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Schicksalsstunden am Fürstenhof

Johanna Theden

Schicksalsstunden am Fürstenhof

1. KAPITEL

Die Runde im Büro schwieg noch immer. Gerade hatte Charlotte verlangt, dass Barbara den Direktorenposten räumte, wenn Markus Zastrow zweiter Geschäftsführer werden sollte.

„Ich soll für deinen Sohn Platz machen?“, fragte Barbara schließlich sichtlich entsetzt. Über Werners Gesicht ging ein Schmunzeln.

„Ich halte es für die vernünftigste Lösung“, erklärte Charlotte.

„Das ist absurd!“, empörte sich Barbara. „Ich habe einen Vertrag!“ Sie wandte sich direkt an Götz. „Was sagst du denn zu dieser Unverschämtheit?“ Bevor er etwas entgegnen konnte, hatte Charlotte schon wieder das Wort ergriffen.

„Wir haben vor allem aus wirtschaftlichen Gründen keine andere Wahl. Nach wie vor sind wir ein Familienhotel und keine große Kette.“ Und der Fürstenhof brauchte keine zwei Direktoren, wenn es zwei Geschäftsführer gab. „Sie müssen also wissen, wer Ihnen wichtiger ist“, meinte Charlotte mit Blick zu Götz. „Ihr Sohn oder Ihre Lebensgefährtin. Es ist Ihre Entscheidung.“

„Götz wird sich keinesfalls auf diesen Schwachsinn einlassen!“, giftete Barbara. „Wenn Sie glauben, mit diesem lächerlichen Vorschlag einen Keil zwischen uns treiben zu können, haben Sie sich geirrt!“ Sie sah Götz durchdringend an, zog ihn am Arm von seinem Stuhl und verließ mit ihm das Büro.

„Charlotte, ich entdecke immer wieder neue Seiten an dir.“ Werner zwinkerte seiner Exfrau zu. „Und ich muss sagen, sie gefallen mir außerordentlich.“

„Ich fühle mich in der Rolle der Erpresserin alles andere als wohl“, seufzte Charlotte. „Aber offenbar kann man Barbara von Heidenberg nur mit ihren eigenen Waffen schlagen …“

„Du hättest ruhig energischer auftreten und die beiden Möchtegern-Saalfelds in ihre Schranken weisen können“, fauchte Barbara wütend, als sie mit Götz in ihrer Wohnung ankam. Doch der ignorierte ihren Vorwurf und rieb sich seufzend das offenbar schmerzende Kreuz.

„Wir können uns glücklich schätzen, dass Charlotte Saalfeld nicht per se gegen Markus’ Einstellung gestimmt hat“, meinte er dann. „Mir ist es sehr wichtig, Markus hier zu halten. Er muss den Geschäftsführerposten unbedingt bekommen.“

„Und es wird dir auch gelingen, das durchzusetzen.“ Barbara heuchelte Verständnis.

„Du glaubst doch selbst nicht, dass die Saalfelds von ihrer Haltung abrücken?!“ Götz schüttelte missmutig den Kopf.

Barbara schlug vor, Markus eine anderweitige Arbeit zu verschaffen.

„Als Page oder Stallbursche etwa?“

„Er ist dein Sohn. Er findet auch ohne dein Zutun eine adäquate Stelle.“ Aber Götz wollte Markus unbedingt helfen und ihm eine Perspektive bieten. Barbara sah ihre Felle davonschwimmen.

„Heißt das, du opferst mich?“, fragte sie drohend.

„Er war ein halbes Jahr eingesperrt, musste fast elf Jahre auf der Flucht verbringen“, verteidigte Götz sich hilflos. „Ich bin es Markus schuldig.“ Nun war Barbara aufs Höchste alarmiert. Aber noch konnte sie sich trotz allem nicht vorstellen, dass Götz sie wirklich zwingen würde, ihren Posten als Direktorin zu räumen …

Eva bedankte sich bei Robert dafür, dass er auf Valentina aufgepasst hatte, während sie beim Arzt gewesen war. Und natürlich wartete sie auf eine Frage von ihm, wie die Untersuchung verlaufen war. Aber die kam spät und auch nur sehr zögerlich.

„Der Arzt ist zufrieden“, erklärte Eva. „Die Schwangerschaft verläuft völlig normal.“ Sie fragte, ob er das Ultraschallbild sehen wollte. Er nickte, also holte sie es aus ihrer Tasche. „Außer einem Punkt ist natürlich noch nichts zu erkennen.“ Aber für Eva war es der schönste Punkt der Welt. Robert betrachtete das Ultraschallbild mit gemischten Gefühlen. „Es geht mir gut“, sagte sie einfühlsam. „Mir wird nichts passieren.“

„Bei Miriam verlief die Schwangerschaft auch ganz normal“, murmelte er, straffte dann aber den Rücken. „Du hast recht. Es wird nichts passieren.“ Und dann ging er ins Kinderzimmer zu seiner Tochter. Enttäuscht blickte Eva ihm nach. Ein bisschen mehr Euphorie hatte sie sich schon von ihm gewünscht …

Sie machte einen Spaziergang durch den Park und dachte dabei an das Baby, das sie erwartete. Sie war so froh darüber, dass es ihm gut ging. Noch schöner wäre es allerdings, wenn Robert ihre Freude teilen könnte. Aber da musste sie wohl noch viel Geduld aufbringen … Sie setzte sich auf eine Bank und holte noch einmal das Ultraschallbild heraus.

„Ich freue mich jedenfalls auf dich, du kleiner Punkt“, sagte sie liebevoll. Da sah ihr plötzlich von hinten Markus über die Schulter.

„Genauso bezaubernd wie die Mama“, meinte er. Überrascht drehte sie sich zu ihm um.

„Du wärst der erste Mann, der auf Anhieb etwas auf einem Ultraschallbild erkennen kann.“ Er gab sich gespielt empört. Und deutete dann aufs Geratewohl irgendwohin.

„Hier ist es!“ Natürlich war das nicht der Punkt, um den es sich handelte.

„Das ist das Baby.“ Lächelnd zeigte Eva auf die richtige Stelle. „Der kleine Punkt.“ Markus setzte sich neben sie und betrachtete gerührt das Ultraschallbild.

„Es wird mit Sicherheit ein wunderschönes Kind“, sagte er ernst. „Wo es schon so ein süßer schwarzer Fleck ist.“ Eva hatte es schon früher so sehr an ihm gemocht, dass er immer die richtigen Worte fand, wenn man sie brauchte. „Alles eine Frage der Inspiration.“ Seine Anwesenheit tat ihr sichtlich gut. „Und was sagt der Arzt? Läuft alles gut, oder macht dein Nachwuchs schon im Bauch Randale?“

„Alles in Ordnung.“ Er tat so, als würde er direkt zu ihrem Bauch sprechen.

„So ist es brav“, lobte er. „Und du machst der Mama auch weiterhin keine Sorgen, hörst du?“ Er legte vorsichtig ein Ohr an Evas Bauch. „Es hat mir gerade versprochen, sich anständig zu benehmen“, erklärte er dann. „Und dafür werden wir es mit Pauken und Trompeten empfangen!“ Eva war so gerührt, das sie nicht sprechen konnte. Genau so eine Reaktion hatte sie sich eigentlich von Robert erhofft. Und nun teilte Markus ihre Vorfreude, obwohl er nicht einmal der Vater des Kindes war …

„Als ich gefangen war und später auf der Flucht …“ Eva und Markus spazierten inzwischen nebeneinanderher. „Da habe ich mir immer ausgemalt, wie das wäre – eine große Familie mit dir …“

„Wie groß?“, hakte sie amüsiert nach.

„Vier bis sechs kleine Evas“, antwortete er.

„Du bist verrückt.“ Sie lachte.

„Ich liebe Kinder!“, rief er enthusiastisch. „Je mehr, desto besser.“

„Wenn Robert das nur auch so sehen würde!“, seufzte Eva. Markus horchte auf.

„Ich dachte, er will zu dem Kleinen stehen?“, meinte er. Aber nach Evas Gesicht zu urteilen, freute sich Robert Saalfeld noch immer nicht auf das Baby.

„Das ist alles nicht so einfach.“ Eva zögerte, bevor sie weitersprach. Aber es tat ihr gut, sich jemandem anzuvertrauen. „Robert und ich … Auch wenn wir ein Kind miteinander haben … Ich sehe für uns keine gemeinsame Zukunft mehr.“

„Wieso?“ Markus war ehrlich erstaunt.

„Er und Lena – zwischen den beiden läuft was.“ Markus wollte widersprechen – schließlich wusste er ja, dass das nicht stimmte. Aber er brachte es nicht übers Herz.

„Lass dir die Freude auf dein Baby nicht verderben“, riet er also nur.

„Tue ich nicht“, versprach Eva tapfer und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

„Eva glaubt, Robert und du wärt ein Paar.“ Lena spürte sofort das schlechte Gewissen in sich hochsteigen, als sie das von ihrem Bruder erfuhr. Immerhin hatte sie Robert Evas Brief vorenthalten, den sie im Papierkorb fand.

„Was ja nicht unbedingt von Nachteil für dich ist“, sagte sie dann zu Markus.

„Was aber auch nicht der Fall ist, oder?“ Bedrückt schüttelte Lena den Kopf. Robert war sehr lieb zu ihr. Aber er blieb auf Abstand – wahrscheinlich wegen Eva. „Die zwei hängen noch sehr aneinander“, bestätigte Markus seufzend. „Wenn Robert von Evas Brief wüsste …“ Er fühlte sich gar nicht wohl dabei, Eva zu hintergehen. Und auch Lena wusste, dass ihr Verhalten alles andere als korrekt war.

„Aber so haben wir beide eine Chance. Du auf deine große Liebe und ich auf den einzigen Mann, der mich begeistern könnte.“ War es nicht wenigstens einen Versuch wert?

„Gefühle kann man nicht erzwingen“, sagte Markus.

„Was heißt erzwingen?“ Eva und Markus hatten sich schließlich früher sehr geliebt. Und warum sollten die alten Gefühle nicht wieder zurückkehren?

„Wir haben uns geküsst“, gestand Markus da. „Aber ich weiß nicht, ob es eine Mogelpackung war. Vielleicht hat Eva nur deshalb Interesse an mir, weil sie glaubt, Robert an dich verloren zu haben.“

„Und ich gebe die Lückenbüßerin für Robert, damit er sich von Eva ablenken kann“, ergänzte Lena geknickt. Eine positive Ausgangssituation sah definitiv anders aus.

Tanja begleitete Nils nachmittags in den Fürstenhof – er sollte von dort aus mit Chandana nach Frankfurt reisen. Und es fiel Tanja nicht leicht, ihn fahren zu lassen. Immerhin hatte er ihr gestanden, dass die Reize der Sängerin ihn nicht kaltließen. Aber sie gab sich Mühe, sich ihre Sorge und ihre Eifersucht nicht anmerken zu lassen. Und begegnete sogar Chandana einigermaßen freundlich. Nils versprach, sie gleich anzurufen, wenn er in Frankfurt angekommen war.

Jacob wusste nicht mehr ein noch aus. Er mochte Dr. Niederbühl und wollte den Arzt weder hintergehen noch verletzen. Aber er konnte sich Rosalie einfach nicht aus dem Kopf schlagen. Und er sah keine andere Möglichkeit, als ihr doch noch zu sagen, was er in Wirklichkeit fühlte.

„Ich hasse mich dafür, aber …“ Er blickte ihr in die Augen. „Ich kann nichts dagegen tun. Ich bin total verliebt in dich.“ Sein Geständnis überwältigte sie sichtlich.

„Aber du wolltest das mit uns doch beenden“, meinte sie hilflos. „Deine Skrupel Michael gegenüber …“

„Die habe ich nach wie vor, aber …“ Er wand sich unter ihrem Blick. „Gegen meine Gefühle komme ich einfach nicht an.“ Zärtlich strich sie ihm mit der Hand über die Wange. Sie waren im Stall, und es gab hier niemanden, der sie beobachten konnte.

„Weißt du, warum ich über deinen Rückzug so verletzt war?“, fragte sie leise. „Weil du inzwischen viel mehr für mich bist als eine Affäre …“

„Wie soll das nur weitergehen?“

Das wusste auch Rosalie nicht. Langsam wurde ihr alles zu viel. Ja, sie empfand etwas für Jacob.

„Aber ich liebe auch Michael.“ Ihr war, als würden ihre Gefühle die ganze Zeit Achterbahn fahren. „Normalerweise bin ich jemand, der genau weiß, was er will. Aber diesmal …“ Sie konnte sich selbst nicht mehr trauen. „Meine Zuneigung zu dir … Vielleicht verwechsele ich sie nur mit Panik vor der Ehe?“ Jacob machte plötzlich einen sehr verletzten Eindruck.

„Alles klar“, knurrte er. „Ich hab’s kapiert. Du bereust es, dich auf mich eingelassen zu haben.“

„Das ist nicht wahr!“, protestierte sie. Niemals hatte sie ihn verletzen wollen. „Du bedeutest mir sehr viel. Ich möchte nur, dass du weißt, wie es in mir aussieht.“ Und sosehr es sie auch schmerzte – sie mussten das Ganze beenden. „Bevor wir Michael auch noch wehtun.“

„Das ist wohl das Vernünftigste“, flüsterte Jacob voller Bitterkeit. Rosalie näherte sich ihm und gab ihm einen zärtlichen Kuss.

„Ich werde die Zeit mit dir nie vergessen“, hauchte sie dann und ging schnell davon. Zwischen Hoffen und Bangen schaute er ihr nach.

„Verrätst du mir dein Geheimnis?“ Markus saß abends bei einem Grog an der Bar, als neben ihm auf einmal Barbara erschien. „Wie hast du es geschafft, Charlotte Saalfeld auf deine Seite zu ziehen?“ Verständnislos sah er sie an. Sein Vater hatte ihm nichts von Frau Saalfelds Forderung erzählt – natürlich wollte Götz seinen Sohn schützen. Aber Barbara informierte Markus nun darüber, dass Charlotte sie als Direktorin absetzen würde, wenn Markus Geschäftsführer wurde.

„So knallhart hätte ich sie nie eingeschätzt“, wunderte er sich.

„Selbstverständlich verkauft sie das als Akt der Friedensstiftung am Fürstenhof“, meinte Barbara voller Verachtung. „Ihr Gerechtigkeitssinn kennt ja keine Grenzen.“

„Daran ist nichts auszusetzen“, fand er. Sie zuckte die Schultern.

„Diese Dame und mich verbindet seit Jahren eine herzliche Abneigung. Sie sucht ständig eine Gelegenheit, mir zu schaden. Weil ich ihre Nachfolgerin bei Werner war.“ Markus verzog das Gesicht. Da war es ja wohl kein Wunder, dass Charlotte Saalfeld Barbara absetzen wollte. „Der Punkt ist, dass sie damit deinen armen Vater in ein Dilemma bringt. Götz steht vor der Wahl, sich zwischen dir und mir zu entscheiden.“ Markus war ehrlich betroffen. Das hatte er natürlich niemals gewollt. „Charlotte Saalfeld ist raffiniert“, fuhr Barbara berechnend fort. „Aber vielleicht kommt dir das Ganze ja auch gelegen. Wenn Götz mich in den Wind schießt, müsstest du kein schlechtes Gewissen mehr haben. Immerhin hast du die Frau deines Vaters verführt.“

„Du warst an unserer gemeinsamen Nacht nicht ganz unbeteiligt“, entgegnete Markus, der sich bei diesem Thema sichtlich unwohl fühlte. „Unabhängig davon möchte ich meinem Vater natürlich keinen Kummer bereiten.“

„Das möchte ich ebenso wenig“, behauptete sie.

„Also?“ Die beiden musterten sich angespannt.

„Wie kommt es, dass du, seit du hier aufgetaucht bist, überall für Unfrieden sorgst?“, zischte Barbara dann und stöckelte davon.

Inzwischen war es Stunden her, dass Nils nach Frankfurt abgereist war. Und er hatte sich noch immer nicht bei Tanja gemeldet – obwohl er längst angekommen sein musste. Wenn sie es bei ihm versuchte, meldete sich nur seine Mailbox, er hatte das Handy offenbar ausgestellt. Tanja wurde immer nervöser. Nicht einmal Hildegard gelang es, sie zu beruhigen. Und schließlich hielt das Zimmermädchen es nicht mehr aus. Sie schnappte sich den Generalschlüssel und verschaffte sich damit Zugang zur Fürstensuite. Sie suchte nach Indizien dafür, dass Nils und Chandana doch schon eine Affäre miteinander begonnen hatten.

Alles, was sie fand, waren nur handgeschriebene Songtexte, in denen es um eine unglückliche, unerwiderte Liebe ging.

„Wusste ich es doch!“, zischte Tanja. „Jetzt schreibt die blöde Kuh schon ein Lied für ihn, damit sie ihn rumkriegt.“ Im Affekt fegte sie den ganzen Papierstapel vom Tisch. Dabei kippte sie auch eine Blumenvase um. Das Wasser ergoss sich auf die Blätter mit den Texten – die Tintenschrift verlief. Erschrocken betrachtete Tanja das Chaos, das sie angerichtet hatte. Aber letztlich war Chandana selbst schuld, fand sie. Unbemerkt verließ sie die Fürstensuite wieder.

Kurz darauf klingelte Tanjas Handy, und Nils meldete sich. Der Flieger hatte Verspätung gehabt, und dann hatte es gleich einen großen Empfang gegeben, bei dem die Handys ausgeschaltet werden mussten.

„Aber jetzt bin ich endlich in meinem Hotelzimmer und freue mich aufs Bett.“ Im Hintergrund waren Stimmen zu hören. Frauenstimmen.

„Trefft ihr euch heute Abend nicht mehr?“, fragte Tanja lauernd.

„Ich habe mich ausgeklinkt“, antwortete Nils. „Ich mache mir einen gemütlichen Abend.“ Sie verabschiedeten sich, und Tanja legte auf. Sie war inzwischen so hysterisch, dass sie ihrem Mann kein Wort glaubte. Er hatte sie einfach nicht anrufen wollen. Und jetzt ging er ganz bestimmt nicht allein ins Bett! Sie dachte gar nicht daran, sich von Nils für dumm verkaufen zu lassen …

Markus hatte seinen Vater aufgesucht und ihm erklärt, dass er auf den Geschäftsführerposten verzichten würde, falls dies Götz’ Beziehung zu Barbara belasten würde. Götz war sauer, dass Barbara seinen Sohn in die Sache hineingezogen hatte.

„Natürlich ist sie nicht begeistert“, sagte er. „Aber mach dir keine Sorgen – wir finden etwas anderes für sie.“

„Es hat auch noch andere Gründe“, erwiderte Markus. „Ich bekomme langsam eine Vorstellung davon, wie sehr alte Geschichten hier das Miteinander der Leute prägen. Und es scheinen besonders bösartige Verflechtungen zu sein.“

„Teilweise wird mit harten Bandagen gekämpft“, räumte Götz ein. „Aber du würdest frischen Wind hereinbringen.“ Markus stöhnte leise auf. Die Nacht, die er mit Barbara verbracht hatte, belastete ihn schwer. Aber das konnte er seinem Vater ja schlecht sagen. „Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass du so viele Jahre deines Lebens verloren hast“, fuhr Götz fort. „Und deine Liebe.“ Markus hatte ihn nie dafür verantwortlich gemacht, aber sein Vater wollte trotzdem eine Chance, das Ganze zumindest ein bisschen wiedergutzumachen. „Außerdem würde es dir vielleicht gelingen, die Fronten hier am Fürstenhof aufzulösen.“ Aber das konnte sich Markus kaum vorstellen. Sein schwieriges Verhältnis zu Robert Saalfeld war nicht gerade dazu geeignet, im Hotel Frieden zu stiften.

„Ich will nicht zwischen die Fronten geraten“, erklärte er entschieden. „Deshalb suche ich mir eine andere Arbeit. Trotzdem danke für deine Bemühungen. Ich weiß das zu schätzen.“

Robert war am nächsten Morgen ausgesprochen schlechter Laune. Er ging davon aus, dass Markus Zastrow nun doch Geschäftsführer im Hotel werden würde. Und das nahm Robert seiner Mutter ausgesprochen übel – er empfand es so, als wäre Charlotte ihm in den Rücken gefallen. Die blieb jedoch hart. Wenn er sich Eva Krendlinger gegenüber klar verhalten hätte, müsste er auch keine Angst vor Markus Zastrow haben, meinte sie.

„Wann ist die Entscheidung denn gefallen?“, wunderte sich Eva, die noch gar nicht mitbekommen hatte, dass Markus tatsächlich in die Geschäftsführung einsteigen wollte. „Er hat mir gar nichts davon gesagt.“

„Du hast ihn getroffen?“, knurrte Robert. „Blöde Frage, klar, du triffst ihn ja ständig. Du bist ja der Grund, warum er hier ist.“

„Was soll das, Robert?“, erwiderte sie gereizt.

„Toll für dich“, schnaubte er. „Wenn er jetzt auch noch hier arbeitet … Geschäftsführer ist natürlich etwas anderes als Koch …“

„Drehst du jetzt völlig durch?“, empörte sie sich.

„Wenn ich mir vorstelle, wie er dich anbaggert, könnte das schon passieren“, polterte er.

„Es geht nicht um Markus!“, rief sie. „Es geht um uns beide!“

„Was genau läuft zwischen euch beiden?“ Robert durchbohrte sie mit seinem Blick.

„Du hast kein Recht, mich das zu fragen“, setzte sich Eva zur Wehr. „Ich frage dich ja auch nicht, wie ernst es dir mit Lena ist.“

„Mit Lena?“, wiederholte er irritiert. Aber da war sie schon aus der Wohnung gestürmt.

2. KAPITEL

„Wir müssen etwas besprechen. Bevor die Saalfelds gleich kommen.“ Barbara und Götz waren schon im Büro. Und Barbara war sich sicher, dass sie ihren Lebensgefährten wieder zur Vernunft gebracht hatte. Er würde sich niemals von Charlotte Saalfeld erpressen lassen. „Du weißt, dass ich dich liebe“, sagte er nun. „Und ich hoffe sehr, dass meine Entscheidung privat nichts zwischen uns ändert.“

„Ich warne dich.“ Eine drohende Falte war auf Barbaras Stirn erschienen. Sie ahnte, worauf er hinauswollte. Aber das würde sie niemals mit sich machen lassen.

„Ich werde auf Frau Saalfelds Forderung eingehen“, erklärte er da auch schon. „Markus wird mit sofortiger Wirkung Geschäftsführer neben Frau Engel.“

„Das ist Verrat!“, zischte sie. „Du verrätst deine Lebenspartnerin!“

„Ich habe keine Wahl“, verteidigte er sich mit ehrlichem Bedauern. „Ich hoffe, du kannst mich verstehen.“ Am liebsten wäre sie auf ihn losgegangen, doch da kamen auch schon Charlotte und Werner herein.

„Haben Sie ihre Entscheidung getroffen?“, fragte Charlotte Götz ohne Umschweife. Der nickte.

„Wir sind mit Ihrem Vorschlag einverstanden.“

Werner begann zu grinsen.

„Eine kurze Karriere“, meinte er zu Barbara, die ihn hasserfüllt anfunkelte. „Eiserne Geschäftsregel: Unnötigen Ballast loswerden!“ Sie verkniff sich eine Entgegnung und verließ wortlos das Büro.

„Das Formale erledigen wir später.“ Eilig folgte Götz seiner Lebensgefährtin.

„Schach und Matt. Gratuliere.“ Der Senior bedachte seine Exfrau mit einem zufriedenen Lächeln. Zwar waren sie Barbara noch nicht endgültig los, aber immerhin hatte sie jetzt im Fürstenhof nichts mehr zu sagen. „Ich hoffe nur, dass wir mit Markus Zastrow nicht vom Regen in die Traufe kommen …“

„Nun mach bitte kein Drama daraus!“ Aber Barbara dachte gar nicht daran, sich beruhigen zu lassen.

„Du lässt mich fallen, und ich soll das freundlich lächelnd hinnehmen?“, fauchte sie. „Wie konntest du mich vor diesem Saalfeld-Pack nur derart demütigen?!“ Werners Grinsen hatte ihr besonders zugesetzt.

„Versteh doch: Ich bin es Markus schuldig.“ Sie konnte das langsam nicht mehr hören.

„Ich habe dich in allem unterstützt.“ Vor Wut überschlug sich beinahe ihre Stimme. „Und das ist jetzt der Dank?“

„Auch ohne den Posten der Direktorin bist du immer noch die Frau an meiner Seite“, entgegnete er.

„Die dich in Zukunft um jeden Cent anbetteln muss?“ Sie schnaubte. „Das könnte dir so passen!“ Er versprach ihr eine Abfindung, aber sie hörte kaum zu. Sie war außer sich vor Zorn. Und das führte bei Barbara meist zu gemeinen Intrigen …

Dennoch setzte Götz seinen Sohn telefonisch darüber in Kenntnis, dass seiner Karriere als Geschäftsführer am Fürstenhof nun nichts mehr im Wege stand. Und Markus glaubte seinem Vater sogar, dass Barbara freiwillig den Rückzug angetreten hatte. Er freute sich mehr, als er zugeben wollte. So hatte er eine Zukunft im Hotel und würde in Evas Nähe bleiben können …

Auch sie reagierte ehrlich erfreut, als er ihr die Neuigkeit überbrachte.

„Das müssen wir feiern!“, rief sie. „Heute Abend?“ Begeistert willigte er ein, wurde dann aber wieder ernst.

„Da gibt es allerdings noch etwas, das ich dir sagen muss.“ Sie runzelte die Stirn. „Du weißt, was ich für dich empfinde und dass ich mir nichts mehr wünsche, als dass du uns eine Chance gibst. Aber ich möchte kein Notnagel sein. Deshalb musst du unbedingt etwas wissen: Lena und Robert haben nichts miteinander.“ Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er gerade gesagt hatte. Und sofort regte sich ihr schlechtes Gewissen: Immerhin hatte sie Robert wegen Lena Vorwürfe gemacht! Dabei war er nur als guter Freund für sie da gewesen.

„Danke, dass du so ehrlich zu mir bist“, sagte sie gerührt. „Ausgerechnet du versuchst, Robert und mich wieder zusammenzubringen.“

„Das tue ich nicht“, protestierte Markus. „Ich hoffe immer noch, dass du dich für mich entscheidest. Aber nicht aufgrund von Lügen und Missverständnissen, sondern weil du es wirklich willst …“

Sie hatte sich von Markus verabschiedet, um die Sache so schnell wie möglich mit Robert klären zu können. Und der reagierte ausgesprochen erleichtert, als er begriff, welchem Missverständnis Eva die ganze Zeit aufgesessen war.

„Hättest du nur etwas gesagt“, seufzte er. „Die Eifersucht und den Stress hätten wir uns wirklich sparen können.“ Er zog sie zu sich und nahm sie in den Arm. „Das darf uns nicht mehr passieren, hörst du? Das nächste Mal sagst du bitte gleich, was dich quält.“ Er wollte sie küssen, doch sie wich ihm aus. „Gibt es sonst noch etwas? Sag es mir, du kannst mir alles sagen. Hauptsache, wir sind wieder zusammen.“

„Sind wir das? Robert, ich fürchte, so einfach ist es nicht …“ Sie löste sich von ihm und verließ verwirrt und beschämt die Wohnung. Überfordert blieb er zurück. Das konnte nichts Gutes bedeuten …

Was war das nur für ein dummes Missverständnis gewesen?, dachte Eva derweil. Wenn sie nicht alles falsch verstanden hätte, wäre sie längst wieder mit Robert zusammen. Dann würde sie mit ihm und Valentina zusammenleben. Und dann hätte sie auch Markus nie geküsst … Aber sie hatte ihn geküsst. Und es war wunderschön gewesen. Was sollte sie jetzt bloß tun?

Lena war natürlich alles andere als begeistert, als ihr Bruder ihr gestand, Eva die Wahrheit gesagt zu haben. Gegen Eva hatte sie keine Chance, das wusste Lena. Und dabei war es zwischen ihr und Robert gerade so gut gelaufen.

„Es ist besser so“, argumentierte Markus. „Ich habe keine Lust auf Heimlichtuerei und Lügen.“

„Ich habe keinen angelogen“, verteidigte sich Lena. „Ich mag Robert. Sehr sogar.“

„Wenn du sicher bist, dass es sich lohnt, dann kämpf um ihn.“ Markus’ Liebe zu Eva hatte elf Jahre überlebt. Und sie war auch stark genug, um Robert Saalfeld zu überleben. Davon war er überzeugt. Aufgeben kam nicht infrage. Zumindest noch nicht.

Nils war mit einem früheren Flieger als Chandana und der Rest der Mannschaft zurückgekommen. Er hatte Sehnsucht nach Tanja gehabt. Und wunderte sich nun umso mehr darüber, dass sie ihn reserviert und unterkühlt begrüßte.

Doch als Chandana ihn später am Vormittag in die Fürstensuite bestellte, regte sich eine böse Ahnung in ihm. Denn die Sängerin war vollkommen verzweifelt: In ihrer Abwesenheit war jemand in die Suite eingedrungen und hatte ihre neuen Songtexte zerstört! Sie hatte sie nur per Hand geschrieben, es gab nirgendwo eine Kopie der Texte!

„Das kriege ich nie wieder so hin!“, klagte sie. Und es waren im Ganzen zwölf Songtexte gewesen. Für alle Lieder ihrer neuen CD. Ganz abgesehen davon war sie sich sicher, dass es kein Unfall gewesen war. Jemand hatte die Vase mit Absicht umgeworfen …

„Ich muss mit dir reden.“ Nils sah keine andere Möglichkeit, als Tanja zur Rede zu stellen. Aber sie stritt zunächst ab, auch nur das Geringste mit Chandanas zerstörten Songtexten zu tun zu haben. Trotzdem ließ Nils nicht locker. „Warst du in der Fürstensuite und hast die Texte vernichtet?“ Tanja fühlte sich gewaltig unter Druck. Sie hasste es zu lügen. Doch in dieser Situation wusste sie keinen anderen Ausweg. Also überzeugte sie ihren Mann schließlich davon, dass sie unschuldig war. Und machte Nils sogar noch ein schlechtes Gewissen, weil er sie überhaupt verdächtigt hatte …

Chandana setzte inzwischen Himmel und Hölle in Bewegung. Sie brauchte einen Schuldigen für diesen Vorfall. Ohne die Texte würde sie niemals rechtzeitig mit dem neuen Album fertig werden. Und sie hatte Verträge einzuhalten. Wenn sich also niemand fand, der für die Zerstörung ihrer Songtexte verantwortlich war, würde sie das Hotel verklagen …

Rosalie hatte eine Anprobe gehabt. Die Stylistin aus München, die sie für die Hochzeit engagiert hatte, war mit einem Brautkleid, das Rosalie anprobieren sollte, in den Fürstenhof gekommen. Sie hatte es angezogen und war damit ans Balkonfenster getreten. Und genau in diesem Moment war unten Jacob vorbeigegangen. Wie erstarrt war er stehen geblieben und hatte sie sekundenlang angeschaut.

Kaum hatte die Stylistin sich verabschiedet, klopfte es an Rosalies Wohnungstür. Sie öffnete, und Jacob stand vor ihr.

„Du hast so wunderschön ausgesehen in deinem Brautkleid“, flüsterte er. „Verzeih mir, aber …“ Seine Augen waren voller Sehnsucht. Und Rosalie konnte nicht länger an sich halten. Sie zog ihn in die Wohnung und küsste ihn voller Hingabe.

Auf dem Sofa hatten sie miteinander geschlafen, nun hielt Jacob Rosalie noch immer zärtlich im Arm.

„Ich möchte keine heimliche Affäre mehr sein“, flüsterte er. Sie sah ihn fragend an. „Jeder soll wissen, dass wir zusammengehören.“

„Du weißt doch, das geht nicht“, erwiderte sie.

„Wieso eigentlich nicht?“, hielt er dagegen. „Du möchtest mit mir zusammen sein. Gleichzeitig deinen Verlobten aber nicht ständig hintergehen. Wenn von deiner Seite keine Gefühle im Spiel wären, wäre das hier nicht passiert. Also gibt es nur eine Lösung: Trenn dich von Michael!“ Sie war vollkommen überrumpelt, aber er blieb bei seiner Forderung. Er würde es nicht länger ertragen können, wenn er sie weiterhin nur heimlich treffen durfte. Und er wollte, dass Rosalie zu ihm stand und sie eine Zukunft miteinander hatten …

Es war ihm nicht verborgen geblieben, dass Rosalie vollkommen überfordert war mit dem, was er da verlangte. Und so suchte Jacob Rat bei seiner Schwester.

„Darf ich dich mal was fragen? So von Mann zu Frau?“ Eva nickte. „Bei einem Mann, ist es dir da eigentlich wichtig, ob er viel Kohle hat, einen tollen Beruf, großes Auto und so was?“

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ Sie lachte.

„Wirklich nicht?“, hakte er nach.

„Fragst du das jetzt mich oder Rosalie?“ Jacob schwieg ertappt. Aber es war klar, dass eine Frau, die so viel Wert auf einen gehobenen Lebensstil legte, eigentlich nicht für einen Stallburschen geschaffen war. „Ich dachte, du wolltest die Sache mit ihr endlich beenden?“

„So einfach geht das nicht“, brummte Jacob und gestand seiner Schwester dann, dass er Rosalie vor die Wahl gestellt hatte: der Doktor oder er.

„Du hast verlangt, dass sie sich von ihm trennt? Jacob, die beiden wollen heiraten!“ Das wusste er selbst.

„Ist ja gut. Rosalie wird sich sowieso nie für mich entscheiden.“

„Warum?“, fragte Eva. „Weil du nicht so viel Geld hast?“ Er bejahte unglücklich. „Sie verdient doch selbst ganz gut.“ Aber Eva wusste auch, dass das kein Argument war. „Gut, die Sache ist kompliziert“, gab sie zu. „Aber auch für Frau Engel. Immerhin muss sie sich zwischen zwei Männern entscheiden.“ Was im Übrigen auch für Eva galt, aber das sprach sie nicht aus.

„Es wird ihr nicht schwerfallen“, fürchtete Jacob.

„Und wenn schon! Auf Dauer wirst du mit so einem Luxuspüppchen sowieso nicht glücklich.“ Aber das konnte Jacob im Augenblick wenig trösten.

Um den Zorn von Barbara ein bisschen zu beschwichtigen, hatte Götz aus München eine sündhaft teure Halskette kommen lassen.

„Das ist die teuerste Beleidigung, die ich je bekommen habe!“, schimpfte sie und pfefferte den Schmuck in eine Ecke. „Glaubst du im Ernst, mit ein bisschen Glitzerzeug kannst du alles wiedergutmachen?! Du hast mich vor allen bloßgestellt. Aber das wirst du bereuen, das verspreche ich dir!“

Die Demütigungen für Barbara nahmen allerdings noch kein Ende. Denn André ließ sie genüsslich wissen, dass sie nun nicht mehr kostenlos im Restaurant speisen könnte – dieses Privileg hatte ihr nur als Direktorin zugestanden. Jetzt musste sie zahlen, wie alle anderen Gäste auch.

Rosalie hatte nicht die geringste Lust, sich mit der blöden Geschichte von Chandanas zerstörten Songtexten zu beschäftigen. Und sie witterte eine Chance, ihrem neuen Kollegen Markus Zastrow gleich an seinem ersten Arbeitstag das Leben schwer zu machen. Also beauftragte sie ihn damit, den „Fall“ zu lösen. Und Markus machte sich gewissenhaft ans Werk und sprach mit allen Mitarbeitern, die Zugang zur Fürstensuite gehabt hatten.

Rosalie traf unterdessen auf Barbara und sagte ihr, dass es ihr leidtat, zu hören, dass Frau von Heidenberg als Direktorin entlassen worden war.

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