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Schlaflos in Chicago

Mira Lyn Kelly

Schlaflos in Chicago

1. KAPITEL

Das „Jazz House“, im Stil der 1930er-Jahre gehalten und von dezenter Eleganz, lag an einer ruhigen Ecke im Zentrum Chicagos. Melodien voller Herzschmerz und Sehnsucht erfüllten den dunklen Raum und mischten sich in leise Unterhaltungen und die angespannte Stimmung des vergangenen Tages.

An der Bar ließ Calista McGovern große Eiswürfel in ihrem Gin Tonic leise klirren und genoss die Musik, die direkt ihre Seele anzusprechen schien. Hieran könnte ich mich gewöhnen, dachte sie.

Allerdings würde sie während der kommenden Monate mit einem Projekt beschäftigt sein, das ihr so gut wie keine Freizeit lassen würde. Cali war Projektmanagerin des mehrere Millionen Dollar schweren Handelskonzerns MetroTrek. Und während ihrer Zeit in der windy city, wie Chicago liebevoll genannt wurde, würde sie vermutlich fast ununterbrochen arbeiten.

Schließlich waren die Monate in Chicago als Sprungbrett für die Stelle in London gedacht, die ihr Amanda Martin, ihre in New York arbeitende Chefin, so gut wie versprochen hatte. Allerdings nur, wenn es Cali gelänge, die Sache in Chicago gut über die Bühne zu bekommen. Das war genau diese Gelegenheit, auf die Cali schon so lange gewartet hatte.

Vor drei Stunden war sie auf dem O’Hare Airport gelandet und hätte sich längst in die Arbeit gestürzt, wenn Amanda nicht darauf bestanden hätte, dass Cali an ihrem ersten Abend in Chicago ausging, und zwar in genau dieses Lokal.

Eigentlich war Cali kein Mensch, der sich bei anderen einschmeichelte. Aber im Hinblick auf die Stelle in London und der Rettung ihrer selbst verschuldet nahezu zerstörten Karriere war sie bereit, eine Ausnahme zu machen.

Amanda hatte die Bar bei ihrem letzten Heimatbesuch entdeckt – und seitdem von nichts anderem mehr gesprochen. Jackson, der Mann von Amandas jüngerer Schwester, hatte ihr die Bar gezeigt, und wie so oft konnte Amanda gar nicht häufig genug seinen Namen erwähnen. Ganz offensichtlich schwärmte sie übermäßig für ihren Schwager, sodass man diese Äußerungen nicht für bare Münze nehmen konnte.

Doch Cali musste zugeben, dass das „Jazz House“ mit seiner dezenten Atmosphäre wirklich perfekt war. Zumindest fand sie das, bis ein Mann Mitte vierzig sich mühsam neben sie auf einen leeren Hocker hievte. Er atmete schwer, rieb sich die müden Augen und fragte lallend: „Kennen wir uns nicht irgendwoher?“

Jake Tyler lehnte sich mit der Schulter an die Wand, die Aufmerksamkeit ganz und gar auf die junge Frau an der Bar gerichtet. Seit er die hübsche Brünette bemerkt hatte, war er wie gebannt. Er beobachtete, wie sie die Musik genoss, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete und wie ihr Rock höher rutschte, als sie die langen, schlanken Beine übereinanderschlug. Wie es sich wohl anfühlen würde, sie sanft zu berühren?

Eigentlich war Jake nicht hergekommen, um eine Frau kennenzulernen, er wollte sich hier vor dem Schlafengehen entspannen, wie so oft, wenn er zu viele Stunden im OP verbracht hatte.

Also versuchte er, sich statt auf die bildhübsche junge Frau auf die Musik zu konzentrieren, was ihm auch gelang – bis dieser Trottel, der sich scheinbar schon einen Drink zu viel gegönnt hatte, auftauchte und sie belästigte. Ganz offensichtlich versuchte sie, den Kerl loszuwerden, doch ohne Erfolg.

Als der Mann nun einen erneuten Annäherungsversuch startete, beschloss Jake, der Frau zu helfen.

Eine Dunstwolke aus Aftershave, Schweiß und Whiskey hüllte Cali ein, als der Mann näher rückte. Sie stellte das Glas ab und griff nach ihrer Handtasche.

Mist, dachte sie. Die Musik war wirklich toll, aber da sie ihren aufdringlichen neuen Bekannten nicht loswurde, war es wohl Zeit zu gehen.

„Sie sind allein“, stellte er mit schwerer Zunge fest. „Und ich bin allein …“

„Hallo, Darling“, hörte Cali plötzlich eine tiefe, sehr maskuline Stimme, die sie wie eine Liebkosung empfand. Der zu der Stimme gehörende Mann nahm auf ihrer anderen Seite Platz, und als er seine große, warme Hand auf ihre legte, erbebte Cali.

„Ich hoffe, du musstest nicht zu lange auf mich warten. Es gab bei der Arbeit heute sehr viel zu tun.“

„Was …?“, brachte Cali nur heraus, bevor es ihr beim ersten Blick auf den Fremden die Sprache verschlug: tiefblaue Augen, die sie begehrlich musterten, und ein sinnliches Lächeln, das ihr den Atem verschlug.

Gefährlich! Gegen den attraktiven Fremden war Mr Whiskey-Atem völlig harmlos. Cali wusste, was zu tun war: Sie sollte aufstehen, ihre Handtasche nehmen und sich schleunigst davonmachen.

Doch als der Mann die sinnlichen Lippen zu einem verführerischen Lächeln verzog, erwiderte sie, ohne zu überlegen: „Hallo … Darling.“

Cali ließ den Blick über ihren Retter gleiten, während dieser den widerwilligen Rückzug von Mr Whiskey beobachtete. Der attraktive Fremde war gut einen Meter neunzig groß, hatte breite Schultern und schmale Hüften. Beim Anblick seines durchtrainierten Körpers lief ihr das Wasser im Mund zusammen, und ihre Haut begann zu prickeln. Der schwarze Stoff seines Pullovers schmiegte sich eng um den muskulösen Oberkörper und den flachen Bauch. Normalerweise erlaubte Cali es sich gar nicht, solche Männer auch nur anzusehen …

Ihr Retter lächelte entwaffnend. „Das mit dem ‚Darling‘ tut mir leid, aber ich fand, es unterstrich genau den richtigen Anschein von Besitzanspruch.“

Seine Stimme war so atemberaubend, dass Cali fast nervös gelacht hätte.

„Ja, das war sehr wirkungsvoll. Vielen Dank.“

Sie räusperte sich und wünschte, endlich wieder klar denken zu können. Immerhin war sie erwachsen, und dies war nicht das erste Mal, dass ein attraktiver Mann mit ihr sprach – wenn dieser auch bei Weitem der attraktivste war: Mit seinen markanten maskulinen Gesichtszügen und dem dichten, dunklen Haar verband er mühelos den Charme eines Outdoor-Sportlers mit der Eleganz eines Gentlemans im Smoking.

Ja, wirklich ziemlich gefährlich, dachte Cali.

„Jake Tyler“, stellte der Traummann sich vor und reichte ihr die Hand.

„Ähm, … ich heiße Cali, aber … ich muss jetzt los.“

„Nachdem ich gerade Ihren neuen Verehrer erfolgreich in die Flucht geschlagen habe?“, fragte Jake vorwurfsvoll. „Sie könnten sich zumindest bedanken und dann die Musik genießen, wie Sie es getan haben, bevor er Sie dabei gestört hat.“

Offenbar hatte er sie also beobachtet. Diese Vorstellung gefiel Cali mehr, als ihr lieb war. Vorsichtig blickte sie zu ihm hinüber.

Er erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Zumindest hatte ich den Eindruck, dass Ihnen die Band gefiel“, sagte er und zuckte die Schultern.

Unter dem dünnen Stoff des eng anliegenden Pullovers bewegten sich seine Muskeln, als er die Hand nach seinem Drink ausstreckte.

„Ich mag nämlich Jazz, und es gefällt mir, wenn andere ihn auch mögen. Da der Typ Sie beim Zuhören störte, habe ich ihn vertrieben. Das ist alles. Wir beide können einfach hier nebeneinander sitzen, der Musik lauschen und uns gegenseitig ignorieren.“ Er lehnte sich ein wenig zurück, ließ den Blick zum vorderen Teil des Lokals gleiten und fügte hinzu: „Genauer gesagt, habe ich Sie schon wieder völlig vergessen.“

Einen Moment lang war Cali sprachlos. Dann musste sie lächeln und vergaß Sorgen und Anspannung ein wenig. Eigentlich hätte sie jetzt erst recht so schnell wie möglich flüchten müssen, doch stattdessen zog sie eine Augenbraue hoch und fragte gespielt überrascht: „Oh, Sie sind noch da!“

Jakes tiefes Lachen war so ansteckend, dass sie gar nicht anders konnte, als mit einzustimmen. Gleichzeitig schwor sie sich, sich dem Genuss seiner Gesellschaft nur eine kurze Weile hinzugeben.

„Also schön“, erwiderte Jake mit übermütigem Funkeln in den Augen. „Da Sie sich offenbar unbedingt unterhalten wollen, warum nicht.“

Cali, die gerade einen Schluck trank, musste husten. „Wie bitte?“

„Ach, zu betteln brauchen Sie wirklich nicht. Also, worüber wollen wir reden? Über die Arbeit vielleicht?“

Der witzige, charmante Jake war genau die Ablenkung, die Cali am ersten Tag ihres wichtigsten Auftrags seit dem Neubeginn ihrer beruflichen Laufbahn wirklich nicht brauchte. In ihrem Leben war kein Platz für einen Mann. Ich sollte schleunigst gehen, dachte sie, rührte sich aber nicht von der Stelle.

In den vergangenen drei Jahren war sie jedes Mal geflüchtet, wenn ein Mann sie nett angesprochen oder ihr zugelächelt hatte. Cali hatte sich keinerlei Ablenkung zugestanden, und diese Strategie funktionierte: Sie hatte erreicht, was sie wollte.

Aber an diesem Abend wollte sie einfach nicht flüchten.

Vielleicht lag es an der Musik, an dem Lokal oder ihrer Hochstimmung, weil sie so kurz davor war, ihr Ziel zu erreichen. Vielleicht wollte sie sich aber auch nur daran erinnern, wie es war, wenn ein toller Mann ihr ein Lächeln entlocken wollte. Jake Tyler verlangte ja nicht, dass sie ihren Beruf hinwarf, um mit ihm zusammenzuleben – er wollte einfach ein bisschen mit ihr flirten. Und dieser harmlose Spaß mit einem Mann, den sie nie wiedersehen würde, hätte keinerlei Einfluss auf ihre Zukunft.

Über ihre Arbeit wollte Cali dennoch nicht sprechen, denn damit verbanden sich alle ihre Hoffnungen und Wünsche, ihr Ehrgeiz – und der größte Fehler, den sie je begangen hatte. Das Thema war zu privat für einen Flirt.

„Sparen wir das Thema lieber aus“, sagte sie deshalb. „Damit werde ich in den nächsten Monaten noch genug zu tun haben. Heute ist der letzte Abend, bevor ich mein ganzes Leben der Arbeit opfern werde.“

Zwei Stunden später lehnte Jake sich zurück und genoss es, wie Cali so unbefangen lachte, die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt. Noch nie hatte er etwas so Verlockendes gehört …

Jetzt wurde Calis Lachen leise. Sie seufzte, lächelte zögernd und strich sich eine ihrer seidigen Locken hinters Ohr.

Sie war einfach hinreißend.

Jake wollte sie. Und nach ihrem Blick zu urteilen, der immer wieder zu seinem Mund glitt, wollte Cali ihn ebenso.

Ihre langen Wimpern streiften die Wangen, und als sie sich hoben, funkelten Calis grüne Augen. Wieder löste sich die widerspenstige Locke, und diesmal konnte Jake sich nicht zurückhalten: Er streckte den Arm aus, nahm die haselnussbraune Strähne zwischen die Finger und schob sie Cali sanft hinters Ohr. Als sie bei der zarten Berührung erschauerte, durchfuhr ihn heftiges Verlangen.

Sie schluckte und nahm ihre sinnliche Unterlippe zwischen die Zähne, sodass Jake der Atem stockte. Cali wusste sicher gar nicht, was sie da mit ihm machte, und als sie ihm nun wieder in die Augen sah, drückte ihr Blick Verunsicherung und Vorsicht aus.

Verdammt, was tue ich da eigentlich? fragte Jake sich. Wie kam er dazu, sich an diese Frau heranzumachen? Sie war süß, sexy und ein bisschen schüchtern. Frauen wie sie gabelte man nicht für eine Nacht oder eine Woche auf, und mehr konnten Männer wie er einer Frau nicht bieten.

„Jake“, sagte sie jetzt so leise, dass ihre Stimme über den sinnlichen Jazzklängen kaum zu hören war. „Ich bin nicht … als wir angefangen haben, uns zu unterhalten, fand ich Sie witzig und charmant. Und ich dachte mir, es macht bestimmt Spaß, ein bisschen mit Ihnen zu flirten. Aber mit Ihnen kann man sich so gut unterhalten, und da habe ich mich mitreißen lassen …“ Sie ließ den Blick in eine Ecke schweifen. „Es tut mir leid, ich wollte nicht den Eindruck erwecken …“

Cali wandte sich ab, doch Jake hatte den entzückenden rosigen Hauch schon gesehen, der sich auf ihren Wangen ausbreitete. Er legte ihr einen Finger unters Kinn und drehte ihr Gesicht sanft wieder zu sich herum.

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, sagte er. „Ich kann gute Gespräche und einen kleinen Flirt durchaus genießen, ohne dass das Ganze im Bett enden muss.“

Normalerweise sollte man über einen Korb nicht erleichtert sein, doch die Unterhaltung mit Cali hatte sich vom Small Talk zu einem tiefer gehenden, ernsthaften Gespräch entwickelt … Sie gefiel Jake, und genau das war das Problem. Denn auf etwas „Ernstes“ ließ er sich grundsätzlich nicht ein.

Als Cali ihn jetzt unter ihren dunklen Wimpern hervor ansah, schien sich um ihn her alles zu drehen.

„Es ist nur so, dass vielleicht …“, begann sie.

Jakes Handy begann zu vibrieren und lenkte seine Aufmerksamkeit von der jungen Frau vor ihm auf den Kampf um Menschenleben, der Teil seiner täglichen Arbeit als Chirurg war. „Bitte vergiss nicht, was du sagen wolltest“, sagte Jake und merkte ebenso wenig wie Cali, dass er plötzlich die vertrauliche Anrede verwendete. Widerstrebend zog er sein Handy aus der Tasche. „Es tut mir leid, aber das ist eine Nachricht aus dem Krankenhaus. Ich muss wegen eines Patienten zurückrufen. Gibst du mir fünf Minuten?“

„Natürlich.“ Cali nickte.

Als er hinausging, ermahnte sie sich, dass sie sich lieber davonmachen sollte – und das schon seit geschlagenen zwei Stunden. Sie wollte gar nicht daran denken, was sie gesagt hätte, wäre das Gespräch nicht von der SMS unterbrochen worden … Sie hätte ihn eingeladen …

Wie konntest du nur so dumm sein? schimpfte Cali entgeistert mit sich selbst.

Jake war ein atemberaubender Mann, seine markanten Gesichtszüge glichen denen der Statue eines alten Meisters. Und sein Körper raubte ihr völlig den Verstand. Was als netter Flirt begonnen hatte, war schnell zu etwas Fesselndem, Unwiderstehlichem geworden, gegen dessen Wirkung Cali sich nicht wehren konnte.

Bestimmt war ihr Jakes frischer, würziger Duft zu Kopf gestiegen und schränkte ihr Denkvermögen ein. Cali seufzte. Was für ein Pech, dass Jake auch noch so ein interessanter Gesprächspartner war: intelligent, geistreich, witzig und aufmerksam. Noch ein Grund mehr, sofort die Beine in die Hand zu nehmen. Doch so unhöflich zu sein, das brachte sie einfach nicht über sich. Sie beschloss, zur Damentoilette zu gehen, ihm bei ihrer Rückkehr für den schönen Abend zu danken und sich dann zu verabschieden – ohne dass dabei Telefonnummern ausgetauscht würden.

Doch als Cali ihre Handtasche nahm und sich zu den Waschräumen aufmachte, sah sie immer wieder Jake vor ihrem inneren Auge: sein Lächeln, seine unergründlichen blauen Augen. Ihre Entschlossenheit begann zu schwinden. Als sie den Gang durchquert hatte und vor einem Schild stand, das auf ein öffentliches Telefon hinwies, wäre Cali fast dem neonblauen Pfeil gefolgt, denn sicher war Jake dort.

Nur eine einzige Nacht, dachte sie.

Was konnte daran schon so schlimm sein, wenn sie Jake ohnehin nie wiedersehen würde? Sie war doch so lange so brav gewesen, hatte sich ausschließlich ihrer Arbeit gewidmet …

Als Calis Blick erneut zu dem Pfeil glitt, schienen ihr Körper und ihre Verstand miteinander zu streiten. Schließlich gab sie sich einen Ruck, ging in die Damentoilette und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um wieder zur Vernunft zu kommen.

2. KAPITEL

Jake stand im relativ ruhigen Korridor des Jazzclubs und beendete das Telefongespräch, bei dem es um einen Bypass-Patienten gegangen war.

Auf dem Weg zurück zur Bar wurde es kurz hell im dämmrigen Raum, als plötzlich die Tür der Damentoilette aufging und Cali gegen ihn prallte.

Sie schrie erschrocken auf.

„Keine Angst.“ Jake hielt sie fest, einen Arm um ihre Taille gelegt, den anderen gegen die Wand gestützt.

Cali war so eng an seinen Oberkörper geschmiegt, dass er spüren konnte, wie sich ihre Brüste mit jedem Atemzug hoben und senkten. Einer von ihnen hätte sich lösen und Abstand zwischen sie beide bringen müssen, doch keiner rührte sich.

Ihr Blick begegnete seinem, voller Sehnsucht und Erwartung, dann ließ sie ihn zu seinem Mund gleiten und seufzte. Die Luft zwischen ihnen schien vor Anspannung zu knistern, und heftiges Verlangen ergriff von Jake Besitz.

In dem schmalen Gang herrschte Halbdunkel, und sie waren ganz allein. Vor Verlangen war Jakes ganzer Körper angespannt. Er sehnte sich danach, Cali zu lieben, doch er musste standhaft bleiben. Aber als er an ihrem zarten Hals ihren hastigen Puls pochen sah, brachte er es auch nicht fertig, sich von ihr zu lösen.

Zwischen ihren Augenbrauen zeigte sich eine winzige Furche. „Nein“, sagte sie nur.

Doch Jake hatte sich nicht gerührt. Noch immer unterdrückte er sein Verlangen mit aller Macht. Aber dann wurde ihm plötzlich klar: Cali hatte mit sich selbst gesprochen.

„Cali“, sagte er warnend. Wenn sie das aufhalten wollte, was sich zwischen ihnen anbahnte, dann musste sie „Nein!“ zu ihm sagen. Doch sie sagte weder etwas, noch schob sie ihn weg. Stattdessen krallte sie die Finger in seinen Pullover, während ihr Atem immer schneller ging. Als ihre Augen immer weniger Unentschlossenheit ausdrückten, verließen auch ihn die ehrenhaften Absichten.

Cali stellte sich auf die Zehenspitzen, wobei ihr Körper geradezu quälend langsam an seinem entlangglitt. „Nur einen einzigen“, flüsterte sie – und presste die Lippen auf seine.

Na klar, dachte Jake und musste ein ironisches Lächeln unterdrücken. Wie gut auch die Absichten waren, ein einziger Kuss würde niemals reichen.

Leicht und neckend ließ er den Mund über Calis gleiten. Es war mehr ein verheißungsvolles Locken.

Als Cali erschauerte, spürte er ihren Atem mit einem leisen Stöhnen auf seinen Lippen. Sein ganzer Körper wurde von dem heftigen Wunsch nach mehr erfasst. Doch er konnte noch warten, denn lange würde es ohnehin nicht mehr dauern. Jake legte ihr eine Hand auf den Rücken, umfasste mit der anderen ihre Wange und hob ihren Kopf, sodass sie ihm in die Augen sah.

Cali lächelte, während sie ihn unter gesenkten Lidern hervor sehnsüchtig ansah. „Ich hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt.“ Sie ließ die rosa Zungenspitze über die Unterlippe gleiten. „Es ist ziemlich lange her, dass mich jemand geküsst hat.“

Verdammt. Das hätte Jake lieber gar nicht gewusst. Denn in Verbindung mit ihrer leicht heiseren Stimme erweckte es die Sehnsucht in ihm, ihr zu zeigen, was ihr entgangen war.

„Wenn du mich fragst: So toll war der Kuss gar nicht. Das kann ich noch viel besser“, sagte er leise.

Calis Augen, deren Farbe an vom Meer geschliffenes grünes Glas erinnerte, wurden dunkel. Ihr Blick, der auf seinem Mund ruhte, schien immer wieder „Ja!“ zu sagen, und Jake spürte, wie seine Erregung wuchs. Ihr Atem ging schnell und stoßweise, als er ihr mit dem Daumen über die Wange strich, ihr die Finger ins seidige Haar schob und ihren Kopf sanft in den Nacken legte.

„Vielleicht noch einen kurzen“, flüsterte sie, und ihre Lippen waren eine einzige verlockende Aufforderung.

„Noch einen kurzen“, stimmte Jake zu, entschlossen, bei diesem Kuss seine gesamten Verführungskünste unter Beweis zu stellen. Der Kuss würde erst der Auftakt zu einer gemeinsamen Liebesnacht sein.

Er presste den Mund auf ihren, sanft und zärtlich zuerst. Dann umspielte er sanft ihre Lippen und berührte ihren Mund vorsichtig mit der Zungenspitze. Cali fühlte sich warm, frisch und verlockend an. Als sie ganz nah an seinem Mund sinnlich aufseufzte, wurde Jakes Selbstbeherrschung von einer immer stärker werdenden Sehnsucht überlagert.

Calis leises Stöhnen klang wie ein Flehen nach mehr. Also neigte Jake den Kopf und ließ ihr die Zunge in den Mund gleiten. Als sich ihre schlanken Arme um seinen Nacken legten, küsste er sie immer intensiver und liebkoste das seidige Innere ihres Mundes mit wachsender Begierde.

Cali schloss die Arme enger um seinen Nacken und schmiegte sich an ihn, sodass er ihre Brüste und ihren flachen Bauch an seinem Körper spürte.

Überwältigendes Verlangen ergriff von Jake Besitz. Er schob Cali den Rock hoch, als sie leise aufstöhnte. Erschrocken darüber, wie heftig er auf sie reagierte, löste er sich von ihr, trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr erhitztes Gesicht.

Wenn sie das nächste Mal diesen Laut von sich gab, sollte sie nackt unter ihm liegen.

„Lass uns gehen“, brachte er mühsam heraus.

Atemlos und wie gequält sah Cali ihn an. „Ich kann nicht. Ich … können wir nicht …?“ Als sie ihn mit ihrem sinnlichen Blick ansah, verspürte Jake erneut jenes schmerzliche Ziehen tief im Innern. „Nur noch einen Moment?“

Der warme, sehnsüchtige Ausdruck ihrer Augen … Jake hatte ihr alles gegeben, worum sie gebeten hatte. Er wollte sich in ihr verlieren, doch diese entzückende junge Frau, die so lange nicht geküsst worden war, würde nicht so weit gehen. Was soll’s, dachte Jake. Er würde das heftige Verlangen auch noch drei weitere Minuten aushalten.

„Oh ja“, sagte er, hob sie hoch und schob sich mit ihr in die Telefonkabine, wo sie zumindest etwas ungestörter waren. „Nur noch einen Moment“, flüsterte er Cali ins Ohr. Mit einem erleichterten Seufzer umfasste sie seine Schultern und schmiegte sich wieder an ihn.

Es war drei Jahre her, dass Cali zum letzten Mal geküsst worden war, doch sie wusste genau, dass sie noch nie etwas so Atemberaubendes erlebt hatte wie das hier. Jakes Küsse, seine Liebkosungen und sein Duft hatten eine so berauschende Wirkung auf sie, dass ihr die Vorstellung, es würde irgendwann enden, fast wehtat.

Was konnte es schon schaden, sich noch einige Minuten lang diesem Genuss hinzugeben?

Sie spürte, wie Jake ihr mit seinen kräftigen Händen über den Rücken strich, dann ihren Po umfasste und sie noch etwas enger an sich zog. Wie konnte sich irgendetwas nur so gut anfühlen?

Jetzt umfasste Jake ihre Schenkel und hob Cali hoch. Ihr Rock bauschte sich um ihre Taille, als sie die Beine um seine Hüften legte. Dann begann Jake, sich vorsichtig und rhythmisch zu bewegen. Immer wieder spürte sie ihn an jener so lange vernachlässigten verborgenen Stelle zwischen ihren Schenkeln, und heftiges Verlangen breitete sich in ihr aus.

Es fühlte sich so unglaublich gut an – zu gut, um schnell wieder damit aufzuhören. Nur noch einen Moment, dachte Cali. Dann würde sie aufhören und endlich flüchten. Aber jetzt noch nicht.

Leise keuchend schloss sie die Augen, als Jake erneut die Hüften gegen ihre presste und sie ihn durch seine Jeans und ihren spitzenbesetzten Slip spürte. Eine innere Stimme der Vernunft versuchte, Cali zu warnen, denn in Bezug auf diese Dinge hatte sie feste Grundsätze. Doch das Ganze fühlte sich einfach zu perfekt an, und sie hatte noch lange nicht genug.

Als Jake nun den Mund von ihrem löste, spürte sie den Blick seiner tiefblauen Augen auf sich, als würde er ihre Haut verbrennen. „Sag mir, dass ich aufhören soll“, brachte er mühsam heraus, ohne jedoch innezuhalten.

Cali wusste, dass sie dazu einfach nicht in der Lage war. Andererseits musste einer von ihnen endlich zur Vernunft kommen. Immerhin waren sie in einem Jazzclub, wie ihr jetzt einfiel, und ihre Haut begann zu prickeln. Ja, sie und Jake waren in einem Jazzlokal – in einer Telefonkabine.

Sie öffnete die Augen und ließ den Blick umhergleiten. Die Kabine befand sich ganz am Ende eines dunklen, langen Gangs, an das sich nur selten Gäste verirrten. Außerdem würde Jakes breiter Rücken sie vor neugierigen Blicken schützen, falls dies doch einmal geschehen sollte. Und sie würde diesen Mann nie wiedersehen – niemand würde von der Sache erfahren.

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