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Schillers magische Rute

Inhalt

„Ein betrunkenes Kaninchen“
Von ungeschriebenen Stücken

Ein „Walzer quer durch die Geschichte einer Republik“
Zu Thomas Strittmatters >Kaiserwalzer<

Das Ende des Krieges
Alfred S. Kesslers Fassung der >Troerinnen< des Euripides

Im Theater ist Chile weit weg
Zu Isidora Aguirres Volksstück >Die guten Tage, die schlechten Tage<

Krebs in der Leber
Uber Maxim Gorkis >Jegor Bulytschow und die anderen<

Gorki und die Revolution – ein Anhang

Über die Menschwerdung
Zu Shakespeares >König Lear<

Ein ungesprochener Prolog zu einem lustigen Theaterstück
Uber Shakespeares >Viel Lärm um nichts<

Vom Dämon des Lebens
Zu Shaespeares >Sommernachtstraum<

Molière heiratet seine Tochter
Zur >Schule der Frauen oder Wie Mann die Frau dressiert<

>Die Frauen mit Bildung oder Herr im Haus bin ich<
Zu Molières Komödie von den gelehrten Frauen

Einer steigt aus
Molières >Menschenfeind<

Die Liebesprobe
Die Abenteuer des Cavaliere Ripafratta, erzählt in Briefen – eine Vorgeschichte zu Carlo Goldonis >Mirandolina<

Vom Bund der Bräute des Herrn B.
Brecht und die Frauen, fragmentarisch – aus Anlaß des Volksstücks, „Herr Puntilla und sein Knecht Matti“

Man schultert Tote viel in dieser Zeit
Zur Uraufführung von Georg Heyms >Grifone<

Schillers magische Rute
Briefe an einen Regisseur über den „Fiesko“

Die Weltgeschichte an einer Falte fassen
Zu Schillers >Kabale und Liebe< und >Don Karlos<

Ein kaum bemerktes Ende
Zu Arthur Millers >Tod eines Handlungsreisenden<

Triviale Mythologie der Großstadt
>Das Phantom in den Oper<

Papagenos Vetter
Kleine, nicht gehaltene Ansprache an die Zuschauer von Carl Zellers Operette >Der Vogelhändler<

Anmerkungen

„Ein betrunkenes Kaninchen“

Von ungeschriebenen Stücken

Am „Faust“ lange gearbeitet: das Volksbuch, das Puppenspiel durchgegangen, Marlowe übersetzt und verschnitten mit eigenen und anderen Texten, Luthertexten darunter, Texten aus Hexenprozessen und kabbalistischen Büchern. – Goethe versteht sich und als Erstes: Dr. Faustus von Thomas Mann in höchster Anspannung. Alles ist lebensfern inzwischen. Erst recht Goethe mit seiner Unentschiedenheit zwischen Faust und Mephisto.

Ein Faust der Vorstadt soll in die Gegenwart dringen. „Vorstadt“ auch in dem Sinn eines „Vorhofs/Hinterhofs“ gemeint. Margarete ist eine reife Frau mit prächtigem hüftlangem Haar und voller abgesunkener Hexenkünste: Kartenlesen, Tees, Potenz- und Abtreibungsmittel. Sie soll „Faust“ eine Jungfrau, ein junges Mädchen (vielleicht: einen unschuldigen Knaben) zuführen und gefügig machen. Faust hat nicht den sexuellen Mißbrauch im Sinn, oder doch nur nebenbei. Er will ihr Blut abzapfen und sich darin verjüngen. Das soll im Hinterhof in einer alten Garage vor sich gehen. Ein Schragen, primitive Fesseln, Werkzeuge und Vorrichtungen, spanische Wände, ein verzinkter Zuber stehen und liegen bereit. Das Opfer wird notdürftig betäubt. Kerzen, Weihrauch, Margaretas seltsam leiernde melodiöse Intonationen. Faust, nackt, steigt in den Zuber voll Blut, übergießt sich, schlürft letzte Reste, legt sich zum Opfer, bleibt aber unverändert. In der schließlichen Ernüchterung ist nichts übrig als der blutige schmutzige Mord und das blutige schmutzige Alter. Nach langem Stillschweigen setzt sonderbare Musik ein: Todesbordune. Doch ohne Katharsis, das reinigende Bad der Seele.

Florida, wozu noch dokumentarisches Material vorhanden ist, erscheint heute als Variation des Themas – positiv: insofern der alte Obdachlose auf die junge Ausreißerin trifft, die vom Vater mißhandelt wird. Der Alte ist der einzige Mensch, der ihr wortkarg zwar, aber freundlich begegnet. Sie ziehen sich in ein am Rand eines Sumpfs leerstehendes einfaches Holzhaus zurück. Das Mädchen wird überall gesucht, der Alte, weil auch er verschwunden ist, der Entführung und Vergewaltigung mit anschließendem Totschlag verdächtigt. In der Hütte hören die beiden Flüchtigen den Hubschrauber auf der Suche. Der Alte schlüpft hinaus, um eine falsche Spur zu legen, und wird erschossen, das Mädchen befreit. Doch sie verstummt bei den anschließenden Verhören. Sie bleibt als Verliererin zurück.

Der malaiische Diener als eine Sexualtragödie: Er wird von seinem holländischen Herrn, der ihn aus „Batavia“ nach Europa mitbringt, als Gegenstand und vollständiger Besitz betrachtet, scheint jedoch genuin freundlich, ohne Ressentiment. Einer Tochter der Gastfamilie will der Herr Aufklärung zuteil werden lassen. Der Diener muß sich entkleiden und darstellen. Der Herr erklärt ihr an ihm als Demonstrationsobjekt alle anatomischen Details. Zum Abschluß der Vorführung darf sie den Diener küssen als einen möglichen Anfang: Münder Seele tauschend. Darnach tötet der Diener seinen Herrn mit einem malaiischen Dolch wie in einem Ritual. Sehr ruhig erzählt er, welche Teile des Leichnams er abgetrennt, und von denen er das Fleich gelöst hat: Oberarm, Unterarm, Oberschenkel, Wade. Der Hexer ist an seinem Ende. Dennoch ist das Ungleichgewicht der Welt nicht behoben.

Ein betrunkenes Kaninchen. Georg Büchner schöpft in Zürich wieder Hoffnung unter diesem absurden Zeichen. Ein liebenswürdiger Mensch, der, wie er schreibt, eben so aussieht, vermietet ihm eine Wohnung mit Ausblick auf den Zürcher See: Klopstock und Goethe könnten Nachbarn werden, Minna aus Straßburg kommen. Aber ehe sich nur eine Spur verfestigen kann, die tödliche Krankheit Typhus. Gaston Salvatore hat den Todeskampf in BÜCHNERS TOD thematisiert. Seine Sorgen und Klagen um die Gefährten, die von der Polizei verfolgt, gefoltert, weggesperrt werden: die gescheiterte deutsche Revolution als Spiegel der soeben gescheiterten chilenischen (Salvatore war ein Neffe Allendes).

Klage und Anklage klug gewählt, die Texte gestützt durch authentische Berichte und Dokumente, dennoch der Hauch von Gedenkfeier und sentimentalem Einverständnis, wie es sich dann im Gewese um die RAF bewahrheiten sollte: sehr deutsch (insofern Sentimentalität zur Brutalität gehört) und wenn mir recht ist, nicht unbedingt zu Büchner passend. Der soll nun selbst „das betrunkene Kaninchen“ sein, ein Conférencier und Alleinunterhalter, weiß gekleidet als weitere Anspielung. Es schneit, und vielleicht gefriert der See zu, während er Schlittschuh läuft. Natürlich ist er mit Leonce eng verwandt, der auch sein eigener Ansager und Zuschauer ist. Und so erzählt er sein kurzes Leben in lauter absurden Brocken aus Briefen, Texten, Fetzen – was ihm so einfällt. Rosetta, die Tänzerin, dreht hin und wieder Pirouetten: ein wunderbarer Schmetterling. Über alles ist Witz gestreut, Heiterkeit. Einmal sagt er: „Ich hoffe, Sie hören es nicht. Ich hör es, wenn hinter der Bühne jemand die Tür in den Kellner öffnet: das Geschrei. Unerträglich! Mir sagt man, da sei nichts. Lüge! Ja, wenn man Musik draus machen könnte! Katzenmusik!“ Dieses Stück kurz: eine halbe Stunde.

Ein „Walzer quer durch die Geschichte einer Republik“

Zu Thomas Strittmatters „Kaiserwalzer“

Insofern Thomas Strittmatter mit „einer Republik“ die Bundesrepublik Deutschland vor der Wiedervereinigung meint, beginnt er mit ihrer Vorgeschichte, dem „Dritten Reich“, erlebt von kleinen Leuten, die im Strom treiben und getrieben werden, die durch die Zeitläufte walzen und stolpern, zerfließend in ihrer Identität, sich grausam und komisch entzweiend, grotesk aneinander geklammert in Haßliebe, Schmerzlust und Banalität. Da scheppert der Kaiserwalzer, einst Melodie freudvollen, majestätischen Lebensgefühls, jetzt parodistisch als Tanz der Illusionen und des tristen Selbstverlusts. Figuren der UFA-Traumfabrik mengen sich ein und verschleiern vollends das Selbstbild, stellvertretend für einen gesellschaftlichen Prozeß, in dem die Ideologie herrscht und nicht die Findung oder gar Entfaltung der Person. „Geschichte eines Ehepaares“, das ist hier etwas Tausendfaches und doch wieder Einzelnes: Joseph und Agatha begegnen einander, lieben einander, heiraten, bekommen mitten im Bombenhagel des Krieges ein Kind, das behindert ist und später wie beiläufig ertrinkt. Sie quälen und verletzen einander durch Lieblosigkeit, Untreue, Eifersucht, Rache. Und sie leiden unter einem Gespenst, einer Vergiftung und Seuche, die zugleich trivial und fruchtbar, gewöhnlich und unheimlich, lächerlich und symbolisch ist: der Syphilis. Unter dem Aspekt dieser Volks-Krankheit erscheint die deutsche Geschichte mit ihrem offenen und latenten Faschismus am Schluß des Stückes als groteske, grausige, anhaltende Krankengeschichte.

So aber war sie zu ihrem Beginn nicht sichtbar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Kaiserreich nur drei Jahrzehnte alt. Als es 1871 begann, war seine Legitmation prekär. Der preußische König wurde zum Deutschen Kaiser ausgerufen, aber er war nicht der Volkskaiser, den sich die Demokraten der Paulskirche 1848 gewünscht hatten; er war der Kaiser der deutschen Fürsten, und das nach kleindeutschem Ausmaß. Als am 17. Juni 1871 der siegreiche Einzug der Truppen im Königlichen Opernhaus Berlin gefeiert wurde, gehörte zu den Darbietungen auch die Dichtung „Barbarossa“. Der Stauferkaiser, der sagen- und traumhafterweise im Kyffhäuser saß, erlebte hierin seine „Erlösung“. Er sprach „mit ganzer Kraft“:

Die Stunde ist da! Die Fesseln fallen!

Erlösung wird auch mir zuteil!

Das deutsche Reich erschuf auf’s neue

Ein großes Reich der Einigkeit,

Der Hohenzollern deutsche Treue

Und König Wilhelms Tapferkeit.

Von den Staufern zu den Hohenzollern in einem Satz! Die Habsburger erwähnte man erst gar nicht. Außerdem, so führt Arno Borst aus: „Dieser Kunstgriff gestattet es, die heikelsten Epochen deutscher Geschichte zu überspringen. Barbarossa verschläft den Untergang des Staufergeschlechts, die Reformation Luthers und den Dreißigjährigen Krieg… Wilhelm, der die Träume Barbarossas verwirklicht, erscheint in der doppelten Gloriole von Mythos und Geschichte; er versinnlicht ein ewiges Reich, das sich durch Wiederauferstehung dem geschichtlichen Wandel entzieht, und er verkörpert den geschichtlichen Höhepunkt der Gegenwart. Wozu die Überhöhung? … Die Begeisterung der Zuschauer galt nicht dem Schlußbild allein, sondern der Erfüllung von siebenhundert Jahren deutscher Träume, der Erlösung von uralten deutschen Ängsten.“ Der Enkel des Kaisers, Prinz Wilhelm, saß am 17. Juni 1871 zwölfjährig mit in der Kaiserloge, und er, der Abgedankte, schrieb 1929, fast sechzig Jahre nach der Reichsgründung, von dem wiederverlorenen Kaisertum mit mythischem Pathos: „Der deutsche Kaiser war wieder da, das Deutsche Kaiserreich aus Schutt und Asche neu verjüngt emporgestiegen, Barbarossa wiedererwacht, die Raben vom Kyffhäuser verschwunden und aus des Vaters Rhein grünen Fluten der Nibelungenschatz, die deutsche Kaiserkrone, wieder ans Licht der Sonne emporgehoben…“ (Fritz Lang dreht im gleichen Jahr seinen Nibelungen-Film!)

Und der Walzer von Johann Strauß? Was hat er, der K.K.Hofballmusik-Director der habsburgischen Kaiserstadt Wien, mit Wilhelm II. zu schaffen? Sonderbarerweise ist der „Kaiserwalzer“, op. 437, im Jahr 1889 im Auftrag der Berliner Konzertunternehmung „Königsbau“ komponiert worden. Kaiser Franz Joseph I. war zur Parade auf dem Tempelhofer Feld gekommen, der Herrscher der Doppelmonarchie hatte sich dem Kaiser des Deutschen Reiches angenähert „zu untrennbarer Verbrüderung und Kameradschaft“, wie er im Toast sagte, und wie es sich leider 1914 bewahrheiten sollte. Am 19. Oktober fand in Berlin die Uraufführung des „Kaiserwalzers“ statt, der also beiden Kaisern galt, dem habsburgischen und dem hohenzollerischen.

„Großdeutschlands Wiedergeburt“ freilich blieb Adolf Hitler vorbehalten, auf den Strittmatters Stück nur ironisch und ganz indirekt anspielt. Die Perspektive, die Thomas Strittmatter einnimmt, heißt Geschichte von unten, Geschichte der Betroffenen. Es ist in unserem Fall eine Geschichte der Verführten, verführt von trügerischen Klängen und scheinhaften Bildern, komisch und grausam zugleich und, im metaphorischen Sinne, eine Krankheit zum Tode. Am Ende des Stückes sprechen zwei Herren (ein Willy-Birgel-Typ und ein Hans-Moser-Typ) im Stile der Volksaufklärung über die am weitesten verbreitete Geschlechtskrankheit, die Syphilis, auch Lues, zu deutsch: Lustseuche. „Wenn man von einem rechten Schreckgespenst im Heere der Krankheiten reden will, so kann man die Syphilis als solches bezeichnen. Geht sie doch nicht, wie die meisten Erkrankungen, nach kurzer Zeit wieder vorüber, sondern prägt den davon Betroffenen für das ganze Leben fast oder wenigstens für einen großen Teil desselben ihren charakteristischen Stempel auf. Ganz besonders dann, wenn sie nicht richtig behandelt wird. Wie sie sich in Entsetzen erregender Weise bis hin zum Knochenfraß allmählich entwickeln kann, so kann nicht genug die warnende Stimme zumal an die Jugend erhoben werden, wie ein Fehltritt nach wenigen Minuten der Lust ein ganzes Leben in seiner Kraftentfaltung und Fruchtbarkeit vernichtet und zuschanden machen kann…“ Dem entgegen hat Thomas Mann die von der Syphilis ausgelöste Paralyse als Leistungssteigerung begriffen: „Der Paralyse ist es eigen, daß sie … durch Hyperämie der ergriffenen Gehirnteile Wellen rauschhaften Glücks- und Kraftgefühls, einer subjektiven Erhöhung der Lebenskräfte und einer tatsächlichen, wenn auch – ärztlich gesprochen – pathologischen Steigerung der produktiven Leistungsfähigkeit mit sich bringt.“ Er hat, literarisch sozusagen, seinen modernen Dr. Faustus, den Tonsetzer Adrian Leverkühn, infiziert und nach den biographischen Modellfällen Franz Schubert, Friedrich Nietzsche, Hugo Wolf gestaltet und die „pathologisch gesteigerte Leistungsfähigkeit“ des fiktiven Genies in Parallele gesetzt zur historischen Verfallenheit des deutschen Volkes an den Nationalsozialismus.

Thomas Strittmatters Figuren beschreiten solche Höhen nicht. Sie sind kleine Leute. Sie verlieben sich in den Schein, in den fremden UFA-Glanz, der ihnen vorgeflimmert wird. Aus welchen Gründen und mit welchem Interesse das geschieht, das durchschauen sie nicht. Und „nach wenigen Minuten der Lust“ ist ihr ganzes Leben vernichtet. Es gibt keine Heilung. Strittmatter verweigert jedes Rezept, jede Remedur. „Die ganze Welt ist syphilitisch.“ Dem Tod anheimgegeben. Auf grausig-komische Weise.

Das Ende des Krieges

Zu Alfred S. Kesslers Fassung der „Troerinnen“ des Euripides

1

Diese Tragödie bildet den Schlußteil einer troischen Trilogie des Euripides. Sie versetzt uns an den Strand von Troja in die Nähe eines kleinen, jetzt öden Heiligtums des Poseidon. Dieser Gott, der das Erdinnere und die Meere regiert, erscheint, um über die Verwüstungen der siegreichen Griechen Klage zu führen: Die Heiligtümer sind geschändet, Mord und Greuel im Taumel des Sieges begangen. Jetzt, ernüchtert, betreiben die Griechen systematische Ausrottungspolitik: alle Männer und Knaben in Troja werden getötet, die Frauen und Kinder versklavt, den Heeresgruppen durchs Los als Beute zugeteilt. Mörderisches wird kultisch verbrämt: Polyxena, die jüngste Tochter des trojanischen Königshauses, als Opfer dargebracht, Opfer für eine glückliche Heimfahrt. Der Gott grollt jedoch angesichts der Nichtachtung alles Heiligen, und zu ihm tritt Pallas Athene, die Schutzgöttin der Griechen, vorzüglich der Athener. Sie erbittet seine Hilfe, denn sie will die Griechen für ihre Frevel strafen. Zwar wirft ihr Poseidon vor, daß sie selbst durch die Begünstigung der Griechen das Unheil herbeiführen half, aber er willigt doch in die Sturmverfolgung der griechischen Schiffe ein: Frevel am Heiligen muß Vergeltung nach sich ziehen. Diese Warnung richtet der Gott an die Zuschauer:

So gottlos dumm der Sterbliche,

der Städte zu Asche brennt,

der Sieger, der

Altäre und Gräber,

das Allerheiligste

der Toten

zur Wüste macht –

selbst am Ende dem Tod geweiht –

und glaubt, er könnt’ es überleben.

Beim Vorratszelt der Truppen des Agamemnon sieht dann der Zuschauer in der Morgendämmerung die greise Königin Hekabe erwachen. Nur den unruhigen Schlaf der Erschöpfung hat sie hinter sich, dennoch muß sie sich wie eine Bewußtlose zurechtfinden: Troja ist gefallen, geplündert, zerstört – Priamos, der König und ihr Gatte, vor ihren Augen am Altar des Höchsten Gottes vom griechischen Fürsten Neoptolemos abgeschlachtet – fünfzig Söhne im Krieg erschlagen – die Töchter und Schwiegertöchter verschleppt. Troja ist nicht mehr! das muß sie sich vergegenwärtigen, um es zu begreifen. Sie ermahnt sich jedoch, nicht der Klage zu verfallen. Sie hat heilige Pflichten: sie ruft die bei ihr verbliebenen Frauen zum Totenritus.

Die Frauen sind voll Angst. Sie als einzige wurden noch nicht verlost. Sollen sie abgeschlachtet, geopfert werden? Sollen sie der Soldateska für eine Siegesorgie freigegeben werden? Schmerzlich wird ihr Ausgeliefert-Sein, ihre Recht- und Schutzlosigkeit zu Bewußtsein gebracht, schmerzlich auch die Hoffnung, die sich die Frauen noch immer machen: diese Landschaft, jene Stadt haben sie von den Griechen rühmen gehört, besonders das „gerechte Athen“. Vielleicht kommen sie dahin? Wie ein Glück im Unglück erscheint das. Schon werden die Schiffe der Griechen bemannt, da kommt Talthybios, der Herold, mit Aufträgen der Fürstenversammlung. Er teilt den Frauen mit, was mit ihnen geschehen soll: sie sind verlost, werden deportiert – Arbeitstiere, Beutevieh. Hekabe fragt nach dem Schicksal ihrer Töchter und Verwandten. Allen ist Schande, Erniedrigung oder Tod zugedacht. Kassandra, die Priesterin Apollos und Prophetin, wird von Agamemnon als Mätresse beansprucht – eine besondere Demütigung, da zu diesem Priesteramt kultische Keuschheit gehört. Andromache, Witwe des trojanischen Nationalhelden Hektors und Mutter des Königserben Astyanax, soll Neoptolemos, den Schlächter des greisen Königs, heiraten, Polyxena getötet, Hekabe selbst dem Odysseus, durch List der eigentliche Zerstörer Trojas, als Sklavin zugeteilt werden.

Die scheinbar mitleidsvolle Freundlichkeit des Talthybios zerfällt sofort, als er den Eindruck hat, Kassandra wolle sich in ihrem Zelt durch Selbstverbrennung ihrer Demütigung entziehen. Der Fackelschein gilt jedoch einem Fluch-Ritual, das Kassandra gegen die Griechen richtet. In prophetischer Ekstase tritt sie auf und stimmt statt der Klage den heiligen Hochzeitsgesang an: Ihre erzwungene Verbindung mit Agamemnon, dem obersten Feldherrn der Griechen, wird Anlaß zu seinem Untergang und dem seines Hauses sein. Klytämnestra, seine Gemahlin, wird den König von Mykene bei seiner Heimkehr erschlagen, Orest, sein Sohn, ihn an ihr rächen. Die Prophetin erkennt auch, daß sie selbst in diesen Untergang einbezogen und einen viehischen Tod erleiden wird, aber sie begreift sich selbst als heilige Rächerin der vergewaltigten, vernichteten Heimat. Sie gibt den mitgefangenen Frauen eine Sinndeutung des Kriegs als eines Kampfs um die Heimat, weissagt das durch Frevel selbst verschuldete Leiden der Griechen. Freiwillig folgt sie dem Talthybios, und, die Götter anklagend, vergeblich in der Vergangenheit einen Halt suchend, bleibt Hekabe zurück.

Die gefangenen Frauen erinnern sich ebenfalls: Erst war da der Jubel über den vermeintlichen Abzug der Griechen – jeder Zweifler wurde niedergeschrieen, niedergemacht! Dann folgte die selige, trunkene Feier: das heilige hölzerne Pferd wurde zum Burgberg gezogen, und in der Nacht krochen die bewaffneten Griechen heraus, das Schlachten begann. Klar erkennen sie, daß sie, die Überlebenden, nichts sind als menschliches Arbeits- und Zuchtvieh.

Diese Bestimmung tritt noch einmal klar hervor im Schicksal Andromaches, die jetzt auf einem Beutewagen mit ihrem Söhnchen vorübergeführt wird. Während Hekabe und Andromache die Stadt beklagen, Andromache der Schwiegermutter vom Ende der Polyxena berichtet und sich selbst tot wünscht, da sie nun die Hektor über den Tod hinaus gelobte Treue nicht halten kann, kommt Talthybios wieder. Auf Rat des Odysseus hat die griechische Fürstenversammlung beschlossen, Astyanax, Hektors Sohn und Erben, vom Turm zu stürzen, zu zerschmettern, denn an ihn knüpft sich die Verheißung, er werde Troja wieder aufbauen. Das soll verhindert werden. Andromache nimmt Abschied von ihrem Kind, gebrochen geht sie Neoptolemos entgegen. Talthybios führt das Kind ab, seinen Auftrag unter geheuchelten Entschuldigungen prompt erfüllend. Entsetzt und empört bleiben die Frauen und Hekabe zurück.

Dann tritt Menelaos mit seinen Soldaten auf. Ihm hat die Versammlung die gefangene Helena zugesprochen, er will sie, seine frühere Frau, die ihn mit Paris verließ, abholen. Ihr Ehebruch gab einst den Anlaß zu dem jahrzehntelang geführten Krieg. Ihr Leben ist verwirkt. Menelaos genießt diesen Gedanken. Da erscheint sie, ist sich noch immer ihrer Schönheit und deren Wirkung bewußt, die jedoch Hekabe abzuschwächen sucht, indem sie Menelaos an die Vergangenheit erinnert. Menelaos macht sich den Spaß, von Helena eine Verteidigungsrede zu hören. Ungemein kühl, klug und leidenschaftlich rechtfertigt sich Helena: sie war nur Spielball der Götter und der Politik, ein Vorwand und ein Opfer. Ebenso leidenschaftlich widerspricht Hekabe: nicht die Götter, die Menschen müssen die Verantwortung für das, was sie tun, tragen, alles andere ist Heuchelei, vieldeutiges, zweckgebundenes Ausweichen in Worte und Begriffe, ist Propaganda. Aber Helenas mörderischer Zauber von Gier und Besitz ist siegreich in diesem prozeßartigen Redestreit, denn Menelaos, der die Macht hat, hat auch das Recht. Er läßt Helena unter Drohungen auf sein Schiff bringen, das bedeutet Versöhnung – wie jeder Grieche aus dem Homer wußte.

Die Frauen beginnen danach eine verzweifelte Anklage des Zeus, des Gotts des Rechts. Sie stellen seiner Gleichgültigkeit ihre Leiden gegenüber, die noch einmal scharf beleuchtet werden. Da läßt Talthybios ihnen und der Königin den Leichnam des Astyanax zur Bestattung hertragen, und in gewaltiger Klage faßt Hekabe die Leiderfahrung ihres Hauses und Volkes zusammen. Noch einmal zeigt sie sich als Herrscherin, indem sie dem sinnlosen Schrecken der Wirklichkeit Bedeutung verleiht: Die Tiefe und das Ausmaß der Leiden machen Troja zum Gegenstand der menschheitlichen Erinnerung, zum Gegenstand des Rühmens und der Dichtung; im Lied wird Trojas Leid unsterblich.

Gegen diese Deutung steht unmittelbar das Verbrennen der gefallenen Stadt, das Talthybios betreibt. Im Rücken der abziehenden Griechen soll keine Gefahr mehr lauern, nichts mehr sein: verbrannte Erde.

Zutiefst entsetzt schwören die Frauen den oberen Göttern ab und rufen die Toten zu Hilfe – umsonst. Nichts bleibt ihnen als der Gang auf die Schiffe, das nackte Weiterexistieren. Doch Hekabe, zum letzten Mal ihr Sein politisch und vorbildhaft begreifend, nimmt zuletzt ihr Sklaven-Dasein an: es gewährt Menschlichkeit in einer grausamen götterlosen Welt, die sonst ohne Gedächtnis der Unterdrückten bliebe.

2

Indem Alfred S. Kessler diesen skizzierten Gang der euripideischen Tragödie in seiner Neufassung genau nachvollzieht, ohne ihn nach eigenen Absichten umzubiegen oder abzulenken, macht er Euripides zu unserem Zeitgenossen. Wir begreifen, daß Euripides alles getan hat, um die Ereignisse und die Beteiligten dem Zuschauer unmittelbar fasslich zu machen. Wie ein Programm drückt das Poseidon im Prolog aus:

Und muß denn einer

wirkliches Elend sehn,

daß er begreift –

hier kann er’s.

Dazu gehört, daß alle mythischen – nicht die erzählenden – Hintergründe, nachdem die Göttergestalten verschwunden sind, zurückgedrängt werden. Helena, die aus ferner Vergangenheit herüberleuchtende Tochter der rächenden Nemesis und des Zeus, der Todesengel, wird gänzlich wie eine kluge, glanzvolle und durch und durch ich-bezogene Fürstin gezeigt. Hekabe, deren Verwandlung in eine Hündin, nämlich in die Gestalt der namensähnlichen Unterwelts- und Hexengöttin Hekate Euripides in einer früheren Tragödie behandelt hatte, bleibt die leidende, mit ihrem Schicksal bis zuletzt aufs Äußerste ringende Frau. Kassandra ist nicht mehr die schöne Seherin, für die der Gott selbst in Liebe entbrennt, und der ein Fluch auferlegt ist; Andromache, Stammutter künftiger Könige, ist hier nicht Heroine, sondern empfindend, leidenschaftlich, außer sich. Alles ist klar, alles ist durchsichtig, alles ist menschlich – auch das Schauderhafte eines Beauftragten wie Talthybios, dessen scheinbare Rücksichtnahme nur dem reibungslosen Vollzug dient. Seine Sentimentalität ist Ausdruck seiner Brutalität: Er weist auf den Typus Eichmann voraus. So ist alles auf Zeugenschaft, Zeitgenossenschaft angelegt.

Tatsächlich ist dies Zeitgenössische immer als Absicht des Euripides gesehen worden. Die trojanische Trilogie, deren Schlußstück wir vor uns haben, wurde im Frühjahr 415 v. Chr. in Athen aufgeführt. Euripides hat sie wohl ein Jahr früher, 416 v. Chr., konzipiert und geschrieben. So jedenfalls vermutet Gilbert Murray, der die Absichten des Dichters mit der Eroberung der Insel Milo (Melos) durch die Athener in diesem Jahr in Verbindung bringt. Thukydides berichtet darüber im sechsten Buch seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges, und dieser Bericht ist berühmt, denn der Historiker fügte den (fiktiven) Dialog zwischen den athenischen Gesandten und dem Rat der Melier in den Bericht ein. Darin arbeitet er klar die Prinzipien reiner Machtpolitik und schamlosen Raubkriegs heraus, die hier von den Athenern vorgetragen und vertreten werden. Der Bericht bei Thukydides schließt: „Sie (die Athener) brachten alle Männer zu Tode, die sie im mannbaren Alter fanden, die Frauen und Kinder machten sie zu Sklaven. Und sie sandten später fünfhundert Kolonisten aus und nahmen das Land in Besitz.“ – Hier wird auf die knappste Formel gebracht, was keineswegs ungewöhnlich für die Kriegsführung der damaligen Zeit war. Schockierend mußte jedoch wirken, was Euripides unternahm, nämlich den Athenern mit dem Ende Trojas die Besiegten, die kaum noch Überlebenden, grausam Gedemütigten vorzuführen. Alles, was Mitleid und Empörung wecken konnte, wurde eingesetzt: die elend auf Steinen liegende Königin, die vergeblich ihre Töchter und Enkel zu retten versucht, die sie zuletzt als zerschmetterten Leichnam notdürftig und unwürdig bestatten muß; die gefangenen Frauen in ihrer Schutzlosigkeit und Verzweiflung und in ihrer ständig getäuschten Hoffnung. Wie schneidend muß dem denkenden, fühlenden Athener der Wunsch der zur Deportation Bestimmten geklungen haben, doch ja ins „glückliche, gerechte Athen“ verbracht zu werden! War Athen noch gerecht?

Athen rüstete zur selben Zeit, in der Euripides seine Tragödie schrieb, die Flotte zum Raubzug gegen Sizilien aus. Es war der größte Rüstungsaufwand, die größte Kriegsanstrengung, die Athen bis dahin in der Auseinandersetzung mit Sparta ...

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