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Schlechte Manieren in bester Gesellschaft

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. Danksagung

Über die Autorin

Laurie Notaro, geboren in New York und aufgewachsen in Arizona, versuchte sich nach ihrem Journalistikstudium in verschiedenen Jobs, bevor sie ihre Leidenschaft, das Schreiben, zu ihrem Beruf machte. Genau wie die Heldin in ihrem neusten Roman ist auch Laurie kürzlich umgezogen und weiß daher ganz genau, wie es ist, wenn man in der neuen Stadt erst mal niemanden kennt.

Laurie Notaro

Schlechte Manieren
in bester Gesellschaft

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Stefanie Retterbusch

Prolog

Frühjahr 1956

In dem Augenblick, als das Mädchen auf die Bühne trat, schwenkte der kreisrunde Scheinwerferstrahl herum und tauchte es in ein gleißendes Licht, als solle ihr Auftritt gebührend angekündigt werden. Die Menschenmenge vor ihr verstummte schlagartig, als erwarte sie etwas wahrlich Spektakuläres. Und spektakulär müsste ihre Vorstellung schon werden, denn Mary Lou Winton, die Bewerberin, die vor ihr an der Reihe gewesen war, hatte auf der Bühne ein fettig glänzendes Ferkel losgelassen, es dann mit dem Lasso wieder eingefangen, seine Beine zusammengebunden und ihm ein Brandzeichen aufgedrückt – mit einem Brandeisen in Form einer Abwasserleitung, nebenbei bemerkt –, und das alles in gerade mal neun Sekunden. Was das Publikum, das mitzählte, während Mary Lou das Lasso schleuderte, dann über die Bühne stampfte, das Brandeisen packte und dem Schweinchen aufdrückte, lautstark bestätigt hatte. Und Ruth Watson, so munkelte man, hatte für ihre Nummer beim Talentwettbewerb angeblich geplant, mit einem Gewehr bewaffnet auf die Bühne zu gehen und jeden zufällig vorbeifliegenden Vogel vom Himmel zu schießen, und zwar im Abendkleid.

Bauernpossen, dachte das Mädchen spöttisch und fragte sich, ob solche Ideen tatsächlich von Talent zeugten oder ob man sie doch eher als Folge von Inzucht betrachten konnte. Sie wusste, dass sie sich darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen durfte, und so ließ sie den Blick über die Menge schweifen und schaute forschend in die ihr erwartungsvoll zugewandten Gesichter der Leute. Die kannte sie fast ausnahmslos – und alle warteten nur darauf, sie singen zu hören.

Sie setzte ein herzallerliebstes Lächeln auf, um möglichst nett zu wirken.

Hätte ich doch bloß rote Glitzerschuhe, dachte sie. Die hätten im Scheinwerferlicht wunderbar geschimmert, hätten geglitzert wie der Funkenregen eines Feuerwerks, wären weitaus imposanter als geölte Ferkel und tote Vögel gewesen. Sie schaute auf ihre Füße hinunter, auf ihr abgetragenes Paar Sonntagsschuhe vom letzten Jahr – die ihr Vater mit leuchtend kirschroter Schuhcreme auf Hochglanz poliert hatte, so stolz war er gewesen, als er sie damit überrascht hatte –, und sah, dass sie nicht ein bisschen glitzerten, sondern höchstens ein ganz klein wenig glänzten.

Dann hörte sie, wie hinter ihr Mrs. A. Melrose vom Kirchenchor auf dem Klavier die Melodie anstimmte. Das war ihr Einsatz, und die Pianistin würde gut daran tun, im Takt zu bleiben. Denn obwohl Mrs. Melrose sich selbst als strenggläubige Christin mit einem vor Großzügigkeit geradezu überfließenden Herzen betrachtete, hatte sie nicht einsehen wollen, warum sie diesem Unterfangen vollkommen selbstlos ihre kostbare Zeit widmen sollte. So hatte sie sich erboten, ihre musikalischen Dienste im Tausch dafür zur Verfügung zu stellen, dass das Mädchen anschließend die im Laufe einer ganzen Woche angefallene Wäsche aus dem Haushalt seiner Pianistin und deren flatulentem Ehemann wusch. Trotz dieser grausigen Aufgabe, die sie am nächsten Tag im Wäschekorb der Melroses erwartete, lächelte das Mädchen unbeirrt weiter und holte so tief Luft, dass sich das aus einer alten, blau karierten Picknickdecke geschneiderte Trägerkleidchen ein wenig zu dehnen schien, wodurch die hartnäckigen Ketchup-Flecken, die sich einfach nicht hatten herauswaschen lassen, den Eindruck vermittelten, sie hätte nähere Bekanntschaft mit Ruth Watsons Schusswaffe gemacht. Sie wartete: eins, zwei, drei.

Das war ihre Note. Jetzt kam es drauf an.

»Somewheeeere over the rainbow …«

Zuckersüß schwebte ihre Stimme über die Bühne hinunter zum Publikum und wirbelte über den Köpfen der Menge durch die Luft wie ein Zauber. Sie sah es in den Gesichtern der Menschen, die ihr zuschauten, ihr mit ganz leicht zur Seite geneigten Köpfen zuhörten und ihr Lächeln erwiderten. Dies war kein Wettbewerb im Ferkelfangen, und es würden auch keine Federn aus den Wolken regnen.

Hier ging es um Talent.

Und das habe ich, dachte sie mit einem leichten Anflug von Schwindel, als sie die erste Strophe beendete und ihre Stimme klar und fest und mit genau dem richtigen Hauch Empfindsamkeit hinausschallte.

Dann sah sie ihn. Er stand ganz hinten, weit weg von der Menge, die sich auf dem Platz versammelt hatte – der schönste Mann, den sie je im Leben gesehen hatte, der eine, der sie retten konnte. Mit einem riesigen Blumenstrauß, stand er gegen ein brandneues taubenblaues Cabrio mit Weißwandreifen und glänzenden, kurvigen Chromstoßstangen gelehnt. Es war ein Wahnsinnsgefährt. Es passte zu ihm. Solche Autos waren rar in dieser Stadt, genauso wie die Männer, zu denen sie passten. Sie sah, wie er sie anlächelte und ihr aufmunternd zunickte.

Sie spürte, wie sie unmerklich errötete. Diese kleine Woge des Entzückens war genau das, was sie brauchte, um mit aller Inbrunst die letzte Strophe anzustimmen und aufrichtig sehnsüchtig und aus ganzem Herzen zu schmettern: »Why, oh, why can’t I?«

Der letzte Ton war noch nicht ganz verklungen, als auch schon ein wohlig-warmer Applaus losbrach, die Leute klatschten herz-lichen Beifall. Als sie die Augen zusammenkniff und weit über die Menge hinwegschaute, da sah sie, dass auch er applaudierte, den Arm voller Tulpen, Rosen und Lilien. Er klatschte für sie.

Die Erregung schoss ihr durch Mark und Bein wie der Metallblock, der auf dem Jahrmarkt beim Hau den Lukas die Klingel auslöst.

Der Sieg war ihrer, sie hatte es geschafft, sie wusste es, er gehörte ihr. Sie meinte schon, das Gewicht der Krone, die man ihr auf den Kopf setzen würde, zu spüren, und sie konnte sich genau vorstellen, wie sie funkeln würde. Gleißend hell sollte sie funkeln, wild und unbändig. So hell sollte sie funkeln, dass jedermann geblendet wurde. Sie sollte der ganzen Stadt zeigen, dass sie die Königin dieser Müllhalde war, in der es nichts anderes als Abwasserleitungen und Abfall gab. Von nun an gehörte das alles ihr, samt und sonders. Wenn sie rote Glitzerschuhe wollte, dann würde sie rote Glitzerschuhe bekommen, und nicht die alten abgetragenen Sonntagsschuhe vom letzten Jahr, rot eingefärbt mit einem dreckigen Lappen. Sie hatte wahrlich Besseres verdient.

Das alles stand ihr zu, die Krone, die Stadt – sie hatte gewonnen, und sie würde es sich nehmen. Sie wusste es so sicher, wie sie noch nie zuvor irgendetwas gewusst hatte. Als gäbe es eine andere Möglichkeit! Die Ferkelquälerin oder die Vogelmörderin vielleicht? Das war jetzt ihre Stadt, ihr Königreich.

Über das sie nach eigenem Gutdünken herrschen würde.

Wieder setzte sie ein liebreizendes Lächeln auf, dann schloss sie langsam die Augen, legte eine Hand auf die Brust, wie sie es in den Filmen gesehen hatte, und streckte ein Bein nach hinten, eine Geste, die man nur als wahrlich majestätisch und großartig beschreiben konnte.

Und damit verbeugte sie sich.

1. Kapitel

Die Bienenkönigin verlässt den Stock

Bevor Maye zu ihrem täglichen Gang zum Müllcontainer hinter dem Starbucks-Café aufbrach, achtete sie wie jeden Morgen penibel darauf, Lippenstift zu tragen und ihren Glücksbringerstock nicht zu vergessen. Auf einer umgedrehten Milchkiste balancierend, stocherte sie mit dem umfunktionierten Besenstiel im Abfall herum, während sie mit der anderen Hand die Fliegen verscheuchte.

Es war brütend heiß. Schon nach wenigen Minuten spürte Maye, wie die heiße Sonne von Phoenix erbarmungslos auf ihre Schädeldecke brannte und ihr der Schweiß in Strömen die Schläfen herunterrann und in die Augen lief, sodass die vor Salz brannten. Doch sie stocherte mit ihrem Glücksstock weiter tapfer im Müll herum und drehte ein Stück Pappe um, unter dem ein kaum angerührtes Taco-Menü vom direkt neben der Starbucks-Filiale liegenden Don Juans Taco Village zum Vorschein kam, das beinahe perfekt auf einem leeren Kaffeetassen-Karton drapiert war.

»Bingo«, zwitscherte sie und lächelte wie die Grinsekatze, während sie in den Container langte und nach dem Styroporteller griff. »Komm zu Mama.« Auf den Zehenspitzen balancierend, streifte sie mit dem ausgestreckten Arm versehentlich das glühendheiße Metall des Abfallcontainers, sodass sie ein wenig zurückzuckte.

»Ich krieg dich schon noch«, zischte sie, wild entschlossen, sich dieses Schätzchen nicht entgehen zu lassen – wenn sie richtig sah, handelte es sich um eine Käse-Enchilada und ein Rindfleisch-Taco mit Reis und Bohnen –, und machte sich so lang, wie sie nur konnte. Immerhin kam sie jetzt schon mit den Fingerspitzen bis an den perlweißen Teller heran. Mit nur einem Fuß auf der Kiste stehend, beugte sie sich so weit wie möglich vornüber in den Container, dann stieß sie sich todesmutig ab und schnappte sich blitzschnell den Teller. Der Käse auf dem Bohnenmus war dank der Sommerhitze noch weich, und es gelang ihr, sich rückwärts wieder aus dem Container zu hangeln, ohne auch nur einen Tropfen der roten, dünnflüssigen Enchilada-Soße zu verschütten.

Maye hörte das metallische Quietschen einer Tür, die hinter ihr geöffnet wurde.

»Hey!«, rief eine laute Stimme.

Das Essen in den Händen, drehte sie sich um und sah sich einem jungen Mann in der typischen grünen Starbucks-Schürze gegenüber.

»Sie brauchen doch nicht da drin rumzuwühlen«, tadelte sie der junge Mann. »Ich habe Ihnen was mitgebracht.«

»Ich hatte mich schon gefragt, wo Sie wohl stecken«, entgegnete Maye. »Ich war ganz pünktlich!«

Sie drehte sich auf der Milchkiste um und warf mit einer lässigen Handbewegung das Essen in den Müll zurück und wendete ihre Aufmerksamkeit dem makellosen, quadratischen, unbeschädigten und von Enchilada-Soße verschont gebliebenen Kaffeetassen-Karton zu, der genau die richtige Größe hatte, um ihre Küchenmaschine darin zu verstauen. Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sie ihn aus dem Container angelte.

»Danke Carlos, ich nehme alles, was Sie haben«, erwiderte Maye, während sie ihr Fundstück mit bewundernden Blicken bedachte. »Aber der hier ist einfach perfekt. So ein Schätzchen würde mich bei einer Spedition ganze sieben Dollar kosten. Aber ich wünschte wirklich, die Jungs von Don Juan würden endlich lernen, Recycling- und Mülltonnen auseinanderzuhalten. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele dieser wunderschönen Kartons leider zu nichts mehr zu gebrauchen sind, bloß weil sie einen einzigen Tropfen dieser hundsgemeinen Nacho-Käsesoße abbekommen haben. So was müsste verboten werden, sage ich Ihnen.«

»Wann geht’s denn los?«, erkundigte sich Carlos und schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab.

»In vier Tagen. Nur noch vier Tage. In vier Tagen ziehe ich ans andere Ende der Welt«, entgegnete sie. »Ich kann es kaum fassen. Ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Es ist noch so unglaublich viel zu tun.«

»Na, dann hoffe ich jedenfalls, dass Sie die brauchen können, Maye«, erwiderte er und reichte ihr einen zusammengebundenen Packen zusammengelegter Starbucks-Kartons.

»Jedes bisschen hilft«, antwortete Maye und lehnte ihren Glücksbringerstock vorsichtig gegen den Container. »Ich hätte ein Vermögen für Umzugskartons ausgeben müssen, wären Sie und mein Lieblingscontainer nicht gewesen. Dankeschön. Und danke, dass Sie mir in den letzten Wochen nicht den Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums auf den Hals gehetzt haben.«

»Na ja, heutzutage wühlen sich mehr eBayer durch die Kartons als Obdachlose, aber es kann nie schaden, sich ein bisschen von den Pennern abzuheben, indem man frisch geduscht hier aufläuft und seinen imaginären Freund zuhause lässt.«

»Den Lippenstift nicht zu vergessen«, ergänzte Maye. »Wie es scheint, reicht es den Leuten von Dunkin’ Donuts manchmal nicht, wenn man frisch geduscht ist. Das habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen.«

»Dann bis morgen?«, verabschiedete sich Carlos und öffnete die Hintertür mit den quietschenden Scharnieren.

»Punkt acht«, zwitscherte sie. Ihren perfekten Karton fest in den Armen haltend, hüpfte sie von der Milchkiste herunter und mitten hinein in eine kleine Pfütze Pennerkotze.

* * *

»Ich kann nicht, Charlie, ich kann einfach nicht«, stöhnte Maye, als sie sich den Weg durch die Kartons bahnte, die sie von Carlos bekommen hatte und von denen die meisten inzwischen zur Hälfte mit Dingen gefüllt waren, die sich vorher in den Bücherregalen im Wohnzimmer befunden hatten. »Ich weiß, ich habe gesagt, ich würde hingehen, aber es gibt immer noch so viel einzupacken.«

»Dann packe ich eben doppelt so schnell«, erbot sich Charlie, der hinter einem Turm von Starbucks-Logos verschwunden war. »Ich schaffe das schon. Du musst hingehen, du hast es versprochen. Heute ist die letzte Gelegenheit, Kate noch mal zu sehen, bevor wir fahren. Du musst hingehen.«

Maye sah sich im Wohnzimmer um. Ihr war klar, dass sie mit ihrer Freundin Kate zum Essen gehen sollte, wie sie es versprochen hatte, aber es schien ihr schier unmöglich. Sie wusste nicht, wem ihr Mann etwas vormachen wollte. In nur vier Tagen würden die Möbelpacker anrücken, und wohin Maye auch blickte, überall gab es noch etwas zu tun, und die unerledigte Arbeit schien sich stündlich zu verdoppeln. Ihr Haus hatte sich in einen Irrgarten aus offenen Kartons, Packpapierstapeln, Klebebandrollen und ihren zu gewaltigen Gebirgen aufgetürmten Habseligkeiten verwandelt. Jedes Mal, wenn sie den Inhalt eines Bücherregals in einem Karton verstaut hatte, tauchten, sobald sie ihm den Rücken zukehrte, weitere Bücher darauf auf. Sie musste häufiger losziehen, um immer neue riesige Rollen Luftpolsterfolie zu kaufen, als Lebensmittel. Und es gab noch so vieles, was sie noch überhaupt nicht in Angriff genommen hatte. Es kam ihr vor, als stünden mindestens dreihundert Dinge auf ihrer Liste der noch zu erledigenden Sachen, angefangen vom Abstellen von Gas und Wasser über die Internetrecherche, in welchen Motels sie auf ihrer Fahrt nach Spaulding in Washington, ihrer zukünftigen Heimat, mit Mickey, ihrem dreijährigen Australian Shepherd, einchecken konnten, bis zum Ausmisten der Gerümpelschublade. Bei all dem musste sie auch noch inständig hoffen, dass es, sollte es in ihrer Nachbarschaft zu einer Schießerei kommen, nicht in den Abendnachrichten gemeldet würde, damit die Dame, die ihr Haus gekauft hatte, nicht auf die Idee käme, von ihrem Kaufvertrag zurückzutreten. Außerdem musste sie sich überlegen, in welche Kleider sie möglicherweise eines Tages wieder hineinpassen könnte und welche eindeutig auch beim besten Willen absolut hoffnungslose Fälle waren – von dem äußerst unwahrscheinlichen Fall einmal abgesehen, eine Hungersnot und eine Seuche würden zeitgleich über sie hereinbrechen – und daher in den Kleidercontainer der Heilsarmee wandern würden. Hätte Charlie doch bloß nachdrücklicher auf einen Umzugzuschlag bestanden, als er die Bedingungen für seine neue Stelle als Englischdozent ausgehandelt hatte, dachte Maye, dann müsste ich mich jetzt nicht so damit herumplagen. Aber es war seine erste Stelle, und es war eine kleine Universität in einer noch kleineren Stadt. Und ihr Mann hatte ihr mehrfach klarzumachen versucht, wie glücklich er sich schätzen konnte, dass man ihm gleich nach dem Uni-Abschluss eine Stelle in einer derart angesehenen Universität angeboten hatte. Sich unter diesen Umständen von seinem neuen Arbeitgeber den Umzug organisieren und womöglich auch noch bezahlen zu lassen, kam einfach nicht infrage.

»Mir ist klar, dass ich mich mit Kate treffen sollte, ich weiß bloß nicht, wie ich das zeitlich hinkriegen soll«, erklärte Maye und nahm einen weiteren von Carlos’ zusammengelegten Kartons, um ihn aufzustellen. »Das Geschirr muss noch eingepackt werden. Ich muss den Kühlschrank ausräumen und auswischen, damit er aussieht, als sei er von ganz normalen Menschen benutzt worden, und nicht als Versuchslabor zur Untersuchung der Langzeitwirkung von Lebensmitteln mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum auf den menschlichen Organismus. Und ich verfluche den Tag, an dem du Lesen gelernt hast, Charlie. Warum haben wir bloß so viele Bücher? Wir haben so viele Bücher. Es ist doch nichts gegen Analphabetismus einzuwenden. Ich weiß nicht, warum ich damals aufgehört habe, mit Analphabeten auszugehen.«

»Geh zum Essen. Ich übernehme deinen Teil der Arbeit«, drängte Charlie, nahm ihr den Karton aus der Hand und pappte schwungvoll einen Streifen Paketband auf die Unterseite.

»Letzte Nacht habe ich geträumt, die Möbelpacker wären da, und nichts war eingepackt, außer meinen Blusen und T-Shirts«, erzählte sie. »Also musste ich die letzten tausend von deinen Büchern vor ihrer Nase einpacken, und zwar oben ohne, während du rausgegangen bist, um Donuts zu kaufen, mit denen die Möbelpacker mich dann beworfen haben, als sei ich eine Schießbudenfigur auf dem Rummelplatz.«

»Geh zum Essen«, sagte ihr Mann abermals. »Ich verspreche dir, ich erledige die nächsten fünfzehn Punkte auf deiner Liste. Dieser Traum beweist nur, dass du ganz dringend ein bisschen entspannen und mal an was anderes denken musst. Wenn du heute nicht ausgehst, fängst du mir noch an zu schlafwandeln, und dann wache ich morgen früh in einen gigantischen Kokon aus Paketband gewickelt auf und winde mich wie eine Larve.«

»Ich weiß es einfach nicht. Ich fürchte, ich kann mir das zeitlich jetzt wirklich nicht leisten«, widersprach Maye.

»Du kannst es dir nicht leisten, nicht hinzugehen«, beharrte er. »Kate ist eine deiner besten Freundinnen. Wann, glaubst du, wirst du sie das nächste Mal wiedersehen? Wir ziehen eintausendfünfhundert Meilen weit weg, vergiss das nicht. Du kannst nicht einfach kurz mal auf einen Kaffee vorbeischauen.«

Nach kurzem Überlegen nickte Maye. »Du hast ja Recht«, gab sie nach. »Ich habe versprochen hinzugehen. Also sollte ich auch gehen. Und du versprichst, die nächsten fünfzehn Punkte auf der Liste abzuarbeiten?«

»Versprochen«, versicherte Charlie und hob die Hand zum Schwur. »Ich schwöre auf den Paketbandabroller.«

»Das heißt aber nicht, dass du fünfzehn Paar Socken einpacken und dann Feierabend machen kannst, das ist dir schon klar, oder?«, ermahnte sie ihn und wackelte drohend mit dem Zeigefinger. »Denn wenn du ein Päckchen Zahnstocher einpackst und anschließend behauptest, du hättest einhundertfünfzig Sachen erledigt, Charlie, kannst du dir sicher sein, dass ich die Möbelpacker Donuts auf deine nackte Brust werfen lassen werde.«

* * *

In der verbleibenden Stunde vor ihrer Verabredung mit Kate hatte Maye noch schnell eine Vase verpackt, die beiden oberen Fächer des Kühlschranks ausgeräumt und sämtliche Bücher aus dem Bücherregal (wieder einmal) in Kartons verstaut. In fliegender Hast wühlte sie sich durch das, was von ihrer Garderobe noch übrig war, und kramte schließlich ein sommerliches, klassisch kariertes Hemdblusenkleid hervor, ideal, um darin an einem warmen Abend auf der Veranda hinter dem Haus ihrer Freundin zu sitzen und ein Gläschen Wein zu trinken. Anders ausgedrückt, ein tolles Kleid zum Schwitzen. In Phoenix ist es während sechs Monaten im Jahr das Beste, auch abends, wenn die Sonne schon längst untergegangen ist, bügelfreie, pflegeleichte Kleidung zu tragen. Alles Synthetische klebt nicht nur an der schweißfeuchten Haut wie zu Highschool-Zeiten der verräterische Knutschfleck am Hals, ausgerechnet an jenem Tag, an dem die Fotos für das Abschlussalbum gemacht werden, nein, darüber hinaus müsste man für die Reinigung auch noch mehr Geld auf den Tisch blättern als für einen ungezügelten Kokainkonsum. Maye schaute an sich hinunter und musste feststellen, dass ihre Beine eine Rasur nötig gehabt hätten, aber sie war ohnehin schon spät dran, und für Nylonstrümpfe war es einfach viel zu heiß. Sei’s drum, dachte sie sich, sie würde ohnehin nur mit Kate auf der Veranda sitzen, und sie hatten ja nichts Aufregendes vor, sie wollten bloß ein bisschen Körperflüssigkeit verdunsten lassen und sich einen kleinen Schwips antrinken. Und wenn nicht rein zufällig eine hungrige Katze vorbeikam, würde ganz sicher niemand um ihre stoppeligen Beine streichen.

»Charlie«, rief sie und schnappte sich Handtasche und Hausschlüssel, »ich bin dann mal weg. Bis später.«

»Bis später«, entgegnete er vom anderen Ende des Hauses. »Viel Spaß!«

Maye machte sich auf den Weg zu Kate, die nur drei Häuserblocks entfernt wohnte. Als sie durch ihren Garten ging, fiel ihr Blick auf das Eisenkraut, das nun endlich richtig schön zur Geltung kam. Dort an der Hausseite, an der sie es im Frühjahr gepflanzt hatte, wuchs und gedieh es ganz prächtig. Sie hoffte, dass es ihre Nachbarn nicht stören würde, wenn die Pflanze den hässlichen Maschendrahtzaun überwucherte, welcher Maye überhaupt erst veranlasst hatte, das Eisenkraut zu pflanzen. Bis zum nächsten Frühjahr müsste die Pflanze den Zaun fest im Griff haben, dann würde sie sich mit ihren winzigen lila Blüten wie ein leuchtendes Band durch die rautenförmigen Maschen winden.

Und erst in diesem Augenblick wurde Maye schlagartig bewusst, dass sie das nicht mehr erleben würde. In vier Tagen würde ihr Heim, das hübsche kleine Backsteinhäuschen von 1927, das Charlie und sie direkt nach ihrer Hochzeit gekauft hatten, für das sie gespart und geknausert und sich krummgelegt hatten, jemand anderem gehören. Die Holzdielenböden, die sie eigenhändig aufgearbeitet hatten, die alte Küchenarbeitsplatte aus Speckstein, die sie eines Nachts entdeckt hatte, als sie mit Hammer und Schraubenzieher auf eine Schicht bröckelnder, gesprenkelter Kacheln losgegangen war, weil Charlie mal wieder viel zu spät von der Arbeit nach Hause gekommen und sie stinksauer auf ihn gewesen war. Der von Bücherregalen flankierte offene Kamin, von dem sie sieben Farbschichten gekratzt hatte, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass sein Sims schon Jahrzehnte zuvor von Termiten zerfressen worden war. Das Kaminsims war ein derart hoffnungsloser Fall gewesen – sie hatte mit dem Finger durch das Holz bohren können –, dass sie beschlossen hatte, es eigenhändig nachzubauen. Die Palisander-Bäume, die sie im Garten hinter dem Haus gepflanzt hatten, der Sandsturm, der gedroht hatte, sie zu entwurzeln, sodass Charlie und sie mit vor den Mund gebundenen Tüchern gegen den Sturm angekämpft und verhindert hatten, dass die frisch gepflanzten Bäumchen vom Sturm entwurzelt wurden. Es war eine Sache, ein Haus zu verkaufen, dachte Maye plötzlich, aber es war etwas ganz anderes, wenn einem klar wurde, dass es einem nicht mehr gehörte.

Nachdem sie die schier unglaubliche Nachricht bekommen hatten, dass man sich an der Fakultät der Spaulding University für Charlie entschieden hatte, hatten sich die Ereignisse überstürzt. Schneller hätte man auch die Hochzeit einer Klosterschülerin, die dringend unter die Haube gebracht werden musste, nicht planen können. Maye, Lokalreporterin bei einer städtischen Tageszeitung, hatte im Kalender die Tage markiert, die ihr noch blieben, um darüber zu berichten, wie in der Stadt illegale Crack-Labore ausgehoben wurden, dann hatte sie ihren Chefredakteur darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie zum Ende des Sommers aufhören würde, und war in Aktion getreten wie eine fliegende Superheldin. Gerade mal zwei Monate blieben ihr noch, um das Haus zu verkaufen, ihre Habseligkeiten einzupacken und ein neues Nest für sich und ihren Mann zu suchen, bevor das Wintersemester anfing. Nicht viel Zeit also, um sein ganzes Leben zu verpflanzen, vor allem nicht bei einer Frau, die mit zweitem Namen Mrs. eBay hieß. Maye und Charlie waren beide in Phoenix aufgewachsen, und so fanden sie die Vorstellung, sich ein neues Leben in einem bezaubernden College-Städtchen in den Washingtoner Bergen aufzubauen, ziemlich aufregend. Sie konnten es kaum erwarten, endlich von hohen Kiefern, einer kühlen Brise und netten Menschen umgeben zu sein, weit weg vom vielen Verkehr, der Hitze, der stetig steigenden Kriminalität, der schlechten Luft und, wie Maye jetzt klar wurde, ihrem süßen kleinen Häuschen mit der Alarmanlage und den schmiedeeisernen Gittern vor jedem Fenster und jeder Tür. Sie hatten die Hektik und permanente Hitze in dieser großen Stadt satt, und als sie dann bei ihrer ersten Fahrt nach Spaulding an einem prächtigen Gemüsegarten vorbeikamen und ein Windstoß den Geruch von Zwiebeln ins Auto trug, verschwand auch ihr letzter vielleicht noch übrig gebliebener Zweifel. In Phoenix roch man einfach keine Zwiebeln, nie und unter keinen Umständen, außer, man wurde von jemandem mit besonders unangenehmem Mundgeruch um einen Dollar angeschnorrt. Während ihrer ganzen Reise hatten sie keinen einzigen Schuss gehört, einmal hatten sie vergessen, ihren Mietwagen abzuschließen, und es war nichts gestohlen worden, und unter Hausfriedensbruch verstand man in diesem liebreizenden Örtchen, wenn ein Nachbar beim Grillen ein Bierchen über den Durst getrunken hatte und nicht merkte, dass er sich besser wieder in die eigenen vier Wände trollen sollte. In Windeseile waren sie nach Hause zurückgefahren, hatten ihren Freunden und Verwandten ihre Entscheidung mitgeteilt, und Maye hatte damit angefangen, die Müllcontainer mit ihrem Glücksbringerstock zu durchwühlen. Sie war so sehr mit den vielen Vorbereitungen für ihren Umzug beschäftigt gewesen – unter anderem war sie jedes zweite Wochenende nach Spaulding geflogen, um eine neue Bleibe zu suchen –, dass sie ein paar Dinge einfach nicht bedacht hatte.

Wie beispielsweise die Tatsache, dass nach Spaulding zu ziehen auch bedeutete, Phoenix ein für alle Mal zu verlassen.

Als sie bei Kate ankam, schwitze sie bereits heftiger als ein schwergewichtiger Mann, der bei einem Hinterhof-Boxkampf ein paar neue Techniken von der gerade erworbenen Fighting Club-DVD von Wal-Mart ausprobierte, und nichts wäre ihr lieber gewesen, als eine kleine Auszeit auf einem Gletscher zu nehmen. Sie klopfte an die Tür und hörte Kate aus der Wohnung rufen: »Komm rein, ich hab gerade den Wein aufgemacht!«

»Du bist ja verrückt«, entgegnete Maye, machte die Tür auf und trat ein. »Woher willst du wissen, dass ich nicht einer der vierzehn Sexualstraftäter bin, die in deiner unmittelbaren Nachbarschaft leben?«

»Weil dein Ehemann mir gerade gesagt hat, dass du das sein musst«, gab Kate lachend zurück.

»Wie bitte?«, fragte sie, während sie weiter in die Küche ging.

Und da stand doch tatsächlich Charlie und grinste übers ganze Gesicht. Und daneben Kate.

Und Sara. Und Brian. Und Patrick. Und Sandra, Curtis, Laura, Chrissy, Krysti, Nikki, Kim, Adrienne, Susan. Mark, Steven, Jeff.

Alle.

Alle waren da. All ihre Freunde. Die Freunde, die sie in den guten alten Zeiten des sorglosen Leichtsinns auf ihrer Couch hatten schlafen lassen, wenn es alles andere als klug gewesen wäre, noch nach Hause zu fahren; die Freunde, die ihr Geld geliehen hatten, als man ihr in den nicht ganz so guten alten Zeiten der relativen Armut androhte, den Strom abzustellen. Freunde, die für sie da gewesen waren, als Beziehungen in die Brüche gingen; Freunde, die ihre Brautjungfern gewesen waren. Freunde, die entsetzt nach Luft geschnappt hatten, als sie ihnen das kleine Haus gezeigt hatte, für das sie sich bis über beide Ohren verschuldet hatte, ihr dann aber doch geholfen hatten, die vielen Linoleum-Schichten vom Küchenboden zu kratzen, um die darunter versteckten Fichtenholzdielen freizulegen. Freunde, die ihr zugehört hatten, Freunde, denen sie zugehört hatte. Freunde, die sie brauchte wie die Luft zum Atmen. Freunde, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleiteten.

Maye war völlig überwältigt.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so gefreut, sie alle zu sehen. Überglücklich schnappte sie nach Luft, und obwohl sie furchtbar schwitzte und ihre Beine wie die einer schlampigen Dragqueen aussahen, war sie doch unbeschreiblich froh. Und plötzlich schämte sie sich ganz schrecklich. Das waren ihre Freunde. Was machte es schon, dass sie nicht zu Hause war und packte? Das waren ihre Freunde. Wie hatte sie auch nur einen Moment lang denken können, es sei wichtiger, irgendwelche Kartons vollzustopfen? Das war es wert, dachte sie – es wäre es sogar wert, Charlies Bücher barbusig vor den Spediteuren einpacken zu müssen. Gar keine Frage.

All diese Menschen, dachte sie lächelnd – die kennen mich. Charlie schenkte ihr Wein ein und reichte ihr das Glas, und sie hob es, genau wie alle anderen, als Kate einen Toast aussprach.

»Auf Maye und Charlie«, rief sie. »Auf dass ihr glücklich werdet und es euch gut ergehe und ihr in Washington weniger schwitzen möget – aber so gute Freunde wie uns werdet ihr nie wieder finden.«

»Hört, hört!«, stimmten ihr alle lauthals lachend zu.

»Schäm dich, verschwindest einfach aus der Stadt, obwohl du mir noch immer zwanzig Dollar schuldest von dem Abend, als du deinen Kampf mit dem Tequila verloren hast«, meinte Nikki. »Ich werde den Aschenbecher, den du damals aus der Rückbank des Taxis gepult hast, und zwar mit jenem Buttermesser, das du im Pfannkuchenhaus hast mitgehen lassen, in dem du, nachdem sie uns aus der Bar gefegt hatten, um vier Uhr früh ja unbedingt frühstücken zu müssen meintest, weiterhin als Pfand behalten.«

»Ach, Maye, du schuldest mir unendlich mehr als das, dafür, dass du mich gezwungen hast, bei deiner Hochzeit in aller Öffentlichkeit lila Taft zu tragen«, mischte Sara sich ein. »Und dafür, dass ich das Foto von dir, dass dich pinkelnderweise im Wald zeigt, nie an deine Zeitung geschickt habe. Und … das Video … auch nicht.«

Maye lachte. »Wie bin ich bloß auf den Gedanken gekommen, wir könnten einen Abend zusammensitzen, ohne dass irgendwann dieses Video zur Sprache kommt? Tja, na ja, bei dieser Tour habe ich jedenfalls gelernt, dass es keine gute Idee ist, sich mit jemandem zusammen abzuschießen, der mehr als willens ist, die Kamera draufzuhalten, wenn sich ein betrunkenes fünfundzwanzigjähriges Mädel in einem Zelt detailliert darüber auslässt, warum jeder Mann sich glücklich schätzen sollte, sie zu bekommen«, witzelte sie.

»Mein Lieblingsteil deines umwerfenden Dialogs sind die zehn Minuten, in denen du beweisen wolltest, dass du einen stattlicheren Vorbau hast als jede dahergelaufene Schlampe mit Brustimplantaten«, musste Sara ihr noch mal in Erinnerung rufen. »Besonders angetan war ich von deiner äußerst anschaulichen Demonstration und der vollmundigen Behauptung, du könntest deine beiden Prachtexemplare jederzeit an eine flachbrüstige Blondine verhökern und damit deine horrenden Kreditkartenrechnungen begleichen.«

»Nicht zu vergessen, was sie über ihren Hintern herumposaunt hat«, merkte Nikki an.

»Nein!«, protestierte Maye lachend und schlug die Hände vors Gesicht. »Bitte nicht!«

»Mit diesen beiden prachtvollen Christbaumkugeln und ein paar tausend Bonusmeilen extra könnte ich mir ein Luxus-Wohnmobil leisten«, grölten Kate, Sara und Nikki im Chor.

»Ich reiche morgen die Scheidung ein«, gab Charlie grinsend seinen Senf dazu.

»Dieses Video allein sollte schon ausreichen, um eventuelle kriminelle Subjekte abzuschrecken, die auf die Idee kommen könnten, sich meine Identität aneignen zu wollen«, erklärte Maye, während die Erinnerng sie schaudern ließ und ihr die Schamesröte ins Gesicht trieb. »Man sollte eine Kopie davon an meine Schuldnerauskunft anhängen. Nicht mal ein Crack-Junkie würde sich eine derartige Peinlichkeit antun, nur um meine MasterCard bis zum Limit auszuschöpfen. Kein Paar Hanteln ist einen derartigen Schämfaktor wert, und die Tatsache, dass ihr mir in jener Nacht nicht den Gnadenschuss gegeben habt, um mir jahrzehntelange Schamgefühle dritten Grades zu ersparen, zeugt von eurer eigenen Selbstsucht, ihr widerlichen alten Waschweiber. Allein der Schämfaktor hätte ausgereicht, die meisten normalen Menschen zu töten.«

»Aber nicht unser Super-Christbaumkugel-Melonenmädchen«, ergänzte Sara vergnügt. »Sie lebt weiter. Und immer weiter. Auch wenn sie uns im Stich lässt.«

Man kann seine Möbel einpacken, man kann seine Bücher einpacken, man kann seine Unterwäsche einpacken, man kann sein ganzes Leben einpacken, ging Maye langsam auf, als sie so dasaßen und über die alten Geschichten lachten, die peinlichen, die lustigen, und die, die nur die Eingeweihten kannten.

Einiges jedoch, darunter manches, das aufzubauen fast ein ganzes Leben lang gedauert hatte, musste man zurücklassen.

2. Kapitel

Dekowaffen

Spaulding, Washington, war wirklich ein sehr charmantes Städtchen.

Weder das an den Fuß der North-Cascade-Gebirgskette geschmiegte Städtchen selbst noch seine Umgebung hatten sich sehr verändert, seit vor etwa einem Jahrhundert Malcolm Spaulding, Visionär und Botschafter des Spülklosetts, beschloss, das schönste Fleckchen Erde weit und breit sein Zuhause zu nennen und ebenda eine Fabrik für Abwasserleitungen zu errichten.

Er fand sein Utopia in einem Urwald aus imposanten Fichten, zarten, üppig wuchernden Farnen, der, wie er immer wieder gerne betonte, mit derart fruchtbarer Erde gesegnet war, dass man darin sogar die Liebe selbst anbauen könnte. Obwohl er kaum genug zum Leben hatte, war er doch ein unerträglicher Romantiker, und so schwor Malcolm Spaulding Stein und Bein, vom Fuß jenes Gebirges habe man an klaren Tagen einen Blick bis zum Pazifik. Im Sommer war es warm und sonnig genug, dass die Tomaten bis in den Herbst hinein reiften, und im Winter legte sich ein sanfter Nieselregen über den Wald und versorgte ihn mit der wichtigsten Zutat, die er brauchte, um weiterhin ein Zauberwald zu bleiben.

Alles in Spaulding wuchs und gedieh, ganz besonders die Abwasserrohrfabrik. Spaulding, Washington, war nicht bloß ein nettes Fleckchen, nein, sein einziger Exportartikel war auch der Grund dafür, dass die Menschen keinen Pisspott mehr unter dem Bett verstecken mussten. Und so leistete die Stadt bei jedem Mal, wenn irgendwo mit lautem Gurgeln eine Toilettenspülung betätigt wurde, ihren bescheidenen Beitrag dazu, die Welt ein wenig angenehmer zu gestalten.

Spaulding war sichtlich stolz darauf, der gesamten, dankbaren Nation die Zivilisation gebracht zu haben.

Die Stadt wuchs, je mehr die Spauldinger Abwasserleitungsfabrik gedieh, und bald gab es nicht nur einen Laden und eine mit kleinen Häuschen gesäumte Straße, sondern auch eine Schule. So sehr ihn der Abtransport menschlicher Fäkalien auch faszinieren mochte, so wusste Malcolm Spaulding doch nur zu gut, dass eine Stadt nicht allein von dieser Goldgrube leben konnte. Und als er sah, wie sehr die Schule das ohnehin schon entzückende Städtchen aufgewertet hatte – die Buchstabierwettbewerbe, zu denen sich die ganze Stadt zusammenfand, die Weihnachtsfeier und die Tanzveranstaltungen –, konnte er einfach nicht anders: Er entschloss sich, ein gutes, solides, wenn auch kleines College zu gründen, das natürlich, wie sollte es anders sein, den schönen Namen »Polytechnische Lehranstalt für Abwasserleitungswesen« trug.

Die Bewohner von Spaulding wussten es zu schätzen, dass ihr Städtchen so klein war, um in nur sieben Minuten überallhin zu kommen, aber doch groß genug, um bei delikaten Angelegenheiten wie der Liebe oder Fortpflanzung nicht auf Mitglieder der eigenen weitläufigen Verwandtschaft zurückgreifen zu müssen. Die Bewohner mochten ihr Städtchen. Für sie war die Welt in Spaulding nicht nur in Ordnung, sie war perfekt. Die Luft war rein und stets vom Duft frischen Brotes aus den unzähligen Bäckereien geschwängert, und an einem warmen, aber nicht zu heißen Sommertag verbreitete eine leichte Brise gelegentlich den Geruch der in den Gärten wachsenden Zwiebeln.

Die Bewohner von Spaulding waren außergewöhnlich angetan von ihrer Stadt und der Fabrik, der der Ort seine Existenz verdankte und die rasch zum größten Abwasserrohrhersteller des Landes geworden war, nachdem sie sämtliche Klosettspülungsbedürfnisse der amerikanischen Bürger über zwei Weltkriege und den ersten Mondspaziergang hinweg befriedigt hatte. (Es sei bloß eine Frage der Zeit, prophezeite Malcolm Spaulding, bis sein Abwasserleitungswerk die erste Weltraumabwasserstation eröffnen würde, um sich dem Thema sanitäre Anlagen in der Schwerelosigkeit zu widmen.) Jedes Jahr wurde ein großes Fest veranstaltet, um den Erfolg der Fabrik gebührend zu feiern. Das Spaulding Festival erfreute sich größter Beliebtheit und wurde als gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres stets ungeduldig erwartet. Es war ein freudiges Ereignis, und zur großen Freude seiner Arbeiter und deren Familien stiftete Malcolm Spaulding großzügige Preise für denjenigen, der als Erster den Weg durch das Abwasserleitungslabyrinth fand, denjenigen, der sich beim Abwasserrohrrollen am längsten oben hielt, und den Bäcker des besten in einer Abwasserleitungskappe gebackenen Kuchens. Kinder fischten in einem aufgestellten Kanalrohr nach Äpfeln und konnten ihren Schulleiter mit dem entschlossenen, gut gezielten Wurf eines Balls ebenfalls in einem Kanalrohr versenken. Jahr für Jahr aufs Neue hatten alle einen Heidenspaß.

Es war nicht viel passiert, was das Leben in Spaulding verändert hätte, oder das Tempo, in dem man es lebte. Die Fabrik fabrizierte weiter Rohrleitungen, das College produzierte weiter Absolventen, die anschließend in der Fabrik arbeiteten. Alles ging in Spaulding seinen gewohnten Gang, bis zu jenem heißen Sommer, in dem etliche Gebäude – darunter auch die Abwasserleitungsfabrik – in Flammen aufgingen und bis auf die Grundmauern niederbrannten. Die anschließenden polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass konkurrierende Abwasserrohrhersteller versucht hatten, die Marktmacht gewaltsam an sich zu reißen, indem sie den Hauptanbieter mit einem gezielten Schlag vernichteten.

Die Bewohner Spauldings warteten ruhig und geduldig ab, bis sich der Qualm über den Trümmern verzogen hatte, dann schafften sie die verbliebenen Reste fort und machten sich augenblicklich daran, alles wieder genauso aufzubauen, wie es vorher gewesen war.

Spaulding war nun einmal Spaulding, und daran konnte kein noch so verheerendes Großfeuer etwas ändern.

Tatsächlich aber hatte Spaulding sich doch verändert. In der Zeit, die man gebraucht hatte, um die Fabrik wieder aufzubauen, hatte sie ihre marktbeherrschende Position verloren. Konkurrenzfirmen, darunter jene, die im dringenden Verdacht stand, die Feuer gelegt zu haben, hatten nur allzu bereitwillig die entstandenen Lieferengpässe abgefangen, und so hatte die Fabrik einen Großteil ihrer Auftraggeber verloren.

Und so kam es, dass aus Spaulding, Washington, Abwasserrohrstadt, Spaulding, Washington, Universitätsstadt wurde. Die Polytechnische Lehranstalt für Abwasserleitungswesen wurde die Spaulding University, und überall in der Stadt schossen neue Geschäfte wie Pilze aus dem Boden. Das Football-Team gewann den Regen-Cup, den Farn-Cup und den Bigfoot-Cup. Schnell wurde sie zur schnellstwachsenden Universität von ganz Washington.

Spaulding war neu erblüht.

Und dann kamen die Hippies.

Als während des Krieges die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, flohen eine Menge junge Männer aus dem ganzen Land, die keine Rückstellungsbewilligung bekommen hatten, nach Kanada. Nach Kriegsende, als sie gefahrlos zurückkehren konnten, überquerten sie die Grenze zur USA, fuhren in ihren VW-Bussen etwa achtzig Meilen ins Landesinnere hinein und hielten dann einfach an, luden Unmengen von rein pflanzlichen Stofffarben, Joghurt, Räucherstäbchen und Bongos aus und stellten ihre Windlichter auf.

Es waren freundliche, friedliche Leutchen, wahre Meister der Gartenbaukunst, und auch wenn der Kundenservice nicht unbedingt zu ihren Stärken zählte, hatten sie doch stets ein Lächeln auf den Lippen. Und so gingen die Jahre ins Land, die Hippies bauten ihre Pflanzen an, schlugen ihre Trommeln, fanden Freunde, säten ihre Ideen und fügten sich ganz selbstverständlich in die Gemeinschaft ein, was man daran sehen konnte, dass es inzwischen in jeder Straße mindestens ein Haus gab, das die Leinwand für einen blauen Himmel mit Wolken oder einem darüber gespannten Regenbogen abgab. In den Schulen wimmelte es plötzlich nur so vor Kindern mit Namen wie Freedom, River, Sunshine und Merlin und einer Unzahl von Jerrys und Garcias. Auch die Berufslandschaft in Spaulding veränderte sich. Im Adressverzeichnis der Stadt waren mittlerweile Berufsbezeichnungen wie Geburtskünstler, Meisterkomponist, Einradfahrer und, gar nicht mal so selten, wie man annehmen könnte, Zauberer aufgeführt.

Und Spaulding blieb, im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Industriestädten, sauber. Umweltverschmutzung war streng verpönt, ein striktes Recyclingsystem wurde eingeführt. Fast-Food-Ketten gab es in Spaulding kaum, dafür säumten Bio-Bäckereien, Buchläden und Cafés sämtliche Straßen des Stadtzentrums. Die Menschen fuhren so oft wie möglich mit dem Rad statt mit dem Auto, und einige der Hippies zogen doch tatsächlich Schuhe an und begannen zu joggen. Spaulding war immer noch ein hübsches Städtchen, bloß ein bisschen gesundheitsbewusster als andere. An der Universität konnte man seinen Abschluss in Umweltschutz, Öko-Kritik und Folklorestudien machen.

Das Football-Team der Uni gewann den Hanf-Cup.

Und wenn man heutzutage in Spaulding beispielsweise als einziger Zuschauer im örtlichen Kino sitzt und ein weiterer einsamer Kinogänger hereinkommt, so setzt er sich bestimmt, ohne lange nachzudenken, neben einen und beugt sich vielleicht sogar rüber, um zu fragen, ob er ein bisschen Popcorn abhaben darf. Er empfiehlt vielleicht sogar, das Popcorn mal mit Nährhefe bestreut zu probieren statt mit Salz und Butter. Das schmeckt nussig, würde er erklären, und es verstopft die Arterien nicht oder verwandelt sie in Zement.

Kleinstädte sind manchmal so. Jeder kennt jeden, und Privatsphäre hat man wenig bis überhaupt nicht.

Und während die laue Sommerluft den Duft von im Garten wachsenden Zwiebeln zu ihnen trug, kamen Maye, Charlie und ihr Hund Mickey in Spaulding an, mit einem Sattelschlepper voller Kartons und dem Kopf voller Ideen, wie sie sich in einer neuen Stadt ein neues Leben aufbauen würden.

Dafür würde es allerdings, wie sich noch herausstellen sollte, etwas mehr bedürfen.

* * *

Maye hielt den Atem an, als sie zum ersten Mal in die Einfahrt ihres neuen Hauses einbogen.

Drei Tage waren sie unterwegs gewesen, waren durch die Wüste Arizonas gefahren, die Peripherie von Los Angeles, das Farmland Zentralkaliforniens und die Berg- und Tallandschaft von Oregon. Und nun waren sie zu Hause.

Zumindest hoffte Maye das.

Charlie sagte keinen Ton, als sie dort im Auto saßen und sich das neue Haus anschauten. Maye wusste nicht, wie sie sein Schweigen deuten sollte. Im ersten Moment wurde ihr ganz flau im Magen, da sie fürchtete, Charlie fände es furchtbar, weil es wie ein kleines Cottage aussah (es erinnerte wirklich ein bisschen an ein Knusperhäuschen, das irgendwo mitten im Wald stehen könnte, um nichts ahnende Kinder anzulocken und sie zu Fleischpastetchen zu verwursten), doch im nächsten Augenblick war sie schon wieder davon überzeugt, dass das Haus so perfekt war, dass Charlie gar nicht anders konnte, als sich auf der Stelle in ihr neues Domizil zu verlieben.

Maye hatte den Job, eine neue Bleibe aufzutun, übernommen und war jedes zweite Wochenende nach Washington geflogen. Im Schlepptau ihrer geduldigen Immobilienmaklerin Patty hatte sie eine bunte Palette der Behausungen zu sehen bekommen, die Spauldings Immobilienmarkt zu bieten hatte, darunter ein regenbogenbunt bemaltes Farmhaus, an dessen Farbgestaltung die Kinder der Eigentümer (der vierjährige Ocean und der zwei Jahre ältere Wind) maßgeblich beteiligt gewesen waren, und einen Bungalow aus den zwanziger Jahren, ganz in den Farben einer Schwertlilie gehalten – lila Holzverkleidung, hellgrüne Fensterrahmen, dunkelgrüne Dachtraufen, lavendelblaue Haustür.

»Die Besitzerin liebt kräftige Farben«, versuchte Patty zu erklären.

»Ja, das sieht man«, entgegnete Maye. »Brooke Shields hat in Pretty Baby in so einem Haus gewohnt.«

»Innen ist es wirklich ganz entzückend«, fuhr Patty schnell fort. »Die Eigentümerin, Louise, ist eine alte Freundin von mir.«

Maye verstand den Wink mit dem Zaunpfahl, und da sie Patty nicht noch mehr beleidigen wollte, als sie es ohnehin schon getan hatte, indem sie das Haus ihrer Freundin als Bordell bezeichnete, folgte sie Patty den Gehweg entlang, bis sie auf der breiten, ausladenden Veranda des Technicolor-Bungalows standen. Patty klingelte, und eine nette Dame Mitte vierzig öffnete und bat sie herein.

Das Haus war beinahe perfekt. Der eingebaute Geschirrschrank aus Eichenholz im spanischen Missionsstil war nicht mit Farbe verunstaltet worden, und genauso wenig die Pfeiler und Bücherregale, die den Eingang zum Wohnzimmer flankierten. In eben diesen Regalen entdeckte Maye etwas Seltsames: Auf jedem Bord befand sich eine Unmenge ordentlich aufgereihter Krönchen. Einige waren elegant und glitzernd, andere billiger Plastiktand, eine sah sogar verdammt wie eine Burger-King-Krone, der Beigabe zum Kids-Menu, aus. Was für ein skurriles Hobby, dachte Maye. Dagegen wirkte so mancher Spleen von Michael Jackson völlig gewöhnlich. Es mussten an die vierzig oder fünfzig Kronen sein, die da im Sonnenlicht glitzerten und funkelten. Was um alles in der Welt machte eine erwachsene Frau bloß mit vierzig Kronen, wenn sie sie nicht im Mund hatte, fragte sich Maye. Sie wollte ja nicht gemein sein, aber Louise war beileibe keine Schönheitskönigin, und wenn sie nicht gerade unerfüllte Abschlussballfantasien à la Carrie auslebte, war das Ganze doch ziemlich rätselhaft.

Das Schwertlilienhaus mit nur zwei Schlafzimmern entpuppte sich jedoch als zu klein, und Maye musste sich auf die Zunge beißen, um Patty auf dem Rückweg zum Auto nicht zu fragen, ob sie gerade das Haus von Spauldings amtierender Zahnfee besichtigt hatten. Ihre Immobilienmaklerin und damit den einzigen Menschen, den sie bisher in Spaulding kannte, so zu kränken wäre allerdings kein besonders kluger Schachzug gewesen, ganz gleich, wie lustig sie selbst diesen Witz auch finden mochte.

Und so lächelte Maye bloß, als Patty die Autotür aufschloss, schluckte ihre unqualifizierte Bemerkung runter und stieg ein.

* * *

Drei Minuten später schnappte Maye atemlos nach Luft, als Patty vor dem perfekten Haus anhielt.

Es war ein entzückendes englisches Cottage im Stil der Cotswolds, hatte eine Fachwerkfassade und ein Walmdach mit geschwungenem Giebel und abgerundeten Ecken. Ein beeindruckender konischer Schornstein – der sogar mit einer kleinen Rußklappe ausgestattet war – ragte neben der bogenförmigen Haustür in den Himmel. Es erinnerte Maye sehr an ihr Haus in Phoenix: Der Grundriss und die Proportionen waren fast identisch, Wohn- und Esszimmer waren in denselben Farben gestrichen, der Teppich vor dem Kamin war der gleiche wie der, der in Mayes eigenem eintausendfünfhundert Meilen entfernten Wohnzimmer lag. Sie waren gerade erst in der Küche, als Maye sich umdrehte und Patty verkündete, sie sei sich absolut sicher, dass Charlie sich auf Anhieb in das Haus verlieben würde, und sie deshalb den Besitzern gerne ein Angebot machen wolle.

Patty zuckte zusammen und hielt einen Augenblick inne. »Es gibt etwas, das Sie über dieses Haus wissen müssen«, erklärte sie behutsam und legte gleichzeitig sanft die Hand auf Mayes Arm, als wolle sie sie auf etwas ganz Abscheuliches vorbereiten.

»Die derzeitigen Besitzer …«, fuhr sie im Flüsterton fort, »… sind Republikaner

Maye lächelte. »Schon in Ordnung«, wisperte sie zurück. »Sobald wir eingezogen sind, richten wir hier die Hochzeit unserer schwulen Freunde aus.«

Aber nur zehn Minuten, nachdem sie mit Mann und Hund in die Auffahrt zu ihrem neuen Haus eingebogen war, hatte sich Mayes Traum von einer festlichen Einweihungsparty beinahe in Luft aufgelöst. Ihr Mann starrte das Haus mit leerem Blick und vollkommen reglos an, fast als stünde er unter Schock.

»Charlie!«, flüsterte Maye schließlich, weil sie die Ungewissheit einfach nicht länger ertragen konnte, »Charlie, bitte, sag doch was!«

»Das ist unser Haus?«, fragte ihr Mann und schaute sie misstrauisch von der Seite an.

Maye nickte.

»Bist du dir ganz sicher?«, erkundigte er sich mit sehr ernster Stimme. »Wenn das nämlich ein Witz sein soll, finde ich ihn nicht sehr komisch.«

»Was ist denn los?«, fragte Maye, und ihr rutschte das Herz fast bis in die Kniekehlen. »Du magst es nicht. Du magst es nicht. Und ich dachte, ich tue genau das Richtige. Es standen einfach nicht allzu viele Häuser zur Auswahl, Charlie, es sei denn, du würdest gerne in einer Schwertlilie wohnen. Es schien mir die richtige Entscheidung. Es tut mir leid. Du hast doch die Fotos gesehen, die ich gemacht habe, und du hast gesagt, es würde dir gefallen …«

»Es gefällt mir ja auch«, entgegnete er. »Aber wo ist der Haken?«

»Ich weiß nicht, was du meinst«, erwiderte sie. »Welcher Haken?«

»Alle Leute in dieser Straße mähen ihren Rasen«, brüllte Charlie förmlich und wies auf den makellosen Vorgarten ihrer Nachbarn. »Ich meine, diese Leute haben einen Rasen. Und in ihren Gärten stehen keine aufgebockten Autowracks. Ich habe noch auf keiner einzigen Veranda eine alte Couch stehen sehen, und bisher ist noch keine Meute halbwilder Katzen über unser Auto hergefallen, um es zu zerkratzen. Wo ist hier der Park, in dem das Crack verkauft wird? Ich sehe keinen Crack-Park! Wo bitte bekommen unsere Nachbarn ihre Drogen? Wo verkaufen unsere Nachbarn ihre Drogen? Und wo ist das Haus zur Reintegration von Häftlingen? In unserer alten Nachbarschaft gab es doch in jeder Straße mindestens eins!«

Maye lächelte übers ganze Gesicht und schüttelte den Kopf. »Hier gibt es keinen Crack-Park, Charlie«, erklärte sie lachend. »Ein paar Straßen weiter ist zwar ein Park, aber da gibt es nur einen Kinderspielplatz und ein Fußballfeld. Unser Nachbar dort drüben ist Psychologe und Künstler. Und die Nachbarin gegenüber ist Bibliothekarin. Und dieser Nachbar da war mal als Diplomat in Belgien. Wir wohnen jetzt in einer ganz anderen Gegend. Wir wohnen nicht mehr im Ghetto.«

»Und ich muss ab jetzt keine Spritzen und Patronenhülsen mehr von der Straße aufsammeln?«, fragte er völlig perplex.

»Nein«, versicherte Maye ihm. »Und du musst auch nie wieder die Polizei anrufen, weil eine Nutte mit nichts als einem durchsichtigen T-Shirt am Leib an der Ecke steht und versucht, Kundschaft anzulocken, während die Schulkinder gerade auf dem Nachhauseweg sind.«

Charlie stutzte kurz und sah Maye wieder an. »Und du bist dir ganz sicher, dass das unser Haus ist?«, hakte er abermals nach.

»Lass uns reingehen, ich kann es kaum abwarten, dir alles zu zeigen«, schlug sie vor und kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel.

»Komm mit, Mickey!«, rief Charlie und folgte Maye zur Haustür, woraufhin der Hund auf den Beifahrersitz hopste und dann aus dem Auto sprang.

Maye schloss die Tür auf. Das Haus verströmte die seltsam schaurige Stille eines Ortes, der gerade erst verlassen worden ist. Dieselbe Stille, die nur ein paar Tage zuvor durch die Zimmer ihres Häuschens in Phoenix gespukt war, bevor sie losgezogen waren und die Tür ein letztes Mal hinter sich abgeschlossen hatten.

»Was meinst du?«, fragte sie, während ein Sonnenstrahl in den Flur fiel und sie die Staubpartikel im Licht herumwirbeln sehen konnte.

»Es ist toll«, strahlte Charlie. »Genau wie du gesagt hast.«

»Hast du die Glastüren zum Esszimmer gesehen? Und schau dir nur den Stuck an. Alles original. Und im Flur liegen Tannenholzdielen. Und im Badezimmer ist Knopfmosaik. Und eine Spülmaschine, Charlie, wir haben eine Spülmaschine

»Na, dann führ mich mal rum«, sagte er und packte sie lachend bei den Schultern.

»Ich will bloß schnell jemanden anrufen!«, rief sie ausgelassen und öffnete schwungvoll die Türen zum Esszimmer. »Ich will, dass unserer Freunde herkommen und sich alles anschauen! Ich freue mich so, dass es dir gefällt. Wen wollen wir anrufen? Wir rufen an und bestellen Pizza und laden ein paar Leute zu uns ein.«

»Klar. Ruf nur alle an. Wenn sie sich jetzt gleich auf den Weg machen, sollten sie bis spätestens nächsten Mittwoch hier sein.« Charlie schaute sie an. Einen winzig kleinen Moment lang hatte sie vergessen, dass sie nun in der Stadt lebte, in der sie bis auf ihre Immobilienmaklerin niemanden kannten. Ihre Freunde waren in Phoenix. Sie waren in Spaulding.

»Na ja«, schloss sie, »wer sagt, dass wir nicht morgen eine Pizza-Party feiern können, nur wir beide? Wir lieben Pizza, und Mickey liebt den Rand.«

»Du wirst bald neue Freunde finden«, beruhigte Charlie sie. »So was dauert immer ein bisschen, wenn man irgendwo neu ist. Bitte dreh nicht gleich durch, weil du schon seit fünfundvierzig Sekunden in Spaulding lebst und noch keine neue beste Freundin gefunden hast. Wir fangen ein ganz neues Leben an. Nichts ist, wie es war, aber es wird ganz bestimmt alles gut, und bis es so weit ist, werden wir sicher eine Menge Spaß haben. Eine ganze Stadt wartet nur darauf, von uns entdeckt zu werden. Und wenn du bis zu deinem Geburtstag noch keine Freundin gefunden hast, dann kaufe ich dir eine.«

»Versprochen?«, entgegnete Maye lachend. »Bitte, besorg mir eine von der Bushaltestelle, und achte bitte darauf, dass sie mindestens drei Kleidergrößen dicker ist als ich und eine furchtbare Frisur hat, am besten schlecht blondiert und dauergewellt, auch wenn du sie pro Kilo bezahlen musst. Es wäre zu schön, wenn ich ausnahmsweise mal das heiße Geschoss wäre, nach dem sich alle umdrehen, wenn auch nur im unfairen Direktvergleich.«

»Wow«, rief Charlie, der langsam zum Esszimmerfenster hinübergewandert war, von dem aus man die Rückseite des Grundstücks überblicken konnte. »Der ist ja riesig. Dieser Garten ist riesig. Da ist ja viel mehr Rasen, als wir in Phoenix hatten. Du hast mir gar nicht erzählt, dass er so riesig ist. Das wird ja ein Mammutprojekt jede Woche. Jede Woche.«

»Netter Versuch, Charlie«, erwiderte Maye, »aber entspann dich, Mr. Mammutprojekt. Du bist leichter zu durchschauen als ein Kleid von Paris Hilton. Patty hat mir schon die Nummer eines Gärtners gegeben. Der kommt in ein paar Tagen her und macht uns ein Angebot.«

»Ach, Gott sei Dank«, stöhnte er erleichtert auf. »Ich dachte schon, ich müsste womöglich erst losziehen und einen Rasenmäher kaufen und den erst zu Schrott fahren, bevor du Einsehen zeigst und einen Gärtner engagierst.«

»Ich lerne aus meinen Fehlern. Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: Hiermit erkläre ich den Bereich unterhalb der Spüle, sämtliche Zu- und Abflüsse des Klos sowie alles im Keller, was irgendwie den geringsten Anschein erweckt, auch nur im Entferntesten mit den sanitären Installationen dieses Hauses zu tun zu haben, für dich zum Sperrgebiet und für absolut tabu.«

»Mit dem Zeug unter der Spüle komme ich schon klar«, protestierte er. »Sicher! Ganz sicher!«

»Als du das letzte Mal Sicher! Ganz sicher! gesagt hast, endete es damit, dass die Toilette irgendwann neben ihrem ursprünglichen Platz lag und du dich hinter deinem Computer verschanzt und darauf gewartet hast, dass dieser komische Moderator von dieser noch komischeren Heimwerkersendung – wie hieß er noch gleich, ach ja, Norm – dir eine E-Mail schickt und dir verrät, was du falsch gemacht hast«, rief Maye ihm ins Gedächtnis. »Ich habe meinen Job bei der Zeitung gekündigt, um hierherzuziehen, Charlie. Ich bin jetzt selbständig. Wir müssen mit deinem Dozentengehalt über die Runden kommen, bis ich hier Fuß gefasst habe. Wir haben nicht genug Geld, um den Klempner zu bezahlen und zusätzlich auch noch für die Kollateralschäden aufzukommen, die du jedes Mal verursachst, wenn du einen Schraubenzieher in die Hand nimmst. Und Norm hat nie auf deine Mail geantwortet. Er hat dir bis heute nicht zurückgemailt.«

»Das musst du mir nicht unter die Nase reiben. Aber nur damit du es weißt, ich klammere mich immer noch an den winzigen Strohhalm, dass eines schönen Tages eine Mail von Norm in meinem Posteingang auftauchen wird. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben«, entgegnete Charlie widerstrebend. »Norm würde einen Mann und sein umgekipptes Klo doch nicht so schändlich im Stich lassen. Aber gut, wie du willst, ich lasse die Finger von der Spüle.«

Er schaute sie an und ließ dann enttäuscht den Kopf hängen. Maye hätte allerdings schwören können, ihn dabei grinsen gesehen zu haben.

* * *

Als die Möbelpacker all ihre irdischen Besitztümer ausgeladen hatten, packte Maye die Kartons aus, machte den Supermarkt, die Reinigung und eine Pizzeria ausfindig und begann, ihre neue Heimat zu erkunden. Sie hatte bereits herausgefunden, dass man beim Inder und beim Thailänder hervorragend essen konnte, der Italiener und der Mexikaner hingegen einfach grauenhaft waren. Bald vermied sie es, bei Sonnenschein an einem ganz bestimmten Haus zwei Straßen weiter vorbeizugehen, da sich die junge Frau, die dort wohnte, mit Vorliebe nackt in der Sonne aalte und dabei auch gerne mal auf ein Schwätzchen mit ihren Nachbarn an den Zaun kam, wobei ihr Hängebusen den Blicken der Allgemeinheit ebenso preisgegeben war wie ihre Stupsnase, die nach Mayes Geschmack sehr viel netter anzusehen war. Eine Begegnung mit ihr war wie Discovery-Channel gucken, wobei man allerdings zusätzlich noch eine sehr reelle Vorstellung körperlichen Grauens bekam und vom urplötzlich auftauchenden unwiderstehlichen Verlangen überwältigt wurde, immer, überall und zu jeder Gelegenheit einen BH zu tragen.

Maye mochte Spaulding. Die Menschen waren freundlich, im Supermarkt wurde sie von allen gegrüßt, und Charlie ging ganz in seinem neuen Job auf. Im Fachbereich Anglistik hatte man ihn mit offenen Armen empfangen, und er ging regelmäßig mit dem einen oder anderen Kollegen zum Mittagessen oder traf sich nach der Arbeit mit irgendjemandem auf ein Bier. Er fügte sich gut ein in das kleine Städtchen, in dem jeder jeden kannte, und ehrlich gesagt wurde Maye langsam ein bisschen neidisch.

Mit seinem Lehrauftrag an der Universität hatte Charlie quasi einen Kreis potentieller neuer Freunde frei Haus mitgeliefert bekommen. Maye arbeitete zu Hause, ihr soziales Netz bestand aus Mickey, zahllosen Unterschriftensammlern, die tagtäglich vor der Haustür standen, und dem Mann, der ihren Rasen mähte, der allerdings wenig bis gar kein Potential, zum guten Freund zu werden, aufwies. Als er das erste Mal anrückte, fiel ihm gleich das Nummernschild aus Arizona an Mayes Auto auf, woraufhin er, nachdem er erst einmal fauliges Lungengewebe hochgehustet und auf den Schotter von Mayes Auffahrt gespuckt hatte, erwähnte, sie solle sich lieber schleunigst ein neues Nummernschild besorgen.

»Die Bullen fahren hier ständig Streife«, erklärte er. »Sie schreiben alles auf. Bei Ihnen schreiben sie dann so was hin wie ›Nummernschild aus Arizona‹. Und dann kommen sie ein paar Tage später wieder zurück, um noch mal nachzuschauen. Und wenn Sie nach dreißig Tagen immer noch die alten Nummernschilder am Wagen haben, dann wissen die, dass Sie die mit den Nummernschildern aus Arizona waren, und dann kriegen Sie ’nen Strafzettel. Ist einem Freund von mir auch schon passiert. Aber der war nicht aus Arizona. Der war aus Arkansas.«

Maye nickte höflich und versprach, sich seine Ermahnung zu Herzen zu nehmen. Als sie ihn dann auf dem Grundstück herumführte, damit er sich einen Überblick verschaffen und ein Angebot machen konnte, blieb er plötzlich wie angewurzelt mitten auf dem Rasen stehen und starrte sie eindringlich an.

»Gibt es in Arizona Langkopfwespen?«, fragte er mit grimmigem Gesicht.

»Ich denke schon«, stammelte sie. »Ich weiß es nicht. Wie sehen die denn aus?«

»Wenn Sie nicht wissen, wie die Viecher aussehen, dann kennen Sie sie nicht«, entgegnete er, verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und zeigte mit einem schmutzigen Finger auf sie. »Im Juli werden die Langkopfwespen aggressiv, weil’s so heiß ist. Im August bringen sie einen um, weil’s noch heißer ist. Sie brauchen eine Falle. Eine Falle für Langkopfwespen, um die Viecher umzubringen, ehe die Sie drankriegen. Das sind Killer. Ist einem Freund von mir passiert.«

»Dem aus Arkansas?«

»Nein«, entgegnete er streng und marschierte zu dem Zaun, der das Grundstück von dem der Nachbarn trennte. Wie es schien, musste häufiger irgendetwas unter dem Zaun durchgekrochen sein, denn die Erde war weggescharrt und platt gedrückt, sodass eine Kuhle im Boden entstanden war, die groß genug für einen kleinen Hund gewesen wäre.

»Sehen Sie sich das an«, knurrte er, wies auf die Kuhle und schnalzte abfällig mit der Zunge. »Sie haben hier Waschbären irgendwo ganz in der Nähe. Die kommen sogar in den Garten. Wissen Sie, was Sie machen müssen, wenn Sie einem Waschbären begegnen?«

»Ehrlich gesagt, nein«, erwiderte Maye so höflich sie konnte. »Aber ich komme aus Arizona, was Sie ja dank meines Nummernschilds schon wissen, einem Land, in dem es vor Skorpionen, Schwarzen Witwen, Taranteln, Klapperschlangen, potenziell pest- verseuchten Präriehunden und gemeingefährlichen Golden-Retriever-Welpen verschleppenden Falken nur so wimmelt. Sollte ich also so einen putzigen, plüschigen Waldbewohner in meinem Vorgarten sehen, fällt mir sicher was ein.«

Der Rasenmähermann stemmte die Hände in die Hüften, wandte kurz den Blick ab und sah sie dann wieder an. »Wollen Sie sich was einfallen lassen, bevor oder nachdem er sich in Ihre Wangenknochen verbissen hat und Ihnen die Krallen in die Ohren schlägt?«, zischte er. »Mit Waschbären ist nicht zu spaßen! Wenn Sie bei Tageslicht einen Waschbären sehen, dann laufen Sie um Ihr Leben! Waschbären sind nachtaktiv, und wenn Ihnen tagsüber einer über den Weg läuft, dann hat der mit Sicherheit Tollwut und ist vollkommen unberechenbar. Sehen Sie ihm nicht in die Augen. Niemals in die Augen sehen, oder er reißt Ihnen die Gesichtshaut mit den Klauen runter und frisst sie wie einen aufgerollten Pfannkuchen.«

Nach kurzem Überlegen fielen Maye etliche Möglichkeiten ein, was sie dazu sagen könnte.

Die erste davon war: »Bin ich etwa gerade der Versteckten Kamera zum Opfer gefallen?«

Die zweite war: »Liegt Ihr Haus zufälligerweise in der Nähe einer Hochspannungsleitung?«

Und die dritte war: »Hören Sie auf meinen Rat, und trinken Sie ab jetzt nur noch Mineralwasser, denn was auch immer da bei Ihnen aus der Wasserleitung kommt, es sollte als biologischer Kampfstoff eingestuft werden.«

Wobei natürlich keine dieser Antworten besonders nett war, obwohl Maye sich, ohne lange nachzudenken, für die beste der drei entschieden hätte, hätte sie in Zukunft ihren Rasen eigenhändig mähen wollen. Doch stattdessen sah sie den Rasenmähermann nur an, lächelte und sagte dann: »Sie wollten mir doch ein Angebot machen.«

»Fünfundzwanzig die Woche«, erwiderte er ohne lange Vorrede. »Und das Recht, mich gegen wild gewordene Waschbären zu verteidigen, sollte einer hier aufkreuzen.«

»Abgemacht«, stimmte Maye zu.

Mayes Kreis potentieller neuer Freunde war kleiner als das Hirn des Rasenmähermanns. Es war nicht leicht, Leute in ihrem Alter kennenzulernen – sie war eine kinderlose Frau Mitte dreißig, die allein zu Hause arbeitete. Es gab nicht viele Gelegenheiten, jemandem über den Weg zu laufen, der so war wie sie, wenn sie sich nicht darauf verlegen wollte, in Frage kommende Kandidaten im Supermarkt zu verfolgen. Ihre Tage verliefen ruhig und ereignislos; mittags aß sie allein. Wenn das Telefon klingelte, dann war es einer ihrer alten Freunde aus Phoenix, der sich erkundigte, wie es ihr erging, ihr den neuesten Klatsch und Tratsch erzählte und ihr versicherte, wie sehr sie ihnen fehle. Und obwohl ihre Freunde in der besten Absicht anriefen, ließ jeder dieser Anrufe Maye sich bloß noch einsamer fühlen.

Ihr Leben, so schien es langsam, würde sehr, sehr langweilig werden.

Spaulding hatte allerdings seine ganz eigene Methode, die Dinge auf den Kopf zu stellen.

Eines Nachmittags kurz nach ihrem Einzug packte Maye gerade im Arbeitszimmer Bücher aus, als sie ein lautes Rascheln in den Büschen nicht weit vom Haus hörte, gefolgt von schnellen, schweren Schritten. Mickey, der in der Ecke lag und geschlafen hatte, hob den Kopf und sah sie an, die Ohren aufmerksam gespitzt. Die Schritte wurden lauter und immer eiliger, und sie dachte schon, dass womöglich die Suche nach etwas Essbarem oder einer neuen Gespielin einen Bigfoot von den Bergen zu ihnen ins Tal hinuntergetrieben haben könnte – zwei der drei Dinge, die einen Mann dazu bewegen konnten, seine Höhle zu verlassen (Toilettenpapier – Nummer drei auf der Liste Die einzigen Dinge, für die ein Mann seine Höhle verlässt – benutzten Bigfoots wohl eher seltener). Mickeys alarmierter Blick schien ihre Vermutung zu bestätigen. Noch bevor sie all ihren Mut zusammengenommen hatte, um der Sache auf den Grund zu gehen, sah sie etwas Großes, Haariges am Fenster vorbeiflitzen, und dann hörte sie die dumpf donnernden Schritte in ihrem Vorgarten. Mickey stimmte ein markerschütterndes Gebell an und rannte in Richtung Haustür, dicht gefolgt von Maye. Doch als sie schließlich an einem der Fenster stand, von dem aus sie hätte sehen können, was da vor sich ging, war die Gestalt auch schon wieder verschwunden. Ein Topf Dahlien lag umgeworfen auf der Veranda vor dem Haus, fast wie die Toilette damals nach Charlies unglücklicher Aktion, und den Boden zierte ein Teppich aus wild verstreutem Rindenmulch und zahllosen, rücksichtslos abgerissenen Blättern der Lorbeerhecke, die ihren Garten vom Nachbargrundstück trennte.

Maye war sprachlos und ziemlich irritiert, um nicht zu sagen erschüttert. Sie sah Mickey an, der ihren Blick mit demselben erstaunten, ratlosen Ausdruck in seinen Hundeaugen erwiderte und leise winselte.

Als Maye Charlie erzählte, was passiert war, tat der ihre Erzählung ab, als sei überhaupt nichts passiert.

»In dieser Stadt gibt es viele Jogger, Maye«, erklärte er.

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