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Schlaflos in Manhattan

Zum Buch:

Der New Yorker Jake Romano scheut keine Risiken – im Leben, im Job und bei Frauen erst recht nicht. Außer wenn es um Paige Walker geht. Schon seit ihrer Jugend hat er die kleine Schwester seines besten Freundes auf Abstand gehalten. Jake kann ihr nicht geben, was sie sucht. Schließlich hat er selbst erfahren, wie verletzbar sie ist. Doch jetzt braucht sie ausgerechnet seine Hilfe, um ihre Event-Agentur zum Erfolg zu führen – und wenn die Lichter der Großstadt sich in ihren Augen widerspiegeln, muss er alles daransetzen, sie nicht zu einer schlaflosen Nacht in Manhattan zu verführen …

„Sarah Morgan verzaubert ihre Leser.“

Booklist

Zur Autorin:

Sarah Morgan startete ihre Karriere bereits als Kind – mit der Biografie eines Hamsters. Als Erwachsene arbeitete sie zunächst als Krankenschwester, bis sie nach der Geburt ihres ersten Kindes die Schriftstellerei erneut für sich entdeckte. Zum Glück! Ihre humorvollen Romances wurden weltweit mehr als 11 Millionen Mal verkauft. Die preisgekrönte Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London.

Lieferbare Titel:

Einmal hin und für immer
Für immer und ein Leben lang
Für immer und einen Weihnachtsmorgen
Weihnachtszauber wider Willen
Winterzauber wider Willen

Sarah Morgan

Schlaflos in Manhattan

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Kruschandl

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. Kapitel

Auf der Karriereleiter musst du immer davon ausgehen, dass dir jemand unter den Rock schaut.

– Paige

„Beförderung. Ich glaube, das ist mein neues Lieblingswort.“ Paige Walker prüfte mit einem schnellen Seitenblick, ob ihre Freundinnen Eva und Frankie noch neben ihr waren. Dann ließen sich die drei von der Menschenmenge die Treppen des U-Bahn-Ausgangs hinaufdrängen. Draußen empfingen sie blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Weit über ihnen reckten sich die Hochhaustürme den munter dahintreibenden Wölkchen entgegen. Ganz Manhattan hatte sich in einen Wald aus Glas und Stahl verwandelt, der im Licht der Morgensonne geheimnisvoll funkelte. Die riesigen Gebäude schienen miteinander zu wetteifern: Empire State Building, Rockefeller Center – höher, größer, besser. Hier bin ich, schienen sie zu rufen. Schau mich an!

Paige schaute. Dann lächelte sie.

Heute war ihr Tag. Selbst das Wetter schien in Feierlaune zu sein.

New York war einfach großartig. Jedes Mal wieder verblüfften sie das schnelle Tempo und das Pulsieren dieser Stadt. Es war wie ein Rausch, wie ein Schuss Adrenalin direkt in die Venen.

Sie hatte ihren Job bei Star Events gleich nach dem College bekommen und ihr Glück kaum fassen können. Vor allem nachdem sie erfahren hatte, dass ihre zwei besten Freundinnen ebenfalls dort anfangen würden. Schon immer hatte sie davon geträumt, in einer der großen Event-Agenturen zu arbeiten, die sich in Manhattan befanden. Und der Traum hatte sich tatsächlich erfüllt. Jetzt arbeitete sie als Event-Managerin und lebte in einer Metropole. Hier konnte sie sein, wer immer sie wollte. Sie konnte ihr Leben leben, ohne fünfundzwanzigmal am Tag gefragt zu werden, wie es ihr ging und wie sie sich fühlte. Denn in dem atemlosen Gewühl, das sich New York City nannte, waren die Leute zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um über andere nachzudenken. Soziale Kontakte blieben oberflächlich und gingen nie besonders tief. Der einzelne Mensch verschwand in der Menge.

Und genau das, dachte Paige, gefiel ihr hier so gut. Sie wollte nicht auffallen, nicht anders sein und ständig im Mittelpunkt stehen. Nie wieder wollte sie ein leuchtendes Vorbild sein. Ganz besonders nicht, wenn es um tapferes Verhalten ging.

Jahrelang hatte sie sich das gewünscht: Anonymität, eine Menschenmenge, in der sie sich verbergen konnte. Und hier in New York war ihr das endlich gelungen.

Das Großstadtchaos bot ihr eine eigene Art von Privatsphäre. Alles bewegte sich schneller. Auch die Menschen, die hier lebten.

Wobei es auch Ausnahmen gab. Zum Beispiel ihre Freundin Eva, die nicht gerade eine Frühaufsteherin war.

Gerade gähnte Eva herzhaft und erklärte dann: „Beförderung ist ja schön und gut. Aber mein Lieblingswort ist Liebe.“ Schläfrig lief sie ein paar Schritte weiter, wurde dabei jedoch immer langsamer. „Oder Sex. Das ist immerhin die zweitbeste Sache auf der Welt. Glaube ich zumindest. Leider hatte ich ja schon so lange keinen mehr. Inzwischen frage ich mich, ob ich noch weiß, wie das funktioniert. Vielleicht sollte ich mir einen Sex-Ratgeber kaufen, falls jemals wieder ein Mann auftaucht, mit dem es so weit kommen könnte. Wieso finden eigentlich alle Leute in Manhattan, dass feste Beziehungen unglaublich altmodisch und überholt sind? Ich will keinen One-Night-Stand. Ich will jemanden finden, mit dem ich mein gesamtes Leben verbringen kann. Wie die Enten. Die leben doch auch in festen Beziehungen. Wenn die Enten so was hinkriegen, warum können wir das nicht?“ Sie blieb stehen und beugte sich hinunter, um ihren rechten Schnürsenkel zuzubinden. Die Bewegung ließ ihre blonden Locken nach vorne fallen – genau wie ihre Brüste, die in ihrer Form an Cupcakes oder ähnlich verführerische Dinge erinnerten. Prompt blieb ein Mann, der ihnen entgegengekommen war, wie angewurzelt stehen. Was dazu führte, dass vier weitere Männer in ihn hineinprallten.

Bevor es zu einer Massenkarambolage von noch größerem Ausmaß kommen konnte, ergriff Paige den Arm ihrer Freundin und zog sie ein Stück zur Seite. „Du solltest mit einem Warnschild versehen werden, weißt du das?“

„Was kann ich denn dafür, dass diese dummen Schnürsenkel immer aufgehen?“, murrte Eva, während sie weiter daran herumfummelte.

„Deine Schuhe sind hier nicht das Problem, Ev. Das Problem ist, dass du gerade halb Manhattan mitgeteilt hast, wie nötig du es zurzeit hast.“

„Das Problem liegt eher darin“, sagte Frankie und stellte sich eilig neben Paige, um die Sichtmauer zu erweitern, „dass sich hier gerade ein Dutzend Investmentbanker in Stellung bringen, um deine Aktivposten zu managen. Und damit meine ich nicht deine Finanzen. Also los, Sleeping Beauty. Du stehst jetzt auf, und dann bringe ich deinen Schuh in Ordnung.“

„Okay. Ich habe ja leider gar keine Finanzen, die irgendjemand managen könnte. Andererseits muss ich mich dann auch nicht schlaflos in meinem Bett herumwälzen und darüber nachgrübeln, wie die Zinsen und Erträge stehen oder wie die Dinger heißen. Das ist ein Bonus, finde ich. Wenn auch nicht die Art von Bonus, den diese Bankleute wahrscheinlich gewöhnt sind.“ Eva stand auf und rieb sich den letzten Schlaf aus den Augen. Vor zehn Uhr morgens fiel es ihr normalerweise schwer, sich auf irgendein Gesprächsthema zu konzentrieren. „Du musst mir nicht die Schuhe zuschnüren, Frankie. Ich bin nicht mehr sechs Jahre alt.“

„Aber mit sechs warst du auch noch nicht so gefährlich. Also, lass mich das mit dem Schuh machen. Ich verfüge nämlich nicht über Anlagen, die ein derartiges Sicherheitsrisiko darstellen. Und aus meinem Mund kommen auch nicht völlig ungefiltert alle möglichen Dinge raus. So, und jetzt geh endlich ein Stück zur Seite. Das ist New York. Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte: Es gilt hier als schweres Verbrechen, Leute auf dem Arbeitsweg zu behindern.“

Frankie klang gereizt. Eva betrachtete sie mit gerunzelter Stirn, während sie ihrer Freundin das Bein entgegenstreckte.

„Also, ich glaube nicht, dass man verhaftet werden kann, nur weil man irgendwo stehen geblieben ist. Und überhaupt: Was ist los mit dir? Du wirkst heute Morgen etwas … angespannt.“

„Nichts. Mit mir ist überhaupt nichts los.“

Paige wechselte einen Blick mit Eva. Ihnen war klar, dass nichts in Wahrheit eine Menge hieß. Aber sie kannten Frankie gut genug, um zu wissen, dass es zwecklos war, bei ihr nachzubohren. Frankie äußerte sich, wenn sie bereit dazu war. Und keine Sekunde eher. Wobei es nicht ganz zutreffend war, im Zusammenhang mit dem komplizierten Innenleben ihrer Freundin von Sekunden zu sprechen. Denn normalerweise musste Frankie all ihre Gefühle erst einmal mehrere Tage mit sich herumschleppen, bevor sie ihren Freundinnen schließlich erzählen konnte, worum es ging.

„Leute auf dem Weg zur Arbeit zu behindern ist vielleicht kein Verbrechen. Aber es ist auf jeden Fall eine Provokation“, sagte Paige, um dem Gespräch wieder eine leichtere Wendung zu geben. „Und soweit ich mich erinnern kann, war unsere liebe Eva schon immer ein wandelndes Sicherheitsrisiko. Erinnerst du dich noch an ihren achten Geburtstag, Frankie? Damals wollte Freddie Major den armen Paul Matthew verprügeln, weil er gesagt hat, dass er Eva später heiraten will.“

„Freddie Major.“ Der Name zauberte die Andeutung eines Lächelns zurück auf Frankies Gesicht. „Ich habe ihm einen Frosch ins T-Shirt gesteckt.“

Eva erschauderte. „Du warst ein böses Mädchen.“

„Was soll ich sagen? Ich kann mit Männern eben nicht umgehen. Ganz egal wie alt sie sind.“ Frankie drückte Eva ihre Getränkedose in die Hand. „Da. Halt das. Und wenn du sie in den Mülleimer wirfst, ist unsere Freundschaft vorbei.“

„Unsere Freundschaft hat mehr als zwanzig Jahre überstanden. Ich gehe davon aus, dass sie nicht daran zerbrechen würde, wenn ich dein Zuckerwasser entsorge.“

„Irrtum.“ Frankie kniete sich hin. Dank ihres schmalen, athletischen Körpers wirkte die Bewegung mühelos und fließend. „Jeder Mensch hat eine Schwäche. Und meine ist eben ungesundes Essen.“

„Ungesund? Das kannst du laut sagen. Wirklich, Frankie: Eine Cola Light ist kein Frühstück! Wenn du schon nichts essen willst, lass mich dir wenigstens einen Smoothie machen. Zum Beispiel mit Grünkohl und Spinat. Das schmeckt ganz toll. Wieso probierst du es nicht einfach mal?“, flehte Eva.

„Ganz einfach: Weil ich mein Frühstück gern im Magen behalte, sobald es dort angekommen ist. Und weil meine Essgewohnheiten auch nicht lebensgefährlicher sind als deine Kleidungsgewohnheiten. Ich hatte heute eben einfach keine Lust zu frühstücken. Das ist ja wohl kein Drama.“ Frankie band die Schnürsenkel von Evas knallgrünen Chucks zu einer ordentlichen Schleife, während unzählige Menschen vorbeiliefen. Sie waren alle auf dem Weg zur Arbeit, auch wenn es eher so wirkte, als würden sie einen Marathon absolvieren. Als einer der Marathonläufer gegen sie stieß, stöhnte Frankie. „Wieso denkst du eigentlich nie daran, dir einfach Doppelknoten zu schnüren?“

„Weil ich noch schlafe, wenn ich mich anziehe.“

Frankie stand auf und zog Eva die kostbare Cola light so eilig aus der Hand, dass ihre flammend roten Haare über ihren Schultern schaukelten. „Autsch!“, stieß sie gleich darauf hervor. „Entschuldigung?“ Sie rückte ihre verrutschte Brille wieder zurecht. Dann warf sie einen scharfen Blick in Richtung des Anzugträgers, der hastig weiterlief. „Schon mal was von guten Manieren gehört? Es wäre nett, die Leute wenigstens zu narkotisieren, denen man mit seinem Aktenkoffer die Niere entfernen will“, grummelte sie. „Also echt. Es gibt Tage, da denke ich, dass ich lieber wieder in einer Kleinstadt leben würde.“

„Im Ernst? Du könntest dir vorstellen, zurück nach Puffin Island zu ziehen?“ Paige verlagerte ihre Tasche von einer Schulter auf die andere. „Komisch, mir geht das nie so. Nicht mal, wenn ich zwischen all den Menschen in der U-Bahn eingequetscht bin und das Gefühl habe, mich würde eine Boa constrictor umarmen. Es ist ja nicht so, als würde ich unsere Insel nicht schön finden. Denn das ist sie. Puffin Island ist wirklich wunderschön. Aber trotzdem ist sie eine Insel. Das sagt doch schon alles.“

Während sie sprach, stand ihr wieder dieses Bild vor Augen: die kleinen Häuser und das Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte. Auf Puffin Island hatte sie sich eingeengt gefühlt, abgeschnitten von jeder Zivilisation durch das strömungsreiche Wasser der Penobscot Bay. Und vor allem hatte sie das Gefühl gehabt, nicht mehr richtig atmen zu können, weil die Liebe und die ständige Besorgnis ihrer Eltern sie zu ersticken drohten. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich könnte mir nicht vorstellen, zurückzugehen. Ich finde es großartig, an einem Ort zu leben, wo meine Nachbarn nicht jedes Detail aus meinem Leben kennen.“

Auf Puffin Island glaubte sie manchmal, nicht zwei, sondern gleich Dutzende Eltern zu haben. Paige, zieh doch die Jacke an, sonst erkältest du dich noch. Paige, ich habe gesehen, dass letzte Woche der Helikopter gekommen ist, um dich wieder ins Krankenhaus zu bringen. Wie geht es dir denn jetzt? Ja, es war gut gemeint gewesen. Doch das dauernde Interesse und Mitgefühl hatten nur dazu geführt, dass sie sich immer weiter in sich selbst zurückzogen hatte und es kaum noch erwarten konnte, alldem endlich zu entfliehen.

Alles in ihrem Leben hatte sich darum gedreht, gesund zu bleiben, sich zu schonen und vor jeder Art von Gefahr beschützt zu werden. Mit der Zeit war es ihr immer schwerer gefallen, nicht laut zu schreien und mit dieser Frage herauszuplatzen, die in ihr brannte: Was bringt es, am Leben zu bleiben, wenn man nie richtig lebt?

Nach New York zu ziehen war der aufregendste und beste Moment ihres ganzen Lebens gewesen. Denn diese Stadt unterschied sich auf jede nur erdenkliche Weise von Puffin Island. In negativer Hinsicht, hätten manche Menschen vermutlich gesagt.

Aber das sah sie anders.

Paige sah ihre Freundin an. Frankie hatte die Stirn gerunzelt. „Quatsch. Natürlich will ich nicht zurück. Und selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Ich würde ja sofort gelyncht werden. Klar, es gibt einige Dinge, die ich vermisse. Aber dass mich alle wütend anstarren, weil meine Mutter gerade mal wieder mit einem verheirateten Mann rummacht, gehört ganz bestimmt nicht dazu.“ Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und trank ihre Cola aus, um die Dose dann in den Mülleimer zu feuern. Die Mischung aus Wut, Frustration und Kummer, die Frankie ausstrahlte, war schon greifbar, so deutlich war sie zu spüren. „Einen großen Vorteil hat Manhattan ja: Hier gibt es immerhin einige Männer, mit denen meine Mutter noch nicht im Bett gelandet ist. Obwohl es seit gestern einer weniger ist. Das wurde mir schriftlich bestätigt.“

„Schon wieder?“, fragte Paige. Jetzt verstand sie, warum ihre Freundin heute so angespannt und gereizt wirkte. „Sie hat dir eine SMS geschrieben?“

„Aber erst nachdem sie vierzehn Mal versucht hat, mich anzurufen, und ich nicht ans Telefon gegangen bin.“ Frankie zuckte mit den Schultern. „Du wunderst dich, Ev, warum mir der Appetit auf Frühstück vergangen ist? Dann hör dir das mal an: Ihr neuester Fang ist achtundzwanzig Jahre alt und knallt wie eine Scheunentür im Sturm. Als ich die Details gelesen habe, ist mir die Lust aufs Essen leider vergangen.“ Der spöttische Ton konnte nicht verbergen, wie verstört sie war. Paige ging zu ihr und hakte sich bei ihr ein.

„Es wird nicht lange dauern.“

„Natürlich wird es nicht lange dauern. Keine ihrer Beziehungen hat jemals länger gehalten. Aber bevor es vorbei ist, wird meine Mutter es noch schaffen, den Typen kräftig auszubluten. Woran er selbst schuld ist. Er will das ja genauso sehr wie sie. Was ich mich nur frage: Warum sind Männer eigentlich nie in der Lage, ihre Hosen auch mal anzubehalten? Warum können sie nicht einfach Nein sagen?“

„Nicht alle Männer sind so.“ Unwillkürlich musste Paige an ihre Eltern denken. Die beiden führten eine glückliche Ehe. Und das schon seit vielen Jahren.

„Aber alle, die meine Mutter aufgabelt, sind so. Meine größte Angst ist, einen von denen mal bei unseren Events zu treffen. Könnt ihr euch das vorstellen? Vielleicht sollte ich einfach meinen Namen ändern.“

„Komm schon, Frankie. Das wird nicht passieren. Dafür ist New York viel zu groß.“

Eva hakte sich ebenfalls bei Frankie ein. „Weißt du was? Eines Tages wird deine Mutter sich verlieben. Und dann sind all diese Probleme vorbei.“

„Oh, bitte! Nicht mal du kannst hier irgendeine Romanze wittern. Liebe hat mit der ganzen Sache gar nichts zu tun“, entgegnete Frankie bitter. „Männer sind für meine Mutter einfach nur ein Job. Ihr Einkommen. Sie ist die Geschäftsführerin eines Baukonzerns, auch bekannt als ‚Nimm dir alles‘.“

Eva seufzte. „Okay, sie hat ein paar Probleme.“

„Ein paar Probleme?“ Frankie blieb abrupt stehen. „Meine Mutter ist mindestens fünf Haltestellen an ‚ein paar Problemen‘ vorbeigefahren. Und können wir jetzt bitte über was anderes reden? Ich hätte gar nicht erst damit anfangen sollen. Das Thema verdirbt mir immer total die Laune. Außerdem ist es nicht das erste Mal, dass meine Mutter so etwas macht. Du hast recht, Paige: In New York zu leben hat eine ganze Menge Vorteile. Und der allergrößte davon ist, dass ich meiner Mutter die meiste Zeit über aus dem Weg gehen kann.“

Erneut wurde Paige klar, wie viel Glück sie mit ihren eigenen Eltern hatte. Ja, die beiden machten sich andauernd Sorgen um sie, und das war manchmal schwer zu ertragen. Aber verglichen mit Frankies Mutter waren ihre Eltern beruhigend normal.

Sie warf ihren Freundinnen einen Blick zu. „Das sehe ich auch so. In New York zu leben ist das Beste, was uns allen passieren konnte. Wie haben wir das vorher eigentlich ausgehalten – ohne Bloomingdales und die Magnolia Bakery?“

„Oder die Enten im Central Park. Es macht so viel Spaß, sie zu füttern“, fügte Eva mit einer Spur von Wehmut hinzu. „Früher habe ich das jedes Wochenende gemacht. Zusammen mit meiner Großmutter.“

Frankies Miene wurde weicher. „Sie fehlt dir sehr, oder?“ „Ach, es geht.“ Evas Lächeln war plötzlich nicht mehr so strahlend. „Einige Tage sind besser, andere schlechter. Aber es ist längst nicht mehr so schlimm wie vor einem Jahr. Sie war dreiundneunzig, da kann ich mich ja kaum beklagen. Es fühlt sich einfach nur so merkwürdig an, dass sie nicht mehr da ist. Großmutter war die eine Konstante in meinem Leben. Jetzt ist sie weg. Und ich habe niemanden mehr. Keine Verbindung zu irgendjemandem.“

„Du hast doch uns“, entgegnete Paige. „Wir sind deine Familie. Und wir sollten am Wochenende etwas mit dir unternehmen.“ Frankie nickte. „Wie wäre es zum Beispiel mit einer Einkaufstour? Zuerst gehen wir zu Saks Fifth Avenue, überfallen die Make-up-Abteilung, und danach gehen wir tanzen.“

„Tanzen?“ Eva klang auf einmal sehr viel munterer. „Oh, ich liebe Tanzen.“ Sie blieb stehen und vollführte einige Hüftschwünge, die so provokativ waren, dass es fast zu einer weiteren Massenkarambolage gekommen wäre.

Schnell versuchte Frankie, sie weiterzuziehen. „So viele Blasenpflaster werden weltweit gar nicht hergestellt, dass wir direkt nacheinander shoppen und tanzen gehen könnten“, wandte sie ein. „Außerdem ist Samstag unser Filmabend. Was haltet ihr von einem kleinen Horrorfestival?“

Eva zog eine Grimasse. „Bloß nicht! Dann kann ich wieder nicht einschlafen.“

„Also mein Fall ist das auch nicht“, sagte Paige. „Aber vielleicht ist Matt ja gnädig und genehmigt zur Feier meiner Beförderung ein paar romantische Komödien.“

„Vergiss es.“ Frankie rückte ihre Brille zurecht. „So wie ich deinen Bruder kenne, würde er eher vom nächsten Dach springen, als einen Abend lang Mädchenfilme mit uns zu ertragen. Zum Glück. Dieses Rumgesülze ist doch furchtbar.“

Eva zuckte mit den Schultern. „Und wenn wir statt Samstag heute Abend ausgehen? Ich lerne niemals jemanden kennen, wenn ich nicht vor die Tür gehe.“

Frankie seufzte. „Wir leben in New York. Die Leute kommen hierher, weil sie sich für Kultur interessieren, für die Atmosphäre dieser Stadt oder weil sie Geld verdienen wollen. Es gibt sehr viele Gründe. Aber den Partner fürs Leben zu finden steht bei den meisten Leuten nicht auf der Liste.“

„Ach ja? Dann verrat mir doch mal, warum du hergekommen bist.“

„Weil ich an einem Ort leben will, an dem es viele Menschen gibt. Oder zumindest genügend, um eine gewisse Anonymität zu haben. Wobei ich es natürlich sehr schön finde, dass wir drei uns jeden Tag sehen können“, räumte Frankie ein. „Ich liebe die High Line, den Botanischen Garten und diese Ecke von Brooklyn, in der wir wohnen. Und natürlich unser kleines Haus. Ich werde deinem Bruder für immer dankbar sein, Paige, dass er uns dort so günstig wohnen lässt.“

„Hast du das gehört?“ Eva stieß Paige mit dem Ellbogen an. „Frankie hat gerade etwas Positives über einen Mann gesagt.“

„Und?“, erwiderte Frankie prompt. „Matt ist einer der wenigen anständigen Männer auf diesem Planeten. Außerdem ist er ein Freund. Das ist alles. Ich jedenfalls bin mit meinem Single-Dasein äußerst zufrieden. Daran ist ja wohl nichts falsch, oder?“ Ihre Stimme klang plötzlich ziemlich energisch. „Ich bin unabhängig und stolz darauf. Ich verdiene mein eigenes Geld und muss mich vor niemandem rechtfertigen, wie ich mein Leben lebe. Single zu sein ist eine Entscheidung und keine Krankheit, Ev.“

„Und ich habe entschieden, möglichst bald kein Single mehr zu sein. Das ist ja wohl auch nicht falsch, oder? Also hör mit diesem Vortrag auf. Du findest das vermutlich albern. Aber mich macht es eben etwas unruhig, wenn ich daran denke, dass das Kondom in meinem Geldbeutel sein Haltbarkeitsdatum längst überschritten hat.“ Eva strich sich eine ihrer blonden Locken hinters Ohr. Dann begann sie, die Unterhaltung zügig vom Thema Beziehungen wegzulenken. „Ist es nicht großartig? Ich liebe den Sommer! Kurze Kleider, Flip-Flops, Shakespeare im Park, Segeln auf dem Hudson und lange Abende auf unserer Dachterrasse. Ich kann es noch immer nicht fassen, wie dein Bruder auf die Idee gekommen ist, die Terrasse zu bauen, Paige. Matt ist nicht nur nett und geschickt, er ist auch verdammt schlau.“

Das stimmt, dachte Paige.

Da er acht Jahre älter war, hatte ihr Bruder die Insel lange vor ihr verlassen. Er hatte beschlossen, sich als Landschaftsarchitekt selbstständig zu machen. Und das ausgerechnet in New York, mitten in der Stadt. Aber sein Plan war aufgegangen. Inzwischen war sein Geschäft sehr erfolgreich.

„Ich liebe unseren Dachgarten.“ Frankie beschleunigte ihren Schritt. „Paige, was ist eigentlich aus dem Auftrag in Midtown geworden? Du weißt schon, dieses große Projekt. Hat Matt das bekommen?“

„Soweit ich weiß, wartet er noch auf eine Entscheidung. Aber insgesamt läuft es für ihn wirklich sehr gut mit seinem Job.“

Und jetzt war sie an der Reihe.

Ihre Beförderung war der nächste Schritt in ihrem Lebensplan. Und hoffentlich auch der nächste Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Ihre Eltern und ihr Bruder mussten endlich damit aufhören, sich ständig Sorgen um sie zu machen und sie vor allen möglichen Gefahren beschützen zu wollen.

Was sie diesem verflixten Herzfehler zu verdanken hatte, mit dem sie geboren worden war. Ihre Jugend hatte aus einer langen Reihe von Krankenhausbesuchen bestanden. Statt mit anderen Kindern zu spielen, war sie stets von Ärzten umringt gewesen. Und natürlich von ihrer Familie, die sich tapfer bemüht hatte, die eigene Angst nicht zu zeigen. Trotzdem hatte sie es mitbekommen und es gehasst: diese Panik, die Hilflosigkeit. Das Gefühl, dem Schicksal und irgendwelchen wildfremden Menschen völlig ausgeliefert zu sein. An jenem Tag, als sie das Krankenhaus nach ihrer hoffentlich letzten Operation verlassen hatte, hatte sie sich daher geschworen, das zu ändern. Sie würde ihr Leben von jetzt ab selbst in die Hand nehmen. Zum Glück hatte sie bis auf einige Routineuntersuchungen wirklich keine ärztliche Hilfe mehr gebraucht. Inzwischen ging es ihr gut. Ihr war klar, dass sie eine der wenigen war, die trotz dieser Krankheit ein normales Leben führen konnten. Weshalb sie den festen Entschluss gefasst hatte, aus jedem Tag das Beste zu machen.

Um unabhängig zu werden, hatte sie von Puffin Island und ihren Eltern wegziehen müssen. Das schien der einzig mögliche Weg zu sein. Also hatte sie es getan.

Und hier war sie jetzt. Sie führte ihr eigenes Leben, und die Dinge liefen gut.

„Los! Wir müssen uns beeilen, sonst kommen wir noch zu spät“, holte Eva sie unsanft aus ihren Gedanken.

Frankie verzog das Gesicht. „Sie kann uns doch wohl kaum die große In-Ihrem-Vertrag-steht-nichts-von-Teilzeit-Rede halten, wenn wir gestern alle bis weit nach Mitternacht geschuftet haben.“

Paige musste gar nicht erst fragen, um wen es ging. Sie war Cynthia, die Event-Direktorin und der einzige Minuspunkt an diesem sonst so wunderbaren Job. Wobei Cynthia ein ziemlich dicker Minuspunkt war, das ließ sich leider nicht leugnen. Sie war ein Jahr nach Paige zu Star Events gekommen. Und kaum war sie zum ersten Mal durch die Agentur stolziert, hatte sich die komplette Atmosphäre verändert. Es war, als hätte jemand toxischen Abfall in einen klaren Bergbach gekippt. Sofort war die gesamte Umgebung vergiftet worden.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie die arme Matilda gefeuert hat. Hat eine von euch beiden etwas von ihr gehört?“

„Ich habe versucht, bei ihr anzurufen. Mehrmals sogar“, sagte Eva. „Aber sie geht nicht ans Telefon. Ehrlich gesagt mache ich mir ziemliche Sorgen. Sie hat mir irgendwann mal erzählt, dass ihre Familie kaum Geld hat und es schlimm für sie wäre, wenn sie ihren Job verlieren würde. Leider habe ich ihre Adresse nicht, sonst würde ich heute Abend gleich nach der Arbeit hinfahren.“

„Vielleicht können wir die Adresse noch irgendwie raus finden. Bis dahin wäre es auf jeden Fall gut, wenn du weiter versuchst, sie zu erreichen. Und ich werde heute noch mal versuchen, Cynthia umzustimmen.“

„Okay, dann machen wir es so. Diese verdammte Cynthia! Ich würde gerne mal wissen, was eigentlich ihr Problem ist. Sie ist die ganze Zeit total gereizt. Wenn sie ihren Job dermaßen hasst, warum kündigt sie nicht einfach? Das wäre doch für alle Beteiligten das Beste. Seit sie bei Star Events ist, habe ich ständig das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen, selbst wenn ich gar keinen Fehler gemacht habe. Sobald ich sie nur von Weitem sehe, habe ich sofort das Gefühl, dass gerade der weiße Hai auf mich zuschwimmt. Und ich bin nur eine dumme kleine Robbe, die sie gleich mit einem Happs verschlingen wird. Aber vielleicht geschieht ja doch noch ein Wunder, und sie kündigt demnächst.“

Paige schüttelte den Kopf. „Cynthia geht auf keinen Fall freiwillig. Das weiß ich genau. Ich muss ja leider direkt mit ihr zusammenarbeiten. Das ist auch einer der Gründe, warum ich unbedingt befördert werden möchte. Ich kann es kaum erwarten, meine eigenen Kunden zu haben. Dann muss ich nämlich nicht mehr jeden Tag bei Cynthia im Büro antanzen und mich wegen irgendwelcher Fehler rechtfertigen, die ich angeblich begangen habe.“

Mit einem eigenen Team und eigenen Kunden würde sie nicht nur mehr Abstand von Cynthia gewinnen. Sie würde zudem viele wichtige Erfahrungen sammeln. Und das wäre extrem hilfreich, wenn sie eines Tages eine eigene Event-Firma gründen würde, ihre eigene Chefin wäre und endlich die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen würde.

Natürlich war das bisher nur ein Traum. Von einer eigenen Event-Firma war sie noch meilenweit entfernt. Aber sie würde sich nicht damit begnügen, nur davon zu träumen.

Sie hatte einen Plan.

„Du wirst eine tolle Teamleiterin werden“, sagte Eva in ihrer üblichen großzügigen Art. „Seit du diese Feier für meinen achten Geburtstag organisiert hast, war mir klar, dass du es noch weit bringen wirst. Wobei es natürlich nicht allzu schwer sein dürfte, eine bessere Chefin als Cynthia zu sein. Vor ein paar Tagen hat irgendjemand in der Firma behauptet, dass sie erst zufrieden ist, wenn sie jeden Einzelnen von uns mindestens ein Mal zum Weinen gebracht hat.“ Eva machte eine Vollbremsung vor dem nächsten Schaufenster. Alle Gedanken an Haie und Robben schienen plötzlich vergessen zu sein. Sehnsüchtig betrachtete sie das Einkaufsnirwana, das sich vor ihr erstreckte. „Das Oberteil würde mir doch bestimmt gut stehen, oder?“

„Bestimmt. Aber leider würde es auf keinen Fall mehr in deinen Kleiderschrank passen.“ Paige zog ihre Freundin weiter. „Du musst erst etwas aussortieren, bevor du dir wieder neue Sachen kaufen kannst.“

Eva folgte ihr widerstrebend. „Was kann ich dafür, dass ich sehr schnell eine emotionale Bindung zu Kleidung und anderen Dingen aufbaue?“

Während Paige Evas linken Arm umfasst hielt, übernahm Frankie die rechte Seite, um eine erneute Schaufenster-Vollbremsung zu verhindern. „Sehr interessant“, sagte sie. „Das musst du mir mal erklären. Wie kann man denn eine emotionale Bindung zu irgendwelchen Klamotten aufbauen?“

„Ganz einfach. Wenn irgendetwas Schönes passiert, während ich eine bestimmte Bluse oder einen Rock trage, dann ziehe ich die Sachen wieder an, wenn ich einen Glücksbringer brauche. Als positive Verstärkung sozusagen. Heute zum Beispiel trage ich mein allerbestes Glücks-Shirt, um sicherzustellen, dass Paige eine Beförderung plus eine fette Gehaltserhöhung bekommt.“

„Warum soll ausgerechnet dieses Oberteil Glück bringen?“ „Weil mir sehr schöne Dinge passiert sind, als ich es das letzte Mal getragen habe.“

Frankie seufzte. „Ich will es gar nicht genauer wissen.“ „Gut, denn ich werde es dir auch nicht erzählen. Du musst ja nicht alles über mich wissen. Ich habe eine geheimnisvolle Seite.“ Eva drehte den Kopf und versuchte, einen Blick auf das nächste Schaufenster zu erhaschen. „Könnte ich vielleicht …?“

„Nein, könntest du nicht“, erklärte Paige streng. „Außerdem bist du nicht geheimnisvoll, Ev. Du bist wirklich alles, nur nicht das. Bei dir weiß man immer sofort, was du denkst. Du bist ein offenes Buch.“

„Besser als grausam oder gemein zu sein. Außerdem haben wir doch alle unsere eigenen, persönlichen Süchte. Bei Frankie sind es Blumen und bei dir rote Lippenstifte, Paige.“ Sie blickte auf. „Schöne Farbe übrigens. Der ist neu, oder?“

„Ja, sie heißt Summer Success.“

„Wie passend. Das könnte unser neues Motto werden: ‚Ein erfolgreicher Sommer.‘ Wir sollten heute Abend gleich damit anfangen. Lasst uns ausgehen! Oder denkst du, dass Cynthia dich zur Feier deiner Beförderung zum Essen einlädt?“

„Cynthia vermeidet jeden privaten Kontakt zu ihrem Team.“ Paige hatte unzählige Stunden damit verbracht, ihre Chefin zu verstehen. „In all der Zeit habe ich noch kein einziges Mal mitbekommen, dass sie über jemanden gesprochen hätte, der nichts mit der Arbeit zu tun hat.“

„Glaubst du, sie hat ein Liebesleben?“

„Niemand von uns hat ein Liebesleben. Das ist Manhattan.

Da sind alle viel zu sehr beschäftigt, um noch Zeit für Sex zu haben.“

„Alle außer meiner Mutter“, murmelte Frankie bitter.

„Und Jake“, versuchte Eva schnell, das Thema in eine andere Richtung zu lenken. „Er war neulich auf dem Event für Adams Construction. Der heißeste Typ im ganzen Raum. Noch dazu ist er ziemlich intelligent. Jake ist jemand, der sich bestimmt nicht über mangelnde Streicheleinheiten beklagen muss. Kein Wunder, bei dem Aussehen. Ich kann gut verstehen, warum du als Teenager so verrückt nach ihm warst, Paige.“

Paige fühlte sich, als hätte ihr gerade jemand einen Schlag in den Magen versetzt. „Das ist lange her.“

Jake und sein Liebesleben sollten ihr inzwischen gleichgültig sein. Sollten.

„Die erste Liebe ist ein sehr einprägsames Erlebnis“, sagte Eva. „Das Gefühl vergisst man nie.“

„Das gilt auch für den ersten Liebeskummer. Dieses Gefühl vergisst man auch nie. Und sowieso: Ich war damals noch ein Teenager. Also kannst du jetzt damit aufhören, mich so anzusehen.“

Die ganze Angelegenheit war nicht einfach. Manchmal wünschte sie sich, Jake Romano wäre nicht der beste Freund ihres Bruders.

Wenn er einfach irgendein Junge aus ihrer Highschool gewesen wäre, hätte sie alles längst hinter sich lassen können, darüber gelacht und es einfach vergessen, anstatt diese verflixte Geschichte immer noch hinter sich herzuschleppen wie ein Gefangener, dem eine Eisenkugel ans Bein gekettet wurde.

Selbst jetzt, viele Jahre später, zuckte sie immer noch bei dem Gedanken daran zusammen, was sie zu Jake gesagt hatte. Schlimmer noch: was sie getan hatte.

Unter anderem in unbekleidetem Zustand.

Bei der Erinnerung wäre sie am liebsten im Boden versunken.

Dachte Jake manchmal daran? Sie jedenfalls tat es. Leider viel zu häufig.

Evas Stimme holte sie zurück aus ihren Gedanken.

„Ich wette, er steht bei einer Menge Frauen ganz oben auf dieser Liste der Dinge, die sie unbedingt noch erleben wollen.“

Frankie schüttelte ungläubig den Kopf. „Wenn Leute solche Listen machen, dann geht es um unvergessliche Erlebnisse. Zum Beispiel solche Sachen wie eine Reise zum Machu Picchu oder einen Fallschirmsprung, Ev.“

„Ich wette, ein Kuss von Jake Romano ist ein ziemlich unvergessliches Erlebnis. Besser als ein Fallschirmsprung. Aber ich bin da vielleicht voreingenommen, weil ich unter Höhenangst leide.“

Paige zwang sich, ganz normal weiterzugehen.

Sie würde es nie rausfinden.

Selbst nachdem sie sich ihm in die Arme geworfen hatte, war Jake nicht einmal ansatzweise in Versuchung geraten, sie zu küssen.

Sie hatte davon geträumt, ein wildes Verlangen in ihm zu entfachen. Stattdessen hatte er sie sanft, aber bestimmt ein Stück zurückgeschoben. Um sich dann ebenso lässig von den letzten klammernden Gliedmaßen zu befreien, als würde er ein paar Blätter zur Seite wischen, die der Wind ihm entgegengeweht hatte. Zack und weg. Ganz einfach, ganz leicht.

Am schlimmsten war seine Freundlichkeit gewesen. Die größte Demütigung von allen. Er hatte nicht gegen seine Lust gekämpft, er hatte gegen sie gekämpft. Auch wenn er versucht hatte, das zu überspielen.

Es war das erste Mal gewesen, dass sie „Ich liebe dich“ zu einem Mann gesagt hatte. Und auch das einzige Mal. Sie war sich absolut sicher gewesen, was Jakes Gefühle für sie betraf. Weshalb ihr Irrtum sie umso härter getroffen hatte. Was Männer anging, vertraute sie ihren Instinkten seitdem nicht mehr.

Sie war eine Frau, die sehr, sehr gut auf ihr Herz aufpasste. Sie trieb Sport, aß jeden Tag fünf Portionen Obst und Gemüse. Und ansonsten konzentrierte sie sich auf die Arbeit. Was sowieso viel spannender war, als die wenigen Beziehungen, die sie bisher gehabt hatte.

Vor ihr tauchte ein bekanntes Gebäude auf, und sie blieb stehen. Star Events. Nun war es also so weit. Sie atmete tief durch. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, waren irgendwelche Gedanken an Jake Romano – vor dem wichtigsten Meeting ihres gesamten Arbeitslebens. Denn leider führten Gedanken an diesen Mann gerne mal zu weichen Knien und einem ebenso weichen Hirn, das sie sich heute definitiv nicht leisten konnte.

Eva und Frankie waren neben ihr stehen geblieben. „Da wären wir“, sagte Paige. „Kein Gelächter mehr und kein Gekicher. In dieser Firma sieht man nicht gerne, dass irgendein Mitarbeiter Spaß hat.“

Prompt fingen die beiden an zu kichern. Doch das endete abrupt, als sie die Tür öffneten und sich Cynthia gegenübersahen.

Die Event-Direktorin erwartete sie am Empfang.

Paige zuckte irritiert zusammen.

Es musste doch möglich sein, dass diese Frau wenigstens ein Mal lächelte. War das denn so schwierig – noch dazu an einem Tag wie heute?

Zumindest würde sie sich um Cynthias Launen bald nicht länger kümmern müssen. Und sowieso – trotz ihrer chronisch schlecht gelaunten Chefin war das hier ihr Traumjob. Sie liebte ihre Arbeit. Es war jedes Mal wieder eine Herausforderung, sämtliche Details im Blick zu behalten und ein Event für den Kunden zu etwas ganz Besonderem zu machen. Denn darauf kam es an – jedenfalls ihrer Meinung nach: dass der Kunde am Ende glücklich war. Bereits als Kind hatte sie es geliebt, Partys für ihre Freundinnen zu organisieren. Und jetzt war daraus ihr Job geworden. Ein Job, der innerhalb der nächsten Stunden um einiges größer und verantwortungsvoller werden würde.

Der Gedanke an die neue Verantwortung machte sie nervös. Gleichzeitig wusste sie, dass sie bereit für diesen Schritt war. Sie spürte, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete, während sie schwungvoll den Empfangsraum durchquerte.

Senior-Event-Managerin.

In den letzten Wochen hatte sie sich alles genau überlegt.

Ihr Team würde hart arbeiten. Aber nicht weil ihre Mitarbeiter Angst vor Zurechtweisungen hatten, ganz im Gegenteil: Ihre Leute würden Spaß an der Arbeit haben. Dafür würde sie sorgen. Und als Allererstes würde sie einen Weg finden, wie sie der armen Matilda wieder einen Job verschaffen konnte.

Sie blieb vor Cynthia stehen. „Guten Morgen!“

„Soweit ich weiß, steht in Ihrem Vertrag nichts von einer Teilzeitstelle.“

Keine Begrüßung, kein freundliches Wort. Paige spürte, wie all ihre Vorfreude sich in Luft auflöste.

„Das Event für die Lebensversicherung hat gestern noch ziemlich lange gedauert. Die letzten Gäste sind bis weit nach Mitternacht geblieben. Und heute Morgen waren die U-Bahnen total überfüllt. Also dachten wir …“

„Also dachten Sie, dass Sie die Situation ausnützen können.“ Cynthia warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Dabei wusste sie haargenau, wie spät es war. „Sie kommen jetzt bitte sofort mit in mein Büro, damit wir diese ganze Angelegenheit schnellstmöglich klären können.“

Ungläubig sah Paige sie an. Die ganze Angelegenheit schnellstmöglich klären? So nannte es Cynthia also, wenn sie jemanden beförderte?

Neben ihr versuchten Eva und Frankie, sich möglichst unauffällig aus dem Staub zu machen. Paige konnte noch hören, wie Eva leise die Titelmelodie aus „Der weiße Hai“ pfiff.

Plötzlich war ihre gute Laune zurück.

Eva und Frankie immer in ihrer Nähe zu wissen war einer der großen Vorteile an ihrem Job.

Während sie Cynthia in Richtung Büro folgte, kam sie an Alice vorbei, die seit einigen Monaten als Junior-Account-Managerin bei Star Events arbeitete.

Überrascht registrierte Paige die geröteten Augen des Mädchens und blieb stehen.

„Alice? Was ist los? Geht es dir …“

Aber Alice lief wortlos an ihr vorbei. Paige nahm sich vor, später noch einmal bei ihr vorbeizugehen und mit ihr zu sprechen. Irgendetwas musste passiert sein.

Vielleicht ein Problem mit ihrem Freund?

Oder irgendetwas bei der Arbeit?

Sie wusste, dass vor allem die jüngeren Mitarbeiter von Star Events noch immer völlig schockiert darüber waren, dass Cynthia Matilda gefeuert hatte. Wegen eines simplen Missgeschicks. Ein Tablett voller Champagnergläser, ein kurzes Stolpern – und schon war Matilda ihren Job los gewesen. Seitdem ging in der Firma die Angst um. Heimlich fragte sich jeder, wen es als Nächsten treffen würde.

Paige folgte ihrer Chefin ins Büro und schloss die Tür hinter sich.

Zum Glück würde sie bald ein eigenes Team haben. Dann konnte sie Cynthia und diesen ganzen Wahnsinn endlich vergessen. Statt Angst zu verbreiten, würde sie ihre Mitarbeiter fair behandeln, damit sie gern zur Arbeit kamen. Ja, genau das würde sie tun. Aber zunächst würde sie den Moment genießen, auf den sie so lange so hart hingearbeitet hatte.

Bitte lass es eine ordentliche Gehaltserhöhung sein!

Eva hatte völlig recht. Nachher mussten sie feiern gehen.

Erst mal etwas trinken, das kühl war und prickelte. Und dann vielleicht tanzen. Sie waren schon ewig nicht mehr tanzen gegangen.

Cynthia griff nach einem Ordner und schlug ihn auf. „Also, Paige: Wie Sie wissen, ist es wichtig, dass Star Event effizient arbeitet. Wir brauchen engagierte Mitarbeiter, müssen dabei aber sehr genau auf die Kosten achten. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, befinden wir uns in einem hart umkämpften Markt.“

„Ja, das weiß ich. Und ich habe mir auch schon einige Gedanken zu dem Thema gemacht.“ Paige griff nach ihrer Tasche, aber Cynthia schüttelte den Kopf und hob die Hand.

„Sie müssen gehen, Paige.“

„Gehen? Wohin denn?“ Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Der Gedanke, dass ihre Beförderung einen Ortswechsel mit sich bringen könnte, war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen. Paige schluckte. Star Events hatte nur eine einzige Filiale. Und die befand sich in Los Angeles, auf der anderen Seite des Landes. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Sie liebte New York City, liebte es, hier zu leben und jeden Tag zusammen mit ihren Freundinnen verbringen zu können. „Ich dachte, ich könnte hierbleiben. In Los Angeles zu leben wäre eine große Umstellung für mich.“ Obwohl sie vermutlich auch bereit sein musste, sich auf eine neue Situation einzulassen, wenn sie eine Beförderung wollte. Vielleicht sollte sie um etwas Bedenkzeit bitten. Das wäre doch verständlich, unter den Umständen, oder etwa nicht?

Cynthia blätterte eine Seite in dem Ordner um. „Wie kommen Sie darauf, dass Sie nach Los Angeles ziehen sollen, Paige?“

„Sie haben doch gesagt, dass ich gehen soll.“

„Richtig. Star Events muss sich leider von Ihnen trennen.“ Paige starrte ihre Chefin an. „Wie bitte?“

„Wir verkleinern uns, um Personalkosten zu sparen.“ Cynthia blätterte weiter in ihrem Ordner und vermied es geflissentlich, Paige anzusehen. „Um es ganz direkt zu sagen: Unsere Auftragslage fällt. Das betrifft alle Event-Firmen. Überall werden jetzt Mitarbeiter gehen müssen.“ Gekündigt.

Sie wurde nicht befördert und auch nicht nach Los Angeles geschickt.

Sie musste gehen.

Plötzlich war da dieses Rauschen in ihren Ohren. „Aber“, brachte Paige mühsam hervor, „ich habe in den letzten sechs Monaten acht neue Klienten an Land gezogen. Dadurch konnte die Firma den Umsatz steigern. Außerdem …“

„Wir haben Adams Construction als Klienten verloren.“ „Was?“, fragte Paige schockiert.

Chase Adams war der Eigentümer der größten und erfolgreichsten Baufirma in Manhattan. Außerdem war er einer der wichtigsten Kunden von Star Events. So wichtig, dass bei einem Event für ihn nichts – aber auch gar nichts – schiefgehen durfte. Deshalb war die arme Matilda ja gefeuert worden. Weil sie in Cynthias Augen den unverzeihlichen Fehler begangen hatte, ausgerechnet auf einer Veranstaltung für Chase Adams mit ihrem Tablett voller Champagnergläser zu stolpern.

So war das eben mit dem Karma: Erst hatte Cynthia dafür gesorgt, dass Matilda ihren Job verlor. Und kurz darauf hatte Cynthia selbst einen der wichtigsten Kunden verloren.

Dumm nur, dass sie diejenige war, die jetzt den Preis für diese kosmische Gerechtigkeit zahlen musste.

„Leider fehlten mir die Argumente, um Chase davon zu überzeugen, bei uns zu bleiben“, fuhr Cynthia fort. „Dafür hat dieses Mädchen gesorgt. Wie kann man nur so unachtsam sein!“

„Chase Adams hat sich von uns getrennt, weil Matilda gestolpert ist? Das war seine Begründung? Eine einzige Panne, und schon wechselt er die Agentur?“

„Nun“, entgegnete Cynthia kühl. „Ein umgestoßenes Glas könnte man vielleicht noch als Panne bezeichnen. Aber ein ganzes Tablett? Das ist keine Panne mehr, sondern die reinste Katastrophe. Chase hat darauf bestanden, dass das Mädchen verschwindet. Natürlich habe ich versucht, ihn noch umzustimmen. Aber darauf hat er sich nicht eingelassen. Dem Mann gehört halb Manhattan. Er ist einer der mächtigsten Männer der Stadt.“

„Und trotzdem hatte er es nötig, Matildas Existenz zu zerstören?“ Paige spürte, wie sie so langsam richtig wütend wurde. Sie presste die Lippen zusammen, damit ihr kein falsches Wort entschlüpfte. Matilda traf gewiss keine Schuld.

„Wie auch immer. Das ist vorbei. Selbstverständlich werden wir Ihnen sehr gute Referenzen für Ihren nächsten Job ausstellen.“

Für den nächsten Job?

Das hier war der Job, den sie wollte. Es war der Job, den sie liebte und für den sie alles gegeben hatte.

Ihr Mund war so trocken, dass es ihr schwerfiel, überhaupt ein Wort hervorzubringen. Gleichzeitig konnte sie spüren, wie ihr Herz gegen den Brustkorb hämmerte und sie unbarmherzig daran erinnerte, wie leicht ein Leben zu zerstören war. Heute Morgen hatte sie das Gefühl gehabt, sie würde die Welt in ihren Händen halten. Und jetzt drohte ihr die Kontrolle über ihr Leben zu entgleiten.

Es war dieses vertraute Gefühl: Andere Menschen entschieden über ihre Zukunft. Hinter geschlossenen Türen hatten Gespräche stattgefunden, von denen sie nichts wusste. Und wenn ihr schließlich irgendwann das Ergebnis mitgeteilt wurde, erwarteten alle von ihr, dass sie vernünftig reagierte und sich in ihr Schicksal fügte, ohne aufzubegehren oder durchzudrehen.

Bisher hatte sie das auch immer getan. Inzwischen war sie schon Expertin darin. Wie ein Computer, der automatisch in den Schlafmodus schaltete.

Ja, sie hatte gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Und jetzt würde sie es wieder einmal tun müssen.

Bleib professionell, Paige!

„Cynthia, Sie haben gesagt, dass ich befördert werde, wenn ich meine Zielvorgabe erreiche. Und das habe ich getan. Ich habe die Vorgabe sogar übertroffen.“

„Das ist mir bewusst. Aber die Situation hat sich geändert. Wie jede andere Firma auch muss Star Event wirtschaftlich denken. Es ist wichtig, dass wir flexibel bleiben und sofort auf eine veränderte Marktlage reagieren können. Und das betrifft nicht nur Sie, Paige.“

„Also gibt es noch mehr Kündigungen? Wie viele Leute werden entlassen? Ist das der Grund, warum Alice geweint hat?“ Paige holte tief Luft. Wen würde es außer ihr noch treffen? Vielleicht auch Frankie und Eva?

Eva hatte keine Familie, die sie unterstützen konnte. Und Paige wusste, dass Frankie lieber verhungern würde, als ihre Mutter um Geld zu bitten.

„Ich werde hier keine Personalentscheidungen mit Ihnen besprechen.“

Paige saß still da, während in ihrem Inneren die Gefühle tobten. Das Rauschen in ihren Ohren schien noch lauter geworden zu sein, und ihr war schwindelig.

Sie hatte ihren Chefs vertraut – all den Versprechen von einer Weiterentwicklung, einer Karriere, einem eigenen Aufgabenbereich. Die Firma hatte viel von ihr verlangt, und sie hatte es geliefert. Unermüdlich hatte sie gearbeitet, Überstunden angehäuft und ihre Zukunft vertrauensvoll in die Hände dieser Leute gelegt. Und so wurde ihr Vertrauen also belohnt? Noch nicht mal einen Hinweis hatten sie ihr gegeben.

„Star Events profitiert von meiner Arbeit. Ich kann Ihnen die Zahlen zeigen, die das belegen.“

„Wir sind ein Team, Paige. Unsere Erfolge haben wir der gemeinsamen Arbeit zu verdanken“, entgegnete Cynthia kalt. „Sie haben die Tendenz, viel zu nachgiebig zu Ihren Mitarbeitern zu sein. Im Job geht es nicht um Freundschaften, das müssen Sie noch lernen. Auch bei den Kunden hätte ich mir gewünscht, dass Sie deutlicher Nein sagen. Diese Episode, als Sie während einer Party den Anzug eines Klienten in die Reinigung brachten, ist mir noch gut in Erinnerung. Das war nicht nur übereifrig, das war schon peinlich. Davon abgesehen bin ich mit Ihrer Leistung sehr zufrieden. Aber darum geht es hier nicht.“

Es war dumm, auf diesen Punkt einzugehen. Trotzdem konnte sie es nicht lassen. „Ich habe seinen Anzug zur Schnellreinigung gebracht, weil der Mann aus Versehen einen Drink verschüttet hat. Und zwar ausgerechnet an einem Abend, an dem er bei seinem Chef einen möglichst guten Eindruck hinterlassen musste. Nachdem der Mann befördert wurde, hat er uns prompt einen großen Auftrag verschafft. Und was meinen Umgang mit den anderen Mitarbeitern angeht: Ich finde es wichtig, auf das Team einzugehen. Dadurch ist die Stimmung bei der Arbeit viel besser.“

Von diesem Konzept hatte Cynthia vermutlich noch nie gehört.

Wenn sie ihre Chefin ansah, dann hatte sie das Gefühl, auf eine verschlossene Tür zu blicken. Nichts, was sie sagte oder tat, würde diese Tür jemals öffnen. Sie verschwendete nur ihre Zeit, wenn sie es weiter versuchte.

Zeit, die sie jetzt dringend für andere Dinge brauchte. Um nämlich den Tatsachen ins Auge zu sehen und sich zu überlegen, was sie tun sollte. Sie war nicht befördert worden und hatte auch keine Gehaltserhöhung bekommen. Stattdessen war sie nun arbeitslos.

Letzten Endes würde ihr wohl gar nichts anderes übrig bleiben, als ihre Familie um Hilfe zu bitten. Was natürlich dazu führen würde, dass ihre Eltern und ihr Bruder sich mal wieder schreckliche Sorgen um sie machten. Der Beschützerinstinkt ihrer Familie würde einsetzen, und sie würden jeden ihrer Schritte ängstlich verfolgen.

Genau das hatte sie vermeiden wollen.

Paige spürte, wie ihr Herz pochte. Automatisch hob sie die Hand und legte sie an ihre Brust. Durch den Stoff der Bluse hindurch konnte sie den Gegenstand spüren, der darunter verborgen war: das kleine silberne Herz. Mit der Fingerspitze strich sie den Kettenanhänger entlang.

Plötzlich stand ihr wieder dieser Moment vor Augen, damals, im Krankenhaus: Sie war siebzehn Jahre alt, umgeben von Karten mit Genesungswünschen und bunten Luftballons, die ihre Angst vor der bevorstehenden Operation nicht lindern konnten. Sie lag reglos da, während sich in ihrem Kopf ein Horrorszenario nach dem anderen abspielte, als sich auf einmal die Tür öffnete und ein Arzt hereinkam. Er trug den üblichen weißen Kittel und hatte ein Clipboard in der Hand.

Unwillkürlich hielt sie die Luft an, während sie sich bereit machte für weitere Tests, weitere Schmerzen und Hiobsbotschaften. Doch seltsamerweise kam ihr der Arzt bekannt vor. Und dann erkannte sie Jake.

„Sie wollten mich außerhalb der Besuchszeiten nicht reinlassen“, erklärte er. „Also musste ich mir etwas einfallen lassen, um diese idiotische Regel zu umgehen. Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Dr. Romano.“ Er grinste und schloss die Tür hinter sich. „Zeit für Ihre Medizin, Miss Walker“, verkündete er dann. „Und wehe, Sie fangen jetzt an zu kreischen. Dann wäre ich nämlich gezwungen, Ihr Gehirn zu entfernen und es einer wissenschaftlichen Einrichtung zu spenden.“

Jake schaffte es immer, sie zum Lachen zu bringen. Und nicht nur das. Sie hatte es schon öfter bemerkt: Sobald er auftauchte, spielten sich irgendwelche merkwürdigen Dinge in ihr ab. Dinge, die sie jetzt zum Beispiel wünschen ließen, sie würde nicht dieses schlabbrige Nachthemd mit einer Comicfigur auf der Vorderseite tragen, sondern etwas, das viel schlichter war. Schwarz, eng und höllisch sexy.

„Werden Sie meine Operation durchführen, Dr. Romano?“, fragte sie.

„Ehrlich gesagt kann ich den Anblick von Blut nicht so gut ertragen. Außerdem bin ich nicht sicher, ob ich einen Hintern von einem Hirn unterscheiden kann – jedenfalls nicht unter diesen Umständen. Also, nein. Aber dafür habe ich dir etwas mitgebracht.“ Er steckte die Hand in die Tasche seiner Jeans und zog eine Schachtel hervor. Ein Schmucketui. „Beeil dich mit dem Aufmachen. Vermutlich werde ich gleich verhaftet.“

Einen Augenblick lang überkam Paige der verrückte Gedanke, dass sich in dem Etui ein Verlobungsring befinden könnte. Prompt setzte ihr Herz – dieses verdammte schwächliche Ding – für einen Schlag aus.

„Was ist das?“ Mit zitternden Händen öffnete sie die Schachtel. Und da, auf einem Bett aus mitternachtsblauer Seide, lag eine schmale Kette mit einem wunderschönen Silberherz daran. „Oh, Jake …“

Sie drehte den Anhänger um. Auf der Rückseite waren drei Worte eingraviert.

Ein starkes Herz.

Sie blickte auf und sah, wie er sie beobachtete. „Ich dachte, deins könnte vielleicht ein wenig Unterstützung gebrauchen“, erklärte er lässig. „Trag es, Sweetheart. Und wenn du Angst bekommst, denk einfach daran, dass dein Herz jetzt ein zweites als Verstärkung dazubekommen hat.“

Okay, dachte sie. Kein Verlobungsring. Aber Jake hatte sie gerade „Sweetheart“ genannt. Und er hatte ihr eine Kette geschenkt.

Das musste doch etwas zu bedeuten haben, oder?

Prompt vergaß sie die bevorstehende Operation. Alles, woran sie noch dachte, war Jake. Als es dann schließlich so weit war, dass die Schwestern kamen, um sie in den OP zu bringen, hatte sie ihre gemeinsame Zukunft bis ins kleinste Detail geplant. Selbst die perfekten Namen für ihre Kinder hatte sie bereits gefunden.

Die Ärzte mussten ihr den Anhänger fast aus den Händen reißen, so fest hielt sie ihn umklammert. Und als sie einige Zeit später in ihrem Krankenhauszimmer erwachte, nahm sie als Erstes die Kette vom Nachttisch und legte sie um.

Ein starkes Herz.

Sie trug das silberne Herz immer in schwierigen Situationen und wenn sie sich Mut machen wollte. Also auch heute.

Paige schob den Stuhl zurück und stand auf. Ihr Körper hatte auf Autopilot geschaltet, während ihre Gedanken längst anderweitig beschäftigt waren: Sie musste sich einen neuen Job suchen.

„Wenn Sie dann bitte noch Ihren Arbeitsplatz aufräumen und Ihre persönlichen Dinge zusammenpacken würden“, sagte Cynthia. „Selbstverständlich werden Sie eine Abfindung erhalten. Die genaue Höhe können Sie dem Aufhebungsvertrag entnehmen.“

Abfindung.

Wenn „Beförderung“ ihr Lieblingswort war, dann war „Abfindung“ definitiv das Wort, das sie am meisten hasste. Es erinnerte sie an ihre Krankheit, an diese Sprüche, die sie wieder und wieder zu hören bekommen hatte: Du musst jetzt tapfer sein und dich mit den Tatsachen abfinden. Sei stark. Mach das Beste daraus. Obwohl es zunächst freundlich klang, war „Abfindung“ ein grausames Wort – gnadenlos und scharf wie ein Skalpell. Der einzige Unterschied zu damals bestand darin, dass dieses Mal nicht ihr Körper auseinandergenommen wurde, sondern ihre Hoffnungen und Träume. Hier war die Karriereleiter zu Ende. Das war es wohl mit ihren Plänen von einer eigenen Firma.

Sie drehte sich wortlos um, marschierte aus Cynthias Büro und schloss dann die Tür hinter sich.

Sobald sie draußen war, ergriff sie eine Panikwelle. Wenn sie das geahnt hätte, hätte sie sich heute Morgen nicht diesen völlig überteuerten Kaffee gekauft. Und auch auf den neuen Lippenstift hätte sie verzichtet, schließlich hatte sie schon so viele. Wie erstarrt stand sie da und ging in Gedanken die Dinge durch, die sie sich im letzten Jahr geleistet hatte. Jetzt bereute sie jeden Cent, den sie leichtfertig ausgegeben hatte. Denn – ja – sie hatte sich irgendwann in der dunkelsten Phase ihres Lebens geschworen, in Zukunft jede Sekunde zu genießen. Aber da hatte sie auch nicht gewusst, dass sie eines Tages ohne Job dastehen würde.

Sie holte tief Luft und ging dann den Flur entlang in Richtung der nächstbesten Toilette. Es war merkwürdig still in der Firma. Das einzige Geräusch, das sie hören konnte, war das Klackern ihrer eigenen Absätze.

Noch vor einer Stunde hatte sie erwartungsvoll in die Zukunft geblickt. Sie hatte sich gefreut auf all das, was da kommen würde.

Jetzt war sie arbeitslos.

Und vermutlich bald pleite.

Paige schloss die Tür. Sie blickte sich in dem engen, weiß gekachelten Raum um, der von grellem Neonlicht erleuchtet wurde. Und dann verlor sie zum ersten Mal seit langer Zeit die Beherrschung.

Jake Romano hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt. Er saß in seinem Büro mit der riesigen Fensterfront, die einen fantastischen Ausblick über ganz Manhattan bot. Während er dem Mann am anderen Ende der Telefonleitung mit halbem Ohr zuhörte, beobachtete er aus dem Augenwinkel die Reporterin, die mit gezücktem Bleistift vor ihm saß.

Unruhig rutschte die Journalistin auf ihrem Stuhl umher. Sie war jung, blond und versuchte nun schon zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit, möglichst unauffällig auf ihre Uhr zu schauen. Normalerweise gab Jake keine Interviews. Doch der Frau war es irgendwie gelungen, seine Assistentin von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Was ein gewisses Maß an Kreativität und Entschlossenheit bewies. Beides waren Eigenschaften, die Jake schätzte. Also hatte er sich entschlossen, der Reporterin eine Chance zu geben.

Inzwischen bereute er diesen Entschluss. Und da war er schätzungsweise nicht der Einzige. Seit Beginn ihres Interviews waren sie drei Mal unterbrochen worden. Jede dieser Störungen hatte dazu geführt, dass die junge Journalistin noch etwas frustrierter wirkte.

In Anbetracht der Tatsache, dass ihre Interviewfragen bereits nach kurzer Zeit ziemlich dreist auf sein Privatleben abgezielt hatten, war eine gewisse Strafe hier durchaus angebracht. Genau, er würde die Frau noch ein wenig schmoren lassen und sich auf seinen Anruf konzentrieren.

Nachdem er eine Zeit lang schweigend zugehört hatte, unterbrach er schließlich den unablässigen Redefluss, der aus dem Hörer quoll. „Nein, das sehe ich nicht so. Wenn es nur um eine Neugestaltung der Homepage geht, ist ein Content-Stratege überflüssig. Für so ein simples Projekt reicht es völlig aus, den Inhalt der Seite von einem guten Werbetexter überarbeiten zu lassen.“

Die Reporterin seufzte leise und senkte den Kopf, um mit gerunzelter Stirn auf ihre Notizen zu starren. Innerlich schloss Jake schon Wetten mit sich selbst ab, wie lange sie noch durchhalten würde, bevor sie endgültig die Geduld verlor.

Er schwang die Beine vom Tisch und entschied sich, den Anruf zu beenden. „Mir ist klar, dass Sie ein vielbeschäftigter Mann sind. Daher werde ich Sie an diesem Punkt jetzt unterbrechen. Ich verstehe, dass Sie sich eine Homepage wünschen, die ein schönes Design hat. Aber das schönste Design nützt gar nichts, wenn der Inhalt beschissen ist. Verzeihen Sie die Wortwahl, aber da unterscheidet sich der Online-Handel nicht von anderen Geschäftsmodellen. Theorie ist das eine. Doch um die wirklichen Probleme zu lösen, muss man sich die praktische Seite ansehen. Und wo wir gerade bei Problemen sind: Ich werde über Ihres nachdenken und mich dann wieder bei Ihnen melden. Falls ich zu der Entscheidung kommen sollte, dass wir hier die richtigen Leute für diesen Job sind, werde ich mit Ihrem Team sprechen. Keine Sorge. Wir machen so etwas nicht zum ersten Mal. Okay, Sie hören von mir.“ Er legte den Hörer auf. „Tut mir leid“, sagte er und wandte sich der Journalistin zu.

Sie hob den Kopf. Ihr Lächeln war ebenso unaufrichtig wie seine Entschuldigung. „Kein Problem. Sie sind ein Mensch, den man nur schwer zu fassen bekommt. Das war mir schon klar. Immerhin habe ich ein Jahr lang versucht, einen Interviewtermin mit Ihnen zu vereinbaren.“

„Und heute hat es geklappt. Sind wir durch mit den Fragen?“

„Ich hätte da noch ein oder zwei Dinge, die ich gerne wissen würde.“ Sie machte eine Pause, als müsse sie kurz nachdenken. „Wir haben über Ihre Firma gesprochen, über Ihre geschäftlichen Ziele und Ihr soziales Engagement. Das war äußerst interessant. Zudem würde ich unseren Lesern aber gerne noch etwas mehr über den Menschen berichten, der hinter diesem erfolgreichen Unternehmen steht. Sie wurden in einem Teil von Brooklyn geboren, der gemeinhin als sozialer Brennpunkt gilt. Im Alter von sechs Jahren hat Ihr Leben sich dann völlig verändert. Denn Sie wurden adoptiert.“

Jake erwiderte einfach nur ihren Blick, ohne irgendetwas zu sagen.

Nach einem Moment begann sie, erneut auf ihrem Stuhl herumzurutschen. „Tut mir leid. Ich, äh, habe Ihre Antwort gar nicht gehört.“

„Und ich habe keine Frage gehört.“

Sie errötete. „Treffen Sie sich manchmal mit Ihrer Mutter?“ „Ständig. Meine Mutter hat eines der besten italienischen Restaurants hier in der Stadt. Sie sollten es bei Gelegenheit mal ausprobieren.“

„Sie sprechen vermutlich von Ihrer Adoptivmutter.“ Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Notizen. „Maria Romano. Ich meinte aber Ihre richtige Mutter.“

„Maria ist meine richtige Mutter.“

Spätestens jetzt wären alle Menschen, die Jake kannten, schleunigst in Deckung gegangen, doch die Reporterin schaute ihn weiter aus großen Augen abwartend an. Wie eine Gazelle, die viel zu spät begreift, dass dieses unbekannte Tier, das sich ihr nähert, zum oberen Ende der Nahrungskette gehört. „Also haben Sie keinen Kontakt mehr zu Ihrer leiblichen Mutter? Ich frage mich, wie sich das anfühlt: den eigenen Sohn wegzugeben und später zu hören, dass er ein sehr erfolgreicher Unternehmer geworden ist, der eine millionenschwere Firma besitzt.“

„Tun Sie sich keinen Zwang an: Stellen Sie ihr diese Frage doch einfach selbst.“ Er stand auf. „Und was uns beide betrifft: Die Zeit ist um.“

„Aber wir haben ja noch nicht mal …“, stammelte die Reporterin und sah auf ihren halb leeren Block. „Warum wollen Sie denn nicht über die Vergangenheit sprechen?“

„Die Vergangenheit ist Geschichte. Und ich persönlich fand Mathe schon immer wesentlich interessanter“, entgegnete Jake kühl. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden? Da warten einige Klienten auf mich. Zahlende Klienten.“

„Ja, natürlich.“ Die Journalistin warf ihm einen Blick zu und steckte dann eilig den Block zurück in die Tasche. „Wenn ich noch kurz etwas sagen darf: Unsere Leser bewundern Sie, Jake. Wir alle tun das. Sie sind ein Vorbild für sehr viele Menschen. Weil Sie es trotz einer schweren Kindheit geschafft haben, unglaublich erfolgreich zu werden.“

Nicht trotz, dachte Jake, sondern wegen.

Er schloss die Tür hinter der Reporterin und ging dann hinüber zu den Glasfenstern, die zwei komplette Wände des Eckbüros einnahmen. Reglos stand er da, während unter seinen Füßen Manhattan im Sonnenlicht funkelte wie der berühmte Goldschatz von König Midas.

Das hier war gar nicht mal so schlecht für einen Jungen aus dem falschen Teil von Brooklyn. Für einen Junge, der es nie zu etwas bringen würde.

Wenn er gewollt hätte, hätte er der Reporterin eine Geschichte erzählen können, die das Zeug zum Leitartikel gehabt hätte. Vielleicht hätte es sogar für eine Pulitzer-Nominierung gereicht.

Er war aufgewachsen mit Blick auf die verheißungsvoll glitzernden Hochhäuser von Manhattan. Nur hatte er sie dummerweise von der anderen Seite des Wassers aus betrachten müssen. Von der falschen Seite. Aber genau das hatte er getan. Er hatte das Gekläff der Hunde ausgeblendet, das Gehupe auf den Straßen, die ewig schreienden, streitenden Nachbarn. Und dann hatte er sehnsüchtig hinübergeblickt – auf dieses ganz andere Leben. Dort drüben, auf der gegenüberliegenden Seite des East Rivers, waren nicht nur die Häuser groß, sondern auch die Möglichkeiten. Wer etwas aus seinem Leben machen wollte, bekam dort die Chance dazu.

Manhattan war ihm ebenso unerreichbar wie Alaska vorgekommen. Was Jake nicht daran gehindert hatte, hinüberzustarren. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Und während seine minderjährige Mutter von einem Aushilfsjob zum nächsten raste, um sie irgendwie zu ernähren, war er ganz auf sich allein gestellt gewesen.

Ich liebe dich, Jake. Zusammen sind wir stark.

Während die Erinnerungen auf ihn einströmten, stand er reglos da, den Blick noch immer auf die sich kreuzenden Straßen unter sich gerichtet.

Seine Mutter. Es war lange her, dass irgendjemand sie erwähnt hatte. Und auch die Nacht war lange her, in der er auf den Stufen zu dem heruntergekommenen Apartment gesessen und gewartet hatte.

Was wäre passiert, wenn Maria ihn nicht zu sich genommen hätte?

Er wandte sich vom Fenster ab. Sein Blick fiel auf den Computer, der auf dem großen Schreibtisch stand.

Es war Maria gewesen, die ihm damals seinen ersten Computer geschenkt hatte. Ein uraltes, sperriges Ding, das irgendeiner ihrer Cousins ausgemustert hatte. Aber es hatte gereicht. Mit vierzehn war es ihm gelungen, eine Website zu hacken. Mit fünfzehn war ihm klar geworden, dass er Fähigkeiten besaß, über die andere Menschen nicht verfügten. Und kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag hatte er sich eine Firma mit einem schicken verglasten Büros ausgesucht, war geradewegs hineinmarschiert und hatte den komplett verblüfften Mitarbeitern erklärt, dass sie nicht ausreichend gegen Cyberattacken geschützt waren. Sie hatten ihn ausgelacht. Bis er ihnen gezeigt hatte, wie er innerhalb kürzester Zeit alle Schutzmechanismen überwinden konnte. Danach war niemandem mehr nach Lachen zumute gewesen, und sie hatten ihm zugehört.

Bald war er der gefragteste Experte für Cyber Security. Jeder wollte ihn kennenlernen, den charismatischen Teenager mit dem messerscharfen Verstand und dem enormen Selbstbewusstsein. Den Jungen, der ungerührt die Chefetagen betrat und ganz selbstverständlich mit Männern diskutierte, die doppelt so alt waren wie er, aber halb so viel wussten.

Er hatte ihnen gezeigt, wie wenig sie wussten, hatte ihre Schwächen entblößt und ihnen dann geholfen, sich besser zu schützen. Den Englischunterricht in der Schule hatte er oft geschwänzt. Dafür war er in Mathe umso mehr bei der Sache gewesen. Zahlen waren etwas, das er verstand.

Er war aus dem Nichts gekommen. Aber er war entschlossen gewesen, es weit zu bringen. Und das hatte er getan. So zielgerichtet und so schnell, dass er alle anderen weit hinter sich gelassen hatte.

Auf diese Weise hatte er sich das College finanziert und später seiner Mutter – denn das war Maria, auch bevor sie ihn offiziell adoptiert hatte – ein Restaurant gekauft. Damit sie die guten Leute von Brooklyn weiterhin bekochen konnte. Aber ohne dass sich Abend für Abend die Menschen in ihrer Küche drängten wie Oliven in einer Dose.

Mithilfe von Matt, seinem besten Freund, hatte er schließlich eine eigene Firma gegründet. Die Verschlüsselungssoftware, die er dort entwickelt hatte, war von einer der ganz großen Sicherheitsfirmen gekauft worden – für eine Summe, die sicherstellte, dass er sich nie mehr im Leben Geldsorgen machen musste.

Aber Geld war nicht alles. Nicht einmal für jemanden wie ihn. Also hatte er sich irgendwann – gelangweilt von den immer gleichen Problemen der Cyber Security – einer neuen Herausforderung zugewandt: dem Online-Marketing.

Jetzt bot seine Firma die komplette Palette für dieses Geschäftsfeld an: alles von Creative-Content-Entwicklung bis zu User-Experience-Design. Die Neuausrichtung seines Unternehmens war sehr erfolgreich verlaufen. Trotzdem erreichten ihn von Zeit zu Zeit immer noch flehentliche Hilferufe von Bekannten, die Probleme mit der Sicherheit ihrer Computer und Netze hatten. Es war einer dieser Hilferufe, der ihn heute Nacht bis kurz vor vier Uhr beschäftigt hatte.

Die Bürotür ging auf, und Dani kam herein – eine der jüngeren Mitarbeiterinnen und seine derzeitige Assistentin. Sie trug einen Kaffeebecher in der Hand.

„Puh, ich dachte, du könntest das brauchen. Diese Reporterin war ja schwerer abzuschütteln als ein Moskito im Dschungel.“ Jakes Blick fiel auf ihre Füße. Heute trug Dani keine Schuhe, dafür aber besonders wild gemusterte Socken. Hier in der Firma war das nichts Außergewöhnliches. Viele der Mitarbeiter hatten einen etwas eigenwilligen Kleidungsstil oder legten vor allem Wert auf Bequemlichkeit. Ihm war das egal. Wie irgendjemand bei der Arbeit gekleidet war oder auf welchem College derjenige seinen Abschluss gemacht hatte, spielte keine Rolle. Aus seiner Sicht gab es genau zwei Dinge, die wichtig waren: Leidenschaft und Entwicklungspotenzial.

Dani hatte beides.

Sie stellte den Kaffee auf seinen Schreibtisch. Aus dem Becher stieg Dampf auf und zugleich dieser starke, aromatische Kaffeegeruch. Jake atmete ein und spürte, wie der Nebel in seinem Kopf, der einer langen arbeitsreichen Nacht zu verdanken war, sich zu lichten begann.

Er griff nach der Tasse. „Hat sie versucht, dir Fragen zu stellen?“

„Ach, nur ungefähr tausend. Hauptsächlich ging es um dein Privatleben. Sie wollte wissen, ob es stimmt, dass du selten mit derselben Frau zweimal ausgehst. Und ob das vielleicht mit deiner schlimmen Kindheit zusammenhängen könnte.“

Er runzelte die Stirn. „Hast du ihr gesagt, dass sie das gar nichts angeht?“

„Nein. Ich habe sie nur darauf hingewiesen, dass es laut der letzten statistischen Erhebung ungefähr siebzigtausend Singlefrauen in Manhattan gibt. Weshalb du bei dieser Anzahl unmöglich alle beglücken kannst, wenn du dich mit einigen von ihnen häufiger triffst.“ Sie grinste und reichte ihm dann einen Stapel mit Notizzetteln. „Dein Freund Matt hat angerufen. Vier Mal sogar. Er klang irgendwie ziemlich gestresst.“

„Matt ist nie gestresst.“ Jake trank einen Schluck Kaffee und genoss den leicht bitteren Geschmack sowie den schwer benötigten Koffein-Kick. „Der kennt diesen Zustand gar nicht. Er ist Mr. Gelassenheit höchstpersönlich.“

„Tja, eben klang er jedenfalls eher wie Mr. Gestresst.“ Dani sammelte die vier leeren Becher ein, die sich auf seinem Schreibtisch angesammelt hatten, und stapelte sie. „Weißt du, Jake“, sagte sie, „ich habe ja kein Problem damit, deine Kaffeesucht zu unterstützen. Aber von Zeit zu Zeit könntest du auch mal was essen oder eine Nacht lang durchschlafen. So machen es normale Menschen, falls du dich das fragen solltest.“

„Die Frage hat sich mir noch nie gestellt.“ Was er sich dagegen fragte, war, wieso sein Freund mitten an einem Arbeitstag anrief. Und wieso hinterließ Matt Nachrichten bei seiner Assistentin, statt ihn direkt anzurufen? Dieses Rätsel löste sich umgehend, als Jake nach seinem Smartphone griff. Sechs verpasste Anrufe. Jetzt fing er doch langsam an, sich Sorgen zu machen. „Hat Matt gesagt, worum es geht?“

„Nein. Aber er will, dass du ihn so schnell wie möglich zurückrufst. Übrigens war diese Reporterin schwer beeindruckt, dass du einen Auftrag von Brad Hetherington abgelehnt hast. Stimmt das?“ In letzter Sekunde erwischte Dani die oberste Tasse, ehe sie vom Stapel rutschen konnte. „Er ist einer der reichsten Männer in New York. Habe ich gerade erst letzte Woche im Forbes-Magazin gelesen.“

„Und außerdem ein mieser Egomane. Wenn möglich vermeide ich Geschäfte mit dieser Art von Leuten. Davon kriege ich nur schlechte Laune. Kleiner Tipp, Dani: Lass dich nie von Geld einschüchtern. Folge deinem Instinkt.“

„Also werden wir keinen Auftrag für ihn übernehmen?“ „Ich denke noch darüber nach. Danke für den Kaffee. Du weißt, dass du das nicht tun musst.“ Genau denselben Satz sagte er jeden Tag, seit Dani angefangen hatte, für die Firma zu arbeiten. Was sie nicht weiter zu kümmern schien. Denn sie kam trotzdem jeden Tag in sein Büro, um ihm Kaffee zu bringen.

„Tja, das ist der Bumerangeffekt“, sagte Dani leichthin und grinste. Doch Jake wusste, dass es ihr ernster war, als sie zugeben wollte. Er hatte Dani eine Chance gegeben, als alle anderen ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen hatten. Und das würde sie ihm nie vergessen. „Du hast die halbe Nacht gearbeitet und dich heute Morgen sofort wieder an den Schreibtisch gesetzt“, fuhr sie fort. „Da dachte ich, du könntest bestimmt eine Aufwachhilfe gebrauchen.“ Etwas in ihrem Blick sagte ihm, dass sie ihn gerne noch auf eine ganz andere Weise geweckt hätte.

Er achtete nicht auf ihren Blick.

Mit irgendwelchen sinnlosen Regeln anderer Leute zu brechen war kein Problem für ihn. Genauer gesagt machte es ihm verdammt viel Spaß. Aber an seine eigenen Regeln hielt er sich normalerweise. Und ganz oben auf seiner Liste stand: Vermische niemals Arbeit und Privates.

Er würde niemals etwas tun, das seine Firma gefährdete. Und das schloss seine Angestellten mit ein. Außerdem kannte er sich zugegebenermaßen ziemlich gut mit Computern aus. Aber was Beziehungen betraf, ließen seine Kenntnisse deutlich zu wünschen übrig.

Sobald Dani gegangen war, griff er nach dem Telefon und rief Matt an. „Hey, was gibt es für dringende Probleme? Ist dir das Bier ausgegangen?“

„Ich gehe mal davon aus, dass du die Business News nicht gesehen hast?“

„Seit heute früh stecke ich in einem Meeting nach dem anderen. Was habe ich denn verpasst? Hat jemand deine Website gehackt und du brauchst Hilfe?“ Während er ein Gähnen unterdrückte, ließ Jake die Finger über die Tastatur gleiten, um den Computer aus dem Schlafmodus zu wecken. Schade, dachte er, dass das bei ihm nicht so einfach funktionierte.

„Star Event hat die Hälfte der Belegschaft hier in New York entlassen.“

Mit einem Schlag war Jake wach. „Paige hat ihre Beförderung nicht bekommen?“

„Ich weiß es nicht. Sie geht nicht ans Telefon.“

„Denkst du, sie hat ihren Job verloren?“

„Ich denke, das ist möglich.“ Matts Stimme klang immer angespannter. „Es ist sogar wahrscheinlich. Sie hat sich zurückgezogen. So reagiert sie normalerweise, wenn sie in diesen Ich-komme-klar-Modus übergeht.“

Jake wusste genau, was Matt damit meinte. Denn er hatte Paige schon oft genug in diesem Modus gesehen. Und er hasste ihn. Er hasste den Gedanken daran, dass sie litt, dass sie Angst hatte und versuchte, das zu verbergen. „Verdammt, ich …“

„Sie hat so hart gearbeitet, um diese Beförderung zu bekommen. In den letzten Monaten hat sich alles bei ihr nur darum gedreht. Wenn sie entlassen wurde, dann ist sie jetzt garantiert völlig am Boden zerstört.“

„Sicher ist sie das.“ Jake wollte nicht, dass Paige Angst hatte oder litt. Aber die Frage war, was er dagegen tun konnte. Unwillkürlich begann er, sich zu überlegen, wie lange es dauern würde, die Stadt zu durchqueren, um sich die Verantwortlichen bei Star Event vorzuknöpfen. „Was ist mit Frankie und Eva?“

„Die gehen auch nicht ans Telefon. Ich hoffe nur, dass die drei zusammen sind. Es wäre schrecklich, wenn jede von ihnen versucht, allein klarzukommen. Gerade Paige neigt ja dazu, sich in solchen Situationen völlig abzukapseln. Das will ich um alles in der Welt vermeiden.“

Das wollte er auch, dachte Jake.

Er stand auf. Unruhig begann er, zwischen der Fensterfront und dem Schreibtisch hin und her zu laufen, während er im Kopf seine Optionen durchging. „Ich werde erst ein paar Leute anrufen, um herauszufinden, was da genau vorgefallen ist.“

„Aber warum antwortet sie nicht?“, stieß Matt hervor. „Sie weiß doch, dass ich mir Sorgen um sie mache.“

„Du machst dir ständig Sorgen um sie.“

„Sie ist meine Schwester.“

„Ja, und du versuchst, sie in Watte zu packen. Lass sie doch mal ihr Leben führen, Matt. Sie kommt besser klar, als du denkst. Paige ist eine Kämpferin. Und vor allem ist sie ist stark und gesund.“

Was nicht immer so gewesen war.

Er konnte sich noch genau an Paige als junges Mädchen erinnern: blass und dünn in ihrem Krankenhausbett, kurz vor der entscheidenden Herzoperation. Und an Matt, der mit kreideweißem Gesicht neben ihrem Bett saß, völlig fertig mit den Nerven, die Augen tief eingesunken und mit dunklen Schatten darunter, weil er nächtelang nicht geschlafen hatte.

„Was hast du heute Abend vor?“, fragte Matt plötzlich. Er klang müde.

„Ich habe ein heißes Date.“ Wobei sich erst noch rausstellen musste, wie heiß das wirklich werden würde. Denn so müde, wie er jetzt war, würde er vermutlich nicht die nötige Energie aufbringen, um eine Frau zu beglücken. Es sei denn, ein biologisches Wunder passierte, und er verwandelte sich in den ersten Mann der Welt, der Sex in komatösem Zustand hatte.

„Mit Gina?“

„Das war im letzten Monat.“

„Bleibst du eigentlich jemals mit einer Frau länger als einen Monat zusammen?“

„Falls ich vergesse, auf den Kalender zu schauen. Sonst nicht.“ Er war ein Mann, der weiterging, anstatt zu bleiben. Und das war richtig so.

Liebe?

Er starrte aus den Fenstern auf die Stadt unter sich, die im strahlenden Sonnenschein badete.

„Hallo? Bist du noch dran?“, riss ihn Matt aus seinen Gedanken.

„Ja, ich bin noch da.“ Seine Stimme klang rau.

„Wenn das heute Abend ohnehin nicht deine große Liebe ist, dann sag ab und komm rüber.

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