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image Prof. Dr. Markus Paulus lehrt Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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Inhalt

Einleitung

1   Gemeinsame Ziele verringern Feindseligkeiten zwischen Kindern

Sherifs Robbers Cave Experiment zur Entstehung und Überwindung von Intergruppenkonflikten (Sherif et al. 1988)

2   Was lernen Kinder durch Beobachtung?

Banduras Studie zum sozialen Lernen im Kindergartenalter (Bandura, 1965)

3   „Bin ich wie Du?“ – Oder warum sind wir in der Lage, andere Menschen zu imitieren?

Meltzoffs Studie zur Entwicklung von Imitation (Meltzoff et al., 1977)

4   „Du weißt nicht, was ich weiß“ – Wie Kinder das Denken anderer Personen verstehen

Perners Studie zur Entstehung der Theory of Mind im Kindergartenalter (Wimmer & Perner, 1983)

5   Aus den Augen, aus dem Sinn? Oder existieren Objekte für Säuglinge weiter, auch wenn sie sie nicht mehr sehen?

Eine Studie von Baillargeon und Kollegen zur Objektpermanenz (Baillargeon et al., 1985)

6   Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Die Rolle der Bindung in der frühkindlichen Entwicklung

Mains Studie zur intergenerationalen Transmission von Bindungssicherheit (Main et al., 1985)

7   Hängt die Fähigkeit, mit 4 Jahren auf einen Marshmallow zu warten, mit sozialen und kognitiven Fähigkeiten im Jugendalter zusammen?

Mischels Marshmallow-Test (Mischel et al., 1988)

8   Die Anfänge empathischen Verhaltens in der frühen Kindheit

Zahn-Waxlers Studie zur frühen Entwicklung von Empathie (Zahn-Waxler et al., 1992)

9   „bidaku oder dapiku?“ Wie lernen Kinder die Struktur ihrer Sprache?

Saffrans Studie zum statistischen Lernen im Säuglingsalter (Saffran et al., 1996)

10 Ab wann erkennen Säuglinge, dass Menschen zielgerichtet handeln?

Woodwards Studie zum Zielverständnis bei Säuglingen (Woodward, 1998)

11 Imitieren Säuglinge rational?

Gergelys Studie zu den psychologischen Mechanismen sozialen Lernens im Säuglingsalter (Gergely et al., 2002)

12 Haben schon Säuglinge ein Verständnis von Gut und Böse?

Hamlins Studie zur sozialen Bewertung (Hamlin et al., 2007)

13 Reiche Eltern, reicher Wortschatz? Die Rolle der vorsprachlichen Kommunikation in der Sprachentwickung

Goldin-Meadows Studie zur frühen Sprachentwicklung (Rowe & Goldin-Meadow, 2010)

Sachregister

Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches

Folgende Icons werden im Buch verwendet:

images Zusammenfassung
images Unter der Lupe
images Schlüsselerkenntnisse
images Übungsaufgabe
images Website- und Internet-Videoempfehlungen
images Literatur

Einleitung

Die Entwicklungspsychologie der Kindheit ist eines der faszinierendsten Gebiete der Psychologie. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie aus Neugeborenen, deren Aktivitäten im Wesentlichen aus Schlafen, Nahrungsaufnahme und dem vorsichtigen Erkunden ihres eigenen Körpers und der Umwelt bestehen, Personen werden, die Mitleid mit anderen Menschen empfinden und sie trösten, die Freundschaften mit Gleichaltrigen bilden und stundenlang im Fantasiespiel versinken können, und die mit ihren Eltern darüber diskutieren, warum sie gerade jetzt ihr Zimmer aufräumen müssen. Wie ist es möglich, dass Kinder all diese Fähigkeiten erwerben und irgendwann zu Erwachsenen werden, die sich genau diese Frage stellen? Wie können wir diese Veränderungen erklären, was liegt ihnen zugrunde? Dies sind die Fragen der Entwicklungspsychologie, die sich als Teildisziplin der Psychologie mit überdauernden Veränderungen des Erlebens und Verhaltens über die Lebensspanne beschäftigt.

Obgleich es ein primäres Ziel der Psychologie ist, Theorien und Modelle aufzustellen, die es uns ermöglichen, menschliches Erleben und Verhalten zu erklären, vorherzusagen und zu beeinflussen, konstituiert sich das Fach seit seiner Loslösung von der Philosophie als eine erfahrungswissenschaftlich arbeitende Disziplin. Damit rücken empirische Studien in das Zentrum der wissenschaftlichen Tätigkeit.

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum sich ein genauerer Blick auf einzelne Studien lohnt. Erstens können sie uns mithilfe systematischer Beobachtung bzw. Erfassung bestimmte Aspekte des menschlichen Erlebens und Verhaltens deutlicher vor Augen führen, als uns dies in der unsystematischen Alltagsbeobachtung gelingt. Im Alltag sind wir zumeist mit unserer praktischen Lebensführung beschäftigt und müssen konkrete Probleme lösen. Selten untersuchen wir bestimmte Phänomene so systematisch wie etwa Muzafer Sherif die Entstehung von Intergruppenkonflikten in seiner berühmten Ferienlagerstudie erforscht hat (siehe Kap. 1). Zweitens sind empirische Studien der zentrale Prüfstein für psychologische Theorien. Eine Theorie ist umso besser, je präziser sie die Ergebnisse von Studien vorhersagen kann. Daher helfen uns empirische Forschungen, zwischen mehr und weniger fruchtbaren Theorien zu unterscheiden. Gegebenenfalls wird eine Theorie durch ein Studienergebnis, das den aus ihr abgeleiteten Hypothesen deutlich widerspricht, arg in Bedrängnis gebracht. So erging es beispielsweise Piagets Entwicklungstheorie als Renée Baillargeon ihre Arbeit zur Objektpermanenz im Säuglingsalter publizierte (siehe Kap. 5). Drittens: Manche Studien zeichnen sich durch ein besonders kreatives Design bzw. empirisches Paradigma aus, das gewissermaßen Schule macht. Sie etablieren ein Paradigma, das von vielen anderen ForscherInnen genutzt wird und mitunter die Grundlage der Entwicklung eines ganzen Forschungsfeldes darstellt. Walter Mischels Marshmallow Test (siehe Kap. 7) ist sicherlich ein gutes Beispiel dafür. Viertens: Ein häufig unterschätzter Aspekt empirischer Studien ist die Faszination, die sie ausüben können. Wer zum Beispiel in dem Paradigma von Zahn-Waxler et al. (siehe Kap. 8) gesehen hat, wie schon junge Kinder Mitleid ausdrücken können, wenn sie wahrnehmen, wie sich jemand weh tut, kann sich kaum der Frage entziehen, wie es überhaupt möglich ist, dass Empathie und Mitleid entstehen. Oder wer beobachten konnte, wie Säuglinge selbst eigenartige Verhaltensweisen nachahmen (z. B. eine Tischlampe mit dem Kopf anschalten; siehe Kap. 11), wird gefesselt von der Frage, warum Säuglinge selbst scheinbar sinnlose Handlungen imitieren und wie die Fähigkeit zur Imitation eigentlich entsteht. Einzelne Studien und ihre Befunde können in diesem Sinne Wege in die Entwicklungspsychologie darstellen, weil sie faszinierende Fragen aufwerfen.

Manche Studien sind dabei besonders einflussreich, da sie unser Nachdenken über das Erleben und Verhalten maßgeblich geprägt und die Arbeit vieler anderer ForscherInnen beeinflusst haben. Solche Studien können wir als Schlüsselexperimente bezeichnen. Auf diesen Studien liegt der Fokus dieses Buches.

Dreizehn empirische Studien wurden ausgewählt, die entwicklungspsychologische Forschung nachhaltig beeinflusst haben oder auch als sog. moderne Klassiker den gegenwärtigen Diskurs prägen. Die größte Schwierigkeit dabei war – der Leser bzw. die Leserin wird es ahnen können – aus der reichen Geschichte der Entwicklungspsychologie eine nur kleine Anzahl an Studien auszuwählen. Die Auswahl folgte der Idee, sowohl ältere als auch neuere Studien zu berücksichtigen. Zugleich war es mein Ziel, verschiedene Aspekte der menschlichen Entwicklung abzudecken. Die Studien berücksichtigen verschiedene Funktionsbereiche und reichen von der kognitiven Entwicklung über die Sprachentwicklung bis hin zur sozialen und emotionalen Entwicklung. Letztlich bleibt die Auswahl aber immer eine subjektive Entscheidung und viele spannende Studien konnte ich aus Platzgründen schweren Herzens nicht aufnehmen.

Alle Kapitel folgen einem einheitlichen Aufbau. Nach einem Quellenverweis auf die Originalpublikation und Information über den zentralen Autor bzw. die zentrale Autorin folgt eine Kurzzusammenfassung der Studie, die einen ersten Überblick erlaubt. Dann folgen die drei Hauptteile jedes Kapitels. Zuerst eine Beschreibung des Forschungskontextes und der Ausgangslage der Studie. Dadurch soll deutlich werden, warum eine bestimme Forschungsfrage überhaupt gestellt wurde und welche Überlegungen die vorliegende Studie motiviert haben. Daran schließt sich die Darstellung der Studie selbst an. Schlussendlich folgt eine Bewertung der Bedeutung der Studie, in welcher auch die aktuellen Bezüge herausgestellt werden. Ein Ziel war es zu verdeutlichen, warum diese Studie auch heute für uns noch von großem Interesse sein kann.

Insgesamt hoffe ich, dass die einzelnen Kapitel einen Einblick in zentrale Themen und Diskurse der Entwicklungspsychologie geben und deutlich machen, warum das Fach eines der faszinierendsten Gebiete der Psychologie ist. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich Hinweise auf weiterführende Literatur und zusätzliche Materialien, die zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema anregen. Zu guter Letzt möchte ich mich noch für die zahlreiche Unterstützung bedanken. Ich danke dem gesamten Team des Social Development Labs der LMU München sowie meinen KollegInnen Nicole Altvater-Mackensen, Burkhard Gniewosz und Beate Sodian für wertvolle Rückmeldungen zu einzelnen Kapiteln. Mein besonderer Dank gebührt Noemi Skala, Alexander Sobieska und Marina Kammermeier für ihre vielfältige redaktionelle Unterstützung in den Wochen vor Abgabe des Manuskriptes.

München, Juli 2019

Markus Paulus

1   Gemeinsame Ziele verringern Feindseligkeiten zwischen Kindern

Sherifs Robbers Cave Experiment zur Entstehung und Überwindung von Intergruppenkonflikten

Quelle:

Sherif, M., Harvey, O. J., White, B. J., Hood, W. R., & Sherif, C. W. (1988). The Robbers Cave experiment: Intergroup conflict and cooperation. Wesleyan: Wesleyan University Press. (Original publiziert 1954).

Kurzbiografie:

Muzafer Sherif wurde 1906 in Ödemis (Türkei) geboren. Er studierte 1926 in Istanbul und Harvard und promovierte 1935 an der Columbia University in New York. Bis 1972 war er als Professor an der University of Philadelphia tätig. Er starb 1988.

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Wie kommt es dazu, dass Individuen Gruppen bilden? Wie können wir erklären, dass es zwischen Gruppen zu Feindseligkeiten kommt und was kann man tun, um diese Feindseligkeiten zu überwinden? Finden wir diese Prozesse schon in der Kindheit? Diese Fragen untersuchten Muzafer Sherif und Kollegen in ihrem berühmten Ferienlagerexperiment mit 11 Jahre alten Jungen. Zu Beginn der Studie wurden die Kinder in zwei Gruppen eingeteilt, die keinen Kontakt miteinander hatten. Nach einer Phase der Gruppenbildung wurden die beiden Gruppen in Wettbewerbssituationen zusammengebracht. Es zeigte sich, dass die Gruppen Feindseligkeiten und Vorurteile gegeneinander ausbildeten, obwohl die einzelnen Kinder vorab keinerlei aggressive Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen. Als die Kinder in Situationen gerieten, in denen sie zur Lösung von Problemen gruppenübergreifend zusammenarbeiten mussten, zeigten sich eine Reduktion in den Feindseligkeiten und ein Aufbrechen der Gruppenstrukturen. Die Studie macht deutlich, wie bereits in der Kindheit soziale Strukturen Feindseligkeiten hervorrufen können, weist aber auch einen Weg zur Überwindung von Intergruppenkonflikten.

1.1   Ausgangspunkt und leitende Frage

Den Ausgangspunkt der Arbeit von Sherif und Kollegen bildet ihr Interesse am Einfluss der sozialen Umwelt auf das Erleben und Verhalten von Individuen. In früheren Studien zum autokinetischen Effekt hatte Sherif (1935) gezeigt, dass auch Wahrnehmungsurteile sozial beeinflussbar sind. Der autokinetische Effekt beschreibt den Befund, dass ein kleiner Lichtpunkt in einer dunklen Umgebung als bewegt wahrgenommen wird. Menschen unterscheiden sich im Ausmaß dieser subjektiven Illusion. Sherif untersuchte die Wahrnehmungsurteile, wenn Personen in einer Gruppe an einer Studie zum autokinetischen Effekt teilnahmen. Der spannende Befund war, dass sich die Urteile der einzelnen Personen nach wenigen Durchgängen einander annäherten, d. h., dass sich eine Art impliziter Norm ausbildete. Zudem schien dieser Maßstab das Urteil der einzelnen Personen auch über die Gruppenphase hinausgehend zu beeinflussen. Insgesamt verdeutlichen diese frühen Arbeiten, dass Gruppenprozesse sogar eine Auswirkung auf einfache Wahrnehmungsurteile haben können.

Aufbauend auf diesen Arbeiten wandten sich Sherif und Kollegen der Frage zu, wie Gruppen im Rahmen alltäglicher Interaktionen gemeinsame Normen ausbilden. Darüber hinaus erforschten sie, wie Konflikte zwischen Menschen entstehen und wie die Existenz von Feindseligkeit und Aggression zu erklären seien. Während frühere Forschung den Blick auf individuelle Dispositionen gerichtet hatte (z. B. Freud 1930/1994), verfolgte Sherif die Theorie, dass sich Konflikte und damit einhergehende Aggressionen als Folge von Gruppenstrukturen ergeben können. Nach seiner Theorie des realistischen Gruppenkonfliktes führt eine Wettbewerbssituation zwischen zwei Gruppen (i. d. R. aufgrund begrenzter Ressourcen) dazu, dass sich eine Präferenz für die Eigengruppe und eine Abwertung der Fremdgruppe ergibt. Das heißt, unabhängig von den Eigenschaften einzelner Personen (z. B. Verträglichkeit, Selbstregulationsfähigkeiten, Empathie) können durch die soziale Struktur Feindseligkeit und Aggression entstehen.

Diese aus der Sozialpsychologie stammenden Überlegungen waren auch aus entwicklungspsychologischer Sicht sehr interessant, da ein paar Jahre zuvor Piaget (1932) eine Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils vorgelegt hatte. Seine Arbeiten legten nahe, dass sich im Laufe der mittleren Kindheit ein Übergang vom heteronomen zum autonomen moralischen Urteil zeigt. Das heißt, jüngere Kinder gehen davon aus, dass Normen durch anerkannte Autoritäten festgelegt werden und eine Art objektive Gültigkeit besitzen. Ältere Kinder (ab 10 – 12 Jahren) verstehen, dass Normen ein Produkt sozialer Interaktion und daher veränderbar sind. Das sich entwickelnde Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeit in der Entstehung von Normen war für Sherif und Kollegen eine wichtige entwicklungspsychologische Voraussetzung dafür, dass in einer Gruppe neue Normen entstehen können. Aus entwicklungspsychologischer Sicht war es daher besonders interessant, die Entstehung von gruppenspezifischen Normen und von Intergruppenkonflikten bei Kindern ab 10 Jahren zu untersuchen.

Aufbauend auf diesen beiden Forschungsprogrammen entwickelten Sherif und Kollegen eine groß angelegte Studie, die als Ferienlagerexperiment zu den Klassikern der Psychologie gehört. Die Studie untersuchte, wie in sozialen Gruppen Normen entstehen, wie sich Feindseligkeiten zwischen Gruppen ergeben und wie diese Feindseligkeiten überwunden werden können. Das Feldexperiment fand über einen Zeitraum von 3 Wochen in einem Pfadfinderlager statt, welches im Robbers Cave State Park in Oklahoma gelegen war (daher auch die Bezeichnung Robbers Cave Experiment). Die Studie zeichnete sich nicht nur durch ihre ungewöhnlich lange Dauer, sondern auch durch eine hohe Dichte an Beobachtungen und Messungen aus. Neben einer ausführlichen teilnehmenden Beobachtung (durch die Begleiter der Kinder) kamen auch verschiedene quantitative Maße (z. B. soziometrische Analysen) zum Einsatz. Das Feldlagerexperiment stellt eine bis heute herausragende Arbeit zur Entstehung von Normen und Gruppenkonflikten im Kindesalter dar.

1.2   Das Experiment im Detail

Aufbau

Die Studie bestand aus drei Phasen. Die erste Phase diente der Gruppenbildung. Dazu wurden die insgesamt 22 11-jährigen Jungen in zwei Gruppen (die Adler und die Klapperschlangen) aufgeteilt, die anfangs keinen Kontakt miteinander hatten. Die Jungen durchliefen in ihrer Gruppe jeweils eine Reihe von Aktivitäten und lösten Aufgaben. Zum Beispiel mussten sie gemeinsam ein Zelt aufschlagen, um darin schlafen zu können, oder sich ein Essen zubereiten. Die Forscher legten großen Wert darauf, dass sich die Aufgaben aus natürlichen Problemstellungen ergaben (z. B. etwas zu essen) und nicht von außen vorgegeben wurden. Die Autoren vermuteten, dass die Interaktion und die gegenseitige Abhängigkeit in der Zielerreichung innerhalb jeder Gruppe dazu führen, dass sich sowohl relativ stabile gruppeninterne Hierarchien als auch Normen herausbilden würden.

Die zweite Phase diente dazu, die Gruppen in Konflikt miteinander zu bringen. Dazu wurden über mehrere Tage hinweg Wettbewerbssituationen kreiert (z. B. Tauziehen, Baseballspiele), in denen die Gruppen gegeneinander antraten. Durch die Vergabe von Punkten an das jeweils gewinnende Team und die Verleihung eines Preises für das Team mit der höchsten Gesamtpunktzahl standen die beiden Gruppen im Wettbewerb um eine knappe Ressource. Da die Ressourcen begrenzt waren, d. h., letztlich nur eine Gruppe gewinnen konnte, nahmen die Forscher an, dass es zu einem kompetitiven Kontext und zu Frustration kommen würde. Als Folge davon sollte es zu Feindseligkeiten zwischen den Gruppen und einer zunehmenden Solidarität innerhalb der Eigengruppe kommen.

Die dritte Phase war der Frage gewidmet, wie sich die entstandenen Spannungen zwischen den Gruppen reduzieren ließen. Sherif et al. erwarteten, dass bloßer Kontakt zwischen den Gruppen (z. B. gemeinsames Warten, gemeinsame Essenszeit) keinen Effekt haben sollte (Kontakthypothese). Vielmehr verfolgten sie die Hypothese, dass ein neues, übergeordnetes Ziel, zu dessen Erreichung beide Gruppen zusammenarbeiten müssen, die Beziehung zwischen den Gruppen verbessern würde (Hypothese gemeinsamer Ziele). Um die Kontakthypothese zu überprüfen, brachten sie beide Gruppen zuerst in unterschiedlichen Situationen zusammen (z. B. warteten sie gemeinsam auf den Einlass zu einer Veranstaltung). Um die zweite Hypothese zu prüfen, kreierten die Forscher Problemsituationen, die die Kinder nur durch gemeinsame Anstrengung lösen konnten. In einer Situation waren die Jungen beispielsweise vor das Problem gestellt, dass die gemeinsame Wasserversorgung nicht mehr funktionierte und sie das Problem beheben mussten. In einer anderen Situation konnten sie einen Lieferwagen, der Nahrungsmittel holen sollte, nur durch gemeinsames Ziehen wieder zum Laufen bringen.

Ergebnis und Interpretation

In der ersten Phase zeigte sich, dass sich nach wenigen Tagen relativ stabile Hierarchien innerhalb der Gruppen gebildet hatten. In jeder Gruppe konnte eine Art Anführer identifiziert werden. Dieser Junge zeichnete sich dadurch aus, dass Initiativen für gruppenbezogene Aktivitäten in größerem Ausmaß von ihm ausgingen als auch dadurch, dass seine Initiativen und Vorschläge mit höherer Wahrscheinlichkeit umgesetzt wurden. Die Realisierung der Initiativen anderer Gruppenmitglieder hing in größerem Ausmaß davon ab, dass sie durch den Anführer unterstützt wurden. Zugleich zeigte sich, dass sich in jeder Gruppe Normen etabliert hatten. Diese Normen umfassten bestimmte Einstellungen (z. B. durfte man in der Adler-Gruppe nicht sagen, dass man Heimweh hatte) und Verhaltensweisen. Beispiele für letzteres waren feste Regeln, wie bestimmte Aufgaben verteilt wurden, oder wie bestimmte Spiele gespielt werden mussten.

Die zweite Phase zeichnete sich durch eine zunehmende Konkurrenz gegenüber der Fremdgruppe aus. Dies ging einher mit Abwertungen der anderen Gruppen, Schimpfwörtern und teilweise körperlichen Auseinandersetzungen. Die Adler-Gruppe verbrannte die Flagge der Klapperschlangen. Teilnehmende Beobachtungen durch die Gruppenbegleiter zeigten, dass es zwar nach einer Niederlage in einem Wettkampf teilweise zu Desorganisation bzw. Auflösungserscheinungen innerhalb der verlierenden Gruppe kam, letztlich aber durch vereinte Aktivitäten gegen die Fremdgruppe eine erhöhte Solidarität innerhalb der Eigengruppe erreicht wurde. Die quantitativen Analysen ergaben, dass die Jungen fast ausschließlich Eigengruppenmitglieder, aber kaum Kinder aus der Fremdgruppe als Freunde bezeichneten. Zudem hatten die Kinder negative Stereotype über die Fremdgruppe ausgebildet.

Die dritte Phase war der Überwindung der entstandenen Feindseligkeiten gewidmet. Es ergab sich, dass bloßer Kontakt zwischen den Gruppen zu keiner Veränderung führte. Die Mitglieder blieben weiterhin streng nach Gruppen getrennt und zeigten weiterhin eine Abwertung der Fremdgruppe z. B. durch Schimpfwörter. Eine Veränderung ergab sich jedoch, als die Gruppen zusammenarbeiteten, um ein Problem zu lösen. Die Forscher beobachteten, dass sich die Jungen nach der Zusammenarbeit vermehrt über die Gruppengrenzen hinweg austauschten und miteinander ins Gespräch kamen. Die Spannung schien um so mehr abzunehmen, je mehr die Gruppen miteinander kooperierten. Die Beobachtungen wurden unter anderem durch soziometrische Analysen bestätigt. So zeigte sich am Ende der dritten Phase eine Zunahme der Wahl von Fremdgruppenmitgliedern als Freunde. Darüber hinaus zeigte sich ein drastischer Rückgang im Ausmaß der negativen Stereotype gegenüber der Fremdgruppe. Die Befunde stützen die zweite Hypothese, dass gemeinsame Kooperation, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen, Spannungen zwischen Gruppen reduziert.

Bedeutung und Bewertung

Der Studie von Sherif und Kollegen kommt gerade in heutiger Zeit eine neue Brisanz zu, da sie aufzeigt, wie bereits im Kindesalter aus sozialen Konkurrenzsituationen Feindseligkeiten zwischen Gruppen entstehen können. Zugleich weist sie einen Weg, wie diese Feindseligkeiten durch die gemeinsame Arbeit an einem übergeordneten Ziel überwunden werden können. Eine zentrale Einsicht dieser Arbeit ist, dass sich Feindseligkeiten und Konflikte durch die soziale Struktur und Limitationen an Ressourcen ergeben und nicht notwendigerweise etwas mit individuellen Dispositionen zu tun haben. Das heißt, unabhängig von der Bezugnahme auf individuelle Prozesse (z. B. die Lerngeschichte oder die Emotions- und Selbstregulationsfähigkeiten einzelner Individuen), können wir Feindseligkeiten und Konflikte zwischen Personen durch die Art der sozialen Struktur erklären.

Obwohl die Arbeit ursprünglich aus sozialpsychologischen Überlegungen heraus motiviert wurde, bietet sie eine umfassende Untersuchung von Themen, die verstärkt im Mittelpunkt gegenwärtiger entwicklungspsychologischer Forschungen stehen. Dazu gehören die Fragen nach der Entstehung von Normen als auch der Entwicklung von Intergruppenverhalten und die mögliche Überwindung von Intergruppenkonflikten.

Gerade die erste Phase der Studie zeigt, wie in der Interaktion zwischen Kindern teilweise arbiträre Normen innerhalb von Gruppen entstehen und eine zentrale Rolle in der Kohäsion von Gruppen spielen, indem sie deren gemeinsame Aktivität regeln. Die Studie nimmt damit ein breites Interesse an den Grundlagen der Normativität vorweg, die heute vor allem in der frühen Kindheit genauer erforscht werden (für eine Übersicht siehe Rakoczy / Schmidt, 2013). Diese Forschungen zeigen, dass Kinder im Alter von 2 – 3 Jahren die verpflichtende Kraft von Regeln verstehen und andere Personen zur Einhaltung von Regeln auffordern (Rakoczy et al., 2008). Unter bestimmten Umständen schließen 3-jährige Kinder auf die Existenz einer Norm, selbst wenn sie eine Handlung nur ein einziges Mal gesehen haben (Schmidt et al., 2016). Die Reichweite sozialer Normen zeigt sich in vielen Bereichen. So zeigen Studien, dass die Neigung junger Kinder, auch eigentlich unnötige Verhaltensweisen einer anderen Person genau zu imitieren (die sog. Über-Imitation), auf der normativen Annahme beruht, dass diese Handlungen so ausgeführt werden müssten (Kenward, 2012; für eine Übersicht siehe Höhl et al., 2019). Weitere Studien legen nahe, dass auch der Gebrauch neuer Wörter (Paulus / Wörle, 2019) und von Werkzeugen (Casler et al., 2009) von jungen Kindern als normativ aufgefasst wird – sie protestieren dagegen, wenn jemand anders damit umgeht.

Auch die Frage, wie Normen in Gruppenprozessen entstehen und tradiert werden, beschäftigt die gegenwärtige Entwicklungspsychologie. In einer Studie spielten Triaden von 5-jährigen Kindern zusammen (Göckeritz et al., 2014). Nach kurzer Zeit stellten die Kinder Spielregeln auf und forderten die Einhaltung dieser Regeln auch von neu hinzukommenden Kindern ein. Dabei unterscheiden junge Kinder, wer eine Regel aufgestellt hat. Falls die Regel von einer Gruppe aufgestellt wurde, glauben Kinder im Grundschulalter, dass diese Regel nur durch eine gemeinsame Entscheidung geändert werden kann (Zhao / Kushnir, 2018). Falls die Regel jedoch durch einen Erwachsenen aufgestellt wurde, nahmen sie an, dass sie auch nur durch die Person abgeändert werden könne. Insgesamt zeigt sich, dass schon junge Kinder starke normative Einstellungen ausbilden und regelkonformes Verhalten auch von anderen Personen einfordern. Zugleich entwickelt sich ein Verständnis, dass Regeln unterschiedliche Ursprünge haben und daher auf unterschiedliche Art abänderbar sind.

Darüber hinaus hat sich die entwicklungspsychologische Forschung verstärkt mit Fragen der Entstehung von Gruppeneinstellungen beschäftigt. Bereits im Kindergartenalter finden sich Effekte von Gruppenzugehörigkeit. Wenn 5-jährige Kinder zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt werden, die sich nur in der Farbe des T-Shirts (blau oder rot) unterscheiden (sog. Minimal Groups), zeigen Kinder Eigengruppenpräferenzen in einer Vielzahl von Bereichen (Dunham et al., 2011). Zum Beispiel mochten die Kinder andere Kinder mit derselben T-Shirt-Farbe lieber und teilten auch mehr mit ihnen. Neuere Studien zeigen, dass Kindergartenkinder loyaler zu ihrer Eigengruppe als einer Fremdgruppe stehen (z. B. ein Geheimnis nicht verraten), selbst wenn ihnen dies Nachteile bereitet (Misch et al., 2016). Dabei scheint es so zu sein, dass sich im Kindergartenalter zuerst eine Präferenz für die Eigengruppe entwickelt, während eine dezidierte Ablehnung der Fremdgruppe erst mit Beginn des Schulalters auftritt (Buttelmann / Böhm, 2014). Aktuelle Forschungen beschäftigen sich mit der Frage, wie die negativen Konsequenzen der sich früh entwickelnden ...

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