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Schleiertanz unterm Wüstenmond

* * *

Nördlicher Teil der Algerischen Sahara, Mai1833

Alex Grayfield entrollte die langen Stoffbahnen seines Turbans, atmete tief die Nachtluft ein und stieß sie mit einem genussvollen Seufzer wieder aus. Am Horizont beleuchteten flimmernde Fackeln einen weiten Bereich voller Zelte – ein Beduinendorf, das sich aus dem Sand erhob. Leise Musik und Gelächter drangen ein ladend die ganze Strecke bis zu ihnen herüber. Alex atmete wieder tief ein und schloss zufrieden die Augen. Neben sich hörte er Crispin Ramsdens Pferd im Sand tänzeln.

„Riechst du, was ich rieche?“ Alex atmete fast ehrfürchtig aus. Gott, er liebte die Wüste. Hier draußen war er frei.

„Ärger?“ Crispin lachte leise.

„Frauen.“

„Ist das nicht dasselbe?“

Sie lachten gemeinsam in der zunehmenden Dunkelheit, ließen ihre Pferde galoppieren, beide begierig darauf, das Lager zu erreichen, nun da die Reise fast beendet war. Algier mit seinen engen Gassen und intensiven Fisch- und Gewürzgerüchen lag zwei Tage hinter ihnen, der Rand der Wüste vor ihnen.

„Man kann sie unmöglich von hier aus riechen“, meinte Crispin freundlich, aber herausfordernd.

„Du vielleicht nicht“, erwiderte Alex spöttisch. Er lächelte. „Ich rieche Weihrauch und Wein und Fleisch am Spieß. Nur Frauen können diese köstlichen Düfte herbeizaubern.“

„Frauen bedeuten Gefahr“, warnte Crispin ihn und nicht ohne Grund. In ganz Europa erzählte man sich von seinen gewagten Liebesabenteuern.

„Nun, auf dem Gebiet weißt du natürlich am besten Bescheid.“ Alex zuckte die Achseln. „In jedem Fall lauert die Gefahr auf uns, auch ohne Frauen.“ Ihre Reise in die Wüste war kein Vergnügungsausflug. Er und Crispin waren zu dieser Versammlung von Beduinen geschickt worden, um die politische Stimmung der Nomaden einzuschätzen.

Algier hatte vor den Franzosen die Waffen gestreckt, und England wollte wissen, ob es etwas gewinnen konnte, wenn es die Wüstenrebellen unterstützte, die sich gegen die französische Besatzung aufbäumten. Unter dem Befehl Abd al Qadirs, des Emirs von Mascara, hatten sich nach ihrem Sieg bereits zahlreiche Aufständische versammelt. Im November hatte die Armee des Emirs einen französischen Vormarsch in die Wüste gestoppt. Würden auch andere, angespornt durch den Erfolg des Emirs, an dem Kampf zur Befreiung Algiers teilnehmen? Wenn ja, könnte vielleicht auch England in seinem Versuch, die wachsende Macht des französischen Kolonialismus zu beschränken, im Verborgenen ein wenig helfen. Alex und Crispin waren sich beide der Wichtigkeit ihrer Mission bewusst. Wer die Wüste beherrschte, beherrschte Nordafrika.

„Gibt es einen Verbindungsmann, oder sollen wir da einfach auftauchen und beten, dass wir nicht auf der Stelle getötet werden?“ Crispin lenkte das Gespräch auf ernstere Themen, nun, da sie jeden Moment im Lager ankommen würden. Sie waren nicht die ersten Gesandten, die versuchten, diesen Ort zu erreichen, vielleicht aber die ersten, die es in intaktem Zustand taten. Vor sechs Monaten war Lord Sutcliffe mit seiner Reisegruppe, darunter seine Tochter, von Algier aufgebrochen. Keiner von ihnen war allerdings an seinem Ziel angekommen. Man vermutete allgemein, dass die gesamte Gruppe von einem tragischen Tod ereilt worden sei.

„Dein Arabisch ist fließend. Keiner wird dich verdächtigen“, überlegte Crispin weiter. „Allerdings würde wohl niemand glauben, dass ich etwas anderes sein könnte als ein Engländer, wenn ich einmal den Mund aufmache.“

„Sie könnten annehmen, du seiest Franzose, was weitaus schlimmer wäre“, scherzte Alex.

Crispin sprach perfekt Französisch, was ihnen in den Kreisen, zu denen sie sich in Algier Zugang verschafft hatten, von enormem Nutzen gewesen war. Doch hier in der Wüste würden sie sich auf Alex’ Arabisch verlassen, das er als Sohn eines Diplomaten in Kairo fließend zu sprechen gelernt hatte.

„Wir haben eine Empfehlung von einer der Verbindungen meines Vaters in Algier“, antwortete Alex. Mehr zu erklären wäre zu kompliziert bei dem weitschweifigen Netzwerk von Freundschaften, das in der arabischen Welt üblich war.

Crispin nickte nur und erwartete auch keine weiteren Einzelheiten. Wie Alex hatte auch er genügend Erfahrungen in diesem Teil der Welt gesammelt, um zu wissen, wie die Dinge liefen. Eine Empfehlung war alles, was sie brauchten. Diese Versammlung war ein sehr glücklicher Umstand. Ein moussem wie dieses führte die Stämme zu einem Fest und zum Austausch von Neuigkeiten zusammen. Es war eine großartige Gelegenheit, sich über mehrere Stämme auf einmal ein Bild zu machen.

Alex musste zugeben, dass er sich auf das moussem freute. Es würde jede Menge köstlicher Speisen geben, Tanz, Wettkämpfe und Musik. Was sollte einem daran missfallen? Sie näherten sich den äußeren Zelten, und Alex lächelte. Wenn er sich charmant und behutsam genug anstellte, würde es auch Frauen geben. Ach, das Leben war doch schön.

Es würde sich ihr nur eine Möglichkeit zur Flucht bieten. Wenn sie übervorsichtig war, würde sie die Gelegenheit verpassen. Wenn sie zu hastig vorging … Die Folgen hierfür waren zu grauenvoll, als dass man sie sich auch nur vorstellen mochte.

Susannah Sutcliffe wich vorsichtig in das Zelt zurück und ließ die Klappe unauffällig herabfallen. Seit sechs Monaten, seit ihr Vater bei einem Wüstenscharmützel ums Leben gekommen war, befand sie sich in der misslichen Lage einer Gefangenen und Sklavin zugleich. Muhsin ibn Bitar begehrte sie, was bedeutete, dass man sie zu keiner schweren körperlichen Arbeit gezwungen hatte. Es bedeutete allerdings auch, dass sie ihm zu Dankbarkeit verpflichtet war. Bis jetzt war es ihr gelungen, dass er sich mit ihrer Gesellschaft bei Tisch begnügte.

Doch beide wussten sehr wohl, dass es nur der verlängerte Auftakt zur endgültigen Verführung war. Sehr viel länger würde er sich nicht mehr vertrösten lassen. Genau das hatte er ihr deutlich zu verstehen gegeben, als sie sich auf die Reise zur Versammlung gemacht hatten. Wenn sie ihm bis zum Ende des moussem nicht zu Gefallen sein würde, würde er sie an einen anderen verkaufen. Dieser andere war sehr wahrscheinlich sein Schwager Bassam.

Susannah schauderte bei dem Gedanken. Bassam war bekannt für seine Neigung zu außergewöhnlichen Vergnügungen im Schlafgemach. Aber auch die Gesellschaft des Scheichs behagte ihr nicht, der sie zu seiner irdischen houri machen wollte – jenen Jungfrauen gleich, die dem Gläubigen im Paradies versprochen wurden. Das ließ ihr nur einen Ausweg – zu fliehen und ihr Glück in der Wüste zu versuchen, und das war kaum weniger gefährlich. Die falsche Richtung könnte sie von den Siedlungen und Karawanenstraßen fortführen. Es war leicht, in der Wüste zu sterben, und Susannah wusste, dass sie nur für wenige Tage Wasser mitnehmen konnte.

Ihr Plan war einfach. Sie wollte ein starkes Wüstenpferd stehlen oder, wenn nötig, ein Kamel und sich nachts, während alle schliefen, davonschleichen. Bei den vielen Menschen, die am moussem teilnahmen, würden Stunden vergehen, bevor jemandem auffiel, dass sie oder das Tier verschwunden waren. Doch durfte ihr nicht der geringste Fehler unterlaufen.

Alles hing von einer einzigen Entscheidung ab. Kamel- oder Pferdediebstahl galt bei den Beduinen als schweres Verbrechen. Susannah bezweifelte, dass selbst das Verlangen des Scheichs nach ihr groß genug sein würde, um sie vor dem Beduinenrecht zu retten. Vom Erfolg ihres Plans hing also ihr Leben ab.

Innerlich zögerte sie noch, ein solches Risiko einzugehen. Sie konnte hierbleiben. Es war schließlich keine Schande, dem Scheich zu Gefallen zu sein. Gewiss würde sie es ertragen können, wenn es bedeutete, dass sie weiterleben durfte. Wenn sie am Leben blieb, könnte sich später eine bessere Gelegenheit zur Flucht ergeben. Ihr Vater hatte ihr immer geraten, vorsichtig vorzugehen. Aber genauso gern hatte er auch gesagt: niemals dem Feind ergeben. Sie würde also der Wüste die Stirn bieten und die Mission ihres Vaters erfüllen. Sobald sie das Konsulat in Algier erreicht hätte, würde sie die Information weitergeben können, die herauszufinden ihr Vater ursprünglich geschickt worden war.

Ein Mädchen kam leise ins Zelt geschlüpft, in den Armen eine Auswahl hauchdünner Stoffe, die es Susannah entgegenhielt. „Der Scheich bittet dich, dich zu ihm zu gesellen. Mir ist aufgetragen, zu warten und dir beim Frisieren zu helfen.“

Susannah nickte. Ihre Kenntnisse des Arabischen hatten sich im Lauf der Monate so sehr verbessert, dass sie in der Lage war, einfache Sätze zu verstehen. Das Spiel beginnt, dachte sie, während sie sich ankleidete. Für englische Verhältnisse waren die Gewänder skandalös. Sie enthüllten sehr viel mehr als das Nachtkleid jeder anständigen Engländerin. Für beduinische Verhältnisse waren die Kleider lediglich prächtig. Der Scheich hatte keine Kosten gescheut. Susannah begriff natürlich, wie wichtig es ihm war, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Es gefiel ihr nur nicht, dass sie selbst dabei ebenfalls zur Schau gestellt wurde.

Das Mädchen bürstete ihr das Haar aus und ließ es offen über ihren Rücken fallen. Gleich darauf betrat eine weitere Frau das Zelt.

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