Logo weiterlesen.de
Schicksalsnacht in New York

Day Leclaire

Schicksalsnacht in New York

1. KAPITEL

Er hätte nie damit gerechnet, sie wiederzusehen.

Chase stand im Schatten des Säulenganges vor dem Bankettsaal des Vista del Mar Beach- und Tennis-Clubs. Der Saal war von prächtig gekleideten Gästen bevölkert, die nicht minder prunkvollen Schmuck zur Schau trugen. Und inmitten dieser funkelnden Pracht stand Emma, die Frau, die Chase eine unglaubliche Nacht lang verführt, geliebt und dann verloren hatte.

Im Hintergrund waren Musik, Stimmengewirr sowie verhaltenes Lachen zu hören. Anlass dieser Cocktailparty war der bevorstehende Verkauf von Worth Industries an Rafe Cameron, der nicht nur Chases Stiefbruder, sondern auch sein bester Freund war. Doch obwohl alle fröhlich wirkten und sich glänzend amüsierten, war etwas von der unterschwelligen Anspannung zu spüren, die diesen Deal von Anfang an begleitet hatte. Chase als Finanzberater seines Bruders war maßgeblich an den Verkaufshandlungen beteiligt gewesen und wusste, dass der heutige Abend den Beginn einer harten Zeit einläutete.

Er beobachtete Emma, während er an einem Whiskey nippte, der sanft seiner Kehle schmeichelte. Er fühlte sich fast so an wie Emmas Haut – die Emma an diesem Abend übrigens großzügig zur Schau stellte. Das perlgraue Abendkleid, das einer griechischen Göttin gut gestanden hätte, betonte reizende Kurven, die Chase nur zu gern wieder enthüllt hätte. Eine Schulter war entblößt, über die andere waren zarte Seidenbahnen drapiert, die über Emmas Brust reichten. In Hüfthöhe waren sie zu einem raffinierten Knoten zusammengefasst, dessen filigrane Enden Emmas Knie umschmeichelten. Dazu trug sie Riemchensandaletten, und das hellblonde Haar hatte sie zu einem eleganten Haarknoten frisiert.

Nachdenklich betrachtete Chase sie. Was mochte der Grund für ihre Anwesenheit sein? Entweder gehörte sie wie die meisten anderen Gäste zu einer der beiden am Verkauf beteiligten Firmen – oder sie war in Begleitung eines Mannes da, dessen Name auf der Gästeliste stand.

Vielleicht sollte er hinübergehen und es herausfinden. Bei der Gelegenheit konnte er sie auch gleich fragen, warum sie ihn damals so sang- und klanglos verlassen hatte. Er hatte ganz New York City nach der geheimnisvollen Emma ohne Nachnamen abgesucht. Vergebens. Bevor Chase seinen Plan allerdings in die Tat umsetzen konnte, gesellte sich Ronald Worth – der gegenwärtige Inhaber von Worth Industries – zu Emma und legte ihr besitzergreifend eine Hand auf die nackte Schulter.

Chase versteifte sich. Das war doch nicht möglich. Sie war doch nicht etwa das Betthäschen von Rafes Erzfeind? Teilte sie etwa das Bett mit diesem über sechzigjährigen Kerl? Wie um Chases Befürchtungen zu bestätigen, küsste Emma Ron zärtlich auf die Wange, nachdem er ihr etwas zugeflüstert hatte.

„Vergiss es“, sagte Rafe plötzlich, und Chase drehte sich zu seinem Bruder um, der sich unbemerkt von hinten genähert hatte.

„Was?“

„Wen. Die Prinzessin. Ich habe gesehen, wie du sie anstarrst. Vergiss sie bloß wieder. Sie ist ein männerverschlingender Vamp.“

Chase schwieg, damit sein Stiefbruder ihm die Verärgerung nicht anmerkte. „Kennst du sie denn?“, fragte er schließlich.

„Emma Worth, besser auch bekannt als Ausgeburt der Hölle.“

Erleichtert hob Chase eine Augenbraue. Das bedeutete also, dass sie nicht Ronald Worths Geliebte, sondern seine Tochter war. „Dann spielt also Worth die Rolle des Teufels?“

Rafes Lächeln entbehrte jeglichen Humors. „Was soll ich dazu sagen? Die Rolle ist ihm einfach auf den Leib geschrieben.“

„Und seine Tochter? Was weißt du über sie?“ Und um nicht zu sehr persönlich interessiert zu wirken, fügte er hinzu: „Ist sie für den Deal von Bedeutung?“

„Das will ich ihr nicht geraten haben, sonst bekommt sie es mit mir zu tun“, erklärte Rafe ungnädig. „Allerdings glaube ich nicht, dass sie uns in die Quere kommt. Sie ist ziemlich oberflächlich und vergnügungssüchtig – reines Dekorationsmaterial.“

„Ein Party-Girl?“

Rafe zögerte. „Nicht ganz so extrem, würde ich sagen. Zumindest taucht sie nicht ständig in der Regenbogenpresse auf. Sie feiert wohl lieber privat.“

Erneut wandte Chase sich um, um Emma eingehend zu betrachten, während er sich die Neuigkeiten durch den Kopf gehen ließ. Ein Party-Girl, das die Öffentlichkeit mied. Das passte zu seinen Erfahrungen. Allerdings hatte er noch keine Rückschlüsse gezogen, als er mit ihr zusammen gewesen war. Eigentlich war sie ihm auch gar nicht oberflächlich vorgekommen. Doch wenn man bedachte, dass sie lediglich eine Nacht miteinander verbracht hatten, konnte er nicht behaupten, viel über sie zu wissen.

Dank Rafe hatte er jetzt wenigstens eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden. Für Emma schienen One-Night-Stands so normal wie für andere Frauen ein Einkauf im Supermarkt zu sein. Doch ließ Chase sich nicht gern zum Narren halten – das hatte er auf die harte Tour gelernt.

Im Alter von zehn Jahren war er nach New York gezogen, um bei seinem Vater zu leben. Damals war er nur Barrons Bastard genannt worden – denn seine Eltern hatten nie geheiratet. Sein Vater war ein berühmter knallharter Geschäftsmann, seine Mutter eine sanftmütige Kalifornierin gewesen. Auf der Privatschule, auf die er abgeschoben worden war, hatte er gelernt, seine Gefühle nicht zu zeigen. Das half ihm heute als erfolgreicher Anlageberater.

Er versuchte Emma einzuschätzen. Tatsächlich wirkte sie wie ein Glamourgirl – einerseits herausfordernd sinnlich, andererseits unnahbar und kalt wie eine Schneekönigin. Und gerade das machte sie unwiderstehlich. Chase begehrte sie mit jeder Faser seines Körpers und wusste, dass er diese Frau wieder ins Bett bekommen musste – noch in dieser Nacht.

„Wie geht es dir, Daddy?“, fragte Emma leise und schob den Arm unter den ihres Vaters. „Die Party ist doch nicht zu viel für dich, oder?“

„Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Mir geht es gut“, versicherte Ronald Worth ihr lächelnd. „Es ist schließlich nur eine leichte Herzerkrankung, das weißt du doch.“

„Ach, wirklich?“, erwiderte sie herausfordernd. „Offensichtlich ist es aber schlimm genug, um dich davon zu überzeugen, Worth Industries an Rafe Cameron zu verkaufen.“

Er verzog das Gesicht. „Das ist nur einer der Gründe für meine Entscheidung. Ich habe dir ja gesagt, wenn du ins Geschäft einsteigen würdest …“

„… was ich nicht tun werde, wie ich dir bereits gesagt habe.“

„Siehst du. Ich könnte noch ein oder zwei Jahrzehnte so weitermachen. Und schau mich nicht so an“, bat er sie. „Ich bin erst Mitte sechzig – in der Blüte meines Lebens.“

Emma verkniff sich ein Lächeln. „Ich habe doch gar nichts gesagt.“

„Das brauchst du auch gar nicht.“

Sie seufzte und drückte sacht seinen Arm. „Bist du sicher, dass du das Richtige tust? Auch wenn ich das Unternehmen nicht leiten will, hättest du es nicht gleich verkaufen müssen. Du könntest doch mehr delegieren. Jemanden einstellen, der einen Teil deiner täglichen Aufgaben übernimmt.“

„Das wäre möglich gewesen“, erwiderte Ronald. „Ich habe mich allerdings für den Verkauf entschieden.“

„Aber warum ausgerechnet an Rafe Cameron? Meiner Meinung nach ist er ein ziemlich arroganter Typ.“

Ihr Vater blickte zu Rafe. „Wenn man ein ganzer Kerl ist, dann darf man auch arrogant sein“, meinte er wehmütig. „Als ich in seinem Alter war, bin ich genauso gewesen.“

„Dad …“

„Schluss jetzt, Emma. Das Geschäft ist nahezu besiegelt.“ Sein strenger Gesichtsausdruck wurde plötzlich wieder milder. „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie entzückend du heute Abend aussiehst?“

Einen kurzen Moment lehnte sie den Kopf an seine Schulter. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

Er fasste unter ihr Kinn, damit sie ihn ansah. „Du hast von deiner Mutter glücklicherweise nur die guten Seiten geerbt – besonders ihre Schönheit.“

Emma war verwirrt, weil er ihre Mutter erwähnte. Wenn sie ihren Vater doch nur dazu bewegen könnte, sich auch mit ihrem Bruder zu versöhnen, der die Familienranch leitete. Doch es war jetzt schon über zehn Jahre her, dass Vater und Sohn sich überworfen hatten. „Dad …“

Anscheinend ahnte er, was Emma ansprechen wollte, denn er schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Prinzessin. Auf gar keinen Fall.“ Er küsste sie auf die Nasenspitze. „Das Geschäft ruft. Ich muss mich sehen lassen, Babys küssen und ihnen die Lollis klauen. Kommst du ohne mich klar? Wenn du früher fahren möchtest, dann nimm den Wagen. Schick ihn dann aber wieder hierher zurück für mich.“

„Mach dir um mich keine Sorgen, Dad. Ich komme schon nach Hause.“ Lächelnd deutete sie auf die Chefassistentin ihres Vaters. „Da kommt auch schon Kathleen. Ich frage sie, ob sie mich mitnimmt.“ Sie wusste, dass ihr Vater in Gedanken bereits beim Geschäftlichen war.

„Okay. Mach das. Ich habe ein paar Fragen an William.“

Schnurstracks ging er auf Rafe Camerons Finanzvorstand zu, und kopfschüttelnd sah Emma ihrem Vater nach, bis sie von Kathleen Richards mit einer herzlichen Umarmung begrüßt wurde.

„Hallo, Emma. Meine Güte, du siehst großartig aus!“ Das war typisch Kathleen. Mit ihrem feuerroten Haar und ihrem quirligen Wesen war sie überall gern gesehen. „Ich schwöre, dass nur meine Enkelin Sarah schöner ist.“

Emma lächelte. „Wenn man bedenkt, dass sie dir so ähnlich sieht, bin ich nur das dritthübscheste Mädchen.“

Kathleens Lachen wirkte ansteckend. „Das habe ich schon immer an dir gemocht – deine Natürlichkeit. Du bist genauso wie dein großartiger Bruder.“ Nachdem sie sich vorsichtig zu Ronald umgesehen hatte, senkte sie die Stimme. „Wie geht es ihm denn? Ich habe ihn bestimmt schon fünfzehn Jahre nicht mehr gesehen.“

„Ich auch nicht. Seit er sich dazu entschlossen hat, uns zu verlassen, haben wir …“ Emma hielt inne. Nein, das konnte doch nicht sein! Von allen Männern der Welt hätte sie mit Chase am wenigsten gerechnet. Jeden einzelnen Tag der vergangenen zwei Monate hatte sie versucht, sich diesen Mann aus dem Kopf zu schlagen – allerdings erfolglos. Und jetzt kam er auf sie zugeschlendert. Sein eleganter Gang und das Goldblond seiner sorgfältig frisierten Haare erinnerten Emma an einen majestätischen Berglöwen.

„Stimmt was nicht?“, erkundigte Kathleen sich. Dann folgte sie Emmas Blick und lachte leise. „Oh, verstehe. Ich kann dir versichern, dass es mir genauso ergangen ist, als Chase Larson das erste Mal ins Büro deines Vaters gekommen ist. Ich habe ihn bestimmt eine Minute lang mit offenem Mund angestarrt. Weißt du was? Ich mache euch miteinander bekannt.“

„Nein, das …“

Doch Kathleen winkte Chase bereits zu. „Mr Larson? Ich möchte Ihnen gern Ronalds Tochter Emma vorstellen.“

„Das brauchst du nicht“, widersprach Emma, aber es war zu spät, um Kathleen aufzuhalten – und um ihn aufzuhalten. „Chase und ich kennen uns bereits“, fügte sie etwas fantasielos hinzu.

„Ihr kennt euch?“, fragte Kathleen und sah verdutzt von einem zum anderen, bevor sie lächelte. „Also, das ist doch interessant. Warum erneuert ihr eure Bekanntschaft dann nicht einfach auf der Tanzfläche, und ich mache mich aus dem Staub?“

„Eine wunderbare Idee“, bekräftigte Chase ernst, bevor er Emmas Hand nahm und sie mit einer stürmischen Bewegung an sich zog. Drohend und gleichzeitig verheißungsvoll war der Ausdruck, der sich in seinen blauen Augen widerspiegelte. „Tanz mit mir, Emma!“

Warum sagt er nicht gleich: Hab ich dich endlich, fragte sie sich.

Chase zog sie noch enger an sich. „Du hast doch nichts dagegen?“

In dem Versuch, seinem unbarmherzigen Griff zu entkommen, wollte Emma ein Stück zurückweichen. „Falls es du es noch nicht gewusst hast: Wenn man tanzen möchte, sollte man auch atmen können.“

„Wenn ich dich nicht festhalte, rennst du möglicherweise wieder weg.“

„Ich bin nicht weggerannt“, widersprach sie und musterte ihn. Er war mit seinen über eins achtzig ein beeindruckender Mann mit attraktiven Gesichtszügen, einem geraden Kinn, wohlgeformten Lippen und intelligenten graublauen Augen – und eine Aura von Unnahbarkeit umgab ihn.

Als sie sich im vergangenen November am Wochenende vor Thanksgiving begegnet waren, war Chase sehr charmant gewesen. Sie hatten beide dasselbe Taxi herbeiwinken wollen und es sich schließlich geteilt. Zugegeben, sein Charme war schon etwas rau dahergekommen, doch hatte das Emmas Meinung nach gut zur romantischen Stimmung jenes Herbsttages gepasst. Sie hatten einen ganzen Tag und die darauffolgende Nacht miteinander verbracht.

Chase drehte sie herum, wobei seine Hand ziemlich dicht über ihrem Po lag, und Emma erschauerte wohlig. „Das ist ja witzig. Wenn ich mich recht erinnere, bin ich mit dir eingeschlafen und ohne dich aufgewacht. Kein Abschiedskuss, keine Nachricht. Keine Chance, dich zu finden.“

„Und wie hast du es dann doch geschafft?“, erkundigte sie sich.

Er lachte kurz auf. „Denkst du etwa, ich bin deinetwegen hier?“

Sie spürte, wie sie rot wurde. „Okay, also bist du nicht meinetwegen hier“, entgegnete sie.

„Ich bin dabei, den Worth-Deal abzuschließen, Miss Worth“, entgegnete er. „Es ist purer Zufall, dass wir uns hier treffen. Du hattest mir ja damals noch nicht einmal deinen Namen verraten.“

„Du hast meines Wissens nach auch nicht danach gefragt. Und deinen Namen habe ich auch nicht erfahren“, erwiderte sie ruhig.

„Jetzt kennst du ihn. Chase Larson.“

An irgendetwas erinnerte sie das, nur woran?

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fügte er hinzu: „Ich bin der Bruder von Rafe Cameron.“

Vor Überraschung geriet sie aus dem Takt, und Chase half ihr, sich wieder in die Schrittfolgen einzufinden. „Das ist ein Scherz, oder?“, fragte sie.

„Hast du ein Problem damit?“

„Überflüssig zu sagen, dass die Liste ziemlich lang ist.“ Sie konzentrierte sich auf den Knoten seiner roten Fliege, weil sie nicht wagte, Chase in die Augen zu sehen. Sie wollte vermeiden, dass er ihr die Abneigung gegen seinen Bruder ansah. „Und was hast du mit dem Kauf von Worth Industries zu tun?“

„Ich bin der Eigentümer von Larson Investment. Ich helfe Rafe bei dem Deal.“

Kein Wunder, dass ihr sein Name so bekannt vorgekommen war, denn von Larson Investment hatte sie schon gehört. Wer hatte das nicht? Chase war also der uneheliche Sohn des Geschäftsmagnaten Tiberius Barron. „Ich vermute, dass du gut daran verdienst“, meinte sie.

„Warum auch nicht?“, erwiderte er. „Und jetzt, da wir über unerwartete Geschäftsbeziehungen geplaudert haben, kannst du mir eine persönliche Frage beantworten. Hätte ich dich damals nach deinem Nachnamen gefragt, hättest du ihn mir gesagt?“

Emma zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“ Als sie zu ihm aufsah, fiel ihr auf, wie beherrscht er wirkte. „Und du? Hättest du ihn mir verraten?“

„Nicht in unserer ersten gemeinsamen Nacht.“

„Ich verstehe“, erwiderte sie gekränkt. „Ich hätte offen zu dir sein sollen, aber du …“

„Ich habe gelernt, dass es schlau ist, sich zu schützen.“

„Sich zu schützen?“, hakte sie ungläubig nach. „Wovor denn, bitte schön? Vor geldgierigen Bunnys etwa?“

„So was in der Art“, erwiderte er scharf. „Und bist du so eine Frau?“

Wie hatte sie ihn jemals charmant finden können? „Glaubst du etwa, ich wäre hinter einem reichen Ehemann her?“

„Und? Bist du das?“

„Nein, danke. Du kannst dich entspannen. Ich habe genügend Geld.“

„Siehst du?“ Sein Lächeln war mit einem Mal ziemlich – nun ja – charmant. „Jetzt habe ich dich beleidigt. Das ist doch keine sehr gute Frage für ein erstes Date, oder?“

Sie entspannte sich. „Soll das heißen, dass wir uns nicht wiedergesehen hätten, wenn ich dir bei unserem ersten Date eine falsche Antwort gegeben hätte?“

„Nein. Ich hätte mich trotzdem mit dir getroffen.“

Ein Ausdruck von Begierde flammte so flüchtig in seinem Blick auf, dass Emma kurz darauf bezweifelte, ihn tatsächlich gesehen zu haben. Allmählich begann sie zu verstehen. „Aber dann nur unter gewissen Bedingungen – ich sollte mit dir schlafen, mir aber keine Hoffnungen machen.“

„Hey, sei nicht unfair, Emma“, tadelte er sie. „Machst du das etwa anders? Musst du nicht auch Angst davor haben, dass die Männer dich nur als einen Freischein für ein Leben in Saus und Braus sehen?“

„Warum sollte ich denn was dagegen haben?“, fragte sie verärgert. „Dein Bruder ist ja offensichtlich der Meinung, dass ich eine verwöhnte Erbin bin.“

„Vermutlich, weil Rafe und ich unser Vermögen mit Arbeit verdient haben.“

„Und ich meins einfach nur geerbt habe?“ Sie verkniff es sich, ihm von ihrer freiwilligen Arbeit für das It’s Time – das örtliche Frauenzentrum – zu erzählen. Das hätte so geklungen, als wollte sie sich verteidigen. Sie war mit einem Mal erschöpft und hatte heftige Kopfschmerzen. „Sind wir jetzt damit durch, Mr Larson? Dann würde ich nämlich gern nach Hause fahren.“

„Die Ansichten meines Bruders sind nicht meine – ich würde es also begrüßen, wenn du mich nicht mit ihm in einen Topf werfen würdest. Ich ziehe es vor, mir eine eigene Meinung von dir zu bilden – und ich erwarte, dass du dasselbe auch mit mir tust. Außerdem hast du immer noch nicht meine Frage beantwortet.“

Ob er ihr ansah, wie verzweifelt sie von ihm wegwollte? Seit Jahren verstand sie es meisterlich, nach außen hin ruhig und besonnen zu wirken. Doch aus irgendeinem Grund wollte ihr das heute Abend nicht gelingen. „Was für eine Frage?“

„Warum bist du damals einfach so verschwunden?“

Ihr war wirklich nicht wohl, und ihr fiel auf, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Es war nicht besonders klug gewesen, auf nüchternen Magen Champagner zu trinken. „Tut mir leid, Chase, aber wir müssen das Gespräch bei einer anderen Gelegenheit fortsetzen.“ Sie befreite sich aus seinen Armen. „Du weißt ja jetzt, wer ich bin und wie du mich erreichen kannst, falls es notwendig sein sollte.“

„Was ist los?“

„Ich habe nichts gegessen“, gestand sie, „und fühle mich ein bisschen benommen.“ Eigentlich hätte sie ahnen sollen, dass es nicht schlau war, Chase so viele Informationen zu liefern.

Augenblicklich übernahm er das Kommando. „Dort hinten ist ein Buffet. Lass uns doch mal nachsehen, ob wir etwas finden.“

Sie brachte es nicht fertig, auch nur in die Richtung des Buffets zu schauen, auf dem auch Meeresfrüchte angerichtet waren, ohne dass ihr noch übler würde. „Ich möchte eigentlich viel lieber nach Hause, die Füße hochlegen, Tee trinken und Toast essen.“

„Dagegen ist nichts einzuwenden. Wie bist du hierhergekommen?“

„Mit meinem Vater“, gestand sie zögerlich.

„Wohnst du bei ihm?“

„Ja, aber …“

„Sein Anwesen ist ein paar Meilen südlich von hier, richtig?“

„Woher weißt du das?“, fragte sie misstrauisch.

„Ich werde dafür bezahlt, solche Dinge zu wissen“, erwiderte er und fasste sie am Ellbogen. „Komm mit.“

Nachdem sie ihren Umhang aus der Garderobe geholt hatten, brachte er sie durch die Flügeltür hinaus in den Säulengang vor dem Clubgebäude. Von dort aus hatte man einen atemberaubenden Blick auf den Strand und das Meer unter dem Kliff. Der Mond stand über dem Pazifischen Ozean und tauchte die Wellen in ein silbriges Licht.

Chase führte sie um das Gebäude herum bis zum Parkservice. „Wohin gehen wir?“, wollte Emma wissen.

„Du brauchst Tee, Toast und Ruhe. Und genau dafür sorge ich jetzt.“

„Ich möchte aber nach Hause“, wandte sie ein.

Trotzdem fand sie sich kurz darauf in dem kirschroten Ferrari wieder, den Chase gemietet hatte. Die Fenster waren geöffnet, und die frische Luft half Emma, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Auf der Hauptstraße fuhr Chase nach Norden und nicht nach Süden.

„Wohin fahren wir?“, erkundigte sie sich, aber eigentlich war es ihr gerade egal.

„Dir etwas zu essen besorgen.“

Emma ergab sich in das Unvermeidliche. Fünf Minuten später fuhr er auf ein mit Palmen bestandenes Grundstück am Meer. Er schaltete den Motor ab und half Emma aus dem Wagen, bevor er sie zum Eingang des kleinen Hauses führte, das direkt am Strand lag.

„Gehört das dir?“, fragte sie beeindruckt.

„Ich muss dich enttäuschen – nur gemietet.“

„Das ist wunderschön“, gestand sie, als sie eingetreten waren.

„Ich habe dich nicht für eine Führung hergebracht.“ Er drängte sie in den Wohnbereich, von dem aus man durch die hohen Fenster einen ungehinderten Blick auf den Ozean hatte. Er zog seine Smokingjacke aus und hängte sie über einen Stuhl. „Setz dich hin. Ich kümmere mich um Tee und Toast.“

Sie hatte einfach keine Energie mehr, Chase zu widersprechen. Stattdessen ließ sie sich auf der bequemen Couch nieder und wurde augenblicklich vom Schlaf übermannt. Erst als sie ein Klappern vernahm, wachte sie wieder auf und sah sich verwirrt um. „Bin ich etwa eingeschlafen?“

„Nur für eine Minute.“ Chase stellte ein Glas dampfenden grünen Tee und einen Teller mit mehreren Buttertoasts auf den Beistelltisch. „Der Tee ist eine Mischung aus Kamille mit Pfefferminze. Auf der Packung steht, dass er entspannend wirken soll.“

„Vielen Dank. Genau das, was ich brauche.“ Bevor sie allerdings auch nur einen Schluck davon probieren konnte, klingelte ihr BlackBerry. Sie zog es aus der Tasche und überprüfte die Nummer. „Entschuldigung, ich sollte drangehen. Es ist mein Dad.“

Das Gespräch verlief, wie auch nicht anders von ihrem Vater zu erwarten, kurz. „Wo bist du?“, fragte er, nachdem Emma den Anruf angenommen hatte.

„Bei Chase Larson. Er hat mir angeboten, mich nach Hause zu fahren.“

„Ich dachte, du würdest mit Kathleen fahren.“

„Ich habe es mir anders überlegt.“

„Fein. Habe sie gesehen, aber von dir keine Spur, deswegen habe ich mich gefragt, wo du bist.“

Sie lächelte. „Danke, Dad, dass du dir Gedanken um mich machst.“

„Natürlich tue ich das“, erwiderte er in schroffem Ton. „Du bist immer noch mein kleines Mädchen, auch wenn du mittlerweile erwachsen bist. Gute Nacht, meine Kleine.“

„Gute Nacht, Dad.“ Sie unterbrach die Verbindung und legte das Telefon auf den Tisch neben sich. Dabei fiel ihr auf, das Chase sie amüsiert betrachtete. „Was ist?“, fragte sie stirnrunzelnd.

Er griff in seine Tasche, um ebenfalls ein BlackBerry hervorzuholen. Es sah genauso aus wie Emmas. „Ich habe sogar denselben Klingelton. Gleich und Gleich gesellt sich offenbar gern.“

„Dann sollten wir aufpassen, dass wir sie nicht vertauschen.“ Sie atmete das wohltuende Aroma des Tees ein, bevor sie zu Chase sah. „Warum tust du das? Weshalb bekomme ich Tee und Toast von dir? Wieso fährst du mich nicht einfach nach Hause?“

„Du weißt, warum.“

„Das hat keinen Zweck, Chase. Du bist vielleicht lange genug hier, um Rafe beim Abschluss des Geschäfts zu helfen, aber das ist es dann auch gewesen. Wir leben zu weit auseinander und sind viel zu verschieden.“

„Woher willst du das wissen?“

Seufzend griff sie nach einer Scheibe Toast, um daran herumzuknabbern. „Weil ich schon früher Männern wie dir begegnet bin.“

„Männern wie mir“, wiederholte er mit einem eigenartigen Unterton in der Stimme. „Hättest du die Freundlichkeit, mir zu erklären, was du damit meinst?“

Sie nahm sich Zeit, unter Chases forderndem Blick den Toast aufzuessen und genussvoll einen Schluck Tee zu trinken, bevor sie antwortete. „Ehrgeizige Männer, die den Beruf über alles andere stellen. Männer, die sich alles nehmen, was sie wollen.“

Ihre Antwort schien ihn eher zu amüsieren und sein Verlangen nach ihr nur noch zu steigern. „Was ist denn falsch daran, sich das zu nehmen, was man will, vor allem dann, wenn es dir genauso viel Spaß macht wie mir?“

„Nichts. Es ist toll gewesen für eine Nacht. Doch nicht für mehr. Ich lebe wieder mein Leben, und du deins.“

„Und trotzdem sind wir jetzt hier zusammen.“ Er setzte sich zu ihr aufs Sofa – für ihren Geschmack viel zu dicht. „Warum erleben wir nicht noch ein oder zwei weitere unglaubliche Nächte, solange ich hier bin?“

Wie sollte sie darauf antworten? Dass sie diesen Mann begehrte, der Rafe Cameron so eng verbunden war? Wie sollte sie ihm weismachen, dass sie keine weitere unglaubliche Nacht wünschte – es war ihr schon schwer genug gefallen, den Abschied nach ihrer ersten Nacht zu verwinden. Nach einer weiteren würde sie möglicherweise die Kontrolle verlieren – und sie konnte es sich nicht leisten, sich in einen Mann wie Chase zu verlieben.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Schicksalsnacht in New York" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen