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Schmetterlingstage

Über dieses Buch

Nach dem Tod ihrer Tante Tony, einer berühmten Malerin, erbt die junge Holly ein malerisch gelegens Cottage in Schottland. Zu ihrer Verblüffung entdeckt sie auf dem Dachboden vierzig wunderschöne Gemälde, die alle den französichsen Startenor Blaise Fougère zeigen. Holly begreift sofort, dass Tony und Blaise ein heimliches Liebespaar waren.

Aber warum haben sich die beiden Liebenden nie öffentlich zueinander bekannt? Als Holly in die Vergangenheit eintaucht und die tragische Liebesgeschicht ihrer Tante entdeckt, fragt sich sich, ob es ihrer eigenen Beziehung nicht an Leidenschaft fehlt …

Mit zarten Nuancen zeichnet Eileen Ramsay die Bilder einer Liebe, die selbst aus der Ferne Nähe und Geborgenheit schenkt.

Über die Autorin

Eileen Ramsay, in Schottland geboren und aufgewachsen, arbeitete in Washington, DC, und Kalifornien als Lehrerin. Neben der Liebe zur klassischen Musik war das Schreiben schon immer ihre Leidenschaft, die sie inzwischen zu ihrem Beruf gemacht hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Angus, Schottland, einer Landschaft, deren Reiz sie in ihren epischen Romanen »Schetterlingstage« und »Sternschnuppennächte« aufs Schönste entfaltet. In »Pinienträume« bezaubert sie ihre Leser nicht nur mit der herben Schönheit von Edinburgh, sondern entführt sie auch in die sanften Hügel der Toskana.

EILEEN RAMSAY

SCHMETTERLINGS

tage

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

KAPITEL 1

TORRY BAY 1998

Liebste Holly, alles, was du in diesem Cottage findest, gehört dir, und du kannst damit machen, was du für richtig hältst. Ich habe einen Pakt geschlossen – aber nun lebt niemand mehr, dem daran noch etwas liegt.

Holly ließ den Blick über das Cottage schweifen, das einmal ihre zweite Heimat gewesen war. Ihre Tante war tot – nun erst wurde ihr richtig bewusst, was die schreckliche Nachricht bedeutete –, und jetzt gehörte ihr dieses Cottage, in dem sie so viele wunderbare Ferientage verbracht hatte. Aber es würde nie wieder so sein wie früher – ohne Tony, ihre scheußlichen Zigaretten, ihre unmodernen Kleider, ihren jungenhaften Haarschnitt.

An dem Cottage selbst hatte sich nichts verändert, es war ein kleines, gedrungenes Haus, das aussah, als habe die Hand eines Riesen es in die Bucht verpflanzt und ihm dann kräftig den Kopf getätschelt, sodass das Fundament nun ein wenig breiter war als das Dach. Hier bin ich, und hier bleibe ich, schien es zu sagen, und so hielt es den Stürmen der Wintermonate ebenso stand wie der Sonne Glut, die im Sommer auf den weißen Mauern brannte. Die Petunien in den Blumenkästen litten unter diesem Wetter, aber an den wenigen Tagen, die nichts zu wünschen übrig ließen, belohnten sie die nachlässige Gärtnerin mit einer geradezu beschämenden Farbenpracht.

Vom Dach war ein Scharren zu hören, und Holly blickte auf. Eine junge Möwe war auf dem befremdlich großen Dachfenster gelandet, das Tony hatte einbauen lassen, um in ihrem Atelier mehr Licht zu haben. Halb lachend, halb schluchzend beobachtete Holly, wie sich der junge Vogel mühte, das Gleichgewicht zu halten, während er die schräge Scheibe hinunterrutschte. Kurz bevor er unten angelangt war, fiel ihm wieder ein, dass er ja fliegen konnte, und er erhob sich mit wütendem Gekreisch in die Lüfte. Solange Holly denken konnte, hatten kleine Vögel solche Landungsversuche unternommen.

Mit einem Seufzer zog sie den Schlüssel aus ihrer Handtasche. Sie konnte das Cottage nicht behalten, sosehr sie auch daran hing. Sie arbeitete in Glasgow, und für zwei Wohnsitze reichte das Geld nicht. Folglich musste sie das Häuschen verkaufen, aber zuerst wollte sie ein paar Sachen holen, die sie als Kind geliebt hatte. Ganz oben auf der Liste stand der alte Sessel, in dem Tony gestorben war. So viele schöne Erinnerungen verbanden sich damit. In ihrer modernen Wohnung konnte sie ihn im Schlafzimmer unterbringen. Und eines Tages würde er in ihrem Haus Platz finden, in ihrem und Johns Heim.

Holly kämpfte mit den Tränen, als sie den Schlüssel im Schloss drehte und die Tür öffnete. Dann stand sie im Eingang und wartete, so wie sie immer gewartet, geschaut, gelauscht, geschnuppert hatte. Sonnenstäubchen wirbelten ihr entgegen, und mit ihnen all die glücklichen Erinnerungen der Vergangenheit. Links lag das Wohnzimmer, in dem auch gegessen wurde, vor ihr führte die steile Treppe zum Badezimmer und zu den Schlafräumen hinauf, die sich unterm Dach drängten, und rechts ging es in die winzige Küche. Irgendwann in den letzten zwanzig Jahren hatte Tony einen Durchgang zum alten Waschhaus in die Mauer hauen lassen, um nicht mehr den Elementen trotzen zu müssen, wenn sie Wäsche waschen wollte.

Alle modernen Annehmlichkeiten, mein Schatz.

Nein, keine Zeit, sich in Selbstmitleid zu ergehen. Der Schulleiter war so freundlich gewesen, ihr ein paar Tage freizugeben, damit sie nach Argyll fahren und alles für die Beisetzung regeln konnte; aber man würde nicht erfreut sein, wenn sich dieser zweite Besuch, der der Auflösung des Haushalts ihrer Tante diente, bis in die nächste Woche hinzog. Sie musste ganz gezielt vorgehen. Ihre Wohnung war zu klein für die vielen Dinge, die ihr etwas bedeuteten – schließlich würden bald noch Sachen von John hinzukommen. John verabscheute »alten Plunder«, wie er es nannte. Sie würde sich umsehen, und wenn ihr Gefühl sie auch noch so heftig drängte, einige wertlose Dinge zu behalten, sie würde sich davon trennen – es war Unsinn, irgendwelchen alten Müll als Andenken aufzubewahren. Andererseits würde John sicher verstehen, dass sie ein paar Erinnerungsstücke mitnahm; schließlich liebte er sie doch und wollte, dass sie glücklich war. Aber sie musste sich rasch entscheiden, die Dinge, die sie auf keinen Fall missen wollte, einpacken und dann in die Stadt zurückfahren. Denn dort lebte sie nun einmal, mochte es auch noch so unbefriedigend sein.

Wir schreiben unser Drehbuch selbst, mein Schatz.

Die Stimme klang so klar, dass Holly zusammenfuhr: Es war, als stünde Tony neben ihr, wie so oft im Lauf der letzten dreißig Jahre. Holly lächelte und schob die Tür hinter sich zu. Das Wohnzimmer des Cottage bot einen vertrauten Anblick: zwei große, abgenutzte Sessel vor dem offenen Kamin, ein weiterer am Fenster mit Blick auf den Strand, ein Tisch mit zwei Stühlen … Zwei? Einer für Tony und einer für Holly. Solange sie zurückdenken konnte, waren immer nur zwei Menschen im Cottage gewesen, sie selbst und Tony.

Sei nicht kindisch, Holly, schalt sie sich. Tony hatte doch bestimmt Freunde im Dorf.

Natürlich. Mrs. Fraser aus dem Laden. Holly musste ins Dorf hinaufgehen und sie fragen, ob sie ein Andenken wollte. Wer noch? Der Pfarrer? Er schien Holly so vertraut, obwohl sie ihm nie begegnet war, und jetzt war er längst tot, auch wenn er in Tonys wunderbaren Porträts weiterleben würde.

In den sechziger Jahren hatte Tony den Führerschein gemacht, damit sie ihre heimatlose Nichte am Bahnhof in Glasgow abholen konnte. Meinetwegen, hatte Holly mit kindlicher Befriedigung gedacht, meinetwegen hat sie fahren gelernt! »Ich weiß, dass es auch nähere Bahnhöfe gibt, mein Schatz, aber so kommen wir in den Genuss einer Fahrt durch Argyll.«

Wie hatte Holly die Fahrten in dem alten Auto geliebt! Wodurch wurde es in Gang gehalten? Gewiss eher durch Gebete als durch die Technik, aber diese Spritztouren waren das reine Vergnügen gewesen, sie hatten solchen Spaß gehabt, geredet, gesungen, plötzlich gehalten, um einen Ausblick zu genießen.

»Holly, schau dir das Licht auf dem Meer an.«

»So blau, nicht wahr?«

»Nein, das nicht, schau – es ist lila … und rosa. Schau mit allen deinen Sinnen, Holly, nicht nur mit den Augen.«

Manchmal, wenn das Wetter schön war, picknickten sie auf einer Böschung inmitten von purpurfarbenem Heidekraut. Wie das Heidekraut kratzte! Aber die Aussicht war solche kleinen Unannehmlichkeiten wert. Tony dachte nie an praktische Dinge, etwa daran, eine Decke einzupacken.

Holly wandte sich wieder ihrer Bestandsaufnahme zu. An der Wand das Sofa, das nie benutzt wurde, unter dem Fenster das Regal mit den bunt zusammengewürfelten Büchern. Nippes, Vasen, Öllampen. Zum ersten Mal bemerkte sie, dass die Lampen Tiffany-Schirme hatten. Das würde John gefallen. Sie seufzte. John, der in ihrem unbefriedigenden Leben so viel Raum einnahm. Sie wollte jetzt nicht über ihn nachdenken. Sie hatte zu viel zu tun und dafür zu wenig Zeit.

Unwillkürlich warf sie einen Blick auf den Kaminsims und lächelte erleichtert. Die Uhr war noch da, die schöne vergoldete Mädchenfigur, die so wie damals in Hollys Kindheit das Pendel in die Höhe hielt. Das Pendel rührte sich nicht, aber Holly erinnerte sich, dass sie einmal mit einer Magenverstimmung im Bett liegen musste, und da hatte Tony die Uhr in das Zimmer unterm Dach hinaufgetragen, wo die kleine Holly, eingelullt durch das leise Ticktack und die Bewegung des Pendels, eingeschlafen war.

Sie griff nach ihrer Reisetasche und ging nach oben. Ihr Zimmer war noch genauso, wie sie es verlassen hatte. Verdammt. Wann hatte sie das letzte Mal mehr als einen Nachmittag in diesem Haus verbracht? John wollte seine »Zeit nicht in der schottischen Wildnis verplempern«, und so hatte sie sich in den letzten fünf Jahren nur selten die Mühe gemacht, den Menschen zu besuchen, der ihr mehr bedeutete als jeder andere. Sie legte sich auf das Bett unterm Fenster und weinte so hemmungslos, wie sie als Kind geweint hatte. Hätte sie gewusst, dass es Tony nicht gut ging, dann wäre sie gekommen. Sogar John wäre gekommen, so egoistisch war er auch wieder nicht. Aber Tony hatte nie geklagt, wollte nie Umstände machen.

»Jungverliebte, mein Schatz. Das kenne ich. Mach dir keine Sorgen um mich. Komm, wenn du kannst. Du bist hier zu Hause, das weißt du ja.«

Sie hatte zu ihr reisen wollen, aber es war nie dazu gekommen. Tony, die wirklich keine Ahnung hatte, wie es war, in einen schwierigen Menschen verliebt zu sein, die über Liebe eigentlich gar nichts wusste, hatte ihrer Nichte alles nachgesehen.

Holly schlief ein. Als sie in dem dunklen Zimmer erwachte, wusste sie einen Augenblick lang nicht, wo sie war. Sie drehte sich auf den Rücken und schaute aus dem Fenster in die Nacht hinaus, wie sie es als Kind so oft getan hatte. Und aus der Vergangenheit drang die eigene Stimme zu ihr herüber: »Zieh die Vorhänge nicht zu, Tante Tony! Ich möchte sehen, wie die Sterne wandern.«

Heute Abend waren keine Sterne zu sehen, doch die Zeit selbst schien am Fenster vorbeizuziehen. John rechnete damit, dass sie nur eine Nacht fortblieb, und jetzt hatte sie – zu dumm! – einfach Stunden verschlafen. Sie würde sich etwas zu essen holen und dann mit ihrer Bestandsaufnahme fortfahren. Er vermisse sie, wenn sie nicht da sei, hatte er behauptet. Sie verscheuchte den Gedanken, wie er sie denn vermissen könne, da er doch selbst so oft keine Zeit für sie hatte. Er arbeitet so viel, damit wir bald heiraten können, tröstete sie sich.

Unten zündete sie die Öllampen an, die sehr viel freundlicher wirkten als die Glühbirnen. Elektrisches Licht gab es hier erst seit den siebziger Jahren. Dann ging Holly in die Küche und versuchte herauszufinden, welcher Knopf am Herd für welche Platte zuständig war. Sie machte sich Instantkaffee, setzte sich an den Tisch, aß Brot, Käse und Obst und sah auf den Strand hinaus. Der Mond stand hoch am Himmel und spiegelte sich auf der glatten Oberfläche des Meeres. Hin und wieder fielen seine Strahlen durchs Fenster und tauchten die Steine und Muscheln auf der Fensterbank in weiches, blasses Licht. Die Steine. Die Muscheln. Jedes Jahr in den Ferien hatte Holly sie gesammelt, und jeweils ein Stein, eine Muschel hatte einen Ehrenplatz auf dem Fensterbrett erhalten.

Holly 1966 … Holly 1970

So ging es weiter. Keines der Stücke war weggeworfen worden, nachdem die kleine Holly wieder im Zug nach Glasgow oder im Flugzeug saß, um ins Internat oder zu ihren überarbeiteten Eltern zurückzukehren.

Holly stellte das Geschirr in die Spüle – sie würde den Abwasch später in einem erledigen – und ging wieder nach oben. Sie wollte sich ein paar Dinge aus den Schlafzimmern aussuchen. Wenn sie den Sessel und die Tiffany-Lampe, die Uhr, einige Bücher, ein, zwei Ziergegenstände mitnahm (Dinge, die »Tony« flüsterten), vielleicht würde ihre Wohnung sie dann an Achahoish und Torry Bay erinnern.

Das geräumige Schlafzimmer sah aus wie immer. Hier standen das große, bequeme Bett mit den vielen Kissen, der Sessel, der Schrank mit Tonys Kleidern und ihre Frisierkommode. Holly betrachtete die Kommode, die so makellos wirkte, obwohl Tony doch wirklich unordentlich gewesen war. Warum sah dieses Möbelstück eigentlich so … anders aus? Das war’s. Auf jeder anderen Frisierkommode stand mindestens ein Foto, aber bei Tony gab es so etwas nicht.

»Die Menschen, die ich liebe, trage ich in meinem Herzen, Holly. Ich brauche keine Fotos.«

»Menschen? Warum Menschen, Tony? Du hast doch nur mich.«

Sie hörte ihre eifersüchtige Kinderstimme und sah Tony lächeln.

»Natürlich, mein Schatz«, hatte Tony erwidert und sich eine Zigarette angezündet. »Aber verrat der eisernen Gilda nicht, dass ich rauche wie ein Schlot.«

Wider Willen hatte die kleine Holly lachen müssen. Wirklich, Tante Tony sollte Mami nicht eiserne Gilda nennen. Darüber vergaß sie, dass Tony ihrer Behauptung, es gebe sonst niemanden in ihrem Herzen, nicht beigepflichtet hatte. Aber jetzt waren alle tot, ihr Vater, der den Ansprüchen an sich selbst nie ganz gerecht geworden war, ihre Mutter und auch Tony.

Nacheinander zog sie die Schubladen auf. Hier würde sie bestimmt nichts finden, was sie behalten wollte. Tony war klein und zierlich gewesen – neben ihr war sich Holly manchmal groß und plump vorgekommen, obwohl sie selbst gerade eins fünfundsechzig maß. Außerdem hatte Tony immer nur übergroße T-Shirts und farbbekleckste Jeans getragen, allenfalls gelegentlich mal einen bunten, weiten Rock. Holly würde alles für wohltätige Zwecke spenden, vielleicht in Glasgow – hier in Achahoish kannte sie ja niemanden mehr. Tonys alte Freunde, mit denen sie sich gelegentlich getroffen hatte, lebten nicht mehr, außer dem Doktor, der seinen Lebensabend in Spanien verbrachte und zu alt und zu traurig war, um zur Beisetzung zu kommen. Vielleicht würde sie ihm eines Tages schreiben oder ihn besuchen, aber was sollte sie dann sagen? »Erinnern Sie sich an mich? Ich habe früher immer meine Tante besucht. Einmal haben Sie mir einen Angelhaken aus dem Ohr gezogen.«

Nein, das würde ihn nicht interessieren. Warum auch?

Holly war ein wenig überrascht, als sie eine schöne Abendstola entdeckte. Sie schmiegte die Wange an den weichen Stoff. Er roch nach einem ziemlich teuren Parfum – Tonys Parfum für »besondere Anlässe«. Vielleicht sollte sie dieses eine Stück behalten, auch wenn Tony es nie in ihrer Gegenwart getragen hatte. Ganz unten in einer Schublade voller Skizzenblöcke entdeckte sie eine große, verschnürte Schachtel, und obendrauf lag ein versiegelter Umschlag, auf dem in Tonys eleganter Handschrift »Holly« stand. Sie nahm ihn, öffnete ihn, und ein großer, altmodischer Schlüssel fiel heraus.

Mein Schatz,

der Inhalt der Kästchen gehört dir. Viel Spaß damit. Der Schlüssel ist für die Mansarde, wo ich die Werke aufbewahre, die ich zu meinen Lebzeiten nicht verkaufen wollte. Aber wie es in meinem Testament heißt, kannst du damit tun, was du für richtig hältst. Ich hoffe, du behältst ein paar als Andenken.

Alles Liebe,

deine Tony

Ihre Werke. Tony war Malerin gewesen, und sogar eine Malerin, die ihre Bilder verkaufte. Hollys Vater hatte sich nie ganz damit abgefunden, dass seine Schwester Künstlerin war, mit der Boheme konnte er nicht viel anfangen. Aber Holly wusste, dass ihre Tante eine weltberühmte Kunstakademie in London besucht und bis Anfang der siebziger Jahre mehrere Ausstellungen gehabt hatte. Nur zu diesen Anlässen hatte sie Torry Bay verlassen. Dann packte sie ihre wunderschönen Landschaften, gelegentlich auch das Porträt eines angesehenen Bürgers aus der Gegend in den Kofferraum ihres komischen alten Autos und fuhr nach London, Glasgow oder Edinburgh.

Wahrscheinlich hatte sie die Stola bei der Vernissage getragen. Ein Hauch von Eleganz. Und die Leute sagten: »Da kommt die alte Tony Noble in ihrer museumsreifen Stola. Die Arme.«

Aber laut diesem kleinen Brief, den sie gerade gelesen hatte, gab es noch mehr Werke.

Holly legte die Schachtel beiseite – sie würde sich den Inhalt später ansehen – und ging auf den Flur hinaus. Hier gab es drei Türen: Zwei führten in Tonys und Hollys Zimmer, die dritte in die Mansarde, die Tony als Atelier gedient hatte.

Offenbar war das Schloss seit einiger Zeit nicht mehr aufgesperrt worden, denn es war schwierig, den Schlüssel herumzudrehen, aber schließlich ging die Tür auf, und wieder wurde Holly von Erinnerungen überwältigt. In dem schwach beleuchteten Raum roch es muffig, aber vor allem roch es nach Farbe. Holly erinnerte sich, wie sie, ein Mädchen im Badeanzug und mit Pferdeschwanz, Farbe auf eine Leinwand kleckste, während Tony neben ihr stand und wunderbare Wirbel in Blau, Rosa und Grau malte, die sich auf wundersame Weise in die Hügel und das Meer und das Dorf jenseits der Bucht verwandelten. Jetzt stand hier nur noch eine Staffelei. Tony hatte sich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass Hollys Begabung, wenn sie denn eine besaß, nichts mit Pinsel und Farbe zu tun hatte.

»Aber es steckt was in dir, mein Schatz, und wir werden es finden. Hör nicht auf die Lehrer. Die haben keine Ahnung.«

Die Lehrer, nicht Tony, hatten Recht behalten. In Holly Noble schlummerte kein verborgenes Talent. Antonia Noble war das einzige Genie der Familie.

Holly lächelte, als sie wieder ihre Tante vor sich sah, wie sie in ihren Jeans und ihrem übergroßen Hemd, die Zigarette (meist unangezündet) im Mundwinkel, dastand und malte, malte, malte. Sie blickte sich um, sah die kahlen Wände und das riesige Fenster, das Tony ins Dach hatte einbauen lassen. Tagsüber oder in einer sternklaren Nacht konnte man auf das elektrische Licht verzichten. Im Mondlicht erblickte Holly großformatige, in Laken gewickelte Pakete, das mussten die in dem Brief erwähnten Bilder sein.

»Die Werke, die ich zu meinen Lebzeiten nicht verkaufen wollte.«

Bestimmt sind es Porträts von mir. Aber sie kann doch nicht – Holly blickte sich verstört um, überall standen Leinwände – dreißig, vierzig Bilder von mir gemalt haben? Und die Porträts von mir hat sie doch ohnehin meiner Mutter geschenkt, oder? Holly zog die Hülle von einigen der Gemälde weg. Die Bilder trieben ihren Schabernack mit ihr. Bescheiden kehrten sie neugierigen Blicken den Rücken zu. Holly stand auf und drehte das erste um. Einen Augenblick lang war sie erleichtert. Eines von Tonys wunderbaren Meeres-Ansichten, nichts weiter. Was hatte sie erwartet?

Jedenfalls nicht das, nicht diesen überraschenden Ausblick auf ein Meer, das sie, Holly nie gesehen hatte, und mitten darin ein Junge, ein Jüngling, oder war es ein Satyr? Schwer zu sagen. Er ritt auf einem Delphin, und seine grünen Augen funkelten. Das Gesicht des Jungen kam ihr bekannt vor. Nein, das war doch nicht möglich … Holly fand den Lichtschalter, und das harte moderne Licht verbannte den Mond aus dem Zimmer. Holly blinzelte.

Dieses idiotische Licht. Und das Zimmer war viel zu klein. Das war ein großes Bild, und sie musste es sich genauer anschauen. Holly schleppte das Gemälde die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer, wo sie es gegen die Kommode lehnte. Nachdem sie alle Lichter im Raum eingeschaltet hatte, betrachtete sie das Bild aus gebührendem Abstand. Ja, es war eine Meeres-Ansicht, ein altes, oft dargestelltes mythologisches Thema: »Der Junge auf dem Delphin«. Die Augen des Jungen strahlten sie aus einem sonnengebräunten Gesicht an, das verblüffend schön war. Auf die Rückseite hatte Tony in ihrer schwungvollen Schrift den Arbeitstitel notiert:

Meergeist, London 1937

Holly kauerte sich nieder und sah sich das Bild genauer an. Wie schön er war, wie verschmitzt er lächelte. Unmöglich, dass sie schon andere Gemälde oder Fotografien von ihm gesehen hatte. Ganz und gar ausgeschlossen. Meergeist, 1937. Wo war Tony 1937 gewesen? Und er, der Junge, der Meergeist? Nein, sagte sie, diesmal laut, damit kein Zweifel aufkam. Aber das war bereits geschehen.

Behutsam streckte sie ihre zitternde Hand aus, berührte aber das Bild nicht.

Die Farbe ist immer ein bisschen fettig, mein Schatz.

Sie richtete sich auf, als wäre sie eine alte Frau, und stieg die Stufen zur Mansarde hinauf. Die Gemälde waren noch da, es handelte sich um keinen Traum oder Albtraum. Holly drehte ein zweites, ein drittes Bild um, und ihr stockte der Atem. Es waren fast ausschließlich große Leinwände, und tatsächlich war auf einigen Holly als Kind dargestellt. Aber sie war nicht die Hauptfigur. Auf jedem dieser Bilder stand ein Mann im Mittelpunkt. Manchmal wirkte er nachdenklich, manchmal vergnügt, bald traurig, bald schelmisch. Es war Blaise Fougère, ohne Zweifel der größte Tenor, den Frankreich je hervorgebracht hatte, und möglicherweise der größte französische Sänger aller Zeiten.

Mit einem Schmerzensschrei schaltete Holly das Licht aus, warf die Tür hinter sich zu und stürzte die Treppe hinunter. Da stand immer noch der »Meergeist«, und die schönen Augen mit dem spöttischen, ja, spöttischen Blick sahen sie an.

… so nah wie möglich an das herankommen, wo ich hinwill.

Holly hatte diese beiläufige Bemerkung schon fast vergessen. Ihr Blick fiel auf das Buffet, wo das Kästchen stand, das sie aus Glasgow mitgebracht hatte. Nein, sagte Holly und noch einmal, nein. Sie hat mich geliebt – und Torry Bay. Hier wollte sie beigesetzt werden.

»Morgen, Tony. Morgen trage ich deine Asche zu der kleinen Halbinsel hinauf und verstreue sie dort. Das hast du gewollt«, sagte sie zu der Urne.

Tony, die lebenssprühende, wunderbare Tony, jetzt nur mehr eine Hand voll Staub.

Meergeist 1937.

Kurz vor dem Krieg. Fürchteten sie einen Krieg? Er, dieser Meergeist? Das Meer sah so echt aus, dass sie beinahe den Tang riechen konnte. Wenn sie das Gemälde berührte, würde die Gischt ihre Hand benetzen. Sie blickte in diese grünen Augen. Sie wirkten nicht spöttisch. Sie lächelten die Künstlerin an. Was sagte dieser Blick?

»Ich kenne dich. Ich liebe dich.«

Einen Augenblick lang fühlte sich Holly wie ein Voyeur, der etwas Privates, etwas Heiliges beobachtete, ohne das geringste Recht dazu zu haben.

»Du hast doch nur mich, Tony.«

Das Gemälde bewies ihr, dass ein Teil ihres Lebens eine Lüge gewesen war. Tony mochte Hollys Ein und Alles gewesen sein, aber umgekehrt traf das nicht zu. Antonia Noble, die vergötterte unverheiratete Tante, die allein in diesem Cottage gelebt und sehnsüchtig auf Besuche ihrer Nichte gewartet hatte, hatte noch ein zweites, ganz anderes Leben geführt. Wie gut hatte sie ihr Geheimnis gehütet. Holly hatte immer wieder bei Tony gelebt, weil ihre Eltern als Missionare im Ausland gewesen waren. Außer ihr war niemand hier zu Besuch gewesen, und ganz bestimmt nicht dieser Mann.

Holly betrachtete die kniende Gestalt, die ihren Blick erwiderte.

Hollyberry.

Wer sprach da?

Sie war meine Tante, dachte Holly zornig. Ich hätte es gewusst. Sie hätte es mir gesagt. Holly sah auf die Uhr. Verrückt. Mitternacht war schon vorüber, aber sie musste die Bilder sehen, sie musste die Wahrheit herausfinden. Sie kehrte in die Mansarde zurück und packte so viele Gemälde wie möglich aus. Unmöglich, dass diese Bilder einem kranken Geist entsprungen waren. Hier handelte es sich nicht um die Werke einer einsamen, frustrierten, sexuell ausgehungerten alten Frau, die einen Mann malte, nach dem sie sich heimlich verzehrte.

Die Bilder hatten Titel und waren datiert. Blaise, Kensington Gardens 1938 ; Blaise, Paris 1954 ; Blaise, Torry Bay 1969; Blaise 1990. Blaise, Blaise, Blaise.

1990. Von Opernsängern hatte Holly wenig Ahnung, aber er war so berühmt gewesen – jeder kannte ihn –, und daher wusste auch jeder, dass er kurz nach 1990 gestorben war.

Holly betrachtete die Bilder, auf denen sie dargestellt war. Auf einem hielt er ihre Hand, und sie tanzte neben ihm ins Meer hinein, unbeschwert, zufrieden: Sie war ihm begegnet, hatte ihn gekannt und konnte sich nicht daran erinnern.

Mit einem unterdrückten Schrei warf Holly die Laken über die leuchtenden Bilder. Sie musste hier raus. Sie sperrte die Tür ab und lehnte sich dagegen. Ihr Herz pochte wild. Tony und Blaise Fougère.

»Die Menschen, die ich liebe, trage ich in meinem Herzen.«

Tony Noble und Blaise Fougère hatten sich über fünfzig Jahre lang gekannt; die Gemälde zeugten von Nähe, Vertrautheit. Bilder eines Mannes, gemalt von der Frau, die ihn liebte, und nach dem Funkeln in seinen Augen zu urteilen, hatte auch er sie geliebt. Ein Leben in Heimlichkeit. Wie war es möglich, dass Tony Noble Blaise Fougère so gut gekannt hatte und niemand davon wusste? Nein, unmöglich. Fougère war weltberühmt. Eine Zeit lang galt das auch für Tony. Die Presse hätte davon erfahren, wäre hinter das Geheimnis gekommen, hätte diese Liebe in den Schlagzeilen ausposaunt.

Aber die Gemälde logen nicht. Sie waren zu … intim. Unmöglich, dass sie nur der Phantasie entsprungen waren. Holly flüchtete sich ins Wohnzimmer zurück, kuschelte sich in den großen Sessel – Fougère war in entspannter Haltung auf diesem Sessel gemalt worden – und blickte übers Wasser auf die Hügel am anderen Ufer. Der Mond breitete einen silbernen Teppich über das Wasser.

Der Feenpfad.

Wie sehr hatte Tony diesen Blick geliebt, und wie gern hatte sie ihren Bruder, Hollys Vater, den Erzbischof Frederick Noble, geneckt.

»Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen«, hatte sie bei den seltenen Besuchen ihres Bruders, des Missionars, gern zitiert, »von welchen mir Hilfe kommt.«

»Wirklich, Antonia, wie oft muss ich dir noch sagen, dass es eine Frage ist: Woher wird Hilfe kommen? Die Berge sind voller Räuber.«

»Diese hier nicht«, gab Tony zurück.

Bei dem Gedanken an die beiden, die Tante, die sie so innig geliebt, und den Vater, den zu lieben und zu achten sie sich solche Mühe gegeben hatte, seufzte Holly. Jetzt waren beide tot, ihr Vater, der zu spät erkannt hatte, dass seine eigene Tochter ihm fremd geblieben war, und Tony, die Holly so gut zu kennen glaubte und von der sie eigentlich gar nichts wusste.

Blaise Fougère? Kein Zweifel, dass sie Opern geliebt hat. Sie hat mir die Oper nahe gebracht, Platten vorgespielt – waren welche von Fougère darunter? Während ihre Bilder in London und Glasgow ausgestellt wurden, ging sie in die Oper, aber das …? Ich kannte ihn, als ich klein war, und anscheinend mochte ich ihn. Aber stimmt das wirklich? Ich kann mich an nichts erinnern. Oder doch.

Tony hätte niemals gelogen.

Ihr ganzes Leben war eine Lüge.

War er der Grund, weshalb meine Besuche, als ich älter war, manchmal verschoben werden mussten? Bestimmt wollte er nicht, dass ich ihn zu Gesicht bekomme, wo ihre Beziehung doch geheim war, aber warum? Warum haben sie nicht geheiratet? Er war Franzose. War er katholisch? Tony hat sich doch nie um Konventionen gekümmert. Er vielleicht schon. Ob er mit einer anderen verheiratet war? Aber warum hat er sich nicht scheiden lassen? Vielleicht weil er katholisch war.

Dieses Bild ist 1937 datiert. War eine Scheidung damals schwieriger als heute?

Holly stand auf und machte sich eine Tasse Kaffee. Sie konnte es kaum fassen, was sie da herausgefunden hatte. Niemals hatte sie im Zusammenhang mit ihrer Tante an einen Mann gedacht. Auch wenn ihre Eltern geäußert hatten, Antonia solle doch einen netten Mann kennen lernen und ihr unkonventionelles Leben aufgeben, hatte Holly in ihrer Selbstgefälligkeit gedacht, dass Tony ja sie liebte und deshalb keinen anderen Menschen brauchte. Und die ganze Zeit hatte Tony Blaise Fougère geliebt.

Nein, das konnte nicht sein. Eine Affäre? Tony? Die exzentrische Tony hatte eine Beziehung mit einem weltberühmten Mann! War das denkbar? Nein, sie hätten es niemals geheim halten können. Und diese Gemälde? Sie zeigten ganz eindeutig einen Mann, der die Künstlerin liebte. Holly nahm ihren Kaffee und ging wieder nach oben. Vielleicht würde ihr der Inhalt der Schachtel ja weiteren Aufschluss geben.

Sie machte es sich auf dem Bett bequem, bevor sie die Kästchen öffnete, die sie in der Schachtel fand. Sie war froh, dass sie saß; ihre Knie hätten diesem neuerlichen Schock nicht standgehalten. Tiffany-Glas war nichts dagegen. Die Kästchen enthielten Schmuck, teure Einzelstücke: Diamanten, Smaragde, Saphire und Goldarmbänder. Ein Brief lag dabei.

Er war in vieler Hinsicht ein naiver Mensch, Holly. Er konnte nicht begreifen, dass es Frauen gibt, die keinen Schmuck mögen. Er war unglaublich großzügig – natürlich hat er für wohltätige Zwecke gespendet, aber wenn er viel Geld verdiente, hat er es gerne für Geschenke verwendet. Ich habe es aufgegeben, mit ihm zu streiten, und den Schmuck getragen, wenn wir zusammen waren. Die Rubine mag ich am liebsten, sie sehen auch zu Jeans großartig aus! Keine Perlen. Perlen bedeuten Tränen. Er wollte nicht, dass ich weine.

Holly griff nach der Halskette mit den Rubinen und dem dazugehörigen Armband. Die kostbaren Steine bildeten das Zentrum winziger Goldblumen und wirkten erstaunlich filigran.

»Aber nicht zu Jeans, Tony«, sagte sie und presste die Rubine an ihr Herz, wo sie die einzige wertvolle Kette berührten, die Holly besaß: die Perlen, die ihr John zum fünften Jahrestag ihrer Beziehung geschenkt hatte.

Die Rubine würde sie behalten, ganz gleich, was John sagte.

Was in aller Welt sollte sie bloß tun? Sie hatte sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, das Cottage zu verkaufen. Das Leben ging weiter, man musste nun einmal von Menschen und Orten Abschied nehmen. Aber jetzt gab es die Bilder, die wohl einen gewissen Wert besaßen, und den Schmuck und sogar die Möbel, die ihr als Kind nicht bemerkenswert erschienen waren.

Offenbar bin ich jetzt eine reiche Frau. John wird sich freuen.

Aber auch der Gedanke an Johns Freude konnte Holly nicht begeistern. Beinahe wünschte sie, die Anwälte hätten ihr den Brief nicht gegeben. Sie wollte Blaise Fougères Juwelen nicht, und auch seine Bilder konnten ihr gestohlen bleiben.

»Du kannst damit tun, was du für richtig hältst.«

Aber was hältst du für richtig, Tony? Du hoffst, dass ich ein paar als Andenken behalte. Das werde ich tun, aber ich kann sie nicht alle unterbringen und … sie sind wichtig, nicht wahr? Du warst eine anerkannte Malerin, und er war … eben Blaise Fougère. John als praktischer Mensch wird bestimmt sagen: »Jetzt sieht alles ganz anders aus, wir brauchen nicht mehr zu warten.« Aber ich wollte ihn gestern heiraten, als wir nichts hatten. Für meine Verhältnisse bin ich jetzt eine wohlhabende Frau. Was würde wohl der Direktor sagen, wenn ich kündige?

Aber das konnte sie nicht. Sie liebte Kinder. Wie sehr sie doch die Kinder anderer Leute liebte. Aber jetzt … Nein, da gab es zu viel zu bedenken. Eins nach dem anderen. Sie musste das Cottage zum Verkauf anbieten und dann erst einmal mit John reden. Wieder griff Holly nach den leuchtenden Rubinen, den kleinen funkelnden Blutstropfen, die ihr zuzuzwinkern schienen.

»Soll ich euch behalten? Soll ich euch tragen, oder werdet ihr mich nur an die andere Seite meiner geliebten Tony erinnern und an die Lügen, mit denen wir gelebt haben?«

Inzwischen war es so spät, dass es ratsam schien, ins Bett zu gehen. Die Gemälde hatten gewartet – manche von ihnen viele Jahre lang. Eine Nacht mehr oder weniger spielte da keine Rolle. Holly wachte am nächsten Morgen sehr früh auf und fühlte sich rundum zufrieden. Sie streckte die Hand nach John aus, ertastete aber nur die Bettkante und war enttäuscht. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie in Torry Bay war.

Sie setzte sich auf, sah dann aber, dass es draußen noch völlig dunkel war. Also legte sie sich wieder hin und rollte sich zusammen.

Wundervoll.

Wundervoll? Sie war hierher gekommen, weil Tony tot war. Tony, ihre wunderbare Tante, die ihr trotz widriger Umstände eine glückliche Kindheit geschenkt hatte, war für immer fort. Holly sah sie vor sich, wie sie in ihrem Atelier stand und malte, eine Zigarette im Mundwinkel. Nicht angezündet. Natürlich nicht. Schließlich liebte sie einen Sänger, einen Tenor, die empfindsamste Pflanze im Garten der Oper.

Und ich habe nichts geahnt. Was für ein selbstsüchtiger Fratz bin ich doch gewesen!

Vielleicht waren alle Kinder selbstsüchtig. Holly kannte viele Kinder, sie hatte Hunderte unterrichtet. Warum waren sie selbstsüchtig? Sie streckte sich, drehte sich auf den Rücken und schaute zur Decke. Der Morgen dämmerte, und das erste Licht drang ins Zimmer – ihr wundervolles Zimmer, in dem sie immer so glücklich gewesen war. Aber nichts war perfekt. In der Ecke war ein feuchter Fleck. Es schien ratsam, das Dach reparieren zu lassen, bevor sie das Cottage zum Verkauf anbot.

Dann fiel ihr ein, dass sie das Haus gar nicht zu verkaufen brauchte. Sie konnte es behalten. Gemeinsam mit John würde sie hier ihre Ferien verbringen. Sie stellte sich vor, wie sie ihm die Idee schmackhaft machen würde: Wirklich der ideale Ort, um abzuschalten, John!

John wollte in die Politik, zuerst auf kommunaler Ebene, dann nach London. Vor ihrem geistigen Auge erschien ein rosiges Bild: Mr. und Mrs. Robertson mit Tochter, nein, Sohn, Sohn und Tochter. Sie stöhnte und vergrub den Kopf im Kissen. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach John – oder sehnte sie sich nach dem Baby, das sie sich von ihm wünschte? Hier, in diesem Haus, grübelte sie zu viel, überließ sich zu sehr ihren Gefühlen.

Bitte, John, es bleiben uns doch nur noch ein paar Jahre zum Kinderkriegen.

Es war schon über zwei Jahre her, seit sie zum letzten Mal über den Hochzeitstermin und das künftige Familienleben geredet hatten, denn John hatte gekränkt und ärgerlich reagiert, als sie das Thema vorsichtig anschnitt. Natürlich hatte sie sich entschuldigt. Er hatte ja Recht, sie brauchte keine Kinder, um ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren, um sich zu beweisen, dass sie eine vollwertige Frau war. Nein, sie sah ihn nicht nur als Karrieremenschen und als Samenspender. Sie liebte ihn über alles. Aber diese Vorstellung von einer glücklichen Familie – Vater, Mutter, Kind, die sich liebten und füreinander einstanden –, einer Familie, in der jeder sich entfalten konnte, diese Vorstellung hatte sie nun mal, und sie würde warten, bis der richtige Zeitpunkt da war.

Damals waren ihr Zweifel gekommen, die sie immer wieder in einsamen Nächten heimsuchten. Wie lange hatte es gedauert, bis ihr klar wurde, dass sie seit Jahren nichts anderes tat, als auf Johns Bedürfnisse einzugehen? Aber die Menschen sahen es gern, wenn Politiker Familie hatten. Alles würde gut werden, und das hatten sie Tony und ihrer unerwarteten Großzügigkeit zu verdanken.

Wundervoll, dachte Holly. Ich werde den Kindern hier in Achahoish schwimmen und segeln beibringen.

Die Zukunft sah so rosig aus wie der Morgenhimmel. Holly schwang die Beine aus dem Bett, und ihre nackten Zehen berührten den kalten Boden. Teppiche. Sie musste eine Liste machen. Die nächste lästige Pflicht – nein, wieso lästig ? – war, John anzurufen und ihm die Neuigkeiten mitzuteilen.

Seine Stimme wirkte so nahe, als wäre er im Nebenzimmer. »Wie steht’s, Holly? Hast du schon mit einem Makler gesprochen? Ich hatte gehofft, du wärst schon auf dem Heimweg.«

Sie wickelte sich in eine Decke. Der September in Schottland mochte ja sehr schön sein, aber er war auch kalt. Sie lachte. Bestimmt war der Schmuck doch nicht so viel wert, aber wusste man’s?

»Was ist denn so komisch?«

»Nichts, Liebling, nein, ich habe noch keinen Makler. Ich bin eingeschlafen.« Sie wartete auf einen Wutausbruch, aber er blieb ruhig.

»Dann bestell heute jemanden her, und bring das Haus auf den Markt.« Er hielt inne, und sie konnte sich vorstellen, wie er sich zusammenriss und versuchte, nett zu sein. »Hast du Sachen gefunden, die du behalten willst? Ich hoffe, sie hat keinen Konzertflügel, den du mitnehmen musst.«

Dabei wusste er doch, dass es hier kein Klavier gab.

»Ich möchte einen Sessel.«

Er sagte nichts. Zweifellos ließ sein wacher Verstand die Möbel des Cottage Revue passieren. »Das kann doch nicht dein Ernst sein! Gut, ein Sessel, aber komm heim. Mein Bett ist so leer ohne dich.«

Über Betten wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen.

»John, vielleicht bringe ich den Sessel lieber nicht mit …«, begann sie. Sie musste ihm beibringen, dass sie das Cottage behalten würde.

»Großartig«, meinte er. »Die Möbel waren ja wirklich hübsch, aber nicht das Richtige für unsere Traumwohnung.«

»Du hast Recht, ich lasse die Sachen also hier. Dann können wir uns hier daran freuen.«

Jetzt kam der Wutausbruch. »Verdammt noch mal, Holly! Ich habe dir tausendmal gesagt, dass wir jeden Penny umdrehen müssen. Eines Tages werden wir ein Haus am Strand haben …«

Diesmal fiel sie ihm ins Wort. »John, ich kann es mir leisten, das Cottage zu behalten. Tony hat mir ein paar Bilder in ihrem Atelier hinterlassen. Weißt du noch, die Landschaft, die ich verkauft habe, als meine Eltern starben« – und dann rutschte ihr etwas heraus, was sie eigentlich nicht sagen wollte –, »die zehntausend Pfund, die ich dir für deine Anzahlung überlassen habe. Das war vor fünf Jahren. Und es sind ungefähr vierzig Gemälde.«

Seine Stimme klang erregt. »Zehn mal vierzig. Vierhunderttausend Pfund. Mein Gott!« Er verstummte, offenbar hatte es ihm die Sprache verschlagen. »Nein, so viel können die nicht wert sein, Holly. Sei nicht kindisch, du meine Güte. Das sind Bilder, auf denen sie sitzen geblieben ist.«

»Hallo, ich höre dich nicht. Meine Batterie ist leer«, sagte Holly und schaltete das Handy ab.

So hatte sie noch nie ein Telefongespräch mit ihm beendet. Eigentlich hatte sie das überhaupt noch nie getan.

Das ist die Luft.

Lachend lief Holly nach unten. Nach der zweiten Tasse Kaffee schämte sie sich, doch dann kam ihr der tröstliche Gedanke, dass sie John ja noch einmal anrufen konnte, wenn er vom Büro nach Hause kam. Es war keine gute Idee, so früh mit ihm zu telefonieren. Unter der Woche war er morgens zu nichts zu gebrauchen. Samstags und sonntags sah die Sache anders aus: Da war er morgens bester Laune. Bei diesem Gedanken lächelte sie, spülte ihre Tasse aus – wie dekadent – und ging nach oben, um zu duschen und sich anzuziehen. Aber eine Dusche gab es hier nicht.

Nächster Punkt auf der Liste. Teppiche. Dusche.

Ich muss an die Schule zurück. Die Kinder anderer Leute. Es ist doch nicht verkehrt, sich Kinder zu wünschen, bevor die biologische Uhr abläuft. Das hat nichts damit zu tun, dass ich ein Kind brauche, um meine Erfüllung als Frau zu finden.

Damit hat sich’s.

Jetzt musste sie mehr über die Gemälde herausfinden. Sie ging in Tonys Zimmer und zog die Schublade wieder auf, in der sie den Schmuck und die Skizzenblöcke gefunden hatte. Auf einigen ihrer Skizzen hatte Tony etwas notiert. Die Bemerkung, die Holly auf einer Zeichnung von ihr und John fand, gefiel ihr nicht besonders.

»Wann begreift sie’s endlich?«

Das war doch das Letzte! Wie konnte Tony es wagen, Tony, die keine Ahnung …

Aber Tony hatte Ahnung.

Sie blätterte die Skizzenblöcke durch und musste abwechselnd lachen und weinen, als sie ihre Eltern sah, sich selbst und Blaise, immer wieder Blaise. Der Pfarrer, mit dem Tony befreundet war, der Arzt, die alte Frau, die den Laden im Dorf hatte, ihre Schwäne, grässliche Vögel – schön anzusehen, aber

Treu bis zum Tod.

Hörte sie Stimmen? Wer hatte das gesagt? Wahrscheinlich hatte sie es irgendwo gelesen. Sie legte die Blöcke zurück. Unten durchforschte sie noch einmal Tonys Schubladen. Sie brauchte die Telefonnummer einer Kunstgalerie, mit der Tony Kontakt gehabt hatte. Ein Experte musste vorbeikommen und die Gemälde schätzen. Und dann der Schmuck, auch er sollte geschätzt werden, bevor sie ihn verkaufte.

Otto von Emler. Den Namen fand sie in Tonys Adressbuch. Er klang vertraut, wahrscheinlich hatte Tony gelegentlich ihren Galeristen erwähnt. Wenn es jemanden gab, der den Wert von Antonia Nobles Bildern kannte, dann er. Holly fühlte, wie Panik in ihr aufstieg. Es war zu früh. Sie konnte den Verkauf der Bilder nicht in die Wege leiten, bevor sie die Tatsache verdaut hatte, dass es sie gab. Sie musste mehr über Fougère herausfinden. Sie musste mit John sprechen und ihn um Rat bitten. Schließlich war er Anwalt.

Sie würde die Gemälde erst einmal hier im Cottage lassen, bis sie sich an ihre Existenz gewöhnt hatte. Was den Schmuck betraf, würde der Anwalt ihn irgendwo deponieren, bis sie sich um den Verkauf kümmern konnte. Die Rubine. Die Rubine würde sie behalten.

Sie passen großartig zu Jeans.

Wie die Faust aufs Auge, Tony, dachte Holly und musste lachen. Sie stürmte nach oben und holte den Schmuck heraus. Die Rubine zwinkerten ihr zu, taten ihr schön. Mit zitternden Händen legte sie sie an.

Wo hatten sich Tony Noble und ein weltberühmter französischer Tenor wohl kennen gelernt?

Wo?

KAPITEL 2

LONDON 1937

Meergeist

Der Mai war der schönste Monat des Jahres. Sie würde ihn so malen, dass es einfach jedem gefallen musste. London hatte unter den Weltstädten nicht ihresgleichen – das behauptete sie einfach, obwohl sie keine andere kannte –, und im Mai war London atemberaubend schön. Über den Straßen lag ein Schleier von magischem Licht, das die Gebäude in Rosa oder Blau, in Lila oder das hellste, zarteste Grün hüllte. Die Bäume standen in vollem Laub, und die Grüntöne auf den Straßen Londons bezauberten das Auge. Im Regent’s Park und zweifellos auch in allen anderen Parks glitten Schwäne majestätisch über das gläserne Wasser – verloren aber ihre Würde, sobald sie auf der Wiese herumwatschelten.

»Du dummer Schwan«, sagte Antonia Noble zu dem großen weißen Vogel, der sie ziemlich bösartig anfunkelte, »du solltest wirklich in deinem Element bleiben, wenn du deine Schwäche vor den bewundernden Augen der Leute verbergen willst. Auf dem Trockenen, mein Lieber, wirkst du wie der Kerl von der Kneipe nebenan. Als Nächstes ziehst du eine Zigarette unter dem Flügel hervor und fängst an, ungeniert zu paffen.«

Der Schwan zischte sie an und watschelte davon.

Tony lachte. Sie hieß Tony, seit sie mit dem Zug vom Land nach London gekommen war. Sie war achtzehn Jahre alt und studierte in London Kunst. Ihre Eltern hatten äußerst erstaunt zur Kenntnis genommen, dass sie auf die Kunstakademie wollte. Malen war etwas für Bohemiens, also ganz sicher nicht die richtige Beschäftigung für die Tochter eines Dorfschullehrers. Ihr Sohn war für den geistlichen Stand bestimmt, und die Tochter sollte Lehrerin werden.

Aber genau das wollte sie nicht. Die Eltern kamen zu dem Schluss, dass Antonias Pläne eigentlich nie mit den ihren übereinstimmten. Natürlich versuchten sie, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

»Mach einen ordentlichen Abschluss, werde Lehrerin und mal in deiner Freizeit ein paar hübsche Bilder. Kunstakademie, wirklich, Antonia, das klingt ziemlich überspannt.«

Aber sie hatten nachgegeben, weil Antonia sich schlichtweg weigerte, einen anderen Beruf zu ergreifen. Frederick, Gott sei Dank konnte Frederick es gar nicht abwarten, ans College zu kommen und Theologie zu studieren. Anschließend wollte er um jeden Preis nach Übersee, um Heiden zu bekehren.

»Die armen Heiden tun mir schon jetzt Leid«, witzelte Antonia.

»Passt auf, oder er kriegt euch!«, rief sie, und das junge Paar, das seinem rundlichen Kleinkind beim Entenfüttern half, starrte sie irritiert an.

Wie sollte sie ihnen erklären, dass sie gar nicht gemeint waren?

Fröhlich schlenderte sie weiter und schwang ihre Tasche hin und her. Zu Mittag gab es ein Sandwich mit Käse und einen Apfel. Für ihr Festmahl brauchte sie nur ein stilles Plätzchen in der Sonne.

Am Weg stand eine gusseiserne Bank, aber unter den Bäumen im Gras war es doch viel schöner. Doch sie hatte die guten Ratschläge ihrer Mutter noch nicht vergessen. Sie konnte förmlich die Stimme ihrer Mutter hören.

»Geh nicht ins nasse Gras!«

»Pass auf, dass die Bank sauber ist, bevor du dich setzt!«

Mechanisch wischte Tony die Bank ab und setzte sich. Sie öffnete die Tasche und freute sich an dem Geruch von Brot, Käse und Apfel. Mrs. Lumsden, ihre Wirtin, die »Zimmer an Damen« vermietete, in einem Haus, das nur einen Katzensprung vom British Museum entfernt lag, buk das Brot selbst und geizte nicht mit Butter und Käse. Tony wollte gerade in das Sandwich beißen, da bemerkte sie den Mann.

Er lag auf dem Bauch im Gras und las, auf schlanke, sonnengebräunte Arme gestützt, in einem Buch. Seine Lektüre fesselte ihn offenbar so, dass er sie nicht gar nicht bemerkte. Als sie sein Gesicht sah, wusste sie, dass es sie für den Rest ihres Lebens verfolgen würde, wenn sie es nicht sofort zeichnete. Er war schön, hatte tief liegende Augen – bestimmt waren sie blau –, eine gerade Nase, schwarze Locken, die ihm wie von einem Künstler arrangiert in die hohe Stirn fielen, und einen schönen, sinnlichen Mund. Nur der Grashalm, an dem er kaute, wirkte störend, aber den konnte sie ja weglassen.

Sie biss in ihr Sandwich, legte es weg, kramte ihren Kohlestift heraus und begann mit flotten Strichen zu zeichnen. Er war das ideale Modell, weil er sich nicht bewegte. Sein Gesicht hatte sie schon eingefangen – aber sie musste seine Augen sehen, unbedingt –, und nun zeichnete sie die Hand, die das Buch hielt. Wie wunderbar war sie geformt, die Finger lang und feingliedrig, gut geschnittene, saubere Nägel – wie erfrischend, einen jungen Mann mit sauberen Fingernägeln zu sehen. Vielleicht war er ja Pianist: Er studierte Noten. Nein, er war nur ein Junge, aber sie würde mehr über ihn wissen, wenn sie seine Augen sah.

Sie waren grün. Eine Überraschung, zweifellos, aber sie wusste sofort, dass grün am besten zu ihm passte. Er war ein Geschöpf des Meeres, das die Wellen an Land gespült hatten. In einem früheren Leben war er auf dem Rücken von Delphinen geritten. Und so würde sie ihn malen mit seinen meergrünen Augen und seinen schwarzen Locken: eine mythologische Gestalt.

»Haben Sie eine Genehmigung?«, fragte er plötzlich, und sie fuhr zusammen, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass er etwas sagen könnte. Er war so still gewesen – ein Stillleben im Regent’s Park.

»Eine Genehmigung?«, fragte sie verständnislos.

»Mein Porträt zu malen?«, ergänzte er. Er sprach mit starkem Akzent, aber sein Englisch war gut, wenn auch ein wenig altmodisch.

»Nein«, erwiderte sie und wusste, dass das noch dümmer wirkte als ihre erste Erwiderung.

»Dann muss ich es mir ansehen und entscheiden.« In einer raschen, fließenden Bewegung erhob er sich, und sie sah, dass er obendrein hochgewachsen war. Nun streckte er ihr erwartungsvoll seine schönen Hände entgegen. Sie betrachtete sie – diese Hände musste sie meißeln – und reichte ihm schweigend ihren Skizzenblock.

Er setzte sich im Schneidersitz ins Gras. Er schien wirklich unglaublich fit zu sein. Womöglich ein Sportler, denn er war ausgesprochen gut gebaut, breite Schultern, muskulöse Brust, schmale Hüften, lange Beine. Sie unterdrückte den jähen, erschreckenden Wunsch, ihn zu berühren.

Langsam und systematisch blätterte er ihren Skizzenblock durch. Später würde sie feststellen, dass das grundsätzlich seine Art war. Danach gab er ihr den Block zurück und lächelte. Sein Lächeln wirkte geradezu elektrisierend auf sie.

»Bien«, lobte er. »Sie können weitermachen, aber zuerst esse ich den Rest von Ihrem Sandwich auf. Als Bezahlung.«

Sie war verwirrt, verhaspelte sich. Wieder lächelte er sie an, als wäre sie ein Kind, und griff nach ihrem Esspaket.

»Sie können den Apfel haben«, meinte er großzügig, »aber dieses Brot, der Duft ist mir schon dort auf der Wiese in die Nase gestiegen. Englisches Brot schmeckt nach nichts, wissen Sie, aber das da?«

»Meine Zimmerwirtin bäckt es selbst.«

»Nimmt sie auch männliche Studenten?« Er brach das Sandwich in zwei ungleiche Teile und gab ihr den kleineren, von dem sie bereits abgebissen hatte. »Hier, ich will nicht gierig sein. Ich gebe Ihnen die Hälfte zurück.«

Tony betrachtete ihren Anteil. Im Rechnen war er nicht so gut wie in Fremdsprachen. »Nein, ich meine, danke für das Sandwich. Nein, die Pension ist nur für Frauen.«

»Ich wohne in einem kleinen Hotel an der Marylebone Road« – er sprach es wie Mary Le Bone aus – »und alles, was man über die englische Küche hört, wurde in diesem Hotel geschrieben.« Er hatte ihr Sandwich bereits verdrückt.

Ein Hotel? Er war auf Urlaub hier, würde wieder abreisen, und sie würde ihn nie wiedersehen. Plötzlich erschien ihr die Welt völlig trostlos.

»Machen Sie weiter«, sagte er. »Ich nehme Position ein.«

Sie lachte. Er wollte gezeichnet werden und fand es entzückend, dass sie seiner Schönheit Tribut zollte. Keiner der Jungen aus dem Dorf hätte so reagiert wie dieser junge Mann. Schon streckte er sich wieder mit seinem Buch im Gras aus. »Studenten.« Konnte er als Student in einem Hotel wohnen? Dann war er bestimmt reich. Sie hatte noch nie jemanden kennen gelernt, der reich war, also konnte sie nicht beurteilen, ob dieser junge Mann – wie hieß er eigentlich? – ein typisches Beispiel dafür war.

»Worüber lachen Sie?« Er rührte sich nicht von der Stelle.

»Über Ihr Ego.«

Rasch setzte er sich wieder auf und blickte sie erstaunt an. »Aber das Ego ist doch notwendig. Warum sagen Sie es mit Verachtung? Auch Sie müssen dieses Ego haben, oder Sie werden nie eine große Malerin.«

»Oh, doch, das werde ich. Und zwar die größte.«

Er nickte ernst. »Gut. Das ist richtig so. Ohne Ego werden Sie nicht kämpfen. Sie sagen: ›Ich bin groß‹, und voilà, bevor Sie sich versehen, sind Sie groß, und was noch wichtiger ist, die Welt gibt es zu.«

»Legen Sie sich wieder hin«, befahl sie und errötete, als sie sein verschmitztes Lächeln sah. »Ich habe nicht viel Zeit.«

Er »nahm Position ein«, und sie zeichnete.

Was sollte sie zu ihm sagen? Wie konnte sie ihn in ihren Bann ziehen? Wie konnte sie ihn hier behalten? Sie wusste nicht, wie ihr geschah, aber ein Blick aus diesen schalkhaften Augen hatte genügt, und nun war sie ihm verfallen. War es eigentlich sehr unhöflich, persönliche Fragen zu stellen, zum Beispiel: »Wie lange bleiben Sie in London? Könnten Sie bitte für immer bleiben?«

»Was ist das für ein Buch?«, fragte sie unbeholfen.

»Streng genommen ist es gar kein Buch. Es ist eine Partitur, Lohengrin

Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

»Wagner«, erklärte er ungeduldig. »Haben Sie schon von Wagner gehört?«

Natürlich hatte sie von Wagner gehört. »Er ist schrecklich deutsch«, murmelte sie.

Er ließ das Buch – die Partitur – sinken. »Mon Dieu. Er ist Komponist. Spielt es da eine Rolle, wie deutsch er ist, was immer das heißen soll. Sie, Mademoiselle, sind schrecklich englisch.«

Sie lachte. »Touché.«

Wieder setzte er sich auf und lächelte. Sie war erleichtert, denn sie hatte gedacht, sie hätte ihn verärgert. Doch sie konnte ihn nicht zeichnen, solange er mit gekreuzten Beinen dasaß wie ein zu groß geratener Gartenzwerg.

»Sie sprechen Französisch?«

»Nein, mein Wortschatz beschränkt sich auf touché

»Ich bringe es Ihnen bei. Es ist eine sehr kultivierte Sprache. Und jetzt muss ich weg, oder ich komme zu spät zum Unterricht.« Er wies mit einer vagen Geste auf die Royal Academy of Music.

Verdutzt sah sie ihm nach, wie er mit langen Schritten über die Wiese ging. Doch dann … drehte er sich um. »Bis morgen«, rief er. »Bringen Sie mehr Brot mit.«

Sie schaute ihm nach, bis er verschwunden war, dann steckte sie den Block wieder in ihre Tasche und verließ den Park. Er hatte Unterricht. Auch sie hatte Unterricht, aber wäre er im Park geblieben, dann wäre auch sie geblieben und hätte sich keine Gedanken über die Folgen gemacht. Ohne recht zu wissen, was sie tat, ging sie zur Haltestelle und erwischte gerade noch den Bus, der sie zur Slade School of Fine Arts in der Gower Street brachte. An dem Tag, an dem einem das Schicksal begegnet, spielt die Zeit keine Rolle.

Heute Morgen war es noch das Wichtigste in ihrem Leben gewesen, dass sie an dieser angesehenen Akademie studieren durfte. Jetzt war das alles unwichtig – alles außer einem Jungen mit grünen Augen und schönen Händen, der ihr Sandwich aufgegessen hatte und den sie vermutlich nie wiedersehen würde.

Sie lächelte, hüpfte wie ein kleines Mädchen, und die beiden älteren Frauen, die auf einer Bank saßen und die Passanten beobachteten, fühlten sich in ihre Jugend versetzt.

Als sie in dem Atelier saß, wo der Anatomiekurs stattfinden sollte, zeichnete sie einen Kreis springender Delphine rund um den Jungen.

Sie versuchte sein Gesicht aus der Erinnerung zu zeichnen, ein schelmisches Funkeln in die grünen Augen zu legen, aber obwohl es ihr gelang, die Farbe annähernd zu treffen, schielte er schließlich auf ihrem Bild, und als der Dozent endlich zu erscheinen geruhte, war ihre Stimmung auf den Nullpunkt gesunken.

Am nächsten Morgen bat sie Mrs. Lumsden um zwei Sandwiches.

Ihre Wirtin, die ihr nahrhaften Porridge zum Frühstück angeboten hatte, lächelte. »Natürlich, Schätzchen, aber sage ich euch nicht immer, wenn ihr den Tag mit einem Teller Porridge beginnt, haltet ihr bis zum Abendessen durch.«

Tony setzte sich und schenkte sich Tee aus einer großen Kanne ein. »Sie haben selbstverständlich Recht, Mrs. Lumsden, aber genau dasselbe hat meine Mutter immer gesagt, und ich bin entschlossen, nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben. Außerdem verabscheue ich Porridge. Man versteht die Schotten besser, wenn man Porridge anschaut. Entweder sieht er vollkommen tot aus, oder er brodelt wie ein Vulkan.«

Die Wirtin verschränkte die Arme über ihrer breiten Brust. »Was Sie auch immer als Nächstes sagen wollen, Miss Noble, geben Sie nur Acht, dass meine schottischen Damen Sie nicht hören.«

»Das bleibt unser kleines Geheimnis, liebe Mrs. Lumsden. Und könnte ich heute zwei Sandwiches haben, große?« Sie schenkte ihrer Zimmerwirtin ein gewinnendes Lächeln, und Mrs. Lumsden ging kopfschüttelnd in die Küche, um die Sandwiches zu machen. Ihre jungen Damen brauchten nicht zu hungern, und wenn sie lieber aufs Frühstück verzichteten und dafür zwei große Sandwiches als Proviant mitnahmen, war das ihr gutes Recht. Damen waren sie alle, auch wenn Miss Noble ein bisschen anders war als die anderen. Und Damen hatten nun mal ihre eigenen Vorstellungen.

Zehn Minuten später überreichte sie Tony ein großes Paket. »Und nehmen Sie sich zwei Stück Obst von der Anrichte«, schlug sie vor. »Auch wenn Sie noch so eifrig studieren, dürfen Sie darüber nicht Ihre Gesundheit vernachlässigen.«

Tony gehorchte lächelnd. Später fiel ihr ein, dass es moralisch nicht ganz einwandfrei war, diesen … wer immer er auch sein mochte, von ihrer Wirtin durchfüttern zu lassen, selbst wenn sie, Tony, zum Ausgleich aufs Frühstück verzichtete. Aber im Augenblick ging es ihr nur darum, den Vormittag irgendwie zu überstehen.

Dennoch konnte ihr Lehrer sie auch an diesem Morgen in seinen Bann ziehen. Er war eigenwillig, aber Tony war bereit, seinen Ausführungen zu lauschen, um dann über das Gehörte nachzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden.

»Die Vernunft und jeder Experte mit geschultem Auge sagt mir, dass Turner der größte britische Maler war. Es gibt Leute, die Constable kopieren – wobei man durchaus etwas lernen kann –, doch Constable ist etwas für den Amateur, Turner hingegen für den echten Künstler … Aber wenn Sie wirklich malen und nicht nur hübsche Schmierereien in Öl fabrizieren wollen, dann studieren Sie Tizian. Fahren Sie nach Italien. Mit dem Bus kostet das nur ein paar Pfund. Tizian konnte wie kein anderer vor oder nach ihm mit Farbe umgehen. Seine Blau- und Rottöne singen. Ihr Rot, Miss Noble, schreit auf vor Qual. Lindern Sie seinen Schmerz.«

Sie nahm sich vor, Tizian zu studieren. Und auch Turner, obwohl seine Meeres-Ansichten sie förmlich überwältigten. Aber sie würde sich auch mit Constable beschäftigen. Ihr gefielen die Gemälde, die sie von ihm gesehen hatte, und sie wollte sich eine eigene Meinung bilden. Unterdessen versuchte sie, ihr Rot von seiner Qual zu erlösen, aber weil sie es im Grunde ganz in Ordnung fand, abgesehen davon, dass es nicht sang, konnte sie es ihrem Lehrer nicht recht machen. Sie entschied sich, ihren Vater nicht um die »paar Pfund« zu bitten. Tizian und Italien mussten warten, so wie sie jetzt auf die Mittagspause wartete.

Ausgerechnet heute wollten einige ihrer Kommilitonen sie überreden, mit ihnen in die National Gallery zu gehen, um dort das Streitgespräch Turner gegen Constable fortzusetzen.

»Sie sind einfach zwei unterschiedliche Maler«, rief sie, während sie die Treppe hinunterhastete, »ich mag sie beide.«

Dann stand sie draußen, und der Himmel war bedeckt. Bestimmt würde er nicht kommen. Bedrückt ließ sie sich auf der Parkbank nieder und kaute lustlos an ihrem Sandwich. »Ich hätte mit ihnen gehen und über Turner diskutieren sollen«, klagte sie einem Spatzen und fütterte ihn mit Brotkrumen.

»Wer ist Turner?« Er war da. Sie hatte ein kurzärmliges Hemd mit offenem Kragen erwartet, aber er trug einen dicken dunkelgrünen Pullover.

»Sie sehen aus wie ein Fischer«, sagte sie betont gelassen, obwohl ihr Herz hämmerte, als wäre sie gerade zur Bushaltestelle gerannt. »Gestern dachte ich noch, dass Sie einem Meergeist ähneln.«

Er sah an seinen Beinen hinunter. »Für einen Meergeist sind meine Beine zu lang«, meinte er nüchtern. »Außerdem haben Sie meine Frage nicht beantwortet.«

»Was ist Lohengrin?«, fragte sie. Sie brachte es nicht über sich, ihn anzuschauen, als er sich neben sie setzte, aber sie nahm ihn deutlicher wahr als je irgendeinen anderen Menschen.

»Touché«, erwiderte er. »Jetzt erzähle ich Ihnen von Lohengrin, und Sie erzählen mir von Turner, aber haben Sie auch Brot mitgebracht?«

Wortlos griff sie in ihre Tasche und nahm das für ihn bestimmte Sandwich heraus.

»Schade um das gute Brot«, rügte er, klappte das Sandwich auseinander und kratzte den Käse ab. Dann zog er ein Päckchen hervor, und als er es öffnete, stiegen Tony unbekannte, aber verlockende Düfte in die Nase. »Ich bringe Wurst und richtigen Käse mit«, erklärte er. »Und jetzt werfen Sie Ihren Käse diesen hungrigen kleinen Vögeln hin, und greifen Sie zu. Wein habe ich auch dabei.«

»Wein?« Wein, Ingwerwein, gab es in Tonys Familie zu Weihnachten. Aber das hier war etwas anderes. Er war rot und weich und rann ihr wie Wasser die Kehle hinunter.

»So sieht eine zivilisierte Mahlzeit aus«, erklärte er. »Brot, Wurst, Käse und ein Glas Wein. Obst wäre auch gut, aber alles, was ich gefunden habe, war alt und verschrumpelt.«

»Ich habe einen Apfel und einen Pfirsich mitgebracht.«

Er prüfte die Früchte kritisch. »Bien. Und jetzt sollten wir einander vorgestellt werden, finden Sie nicht? Wer soll das tun? Dieser kleine Spatz? Monsieur, wollen Sie Blaise Fougère dieser großen Künstlerin vorstellen?«

»Sehr erfreut, Mr. Fougère«, sagte Tony ernst und streckte ihm die Hand entgegen.

Er ergriff sie, und Tony durchlitt Qualen, als sie merkte, wie sie errötete. Was machte er nur mit ihr? Es musste am Wein liegen.

»Und Sie, Mademoiselle? Erlauben Sie, dass Monsieur Spatz Sie mir vorstellt?«

Wenn er doch nur ihre Hand loslassen würde.

»Antonia Noble«, sagte sie.

»Antoinette. Wunderbar.«

»Eigentlich nenne ich mich jetzt Tony. Das klingt doch nach Künstlerin, finden Sie nicht?«

»Ich finde, es klingt nach Mann, aber da es Ihr Name ist, Tony, nenne ich Sie Tony.«

»Und Sie sind Blaise?«

»Ja. Der Schutzheilige der Kehle, aber das ist ein Zufall, oder vielleicht auch nicht. Meine Eltern glauben nicht, dass aus ihrem Kind ein Sänger wird, sie meinen, er wird Anwalt wie der Papa.«

»Sänger?« Sie dachte an das Buch, Lohengrin. »Opernsänger? Meine Güte, ich bin noch nie einem Opernsänger begegnet. Ehrlich gesagt, habe ich noch nie eine Oper gehört«, plapperte sie. Bestimmt hielt er sie für dumm. »Ich weiß schon, ›Wie eiskalt ist dies Händchen‹ und ›Oh, teurer Vater‹ und ›Ach, lieber Südwind, blas doch mehr‹, das kommt ja ständig im Radio.«

Er verzog schmerzlich das Gesicht.

»Sie haben ein unglaublich ausdrucksvolles Gesicht, Blaise.« Sie hatte den Namen noch nie gehört, aber er gefiel ihr. »Das sind keine Opernarien, oder?«

»Wir müssen beide noch viel lernen, Tony. Ich bin kein Opernsänger, sondern Student. Ich studiere Gesang, und eines Tages werde ich vielleicht singen.«

»Ich würde Sie gerne singen hören«, sagte sie schüchtern.

Er zuckte die Achseln. »Eines Tages. Und jetzt, Miss Tony, erzählen Sie mir von Antoinette. Warum ist sie Malerin geworden?«

»Ich bin keine Malerin, und wahrscheinlich denken meine Lehrer, dass auch nie eine aus mir wird. Mein Lieblingsdozent hat mir heute erklärt, dass mein Rot nicht singt. Das war ziemlich demoralisierend.«

»Ich glaube, ich weiß, was er meint. Rottöne sollten rufen: ›Schaut mich an!‹ Das lernen Sie noch. Sie müssen die alten Meister studieren. Wir lernen von den großartigen Toten, Tony. So viele große Männer, und man meint, alles wurde schon geleistet, ich werde nicht gebraucht, aber es ist doch so. Und Sie lauschen dem Lehrer, der Ihnen das Herz bricht, aber Sie lassen nicht zu, dass er Ihnen auch den Geist bricht, und eines Tages wird Ihr Rot höher singen als jedes andere.«

»Und Ihre Stimme – wird sie auch höher singen?«

Er lachte. »Ich bin, falls Ihnen das entgangen ist, kein Sopran, und die höchsten Tonlagen sind nicht das Ziel. Die Rolle mit Farbe zu interpretieren – so wie Ihre Rottöne – heißt, sie mit Scharfsinn und Feingefühl zu deuten, damit man eines Tages sagen kann: Vielleicht würde es Beethoven gefallen, wie ich seinen Florestan singe …«

Er verstummte und sah sie an. »Kennen Sie Beethoven?«

Sie nickte.

»Und den Florestan?«

Beschämt schüttelte sie den Kopf.

Er nahm sie in die Arme. Niemand hatte sie je einfach so umarmt. Wie französisch er war! Bestimmt hatte sie ein bisschen französisches Blut in den Adern, denn sie wollte seine Umarmung erwidern, aber da streckte er bereits die Hand aus, um ihr aufzuhelfen.

»Wir werden so viel Spaß haben, Toinette.« Offenbar hatte er bereits vergessen, dass er sie Tony nennen wollte. »Sie lehren mich Malerei, und ich lehre Sie Musik. Aber jetzt habe ich Unterricht, und der Maestro wird sagen: ›Gehen Sie zurück nach Frankreich. Sie hören sich an wie ein Schwein in der Senkgrube.‹ Das mit dem Schwein und der Senkgrube verstehe ich zwar nicht ganz, aber ich werde mich ins Zeug legen und um eine weitere Chance bitten, weil ich gehört habe, dass er das zu allen sagt. Und eines Tages wird er in Covent Garden an der Bar stehen und sagen: ›Fougère, ich habe ihm alles beigebracht, was er kann.‹ Und Sie malen mein Porträt als Lohengrin, und es wird in Paris hängen.«

Sie glaubte ihm. Genauso würde es kommen. Es gab nichts, was sie nicht hätten erreichen können. Sie waren jung, sie waren in London, und eine glänzende Zukunft wartete auf sie.

Aber zunächst einmal würde sie lernen, ihr Rot ein bisschen summen zu lassen. Und sie würde ihn auf dem Rücken eines Delphins malen.

KAPITEL 3

TORRY BAY 1998, GLASGOW 1998

Entscheidungen standen an. Die Gemälde mussten geschätzt werden, und der richtige Mann für diese Aufgabe war zweifellos Tonys Galerist. Wusste er überhaupt, dass sie tot war? An der Trauerfeier hatten nur Holly, John, der Anwalt und Mrs. Fraser aus dem Laden teilgenommen. Tony hatte keinen Trubel gewollt.

Die Asche. Tonys letzter Wunsch.

… so nah wie möglich an das herankommen, wo ich hinwill.

Holly legte ihre Liste auf den Tisch. Später würde sie hinzufügen: Anwalt anrufen, Galeristen anrufen, aber zuerst wollte sie Tonys letztem Willen Genüge tun. Sie griff nach der Schatulle mit der Asche ihrer Tante. Draußen war es kalt und klar. Das Meer war ruhig. Auf den Wellen wiegten sich Schwäne. Aus diesem Grund hatte Tony Schwäne gemalt – weil sie da waren. »Lieber Gott, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Verzeih mir.« Ob ihr Vater wohl wusste, dass seiner einzigen Tochter in diesem schicksalsschweren Augenblick kein einziges Gebet einfiel?

Lohengrin.

Das war kein Gebet. Ein Flüstern. Dumme Holly, hier war niemand, der dieses Wort flüstern konnte.

Hollyberry.

Sie schüttelte den Kopf und wischte sich die Augen. »Tony, liebste Tante, liebste Freundin, wir sind nun zum letzten Mal zusammen. Nein, das ist nicht wahr. Du wirst immer bei mir sein. Siehst du uns – deine Nichte und deine Schwäne? Wo bist du jetzt? Hier, als Asche in einer Schatulle, oder irgendwo bei ihm? Wenn Gott gerecht ist, Tony, und das habe ich immer angenommen, dann bist du bei Blaise. Ich trage deine Rubine. Ich muss sagen, ich komme mir damit ein bisschen komisch vor, aber sie waren dein Lieblingsschmuck, und sie machen mir Mut. Ich wünschte, du wärst hier und könntest die Ausstellung erleben, die ich organisieren werde. Irgendwann nächstes Jahr gibt es diese Ausstellung mit deinen wunderbaren Bildern, und sie wird die Kunstwelt in Erstaunen setzen. Und ich sage nicht leb wohl.«

Sie sah, dass die Schwäne herangeschwommen waren und sie anblickten. Ein weiterer Titel für ein ungemaltes Meisterwerk. Trauernde bei einer Beisetzung oder Schwäne in Torry Bay. Aber es war niemand da, der es hätte malen können. Sie öffnete die Schatulle und verstreute die Asche.

Verdammt, sie sah nichts, wegen der Tränen und der Septembersonne, die sich auf dem Wasser spiegelte. Für einen Moment schloss sie die Augen und nahm den kräftigen Geruch des Meeres wahr.

»Die Entscheidung über die Ausstellung habe ich gerade getroffen, Tony. Hättest du das gewollt?«

Hollyberry.

Wer sprach da, wer?

»Hast du mir nicht gesagt, dass man mit geschlossenen Augen besser hört, Tony? Ich höre das Meer, es ist ein schlürfendes Geräusch. Und ich rieche es – und auch den komischen Kokosnussduft des Stechginsters. Wenn ich irgendwo in der Welt wäre und die Augen zumachte, könnte ich mir den Geruch von Achahoish und Torry Bay vorstellen und dich, liebe Tony, vor mir sehen. Farbe, immer wenn ich Farbe rieche, bin ich bei dir in deinem Atelier unterm Dach. Weißt du noch, wie viel Spaß wir hatten, du mit deinen wunderbaren Farbwirbeln und ich mit meinem Gekleckse? Und wie großzügig von dir, dass du solche abscheulichen Bilder geduldet hast.«

Als Kind hatte Holly es ganz normal gefunden, dass ihre Bilder neben Tonys hingen. Erst mit vierzehn hatte sie ihrer Tante klarmachen können, dass sie um die Wertlosigkeit ihrer Werke wusste und kein Trauma davontragen würde, wenn sie dorthin wanderten, wo sie hingehörten – in den Müll.

Jetzt schluchzte sie laut und hemmungslos, sodass ihr die Nase lief. Sie hatte kein Taschentuch und fuhr sich mit der Hand über die Nase wie ein Kind. Ein Kirchenlied wäre nun angebracht gewesen. Aber alles, was ihr einfiel, war »Stille Nacht, heilige Nacht«. Ein Fluch lag ihr auf der Zunge, aber dann erinnerte sie sich gerade noch rechtzeitig daran, dass sie ja eine Art Gottesdienst abhalten wollte.

Ich hätte mich besser darauf vorbereiten sollen, liebste Tony.

Sie schlug die Augen auf und sah nur das leise seufzende Meer und die Schwäne, die im Rhythmus der Wellen schaukelten. »Leb wohl.« Jetzt hatte sie es doch gesagt.

Sie wandte sich um und lief zurück ins Cottage. Sie spülte das Geschirr, zog die Bettwäsche ab und steckte sie in ihren Koffer, dann stellte sie den Strom ab. Die Gemälde und den Schmuck hatte sie wieder dort verstaut, wo sie jahrelang verborgen gewesen waren. Bestimmt waren sie dort sicher, bis sie mit Otto von Emler gesprochen hatte.

Lange stand sie im Eingang und wünschte sich, hier bleiben zu können. Hier bin ich zu Hause, wenn ich je ein Zuhause hatte, dann hier. Sein Zauber rührt mich an, wo immer ich auch bin. Dann lächelte sie, denn dank Tony gehörte dieses Haus ihr, und sie konnte für immer hier bleiben, wenn sie wollte.

Sie fuhr langsam nach Glasgow zurück, ohne auf den Verkehr zu achten, weil sie über so vieles nachzudenken hatte. Die Gemälde mussten verkauft werden. Allein schon ihrer Größe wegen waren sie in einem normalen Haus kaum unterzubringen. Und was noch wichtiger war: Alle zusammen stellten sie ein wertvolles historisches Dokument dar und sollten der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden.

Wie gern würde ich sie alle an Wänden sehen, wo sie gut zur Geltung kommen! Aber zuerst will ich sie mir in aller Ruhe selbst ansehen und ihnen ihre Geheimnisse entlocken, denn sie bergen einige Geheimnisse. Und dann möchte ich, dass die Welt Tony Nobles Genie würdigt.

A

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