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Schicksalsnächte auf Sizilien

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1. KAPITEL

Zach Scott hatte nichts für Feiern über. Nicht mehr …

Früher war er der Mittelpunkt jeder Party gewesen, doch das war über ein Jahr her. Zach runzelte die Stirn und vergrub die Hände in den Taschen seiner Smokinghose. Mit einer Freundin nach Sizilien zu kommen, um einem Hochzeitsempfang beizuwohnen, war ihm als leichte Übung erschienen. Wie sich herausstellte, fand die Hochzeit dann gar nicht statt, auf die Feier wollte man aber trotzdem nicht verzichten.

So stand er also im festlich geschmückten Ballsaal des Corretti Flagship Hotels in Palermo und überlegte, wohin Taylor Carmichael verschwunden sein mochte. Und ob er sich nicht einfach auch klammheimlich davonstehlen sollte.

Nach einer Nacht voller Albträume schmerzte sein Kopf zum Zerbersten. Wieder einmal hatten ihn die qualvollen Erinnerungen an Gewehrfeuer, Explosionen und abstürzende Flugzeuge im Schlaf eingeholt. Anstatt das zu tun, was sein Leben einmal ausgemacht hatte, befand er sich in einem ständigen Kampf ums reine Überleben.

Seit sein Flieger über feindlichem Gebiet abgeschossen worden war, hatte er nichts mehr von dem dynamischen Geschäftsmann an sich, der auf dem öffentlichen Parkett brillierte, egal, ob es sich um Charity-Veranstaltungen, politische Podien oder ein gesellschaftliches Event handelte. Inzwischen empfand er all das als unerträgliche Belastung.

Leider gestaltete es sich schwieriger als je zuvor, derartige Torturen zu meiden. Nicht nur, weil er Zachariah James Scott IV, Sohn eines angesehenen US-Senators und Erbe eines Pharmakonzerns war, jetzt feierte man ihn auch noch als Kriegshelden.

Zachs Miene verfinsterte sich zunehmend.

Nach seiner Rettung – während der jeder einzelne Marinesoldat, der dazu abkommandiert wurde, ums Leben kam – hatte man ihn zu einer Art All-American-Hero hochstilisiert. Die Medien konnten nicht genug von ihm bekommen, wobei Zach wusste, dass es zum Großteil an seinem Vater lag, der seine Geschichte bei jeder sich bietenden Gelegenheit publik machte.

Und Zachariah J. Scott III würde auch weiterhin dafür sorgen, dass die Erinnerung an das Heldenepos seines Sohnes nicht einschlief. Nicht solange es seiner politischen Karriere nutzen konnte. Sein Sohn hatte seine Pflicht getan, obwohl er den leichteren Weg hätte gehen können. Er entschied sich dafür, sein Land zu retten anstatt sich selbst.

Zach hätte tatsächlich seinen Sitz im Vorstand des Pharmaziekonzerns behalten und Unmengen von Geld bewegen können, anstatt als Armeepilot in Kriegsgebiete zu fliegen. Doch das Fliegen hatte ihn schon immer begeistert und war Teil seines Lebens. Zumindest bis zu dem Absturz, seit dem er unter immer wiederkehrenden qualvollen Kopfschmerzen litt, die es zu gefährlich machten, dieser Leidenschaft weiter zu frönen.

Obwohl ihn alle dafür bewunderten und verehrten, dass er tapfer in den Krieg gezogen war und überlebt hatte, fühlte Zach selbst sich absolut nicht heldenhaft. Er wollte keine Aufmerksamkeit und verdiente die viele Anerkennung seiner Ansicht nach gar nicht. In seinen eigenen Augen hatte er schmählich versagt.

Trotzdem konnte er dem Theater um seine Person nicht ausweichen. Also lächelte er wie ein braver Soldat in die Kameras, aber innerlich war er tot. Und im gleichen Umfang, wie er versuchte, sich zurückzuziehen und dabei in eine Depression abzurutschen drohte, schien das Interesse der Medien an ihm zu wachsen.

Aber nicht alles an seinem neuen Leben war unerträglich. Zum Beispiel die Scott Foundation, eine Wohltätigkeitsstiftung seiner Familie, für die er seine gesamte Kraft einsetzte, um Kriegsveteranen zu helfen und sie zu unterstützen. Wie viele von ihnen kamen versehrt und traumatisiert in ein Leben zurück, in dem sie sich nicht mehr zurechtfanden oder das aus verschiedensten Gründen gar nicht mehr existierte.

Die Regierung versuchte zwar, ihnen zu helfen, doch die Probleme waren viel zu komplex, als dass nicht etliche der Kriegsheimkehrer durchs Raster fielen. Zachs erklärtes Ziel war es, möglichst viele von ihnen aufzufangen. Das schuldete er ihnen einfach.

Finster und ziemlich entnervt schaute er um sich. Zum Glück richtete sich das allgemeine Medieninteresse diesmal nicht auf ihn. Dafür stürzte sich die sizilianische Presse begeistert auf den Skandal, dass die Braut ihren zukünftigen Ehemann einfach am Altar hatte stehen lassen.

Sein Pech, mein Glück, dachte Zach zynisch. Es kam nämlich nicht oft vor, dass er sich so anonym und frei in der Öffentlichkeit bewegen konnte. Trotzdem wurde er das unbehagliche Gefühl nicht los, beobachtet oder verfolgt zu werden.

Inzwischen hatte Zach seine Kopfschmerzen kaum noch unter Kontrolle. Suchend ließ er seinen Blick über die Schar der Gäste schweifen, konnte Taylor aber nirgendwo entdecken. Seine Besorgnis wuchs, da sie auch seine Textnachrichten nicht beantwortet hatte. Sie hatte sich schrecklich viele Gedanken über diesen Trip nach Sizilien und ihre Rückkehr in den Schauspielberuf gemacht. Und noch mehr über das Urteil des Produzenten.

Aber Taylor war stark, und er wusste, dass sie die Bewährungsprobe, sich dem unvermeidlichen Presserummel nach ihrer viel kommentierten Auszeit erneut zu stellen, mit erhobenem Haupt bestehen würde. Der Film war ihr unglaublich wichtig. Außerdem bedeutete er Geld und Reputation für die Kriegsversehrtenklinik in Washington, in der Taylor viel Zeit und ihre ganze Kraft einsetzte, um anderen zu helfen. Die Klinik gab ihr Bestes, war aber auf kontinuierliche Spenden angewiesen, und Zach wusste, dass Taylor mit dem festen Willen hierhergekommen war, Erfolg zu haben.

Wie es allerdings momentan um sie bestellt war, davon hatte er keine Ahnung.

Seufzend zog er sich in eine ruhige Ecke zurück, soweit das in diesem Trubel überhaupt möglich war, und fischte sein Handy aus der Brusttasche. Dabei förderte er unabsichtlich auch einen flachen Gegenstand zutage, der an einem Band hing. Zachs Miene verfinsterte sich, als er sah, dass es sich um das Distinguished Flying Cross handelte, eine besondere Auszeichnung für Angehörige der Luftstreitkräfte, die man ihm nach seiner Rückkehr aus Afghanistan verliehen hatte. Taylor musste sie in die Jackentasche geschmuggelt haben, als sie den Smoking für ihn aus der Reinigung geholt hatte.

Zach schloss die Hand einmal fest um das metallene Kreuz, ehe er es zurücksteckte. Er hatte es nicht haben wollen, bekam allerdings keine Chance, die Medaille abzulehnen. Ebenso wie andere Auszeichnungen, die sein Vater nie vergaß zu erwähnen, wo immer er öffentlich auftrat. Er selbst hätte sie am liebsten vergessen, obwohl Taylor energisch darauf bestand, dass er sich bewusst vor Augen führte, sie verdient zu haben.

Er fluchte lautlos. Sie meinte es gut mit ihm, das wusste er natürlich. Allerdings war sie dabei hartnäckiger und unerbittlicher, als es jede Schwester hätte sein können.

Ungeduldig wählte er ihre Nummer. Keine Antwort. Verdammt!

Er wollte wissen, ob mit ihr alles in Ordnung war. Und er wollte raus hier! Es wurde immer lauter und unübersichtlicher. Jedenfalls konnte man den Sizilianern nicht vorwerfen, dass sie die Chance auf eine Party sausen ließen, egal, was der Anlass war oder auch nicht war. Auf dem Weg in Richtung Ausgang kam Zach an dem DJ vorbei, der offenbar gerade in diesem Moment seinen Dienst antrat, unter dem begeisterten Gejohle der anderen Gäste. Alle Lichter wurden gelöscht, dafür erstrahlten plötzlich zuckende Blitze, während laute Musik einsetzte. Zachs Puls schnellte in die Höhe, sein Herz hämmerte schmerzhaft in der Brust. Instinktiv suchte er mit dem Rücken Halt an der Wand, schloss gepeinigt die Augen und rang schwer atmend um Luft.

Es ist nur eine Party … eine harmlose Party, sagte er sich immer wieder. Doch die Lichtblitze hörten nicht auf, die Leute begannen zu tanzen und mitzusingen, und er konnte die aufsteigende Panik nicht mehr zurückdrängen.

Nein, nein, nein …

Er lag wieder im Schützengraben, in tiefschwarzer Nacht, um sich herum Gewehrfeuer und das Einschlagen von Granaten. Er spürte die Druckwellen der Explosionen an seinem Brustbein und krümmte sich vor Schmerzen. Augen und Mund waren voller Sand und Dreck. Frustration, Wut und Gewaltbereitschaft flammten in ihm auf und brannten schmerzhaft in seinem Innern. Er wollte kämpfen, versuchte hochzukommen, sich ein Gewehr zu schnappen, um den Kameraden zu helfen, den Feind zurückzudrängen. Doch sie ließen ihn nicht, weil sein Bein gebrochen war und er sich nicht bewegen konnte.

Hilflos lag er da, die Augen fest geschlossen … und plötzlich spürte er eine schmale Hand auf seinem Arm, dann auf seiner Wange. Die sanfte Berührung riss ihn aus seiner Erstarrung. Zach reagierte mit dem Instinkt eines Kriegers. Blitzschnell griff er zu und drehte seinem Angreifer den Arm auf den Rücken, bis er einen erstickten Laut hörte. Es war eine weibliche Stimme, nicht die eines Terroristen, der ihm nach dem Leben trachtete. Und der Körper, den er dicht an seinem spürte, erwies sich als überraschend weich.

Zach zwang sich, die Augen zu öffnen. Die zuckenden Lichter waren noch da, und sein Herz schlug immer nach hart und schmerzhaft in der Brust, aber … war er denn nicht in der afghanischen Wüste? Als einziger Überlebender des Gefechts?

Der qualvolle Geschützdonner um ihn herum wandelte sich zu einer Symbiose aus Musik, Gelächter und angeregter Konversation. Benommen starrte Zach auf das Holzpaneel direkt vor ihm … und die Frau, die er dagegengepresst hielt.

„Bitte“, sagte die Erscheinung ruhiger, als er es angesichts des seltsamen Umstands erwartet hätte. „Ich glaube, ich bin nicht die Person, für die Sie mich halten.“

Für die er sie hielt? Zach blinzelte. Für wen hatte er sie denn gehalten? Für jemanden, der ihm nach dem Leben trachtete, doch anstatt in Afghanistan hielt er sich anlässlich dieser verrückten Corretti-Hochzeit in Sizilien auf, und die Frau vor ihm war ein Gast wie er.

Zum ersten Mal nahm Zach sie wirklich wahr. Sie hatte sehr schöne, ausdrucksvolle Augen in einem ungewöhnlichen Blaugrün. Das dunkle Haar trug sie raffiniert aufgesteckt, und ihre vollen Brüste drohten das etwas zu enge Satinkleid jeden Moment zu sprengen. Sie war ihm bisher nicht aufgefallen, doch jetzt nagelte er sie mit seinem Körper an der Wand des Ballsaals fest. Mit einer Hand hielt er immer noch ihre schmalen Finger umschlossen, und zwar in ihrem Rücken, hinter den Schulterblättern. Mit der anderen umfasste er jetzt ihr Kinn und hob ihr herzförmiges Gesicht zu sich an.

Ihre weichen, fraulichen Kurven schienen sich bereitwillig den harten Formen seines durchtrainierten Körpers anzupassen und riefen Emotionen in ihm wach, die er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Doch in seinem Leben gab es keinen Platz für so etwas, seit er aus dem Krieg zurückgekehrt war. Ein Fakt, den er mit einer Spur Bedauern registriert, aber klaglos akzeptiert hatte.

Jetzt stellte er fest, dass es ein Irrtum gewesen war. Zach versteifte sich, denn das Ziehen in seinen Lenden war ebenso unverkennbar wie die Welle des Begehrens, die ihn völlig unerwartet überflutete.

Abrupt gab er die Fremde frei und trat einen Schritt zurück. Was, zur Hölle, war nur in ihn gefahren? Genau deshalb mied er öffentliche Veranstaltungen. Er hatte sich einfach nicht mehr in der Gewalt. Wenn die Presse nun Wind von so einem verrückten Auftritt bekam? „Bitte, verzeihen Sie mir“, murmelte er gepresst.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Es war eine ganz normale Frage angesichts der absurden Situation, und trotzdem brachte er es nicht fertig, sie zu beantworten. Er wollte einfach nur noch weg, anstatt stoisch zu ertragen, was immer ihm hier zugemutet wurde. Und wer sollte ihn daran hindern? Hier gab es keine Fotografen und Reporter, die ihn belagerten oder seine Flucht vereiteln konnten. Abrupt wandte er sich um, drängte sich rücksichtslos durch die Gästeschar und atmete erst auf, als er den angenehm kühlen und ruhigen Vorraum erreicht hatte. Als er hinter sich eine Bewegung hörte, fuhr Zach herum.

Sie war es … stand einfach da und musterte ihn aufmerksam.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie erneut.

„Bestens“, erwiderte er in hartem Italienisch. „Tut mir leid, aber Sie haben mich erschreckt.“

Zögerlich kam sie näher und verschränkte verlegen die Hände. Sie war sehr attraktiv, trotz des scheußlichen Kleids. Ihr Bild hatte sich bereits fest in seinem Gedächtnis verankert. Ihre herausfordernd weiblichen Kurven spürte er immer noch an seinem Körper. Der Drang, sie näher zu erforschen, wurde fast übermächtig. Mit äußerster Willensbeherrschung ballte er die Hände zu Fäusten. Früher hatte er sich von Frauen genommen, was immer sie ihm anboten und sooft sie es taten.

Doch dieser Mann war er nicht mehr. Nicht seit seiner Rückkehr aus Afghanistan.

Anfangs hatte er sich Hals über Kopf in sexuelle Abenteuer gestürzt, um zu vergessen. Aber es half nicht. Es hatte nur den Kontrast zwischen Tod und Leben verschärft und dazu geführt, dass er sich noch schlechter fühlte.

Sich selbst zu verleugnen war Zach inzwischen zur Routine geworden. Außerdem war es sicherer für alle, die mit ihm zu tun hatten. Allein die Albträume, die ihn immer wieder heimsuchten und quälten, schlossen es aus, eine Frau an seiner Seite schlafen zu lassen. Schlimmer noch, offensichtlich beeinflussten sie inzwischen sogar seine Wachphasen angesichts dessen, was gerade geschehen war.

Die Frau beobachtete ihn immer noch. Ihre blaugrünen Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt waren, verdunkelten sich, und auf der glatten Stirn erschien eine kleine, steile Falte. „Sie sehen wirklich nicht gut aus.“

Er schaute auf ihre Hände, die sie ständig gegeneinanderrieb. Plötzlich dämmerte es ihm. Ich habe ihr wehgetan! Grundgütiger! Was ist nur aus mir geworden? Er entwickelte sich langsam zu einem Monster und konnte nichts dagegen tun. „Mir geht es gut“, behauptete er brüsk. „Aber offensichtlich habe ich Sie verletzt.“

„Nicht wirklich, ich habe mich nur erschrocken.“

„Sie lügen.“ Ihr Kopf flog hoch, und etwas in der Tiefe ihrer wundervollen Augen rührte ihn seltsam an, doch er wehrte sich dagegen.

„Das können Sie nicht wissen. Sie kennen mich doch gar nicht.“

Fast hätte er ihr geglaubt, wäre da nicht die zitternde Unterlippe gewesen. Zach seufzte. „Sie sollten gehen“, erklärte er rau. „Verschwinden Sie einfach, das ist sicherer.“

„Sicherer?“ Sie blinzelte verwirrt. „Sind Sie denn gefährlich?“

Er schluckte hart. „Möglicherweise.“

Ihre Miene blieb ruhig und gelassen. „Ich habe keine Angst.“ Sie lächelte zaghaft. „Und ich glaube nicht, dass Sie irgendjemandem gefährlich werden könnten, außer vielleicht sich selbst.“

Ihre schlichten Worte trafen ihn wie ein Fausthieb in den Magen. Nie zuvor hatte jemand gewagt, ihm das ins Gesicht zu sagen. Laut ausgesprochen war die Wahrheit schärfer als jedes Schwert … und beängstigender. Wut und Verzweiflung drohten ihn zu übermannen. Warum konnte er nicht normal sein? So wie früher? Warum schaffte er es nicht, sich aus dem Morast zu befreien, der ihn lähmte und am Leben hinderte? Er hasste diesen Zustand, und noch viel mehr hasste er sich selbst für seine Schwäche. „Tut mir leid …“, murmelte er noch einmal, ehe er endgültig floh.

Es gab nichts mehr zu sagen.

Lia Corretti stieß frustriert den angehaltenen Atem aus, während sie dem hochgewachsenen Fremden enttäuscht hinterherschaute. Als sie sah, dass er etwas fallen ließ, lief sie ihm nach, um ihn darauf aufmerksam zu machen.

Doch er hörte sie nicht, darum bückte sie sich und hob etwas vom Boden auf, das aussah wie eine militärische Medaille an einem rotweißblau gestreiften Band. Lia schloss die Finger um das kühle Metall und blickte den langen Gang entlang, in den der Fremde eingebogen war.

Na klar! dachte sie angesichts der geraden, breiten Schultern und des etwas steifen Gangs. Ein Soldat. Erneut betrachtete sie die Medaille in ihrer Hand. Kein Zweifel, er hatte sie absichtlich fallen lassen. Aber warum?

Ihr Handgelenk schmerzte immer noch von seinem harten Griff, als er ihr den Arm auf den Rücken gedreht hatte. Lia wurde das Gefühl nicht los, als wäre er sich gar nicht bewusst gewesen, was er da tat. Er schien so … distanziert, so weit weg zu sein, wie in einer anderen Welt. Dieser Eindruck war es auch gewesen, der sie wie magisch angezogen hatte, sodass sie auf ihn zugehen und ihn berühren musste.

Einfach um sich zu vergewissern, dass mit ihm alles in Ordnung war. Es hatte sie beunruhigt, wie er mit geschlossenen Augen gegen die Wand gelehnt dastand, als habe er Schmerzen. Lia schloss die Finger noch fester um das Stück Metall, das sich in ihrer Hand warm und lebendig anfühlte. Ihr Herz zog sich zusammen, während sie an den gequälten Ausdruck in den Augen des Mannes dachte, als ihm dämmerte, was er getan hatte.

Sie kannte diesen Blick. Eine wilde Mischung aus Selbstanklage, Erleichterung und Verwirrung. Sie kannte ihn, weil sie sich von jeher durch dieses Gefühlswirrwarr hatte kämpfen müssen. Demnach hatten sie offenbar doch etwas gemeinsam. Wie sonderbar, nach einem Leben in bedrückender Isolation reichte ein Blick in die Augen eines Fremden, um die eigene Einsamkeit plötzlich als nicht mehr so schmerzhaft zu empfinden.

Lia wandte sich wieder dem Ballsaal zu, obwohl sie momentan überall auf der Welt lieber gewesen wäre. Im riesigen Barockspiegel erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf ihr Konterfei und zuckte unwillkürlich zusammen. Kein Wunder, dass er nicht schnell genug wegkommen konnte. Sie sah aus wie ein gestrandeter Wal … ein pinkfarbener Wal, der aus allen Nähten platzte!

Wie aufgeregt sie gewesen war, als die Correttis sie gebeten hatten, als Brautjungfer zu fungieren. Endlich wurde ihr Traum wahr, von der Familie akzeptiert zu werden … hatte sie gedacht! Stattdessen zwang man sie in diese fürchterliche Satinrobe, die nicht nur um ihren üppigen Busen herum mindestens zwei Nummern zu klein war. Carmela Corretti hatte gelacht, als sie den Ankleideraum verließ, aber hoch und heilig versprochen, das Outfit rechtzeitig ändern zu lassen.

Natürlich war nichts dergleichen geschehen.

Als einziges Familienmitglied zeigte wenigstens ihre Großmutter Mitgefühl. Als Lia das Kleid heute Morgen angezogen und vor Scham und Enttäuschung ein paar Tränen vergossen hatte, schloss sie ihre Enkelin liebevoll in die Arme und versicherte ihr, sie sei wunderschön.

Erneut musste Lia die Tränen wegblinzeln. Teresa Corretti war als Einzige immer freundlich zu ihr gewesen. Ihr Großvater hatte sich ihr gegenüber zwar nie wirklich grob verhalten, trotzdem hatte sie ihr Leben lang Angst vor ihm gehabt. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass er nicht mehr da war. Er war so eine dominante Größe in ihrem Leben gewesen, dass sie ihn fast für unsterblich gehalten hatte. Ein mächtiger Autokrat, ein Mann, dessen Weg man nicht freiwillig kreuzte. Aber jetzt war er tot und die Familie zerrissener denn je.

Lia seufzte, nahm all ihren Mut zusammen und kehrte in den Ballsaal zurück. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie dem Anstand ausreichend Genüge getan hatte und sich eigentlich zurückziehen konnte. Sie wollte sich nur noch von ihrer Großmutter verabschieden, bevor sie ging. Niemand würde sie vermissen.

Die Musik dröhnte nach wie vor, wurde aber plötzlich von einem schrillen Laut übertönt, den Lia erst mit Verzögerung als Carmelas durchdringende Stimme identifizierte. Offensichtlich war die Witwe ihres verstorbenen Onkels ziemlich angetrunken, doch glücklicherweise hatte sie mit ihr so gut wie nichts zu tun.

Und was Carmelas aktuelles Problem war, interessierte sie schon gar nicht. Sie wollte nur weg hier und raus aus dem schrecklichen Kleid. Danach würde sie sich mit einem kleinen Snack gemütlich aufs Sofa kuscheln, ein Buch lesen oder fernsehen, um diesen Tag so schnell wie möglich zu vergessen. Doch bevor es so weit war, musste sie noch ihre Großmutter finden.

Dann erstarb die Musik, und die Gästeschar teilte sich wie einst das Meer vor Mose, nur dass diesmal Lia unfreiwillig im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. Ihr Herz schlug bis zum Hals, während alle sich zu ihr umdrehten und sie anstarrten. War dies ein neuer Versuch von Carmela, um sie zu demütigen? Doch es war nicht Carmela, die ihre Aufmerksamkeit fesselte, sondern deren Tochter. Rosa stand stocksteif da, das Gesicht totenblass, die Augen entsetzt auf ihre Mutter gerichtet.

„Du hast vollkommen richtig gehört!“, giftete Carmela gehässig. „Benito Corretti ist dein Vater, nicht Carlo! Und die da ist deine Schwester …“ Sie spuckte die Worte fast aus, während sie mit dem ausgestreckten Finger auf Lia wies. „Sei dankbar, dass du nicht wie sie bist … mausgrau, fett, schwach und dazu noch völlig nutzlos!“

Rosa wirkte wie ein angeschlagener Boxer kurz vor dem K. O.

Lias Herz krümmte sich vor Scham und Mitgefühl. Sie hatte eine Schwester? Ihren drei Halbbrüdern hatte sie sich nie besonders nahe gefühlt und auch sonst niemandem. Aber eine Schwester? Wie oft hatte sie sich danach gesehnt. Ein wilder Hoffnungsfunke trieb heiße Röte in ihre Wangen. Vielleicht war sie innerhalb des Familienclans doch nicht so allein und isoliert, wie sie immer gedacht hatte.

Eine Schwester, die sich momentan genauso verloren vorkommen musste, wie sie es bereits ihr Leben lang tat. Sie sah es in Rosas Gesicht und wollte ihr so gern helfen.

Plötzlich und unerwartet stürmte Rosa an Carmela vorbei und direkt auf sie zu. Instinktiv trat Lia vor, um ihr Trost zu spenden, doch Rosa bedachte sie mit einem eisigen Blick, der glühende Lava zum Erstarren gebracht hätte. Lia stockte der Atem, als Rosa ihre ausgestreckten Hände mit einem gezischten „Nicht“ zur Seite schlug.

Wo eben noch ihr Herz aufgeregt gehämmert hatte, spürte Lia nun einen stechenden Schmerz. Dabei war sie Zurückweisung gewohnt. Doch als direkte Reaktion auf eine zaghaft keimende Hoffnung traf sie sie besonders hart. Minutenlang stand sie mit hängenden Armen da, den neugierigen und mitleidigen Blicken der Umstehenden schutzlos ausgeliefert.

Doch noch bevor sie sich eine geistreiche oder wenigstens ablenkende Floskel ausdenken konnte, wandten sich auch schon alle wieder von ihr ab.

Kein Wunder, dass Rosa sich von mir nicht trösten lassen will!

Zu allem Elend wurde sie jetzt auch noch von Selbstmitleid überschwemmt. Wie konnte sie nur so naiv sein? Wie oft hatte sie ihr Herz bereitwillig geöffnet und immer wieder erleben müssen, dass man ihr die Tür vor der Nase zuschlug? Wann würde sie endlich lernen, sich besser und wirkungsvoller gegen derartige Tiefschläge zu schützen?

Scham und Ärger formten sich zu einem harten Knoten in Lias Magen. Warum bin ich nicht mutiger und entscheidungsfreudiger? Warum kann ich nicht allen sagen, sie sollen sich zur Hölle scheren, so wie meine Mutter es getan hätte?

Grace Hart war schön, hinreißend und nahezu perfekt gewesen, eine fantastische Schauspielerin, die Benitos dreistem Charme auf den ersten Blick erlag. Sie kam problemlos mit den berüchtigten Correttis zurecht, bis sie bei einem fürchterlichen Unfall starb, als sie ihren Wagen über eine hohe Klippe steuerte. Sie ließ Benito als untröstlichen Witwer mit ihrer kleinen Tochter allein zurück. Kurz darauf überließ er Lia Teresa und Salvatore. So wuchs sie bei ihren Großeltern auf, ohne Kontakt zur restlichen Familie.

Lia wusste auch, warum. Sie war eben nicht so wunderschön und perfekt wie ihre Mutter, sondern schüchtern und eher linkisch. Ihre halbe Kindheit und Jugend hatte sie damit verbracht, ihre Cousins und Halbbrüder sehnsüchtig aus der Ferne zu beobachten und sich nach der Liebe ihres Vaters zu verzehren, der für sie nur unterkühltes Desinteresse übrig hatte.

Gut, sie war also weder attraktiv noch charmant oder geistreich. Sie mochte keine Menschenmassen und hasste es, vorzugeben dazuzugehören, wo niemand sie wollte.

Wenn sie doch nur schon in ihrem kleinen, gemütlichen Cottage auf dem Anwesen ihrer Großeltern wäre, bei ihren Büchern und ihrem Garten!

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