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Schlangen unter Palmen

© 2017 Suca Elles

Umschlag, Illustration: Suca Elles

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback 978-3-7345-9518-9
ISBN Hardcover 978-3-7345-9519-6
ISBN e-Book 978-3-7345-9520-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Dieser Roman entstand inspiriert durch eine Reise auf die Malediven und beinhaltet Tatsachen, wie z.B. die Sehenswürdigkeiten von Male, die Geschichte und die wirtschaftliche Situation. Reine Fiktion ist die Insel Sundance Island. Die Personen und ihre Handlungen sind ebenfalls frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären daher rein zufällig.

Prolog

Der Spätsommerabend war noch angenehm warm. Ich hatte mit meiner Schwester einen der beiden letzten freien Tische vor einem indischen Restaurant im Marais‐Viertel in Paris ergattert. Wir rauchten und tranken Wein und warteten auf unser Essen.

„Schade, dass wir morgen schon wieder zurück fahren“ sagte Dita.

Dieser Name war ihr geblieben, seit sie sich mit knapp einem Jahr selbst so bezeichnet hatte. Vielleicht hatten mir unsere Eltern deshalb vorsorglich einen einfachen Namen gegeben....

Am besten stelle ich mich kurz vor. Mein Name ist Isa und ich habe ‐ genau wie meine zwei Jahre ältere Schwester Margarita ‐ die Mitte des Lebens bereits überschritten. Mindestens zweimal jährlich fahren wir zusammen in eine Stadt unserer Wahl, sehen uns die historischen, kulturellen und architektonischen Highlights an und gehen shoppen. Und heute war also unser letzter Abend der Kurzreise nach Paris.

Der Kellner brachte die Vorspeisen.

„Verrätst du mir jetzt, was du bestellt hast?“ fragte Dita.

„Iß es einfach“, sagte ich „es schmeckt sehr gut. Später sage ich dir, was es war.“ Und als ich ihren kritischen Blick bemerkte: „Keine Angst, es ist nichts Ekliges, alles rein vegetarisch“.

Am Nebentisch entstand Bewegung. Ein junges Paar nahm Platz. Die Frau war eine exotische Schönheit von etwa Anfang Zwanzig, sehr klein und zierlich. Sie trug einen rote hijab, dazu eine enges weiß‐rotes T‐Shirt und mittelblaue Jeans. Ihr Begleiter war mittelgroß und sehr schlank. Ein schwarzer Kinnbart und auf den Wangen ein 3-Tage‐Bart zierten sein Gesicht, das von lockigem schwarzen Haar eingerahmt wurde. Jetzt wandte er den Blick von seiner Begleiterin ab und sah zu uns herüber.....

Mich durchfuhr es wie ein Blitz. Diese Augen! Er mochte um die Vierzig sein, war attraktiv, allerdings hatten die Augen einen ganz besonderen Ausdruck. Sie waren traurig....nein, nicht nur...da war noch etwas anderes. Hinter ihnen verbarg sich etwas, das mich berührte und gleichzeitig ein wenig beunruhigte. Es war der Ausdruck, den Menschen in ihren Augen tragen, die von etwas zutiefst verstört worden sind. Es war in ihnen etwas von erlebtem Leiden, Augen die Dinge gesehen hatten, die sie nicht vergessen konnten. Mir fiel spontan die Zeile eines Songs von Maire Brennan ein: „See my eyes are older now, broken dreams behind“.... Das traf es annähernd. Dieser Mann hatte in seinem jungen Gesicht alte Augen, gefüllt mit zerbrochenen Träumen und mehr, wovon ich keine Ahnung hatte, was es sein könnte.

Ich war unachtsam gewesen und hatte den Blick nicht schnell genug abgewandt, als er mich ansah. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, und er nickte unmerklich mit dem Kopf. Ich erwiderte sein Lächeln und wandte mich dem Kellner zu, der die Hauptspeise brachte.

Dita grinste und sagte: „Ich war jetzt gespannt, ob du wenigstens den Kellner zur Kenntnis nimmst. Du warst nämlich geistig komplett abwesend, wenn ich das mal so sagen darf, aber ich versteh dich, der Knabe am Nebentisch ist ja wirklich faszinierend. Was glaubst du, woher kommen die beiden?“

„Keine Ahnung“ sagte ich. „Ich habe die Sprache, in der sie sich unterhalten, noch nie gehört. Ich tippe mal auf Indien oder Sri Lanka. Auf jeden Fall kommen sie aus einem muslimischen Land“.

Die Augen des Mannes wanderten wieder zu uns herüber und für einen kurzen Augenblick streiften sich unsere Blicke. Dies geschah noch öfter während des Essens und des anschließenden Kaffees, so lange, bis die beiden schließlich aufbrachen. Er drehte sich noch einmal um, schenkte mir ein Lächeln und war in der Menschenmenge verschwunden.

„Erde an Isa. Bist du wieder gelandet? Also sag, was haben wir heute gegessen. Es war wirklich ausgesprochen lecker.“ Ditas Stimme holte mich zurück in die Gegenwart, in meinem Gedächtnis jedoch hatten sich die Augen eingebrannt.

Nachdem ich fast sechs Stunden ununterbrochen juristische Texte übersetzt hatte, beschloss ich, mir einen Kaffee und eine Waffel zu gönnen. Mit meiner Tasse setzte ich mich wieder an den PC und rief die von mir bevorzugte Seite im Bereich der social media auf. Mein Messenger blinkte. Ich überlegte, ob ich ihn öffnen sollte, denn normalerweise benutze ich ihn nicht. Schließlich siegte die Neugier. Und dann starrte ich gebannt auf die Nachricht, die mit einem Bild des Absenders unterlegt war.

„Erinnerst du dich?“ stand da. „Wir haben im letzten Jahr in Paris an zwei nebeneinander liegenden Tischen gesessen.“

Und ob ich mich erinnere, schrie es in mir. Meine Finger jedoch tippten: „Ja, ich glaube schon. Was kann ich für dich tun?“

Seine Antwort war ein lachender Smily: „Nichts“ schrieb er „ich wollte dich nur adden – falls du magst.“

„Gerne, vielen Dank“ tippte ich zurück und drückte auf den angegebenen Link. Auf meiner Seite stieg die Zahl meiner Freunde von 78 auf 79. Sein Aliasname war „Samuel Johnson Roohu“, und neugierig öffnete ich seine Seite. Sie gab nicht viel preis. Über 1000 Kontakte, eine Unmenge posts und nur zwei Bilder von ihm. Eines musste aus der Zeit stammen, als er in Paris war, das andere schien neueren Datums. Seine Haare und der Bart waren etwas kürzer. Diese Bild war auch sein aktuelles Image.

Was ich allerdings als neue Information verbuchen konnte war die Tatsache, dass er von den Malediven stammte. Das erklärte, warum mir die Sprache so unbekannt vorgekommen war. Er hatte laut eigener Angaben einen Hochschulabschluss und lebte in der Hauptstadt. Mehr gab die Seite nicht her.

Sollte er auf meiner Seite nach Informationen suchen, würde er eine ganze Menge mehr erfahren. Ich halte nichts davon, mir ein fiktives Image zuzulegen. Wer social media nutzt, ist ohnehin gläsern. Warum also die Mühe eines Versteckspiels auf sich nehmen? So waren neben meinem wirklichen Namen die Stadt in der ich wohne, mein Beruf, meine Ausbildung, meine Lieblingsfilme, meine favorisierte Musik und ein Teil der von mir gelesenen Bücher angegeben. Lediglich bei Beziehungsstatus stand „single“. Dass ich geschieden war, ging nur mich etwas an.

Wieder blinkte der Messenger. Samuel teilte mir mit, dass er jetzt den Messenger wieder deaktivieren würde, bat mich aber, sofern ich ihm eine private Nachricht senden wolle, seine Inbox zu benutzen. Außerdem möge ich ihm bei längerer Abwesenheit eine Nachricht zukommen lassen, damit er sich keine Sorgen um meinen Verbleib machen müsse.

Ich bestätigte, den Inhalt zur Kenntnis genommen zu haben und deaktivierte auch meinen Messanger. Dann beendete ich das Programm. Eine neue Tasse Kaffee musste her. Der letzte Satz von ihm hatte in mir ein völlig neues Gefühl geweckt. Wer hatte mir zum letzten Mal oder überhaupt je gesagt, dass er sich um meinen Verbleib Sorgen macht, von meinen Eltern zu Kinderzeiten einmal abgesehen? Natürlich hatte ich ein paar wirklich gute Freunde, die wahrscheinlich so empfanden, aber gesagt hatte es noch niemand, da war ich mir sicher.

An Arbeit war jetzt nicht mehr zu denken. Ich legte eine meiner Lieblings-CDs auf und suchte mir im Internet Informationen über die Malediven.

Als ich an diesem Abend im Bett lag, waren meine Gedanken immer noch bei dem, was ich heute über die Malediven gelesen und gelernt hatte.....und bei dem Mann, der sich „Sam“ nannte. Wie hatte er mich gefunden? Er hatte bis heute weder meinen Namen noch meinen Wohnort gekannt. Zufall? Vermutlich....

Schließlich schlief ich ein, wachte jedoch schon früh am nächsten Morgen mit den gleichen Gedanken wieder auf. „So ein Mist“ dachte ich. Ich brauchte unbedingt einen klaren Kopf, um meine derzeitige Arbeit erfolgreich zu beenden. Es war einer der größten Aufträge, die ich jemals bekommen hatte, und mit dem dadurch verdienten Geld konnte ich mir eine Auszeit gönnen.....und sogar auf die Malediven reisen.

Kurz entschlossen rief ich Dita an, die als Choreographin an dem Theater einer nahe gelegenen Großstadt arbeitet und sicher schon bei ihrer ersten Tasse Kaffee angelangt war, da die Proben üblicherweise gegen 9.00 Uhr am Morgen beginnen.

Ich erzählte ihr, dass mich Sam am Vortag geadded hatte und sie fragte: „Sag mal, hast du dich etwa verliebt?“

„Blödsinn“ sagte ich. Schließlich war ich es, die nicht müde wurde zu erklären, dass man sich nicht in jemand verlieben könne, den man gar nicht wirklich kenne. Es sei eine Illusion, in die man sich verliebe, mehr nicht. Andererseits, ich hatte ihn ja schon live gesehen, wenn auch nur kurz....

„Willst du jetzt deinen nächsten Urlaub auf den Malediven verbringen?“ fragte Dita weiter.

„Ach was, ich wollte dir nur sagen, dass ich erstaunt bin, dass er sich noch an mich zu erinnern scheint.....wann musst du los?“

„Lenk jetzt nicht ab. Du hast mir doch noch nicht alles erzählt, oder?“ Ältere Schwestern können manchmal anstrengend sein, zumal, wenn man ihnen nichts vormachen kann. Also erzählte ich die ganze Geschichte.

„Das ist wirklich bemerkenswert“ sagte Dita schließlich. „Wie geht es jetzt weiter?“

„Ganz langsam und vorsichtig“ antwortete ich. „Nichts wäre peinlicher, als wenn er den Eindruck hätte, ich laufe ihm nach, zumal er auch noch etliche Jahre jünger als ich zu sein scheint.“

„Hat dich das jemals gestört?“

„Biest. Außerdem schien er ja verbandelt zu sein.“

„Ich wiederhole meine Frage von eben!“

„Ich hasse dich“. Ditas Lachen drang durch das Telefon. Sie hatte ja Recht, ich war wirklich kein Kind von Traurigkeit gewesen, früher......

„Ich besuche dich am kommenden Dienstag“ sagte Dita „da habe ich probenfrei. Dann besprechen wir alles Weitere. Ciao.“

Unter Aufbietung meines gesamten Willens, verbot ich mir jeden weiteren Gedanken an Sam und setzte meine Arbeit vom Vortag fort. Ins Netz würde ich erst wieder heute Abend gehen, das schwor ich mir.

Die Tage vergingen. Ich arbeitete so konzentriert wie möglich, und erst am Abend suchte ich seine intelligenten und witzigen posts im Netzwerk und kommentierte dort, wo es angebracht erschien. Wenn ich etwas postete reagierte er prompt. Bevor diese Abende rituellen Charakter annehmen konnten, musste ich für einige Tage in die Bundeshauptstadt. Ich teilte Sam dies auf seiner Inbox mit und erhielt umgehend eine Antwort.

„Bleib nicht so lange, ich vermisse dich jetzt schon. Und pass gut auf dich auf.“

Dieser Satz, so profan er sein mochte, beschwingte mich. Dieses Gefühl hielt sich auch während meines Aufenthaltes, und da ich lediglich ein altes Handy dabei hatte, mit dem ich nicht ins Netz gehen konnte, erwartete ich voll Ungeduld meine Rückreise nach Hause.

Auf der Rückfahrt saß mir im Zug eine Frau gegenüber, etwa in meinem Alter, mit einem modischen Pagenkopf, der weich ihr schmales Gesicht umrahmte. Sie trug einen rotbraunen Hosenanzug und studierte eingehend den Bahnprospekt, in dem die Anschlusszüge auf den einzelnen Bahnhöfen aufgeführt waren. Schließlich wandte sie sich mit einem Lächeln an mich.

„Können Sie mir sagen, wo ich Richtung Frankfurt umsteigen muss?“

Sie sprach Englisch mit einem merkwürdigen Akzent. Ich nickte. „Sie fahren bis Duisburg und steigen dort in den Zug nach Frankfurt.“ Ich nahm ihr den Prospekt aus der Hand und zeigte auf den entsprechenden Eintrag.

„Hält der Zug am Flughafen?“ wollte sie wissen.

Ich bejahte. „Wohin müssen Sie denn, wenn ich fragen darf?“

„Nach Montreal“. Sie reichte mir die Hand. „Ich bin Casey.“ Auch ich stellte mich vor, und wir verließen unsere Plätze, um im Speisewagen eine Kaffee zu trinken. Casey hatte an einem Fachkongress für plastische Chirurgie teilgenommen. Sie arbeitete in einem Krankenhaus in Montreal als Ärztin. Ihre Hobbies waren Tanzen und Tauchen. Sie war unverheiratet und reiste gern. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, weswegen wir auch unsere Mailadressen austauschten.

Bevor wir Duisburg erreichten, wo auch ich aussteigen musste, fragte ich sie: „Wo tauchst du denn normalerweise?“

„Überall, wo ich die Chance habe, Meeresschildkröten zu sehen. Ich bin in diese Tiere vernarrt. Meine nächste Reise geht vermutlich zu den Malediven. Dort war ich noch nicht, und ich habe gelesen, dass es dort eine große Zahl verschiedener Schildkrötenarten geben soll.“

Ich schluckte. Da war es mir fast fünf Tage lang gelungen, nicht mehr an Sam zu denken, und jetzt treffe ich hier im Zug eine Frau, die zu den Malediven reisen will. Und prompt wanderten meine Gedanken wieder in eine mir inzwischen vertraute Richtung.

Casey tippte leicht an meinen Arm und sah mich fragend an. Sie hatte irgendetwas gesagt, aber ich hatte nicht zugehört. Ich bat um Entschuldigung und sie wiederholte:

„Warst du schon mal auf den Malediven?“

Ich hatte nur ein Kopfschütteln als Antwort. „Vielleicht reise ich im nächsten Jahr dorthin“ sagte ich schließlich.

Casey lachte. „Lass es mich wissen, ja? Vielleicht könnten wir ja zur gleichen Zeit dort Urlaub machen.“

In Duisburg begleitete ich sie noch zum richtigen Bahnsteig, und als ihr Zug nach Frankfurt einfuhr, verabschiedeten wir uns wie zwei alte Freundinnen mit dem Versprechen, den Kontakt per Mail zu halten.

Auf dem Nachhausweg fragte ich mich, ob das ein Zufall gewesen ist, jemand getroffen zu haben, der zu den Malediven reisen will. Ich musste unbedingt mit Dita darüber sprechen. Vorher aber ging ich ins Netz und meldete mich bei Sam zurück.

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