Entschlossen holte ich Luft und legte los: »Ich kenne die Schneiders überhaupt nicht. Das Haus habe ich von einem entfernten Verwandten des alten Ehepaars gemietet. Ich wohne seit gut zwei Monaten hier, weil … Ich brauche Ruhe für meine Arbeit und habe gehofft, sie hier zu finden.« Als der letzte Satz heraus war, warf ich meinem ungebetenen Gast einen strafenden Blick zu, auf den Nina allerdings nicht reagierte. Stattdessen umklammerte sie mit beiden Händen ihre Tasse und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.

»Wo sind Magda und Klaus?« Ihre Stimme war plötzlich unangenehm schrill, aber ihr Gesicht wirkte hinter dem Dampf, der vom heißen Tee aufstieg, wie mit Weichzeichner bearbeitet. Hübsch. Trotzdem musste sie so schnell wie möglich aus meinem Haus verschwinden.

»Soweit ich weiß, ist Frau Schneider im Herbst gestorben und ihr Mann daraufhin in ein Seniorenheim gezogen. Irgendwo in Norddeutschland. Da stammt er wohl her.« Jetzt war es raus. Ich atmete tief durch und wartete, was jetzt passieren würde.

»Tot?« Ninas Augen schimmerten verdächtig feucht. Sie nahm noch einen Schluck aus ihrer Tasse. Inzwischen hatte ich mir auch etwas eingegossen und das Gebräu probiert. Es handelte sich mehr oder weniger um heißes Wasser. Aber vielleicht wirkte das ja auch beruhigend.

»Tut mir leid.« Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, schenkte ich ihr nach. Wahrscheinlich hätte ich ihr wenigstens Zucker dazu anbieten sollen. Ich hatte aber keinen im Haus, weil ich meinen Kaffee stark und pur liebte.

Ich sah zu, wie Nina das Gebräu in sich hineinschüttete, als könnte sie damit tatsächlich ihren Kummer wegspülen. Schweigend überlegte ich, wie lange ich sie in meiner Küche beherbergen musste, nachdem ich ihr die schlechte Nachricht überbracht hatte.

»Aber wenn Magda tot ist und Klaus in Norddeutschland wohnt, dann sehe ich die beiden wahrscheinlich niemals wieder. Ich kannte sie seit fast zwanzig Jahren. Seit meine Eltern das Haus nebenan gekauft haben.« Wieder bebte die sanft geschwungene Unterlippe ein wenig. Trotz ihrer verdächtig schimmernden Augen ersparte sie mir bisher gnädig Tränen und Schluchzer und alles, was dazugehörte. Für die Beherrschung, die sie zeigte, war ich ihr wirklich dankbar. Wenn ich eine weinende Frau sah, hatte ich immer das Gefühl, irgendetwas Tröstendes sagen oder tun zu müssen. Leider wusste ich meistens nicht, was.

»Das ist wirklich sehr traurig«, stellte ich schließlich fest.

»Wer sind Sie überhaupt?« Plötzlich richtete sie sich kerzengerade auf und runzelte die Stirn.

»Niemand. Ich habe nichts mit Ihren ehemaligen Nachbarn zu tun.«

»Ich kenne nicht mal Ihren Namen.«

»Steht an der Tür. Sie haben doch geklingelt«, sagte ich unwirsch, damit sie sich keine falschen Hoffnungen machte. Bei mir konnte man sich weder Zucker noch Eier leihen und was Nachbarn sonst so taten. Ich selber brauchte auch keine Backzutaten, sondern schlicht und ergreifend meine Ruhe.

Sie kniff die Augen zusammen und funkelte mich böse an. »Da stand Jahrzehnte lang Schneider, und ich dachte, das steht da immer noch. Warum sollte ich also auf das Klingelschild gucken?«

»Paul Anders«, stellte ich mich knapp vor, weil ich keine Lust auf alberne Streitereien hatte.

Endlich schien sie verstanden zu haben. Mit lautem Klirren stellte sie ihre Tasse auf den Tisch und sprang auf. »Dann gehe ich jetzt wohl lieber.«

Mir rutschte ein erleichterter Seufzer heraus. Eigentlich wollte ich meine Freude über ihren Aufbruch gar nicht derart demonstrativ zeigen. Sie warf mir einen strafenden Blick zu, bevor sie hinaus in den Flur marschierte.

Ich folgte ihr, um sie höflich zur Tür zu begleiten – vor allem aber, um mich zu vergewissern, dass sie auch wirklich ging. Mitten in der kleinen Diele blieb sie so ruckartig stehen, dass ich sie fast umrannte und einen Unfall nur verhindern konnte, indem ich sie von hinten bei den Schultern packte und festhielt.

»Au«, beklagte sie sich prompt, doch das überging ich einfach. Ich ließ die Hände von ihren Schultern gleiten und erwiderte tapfer ihren entschlossenen Blick, als sie sich umdrehte und mir aus nächster Nähe ins Gesicht schaute.

»Kennen Sie zufällig hier in der Nähe einen Installateur, der heute Abend noch kommen würde? Meine Heizung springt nicht an, und es ist eiskalt im Haus.«

»Tut mir leid«, erwiderte ich kopfschüttelnd.

»Die Schneiders hätten sicher jemanden gekannt.« Missbilligend zog sie die niedliche Stupsnase kraus. Ich fand es ziemlich bemerkenswert, wie mühelos eine derart hübsche Person es schaffte, wie eine schlecht gelaunte Oberstudienrätin auszusehen, sobald ihr etwas nicht gefiel. Und in den wenigen Minuten, seit ich sie kennengelernt hatte, hatten ihr eine Menge Dinge nicht gefallen.

»Ich wohne hier seit zwei Monaten. Aber kommen Sie doch in zwanzig Jahren noch mal vorbei. Falls ich dann noch hier sein sollte, was ich eher nicht glaube, kenne ich dann sicher auch einen Installateur, den Sie abends anrufen können.«

»Sie sind nicht besonders hilfsbereit.«

»Tut mir leid.« Ich nickte verständnisvoll. Was sie irgendwie zu ärgern schien.

»Früher bin ich immer gern in dieses Haus gekommen, aber das wird wohl in Zukunft anders sein.«

»Da ich zum Arbeiten hier bin und nicht, um neue Freunde zu finden, kann ich das wahrscheinlich verschmerzen.«

»Ich werde Sie in Ruhe arbeiten lassen, da können Sie sicher sein!« Sie schnaubte so heftig, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn Flammen aus ihrem Mund oder Qualm aus ihrer Nase gekommen wäre.

Sie griff nach ihrem Trolley und beförderte ihn zurück zur Haustür. Ihr Abgang war schwungvoll und ziemlich beeindruckend. Der Effekt wurde allerdings durch die Tatsache geschmälert, dass sie auf den eisglatten Stufen vor der Haustür ins Rutschen geriet. Einen Sturz konnte sie nur verhindern, indem sie den Koffer losließ und sich mit beiden Händen am Geländer festklammerte. Während der Trolley mit Getöse die Stufen hinunterrutschte, zappelte Nina einen Moment hilflos mit den Beinen, bis sie wieder sicher auf den Füßen stand.

»Alles in Ordnung? Oder haben Sie sich wehgetan?« Ein wenig besorgt war ich ja schon. Es wäre schade um ihre hübschen Beine in den roten Stiefeln gewesen. Außerdem hatte ich die Treppe nicht gestreut und war deshalb schuld an der Glätte auf den Stufen. Falls ihr etwas passierte und sie nicht mehr laufen konnte, würde ich mich möglicherweise verpflichtet fühlen, mich um sie zu kümmern, wozu ich nun wirklich überhaupt keine Zeit und Lust hatte.

»Alles gut!«, rief sie mir über die Schulter zu, sammelte ihren Trolley ein und stakste auf der mit schimmerndem Eis überzogenen Straße in Richtung des Nachbarhauses davon.

Während ich ihr hinterhersah, fielen die ersten Schneeflocken. Erst rieselten sie nur vereinzelt zur Erde, doch innerhalb kürzester Zeit tanzten die weißen Kristalle dicht an dicht im Licht der einsamen Straßenlaterne, die genau zwischen meinem und dem Nachbarhaus stand.

Nina Martens blieb stehen, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und verharrte einen Moment in dieser Haltung. Aus der Entfernung konnte ich nicht genau erkennen, was sie da machte, doch es sah so aus, als hätte sie die Zunge weit herausgestreckt, um die Flocken aufzufangen.

Dann ließ sie die Arme wieder fallen, schüttelte die kinnlangen Locken, in denen es funkelte, als hätte jemand sie mit Diamantstaub geschmückt, und rief: »Es schneit! Ist das nicht wunderbar?«

Dabei sah sie nicht in meine Richtung, und ich war mir nicht sicher, ob sie mit mir redete oder nur ganz allgemein ihrer Freude Ausdruck verlieh.

»Ja. Schön«, murmelte ich halblaut vor mich hin. Schließlich war ich im Grunde meines Herzens ein umgänglicher Mensch.

Einer der Pluspunkte dieses Hauses war in meinen Augen die Tatsache gewesen, dass der Weg bis zum nächsten bewohnten Gebäude mindestens zwei Kilometer betrug. Schließlich stand das Nachbarhaus offenbar leer. Na ja, bis jetzt.

Nach einem letzten Blick die Straße hinunter, wo Nina schon fast ihr Haus erreicht hatte, schloss ich energisch die Tür, um mich endlich wieder an meine Arbeit zu machen.

3. Kapitel

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Nina

Als mir die erste Schneeflocke auf die Nasenspitze fiel, wischte ich sie automatisch weg, wie eine lästige Fluse. Und auch die nächste Flocke nahm ich kaum wahr. Erst als mir ein funkelndes Eiskristall an den Wimpern hängenblieb, wurde mir bewusst, was da gerade passierte: Es hatte wahr und wahrhaftig angefangen zu schneien! Spontan hob sich meine Stimmung.

Ich blieb stehen, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und streckte die Zunge heraus, um die kühlen Vorboten der Weihnacht in meinem Mund schmelzen zu lassen. Das hatte ich schon als Kind geliebt, und die ersten Flocken schmeckten immer am besten. Nach Geheimnissen, Glockengeläut und magischen Momenten.

Ich schluckte und spürte der Kühle in meinem Mund nach. Dann fiel mir ein, dass mir wahrscheinlich der unfreundliche Paul Anders von seiner Haustür aus zusah. Abrupt klappte ich den Mund wieder zu, ließ die Arme sinken und ging weiter, ohne mich umzudrehen.

»Es schneit! Ist das nicht wunderbar?«, rief ich dabei an niemand Bestimmten gerichtet in die Nacht. Er sollte nicht glauben, dass ich mich für meine Freude schämte.

Hinter mir hörte ich Pauls tiefe, samtige Stimme, verstand aber nicht, was er sagte. Immerhin würdigte er mich sogar einer Antwort.

Irgendwie schaffte ich es in meinen wunderschönen knallroten Lederstiefeln über die rutschige Straße zurück zu unserem Haus und schloss die Tür auf. Als mir im Flur nicht wie gewohnt mollige Wärme, sondern kalte Luft entgegenschlug, wurde meine weihnachtliche Stimmung etwas gedämpft. Ohne Jacke und Schal abzulegen, ging ich in die Küche. Leider hatte unser Haus keinen Kamin, aber immerhin gab es einen Backofen. Ich öffnete die Klappe und stellte die Temperatur auf die höchstmögliche Stufe.

Dann füllte ich Wasser in den Kocher. Erst einmal würde ich mir einen ordentlichen Tee machen. Das Gebräu, das Paul Anders mir vorgesetzt hatte, verdiente diesen Namen jedenfalls nicht. Was war nur mit diesem Mann los? Noch nie in meinem Leben war ich als Gast in einem fremden Haus so unfreundlich behandelt worden.

Dabei war der Typ auf den ersten Blick ziemlich attraktiv. Groß und breitschultrig, mit modisch geschnittenen dunkelblonden Haaren und Augen, die aussahen wie goldbrauner Samt. Sie passten zu seiner Stimme, die dunkel und weich klang, obwohl er damit meistens unfreundliche Dinge sagte.

Beim Gedanken daran, wie herzlich Magda und Klaus uns immer in ihrem Haus willkommen geheißen hatten, musste ich schlucken. Aber ich verbot mir das Weinen. Die Situation allein hier in dem eiskalten Haus war schon traurig genug, da sollte ich meine Trauer um Magda lieber noch ein bisschen verschieben, wenn ich nicht als heulendes Häufchen Elend enden wollte.

Suchend schaute ich mich in der gemütlichen Wohnküche um, die durch den heißen geöffneten Backofen langsam warm wurde. Ich musste mich mit irgendetwas ablenken. Die Nacht war noch lang, und ich hatte nicht vor, nach oben in mein Zimmer zu gehen. Mein Bett war bestimmt vollkommen ausgekühlt. Dort würde es mir bestimmt nicht gelingen zu schlafen. Am besten verbrachte ich die Nacht hier in der Küche. Wenn ich müde wurde, konnte ich versuchen, in dem alten Lehnstuhl in der Ecke ein bisschen zu schlafen, aber momentan war ich putzmunter. Der Besuch bei unserem neuen Nachbarn und seine schlechten Nachrichten hatten mich viel zu sehr aufgeregt.

Plötzlich wusste ich, wie ich die Zeit herumkriegen konnte: Ich würde backen. Da ich mir vorgenommen hatte, bis Weihnachten mindestens zehn verschiedene Sorten Plätzchen herzustellen, war es eine gute Idee, so bald wie möglich damit anzufangen. Der Backofen war sowieso heiß, da konnte ich die Hitze gleich nutzen.

Ich sprang auf, öffnete die Tür zu der kleinen Speisekammer und sichtete die Vorräte. Ein Teil davon stammte noch vom letzten Winter, ließ sich aber problemlos noch verwenden. Es gab Mehl, Backpulver und Vanillezucker. Von der Woche, die ich im Herbst hier mit Katja verbracht hatte, fand ich sogar noch einen nicht angebrochenen Becher Margarine und mehrere Hände voll Walnüsse. Zu einem netten Nachbarn hätte ich jetzt hinübergehen und ein paar Eier ausleihen können. Aber das konnte ich vergessen. Selbst wenn ich davon ausgegangen wäre, dass Paul Anders Eier im Haus hatte – was ich nicht tat –, hätte ich ganz sicher nicht noch mal bei diesem unfreundlichen Kerl geklingelt.

Manche Kekssorten funktionieren auch ohne Eier, überlegte ich. Mürbeteig zum Beispiel. Ich konnte Sterne, Herzen und Tannenbäume ausstechen. Es gab vom letzten Jahr noch eine Menge Zeug zum Verzieren – bunte Perlen und Streusel, Lebensmittelfarbe und Schokoladenguss.

Mittlerweile hatte ich Hunger, aber obwohl in der Speisekammer Knäckebrot und Marmelade standen, beschloss ich, lieber auf die ersten Kekse zu warten. Gab es etwas Besseres als Kekse direkt vom Blech? Schon beim Gedanken an süße, knusprige Plätzchen lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Nachdem der größte Ärger über den unfreundlichen Paul Anders schon beim Anblick des ersten Schnees verflogen war, vergaß ich ihn völlig, während ich die Backutensilien auf der Arbeitsplatte neben dem Herd aufreihte. Die Traurigkeit wegen Magdas Tod lag immer noch wie ein schweres Gewicht auf meiner Brust, aber dagegen half das Backen sicher. Als Kinder hatten wir manchmal mit ihr Kekse ausgestochen und mit buntem Zuckerguss verziert. Ein Gedanke, der mich jetzt irgendwie tröstete. Genauso wie die Erinnerung an unsere weihnachtlichen Backorgien mit Mama, während Papa draußen am Haus und an allen Büschen und Bäumen Lichterketten aufgehängt hatte.

Tatendurstig zog ich mir die Jacke aus, warf sie über den Lehnsessel in der Ecke und schob die Ärmel meines Pullovers hoch. In der Küche war es mittlerweile schön warm.

Da der Backofen natürlich auf Dauer die Heizung nicht ersetzen konnte, griff ich nach meinem Smartphone und suchte nach einem Installateur in einem der umliegenden Dörfer. Ich fand einen in nur etwa zehn Kilometern Entfernung und rief ihn an. Zu meinem Erstaunen meldete er sich tatsächlich. Allerdings nur, um mir mitzuteilen, dass er seit zwei Stunden Feierabend hatte und heute auf keinen ...

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