Logo weiterlesen.de
Schicksalsnacht in Venedig

1. KAPITEL

„Wer zum Teufel ist Jess?“

Frustriert strich sich Drago Cassari das schwarze Haar aus der Stirn und betrachtete mit zunehmender Besorgnis die reglose Gestalt seines Cousins. Angelos Gesicht war aschfahl, und nur das kaum wahrnehmbare Heben und Senken des Bettlakens bewies, dass er am Leben war. Seit drei Tagen – seitdem man ihn aus dem zertrümmerten Auto gezogen hatte – lag er ohne Bewusstsein auf der Intensivstation des Krankenhauses in Mestre, einem Stadtteil Venedigs auf dem Festland. Zumindest musste er nicht länger künstlich beatmet werden, und vor einer halben Stunde hatte es ein erstes Anzeichen gegeben, dass Aussicht auf Besserung bestand. Er hatte etwas vor sich hin gemurmelt, einen Namen – Jess.

„Wisst ihr, wen er meint?“ Fragend sah Drago zu seiner Mutter und seiner Tante hinüber, die, in Tränen aufgelöst, auf der anderen Bettseite standen. „Ist sie eine seiner Bekannten in London?“

Tante Dorotea – Angelos Mutter – schluchzte. „Ich weiß nicht, wer sie ist. In letzter Zeit habe ich kaum mit ihm gesprochen, weil sein Handy ständig abgestellt war. Als ich ein paar Tage vor dem …“, ihre Stimme zitterte, „… vor dem Unfall endlich durchkam, hat er kaum etwas gesagt. Nur, dass er nicht mehr aufs College geht und bei einer Jess Harper wohnt.“

„Vermutlich ist sie seine Geliebte.“ Die Nachricht, dass sein Cousin den Betriebswirtschaftskurs an einer Privatschule in London abgebrochen hatte, war für Drago keine große Überraschung. Mit sieben hatte der Junge den Vater verloren, und seine Mutter war viel zu nachsichtig mit ihm. Allem, was nach Arbeit aussah, ging Angelo geflissentlich aus dem Weg. Weit mehr überraschte ihn, dass er mit einer Frau zusammenlebte, denn was das schöne Geschlecht betraf, so war er von geradezu krankhafter Schüchternheit. Anscheinend hatte sich das geändert.

„Hat er dir gesagt, wo man ihn erreichen kann? Wir sollten mit dieser Jess Harper Verbindung aufnehmen, damit sie ihn besuchen kommt.“ Er wandte sich an den Neurologen, der ebenfalls am Bett des Patienten stand. „Glauben Sie, der Klang ihrer Stimme könnte dazu beitragen, dass mein Cousin das Bewusstsein wiedergewinnt?“

„Möglich ist es“, erwiderte der Arzt bedächtig. „Wenn er ihr nahesteht, könnte es durchaus sein, dass er reagiert.“

„Ich bin nicht sicher, dass es eine gute Idee ist, die … die Person nach Venedig kommen zu lassen“, widersprach Tante Dorotea. „Ich fürchte, sie hat einen schlechten Einfluss auf Angelo.“

Drago runzelte die Stirn. „Wenn sich sein Zustand durch ihre Anwesenheit bessern könnte, muss sie so schnell wie möglich herkommen. Wie kommst du darauf, dass sie einen schlechten Einfluss auf ihn hat?“

Geduldig wartete er, als Tante Dorotea erneut in Tränen ausbrach. Die Ärmste war vor Sorge um ihren Sohn fast außer sich. Ihm selbst erging es kaum besser. Nach der Operation, mit der die Ärzte die Hirnblutung zum Stillstand gebracht hatten, konnte niemand sagen, wann und in welcher Verfassung Angelo aus dem Koma aufwachen würde. Sein Cousin war noch so jung, erst zweiundzwanzig, und im Gegensatz zu ihm selbst im gleichen Alter in vieler Hinsicht noch ein Kind.

Der Tod seines Vaters und seines Onkels – beide waren während eines Skiurlaubs in einem Lawinenunglück ums Leben gekommen – hatte Drago vor fünfzehn Jahren von einem Tag auf den anderen an die Spitze des Familienunternehmens und damit in die Welt des Big Business katapultiert. Mit zweiundzwanzig hatte er sich bereits im erbarmungslosen Konkurrenzkampf von Großunternehmen behaupten und gleichzeitig die Pflichten eines Familienoberhaupts übernehmen müssen, unter anderem die eines Ersatzvaters für Angelo.

Ihn jetzt in diesem Zustand zu wissen, schnitt ihm ins Herz. Das Warten und die Angst, der Gehirnschaden könnte irreparabel sein, waren die reinste Tortur. Als Mann der Tat war er gewohnt, jede Situation im Griff zu haben, aber in diesen letzten drei Tagen hatte er sich hilflos wie ein Kind gefühlt. Er wünschte, er könnte Tante Dorotea und seiner Mutter versprechen, dass alles gut werden würde, aber Zauberkräfte besaß er nicht. Was er besaß, war der Name einer Frau, die vielleicht helfen konnte.

Jetzt strich Luisa Cassari ihrer Schwägerin besänftigend über den Rücken. „Du solltest Drago erklären, weshalb du wegen dieser Engländerin Bedenken hast, Dorotea. Sag ihm, was Angelo getan hat.“

Drago zog die Brauen hoch. „Was hat Angelo getan, Tante Dorotea?“

„Er … er hat ihr Geld gegeben, sehr viel Geld. Die gesamte Erbschaft, die ihm sein Vater hinterlassen hat.“ Sie unterdrückte einen Schluchzer. „Und das ist noch nicht alles – Jess Harper ist vorbestraft.“

„Woher weißt du das?“

„Angelos Finanzberater und ehemaliger Vermögensverwalter Maurio Rochas hat mich angerufen. Er sagte, obwohl er damit das Bankgeheimnis verletzt, fühle er sich verpflichtet, mir mitzuteilen, dass Angelo den vollen Betrag seiner Erbschaft vom Konto abgehoben hat. Als ich ihn – ich meine Angelo – bei unserem letzten Telefongespräch gefragt habe, was er damit gemacht hat, ist er mir ausgewichen und war nicht gerade höflich. So hat er noch nie mit mir gesprochen“, fügte sie in gekränktem Ton hinzu. „Schließlich gab er zu, dass er das Geld seiner Vermieterin, dieser Jess Harper, geliehen hat. Warum und für welchen Zeitraum, darüber hat er sich nicht ausgelassen.“

Drago schwieg. Er wusste, dass der Großteil von Angelos Erbe in Aktien und Investments angelegt war, aber er kannte auch die beträchtliche Summe des Barvermögens, über das sein Cousin verfügte und welches er offenbar dieser Person ausgehändigt hatte. Kein Wunder, dass Tante Dorotea Bedenken hatte.

„Mir kam es eindeutig vor, dass er mir etwas verheimlicht“, fuhr sie fort. „Deshalb rief ich Maurio noch einmal an. Er sagte, dass er in Angelos Interesse ein paar Nachforschungen angestellt und dabei herausgefunden hat, dass die Frau vor mehreren Jahren wegen Betrug verurteilt wurde.“

Drago fluchte und erntete dafür einen vorwurfsvollen Blick seiner Mutter. Aber gab es nicht allen Grund, frustriert zu sein? Manchmal wünschte er fast, er wäre ohne Verwandtschaft. Er selbst hatte seinem Cousin vorgeschlagen, in London zur Schule zu gehen, weil er der Meinung war, etwas mehr Selbstständigkeit würde ihm guttun. Und das war nun das Ergebnis!

„Idiot!“, murmelte er erbittert – leider nicht leise genug für Tante Doroteas feines Gehör.

„Wie kannst du nur so gefühllos sein? Noch dazu jetzt, wo sein Leben auf dem Spiel steht? Wer weiß, was für rührseliges Zeug diese Jess ihm vorgelogen hat, und weichherzig wie er ist, hat er ihr natürlich geglaubt. Er ist jung und, das gebe ich zu, ein bisschen naiv, aber kein Idiot. Hast du vergessen, wie du vor Jahren von dieser Russin reingelegt wurdest? Deinetwegen hätte Cassa di Cassari damals fast Bankrott gemacht.“

Drago knirschte innerlich mit den Zähnen, als Tante Dorotea ihn an den beschämendsten Abschnitt seines Lebens erinnerte.

Nur ein Jahr älter als Angelo jetzt, war er dem Charme der schönen Natalia Yenko mit ihren exotischen Zügen und ihrer aufregenden Figur erlegen. Das Versprechen in ihren dunklen Mandelaugen hatte über Geschäftssinn und gesunden Menschenverstand gesiegt und ihn veranlasst, die Vorstandsmitglieder von Cassa di Cassari – die Kaufhauskette für Luxushaushaltswaren, die sein Urgroßvater als kleines Familiengeschäft gegründet hatte – zu überreden, einen Millionenbetrag in Natalias Unternehmen zu investieren. Wie sich herausstellte, war er einer Hochstaplerin auf den Leim gegangen, mit dem Ergebnis, dass man ihn um ein Haar seines Postens als Vorstandsvorsitzender enthoben hätte.

Durch harte Arbeit war es ihm gelungen, das Vertrauen des Vorstands zurückzugewinnen, und heute gehörte Cassa di Cassari zu den erfolgreichsten Großunternehmen Italiens, mit Exportmärkten rund um den Globus. Bei der letzten Jahreshauptversammlung hatte er voll Stolz angekündigt, dass Aktien von Cassa di Cassari demnächst an der Börse gehandelt würden und der zu erwartende Erlös auf mehrere Milliarden Pfund geschätzt wurde. Es war der krönende Moment seiner Karriere gewesen, auf den er jahrelang unermüdlich hingearbeitet hatte – wenn auch auf Kosten eines Privatlebens. Aber davon wussten weder der Vorstand noch seine Angehörigen.

Drago schob den Gedanken beiseite – dies war nicht der Moment, um über Vergangenes nachzugrübeln. Erneut konzentrierte er sich auf den Zustand seines Cousins, und seine Besorgnis wuchs. Tante Dorotea würde den Verlust ihres einzigen Sohns nicht verwinden, sie war schon jetzt am Ende ihrer Kräfte. Wenn auch nur die geringste Aussicht bestand, dass diese Engländerin zu Angelos Besserung beitragen konnte, musste er veranlassen, dass sie nach Venedig kam. Und natürlich war da auch noch die Sache mit der Erbschaft seines Cousins – die Frau schuldete ihnen ein paar Erklärungen.

„Wohin gehst du?“, fragte seine Tante ängstlich, als er sich umwandte und dem Ausgang zustrebte.

„Nach London, um Jess Harper ausfindig zu machen.“

Den schweren Werkzeugkasten am Schulterriemen, eine Tüte mit Lebensmitteln auf dem Arm, schloss Jess die Tür zu ihrem Apartment auf, dann bückte sie sich nach der Post auf der Fußmatte. Sie warf einen Blick auf die drei Kuverts und stellte fest, dass es sich um zwei Rechnungen und ein Schreiben von der Bank handelte. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus; aber dann fiel ihr ein, dass sie ja aus den roten Zahlen heraus war, und sie atmete auf. Würde sie sich jemals daran gewöhnen, schuldenfrei zu sein?

Die Tür zu Angelos Zimmer stand offen. Jess krauste die Stirn, als sie sah, dass es immer noch leer war. Drei Tage war er nun schon verschwunden, hatte weder angerufen, noch auf ihre Anrufe reagiert. Bestand Grund zur Besorgnis? Oder hatte er lediglich, wie so viele ihrer Aushilfskräfte, ohne Bescheid zu geben den Arbeitgeber gewechselt? Irgendwie bezweifelte sie das.

Angelo war anders als die übrigen Hilfsarbeiter, und nicht nur in seinem Wesen. Trotz gegenteiliger Versicherung hatte er keine Ahnung vom Anstreichen, dafür sprach er fließend Englisch, wenn auch mit starkem Akzent, und besaß eindeutig eine gute Schulausbildung. Er sei auf der Durchreise und obdachlos, hatte er bei der Einstellung erklärt. Seine sanfte Art erinnerte Jess an Daniel, ihren Freund aus dem Kinderheim, und vielleicht war das der Grund, weshalb sie ihm spontan ihr Gästezimmer als vorübergehenden Wohnsitz angeboten hatte. Dafür war Angelo so aufrichtig dankbar gewesen, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnte, er würde ohne ein Wort des Abschieds auf und davon gehen. Außerdem hatte er fast sein gesamtes Hab und Gut zurückgelassen, sogar die heiß geliebte Gitarre.

Sollte sie ihn als vermisst melden? Jess kaute an der Unterlippe – mit dem Arm des Gesetzes hatte sie in der Vergangenheit keine gute Erfahrung gemacht. Das lag zwar schon etliche Jahre zurück, doch das Misstrauen von damals war geblieben. Andererseits … Was, wenn Angelo etwas passiert war? Vielleicht lag er in irgendeinem Krankenhaus, und niemand war da, um ihm zu helfen. Allzu gut wusste sie, wie es ist, wenn man auf der ganzen Welt keine Seele kennt, die sich um einen kümmert.

Wenn er sich morgen nicht meldet, benachrichtige ich die Polizei, nahm sie sich vor. Sie ging in die Küche, stellte die Tüte mit den Esswaren auf die Arbeitsfläche und fischte das Tiefkühlgericht heraus. Ihr Magen knurrte, denn sie hatte weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen. Bei der Lieferung von Anstrichfarben hatte es eine Verwechslung gegeben, und nun waren sie mit der Arbeit in Verzug – ein weiterer Grund, weshalb Angelos plötzliches Verschwinden so ungelegen kam. Er mochte nicht der beste Anstreicher auf Erden sein, aber im Moment benötigte sie jeden Mann, um den Auftrag fristgerecht zu erledigen.

Mit einem Schraubenzieher durchlöcherte sie die Klarsichtfolie der Packung Spaghetti Bolognese und schob das Gericht in die Mikrowelle. Den Anweisungen nach sollte es in acht Minuten fertig sein – Zeit genug, um vorher noch schnell zu duschen.

Im Bad warf sie einen Blick in den Spiegel und stellte fest, dass beim Streichen der Zimmerdecken weiße Farbe auf ihr Haar getropft war. Mist! Jetzt muss ich auch noch Haare waschen.

Sie zog die Stiefel aus, streifte Latzhose und die übrige Kleidung ab, bevor sie sich in die enge Duschkabine zwängte und das Wasser andrehte. Der Tag würde kommen, an dem sie sich die ersehnte Eigentumswohnung mit einem richtigen Badezimmer leisten konnte – und als Erstes würde sie eine Massagebrause installieren. Inzwischen musste sie sich mit dem begnügen, was sie hatte, und dazu gehörten immerhin eine sündhaft teure Duschlotion mit passendem Shampoo – ihr persönliches Geschenk zu ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag letzte Woche.

Die Jungs würden sie gehörig auf den Arm nehmen, wenn sie wüssten, dass ihre Chefin sich für solche Dinge interessierte, ging es Jess durch den Sinn, während sie sich energisch abschrubbte. Einen Männerberuf auszuüben, war nicht leicht – aber wann hatte sie es im Leben jemals leicht gehabt?

Die Türklingel und das gleichzeitige Piepen der Mikrowelle rissen sie aus diesen unerfreulichen Betrachtungen. Sie stellte die Dusche ab, schlüpfte in einen Bademantel und ging barfuß in die Küche. Hier roch es unangenehm nach verbranntem Plastik, doch das war ihr egal, sie hatte einen Bärenhunger. „Lass mich in Ruhe“, murrte sie, als es erneut klingelte. Sie holte die Spaghetti aus der Mikrowelle und verbrannte sich beim Entfernen der Klarsichtfolie die Finger. Es klingelte zum dritten Mal, laut und anhaltend. Verschwinde, wer immer du bist! Aber dann ging ihr auf, dass es ja Angelo sein könnte.

Jess stellte das Essen auf die Arbeitsfläche und eilte zur Tür.

Mit einem unterdrückten Fluch nahm Drago den Finger vom Klingelknopf. Die Geschwindigkeitsüberschreitungen während der Fahrt vom Flughafen nach Hampstead hätte er sich sparen können, Jess Harper war nicht zu Hause. Maurio Rochas sagte, sie sei von Beruf Malerin. Offenbar eine erfolgreiche, da sie sich leisten konnte, in diesem wohlhabenden Stadtteil Londons zu leben. Noch dazu in so einem Prachtbau – die Wohnungsmieten in dem Art-déco-Gebäude mussten haushoch sein.

Wo zum Teufel war sie? Besaß sie außer der Wohnung ein Atelier? Abgesehen von dieser Adresse und ihrem Beruf wusste er nichts über Angelos Freundin oder Bekannte. Der Privatdetektiv, den er beauftragt hatte, Nachforschungen anzustellen, hatte sich noch nicht gemeldet. Sollte die überstürzte Abreise umsonst gewesen sein? Er weigerte sich, unverrichteter Dinge zurückzufliegen, dafür war der Zustand seines Cousins zu kritisch. Erneut drückte er auf die Klingel und wartete. Nichts rührte sich. Frustriert wandte er sich ab – es war sinnlos Er würde es in einer Stunde noch mal versuchen, vielleicht hatte er dann mehr Glück.

Er war im Begriff, die Treppe hinunterzugehen, als die Wohnungstür aufging.

„Oh!“, sagte eine weibliche Stimme. „Ich dachte, es wäre jemand anderes.“

Drago fuhr herum, dann blieb er wie angewurzelt stehen und starrte die Frau in der Türöffnung an. Ihre Wirkung auf ihn war augenblicklich und überwältigend. Dergleichen hatte er bisher nur ein einziges Mal erlebt: als unerfahrener und leicht zu beeindruckender junger Mann. Jetzt war er siebenunddreißig und alles andere als unerfahren, dennoch reagierte sein Körper genauso heftig wie damals. Ungläubig schüttelte er den Kopf – er war Hunderten schöner Frauen begegnet und mit den meisten ins Bett gegangen, aber diese hier verschlug ihm buchstäblich den Atem. Die v-förmige Öffnung des Bademantels enthüllte einen cremig weißen Brustansatz, und bei der Vorstellung, dass sie darunter vermutlich nichts anhatte, fing sein Puls an zu rasen. Ihr Sex-Appeal war verheerend.

Drago zwang sich, den Blick zu heben. Ihr Gesicht war ein perfektes Oval, mit ebenmäßigen Zügen und smaragdgrünen Augen. Das tizianrote Haar, das ihr feucht auf die Schultern fiel, bildete einen umwerfenden Kontrast zu dem makellosen Teint. Es war ein Gesicht, an dem man sich nicht sattsehen konnte.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

Ihre Stimme war weich, mit einem leicht rauchigen Unterton, und so sexy, dass er unwillkürlich hoffte, Maurio Rochas hatte ihm die falsche Adresse gegeben. Bei dem Gedanken, diese Frau könne Angelos Geliebte sein, verspürte Drago eine geradezu mörderische Eifersucht.

Er nahm sich zusammen – was sollte sie von ihm denken, wenn er sie so anstarrte?

„Jess Harper?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Drago Cassari. Wenn ich recht verstehe, hat mein Cousin Angelo bei Ihnen gewohnt.“

„Ihr Cousin?“ Vor Überraschung blieb ihr der Mund offen stehen. „Angelo behauptet, dass er keine Angehörigen hat.“

Er presste die Zähne aufeinander. Die Adresse stimmte also, sie war die Frau, die er suchte. Sein Blick haftete auf dem sinnlichen Mund, und er musste an sich halten, um sie nicht in die Arme zu nehmen und zu küssen.

Jess wich zurück und beäugte ihn misstrauisch, als er näher trat. „Mir war nicht bekannt, dass er Verwandte hat“, wiederholte sie. „Können Sie sich ausweisen?“

Irritiert zog Drago sein Handy aus der Jackentasche, drückte auf eine Taste und hielt es ihr entgegen. „Das ist ein Foto von Angelo, seiner Mutter und mir vor sechs Monaten bei der Eröffnung des neuen Cassa di Cassari Kaufhauses in Mailand“, erwiderte er kurz.

Fassungslos schaute Jess auf den kleinen Bildschirm: „Ja, das ist Angelo“, sagte sie langsam. „Und in einem Smoking …“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Warum hat er nie etwas von seiner Familie erwähnt?“

Drago fand das durchaus verständlich. Die Cassaris waren eine der reichsten Familien Italiens und somit ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Seit er zurückdenken konnte, verfolgten ihn Fotografen und Reporter. Er hatte gelernt, seinen Freundeskreis mit Bedacht auszuwählen und auch Angelo stets zur Vorsicht ermahnt. Anscheinend nicht mit dem gewünschten Erfolg, wenn es mit der Information, dass Jess Harper vorbestraft war, seine Richtigkeit hatte.

Ihre Verwirrung in diesem Moment wirkte erstaunlich echt. „In der Oxford Street gibt es ein Cassa di Cassari Kaufhaus, wo sie sündhaft teure Bettwäsche und Haushaltsgegenstände verkaufen“, fuhr sie fort. „Komisch, bis jetzt ist mir nie aufgefallen, dass Angelo den gleichen Namen trägt. Ich nehme an, das ist rein zufällig.“ Erneut betrachtete sie das Foto. „Ich meine …“, sie hob fragend die Augenbrauen, „… zwischen ihm und diesem weltberühmten Markennamen kann es unmöglich einen Zusammenhang geben, oder?“

Spielt sie Theater oder hat sie tatsächlich keine Ahnung? „Unser Urgroßvater gründete die Firma kurz nach dem Ersten Weltkrieg“, informierte er sie. „Mein Vater und sein Bruder – Angelos Vater – leiteten das Unternehmen, bis sie bei einem Unfall ums Leben kamen. Siebzig Prozent davon gehören mir, die restlichen dreißig meinem Cousin.“

Bei dem sonderbaren Laut, den sie von sich gab, kniff Drago die Augen zusammen. Dass sie von Angelos Vermögensverhältnissen nichts wusste, erschien ihm einfach absurd. Sie war eine hervorragende Schauspielerin, das musste man ihr lassen. Wahrscheinlich bedauert sie jetzt, dass sie nicht mehr von ihm „geborgt“ hat, dachte er zynisch. Aber damit konnte er sich später befassen – Angelos Gesundheit war wichtiger als die Frage, was aus seiner Erbschaft geworden war.

Mit spitzen Fingern gab Jess ihm das Handy zurück. „Ich habe keine Ahnung, was hier vorgeht oder weshalb er mich angelogen hat“, sagte sie verdrossen. „Wie dem auch sei, er wohnt nicht mehr hier. Vor ein paar Tagen ist er ohne Erklärung abgereist; wohin, weiß ich nicht. Tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.“

Sie machte Anstalten, die Tür zu schließen, doch Drago schob blitzschnell einen Fuß in den Spalt.

„Mein Cousin liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus.“

Ein eiskalter Schauer lief Jess über den Rücken, und ihr Verdruss auf Angelo schmolz wie Schnee in der Sonne. „Was ist passiert?“

„Er hatte einen Autounfall und ist seit drei Tagen ohne Bewusstsein.“

Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. „Da…das darf nicht wahr sein!“

Angelo lag im Koma? Sie dachte an seinen letzten Abend in ihrer Wohnung, an dem sie für sie beide gekocht hatte – ein einfaches Omelett, denn mit ihren Kochkünsten war es nicht weit her. Dennoch hatte er sie mit Komplimenten überschüttet und ihr anschließend beim Abwaschen geholfen. Umso weniger verstand sie, dass er am nächsten Morgen so sang- und klanglos abgereist war, aber jetzt machte sie sich bittere Vorwürfe. Hätte sie die Polizei früher von seinem Verschwinden benachrichtigt, wäre der Unfall nicht passiert. Angelo war noch so jung, vielleicht hatte er etwas auf dem Herzen und …

Die Stimme seines Cousins machte dem beklemmenden Gedankengang abrupt ein Ende. „Ich bin hier, um Sie zu bitten, mit ins Krankenhaus zu kommen und mit ihm zu reden. Nach Ansicht der Ärzte besteht die Möglichkeit, dass er auf Ihre Stimme reagiert. Aber je länger wir warten, umso geringer werden die Aussichten auf eine Besserung.“

„Ist es so schlimm?“ Daniels Bild erschien vor ihrem geistigen Auge, und sie schluckte. Auch er hatte im Koma gelegen, nachdem ihn ein zu schnell fahrendes Auto vom Fahrrad geschleudert hatte. Als sie ihn besuchte, sah es aus, als ob er friedlich schliefe, doch die Krankenschwester hatte ihr mitgeteilt, dass sein Hirn nicht länger aktiv war und man ihn nur noch künstlich am Leben erhielt. Als er starb, war sie untröstlich gewesen, und noch heute, acht Jahre später, kamen ihr die Tränen, wenn sie daran zurückdachte, dass er so jung hatte sterben müssen.

Konnte Angelo auch sterben? Das wäre zu furchtbar.

„Natürlich komme ich mit“, versicherte sie sofort. Was immer Angelo ihr vorgelogen hatte, im Vergleich zu der Gefahr, in der er schwebte, war es ohne Bedeutung.

Verstohlen betrachtete sie den angeblichen Cousin und stellte dabei eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den zwei Männern fest. Beide hatten einen dunklen Teint und schwarzes Haar, nur war Angelos gelockt und Drago Cassaris glatt aus der Stirn gekämmt. Angelo war auf jungenhafte Art attraktiv, mit seelenvollen Augen und einem arglosen Lächeln, sein älterer Cousin dagegen wirkte ausgesprochen maskulin.

Einem Gesicht wie seinem war Jess noch nie begegnet. Es war kantig, mit ausgeprägten Wangenknochen und einem energischen Kinn, buschigen schwarzen Brauen und genauso schwarzen Augen. Um die wohlgeformten Lippen lag ein strenger und gleichzeitig sinnlicher Zug, und unwillkürlich ging ihr durch den Sinn, wie sie sich auf ihren anfühlen würden. Sie bezweifelte nicht, dass er sich aufs Küssen verstand …

Überrascht, womit sie sich in Gedanken beschäftigte, sah sie auf – und unter Drago Cassaris wissendem Blick stieg ihr das Blut in die Wangen.

„Natürlich komme ich mit“, wiederholte sie schnell. „Ich ziehe mich nur an …“

Sie verstummte. Musste sie ihn unbedingt daran erinnern, dass sie nur einen Bademantel trug? Hastig zog sie die beiden Revers enger zusammen. Sie hatte den Verdacht, dass er dabei war, sie in Gedanken auszuziehen. Nicht nur das – etwas in den schwarzen Augen sagte ihr, dass er sich seiner Wirkung auf sie durchaus bewusst war. Beklommen fragte sie sich, ob er erriet, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Weshalb sie so stark auf diesen Mann reagierte, war ihr ein Rätsel. In ihrem Job war sie täglich mit Männern zusammen, sie betrachtete sich sozusagen als „einer von ihnen“. Sex allein interessierte sie nicht, und vom Traum einer dauerhaften Beziehung hatte der erste Mann in ihrem Leben sie ein für allemal kuriert. Woran lag es, dass dieser Fremde, den sie kaum eine Stunde kannte, ihr Blut in Wallung brachte? An seinem Sex-Appeal?

Er ist sexy, dachte sie, aber nicht länger ein Fremder. Drago Cassari ist Angelos Cousin, und Angelo ist mein Freund. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus, und ich denke an Sex. Ich sollte mich schämen.

Jess holte tief Luft. „Wollen Sie nicht hereinkommen?“ Sie zog die Tür zu ihrer Wohnung weiter auf.

„Vielen Dank.“ Er betrat den winzigen Vorraum, der ihr sofort noch winziger vorkam.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Schicksalsnacht in Venedig" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen