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Schluss mit Liebsein

Katharina Senta Mieling

Schluss mit Liebsein

Mein Weg in die Freiheit für Kinder und Jugendliche mit Selbstmordgedanken

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Wer will schon freiwillig ein Buch über Selbstmord bei Kindern und Jugendlichen schreiben? Ich nicht! Doch die Begegnungen und die Fälle aus meiner Praxis haben mich tief berührt und erschüttert.

Mit jeder jungen Seele war ich erneut mit diesem Thema konfrontiert und aus der Summe meiner Arbeit mit allen Begleiterscheinungen wie Ohnmacht, Scham, Wut und Trauer manifestierte sich der Buchstoff in mir. Die Lebensfreude und das Glück bei jedem einzelnen Fall haben mich dann überzeugt, dieses Thema öffentlich zu machen und zu zeigen, dass eine Umkehrung aus tiefsten Depressionen hin zum erfüllten Sein möglich ist.

Letztendlich geht es darum, dass wir alle in Konzepten feststecken und um die Frage: »Wer bist du wirklich?« Die Heilerin in mir entwickelte sich natürlich und veränderte sich mit meinen eigenen Prozessen. Mein Wirken in meiner Arbeit besteht heute darin, Menschen mit körperlichen, psychischen und seelischen Problemen eine Abkürzung zu zeigen. Es geht um Wahrnehmung und Bewusstmachen der eigenen Geschichte und um die Chance, zu erkennen, dass alles schon da ist.

Wir sind heil und ganz! Mach dich frei und sei bewusst! Das ist der Schlüssel.

Ich freu mich, wir sind verbunden

Einführung

Hey, Du, ich kenne Dich. Ich weiß, wer Du bist, und ich weiß, wie Du fühlst. Dieses Buch ist kein allgemeingültiges Rezept für alles und jeden, der sich in diesem Leben nicht mehr zu Hause fühlt. Aber vielleicht kann es ein Krückstock sein, ein Hilfsmittel, um Dich auf einem Teil Deines Weges zu begleiten.

Weißt Du, wir lernen von Anfang an, seit unserer Geburt, wie wir uns zu benehmen haben, die beknacktesten Formeln in Mathematik, wir lernen Rechtschreibung, wir lernen uns anzupassen. Aber niemand zeigt uns wirklich, wie wir mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen haben. Es fehlt uns die Anleitung für den Umgang mit unseren Gefühlen wie Wut, Hass, Einsamkeit, Liebe und vor allem Angst. Und so entstand die Idee zu diesem Projekt. Ich folge dem Ruf meiner Seele, der Welt das Thema Suizid bei Kindern und Jugendlichen aus vielleicht ganz neuen Perspektiven näher zu bringen.

Die gute Nachricht ist: Wir haben die Wahl, immer! Du kannst Deinem Impuls folgen und dieses Leben beenden. Das wird Dir nur eine scheinbare Befriedigung und Erleichterung verschaffen, denn wenn wir die Seiten wechseln, also freiwillig aus diesem Leben scheiden, landest Du in einer astralen Warteschleife. Du verlässt Deinen materiellen Körper und schwebst mit Deinem Bewusstsein in einer Art Zwischenwelt, in der es nicht vor- und nicht zurückgeht. Da kann man sich bis zur nächsten Inkarnation aufhalten und es ist alles andere als schön. Die zweite Möglichkeit ist, Dich den derzeit gängigen Therapiemöglichkeiten anzuvertrauen. Da bleibst Du, wenn es schlecht läuft, ein Leben lang in der Schublade suizidgefährdet.

Woher ich das alles weiß? Ich war in der gleichen Situation wie Du und habe herausgefunden, dass es einen dritten Weg gibt, einen Weg ins Licht und in die Freiheit. Damit Du diesen Weg gehen kannst, ist es erforderlich, dass ich mich öffne und Dich teilhaben lasse an meiner Geschichte und an meinem Wissen. Es ist mir nicht leichtgefallen, das Thema Suizid im Allgemeinen und speziell bei jungen Menschen aufzugreifen, da es in der heutigen Gesellschaft ein stark tabuisiertes Thema ist. Es ist mir bewusst, dass dieses Buch extrem polarisieren wird. Die Schulmedizin und die klassische Psychologie werden es zerreißen, es wird an der gesellschaftlichen Schuld und Scham gekratzt und wahrscheinlich wird man mich als Person angreifen. Und trotzdem wage ich mich mit Unterstützung meiner wunderbaren Mentorin Ulrike Dietmann an dieses Thema, weil es einfach an der Zeit ist.

Es ist Zeit aufzuwachen, es ist Zeit uns unserer immensen Kraft bewusst zu werden, es ist Zeit für Dich den spirituellen Weg zu beschreiten. Natürlich immer vorausgesetzt, Du hast Lust und bist neugierig auf das, was es noch alles gibt.

Zum Thema Spiritualität kannst Du Tante Google fragen oder Du kennst vielleicht jemanden, der sich damit auskennt, oder Du kannst meine Wahrheit einfach annehmen. Für mich bedeutet spirituell zu sein, bei mir zu sein, der Weg nach innen, bei meiner Seele sein. Je bewusster und erwachter ich bin, je näher ich an meiner Seele bin, desto harmonischer gestaltet sich mein Leben. Und damit meine ich nicht Esoterik, wo in irgendwelche Glaskugeln geschaut wird und sich anhand von Vorhersagen irgendwelche Szenarien ereignen. All die Begrifflichkeiten die auftauchen, wie zum Beispiel Inkarnation oder andere spirituelle Worte, werden sich im Laufe des Buches übrigens von selbst erklären.

Was ist die Seele eigentlich?

Nach meiner Auffassung ist die Seele die Energie, die uns ausmacht. Ohne Seele wäre unser Körper ein roboterartiges Gebilde, rein mechanisch, aber aus lebender Materie. Der Körper vergeht irgendwann, wie alles, was biologisch ist. Die Energie der Seele aber bleibt. Sie kann auch ohne die Form eines Körpers existieren, das macht aber wenig bis keinen Spaß.

Es ist mein Wunsch, dass Du Dein Bewusstsein entdeckst, die Energie, die Dich wirklich ausmacht. Wie wäre es, wenn Du alles fallenlässt, was Du bislang kennengelernt hast? All diese Gebrauchsanweisungen Deines Umfeldes, Deiner Familie, Deines Landes und Deiner Religion. Wenn Du all das ausziehst wie Kleidungsstücke, die Du übereinander trägst, was bleibt dann übrig, von Deinem sogenannten ICH?

Sei neugierig auf diesen Weg, auf Deinen Weg. Er ist nicht einfach, sonst würden es alle sofort können. Es ist ein Prozess und ein immer wieder neues Erkennen. Ein »Aha!« oder »Oh, das kann auch so sein.« Der Weg geht über Berge, Hügel und durch Täler. Mal ist er kilometerweit gerade und schon fast langweilig, dann wieder geht es unvorhergesehen in die Achterbahn.

Vielleicht kennst Du das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse. Sie liegt auf hunderten Matratzen und fühlt sich extrem gestört – gestört von einer Erbse unter all den Matratzen. Nun, die Seele ist wie die Erbse, nur umgekehrt: sie nimmt etwas wahr, das nach den Maßstäben ihres Umfeldes eigentlich nicht vorhanden ist. Je mehr Matratzen entfernt werden, desto deutlicher zeigt sich die Erbse. Und wenn alle Matratzen weg sind, bist Du in Deinem Sein angekommen.

Das Sein ist das größte Geschenk an uns. Wenn wir es schaffen zu leben, ohne uns zu verbiegen, werden wir wahre Schöpfer sein.

An dieser Stelle kommen wir nicht drumherum, Gott oder die Quelle mit einzubeziehen. Denn wer erschafft unser Sein? Auch diese Frage, und natürlich noch viel mehr, wird in diesem Buch beantwortet, soweit ich das kann. Nach meinem besten Wissen und zum höchsten Wohl aller Menschen. Das ist mein Herzenswunsch.

Also, es gibt viel zu tun, lass uns den Weg gemeinsam erforschen und beschreiten.

Schön, dass Du da bist.

Meine Kindheit

Als ich vier Jahre alt war, hatte ich während einer Operation meine erste Nahtoderfahrung. Ich war aus meinem Körper geschlüpft, bei vollem Bewusstsein und der Beobachter der ganzen Szenerie. Später konnte ich bis ins kleinste Detail das Umfeld, die Dialoge und das Tun der Operierenden wiedergeben. Du kannst Dir vorstellen, welch ein Schock das für alle Beteiligten war. Niemand konnte wirklich etwas mit meinen Schilderungen anfangen – also wurde einfach nicht mehr darüber geredet. Ich fand das Erlebnis überhaupt nicht schlimm, eher normal. Ich hatte keine Schmerzen und keine Gefühle.

Ein Jahr später folgte das zweite Nahtoderlebnis, es war ähnlich. Alles war leicht und entspannt. Die andere Welt war vollkommen unkompliziert und ich hatte den Eindruck, das reale Leben sei eher wie ein Theaterstück oder ein Film.

Von da an besaß ich eine Art allumfassendes Wissen. Teilweise war ich hellsichtig, immer aber hellfühlend und hellwissend. Ich fühlte mich mit sechs Jahren wie mit vierzig oder fünfzig und hatte einen mentalen Zugang zu einer Art Google in meinem System. Seltsam fand ich nur, dass die Erwachsenen um mich herum dieses Wissen nicht hatten und teilweise mit mir überfordert waren.

Als Kind war ich ein Einzelgänger, alles Spielzeug langweilte mich und ich war froh, als ich endlich lesen konnte. Seit dieser Zeit kann ich Bücher förmlich inhalieren, hab alles gelesen, was mir in die Finger kam. Jeden Tag die Zeitung, Beipackzettel von Medikamenten oder Gebrauchsanweisungen.

In der Gesellschaft, in der ich aufwuchs, war Religion kein Thema, ich wurde also nicht getauft und auch in meiner Familie spielte der Glaube keine Rolle.

Im Außen versuchte ich, mich an die geltenden Regeln des Erwachsenensystems anzupassen. Immer war ich im Konflikt, im Zwiespalt, im wahrsten Sinne gespalten – zwischen dem, was im Außen richtig war, und dem, was ich in meinem Innen fühlte und wahrnahm. Heute weiß ich, dass dies der tiefe Zugang zu meiner Seele war. Des Öfteren tauchte die Idee oder der Wunsch auf, nicht mehr leben zu wollen, es schien mir alles so sinnlos zu sein. Je älter ich wurde, desto unangepasster und reaktionärer wurde ich.

Meine Eltern versuchten, mich mit körperlicher Gewalt und psychischem Druck in die richtige Richtung zu ziehen, also zu erziehen. Im Alter von zehn Jahren lebte ich in einem riesigen Spagat zwischen sportlichen Erfolgsleistungen, schulischen Bestnoten, der inneren Leere und der häuslichen Gewalt in meinem nahen Umfeld. Im Außen war alles perfekt und im Innen starb meine Seele täglich ein wenig mehr. Meine Seele zog sich zurück. Ich hab mich als lebende Puppe empfunden und wollte dann mit zwölf Jahren dieses Leben beenden. Es schien mir nicht mehr möglich, irgendwie weiterzuleben.

Doch der Versuch missglückte. Dabei war es zu einhundert Prozent sicher und es gab kein Restrisiko. Heute weiß ich: Es sollte nicht sein und es wurde von einer höheren Instanz gelenkt, denn realistisch war es nicht möglich zu überleben.

Dann folgte ein klärendes Gespräch mit meinen Eltern beziehungsweise – wie ich sie empfinde – meinen Erziehungsberechtigten und der Schule. Das war es dann. Alle in meinem Umfeld waren überfordert und so wurde auch dieses Thema unter den Teppich gekehrt, der schon einige Buckel vorzuweisen hatte. Außen folgte dann die Pubertät und alle Erfahrungen, die man auf dem Weg ins Erwachsenwerden in diesem Hormonchaos so macht, kamen noch obendrauf.

Meine medialen Fähigkeiten zogen sich ebenfalls zurück: Ich hatte das Spiel verstanden: Man erhält Liebe und Anerkennung, wenn man funktioniert und der gesellschaftlichen Rolle entspricht.

Mit Mitte zwanzig übernahm wieder mehr meine Seele die Führung, aber das war noch alles sehr unbewusst und instinktiv. Mit etwa dreißig Jahren kehrten meine medialen Fähigkeiten immer mehr zurück. Erst ganz langsam, dann immer heftiger.

Heute lebe ich meine Berufung, anderen Seelen auf ihren Weg zu helfen, und kann dabei wunderbar all diese Fähigkeiten einsetzen. Während meiner Arbeit begegnete mir das Thema Suizid – lebensmüde Kinder und Jugendliche – immer mehr. Ich war fassungslos, wie groß der Bedarf nach Aufklärung ist. Ich bin tief berührt von dem Leiden und der Perspektivlosigkeit in der Altersgruppe der zehn bis achtzehnjährigen und habe beschlossen, hier mein Wissen beizusteuern, in der Hoffnung, dass es dem einen oder anderen hilft.

Marla

Heute möchte ich Dir Marla Janet vorstellen. Sie war das allerschönste Mädchen, das ich je gesehen habe. Mit ihrer Größe von 1,75 Metern konnte sie locker Modell werden. Ihre Beine reichten gefühlt bis zu den Achseln und ihr ganzer Körper war geschmeidig, schlank und biegsam wie ein Weidenzweig. Jede Bewegung war pure Anmut und wenn Marla Janet lächelte, schien die Welt kurz still zu stehen. Ihre Augen waren groß und so blau, wie man es von Postkarten aus der Karibik kennt. Meistens trug sie ihr dunkelbraunes glänzendes hüftlanges Haar zu einem Pferdeschwanz, der bei jeder Bewegung ihres Kopfes mitschwang. Der dunkle Pony über ihren Augen intensivierte fast magisch ihre Blicke. Marlas Haut war makellos und schimmerte auch im Winter in einem warmen Bronzeton, den sie von ihrem indischen Vater geerbt hatte.

Mit ihren erst sechzehn Jahren war sich Marla durchaus ihrer Schönheit bewusst. In den Schulpausen war sie stets von einer Traube Mädchen und Jungs umlagert, wie eine Bienenkönigin, die von ihrem Volk umschwärmt wird. Als Königin hatte sie das Zepter ihres Königreichs fest in der Hand und genoss die Aufmerksamkeit ihres Hofstaates. Trotz ihrer jungen Jahre durfte Marla schon oft das Verliebtsein kosten und brach wahrscheinlich schon mehrere Herzen. Die Monarchie funktionierte auch im Tennisklub, wo sie natürlich ausgezeichnet Tennis spielte und auch bei Turnieren immer auf den vorderen Plätzen landete. Beim Ballett durfte sie häufig – böse Zungen würden sagen: immer – die weibliche Hauptrolle tanzen und auch sonst lief es für die dunkelhaarige Schönheit bestens. Sie führte ein harmonisches und leichtes Leben, immer ein wenig auf der Überholspur. Seit ein paar Monaten hatte sie keinen festen Freund mehr. Alle Jungs in ihrem Alter langweilten sie über die Maßen.

Marla achtete streng auf ihre Ernährung, postete bei Facebook ihr kalorienbewusstes Essen, gefolgt von Selfies beim Sport, im Freibad, auf Partys und beim Reiten. Und die vielen Likes gaben ihr recht, sie lebte das Leben in vollen Zügen, sie wurde geliebt. Von klein auf wurde sie von ihren Eltern verwöhnt, nach einer Fehlgeburt war sie das einzige Kind. Das Arztehepaar tat alles, damit ihre Tochter glücklich war und sich auf dieser Welt wohlfühlte. Janet sollte übrigens der Vorname ihrer ungeborenen älteren Schwester sein. In ihrer Freizeit war Marla ständig unterwegs, ihre schulischen Leistungen befanden sich im Mittelfeld und sie musste nicht so viel Zeit zum Lernen aufbringen, wie vielleicht andere in ihrer Klasse.

Und genau diese wunderschöne, begabte und beliebte Person wurde eines Morgens von ihrer Mutter im Badezimmer blutüberströmt und am Rande des Todes aufgefunden. Die Handgelenke waren völlig zerschnitten, der Puls nur noch als leises Wimmern an der Halsschlagader zu erahnen. Ihre Mutter, selbst Ärztin, begann hysterisch zu schreien und als Marlas Vater dazukam, war er so geschockt vom Anblick seiner Tochter, dass er nur mit größter Mühe den Rettungswagen verständigen konnte. Sie versuchten eher hilflos, ihr einziges Kind am Leben zu halten. Aber es half alles nichts, sie mussten sich in die Hände einer höheren Instanz begeben und abwarten. Ihr analytischer Medizinerverstand sagte ihnen, dass es sehr schlecht um Marla Janet stand. Die Haut war pergamentweiß und durchschimmernd. Alles Leben war aus ihrem stolzen und schönen Körper gewichen. Jetzt half nur noch abwarten und beten.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit fuhren Rettungswagen und Notarzt vor. Das Blaulicht erhellte in den frühen Morgenstunden die halbe Straße mit seinem gespenstischen Licht. Marla wurde vorsichtig auf eine Trage gebettet und erst jetzt sah man, wieviel Blut das Mädchen tatsächlich verloren hatte. Der Mutter versagten die Beine und sie sank zu Boden. Auf der Trage wirkte Marla wie das schlafende Schneewittchen.

Schweren Herzens begleiteten die Eltern unter den Augen der neugierigen Nachbarn den Transport und fuhren mit ins nächste Krankenhaus, direkt auf die Intensivstation.

Marla benötigte mehrere Bluttransfusionen und musste, bis ihr Kreislauf wieder stabil war, für einen Tag künstlich beatmet werden. Der Beatmungsschlauch aus durchsichtigem hellem Kunststoff reichte über den Mund bis tief in den Hals. Das Atemtempo und die Intensität wurden vollständig von einer Maschine reguliert und Marlas Kreislauf konnte nur durch Medikamente stabil gehalten werden. Sie machte einen traurigen und hilflosen Eindruck in diesem riesigen Bett, umgeben von laut piepsenden und zischenden Maschinen, die sie in diesem Leben hielten. Ihre Eltern waren völlig hilflos und saßen abwechselnd rund um die Uhr an Marlas Bett, bereit für sie da zu sein, wenn sie erwachte.

»Marla Janet, was willst Du hier?«, meinte vorwurfsvoll eine schemenhafte weiße Figur, die sie neben sich wahrnahm. »Du bist noch nicht dran, also was soll das?«, tadelte diese weiße Materie.

»Wer bist du?«, hörte sich Marla fragen.

»Ich bin 0077, dein Schutzengel«, erwiderte die Figur, immer noch ein wenig gereizt.

»Ohhh.«

Erst jetzt bemerkte Marla, dass sie mit noch so einem Wesen, offenbar einem Engel, zu ihrer linken Seite an ihrem eigenen Krankenbett stand. Besser gesagt schwebte sie körperlos und vollkommen ohne Gefühl wie in einem Film über der Szene, wo sie ohnmächtig an diesen schmatzenden und pfeifenden Maschinen hing.

Es war merkwürdig. Marlas Verstand schien ohne Einschränkung zu funktionieren, sie konnte jedenfalls immer klarer denken. Sie hatte aber keinen Körper, konnte ihre Eltern zwar sehen, sie aber nicht berühren. Sie sah ihre Eltern weinen, fühlte jedoch keinen Schmerz, sie fühlte gar nichts, sah die Blumen auf dem Tisch, konnte sie aber nicht riechen. Alles war abgestumpft und leer in der dies alles betrachtenden Marla. Was für ein Scheiß, dachte sie.

»Genau richtig«, sagte da ihr Schutzengel mit seinen riesigen Flügeln, die an überdimensionale Schmetterlingsflügel erinnerten.

0077 stand mit einem hauchdünnen iPad, einer Art Lebensakte, neben ihr und las in Gedanken versunken vor. Zuerst nahm Marla es nur als Gestammel wahr, so fasziniert war sie von dem iPad und dachte: Schöne Grüße an Steve Jobs. Der kann es nicht mal hier lassen. Doch dann hörte sie ganz deutlich, wie der Engel sagte: »… 2000 Geburt, alles glatt verlaufen, bis 2006 diverse Fahrradstürze ohne nennenswerte Schäden, 2008 Reitunfall, Halswirbelsäule gestaucht, 2012 Menstruation setzt ein, bravourös durch die Eltern gemeistert, 2016 Selbstmordversuch aus Liebeskummer.«

Ahaaa!, dachte Marla. Jetzt erinnerte sie sich an den Schmerz und all den Kummer, den sie ein ganzes Jahr mit sich herumgeschleppt hatte.

»Soll ich jetzt hierbleiben?«, fragte Marla ungläubig. »Das ist ja wohl nicht euer Ernst.«

Ganz behutsam fragte Engel 0077, was genau denn eigentlich passiert sei. Er wusste es natürlich, aber er wollte es von Marla selbst hören.

Sie sträubte sich noch ein wenig, war dann aber ganz froh, dass sie es jemandem erzählen konnte, denn bislang wusste niemand auch nur ein Sterbenswörtchen von der ganzen Sache. »Okay«, murrte sie. »Also, ich liebe meinen Mathelehrer und ich dachte, er würde mich auch lieben.«

Eigentlich wollte Marla jetzt weinen, aber irgendwie ging das nicht. Sie fühlte nur diesen immensen Druck hinter ihren Augen, aber es kam nichts raus. Das ist ja seltsam, dachte sie.

»Moment«, meinte 0077. »Ist der Mann nicht verheiratet und hat zwei Kinder? So steht es hier auf meinem Display.«

»Ja schon«, maulte Marla, »aber ich habe gedacht, dass er irgendwann nur noch für mich da sein wird. Er liebt doch seine Frau überhaupt nicht.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte der Engel auf der linken Seite, der sich nun als 0090 vorstellte. »Wie fing das überhaupt alles an?«

»Wieso habt ihr denn so komische Namen?«, fragte sie den riesigen Engel 0090.

»Keine Ahnung, das hat sich unser Boss ausgedacht. Die Siebenerserie ist die Schutzeinheit und die Neunerserie gehört zur Friedenseinheit. Wir unterscheiden uns nur durch unsere energetischen Fingerabdrücke.«

Und tatsächlich sah Marla, dass sie sich aufs Haar glichen. Es ließ sich auch nicht erkennen, ob sie männlich oder weiblich waren.

0090 erriet ihre Gedanken und bemerkte: »Es gibt keine Geschlechter, wir sind

Für Marla war das alles sehr verwirrend. Also fing sie an, zu erzählen: »Es begann auf einem Klassenausflug mit meinem Mathelehrer, Herrn Hinze. Er war mit drei anderen ein begleitender Lehrer. Wir waren drei Klassen und wollten München mit dem Rad erkunden. Ihr wisst schon«, rollte Marla mit den Augen, »Neue Pinakothek, Alte Pinakothek und als Abschluss wollten wir alle im Englischen Garten picknicken. Es war ein strahlender Frühsommertag im Juni, alles roch morgens um acht Uhr noch nach feuchtem Gras und Natur. Ihr könnt euch vorstellen, was für ein riesiges Pulk an Fahrrädern und Menschen wir waren, als wir in Richtung Innenstadt fuhren. Ich war gerade dabei, meiner Freundin Susanne über WhatsApp zu schreiben, dass ich zu ihr nach vorne radeln würde, da stieß ich fast mit Frank, also Herrn Hinze zusammen. Unsere Räder verhakten sich leicht an den Lenkern und fast wären wir gestürzt, wenn er nicht augenblicklich seinen Arm um meine Taille gelegt hätte, um mich aufzufangen. Ich verlor fast mein Handy und als ich wieder aufschaute, sah ich in die schönsten, blauesten, strahlendsten und gütigsten Augen, die ich je gesehen hatte. Für einen Moment setzte mein Herz aus und die Welt hörte auf, sich zu drehen. Es fühlte sich an, als wären wir eine Einheit«, schwärmte Marla. »Wisst ihr, was ich meine?«

»Nein«, meinten sie gleichzeitig, »Gefühle können in dieser Dimension nicht wahrgenommen werden.«

Marla fuhr gleichmütig fort: »Hoppla, meinte Frank dann, welch schönes Geschöpf fällt mir denn da in die Arme? Ich wurde abwechselnd purpurrot und kalkweiß … das war so was von peinlich. Und dann stieg mir auch noch sein Aftershave in die Nase – als hätte jemand einen Schalter umgelegt, hatte ich plötzlich einen Schwarm Schmetterlinge in meiner Magengegend, sodass ich überhaupt nicht mehr klar denken, geschweige denn antworten konnte. Ich stammelte verlegen, dass ich meine Freundin verloren hätte, und trat kräftig in die Pedale. Bloß weg hier, dachte ich. Wie in Trance überholte ich die anderen und fädelte mich neben Susanne ein. Als sie mich anschaute, prustet sie los und fragt mich, ob ich den Heiligen Geist gesehen hätte. Ich erzählte ihr von der Sache, mir war richtig schlecht. Erst recht, als Frank uns überholte und mich zwinkernd fragte, ob ich meine Freundin gefunden hätte. Und ich dachte nur: Hatte der schon immer diese Augen? Und überhaupt – wie durchtrainiert seine Beine waren: Bei jedem Pedaltritt zeichneten sich die Oberschenkelmuskeln durch die enge Jeans ab. Susanne meinte fröhlich, ob er in Mathe auch immer schon so einen Knackarsch gehabt hätte. Oh Gott, war mir das peinlich!«

»Ja, das haben wir gehört«, unterbrach 0077. »Immer wenn die Menschen Oh Gott sagen, werden sie mit unserer Dimension verbunden.«

»Aha«, meinte Marla nur. »Na ja, dann besuchten wir die Museen und die Blicke von Herrn Heinze trafen mich regelmäßig. Dabei lächelte er jedes Mal total süß und zwinkerte mir zu. Gegen Nachmittag kamen wir dann am Englischen Garten an und setzten uns alle in einen riesigen Kreis. Es war total schön, an diesem Ort zu sitzen, nach dem anstrengenden Tag. Die Lehrer verteilten Getränke und es wurde gegrillt. Plötzlich saß Frank neben mir und fragte, ob ich auch eine Apfelschorle wolle. Ich konnte es nicht fassen. Er hatte seine Jacke ausgezogen und machte es sich neben mir bequem. Sein dunkles Haar war ganz strubbelig und er roch wieder so gut! Ist mir denn das im Unterricht nie aufgefallen?, dachte ich, und wir plauderten munter drauflos, über Gott und die Welt. Frank erzählte vom Sport, er ist leidenschaftlicher Karatekämpfer, vom Urlaub mit dem Mountainbike und wie schön die Natur und das Leben ist. Plötzlich war er nicht mehr mein Lehrer, sondern ein wahnsinnig gut aussehender Mann, in den ich mich gerade rettungslos verliebte. Was für ein Unterschied zu den Jungs, die ich sonst kannte. Endlich mal ein richtiger Kerl, dachte ich und die Schmetterlinge in meinem Bauch hatten soeben den Turbo eingeschaltet. In meiner Fantasie begann sich ein eigenes Leben zu entwickeln. Ich sah, wie ich mit ihm auf dem Rad durch die Wälder fuhr, wie wir gemütlich abends in einer einsamen Hütte vor dem Kamin saßen … Jede Berührung von ihm löste ein Feuerwerk der Gefühle in mir aus. Mein Herz fühlte sich weit und flauschig an und ich war vollkommen geflasht von diesem Typen. Genau das wollte ich erleben, dieses Fliegen, dieses Verschmelzen mit dem anderen. Vollkommen eins sein, zusammen atmen, zusammen lachen und einfach das Leben genießen. Frank bezog mich immer mehr in seine Ausführungen ein, er berührte mich immer wieder mit seinen warmen Händen an der Schulter oder schickte mir zwinkernde Blicke aus diesen herrlichen braunen Augen, die mich an meinen liebsten Teddy erinnerten. Auf dem Rückweg fuhr ich schweigend neben Susanne her. Sie zwitscherte die ganze Zeit wie ein Vögelchen, ob ich gemerkt hätte, dass Boris was von ihr wollte. Der rothaarige Boris?, fragte ich zurück. Susanne rollte mit den Augen: Was ist denn mit dir los? Hat es etwa was mit Hinze zu tun? Als ich nicht sofort antwortete, sagte Susanne kichernd: Das kann doch nicht wahr sein! Haste etwa ein Auge auf den geworfen? Den kannste du dir ja wohl abschminken. No Way!, meinte sie kopfschüttelnd. Wetten, nicht?, platzte es aus mir heraus. Den krieg ich, der gehört mir!, hörte ich mich entschlossen sagen. Lass doch den Unsinn, meinte Susanne. Das gibt nur Ärger! Aber ich wurde trotzig: Wir werden ja sehen, antwortete ich und trat in die Pedale. Ich konnte es gar nicht abwarten, nach Hause zu kommen.«

Als 0077 Marla zunickte, fuhr sie mit ihrer Erzählung fort: »Endlich war ich ungestört in meinem Zimmer …«

Als ich dann Facebook öffnete, hatten schon einige Schüler Fotos und Sprüche vom Tag gepostet. Zufällig war auch ein Foto dabei, wo ich neben Frank saß und er verliebt zu mir rüberschaute. Ich fand, wir waren das perfekte Paar!

Beim Abendessen plauderten meine Eltern und ich entspannt und tauschten uns über den Tag aus.

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